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Für die westlichen Gesellschaften stellt der Aufstieg Chinas eine gewaltige Herausforderung dar. Doch wie kam es zu diesem Boom, der aus einem sozialistischen Land innerhalb von drei Jahrzehnten eine der größten Wirtschaftsmächte der Welt machte? Der deutsche Ökonom Rainer Land analysiert die Entwicklung Chinas von der Planwirtschaft zur gelenkten Marktwirtschaft und zeigt, warum dieses Modell so erfolgreich sein konnte. Zunächst beleuchtet der Autor die ökonomisch-theoretischen Hintergründe. Auf der Basis der "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung" des österreichischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter entwickelt er das Konzept einer gelenkten Marktwirtschaft, wie es aktuell in China zu beobachten ist. Es beruht auf einer innovationsbasierten Entwicklung im Zusammenwirken von Unternehmen, Finanzsystem und staatlich-gesellschaftlichen Akteuren. Dies bedingt einen ständig neu herzustellenden Grundkonsens in der Gesellschaft, der alle tragenden gesellschaftlichen Gruppen umfasst. Der Prozess schließt Kreditlenkung, Infrastrukturpolitik und Innovationsstrategien mit ein. Auf dieser Grundlage analysiert Land die Etappen der chinesischen Entwicklung von der sozialistischen Planwirtschaft (1949 bis 1978) zur Marktwirtschaft (1978 bis Mitte der 2000er-Jahre) und weiter zu einer gelenkten Marktwirtschaft. 2007 wurde ein Pfadwechsel eingeleitet und das Entwicklungsparadigma von extensiver nachholender Entwicklung auf eigene, auf den Binnenmarkt orientierte Innovationen umgestellt.
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Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2025
Rainer LandChinas gelenkte Marktwirschaft
Hintergründe eines Booms
© 2025 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien
Umschlaggestaltung: Stefan Fuhrer
Lektorat: Isabell Kieser
ISBN: 978-3-85371-930-5(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-545-1)
Der Promedia Verlag im Internet: www.mediashop.atwww.verlag-promedia.de
Rainer Land, geboren 1952 in Caputh (Brandenburg), studierte an der Humboldt-Universität Berlin/DDR Philosophie und Wirtschaftswissenschaften. 2005 war er Gründungsinitiator des Netzwerks »Ostdeutschlandforschung«. Er arbeitet freiberuflich als Wirtschaftsforscher in Berlin.
Über den Autor
Vorwort
1. Was ist eine gelenkte Marktwirtschaft?
1.1 Marktwirtschaft und Planwirtschaft
1.2 Wirtschaftliche Entwicklung
1.3 Unter welchen Bedingungen funktioniert eine Planwirtschaft?
1.4 Wie funktioniert eine Marktwirtschaft?
1.5 Regulierte und gelenkte Marktwirtschaft
2. Chinas gelenkte Marktwirtschaft
2.1 Der Aufbau der chinesischen Marktwirtschaft von 1978 bis 2007
2.2 Die Rolle der Regionen
2.3 Das Finanz- und Versicherungssystem
2.4 Makroökonomische Bedingungen
3. Chinas Pfadwechsel
3.1 Von der »Werkstatt der Welt« zur innovationsbasierten Entwicklung. Die konstituierenden Elemente: Innovation, Binnenmarkt, Belt and Road Initiative
3.2 Geteilte Ziele der Entwicklung
3.3 Die Steuerung der wirtschaftlichen Entwicklung über das Finanzsystem
3.4 Gemeingüter in China
3.5 Chinas Finanzmärkte sind anders – Die Rolle des Finanzsystems in der gelenkten Marktwirtschaft Chinas und der Unterschied zum neoliberalen Finanzmarktkapitalismus
3.6 Der Realwirtschaft besser dienen
3.7 Erfolge und Probleme: Suchstrategien
3.8 Das Finanzsystem und die internationalen Finanzströme – Chinas Handelsbilanzüberschuss und der globale Minotaurus der USA
4. Die Kommunistische Partei Chinas in der gelenkten Marktwirtschaft
4.1 Heberers Konzept des Entwicklungsstaates
4.2 Die Hegemonie der KPCh und die Transformation der chinesischen Gesellschaft
4.3 Das demokratische Element: Konsensbildung
4.4 Das meritokratische Element: fachlich qualifizierte Planung und Lenkung
4.5 China als Diktatur: Transformation und Machterhaltung
4.6 Die Funktionsweise bei der Aufstellung und Umsetzung geteilter Ziele
5. Kapitalverwertung, Kapitalismus und Sozialismus
5.1 Kapitalverwertung als universelles Reproduktionsverfahren moderner Wirtschaftssysteme
5.2 Kapitalverwertung und Kapitalismus
5.3 Kapitalverwertung und Sozialismus
5.4 Planmäßigkeit und Vergesellschaftung
Schluss
Literatur
Der Promedia Verlag im Internet
Das vorliegende Buch verfolgt zwei Anliegen. Einerseits geht es darum, die enorme Dynamik der volkswirtschaftlichen Entwicklung Chinas seit den 1980er Jahren besser zu verstehen. Zum anderen soll Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung in Erinnerung gerufen werden,* und zwar in einer modernisierten, dem 21. Jahrhundert angemessenen Gestalt.
Beide Anliegen bedingen sich gegenseitig. Chinas wirtschaftliche Entwicklung kann mit Schumpeter sehr viel besser verstanden werden als mit neoklassischen oder keynesianischen Theorien.** Chinas Volkswirtschaft ist nicht einfach nur eine Marktwirtschaft, sondern ein Wirtschaftssystem, das systematisch darauf angelegt ist, wirtschaftliche Entwicklung zu generieren und auch zu lenken. Man könnte sagen, es ist fast eine ideale Realisierung von Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung (vgl. Flassbeck 2024, Kapitel 5.3.3.).
Wirtschaftliche Entwicklung basiert nach Schumpeter auf der Implementation, Rekombination und Selektion von Innovationen, die nicht als deterministische Folgen gegenwärtiger Zustände, sondern als Entstehung von Neuem, neuen Produkten, neuen Verfahren und neuen Kombinationen gedacht werden müssen, die in ein gegebenes Wirtschaftssystem einbrechen, es aufbrechen und durcheinanderbringen. Das Neue geht einher mit der »schöpferischen Zerstörung« eines Teils der bisherigen Produktion. Diese Innovationen und die daran anschließenden Rekombinationen erfolgen, weil das geldschöpfungsfinanzierte Kreditsystem es ermöglicht, zunächst noch gebundene Ressourcen aus gegebenen Verwendungen herauszulösen und neuen Verwendungen zuzuführen. Die endlose und zunächst unbestimmte und unabsehbare Rekombination von grundlegenden Innovationen (Basisinnovationen) in vielen Tausenden und Millionen Folgeinnovationen und Rekombinationen selektiert neue Entwicklungspfade, wobei ein Teil der bisherigen Produktion wie auch ein Teil der versuchten Innovationen deklassiert wird. Dies führt zu einem zyklischen Verlauf aus Prosperität, Rezession, Depression und Erholung, an die sich eine neue Innovationswelle anschließen kann. Anders als der neoklassische Mainstream glaubt, kehrt das Wirtschaftssystem aber nicht zum Gleichgewicht zurück. In der Erholung stabilisieren sich Reproduktionsprozesse und neue Proportionalitäten stellen sich ein. Es entsteht aber ein strukturell verändertes System. Nicht Schwankungen um ein Gleichgewicht, sondern wirtschaftliche Entwicklung ist das Ergebnis. Wirtschaftliche Dynamik kann daher nicht durch Wachstum beschrieben werden. Das Wachstumsparadigma und die falsche Wachstumstheorie – Wachstum sei Folge von mehr Kapital oder/und mehr Arbeit multipliziert mit dem exogenen Faktor »technischer Fortschritt«, der nicht erklärt, sondern einfach gesetzt wird – verstellen den Blick auf wirkliche Entwicklung. Es ist umgekehrt: Entwicklung ist der primäre und fundamentale Vorgang, Wachstum eine mögliche Folge und der abstrakte Ausdruck wirtschaftlicher Entwicklung.
Das chinesische Wirtschaftswunder erklärt sich daraus, dass intensiv an der Etablierung von Innovationsprozessen gearbeitet wurde, nachdem in den 1980er und 1990er Jahren die Grundstrukturen einer Marktwirtschaft und eines passenden Finanzsystems aufgebaut worden waren (nicht ohne Probleme und Krisen). Forschung und Entwicklung, Ausbau des Bildungssystems, Innovationszentren und selbstständig agierende Unternehmen sind die eine Seite. Das Finanzierungssystem, das systematisch kreditfinanzierte Innovationen und Infrastrukturprojekte ermöglicht, ist die andere Seite. Über das Finanzsystem, das Wissenschaftssystem und die Infrastrukturprojekte wird die wirtschaftliche Entwicklung gelenkt. Dabei wird selektiert, welche Entwicklungen gewollt sind und welche nicht. Das klappt nicht immer, aber offensichtlich oft genug.
Gelenkte Marktwirtschaft ist die konstruktiveAlternativezueinerzentralenPlanwirtschaft, bei der die staatlichen Verwaltungen den Betrieben vorgeben, was sie produzieren sollen, und dafür Ressourcen zuteilen. Zugleich ist sie auch eine AlternativezurneoliberalenVorstellungder»FreisetzungderMärkte«. China gelang etwas, was in der UdSSR und den anderen RGW-Staaten misslang: der Übergang aus einer planwirtschaftlich organisierten nachholenden Entwicklung zu einer gelenkten Marktwirtschaft mit innovationsbasierter Dynamik. Aus den unselbstständigen Betrieben der zentralen Planwirtschaft wurden Unternehmen, staatliche wie private, sich selbst tragende und finanzierende Unternehmen, die eigenverantwortlich Innovationen versuchen, selektieren und so wirtschaftliche Entwicklung generieren. Dabei werden sie gelenkt von Rahmenbedingungen, dem überwiegend staatlichen Finanzsystem und den periodisch bzw. laufend aktualisierten Zielen, die in einem gesellschaftlichen Kommunikationsprozess ermittelt und staatlich festgelegt werden. Chinas Volkswirtschaft verbindet Schumpeters Modell wirtschaftlicher Entwicklung mit der Lenkung durch geteilte Ziele, einem Grundkonsens und entsprechenden Instrumenten wie Kreditlenkung, Innovations- und Infrastrukturprojekten, Industriepolitik, ökologischen Projekten und Stadtgestaltung.
Nicht der »Markt«, sondern die Gesellschaft bestimmt, welche Entwicklungen gewollt sind und welche nicht. Dies geschieht aber nicht durch starre Planvorgaben, sondern durch diskursive Prozesse, Kreditlenkung und Industriepolitik als Instrumente. Die Kommunistische Partei als Transformations- und Diskursorganisation ist die tragende Voraussetzung für die Erhaltung des Grundkonsenses aller wichtigen sozialen Gruppen und Schichten und die laufende Aktualisierung der geteilten Ziele der wirtschaftlichen wie auch der sozialen und ökologischen Entwicklung.
Sie ist eine Organisation, die Diskurs, Meritokratie und Diktatur kombiniert und eine dynamische Transformation durchsetzt. Das ist mit großen Chancen, Hoffnungen und hohen Risiken verbunden, erfährt aber den Umfragen zufolge hohe Zustimmung in der Bevölkerung.
Wirtschaftliche Entwicklung nach Schumpeter ist die Voraussetzung für die Gestaltbarkeit, die Möglichkeit der Lenkung von Entwicklung. Darin besteht der entscheidende Unterschied zur neoliberalen Marktideologie. Dazu gehört aber auch, dass das Finanzsystem und die Finanzmärkte der realwirtschaftlichen Entwicklung untergeordnet sind und unter Kontrolle bleiben. Regulierte Finanzmärkte sind eine unverzichtbare Voraussetzung gelenkter Entwicklung.
Ich habe versucht, Schumpeters Theorie an die Gegebenheiten des späten 20. und des 21. Jahrhunderts anzupassen. Ein erster Punkt betrifft die Wichtigkeit der sekundärenWelle. Schumpeter hatte erkannt, dass sich an einen primären Innovationsschub (Basisinnovationen wie die Erfindung der Dampfmaschine und des Elektromotors oder die fordistische Massenproduktion) eine sekundäre Welle von Nachahmern und Anwendern anschließt (vgl. 1.2. in diesem Buch, insbesondere Punkt 7.). Aus meinen Forschungen (Land 1989 und 2010a) hat sich ergeben, dass die sekundäreWelle den entscheidenden volkswirtschaftlichen Produktivitätsschub bewirkt. Es geht dabei nicht so sehr um Nachahmer, sondern um die millionenfachen Anwendungen und Rekombinationen in der gesamten Volkswirtschaft. Diese ergeben sich zufällig, sind nicht determiniert und nicht vorhersehbar. Sie entstehen aus einem nahezu chaotischen Selektionsprozess. Das konnte man vermutlich erst in den Innovationsschüben erkennen, die nach dem Zweiten Weltkrieg stattfanden.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg dominieren nämlich systemische Innovationswellen, die zunehmend von Organisationen (Konzernen mit Forschungs- und Entwicklungsabteilungen) und der volkswirtschaftlichen Verwertung und Kombination abhängen. Für Schumpeter war der einzelne Unternehmer, die kreative Person, die tragende Figur im Innovationsgeschehen. Die zunehmende Institutionalisierung und Bürokratisierung des Innovationsgeschehens in den großen Konzernen, den Banken und den Staatsbehörden sah er als Problem. »Die Leitung von Industrie und Handel würde eine Sache der gewöhnlichen Verwaltung, und das Personal würde unvermeidlich die Charakteristika einer Bürokratie annehmen« (Schumpeter 2020, Kapitel 12). Diese Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet. Die Organisation von Innovationen in kollektiven Forschungs- und Entwicklungsabteilungen und übergreifenden Netzwerken hat nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zum Niedergang, sondern zu einer Beschleunigung des Innovationsgeschehens geführt, wenn auch zu anderen Verfahren und einem anderen Typ komplexer Innovationen, die für die fordistische Entwicklung, die Raumfahrt, die Elektronik oder die Digitalisierung typisch wurden. Vielleicht ist daher heute die sekundäre Welle ein teilweise organisierter Prozess. Allerdings sind Rekombinationen immer noch Zufallsergebnisse und können nie vollständig organisiert werden. Die Unbestimmtheit der Evolution ist unhintergehbar. Schumpeters Unternehmer, die kreative Person, die neue Kombinationen sucht, findet und umsetzt, bleibt bedeutend, aber weniger als Einzelner, sondern als Organisator von Kollektiven, Kooperationen und Kommunikationsnetzen.
Anders als Schumpeter dachte, ist eine zentrale Planwirtschaft kaum innovativ, weil gerade die Rekombinationseffekte der sekundären Welle nicht zentral geplant und organisiert werden können. Zwar vermochte man in den staatssozialistischen Planwirtschaften Basisinnovationen mittels zentraler Ressourcenzuweisungen zu implementieren, aber die fehlende oder zu schwache sekundäre Welle hatte zur Folge, dass die volkswirtschaftlichen Produktivitätseffekte ausblieben oder gering waren. Nur eigenverantwortliche und selbst entscheidende Unternehmen, egal ob in staatlichem oder privatem Eigentum, ermöglichen offene Such-, Rekombinations- und Selektionsprozesse, in deren Verlauf sich erst herausstellt, welche Innovationen erfolgreich sind und welche deklassiert werden. Diese Aufwertung der sekundären Welle ist keine Revision von Schumpeters Modell, aber eine Veränderung der Gewichte, die m. E. wesentlich ist für das Verständnis von komplexen und offenen Innovationsprozessen und die den nichtdeterministischen Charakter wirtschaftlicher Entwicklung unterstreicht.
Ein zweiter Punkt der Veränderung gegenüber Schumpeter betrifft die Preistheorie. Hier halte ich die Einbettung von Sraffas Preistheorie in »Warenproduktion mittels Waren« (1960, deutsch 1968 in Berlin, DDR, und 1976 in Frankfurt am Main) in eine zyklische Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung für notwendig, auch wenn das in dem hier vorliegenden Buch nicht weiter ausgeführt werden kann (vgl. Ruben, Wagner 1980; Land 2014). Dabei geht es um die Tendenz zum Einpendeln von Reproduktionspreisen in der Erholungsphase, also bei der Reorganisation eines neuen Reproduktionssystems nach einem Innovationsschub. Mit der neoklassischen Preistheorie und dem Marginalismus kann man dies nicht erklären (vgl. Kurz 2002 und 2009). Schumpeter hat Sraffa zwar gekannt und geschätzt, aber Sraffas »Warenproduktion mittels Waren« erschien erst nach Schumpeters Tod. Schumpeter vertrat keine grundlegende Kritik der Grenznutzentheorie und hat auch keine auf die wechselseitigen Reproduktionszusammenhänge gegründete Preistheorie entworfen. Es bleibt sogar unklar, ob er dieses Problem überhaupt gesehen hat.
Eine dritte Veränderung betrifft die Gemeingüter. Schumpeter hat mit seiner Schrift über den Steuerstaat eine erste Grundlage für das Verständnis der Rolle des Staates bei der Produktion von Gemeingütern geschaffen (vgl. 1.4.3.3. in diesem Buch). In den Jahren und Jahrzehnten nach Schumpeters Tod hat sich die Gemeingüterproduktion stark ausgeweitet. Dazu gibt es soziologische, anthropologische und politologische Konzepte. Trotzdem fehlt meinem Eindruck nach bis heute eine konsistente ökonomische Theorie der Gemeingüter. Dem konnte ich in dem vorliegenden Buch nicht hinreichend abhelfen. Ich habe lediglich versucht, den Umfang, die Differenziertheit und die Bedeutung der Gemeingüterproduktion in modernen Marktwirtschaften zu skizzieren. Wie hängen die Gemeingüterproduktion und der unternehmerische Innovationsprozess zusammen? Wie wird die Reproduktion und Entwicklung von Gemeingütern reguliert, da es für Gemeingüter zwar Kosten, aber in der Regel keine Marktpreise gibt? Die Verfahren der Organisation und der Finanzierung verschiedener Gemeingüter scheinen ziemlich chaotisch, was verständlich ist, weil sie zu unterschiedlichen Zeiten, von Fall zu Fall, von Land zu Land und je nach politischer Konstellation auf andere Weise eingeführt wurden. Einige Gemeingüter werden durch staatliche Behörden, andere durch staatliche oder kommunale Unternehmen und wieder andere durch private Unternehmen hergestellt. Ein großer Teil wird durch allgemeine Steuern, Abgaben oder Beiträge finanziert, andere durch Gebühren der Nutzer, ein weiterer Teil anteilig durch Marktpreise – was eigentlich dem Gemeingutcharakter widerspricht. Ein konsistentes Modell dafür steht aus. Immerhin konnte ich durch die Differenzierung der Sach- und Geldkreisläufe (1.4.2. in diesem Buch) ein Bild der komplexen Reproduktionszusammenhänge einer modernen Marktwirtschaft zeichnen, das funktional unterschiedene Kreisläufe von Gemeingütern einschließt: allgemeine Gemeingüter, Gemeingüter im Kreislauf der Lohnarbeit und ökologische Gemeingüter.
Ein vierter Aspekt betrifft die wirtschaftliche Entwicklung im Finanzmarktkapitalismus. Man kann die Entwicklung nach den 1980er Jahren und insbesondere die nach 2007 nicht verstehen, ohne die Verselbstständigung des Finanzsystems und der Finanzmärkte gegen die Realwirtschaft in den Blick zu nehmen (1.4.6. in diesem Buch, vgl. auch Schulmeister, 2018; Windolf 2005; Varoufakis 2012; Hudson 2003 und 2016). Schumpeter konnte zwar erste Formen dieser Verselbstständigung der spekulativen Verwertung von Finanzkapital im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert mitbekommen, nicht aber die systematische Ausweitung dieser Sphäre und die Subsumtion der Realwirtschaft nach 1980.
Die skizzierten Ansätze zur Weiterentwicklung der Schumpeterschen Theorie wirtschaftlicher Entwicklung sind aus der Perspektive der Systematik erarbeitet. Sie ließen sich womöglich erweitern. Davon zu unterscheiden ist die Perspektive der Wissenschaftsgeschichte, also der Bezug auf Vorläufer, Zeitgenossen, die Rezeption Schumpeters und die daraus zu ziehenden Folgerungen. Letzteres ist nicht mein Anliegen. Mir geht es nur um die Frage, welche Aspekte der wirtschaftlichen Entwicklung im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert in eine modernisierte Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung aufgenommen werden müssten.
Mein Dank für Unterstützung gilt Michael Brie, Lutz Kirschner, dem Makroskop-Team und der Lektorin Isabell Kieser.
Berlin, im März 2025Rainer Land
* Schumpeter 1912 und Schumpeter 1961, dort insbesondere Kapitel II und S. 234. »Was der Ökonomik als Wissenschaft [heute] genau wie damals fehlt, ist eine Theorie der Dynamik, die erklärt, ob und warum es inhärente Prozesse in der Wirtschaft gibt, die dafür sorgen, dass sich das System bewegt, seine gewohnten Bahnen immer und immer wieder verlässt, und weshalb es überhaupt in der Lage ist zu wachsen und damit die Lebensumstände vieler Menschen zu verbessern.« Schumpeter ist wichtiger als Keynes. (Flassbeck 2024, Kapitel 2.2.)
** Vgl. Keen (2024, S. 18 ff.), Flassbeck (2024, Kapitel 2.2.). Weder Keynes noch die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen modernisierten Varianten wie der oft als neoklassische-keynesianische Synthese bezeichnete Neokeynesianismus (Paul Samuelson, John Hicks, Alvin Hansen) und der in den 1980er Jahren entstandene Neukeynesianismus (Gregory Mankiw, David Romer, Oliver Blanchard) erklären wirtschaftliche Entwicklung. Allerdings hat Stefan Eich (2024) gezeigt, dass Keynes selbst in einigen Schriften im Ansatz durchaus offen war für ein evolutionäres Verständnis von Unbestimmtheit und »zukünftigen Möglichkeiten«.
Die Grundlage für den einzigartigen wirtschaftlichen Aufstieg Chinas in den vergangenen 30 bis 40 Jahren ist ein RegimewirtschaftlicherEntwicklung,1 das ich als »gelenkteMarktwirtschaft« bezeichne. Der Terminus »gelenkte Marktwirtschaft« soll den Unterschied (1) zu »zentraler Planwirtschaft«, (2) zu »freier« oder auch (3) »regulierter Marktwirtschaft« ausdrücken. Auf alle Begriffe gehe ich später noch ein.
Was bezeichnet der Terminus PlanwirtschaftindiesemText?Es gibt viele Arten von Plänen. Jeder Betrieb und jedes Unternehmen, aber auch staatliche Verwaltungen verwenden Pläne, mit denen sie ihre laufenden Arbeiten organisieren. Genauso machen private Haushalte zuweilen Pläne, um ihre Einnahmen und Ausgaben zu kontrollieren oder langfristige Anschaffungen vorzubereiten. Planwirtschaft soll hier im Unterschied zu betrieblicher oder häuslicher Planung als ein System derSteuerungeinerVolkswirtschaft bezeichnet werden.Drei Kriterien sind ausschlaggebend: 1. zentrale und verbindliche AllokationvonRessourcen und VergabevonProduktionsaufträgen an unselbstständigeBetriebe durch staatliche Planungsbehörden. 2. Die Planungsbehörde präformiert die Beziehungen der Betriebe untereinander durch Verflechtungsbilanzen. 3. Die Preise für Produktionsmittel, Konsumtionsmittel und die Löhne werden durch staatlicheBehördenadministrativfestgelegt.
Ich plädiere dafür, Planwirtschaft und Marktwirtschaft terminologisch klar abzugrenzen. In einer Marktwirtschaft erfolgt die Allokation von Ressourcen auf Märkten für Produktionsmittel und Konsumgüter. Dies setzt autonom handlungsfähige, eigenverantwortliche Unternehmen voraus, die über ihr Angebot und ihre Nachfrage, ihre Produktionspalette und über Innovationen und Investitionen innerhalb gegebener Rahmenbedingungen selbstständig entscheiden können – jedenfalls im Prinzip. Die Preise werden auf Märkten durch Verhandlungen zwischen Marktakteuren gebildet, Grundlage sind Angebot und Nachfrage. Es besteht Handlungsfreiheit innerhalb allgemein geltender Rahmenbedingungen und Gesetze, die für alle Betriebe in gleicher Weise gelten. Das gilt auch für Unternehmen im Staatseigentum. Direkte staatliche Eingriffe in einzelne Unternehmensentscheidungen sind die Ausnahme und bedürfen besonderer Rechtfertigung. Im Normalfall werden auf Märkten Reproduktionspreise*** gebildet. Sie enthalten (1) die laufenden Kosten, das sind verbrauchte Produktionsmittel inklusive Abschreibung für mehrjährig genutzte Anlagegüter (Gebäude, Anlagen, Maschinen, erworbene Patente), also das fixe und das zirkulierende konstante Kapital in Marx’ Terminologie, (2) die Lohnkosten einschließlich der Lohnnebenkosten, (3) die Kosten für Steuern und Abgaben sowie (4) Kreditkosten und (5) einen kalkulatorischen Gewinn, der sich am durchschnittlichen Gewinn in der Volkswirtschaft orientiert. Reproduktionspreise ermöglichen exakt den Ersatz (Reproduktion) des vorgeschossenen Kapitals. Wie Reproduktionspreise durch die Interaktionen von Anbietern und Nachfragern entstehen und warum Marktpreise unter normalen Wettbewerbsbedingungen durchschnittlich den Reproduktionspreisen entsprechen (müssen), wird in Abschnitt 1.4.2. ausführlicher dargestellt. Bei verzerrtem Wettbewerb und bei Monopolen oder Oligopolen weichen die Marktpreise von den Reproduktionspreisen ab.
In einer zentralen Planwirtschaft erfolgt die Ressourcenallokation hingegen über eine Planungsbehörde (oder ein hierarchisches System solcher Behörden), die den Betrieben Ressourcenzuweist (Produktionsmittel, Rohstoffe, Energie, Arbeitskräfte) und Produktionsaufträge erteilt. Diese direktive Planung ist verbindlich. Der Zusammenhang der Betriebe in einem solchen Wirtschaftssystem wird über Verflechtungsbilanzen (wer liefert wem was und wann) geplant und organisiert. Die Preise für alle wichtigen Ressourcen werden zentral festgelegt.
Soweit der grundsätzliche Unterschied. Nun gibt es Marktwirtschaften, bei denen die Ressourcenallokation über Märkte erfolgt, aber zusätzliche Regularien oder Lenkungsinstrumente bestehen, die die Marktprozesse beeinflussen. Dazu können auch indikative Volkswirtschaftspläne gehören wie die seit 1990 geltenden Fünfjahrpläne bzw. Fünfjahresprogramme in der Volksrepublik China. Auch hier handelt es sich um Marktwirtschaften, sofern die indirekte Lenkung durch Rahmenbedingungen und Instrumente wie Kreditlenkung, Subventionen, Steuern oder Abgaben erfolgt ohne direkten Eingriff in einzelne Betriebe und die betriebliche Ressourcenallokation. Genauso ist es, wenn staatliche Behörden von Unternehmen Produkte und Leistungen kaufen und dazu Aufträge erteilen, die in marktwirtschaftlichen Verfahren ausgehandelt werden, sofern alle Unternehmen unter gleichen Rahmenbedingungen handeln. Es mag Ausnahmen geben: Aufträge an Rüstungsbetriebe, besondere Infrastrukturmaßnahmen. Sofern aber der überwiegende Teil der Produktion von Gütern und Dienstleistungen über Märkte vermittelt wird und die Preisbildung überwiegend auf Märkten erfolgt, handelt es sich um Marktwirtschaften.
Weil Märkte die grundlegenden Allokationsverfahren sind, benutze ich den Terminus »Marktwirtschaft«, aber je nach Regulations- und Lenkungsverfahren nenne ich sie dann regulierte oder gelenkte Marktwirtschaften. Völlig unregulierte »freie« Marktwirtschaften gibt es praktisch nicht. Milanović schreibt mit Verweis auf Polanyi:
»Marktwirtschaft, definiert als eine Wirtschaft, die vollständig von Warenpreisen abhängt, einschließlich marktbestimmter Preise für die Produktionsfaktoren Arbeit, Land und Geld (die Polanyi als »fiktive Waren« bezeichnet), ist ein Ding der Unmöglichkeit. Sie ist in der Praxis unmöglich, weil eine solche Wirtschaft die Gesellschaft vernichten würde. …
Die wirkliche Verteidigung gegen den Markt kam mit der faktischen Befreiung von der Marktpreisbestimmung für Arbeit (Löhne), Land und Geld. Die Löhne wurden (zur Zeit, als Polanyi schrieb, in den frühen 1940er Jahren in Großbritannien) durch Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern geregelt; die Bodennutzung unterliegt einer zunehmenden öffentlichen Kontrolle und Aufsicht; der Geldpreis wird von der Zentralbank reguliert. Polanyi behauptet also, dass die Marktwirtschaft in die Gesellschaft ›eingebettet‹ sein muss (ein berühmter Terminus) und dass die Einkommen (Preise der Produktionsfaktoren) von der vollständigen Marktbestimmung ausgenommen werden müssen.« (Milanović 2024, Hervorhebung rla)
Im heutigen Finanzmarktkapitalismus sind viele Märkte, vor allem Finanzmärkte, nur wenig reguliert, vor allem aber folgen sie den Interessen der Finanzmarktlobby und die Regulation besteht in gezielter Deregulation des Finanzsystems. Gelenkte kapitalistische Marktwirtschaften gab es im Managerkapitalismus der Kriegs- und Nachkriegsjahre in den USA und Westeuropa bis Anfang der 1970er Jahre, in Japan bis in die 1980er Jahre. Heute sind wohl nur China und Vietnam gelenkte Marktwirtschaften. Doch dazu später ausführlich.
Tabelle 1: Koordinierung der Volkswirtschaft in Plan- und Marktwirtschaft****
Marktwirtschaft
Planwirtschaft
Autonome Wirtschaftssubjekte (Betriebe, Haushalte) entscheiden über Produktion, Innovationen und Investitionen.Betriebe sind keine Wirtschaftssubjekte, sondern unselbstständige Einheiten, die nach vorgegebenem Auftrag arbeiten.Wirtschaftssubjekte kaufen benötigte Ressourcen und verkaufen Produkte auf Märkten, haben eine jeweils eigene Wirtschaftsrechnung und müssen die Mittel für ihre Reproduktion selbst erwirtschaften.Zentrale Planungsbehörde teilt Ressourcen zu (Produktionsmittel, Arbeitskräfte, Ressourcen) und erteilt Produktionsaufträge.Volkswirtschaftliche Koordination erfolgt laufend durch die Akteure selbst mittels Vergleich von Angebot und Nachfrage auf Märkten über die Preisbildung.Volkswirtschaftliche Zusammenhänge und Austauschprozesse werden durch Verflechtungsbilanzen simuliert und zentral organisiert.Preisbildung auf dem Markt. Angebot und Nachfrage auf der Basis von Reproduktionskosten. Jedes Wirtschaftssubjekt muss für den Verkauf seiner Produkte mindestens so viel erlösen, wie der Kauf der Produktionsbedingungen kostet (Produktionsmittel inkl. Naturressourcen***** und Arbeitskräfte), und ggf. einen Überschuss (Gemeingüterabgaben, Steuern, Akkumulation).Preise werden durch eine Behörde festgelegt. Administrativ festgelegte Preise sollen Marktbedingungen (Angebot und Nachfrage) und administrierte Anreize (sog. ökonomische Hebel) simulieren.Innovationen werden durch Kreditschöpfung finanziert (Unternehmer, Banken).Innovationen werden durch besondere Ressourcenzuweisungen der Planungszentrale ermöglicht und angewiesen.Finanzkreisläufe, Kreditgeldschöpfung und Kapitaldemission regulieren die sachlichen Reproduktionskreisläufe.Finanzen sind sekundär, simulieren Wirtschaftlichkeit. Eine volkswirtschaftlich korrekte Ermittlung von Kosten und Erträgen ist nicht möglich.Dysfunktionalitäten werden durch informelle Verfahren kompensiert, was aber die korrekte Ermittlung von Kosten, Erträgen und Wirtschaftlichkeit ausschließt.Manche Autoren bezeichnen regulierte oder gelenkte Marktwirtschaften oder Planwirtschaften mit Marktelementen als Mischsysteme oder als Planwirtschaften, weil es Pläne gibt. Auf den ersten Blick scheint diese Bezeichnung nachvollziehbar. Sie umgeht aber die Frage nach dem zentralen Allokationsverfahren. Was ist die Grundlage der volkswirtschaftlichen Koordination? Märkte oder die Administration? Die Existenz von Plänen ist kein hinreichendes Kriterium für die Unterscheidung von Plan- und Marktwirtschaften, wohl aber das dominante Allokationsverfahren.
Beispielsweise werden die französische Planifikation2 und die französische Wirtschaftsplanung der 1960er und 1970er Jahre zuweilen als Planwirtschaften oder als gemischte Systeme behandelt. Elmar Altvater spricht von einer eigenartigen Mischung von Markt und Plan seit 1947, die ein »Wirtschaftswunder« zum Ergebnis hatte (vgl. Altvater 1965, S. 25). Ähnliche Mischformen werden auch für Jugoslawien oder für bestimmte Versuche der Reorganisation sozialistischer Wirtschaftssysteme konstatiert, so für die Neue Ökonomische Politik in der UdSSR (1921−1929), das Neue Ökonomische System der DDR (1963 beschlossen, aber nie vollständig umgesetzt) oder die von Ota Šik für die ČSSR in den 1960er Jahren konzipierte Sozialistische Marktwirtschaft. Nach meiner Terminologie war die französische Planifikation immer eine Marktwirtschaft, eine gelenkte Marktwirtschaft: Das zentrale Allokationsverfahren war der Markt, die Preise wurden nicht administriert. Die niemals vollständig umgesetzten Wirtschaftsreformen der UdSSR (Kossygin-Reformen 1965)3 oder das Neue Ökonomische System in der DDR waren Planwirtschaften, die durch Marktelemente ergänzt wurden oder werden sollten. Ob daraus jemals gelenkte Marktwirtschaften geworden wären, kann man heute nicht mehr entscheiden, diese Experimente wurden abgebrochen, bevor es erkennbar wurde.
»Es ist … das Wesen der französischen Planifikation, dass die Planung nur ›indikativ‹ ist, d. h. dass die letzten Willensentscheidungen bei den Unternehmen liegen, die nicht zur Planerfüllung gezwungen werden können.« (Altvater 1965, S. 26)
Roesler geht terminologisch den umgekehrten Weg, er unterscheidet »die administrative Planwirtschaft sowjetischen Typs« von der »alternativen Planwirtschaft« (Roesler 2010, S. 170) und konstatiert zwei unterschiedliche Varianten einer Mixed Economy, je nachdem ob die »kapitalistischen oder sozialistischen Eigentums- und Regulierungsformen« (S. 171) dominierten. Meines Erachtens gibt es einen grundlegenden Unterschied. Auf der einen Seite erfolgen die Ressourcenallokation administrativ, die Betriebe erhalten verbindliche Produktionsaufträge und Ressourcenzuweisungen, während Marktmechanismen oder Märkte simulierende »Anreizsysteme« (in der DDR »ökonomische Hebel« genannt) nur ergänzend eingesetzt werden. Das würde ich Planwirtschaft mit Marktelementen nennen. Im anderen Fall sind Märkte der entscheidende Allokationsrahmen: Die Betriebe entscheiden selbst über ihre Produktion, kaufen Ressourcen eigenverantwortlich ein, wobei diese Marktwirtschaft nur durch Kreditlenkung, Industriepolitik und Rahmenbedingungen erweitert und geformt wird, ohne die Autonomie und Handlungsfreiheit der Unternehmen aufzuheben.
Beides könnte als »Mixed Economy« bezeichnet werden, der wesentliche Unterschied wird dabei allerdings verdeckt. In dem einen Fall handelt es sich in meiner Terminologie um eine administrative Planwirtschaft mit Marktelementen, im anderen um eine gelenkte Marktwirtschaft, was keinesfalls dasselbe ist. In einer gelenkten Marktwirtschaft sind die Betriebe selbst die Subjekte ihrer Innovations- und Investitionsstrategie und entscheiden selbst, wie sie sich unter Voraussetzung von Gesetzen und in gegebenen Rahmenbedingungen verhalten wollen. In einer Planwirtschaft sind die Betriebe unselbstständig, Subjekt des Wirtschaftsprozesses ist die Planungsadministration, die Handlungsmöglichkeiten der Betriebe beschränken sich darauf, die Vorgaben so oder anders zu erfüllen. Faktisch besteht natürlich eine kleine informelle Handlungsfreiheit darin, Planvorgaben zu umgehen und benötigte Ressourcen auf Schwarzmärkten zu beschaffen (vgl. Land 1992).
Ich möchte den Terminus Planwirtschaft nur für Regulationsregime verwenden, in denen die administrative Ressourcenallokation der grundlegende volkswirtschaftliche Koordinationsmechanismus ist. Dies entspricht weitgehend der Definition von Zentralverwaltungswirtschaft.4 Wenn hingegen das entscheidende Allokationsverfahren der Handel auf Märkten ist und wenn Preise überwiegend auf Märkten ausgehandelt werden, dann nutze ich den Terminus Marktwirtschaft, ergänzt durch die Spezifizierung regulierte oder gelenkte Marktwirtschaft. Von deregulierten Märkten rede ich, wenn ursprünglich regulierte Märkte selektiv dereguliert wurden wie im heutigen Finanzmarktkapitalismus. Auch dies sind keine völlig freien Märkte, sie sind selektiv dereguliert im Interesse bestimmter Kapitalfraktionen, z. B. um einen Billiglohnsektor zu schaffen oder Finanzspekulationen zu ermöglichen. Dazu später mehr.
Im Folgenden soll zunächst etwas zur Funktionsfähigkeit einer zentralen Planwirtschaft gesagt werden (Abschnitt 1.3.). Anschließend geht es um die Unterscheidung zwischen freier, regulierter und gelenkter Marktwirtschaft und um die Funktionsweise einer gelenkten Marktwirtschaft (Abschnitte 1.4. und 1.5.). Zunächst muss aber eine grundlegende Voraussetzung geklärt werden: Viele Diskussionen betrachten nur die Koordination der volkswirtschaftlichen Reproduktion, also die wechselseitigen Beziehungen der Unternehmen untereinander und zu den Haushalten und den staatlichen Organisationen unter den Bedingungen eines proportionalen Wirtschaftsprozesses. Dabei werden auch Wachstum und Akkumulation modelliert, aber eben nur quantitativ. Es geht um eine proportionale Zunahme der Inputs und Outputs bzw. das Wachstum des eingesetzten Kapitals.
Wirtschaftliche Entwicklung – im Sinne Schumpeters (1912 und 1939/1961) – wird kaum betrachtet und in der Regel nicht verstanden. Tatsächlich aber sind m. E. nicht Wachstum und Kapitalakkumulation die zentralen Prozesse moderner Volkswirtschaften, sondern die wirtschaftliche Entwicklung. Wie wird Entwicklung generiert, was ist Entwicklung im Unterschied zu Wachstum (vgl. Land 2011)? Leider wird Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung bis heute zu wenig beachtet, die Mehrheit benutzt Gleichgewichts- und Wachstumstheorien. Eine der wichtigen Ausnahmen sind Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker (vgl. insbesondere Flassbeck 2024).
In den 1920er Jahren gab es eine erste Debatte über die Wirtschaftsrechnung im Sozialismus. Ludwig von Mises (1920) versuchte nachzuweisen, dass Planwirtschaft wegen des fehlenden Marktmechanismus und mangelhafter Informationen über Kosten und Preise nicht bzw. nicht effektiv funktionieren könne. Oskar Lange (1969) und Abba Lerner (1943, 1951) entwickelten dagegen ein Modell, das zeigen sollte, dass korrekte Preise auch durch eine Planungsbehörde berechnet und Marktpreise simuliert werden können. Diese Debatte soll hier nicht im Detail referiert werden, im Kern wurden und werden bis heute aber folgende Argumente gegen die Planwirtschaft angeführt:
Nur durch finanzielle Gewinne kann der »Homo economicus« motiviert werden. Das ist falsch, denn vormoderne Produktionsweisen zeigten, dass auch Anerkennung, Macht und einfach Neugier und Erfindergeist zu nützlichen Handlungen motivieren. Zudem kann auch der Erfolg großer Unternehmen nicht auf das Gewinnstreben einzelner Personen zurückgeführt werden. Vielmehr sind es systemische Strukturen und Rückkopplungen, die deren Dynamik erzeugen.Die Vielzahl der für eine Koordination erforderlichen Daten kann von einer Behörde nicht erfasst und berechnet werden. Das war früher vielleicht berechtigt, aber heute sind automatische Datenerfassung und Berechnung kein wirkliches Problem.Ohne Märkte können keine korrekten Preise ermittelt werden. Im Kern ein richtiges Argument. Aber: In einem Gleichgewichtszustand (Angebot und Nachfrage entsprechen sich für alle Güter) könnte mit der Theorie von Sraffa****** ein System von Reproduktionspreisen******* berechnet werden. Solche Preise sind nur bei konstanten Proportionen berechenbar. Innovationen unterlaufen aber das bestehende System von Preisen (daher entstehen außerordentliche Extragewinne und Extraverluste), bis es dann in einer Anpassungsphase zu einem revidierten Preissystem kommt. Nähern sich Angebote und Nachfragen für die Waren nach einen Innovationsschub wieder an, entsprechen die Marktpreise näherungsweise nunmehr veränderten Reproduktionspreisen. Planwirtschaft müsste also auch den Verstoß gegen Wertgesetzund Gleichgewicht zulassen und vorhersagen bzw. sogar anstoßen. Genau diese Übergänge vom Gleichgewicht ins Ungleichgewicht sind aber nicht determiniert, also nicht planbar.In einem Planwirtschaftssystem können keine Innovationen implementiert werden, weil diese von der Unternehmerfunktion abhängen (z. B. Huerta de Soto 2013). Im Kern ist dieses Argument m. E. richtig. Allerdings muss man differenzieren. Einzelne Innovationen können auch durch Anweisungen einer Planungsbehörde implementiert werden. So dachte auch Schumpeter. Was aber nicht funktioniert, ist der Prozess der Rekombination und Selektion. Planung ist nur möglich bei deterministischen Prozessen.Lange Zeit wurde das Koordinationsproblem von Volkswirtschaften an Gleichgewichtsmodellen modelliert. Wird ein volkswirtschaftlicher Zusammenhang vieler Betriebe fortlaufend identisch reproduziert, so werden die gleichen Produktions-, Konsumtion- und Austauschprozesse regelmäßig wiederholt. Ein solches System kann sowohl über Märkte als auch durch eine zentrale Planungsbehörde korrekt organisiert und reproduziert werden. Das gilt auch für einfache lineare Wachstumsprozesse, wenn also alle Produktionsprozesse gleichmäßig um den gleichen Betrag zunehmen und damit auch alle benötigten Ressourcen und alle produzierten Waren und Dienstleistungen. Auch langsame Proportionsverschiebungen können in ein solches Modell integriert werden, wenn z. B. Betonbau schneller wächst als Holzbau. Es muss nur klar sein, dass Wachstum dieser Art endlich ist, weil die Mengen an bestimmten Naturressourcen, benötigten Rohstoffen oder auch Arbeitskräften nicht endlos wachsen können. Wachstum in gegebener Qualität ist immer endlich. Auf dieser Prämisse beruht die Wachstumskritik. Entwicklung dagegen ist endlos. Erst Innovation, also Veränderung der Qualität von Verfahren, Produkten und Produktionsmitteln kann die Wachstumsschranke überwinden, dabei entstehen Folgen aneinander anschließender Entwicklungen.
Eine moderne Kapitalverwertungswirtschaft ist ein dynamisches System, der grundlegende Prozess ist nicht Wachstum, sondern wirtschaftliche Entwicklung. Das ist die entscheidende wirtschaftswissenschaftliche Prämisse Schumpeters, die leider weder von der Mainstream-Wachstumsökonomie noch von der Postwachstumskritik verstanden und gewürdigt wird. Entwicklung besteht in der Entdeckung bzw. Erfindung und der selektiven Durchsetzung neuer Produktionsfunktionen,5neuer Produkte und Verfahren, die mit neuen Produktionsmitteln, Arbeitsweisen und Erkenntnissen verbunden sind. Wachstum ist eine mögliche, aber keine notwendige Folge von Entwicklung. Es gibt auch Entwicklung ohne Wachstum bzw. bei sinkendem Aufwand von Ressourcen und Arbeitsstunden.
In der Mainstream-Ökonomie sind Wachstumsmodelle zentral und technischer Fortschritt erscheint als Wachstumsfaktor neben zusätzlichem Kapital oder zusätzlicher Arbeit. Man versucht, Entwicklung mit einem Wachstumsmodell zu simulieren. Das hat auch damit zu tun, dass Wachstum mathematisch modellierbar ist, Entwicklung aber nicht (oder nur in Teilaspekten), weil sich die Elemente des Wirtschaftssystems dabei qualitativ ändern. Da aber im Zentrum mathematisch formulierter ökonomischer Theorien in der Regel Gleichgewichts- und Wachstumsmodelle stehen, bleibt die Analyse wirtschaftlicher Entwicklung im Mainstream unklar und marginal.
Die Ausnahme ist Schumpeter und die kleine Gefolgschaft von Wirtschaftswissenschaftlern, die an die Theorie wirtschaftlicher Entwicklung (1912), die Konjunkturzyklen (1936 engl., 1961 deutsch) und andere Schriften anknüpfen. Schumpeter schreibt: »Kapitalismus ist jene Form privater Eigentumswirtschaft, in der Innovationen mittels geliehenen Geldes durchgeführt werden, was im allgemeinen … Kreditschöpfung voraussetzt« (1961, S. 234).
Schumpeter beschreibt für die wirtschaftliche Entwicklung im Zuge von Innovationen mehrere Schritte:
Innovationen sind Aufstellung und Durchsetzung neuer Produktionsfunktionen, verbunden mit veränderten Produktionsmitteln, Produkten und Verfahren.Der erste Schritt, die Invention (Erfindung), beinhaltet die Aufstellung einer neuen Produktionsfunktion (eines neuen Verfahrens mit neuen Produkten und ggf. veränderten Produktionsmitteln). Inventionen sind in Schumpeters Theorie exogen, d. h. sie werden von Unternehmern oder vermittelt über Unternehmer in das Wirtschaftssystem eingetragen. Eine Theorie der Invention hat Schumpeter nicht vorgelegt. Sie erscheinen als Kreationen schöpferischer Personen. Die Quelle einer Invention ist vorausgesetzt; woher die Idee für ein neues Verfahren oder ein neues Produkt stammt, bleibt unerklärt.********Davon zu unterscheiden ist die Innovation, die wirtschaftliche Durchsetzung einer Invention in Form neuer Produktionsverfahren bzw. neuer Produkte. Innovationen sind wirtschaftliche Vorgänge. Innovationen umfassen die Verbreitung, Selektion und Rekombination von Inventionen. Dabei handelt es sich um Vorgänge im Wirtschaftssystem, die vom Handeln wirtschaftlicher Akteure – der Unternehmer, Ingenieure, Arbeitskräfte und der Nutzer, der Anwender und Konsumenten – neuer Produktions- oder Konsummittel abhängen. Erst mit der Verbreitung Rekombination und Durchsetzung wird aus der Invention eine Innovation. Viele Inventionen scheitern, teilweise schon beim Start, teilweise später, ggf. auch nach einer anfänglich erfolgreichen Verbreitung. Die Bedeutung einer Innovation hängt von einer potenziell endlosen Zahl von Rekombinationen ab. Dieser Prozess ist nicht deterministisch, sondern evolutionär und nicht vorhersehbar.Setzt sich eine Innovation durch, so sind viele andere Produktionsprozesse betroffen, wenn sie die Produktionsmittel für den neuen Prozess liefern sollen oder dessen Produkte selbst als neue Produktionsmittel einsetzen. Das gesamte Produktions- und Austauschsystem ändert sich nach und nach. Beispiele sind die Einführung des Elektromotors, der Kunststoffe, der Digitalisierung und der Internetplattformen. Solche Innovationen führen in der Regel zur Deklassierung vorhandener Verfahren, Produkte und Leistungen. Schumpeter nennt dies schöpferische Zerstörung. Diese Prozesse sind kaum mathematisch modellierbar, da auch sie nicht vorhersehbar sind.Verändern sich die Produktionsfunktionen für Konsumgüter, so ist zunächst die Reproduktion der privaten Haushalte betroffen. Gegebenenfalls ändern sich die Reproduktionskosten der Arbeitskraft und die Verwendung des Lohns. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind es aber vor allem technische Konsumgüter, die den volkswirtschaftlichen Zusammenhang ändern: Kühlschränke, Waschmaschinen, Kraftfahrzeuge und aufwendig gestaltete Wohnungen und Häuser. Dabei ändert sich die gesamte Struktur durch viele Zulieferer und Serviceleistungen, komplexe Rekombinations- und Selektionsprozesse verändern das Volkswirtschaftssystem.In Schumpeters Theorie ist besonders bedeutsam, wie Innovationen zustande kommen. Unternehmer sind die Akteure, die versuchen, Innovationen zu implementieren und durchzusetzen. Manchmal sind sie gleichzeitig auch die Erfinder, aber nicht notwendigerweise. Dieser Versuch, eine Neuerung wirtschaftlich durchzusetzen, charakterisiert Unternehmer. Schumpeter geht davon aus, dass Unternehmer nicht oder nur teilweise über die Ressourcen verfügen, die zur Implementation, Durchsetzung und Verbreitung einer Innovation nötig sind. Der Kreditmechanismus löst dieses Problem. Unternehmer nehmen einen Kredit auf. Den erhalten sie nach Prüfung des Vorhabens und ggf. nach Hinterlegung von Sicherheiten von einer Bank, das Geld entsteht in der Regel durch Kreditschöpfung. Bankenmäßige Kreditvergabe erzeugt Giralgeld, während Rückzahlung von Krediten (Tilgung) Giralgeld vernichtet. Ist das Volumen der geschöpften Kredite in einem Zeitraum größer als das Volumen der Tilgung, dann steigt die Nachfrage nach den für Innovationen benötigten Ressourcen (Arbeitskräfte und Produktionsmittel). Bei leicht steigenden Preisen und Löhnen entsteht so eine Innovations- und Prosperitätswelle. Diese hält an, bis die verfügbaren oder kurzfristig herstellbaren zusätzlichen Ressourcen erschöpft sind und Ressourcen und Arbeitskräfte knapp werden. Die Grenze des Innovationsbooms wird erreicht. Die Existenz von Inventionen setzt Schumpeter als außerökonomischen Vorgang voraus. Die Frage, woher neue Verfahren und Produkte kommen, wurde erst relevant, als es um die rationelle Organisation des Erfindens und der industriellen Forschung und Entwicklung ging, also mit der wissenschaftlich-technischen Revolution.********Eine sehr wichtige, aber oft unbeachtete und vernachlässigte Komponente ist die sekundäre Welle. Wenn Unternehmer beginnen, eine Innovation durchzusetzen, anscheinend erfolgreich, wird es in der Regel viele Nachahmer geben, die versuchen, diese Innovation zu kopieren – oft in mehr oder weniger veränderter Gestalt, um Innovationsgewinne zu machen.******** Nicht selten sind sie dabei erfolgreicher als der erste Innovator – sie haben geringere Kosten und können im Unterschied zum Vorreiter bestimmte Risiken vermeiden. Noch wichtiger aber sind die Rekombinationseffekte der sekundären Welle. Unternehmen versuchen, eine sich ausbreitende Innovation, ein neues Produkt, ein neues Produktionsmittel oder ein neues Verfahren, in ihre bisherige Produktion einzubauen, Folgeinnovationen in Gang zu bringen. Man denke an Folgeinnovationen der Elektrizität oder der neuen Werkstoffe in der elektrotechnischen und chemischen Revolution im späten 19. Jahrhundert. Oder an die Folgeinnovationen des Computers. Im Zuge der Verbreitung einer Innovation gibt es viele Tausend oder Millionen Rekombinationsversuche. Viele scheitern, aber ein Teil ist erfolgreich. Auch diese Folgeinnovationen werden durch Kreditaufnahme finanziert. Die Effekte der sekundären Welle sind viel größer als der primäre Innovationsschub. Vor allem treten die Produktivitätseffekte einer Innovation meist erst durch die massenhafte Anwendung in vielen anderen Produktionsprozessen auf. Welche Folgeinnovationen möglich sind, welche erfolgreich werden und welche nicht, ist aber unbestimmt und unvorhersehbar. Die Produktivitätseffekte des Elektromotors beispielsweise entstehen durch die massenhafteAnwendung dieses neuen Wirkprinzips. In noch höherem Maße gilt dies für die Sekundäreffekte der Datenverarbeitungssysteme, der Computer und des Internets. Wichtig ist es, zu verstehen, dass die Effekte einer Innovationswelle durch die Rekombination des Neuen mit den bestehenden Produktionssystemen entstehen. Die Ausbreitung in der sekundären Welle generiert die Selektionsprozesse, von denen die Durchsetzung und die Effekte einer Innovationswelle abhängen. Und genau diese Effekte sind nicht vorhersehbar. In der sekundären Welle entsteht ein Umbruch des gesamten Produktionssystems: Neue Anwendungen und eine Deklassierung bisheriger Produkte und Verfahren schaffen eine offene Situation, einen Entwicklungsschub, der nicht determiniert ist. Erst der Verlauf der sekundären Welle entscheidet, was am Ende volkswirtschaftlich herauskommt. Und das ist nicht planbar.Die Ausbreitung und Rekombination erzeugt steigende Nachfrage nach Produktionsmitteln und Arbeitskräften. Dies erschöpft nach einer gewissen Zeit die freien Ressourcen. Die Preise für Produktionsmittel und die Löhne für zusätzliche Arbeitskräfte steigen im Boom. Nach einiger Zeit aber beginnen die entstandenen neuen oder erweiterten Unternehmen, neue Produkte auf den Markt zu werfen, sie haben Einnahmen und beginnen, ihre Kredite zurückzuzahlen. Die Nachfrage steigt langsamer, stagniert oder sinkt schließlich, während das Angebot aufgrund der neuen Produkte wächst. Die Preise beginnen zu fallen, der Boom endet und ein Teil der alten und auch einige neue Unternehmen geraten in Schwierigkeiten, können ihre Kredite nicht mehr bedienen. Die Banken drosseln die Kreditvergabe. Es entsteht eine rezessive Wirtschaftslage. Innovationen gehen zurück, Bereinigung und Abschreibung misslungener Innovationsversuche überwiegen. Angebot und Nachfrage passen nicht mehr zusammen, was Turbulenzen bei den Marktpreisen zur Folge hat. Das System muss durch Selektion und Deklassierung überflüssiger Produkte und Kapazitäten ein neues Gleichgewicht, besser gesagt, neue Proportionen mit einer veränderten Produktionsstruktur und veränderten Preisen finden.******** Kommt es dabei auch noch zu falschen wirtschaftspolitischen Entscheidungen (Sparen der Haushalte und der Unternehmen, Drosselung der Staatsausgaben), kann die Rezession zu einer anhaltenden und schweren Depression werden (1930er Jahre), aus der das Wirtschaftssystem endogen nicht herauskommt. Dann sind exogene Eingriffe nötig, wie Keynes (1936) systematisch dargestellt hat.Erst nach einer Bereinigung, Erholung und der Stabilisierung der Unternehmens- und der Haushaltseinkommen sind Banken in der Lage, wieder Kredite zu vergeben und Unternehmer bereit, neue Innovationsversuche zu starten. In der nächsten Innovationswelle kommt es dann wieder zu steigenden Innovationsgewinnen, Goldgräberstimmung und Euphorie, die Kreditvergabe übersteigt die verfügbaren Ressourcen erneut und das Spiel von innovationsgetriebener Prosperität, Selektion und Reorganisation in Rezession und Erholung beginnt von vorn.Schumpeters Theorie wirtschaftlicher Entwicklung verbindet Innovationen mit Kreditvergabe (Emission und Demission von Kreditgeld), Verbreitung von Innovationen mit deren Rekombination und Selektion und diese wieder mit dem Konjunkturzyklus, also dem Wechsel von Prosperitätsphasen, in denen Innovationen implementiert, verbreitet und rekombiniert werden, und Rezessionsphasen, in denen Selektion und Deklassierung überwiegen und das Wirtschaftssystem restrukturiert, reorganisiert und bereinigt wird. Am Ende dieses Prozesses entsteht temporär ein neues Gleichgewicht (Angebot und Nachfrage entsprechen sich temporär, nie vollständig, aber in der Erholungsphase weitgehend). Die Reorganisation kehrt nicht zum alten System zurück, sondern generiert ein verändertes Wirtschaftssystem mit anderen Produktionsfunktionen, anderen Produkten und Verfahren, anderen Strukturen und auch anderen sozialökonomischen Verhältnissen.
Das skizzierte Modell wirtschaftlicher Entwicklung unterstellt eine Marktwirtschaft. Insbesondere die Preisbildung durch Austausch zwischen Marktteilnehmern und das Steigen oder Sinken der Preise für Produkte je nach Verhältnis von Angebot und Nachfrage sind entscheidend für den Verlauf eines Innovationsschubs.
Es stellt sich nun die Frage: Lässt sich eine Innovationswelle auch planwirtschaftlich organisieren? Für das Modell einer identischen Reproduktion oder einer linear wachsenden Volkswirtschaft ohne Innovationen könnte man annehmen, dass es möglich sein sollte, diese Prozesse planwirtschaftlich zu modellieren, wenn man alle Daten erfasst. Für den dargestellten schumpeterschen Evolutionsvorgang ist das nicht zu leisten. Erstens sind die möglichen erfolgreichen oder erfolglosen Rekombinationseffekte insbesondere der sekundären Welle nicht deterministisch und daher nicht zu prognostizieren. Zweitens können die Produktivitäts- und Effektivitätseffekte möglicher Rekombinationen nur festgestellt werden, wenn die Preise den tatsächlichen Reproduktionspreisen nahekommen und vor allem die Preistendenzen die Veränderung von Effektivität korrekt widerspiegeln. Nur so können effiziente Kombinationen positiv selektiert und ineffiziente deklassiert werden. Solche Preise ergeben sich aber erst in der Rezessionsphase. Die Bildung von Preisen auf Märkten ist also unverzichtbar (dazu mehr in Abschnitt 1.4.3.).
Meine These: Planwirtschaftliche Koordination kommt mit identischer Reproduktion und linearem Wachstum mehr oder weniger gut zurecht, versagt aber bei der Selektion von Innovationen und Rekombinationen im komplexen Innovationsgeschehen. Innovationen führen in Planwirtschaften nicht zu steigender Produktivität, sondern im Gegenteil zu zurückgehender Produktivität, steigenden Kosten bei sinkender Effizienz. Dies entspricht der tatsächlichen Entwicklung der realsozialistischen Wirtschaftssysteme (UdSSR, DDR, RGW******** insgesamt) zwischen 1960 und 1989. Sie gerieten nach einer Phase des Wiederaufbaus und der zunächst erfolgreichen nachholenden Industrieentwicklung in den 1970er Jahren in eine Stagnation, aus der sie keinen Ausweg fanden – wenn man von China und Vietnam absieht. Die Dynamik in diesen Ländern erklärt sich aus der Überwindung der zentralen Planwirtschaft und dem Übergang zu einer gelenkten Marktwirtschaft.
Die erste Form einer zentralen Planwirtschaft war der Kriegskommunismus in der UdSSR 1918 bis 1923.6 Unter den Bedingungen des Bürgerkriegs und der ausländischen Intervention wurden die Industrie und der Boden verstaatlicht, es gab eine Ablieferungspflicht für die gesamte Produktion und eine staatliche Verteilung an Verbraucher und Betriebe. Das Geld sollte vollständig abgeschafft werden. Der zunehmende Widerstand besonders der Bauern und die sich dramatisch verschlechternden wirtschaftlichen Folgen führten zu einem Kurswechsel.
Die Neue Ökonomische Politik (NEP)7 wurde 1921 von Lenin konzipiert und durchgesetzt und dauerte bis 1928 (vgl. Beumann u. a. 1995, S. 139). In der Landwirtschaft und der Konsumgüterproduktion wurden Privateigentum, gewinnorientierte Wirtschaftstätigkeit und marktwirtschaftliche Verfahren zugelassen. Dieser Teil der Wirtschaft musste Abgaben in Form einer Naturalsteuer leisten. Schlüsselindustrien und Großbetriebe blieben in Staatseigentum und wurden zentral planwirtschaftlich geleitet. Lokal begrenzt wurden aber auch in der Industrie, besonders in kleinen Betrieben, marktwirtschaftliche Mechanismen eingeführt. Der Aufbau einer Schwerindustrie sollte durch Erträge (Abgaben) aus der Landwirtschaft finanziert werden. Auf dem 15. Parteitag wurde 1928 unter Stalin eine zentralisierte Planwirtschaft für die gesamte Volkswirtschaft beschlossen. Damit begann auch die Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft.
Bereits 1921 wurde Gosplan8,die zentrale staatliche Planungsbehörde der UdSSR, gegründet. In den ersten Jahren hatte sie die Aufgabe, den Elektrifizierungsplan GOELRO auszuarbeiten und umzusetzen, den Umbau der Volkswirtschaft, die Transportinfrastruktur und die Entwicklung des Außenhandels zu konzipieren. Ab 1927 bestand der Auftrag in der Erarbeitung von Fünfjahrplänen und der Kontrolle der Umsetzung dieser Pläne durch statistische Erhebungen. Während des Zweiten Weltkriegs leitete Gosplan die Umstellung der Wirtschaft auf Kriegsproduktion und koordinierte die Verlegung einer Vielzahl von Betrieben nach Sibirien. Seit 1957 war Gosplan die allein zuständige Behörde für die laufende und die künftige Wirtschaftsplanung sowie für die statistische Erfassung der Ergebnisse. Im Rahmen der Kossygin-Reformen wurde versucht, auch langfristige Pläne über 20 Jahre auszuarbeiten, was aber nicht funktionierte.
»Noch gibt es keine erschöpfende Studie zur staatlichen Planungsbehörde Gosplan, die nicht nur für die Fünfjahrespläne, sondern auch für die Ressourcenverteilung in der gesamten UdSSR verantwortlich zeichnete. Ihr Anspruch war, auf der Basis gesicherter Daten und Statistiken aus den Republiken und Regionen auf wissenschaftlicher Basis Produktions- und Wirtschaftspläne auszuarbeiten, die sowohl realistisch als auch bedarfsgerecht waren. Dass die Realität ganz anders aussah, war kein Geheimnis: Daten und Statistiken wurden gefälscht, Ressourcen wurden oft nur auf dem Papier, nicht aber in der Praxis zugeteilt, weshalb sich die Verantwortlichen das Benötigte über ihre eigenen Netzwerke beschafften …« (Schattenberg 2021)
Das sowjetische System der zentralen Planung und Leitung der gesamten Volkswirtschaft war das Vorbild für die Planwirtschaften der anderen RGW-Länder. In der DDR wurde eine zentrale staatliche Planung in den 1950er Jahren entwickelt, die ab den 1960er Jahren mit der Kollektivierung der Landwirtschaft und des Handwerks auch diese Bereiche einbezog. Es gab verschiedene Versuche, kleine Freiräume für marktwirtschaftliche Verfahren zu schaffen, die aber immer wieder zurückgenommen wurden. Die umfassendsten Versuche waren das »Neue Ökonomische System der Planung und Leitung« (NÖS oder NÖSPL) 1963 bzw. die modifizierte Variante »Ökonomisches System des Sozialismus« (ÖSS) 1967. Reformversuche gab es mit den oben schon erwähnten Kossygin-Reformen auch in der UdSSR.9 Sie wurden aber aufgegeben, nachdem in der UdSSR Nikita Chruschtschow durch Leonid Breshnew und in der DDR Walter Ulbricht durch Erich Honecker abgelöst wurden. Die Versuche, eine zentrale Planwirtschaft schrittweise in eine gelenkte Marktwirtschaft zu überführen, scheiterten m. E. nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus machtpolitischen Gründen (vgl. Decker 2015).
Planwirtschaftliche Verfahren existierten in der UdSSR von 1921 (eingeschränkt) bzw. von 1927 (dominant) bis 1991, das sind mehr als 60 Jahre. Es gab mehrjährige Pläne, meist Fünfjahrespläne, die langfristige Entwicklungsziele festlegten, und Jahrespläne, die für jeden Betrieb, jede Kommune und jede regionale Verwaltungseinheit regelten, was produziert werden musste und welche Ressourcen dafür zugewiesen wurden.******** Der letzte beschlossene Fünfjahrplan der UdSSR für 1991 bis 1995 wurde nicht mehr umgesetzt. In anderen RGW-Ländern dominierten planwirtschaftliche Verfahren seit den 1950er Jahren bis etwa 1990. Man kann also nicht behaupten, dass Planwirtschaften überhaupt nicht funktioniert haben. Immerhin hat es in diesen Zeiträumen nicht nur eine funktionierende laufende Reproduktion gegeben, sondern auch umfangreiche Industrialisierungsprojekte, Produktivitätssteigerung, wirtschaftliches Wachstum und ebenso Innovationen. Gleichzeitig, das muss auch erwähnt werden, gab es aber große Defizite, Disproportionen, Mangelwirtschaft und Ineffizienz.
Zunächst ist zu konstatieren, dass die Stalinsche Industrialisierung von 1928 bis 1945 im Kern funktioniert hat (wenn man die sozialen Folgen beiseite lässt). Beispiele sind die großen Projekte im Bereich Kohle und Stahl, Magnitogorsk, die Wasserkraftwerke, der Schwermaschinenbau. Im Zweiten Weltkrieg konnte die UdSSR eine der deutschen überlegene Kriegswirtschaft vorweisen. Die Massenproduktion standardisierter Rüstungs- und Industriegüter stieg von 6 Prozent des BIP (1934) auf 30 Prozent (1941). Die sowjetische Wirtschaft produzierte in vielen Bereichen qualitativ und quantitativ überlegene Waffen und Rüstungsgüter. Dies war auch der vorangegangenen Industrialisierung zu verdanken – einer Industrialisierung allerdings, die über die enormen Probleme hinwegsah, die mit ihr verbunden waren, wie z. B. die Kulakenverfolgung, Zwangsarbeit, Hungersnöte oder Kommandowirtschaft.
Auch der Wiederaufbau nach dem Krieg gelang mit planwirtschaftlichen Methoden, und zwar nicht nur in der UdSSR, sondern genauso in der DDR und den anderen Staaten des RGW. Der Wiederaufbau war mit einer nachholenden Modernisierung verbunden, die sich vor allem an der Wirtschaft der USA, teilweise aber auch an Deutschland, Großbritannien und Frankreich orientierte. Eindrucksvoll ist diese Faszination von Ilf und Petrow (1936) in ihrem Reisetagebuch »Das eingeschossige Amerika« beschrieben.
In den 1960er Jahren begann die Suche nach neuen Entwicklungspfaden. Die UdSSR baute das erste Kernkraftwerk, entwickelte eigene Atom- und Wasserstoffbomben und Raketen, den ersten Satelliten (Sputnik 1) und viele Nachfolger, realisierte den ersten bemannten Flug in den Weltraum und war lange Zeit führend oder gleichauf mit den USA bei der Weltraumtechnik.
Was folgt daraus für die Funktionalität einer Planwirtschaft? Im vorhergehenden Kapitel wurde ausgeführt, dass Planwirtschaft theoretisch funktionieren könne bei der Regulation von Reproduktion auf gleicher Stufenleiter oder einfachem linearem Wachstum, weil hier gegebene Daten nur reproduziert oder linear fortgeschrieben werden. Probleme gebe es aber bei Innovationen und Strukturwandel, weil sich Proportionen und Preise verändern und neue Waren und Leistungen, neue Anbieter und Nachfrager auftauchen. Nicht deterministische Prozesse, die nicht vorhersehbar und planbar sind, würden eine Planwirtschaft überfordern.
Der historische Abriss zeigt nun aber, dass Planwirtschaft auch im Rahmen der nachholenden Industrialisierung funktioniert hat, wenn auch mit Problemen und Einschränkungen. Das ist meines Erachtens damit zu erklären, dass sich die Planungen hier an bereits in anderen Regionen oder anderen Volkswirtschaften (z. B. den USA) vorliegenden Entwicklungen orientierten. Man kopierte vorhandene Produkte und Verfahren und musste nur kleine Anpassungsinnovationen realisieren. Dies galt auch für den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Überraschenderweise ist dem historischen Rückblick aber auch zu entnehmen, dass zum Teil sehr weitreichende Innovationen realisiert wurden: Kernkraftwerke, Atom- und Wasserstoffbomben, Raketen, Satelliten, Waffen usw. Hier wird es nun interessant. Wie war das möglich, wenn man unterstellt, dass gerade die Umsetzung von Innovationen in einer Planwirtschaft mit Schwierigkeiten verbunden ist?
Zunächst sei auf Schumpeter verwiesen:
»Wir sehen also, dass rationale Wirtschaftsrechnung … auch im sozialistischen Gemeinwesen … durchaus möglich ist und dort in ihrem Wesen sogar besonders klar zutage tritt.« (Schumpeter 1970, S. 104)
»… unser Rechenmechanismus [ermöglicht] der Zentralleitung zunächst … festzustellen, ob sie unter den gegebenen Umständen richtig disponiert hat oder nicht.« (Ebd., S. 105)
Das bezieht sich zunächst auf Reproduktionszusammenhänge. Aber auch Innovationen hält Schumpeter für möglich:
»Wenn … die Entscheidung über eine neue Produktionsmethode … oder die Aufnahme der Produktion eines neuen Guts in Frage steht, so wird der geschilderte Rechenprozess auch hier die Antwort finden lassen.« (Ebd.)
Ich habe mehrfach die These vertreten, dass Planwirtschaft nicht innovativ sein kann.******** Habe ich mich geirrt? Tatsächlich sind der Sputnik, Sojus-Kapseln und viele weitere Raketen geflogen. Die UdSSR hat eine ganze Reihe von grundlegenden Innovationen erfolgreich implementiert.
Nach Schumpeter funktioniert die Implementation von Innovationen wie oben beschrieben: Unternehmen nehmen Kredite auf, um Innovationen zu finanzieren. Durch diese Kredite steigt die Nachfrage und den bestehenden Unternehmen wird ein kleiner Teil ihrer Ressourcen entzogen. Die Auslastung steigt, es werden zusätzliche Ressourcen produziert und zusätzliche Arbeitskräfte rekrutiert.******** In einer Kapitalverwertungswirtschaft erfolgt die Implementation von Innovationen durch das Zusammenwirken privater realwirtschaftlich orientierter Unternehmen einerseits und Banken bzw. Finanzunternehmen andererseits, also über Kredite oder andere Formen der Finanzierung, heute eben schlecht und recht auch über Finanzanlagen und Finanzmärkte. Schumpeter meint nun (im Gegensatz zu Mises und anderen), dass auch in einer zentralen Planwirtschaft eine funktionierende Wirtschaftsrechnung und die Implementation von Innovationen zumindest theoretisch möglich sei. Die zentrale Planungsbehörde, die den Betrieben zur laufenden Reproduktion Ressourcen (Produktionsmittel, Arbeitskräfte und ggf. Nutzungsrechte an Naturressourcen) zuweist und Produktionsaufträge erteilt, könne auf dem gleichen Weg auch Innovationen in Gang setzen. Sie müsse dazu nur den bestehenden Betrieben einen kleinen Teil der Ressourcen entziehen, ggf. die Auslastung der betreffenden Produktionsarten leicht erhöhen und die so gewonnenen disponiblen Ressourcen neuen Betrieben oder neuen Produktionslinien in bestehenden Betrieben zuweisen – verbunden mit dem Auftrag, eine neue Produktionsfunktion, ein neues Produkt oder ein neues Verfahren zu implementieren. Analog zur Kapitalverwertungswirtschaft würden so Ressourcen neuen Verwendungen zugeführt, »neue Kombinationen als Inhalt wirtschaftlicher Entwicklung« durchgesetzt. Dazu könnte unter Umständen auch die Invention, also die Forschung und Entwicklung gehören (obwohl dies heute eher die Domäne von Grundlagenforschung, Universitäten, Forschungseinrichtungen und eigenen Instituten der angewandten Forschung ist). Innovatoren müssten in einer Planwirtschaft staatlich finanziert werden – wie es real geschah in der UdSSR und den RGW-Ländern. Auch in Marktwirtschaften wird nur ein Teil der Forschung und Entwicklung in privaten Unternehmen organisiert und finanziert, große Teile sind staatlich finanziert und organisiert.
