Chinas leere Mitte - Helwig Schmidt-Glintzer - E-Book

Chinas leere Mitte E-Book

Helwig Schmidt-Glintzer

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Beschreibung

"Was das Reich der Mitte ausmacht", hat man sich in China selbst ebenso wie außerhalb Chinas seit Jahrhunderten immer wieder gefragt. Helwig Schmidt-Glintzer findet in diesem luziden und so weitreichenden wie knappen Essay die Antwort in der leeren Mitte und in den Bemühungen, diesen Mangel zu kompensieren. Ausgehend von dieser Prämisse leuchtet er zunächst die Identität dessen aus, was unter "China" zu verstehen ist, um dann die der chinesischen Kultur innewohnende Ambivalenz gegenüber Herrschaftsansprüchen zu deuten und die Geschichte der chinesischen Staatlichkeit zu rekonstruieren. Vor diesem Hintergrund wird es möglich, so manches Rätsel zu entschlüsseln, das China dem Westen so oft ist. Vor allem aber wird klar, dass China damit für die globale Moderne möglicherweise besser gerüstet ist als die meisten anderen Länder.

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Seitenzahl: 99

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Helwig Schmidt-Glintzer

Chinas leere Mitte

Die Identität Chinas und die globale Moderne

Essay

Fröhliche Wissenschaft 138

Friedrich Wilhelm Grafgewidmetin Erinnerung an eine gemeinsame Erkundungder National Mall und des Capitol,Washington, D. C.,im Mai 1990

Inhalt

Vorbemerkung

IChinas Identität

Die leere Mitte

1. Frühe Identität

2. Land der Migration und der Grenzen

3. Vielfalt von Ordnungskonzepten

4. Zentrifugalität vs. Zentripetalität

5. Außenbeziehungen und vielfältige Begegnungen

6. Doppelter Blick und leere Mitte

Der Typus des »Edlen«

Folgerungen: Traum von der Ganzheit und »multiple modernities«

Traum von der Homogenität als Ganzheit

Modernisierung und harmonische Weltgestaltung

Das leer bleibende Blatt und die Elite

IIDie Tradition der unvollständigen Legitimität

Ambivalenz: Gemeinwohl und Begrenzung absoluter Macht

Komplexität der Wertehorizonte

China – ein Europa des Ostens?

IIIDie Geschlossenheit einer offenen Welt

Gottes- und Schöpfungsfrage

Das Einheitsstaatsprinzip und die »Befriedung der Welt«

Welt und Gesellschaft – Das korrelative Denken

Weltentstehung und Weltende

Die große Leere als Anfang – Unerschaffene Welt und frühes eschatologisches Denken

Der Einzelne und die Welt

Voneinander lernen – Schluss

Anmerkungen

Vorbemerkung

»Was das Reich der Mitte ausmacht« hat man sich in China und außerhalb Chinas seit Jahrhunderten immer wieder gefragt. Dabei wurde stets eines übersehen: Das »Reich der Mitte« hat selbst keine Mitte, und dieser Mangel konnte immer nur einigermaßen kompensiert werden. Hat man diesen Umstand der »leeren Mitte« erst einmal erkannt, entschlüsselt sich manches Rätsel. Vor allem aber wird klar, dass damit China für die globale Moderne möglicherweise besser gerüstet ist als die meisten anderen Länder.

Von den daraus resultierenden Chancen, aber auch von einigen Risiken soll im Folgenden die Rede sein. Dabei leuchte ich zunächst die Identität dessen, was unter »China« zu verstehen ist, aus, um mich dann der mit dem Begriff der leeren Mitte verbundenen Ambivalenz gegenüber jedem Herrschaftsanspruch zu widmen. Abschließend versuche ich eine Rekonstruktion dieser besonderen Auffassung von Staatlichkeit in der formativen Periode des ersten vorchristlichen Jahrtausends im Zusammenhang der immer nur vorläufig bzw. zeitweilig gelingenden Überwindung des Systems der Teilstaaten.

Viele auf China projizierte Vorstellungen sind ein Ergebnis europäischer Kreativität. Schon die Bezeichnung »China« ist eine europäische Schöpfung, und es gibt lediglich die vage Vermutung, zur Bildung dieses Begriffs habe der Name einer frühen chinesischen Dynastie Anlass gegeben oder gar die altchinesische Aussprache für das Wort »Seide«, da in den Kulturen am Mittelmeer China als »Land der Seide« bekannt wurde. So kommt der Verdacht auf, die Bezeichnung »Reich der Mitte« sei nichts als eine dem europäischen Geist entsprungene Schimäre. Denn in den überlieferten Zeugnissen steht nicht die Mitte, sondern die Vielfalt im Vordergrund, und immer wieder ist davon die Rede, dieses Reich müsse auseinanderbrechen und könne jedenfalls nicht das bleiben, was es gerade ist. Bei näherer Betrachtung wird klar, dass China anders zu sehen ist als jene sich im Aufstieg Europas bildenden Imperien wie Russland und die Vereinigten Staaten von Amerika, die zu Recht einmal als »Flügelmächte Europas« bezeichnet wurden.1 Vor allem aber hängt die Komplexität Chinas mit einer von Anfang an unfertigen Einheit zusammen, die es geradezu notwendig macht, dass China seine Politik wie »kein anderer Staat der Welt […] mit einem Nebel historischer Tiefenlegitimierung« umgibt.2 Die neuere Debatte zu der Frage, ob die Chinesen als homo sapiens auch in Afrika ihren Ursprung haben oder ob sie nicht vielmehr doch auf eine Form des homo erectus auf chinesischem Boden zurückgehen, ist da nur eine Facette des Geschichtsdiskurses.3

IChinas Identität

Die leere Mitte

Seit dem Ende des chinesischen Kaiserreiches und seit China sich neu zu erfinden sucht, will es Teil der Weltgesellschaft sein und dabei doch nicht seine Identität verlieren. Diese Identität war zunächst geistig gefasst und erst in zweiter Linie räumlich definiert. So galt Chinas Intellektuellen im frühen 20. Jahrhundert nicht das Territorium der untergegangenen Dynastie als sakrosankt. Vielmehr suchten viele China von unten, von den Provinzen her aufzubauen. Noch Sun Yatsen war bereit, die Insel Hainan für 14 Millionen Dollar an einen anderen Staat abzutreten.4 Zugleich gab es die Bestrebung, eine stolze chinesische Nation zu errichten, der die genannten regionalen Orientierungen im Wege standen. Seit der Taiping-Bewegung in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die das Ziel eines Gottesreichs auf Erden verfolgte, ist Chinas Geschichte von diesem Wechselspiel lokaler Experimentierwerkstatt und regionaler Reform einerseits und Modernisierung des Gesamtreiches andererseits geprägt. Der Einheitsstaat setzte sich schließlich durch, begünstigt durch Förderung von außen. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Ausrufung der Volksrepublik China am 1. Oktober 1949 wurde dieser Prozess besiegelt – und doch schien zunächst alles offen. Das neue Zentrum, die neue Mitte sollte Peking werden. Der dortige Palast sollte weichen und so eine neue Mitte geschaffen werden, die leer bleiben sollte. Ansatzweise ist dies mit der Schaffung des Platzes des Himmlischen Friedens ja dann tatsächlich auch realisiert worden.5

Die leere Mitte, um die sich China dreht, ist also mein Ausgangspunkt. Ganz China habe keinen Begriff von sich selbst, konstatiert Mark Siemons, es sei auf den Platz des Himmlischen Friedens hin als »seine leere Mitte« ausgerichtet.6 Diese Leere gehe einher mit einer frappierenden »Fähigkeit zum Aushalten von Selbstwidersprüchen«.7 Solche innere Widersprüchlichkeit ist aber die Folge einer inneren Vielfalt. Denn die Volksrepublik ist ein Vielvölkerstaat,8 und auch die große Mehrheit der als Han bezeichneten Chinesen ist alles andere als einheitlich. Dies war ein Grund, warum die Neubestimmung des Nationenbegriffs mit einem Schriftzeichen einherging, bei dem statt des Zeichens guo mit dem aus Lanze und Befehl gebildeten huo im leeren Feld wei ein neues Zeichen unter Verwendung des Zeichens für »Volk« min gebildet werden sollte. Dieses Zeichen wurde in der Republikzeit von General Feng Yuxiang (1882–1948) gerne verwendet, setzte sich aber nicht durch. Die Annahme, China sei ein von einem homogenen »Staatsvolk« getragener Nationalstaat, ist also nichts als ein wenn auch immer wieder anzutreffendes Missverständnis. Wie aber wird daraus dann doch das staatliche Gebilde China? Zur Beantwortung dieser Frage ist es notwendig, sich folgender Sachverhalte zu vergewissern:

1. China hatte durchaus seit Jahrhunderten ein Bild von sich selbst – und wurde später dennoch in der Konfrontation mit der Außenwelt sich selbst und auch anderen immer wieder zum Rätsel. Es gibt also eine historische Identität Chinas, und es ist eine frühe Identität, die mit gewissem Recht mit der Schule des Konfuzius verknüpft ist.

2. China ist seit frühester Zeit ein Land der Einwanderung ebenso wie der Auswanderung und damit ein Land der Migration und der Grenzziehungen.

3. Neben der ethnischen, religiösen und sprachlichen Vielfalt finden wir eine Vielzahl von Ordnungskonzepten und Deutungssystemen – politischer, kosmologischer, mythologischer Art, die mit den ethnischen, vor allem aber mit den religiösen Sphären enge Verbindungen eingingen.

4. Diese kulturelle Vielfalt ist zugleich mit bisher niemals wirklich aufgelösten Spannungen verbunden, die zu einem dauernden Gegensatz von Zentrifugalität und Zentripetalität führten. Fliehkräfte und Zentralisierungsbemühungen halten sich nur gelegentlich die Waage.

5. Lange vor der Begegnung mit dem Westen gibt es eine vielfältige Begegnungsgeschichte. China sah sich gegenüber seinen Nachbarn keineswegs immer als überlegen, sondern oft im Gegenteil, was wir an den Außenbeziehungen ablesen, insbesondere zur Zeit des ausgehenden ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung, als China mit benachbarten Staaten Verträge »unter Gleichen« schloss.9

6. Damit hängt zusammen, dass – so widersprüchlich das auch klingen mag, und ich deutete dies bereits an – das »Reich der Mitte«, womit die Selbstbezeichnung »Zhongguo« auch übersetzt wird, keine Mitte hat – oder eben eine leere Mitte.

Wenn man diesen sechs Sachverhalten weiter nachgeht, bekommt man eine Ahnung davon, was China ausmacht. Zugleich ergibt sich die Frage, ob nicht China als ein Beispiel dafür gelten kann, wie trotz leerer Mitte Weltgestaltung und Modernisierung in harmonischer Weise gelingen können.

1. Frühe Identität

Seit der Shang-Zeit, also seit der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends, und über die Eroberung durch die Zhou um 1045 v. Chr. hinaus, haben sich in den frühen Zentren chinesischer Kultur Elemente herausgebildet, die lange – zum Teil bis in die Gegenwart – nachwirkten. Paul Goldin hat sechs Elemente benannt, die seit der Shang-Zeit bestimmend bleiben und somit die Rede von einer mehr als dreitausendjährigen Geschichte rechtfertigen: die Schrift (1), die Herausbildung einer Sprache als Standardsprache (2), ein Kalender bzw. die rituelle Ermittlung glückverheißender und günstiger Tage (3), die patrilokale und patrilineare Familien- und Sippenstruktur (4), der Himmelsbegriff, der sich später zum Begriff des Himmelsmandats weiterentwickelte (5) sowie eine Raumordnungskonzeption, die sich in Gräberfeldern und im Haus- und Städtebau niederschlug (6).10

1. Die Schrift wurde auf Dauer zur wichtigsten Klammer für die Bildung und den Zusammenhalt der chinesischen Kultur. Zunächst ausschließlich für Zwecke der Kommunikation mit den Göttern und Ahnen verwendet, stellte sie bald das für sämtliche Aushandlungsprozesse und Verabredungen gültige Zeichensystem zur Verfügung. Da der Rang der Gottheiten jeweils vom Ausgang der Aushandlungsprozesse abhing, blieb deren Stellung variabel. So wurde die Schrift zur verlässlichen und vorrangigen Basis aller Verbindlichkeiten und überhaupt jeder Bildung.

2. Die Einbindung sämtlicher Sprachvarianten in das einheitliche Schriftsystem und die Beschränkung auf integrierbare Sprachen führte zu einem Übermaß an Komplexität, für deren Bewältigung es ausgeklügelter Strategien bedurfte.11 Allein schon die weit über 50 000 unterschiedlichen Schriftzeichen stehen für die über die Jahrhunderte bezeugte Bemühung um schriftliche Repräsentation sprachlicher Vielfalt. Dieses Schriftsystem setzte sich bei aller Variabilität aber auch seine eigenen Grenzen.12 Noch in der Vorgeschichte der Einführung des Beijing-Mandarin als Standardsprache in den 1950er Jahren spiegelt sich der Prozess der staatlichen und politischen Einigung seit dem Ende des Kaiserreiches. Die Einrichtung einer Aussprache-Kommission im Jahre 1912 hatte zunächst zu einem Kompromiss geführt, bei dem unterschiedliche Mandarin-Dialekte bzw. Regiolekte berücksichtigt wurden. Entsprechend nannte man dieses »bunte« Mandarin – eine Kunstsprache eigentlich – das »Blaugrüne Mandarin« (lánqīng guānhuà) – treffender vielleicht sogar »gepanschtes Mandarin«.13

3. Seit der Shang-Zeit gibt es die Praxis der rituellen Ermittlung glückverheißender oder ungünstiger Tage, also einen Kalender mit der Festlegung von Zeiten unterschiedlicher Qualität. Dieser Kalender wurde zur Folie für eine Vielzahl von Ritualen bis hin zur Beschreibung von Lebensalter und zur Bestimmung von Personennamen.

4. Das Haus (jia) und die Haustür (hu) als Konzept des Haushalts und der Familie als soziale Grundeinheit repräsentieren das Prinzip patrilokaler und patrilinearer Familien- und Sippenstrukturen.14 Bis heute spiegeln sich diese Strukturen in Ritualen wie dem inzwischen zum offiziellen Feiertag erklärten Gräberreinigungsritual (qingmingjie) Anfang April jeden Jahres. In der Familie und der gemeinschaftlichen Felderbestellung bildet sich das Vertrauen, das – wenn es gut geht – sich auf den chinesischen Herrscher erstreckt, der sich durch eigenhändiges Pflügen persönlich mit diesem Welthandeln verband und sogar im Europa der Aufklärung Aufmerksamkeit fand und als Vorbild hingestellt wurde.15

5. Die Vorstellung eines »Göttlichen Willens«, vermutlich bereits lange vor der Zhou-Zeit vorhanden, erhielt seine spezifische Form dann doch erst mit dem Begriff des Himmels (tian), der Schutzgottheit des Zhou-Herrscherhauses, aus dem sich nach einer traumatischen Verlusterfahrung im 10. Jahrhundert v. Chr. und einer darauf folgenden Ritualrevolution der Begriff des Himmelsmandats (tianming) entwickelte.16

6. Die Raumordnungskonzeption nach den vier Himmelsrichtungen bildet sich bereits im Ausgang der Shang-Zeit, also vor mehr als 3000 Jahren17, und spiegelt sich im fengshui ebenso wie in Grabanlagen und im Städtebau.

Bei aller Unbestimmtheit und Vagheit gibt es daher so etwas wie eine chinesische Kultur, auf die sich eine weit gefächerte Bildungs- und Lebenswelt bezieht, zu der religiöse Institutionen wie buddhistische Klöster- und Mönchsvereinigungen und daoistische Priester ebenso gehören wie soziale Einrichtungen, darunter der Ahnenkult, und wirtschaftliche Umgangsformen. So macht die Teilhabe an Ordnung stiftenden Sinnsystemen die Einzelnen zu Mitgliedern der chinesischen Welt, eine Zugehörigkeit, die nicht zuletzt in der Wahl des Personennamens ihren Ausdruck findet. So konstituierte sich die Kontinuität einer chinesischen Identität, die auch vor der Rede von China als unbeschriebenem weißen Blatt, offen für neue schöne Schriftzeichen, nicht wich. Damit blieb die Geschichte – ob als Last oder mit Stolz empfunden – trotz aller Neuerung bis in die Gegenwart präsent und unverzichtbar.18 Dies wurde durch die Unterscheidung von Innen und Außen (nei/wai) bekräftigt, wobei die Grenze nach außen mal enger und mal weiter gezogen wurde und lange Zeit eher kulturell als territorial definiert wurde.19