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Frauen war es Jahrhunderte lang verwehrt, ärztlich und erst recht chirurgisch tätig zu sein. Sie mussten in Vergangenheit und Gegenwart viele Zurücksetzungen erfahren und brachten häufig persönliche Opfer, um gleichberechtigt mit ihren Kollegen zu sein. Der Chirurg Volker Klimpel beschreibt in seinem Buch erstmals ausführlich die wechselvolle Geschichte der weiblichen Emanzipation auf diesem Gebiet. Zugleich portraitiert er über 100 Chirurginnen von der Antike bis in die Neuzeit und erweist ihnen so die längst zustehende Reverenz.
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Volker Klimpel
Chirurginnen
Dr. Reinhard Kaden Verlag Heidelberg
Geleitwort
Das Gesundheitssystem in Deutschland und insbesondere DieChirurgie steht vor großen Herausforderungen hinsichtlich der Aufrechterhaltung der Patientenversorgung, sowohl unter qualitativen wie auch quantitativen Gesichtspunkten. Der Berufsverband der Deutschen Chirurgen (BDC) hatte bereits 2010 darauf hingewiesen, dass bis zum Jahr 2020 über 11 000 Chirurgen in Rente gehen werden, aber geschätzt ab 2010 nur jährlich 400 bis 600 junge Kolleginnen und Kollegen eine Facharztweiterbildung beginnen werden1. Dabei wird sich der Nachwuchs für DieChirurgie nur aus den Medizinstudium-Absolvierenden rekrutieren lassen, die heutzutage zu mehr als 60 Prozent weiblich sind.
Es ist bekannt, dass Rollenvorbilder Entscheidungen beeinflussen können und unter diesem Aspekt erfüllt das Buch eine wichtige Funktion. Es zeigt sowohl Biographien unter medizinhistorischen Aspekten, als auch die aktuelle berufliche Aktivität vieler chirurgisch tätiger Kolleginnen auf.
Das Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit bei der Erwähnung der chirurgisch tätigen Kolleginnen, sondern zeigt vielmehr die Facettenvielfalt des beruflichen Engagements in den verschiedenen Disziplinen und macht Kolleginnen und damit Rollenvorbilder sichtbar. Die kurzen biographischen Vorstellungen lassen in zahlreichen Fällen die vorhandenen Schwierigkeiten auf dem beruflichen Weg erahnen. Sie verdeutlichen aber auch, dass es den Kolleginnen gelungen ist, ihren beruflichen Weg in dem gewählten Fach zu gehen.
Ich hoffe, dass auch angehende Medizinerinnen dieses Buch entdecken und es sie bei der Entscheidung unterstützt, in diesem faszinierenden Beruf eine Facharztweiterbildung zu absolvieren.
Prof. Dr. med. Doris Henne-Bruns, Ulm
1 Ansorg JU (2010) Nachwuchsmangel und Nachwuchsförderung in der Chirurgie. <QI1>
Vorwort
Gibt es in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts noch eine „Frauenfrage“? Zweifellos ist das der Fall, wie ein Blick in die Nachrichten und täglichen Diskussionen zeigt. Es ist aber längst nicht mehr die sozial determinierte „Arbeiter- und Frauenfrage“ vom Beginn des Kampfes um die Gleichberechtigung im ausgehenden 19. Jahrhundert.
In der Chirurgie stellen wir fest, dass die Chirurginnen unaufhaltsam auf dem Vormarsch sind, dass ihre Entwicklung zu dem festen Platz hin, den sie heute in der Gesellschaft einnehmen, aber ein weißer Fleck geblieben ist auf dem Tableau der Geschichte der Chirurgie. So sahen Autor und Verlag die Zeit für gekommen, sich diesem Thema zuzuwenden, zumal Anzahl und Ansehen der Chirurginnen kontinuierlich steigen. Es sind Assistenzärztinnen, Fachärztinnen, Oberärztinnen, Chefärztinnen, Leiterinnen von Spezialabteilungen, Dozentinnen, Professorinnen und Ordinariae, die sich oft schon während des Studiums für die operativen Fächer begeisterten und sich durch nichts und niemanden davon abhalten ließen, diesen schweren, mit viel Stress verbundenen und mit so mancher Einschränkung im Privatleben einhergehenden Beruf zu ergreifen. Der viel zitierten Aussage, dass die Geschichte im Allgemeinen und die eines Fachgebietes im Besonderen immer auch Personalgeschichte ist, kommt hier eine besondere Bedeutung zu. Eine Auswahl unter den beeindruckenden Persönlichkeiten zu treffen, stellte eine nicht unerhebliche Herausforderung dar; sie musste zwangsläufig subjektiv und unvollständig bleiben. Ob sich die im Folgenden erwähnten Chirurginnen selbst als „Superfrauen“ sehen, sei dahingestellt. In jedem Fall aber haben sie Außergewöhnliches geleistet, um in einem der schwierigsten und anspruchsvollsten ärztlichen Berufe zu bestehen und gar Spitzenpositionen einzunehmen, wobei die unzähligen, hier nicht genannten Chirurginnen in Klinik und Praxis nicht vergessen werden sollten.
Der Verfasser bedankt sich sehr herzlich für das ihm vom Dr. Reinhard Kaden Verlag erwiesene Vertrauen und Entgegenkommen, allen voran Norbert Krämer, der als erfahrener Lektor aus seinem reichhaltigen Fundus schöpfen und viele Personalien ergänzen konnte; er hat das Werk in jeder nur erdenklichen Weise gefördert. Der Dank gilt auch dem Herstellungsleiter Christian Molter, der wie stets für eine gediegene Ausstattung und Drucklegung sorgte.
Dresden, im Herbst 2020
Volker Klimpel
Die „Verdrossenheit, sich mit Geschichte zu befassen, ist weitverbreitet, und die Meinung, es lohne sich nicht, die Zeit aufzuwenden, um sich Erkenntnisse der Vergangenheit anzueignen, wird kräftig kolportiert“ (Bruno Mariacher [3], S. 3–4). Hier soll nun, dies konterkarierend, versucht werden, einen ganz speziellen Teil der Kultur- und Menschheitsgeschichte sichtbar zu machen: Die Kunst und Wissenschaft der Chirurgie, ausgeübt von Frauen. Während es über den langen und dornenreichen Weg der Frauenemanzipation im Allgemeinen eine Fülle von Literatur gibt, trifft dies auf das Spezialgebiet der sogenannten weiblichen Chirurgie nicht zu. Ein zeitgenössischer Arzt und Publizist hat es mit folgenden Worten auf den Punkt gebracht: „Die Folianten der Chirurgiegeschichte künden überwiegend von männlichem Wirken, nur vereinzelt treten Frauen ins Rampenlicht. Und wenn sie Außerordentliches leisteten, fanden sie nur selten Chronisten, die von ihrer Tätigkeit in gebührendem Maße kündeten“ [36]. Man nehme eine Vielzahl medizinischer Lexika, Enzyklopädien oder Handbücher zur Hand und suche nach Chirurginnen – vergeblich [25, 27, 28, 43, 56, 92, 111, 120 u. v. a.]. Allenfalls stößt man auf Hildegard von Bingen, Justine Siegmundin, Dorothea Erxleben, Regina Siebold, Rahel Hirsch, Lydia Rabinowitsch-Kempner oder die Curies, alles nachgewiesenermaßen keine Chirurginnen. So ist es schon nicht mehr erstaunlich, sondern eher typisch, wenn man selbst die eben Genannten in einem ansonsten tiefschürfenden Werk vermisst: Kein Sterbenswörtchen über Frauen in der Medizin in der breitangelegten zweibändigen „Geschichte der Medizin“ des schweizerdeutschen Medizinhistorikers Charles Lichtenthaeler (1915–1993)! [79]. Und in der viel benutzten, aber dringend nach einer Überarbeitung heischenden zweiten Auflage von Hans Killians „Meister der Chirurgie“ findet man unter den knapp 200 Namen des Personenregisters nur zwei Frauen: Ursula Schmidt-Tintemann (s. u.) und Ilse Teubl, ehemalige Oberärztin des Departments Bluttransfusion und Serologie an der Chirurgischen Universitätsklinik Graz (S. 473–492 [56]). In dem aktuellen Wikipedia-Artikel über „Berühmte Chirurgen“ werden 42 Männer vorgestellt und keine einzige Frau! <QI2>
Dorothea Erxleben nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als sie die erste promovierte Ärztin in Deutschland war und schon 1742 in ihrer Dissertation mit dem Titel „Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studieren abhalten. Darin deren Unerheblichkeit gezeiget, und wie möglich, nötig und nützlich es sei, dass dieses Geschlecht der Gelahrtheit sich befleissige“ die hier zur Debatte stehende Problematik umriss. Erxleben damals: „Ich beschloss daher ernstlich, mich durch nichts vom Studium abhalten zu lassen und zu versuchen, wie weit ich in der Arzneygelahrtheit es bringen könnte. Zwar wusste ich wohl, dass es an solchen nicht fehle, die das Studieren des Frauenzimmers nicht nur tadeln, sondern auch auf eine recht niederträchtige und Gelehrten schlecht anstehende Weise durchziehen … ihr Gewäsche wird mich niemals verleiten, mir mein Studium gereuen zu lassen“. Es finden sich einige Ärztinnen unter den Erfinderinnen und Nobelpreisträgerinnen, aber Chirurginnen? Fehlanzeige! [31, 115]. Etwas ergiebiger sind da die US-Amerikaner Albert S. Lyons und Joseph Petrucelli mit ihrer 1980 ins Deutsche übersetzten „Geschichte der Medizin im Spiegel der Kunst“ [81] sowie der Chirurg und Medizinhistoriker Ira M. Rutkow in seinem großangelegten Werk „Surgery. An illustrated history“, das 1993 bei Mosby in St. Louis erschienen ist <QI3>.
Ganz anders heute. In der seit dem Jahre 2000 im Kaden Verlag Heidelberg, in dem auch dieses Buch herauskommt, erscheinenden Chirurgischen Allgemeinen Zeitung (CHAZ) sind in der Rubrik „Personalia“ weit über 100 Chirurginnen, vorwiegend in Führungspositionen, erwähnt, und diese Zahl nimmt ständig zu. In der gleichnamigen Rubrik der BDC-DGCH-Mitgliederzeitschrift Passion Chirurgie sind fast monatlich Chirurginnen zu finden. Nun ist es aber nicht so, dass man annehmen könnte, Frauen in der Chirurgie seien etwas ganz Neues. Schon der große Altvordere Abulkasim meinte um 1000 n. Chr., dass sich Frauen, die an Blasen- und Harnsteinen litten, vorzugsweise an weibliche Chirurgen wenden sollten. Damit war der Arzt aus Cordoba mitnichten der Erste und schon lange nicht der Einzige, der diese Forderung vertrat. Dem Leser soll etwas von dem Pioniergeist und der Kraft nahegebracht werden, mit dem die Frauen in Vergangenheit und Gegenwart ihr Ziel verfolgt haben, es in der operativen Krankenbehandlung den Männern gleichzutun. Im Überwinden von Widerständen haben sie es mit ihren männlichen Kollegen nicht nur aufgenommen, sondern diese in vielen Fällen sogar übertroffen. Immer in der Minderheit, geben die Chirurginnen, die hier pars pro toto stehen, Beispiele für die mühevolle und an Auseinandersetzungen reiche, letztlich erfolgreiche Durchsetzung ihres Berufsbildes (S. 9–12 [60]).
Der Verfasser ist in seiner chirurgischen Vergangenheit selbst einigen Chirurginnen begegnet, die einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben, sowohl in der sogenannten großen klinischen Chirurgie einschließlich der aufkommenden Spezialgebiete als auch im ambulanten Sektor. Überall haben sie „ihren Mann“ gestanden und Tag und Nacht Beachtliches geleistet, manche auch noch Zeit für wissenschaftliche Arbeit gefunden, unabhängig davon, ob sie Familie und Kinder hatten oder nicht. Und mehrheitlich war – in den 1960er bis 1980er Jahren in der DDR – im Klinik- und Poliklinikbereich keine Form irgendeiner Diskriminierung spürbar, jedenfalls nicht im Arbeitsbereich des Autors. Das mag längst nicht überall so gewesen sein; einige Protagonistinnen wissen Gegenteiliges zu berichten, bis in die Gegenwart hinein. Wenn schon keine Frau, keine Chirurgin, dieses Buch schreibt, so kommen sie im Kapitel Heute mehrfach zu Wort.
Vorgestern
Beginnen wir mit dem aus der Antike stammenden Symbolzeichen für die Frau. Es ist das Pallas-Zeichen und steht für Pallas Athene, die Göttin der Klugheit und Beschützerin der ärztlichen Kunst. Aber es steht auch für Feuer und Schwefel, für die Kampfeskunst und Kampfeslust … Die Vorstellung, die Frauen seien „das schwache Geschlecht“ und zu nichts anderem zu gebrauchen, als Beeren zu sammeln, zu kochen und Kinder zu gebären, ist im wahrsten Sinne des Wortes steinzeitlich – und falsch. Wann genau in der tiefen dunklen Vergangenheit die des Sammelns, Jagens, Holzfällens und Nähens kundigen Frauen sich um die schwangeren und gebärenden Geschlechtsgenossinnen oder um die Jagdverletzungen der Männer kümmerten, wissen wir nicht. Erst mit der Erforschung der alten Kulturen, sei es im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris oder sei es in jener Epoche, die wir landläufig als Antike bezeichnen, sind Dokumente und Sachzeugnisse über Ärztinnen überliefert. Dank archäologischer Forschungen wissen wir einiges über die Ärztinnen der Antike im weitesten Sinne und die Ausübung ihres Berufes. Bodenfunde, Grabreliefs und vor allem Grabbeigaben belegen das Wirken früher Ärztinnen, Zahnärztinnen, Chirurginnen und Hebammen. Sie machen diese als Personen fassbar und namhaft.
Zeichen der Pallas Athene, später in runder Form Symbol der Weiblichkeit.
Die ältesten Zeugnisse für Frauen im Arztberuf gehen auf das 4. Jahrhundert vor Christi Geburt zurück. Auf einem Grabrelief in dem kleinen Ort Menidi in Attika finden sich, etwa zur Zeit Alexander des Großen (356–323 v. Chr.), Name und Darstellung der Ärztin und Hebamme Phanostrate, umgeben von Kindern [74]. Um 100 v. Chr. besitzen die heilkundigen Frauen ihre eigene Berufsbezeichnung: iatriné, Ärztin (im Gegensatz zum männlichen iatrós, dem Arzt). Ein anderes Grabrelief ungefähr aus der gleichen Zeit zeigt die Ärztin Mousa mit einer Buchrolle in der Hand, ein Hinweis darauf, dass sie ihr Wissen durch Studium erworben hat [68]. Sogar eine römische Kaiserin soll Ärztin gewesen sein: Livia Drusill (58 v. Chr.–29 n. Chr.). Töchter von Ärzten und selbst Ärztinnen waren ferner Pantheia aus Pergamon und Antiochis von Tlos. Letztere wird noch Jahrhunderte später von Galen (130–210 n. Chr.) erwähnt (S. 197 [68]). „Chirurginnen gab es bei den Römern schon im 1. Jahrhundert [unserer Zeitrechnung]“, so der Archäologe Ernst Künzl (*1939) in einer seiner zahlreichen Arbeiten zum Thema [73]. Rasiermesser, Skalpelle, Sonden, Zangen, Nadeln, Schröpfköpfe, Löffel, Salbenplatten und anderes mehr, meistens aus Frauengräbern, legen Zeugnis ab von vielfältigen chirurgischen und geburtshilflichen therapeutischen Aktivitäten. Eine bescheidene Terrakotta-Grabplatte bildet die Hebamme Scribonia Attice (2. Jhdt. n. Chr.) bei ihrer Tätigkeit am Gebärstuhl ab. Rom wird zum Zentrum der Chirurgie in der Antike. Hier arbeiten Frauen in Praxen und Operationssälen mit Skalpell, Nadel und anderen Instrumenten [76].
Die Medizinschule von Salerno aus einer Abschrift des Canon medicinae des Avicenna
Aber auch außerhalb Roms, wenngleich unter dem Einfluss des Reiches stehend, sind Spuren der Chirurgie aus weiblicher Hand nachzuweisen: Im Grab einer Südspanierin zur Zeit vor Christi Geburt, in einem Grab in Strée/Belgien um 100 n. Chr., aus dem Hunsrück, aus Heidelberg-Neuenheim und Bernkastel-Wittlich, ebenfalls 1. Jahrhundert n. Chr. sowie aus Metz. Namen tauchen auf wie die der Ärztinnen Julia Sabina (Ancona, 2. Jhdt. n. Chr.), Asyllia Polla (Karthago) oder Metilia Donata (Lyon, 2. Jhdt. n. Chr.). Grabinschriften deuten auf chirurgische Gemeinschaftspraxen von Mann und Frau im alten Rom hin [75]. In Deutschland waren die auch auf heilkundlichem Gebiet tätigen Roswitha von Gandersheim (935–1002) und Hildegard von Bingen (1098–1179) mitnichten Chirurginnen. Unlängst wurde bei Ausgrabungen in Südjütland ein Frauengrab mit einer Trepansäge gefunden, was eine chirurgische Tätigkeit dieser Frau nahe legt – vor 1800 Jahren in der Eisenzeit! [CHAZ 20: 272 (2019)].
Grabrelief der Ärztin Mousa aus Byzanz (um 100 v. Chr.).
Grabrelief einer Ärztin aus Metz (1.–2. Jhdt. n. Chr.).
Einem Quantensprung gleich etablierte sich im 10. Jahrhundert mit der Schule von Salerno die wissenschaftliche Ausbildung von Ärztinnen – „Mulieres Salernitanae“ (S. 87–88 [88]). Männer und Frauen wurden gemeinsam unterrichtet. Viele Nachrichten sind legendär. Namhaft gemacht werden konnten die Ärztinnen Sigelgaita, Rebecca Guarna, Abella, Mercurias, Francesca Romana, Constanza Calenda, Dorothea Bocci und Trotula, die bekannteste von ihnen [71].
Magistra Hersend, auch „die Ärztin“ genannt, war eine französische Chirurgin, die König Ludwig IX. von Frankreich (1214–1270) auf dem siebenten Kreuzzug 1249 begleitete. Sie war eine von zwei Frauen, die als Leibärztinnen bzw. Leibchirurginnen anerkannt waren. Magistra Hersend war dem König, der Königin und ihrem Gefolge adjustiert. Sie hat, so die Überlieferung, später den Hofapotheker geheiratet und eine lebenslängliche Pension erhalten. Bis 1259 ist ihre Tätigkeit in Paris nachgewiesen <QI4>. Die zweite Frau als Chirurgin im Dienste König Louis IX. war Guillemette du Luys, die als „Phlebotomistin“ bekannt wurde <QI5>. Das war sehr ungewöhnlich für das 13. bis 15. Jahrhundert, als in England, Frankreich und Spanien Frauen als Chirurginnen nicht nur verpönt waren, sondern auch gerichtlich verfolgt worden sind. Ein Beispiel dafür war der Prozess gegen Peretta Peronne im Paris des frühen 15. Jahrhunderts. Sie hatte illegal praktiziert und ein Gewerbeschild als Chirurgin an ihrer Haustür angebracht. Trotz ihrer Behandlungserfolge wurde sie einer hochnotpeinlichen Befragung durch die Medizinische Fakultät und die Chirurgengilde von St. Cosmas und Damian in Paris unterzogen. Danach musste Peronne auf jegliche Werbung verzichten und sich demütigenden Einschränkungen unterwerfen. Der Druck der Bevölkerung war jedoch so groß, dass Madame Peronne stillschweigend als Chirurgin akzeptiert wurde <QI6>.
Zwischen 1273 und 1410 sollen in Neapel 24 Chirurginnen zugelassen gewesen sein. Im Königreich Neapel wurden den Frauen nach einem Examen vor dem Hofchirurgen die Lizenzen zur Berufsausübung als Chirurginnen verliehen. Aus den Akten sind u. a. bekannt Maria Gallicia, Lauretta, Clarice aus Foggia, Sibyl aus Benovento, Margarita aus Bitonto und Raymunda aus Taberna und deren Behandlungsspektrum. In Mainz wird ein weiblicher Arzt im Jahre 1288 erwähnt, in Frankfurt am Main half 1394 die Tochter eines Arztes verwundete Söldner zu (ver-)„arzten“. Ebenfalls aus Frankfurt am Main stammte eine jüdische Ärztin, die sich in Augenoperationen auskannte. In Würzburg praktizierte mit Erlaubnis des Fürstbischofs eine jüdische Ärztin namens Sarah und in Nürnberg waren 1486 bereits 23 „ehrbare Frauen“ zur Praxis medicinae et chirurgiae zugelassen [95]. Allerdings wurde es für die Frauen seit dem 14. Jahrhundert immer schwieriger, den Arztberuf zu ergreifen, und fast unmöglich, Chirurgin zu werden. Die medizinischen Fakultäten blieben ihnen verschlossen und rigorose Verbote der Kirche taten ein Übriges. Heinrich V. von England (1387–1422) verbot generell das Praktizieren von Frauen und drohte drastische Strafen an. Und Heinrich VIII. (1491–1547) verkündete, „dass kein Zimmermann, Schmied, Weber oder Frauen eine chirurgische Operation durchführen“ durfte. Eine interessante Kombination … In Paris standen 1322 fünf Frauen unter Anklage des unerlaubten Praktizierens. Kronzeuge der Anklage war der Chirurg Johann von Padua, Wortführerin der Beklagten Jacqueline Felice de Almania, die argumentierte, Frauen würden von einer Ärztin besser behandelt, weil sie auch „Brüste, Bauch und Füße“ untersuchen könnte, was dem männlichen Arzt verwehrt war. Acht Zeuginnen unterstützten sie, doch das Gericht entschied – natürlich – zugunsten der Männer und verurteilte Felice de Almania und fünf andere Ärztinnen zur Exkommunikation. Damit hatten die Frauen noch Glück, die Strafe hätte viel schlimmer ausgehen können (S. 29 [24]). Die ausgeprägte Frauenfeindlichkeit im Mittelalter bezog ihre Rechtfertigung daraus, dass eine Frau, nämlich Eva, den Sündenfall der Menschheit verursacht habe. In diesem Geiste wurden Traktate verbreitet, in denen die Frau gleich nach der Schlange kam und mit dieser in Verbindung gebracht wurde, denn „Frauen sind zum größten Teil giftige Geschöpfe“ [117].
Ein Ausweg führte über die Tätigkeit als Hebamme oder als Gehilfin bei Badern und Wundärzten, wobei eine eventuelle Übernahme des Geschäftes des Ehemannes möglich war. Die Frauen, sofern sie als „ehrbar“ erachtet worden waren, wurden in die Innungen und Zünfte eingegliedert, mussten Prüfungen ablegen und den Handwerkseid schwören (S. 197 [68]). Eine von ihnen war Agathe Streicher (1520–1581) in Ulm, die von ihrem Bruder, einem Wundarzt, ausgebildet und später von der Stadt angestellt worden ist (s. biogr. Teil) [70]. Es verwundert nicht, dass auch der Reformator Martin Luther (1483–1546) im Geschlechterkampf herangezogen wurde mit seinem Ausspruch: „Es ist kein Rock noch Kleid, das einer Frau oder Jungfrauen über anstehet, als wenn sie klug sein will“.
Auch ein Blick in fernere Regionen zeigt die absolute Dominanz des männlichen Geschlechts im Arztberuf. Sei es in Ägypten oder im sonstigen Arabien, in Mesopotamien, Tibet oder Mexiko – alles Kulturen auf hohem Niveau – überall ist ausschließlich von Männern die Rede, die die Heilkunst betreiben. Auch in Japan wird erst im 19. Jahrhundert unter dem Einfluss der europäischen Medizin in Einzelfällen möglich, dass Frauen chirurgisch tätig sind (s. „Porträts“).
Gestern
Jahrhundertelang sah es trübe aus für Frauen in der Medizin, insbesondere in der Chirurgie. Es gab – in der Antike und im frühen Mittelalter – schon einmal bessere Zeiten. Auch das Zeitalter der Aufklärung, von dem man es dem Namen nach eigentlich hätte erwarten können und das nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) langsam einzusetzen begann und bis um 1800 andauerte, brachte keine Besserung hinsichtlich der Emanzipation der Frauen im Allgemeinen und in der Heilkunde im Besonderen. Die Strukturen blieben patriarchalisch, und auch mit einsetzender Industrialisierung täuscht der Eindruck nicht, dass Niedertracht, wie sie schon Dorothea Erxleben geißelte, Prüderie, vorgeschobene psycho-physische Gründe und durchaus auch Futterneid der männlichen Kollegen den Eintritt von Frauen in die medizinische Welt erschwerten, wenn nicht gar unmöglich machten.
Außerhalb Deutschlands war man da schon etwas weiter. Wenngleich es auch dort nicht ohne Kämpfe abging. In den USA verhinderten zum Beispiel männliche Studenten in Boston zunächst, dass ihre Kommilitonin Harriot Hunt (1805–1875) Vorlesungen besuchte. In ihrem Protest heißt es u. a.: „Es sei beschlossen, dass keine Frau von wahrem Zartgefühl willens wäre, in Gegenwart von Männern der Erörterung von Gegenständen zu lauschen, die bei Studenten der Medizin zwangsläufig zur Sprache kommen. Es sei beschlossen, dass wir gegen die uns aufgedrängte Gesellschaft eines jeglichen weiblichen Wesens sind, das gesinnt ist, sein Geschlecht zu verleugnen und durch gemeinsames Auftreten mit Männern im Hörsaal seine Sittsamkeit zu opfern“ (zit. n. [81] S. 565–569). Man meinte, die Heilkunde, besonders da, wo sie sich mit sexuellen Dingen befasste, sei für Frauen ein unziemlicher Gegenstand des Interesses. Mit Hilfe ihres Dekans, des berühmten Oliver Wendell Holmes (1809–1894), wurde Miss Hunt dann doch noch in der Harvard School of Medicine aufgenommen und machte ihren Weg. Die fest in Männerhand befindliche „American Medical Association“ stellte 1871 fest: „Noch eine Krankheit ist epidemisch geworden. Die ‚Frauenfrage’ ist in Bezug auf die Medizin nur eine der Formen, in denen die ‚pestis mulieribus’ die Welt verdrießt … steckt die Massen mit ihrem Gift an und dringt selbst durch den dreifachen Erzring, die des Politikers Herz umgibt“ (S. 571 [81]). Das war alles andere als ironisch gemeint. Und doch war es Amerika, wo die ersten Frauen Medizin studierten und promovierten: Elizabeth Blackwell (1821–1910) 1849 in New York und ihre Schwester Emily Blackwell (1826–1910) 1854 in Cleveland/Ohio. Letztere stand als Privatassistentin des Gynäkologen James Young Simpson (1811–1870) eine Zeit lang in enger Beziehung zur operativen Medizin und wurde dann zur Frauen- und Kinderärztin.
Elizabeth Blackwell operiert
Hier ist auch die Britin Sophia Jex-Blake (1840–1912) zu erwähnen, die um 1870 an der Universität von Edinburgh erlebte, wie männliche Studenten den Hörsaal verbarrikadierten und die Einlass begehrenden Frauen mit Schmutz bewarfen und beschimpften. Als die Frauen den Hörsaal erreichten, trafen sie auf Schafe und Bemerkungen, dass nun auch „niedrige Tiere“ nicht mehr von den Vorlesungen ausgeschlossen seien. Jex-Blake setzte ihre Studien bei Elizabeth Blackwell in New York fort, gründete später in Edinburgh eine eigene Medizinische Schule, an der wiederum nach 1899 auch Blackwell lehrte (S. 100–101 [97]). Zulassungen zum Medizinstudium gab es für Frauen seit 1833 in den USA, 1863 in Frankreich, 1864 in der Schweiz, 1896 in England und 1878 in Holland. Bei aller Fortschrittlichkeit der Medizin in den USA dauerte es immerhin bis 1981, als sich die Chirurginnen in der „Association of Women Surgeons“ organisierten.
„Madam Mapp“ – Satirische Darstellung einer Londoner Chirurgin, die vor allem Knocheneinrenkerin war, von William Hogarth (1697–1764).
Zurück auf den alten Kontinent. Mit einer Ausnahmegenehmigung ihres Schwagers Elias von Siebold (1775–1828), seines Zeichens Hofacchoucheur und Lehrer der Geburtshilfe, durfte Josepha von Siebold verw. Heiland (1771–1849) in Würzburg Medizin und Geburtshilfe studieren, musste dabei die Vorlesungen abgeschirmt hinter einem Vorhang hören. Nach einem vierstündigen, „mit Bravour“ bestandenen Examen vor dem Darmstädter Medizinalkollegium erhielt sie ihre Zulassung als Ärztin und praktizierte zusammen mit ihrem Ehemann Dr. med. Damian von Siebold (1768–1828) in Darmstadt. 1815 verlieh ihr die Universität Gießen die Ehrendoktorwürde für Geburtshilfe. Josepha von Siebolds älteste Tochter Charlotte von Siebold-Heiland (1788–1859) promovierte sogar regulär 1817 in Göttingen und trat in die Praxis ihrer Mutter ein. Sie berichtete aus ihrem Studium von dem berühmten Professor der Geburtshilfe, Johann Friedrich Osiander (1759–1822), der sich in typisch männlicher Weise äußerte: „… ich glaubte nie, dass beim Unterricht charakterloser Weiber und Mädchen viel Erfreuliches herauskomme … Das Schwangerwerden steht ihnen auf jeden Fall besser an, als über Schwangerschaft zu schreiben“ (zit. n. [45] S. 111). Als 53-Jährige heiratete sie einen 14 Jahre jüngeren Mann – was für ein Skandal! Charlotte von Siebold, nun verehelichte Heidenreich, gehörte zum Geburtshelferteam, das 1819 Prinzessin Alexandrine Victoria, die spätere Königin Victoria von England (1819–1901), zur Welt brachte <QI7>.
Das mögen Ausnahmen gewesen sein, die aber schon das Streben um Frauenbildung und Frauenstudium ansatzweise erkennen lassen. Noch im Jahr 1872 verstieg sich der Münchner Anatomieprofessor Theodor von Bischoff (1807–1882) zu der Behauptung, die Frau sei geistig minderwertig, weil ihr Gehirngewicht geringer sei als das des Mannes und das Weib somit „in seiner ganzen Organisation einen minder hohen Entwicklungsgrad erreicht hat und in allen Beziehungen dem Kinde näher steht als der Mann“ [13]. Im Fachjargon nannte man das ernsthaft den „Hirnbeweis“. v. Bischoff stand als „Befürworter und Beschützer des natürlichen Berufes der Frau, nämlich Hausfrau, Gattin und Mutter zu sein“ nicht allein. Eine stattliche Phalanx von Universitätsprofessoren und Ordinarien hatte sich geradezu gegen „studierte Frauen“ verschworen. Der Berliner Anatom Wilhelm Waldeyer (1836–1921) zählte ebenso dazu wie sein Kollege von der Pathologie, Johannes Orth (1847–1923), der Nachfolger Rudolf Virchows. Orth wörtlich: „Man denke sich nur die junge Dame im Seziersaal mit Messer und Pincette vor der gänzlich entblößten männlichen Leiche sitzen und Muskeln oder Gefäße und Nerven oder Eingeweide präparieren, man denke sie sich die Leichenöffnung eines Mannes oder einer Frau machen und zur notwendigen Aufklärung der Krankheitserscheinungen die Beckenorgane mit allem was dazu gehört, untersuchen … man berücksichtige, dass das alles in Gegenwart der männlichen Studenten vor sich geht, dass die männlichen wie die weiblichen in der ersten Zeit der Mannbarkeit stehen, wo die Erregung der Sinnlichkeit ganz besonders leicht und gefahrvoll ist, – man stelle sich das einmal so recht lebhaft vor und dann sage man, ob man junge weibliche Angehörige der eigenen Familie in solchen Verhältnissen sehen möchte! Ich sage nein und abermals nein!“ [57]. Wie krank war das denn – Erotik im Angesicht der Formaldehyd-Leichen?! Der medizinische Enzyklopädist Julius Leopold Pagel (1851–1912) hoffte, dass „diese ganze absonderliche Bewegung bald der Vergangenheit angehört“ und ließ sich zu der Äußerung hinreißen: „Nur in einer Beziehung ist für mich die ‚ Ärztin‘ diskutabel: nämlich als Helferin für die Krankenküche!“.2 Selbst für einen so gebildeten Mann wie Pagel schien mit der Gleichberechtigung der Frau „das Ende der Welt“ gekommen [91]. In das gleiche Horn stieß Professor Ernst von Leyden (1832–1910), Ordinarius für Innere Medizin in Straßburg und Berlin, indem er meinte, dass die physischen Kräfte der Frau geringer seien als die des Mannes, ebenso wie die geistige Begabung der Frau im Durchschnitt geringer sei als die des Mannes. Allerorten wurde die generelle Forderung nach Zulassung von Frauen zum Studium an deutschen Universitäten noch im März 1891 mit „ungeheurer Heiterkeit“ quittiert <QI8>.
Medizinstudentinnen bei der Sektion (um 1900, vermutlich USA).
Heute
Die Zeiten, als im Operationssaal die Instrumentierschwester, diese oft eine gestrenge Ordensfrau, die Patientin auf dem Operationstisch und vielleicht noch eine sogenannte Unsterile die einzigen weiblichen Personen waren, sind längst vorbei. Und doch gibt es noch immer Vorbehalte gegen Frauen in der Chirurgie, wie manche Fundstücke zeigen. „Frauen haben in der Chirurgie nichts verloren!“ soll noch 1970 im Wiener Allgemeinen Krankenhaus ein chirurgischer Ordinarius ausgerufen haben. Hier fügt sich folgende Szenerie ein: Auf einem großen Gruppenfoto aller Professoren der Wiener Medizinischen Fakultät von 1975 sind 80 Personen abgelichtet, darunter nur drei Frauen, und von denen sind die Professorinnen Erna Lesky (1911–1986), Kinderärztin und Medizinhistorikerin, und Astrid Kafka-Lützow (*1937), die Physiologin, zu identifizieren, also keine Chirurgin [108].
Oder an eine Assistentin gerichtet: „Oh, Sie sind jung und hübsch und könnten sich einen Zahnarzt angeln … Was wollen Sie dann noch Chirurgin werden?“ Auch war manches Mal zu hören „Was will die Puppe hier?“, wenn sich eine Frau in der Chirurgie bewarb. Für die Kolleginnen oft eine Gratwanderung zwischen Himmel und Hölle <QI11>. Das verwundert wenig, wenn man bedenkt, dass noch in den 1950er und 1960er Jahren die Frauen in der Bundesrepublik Deutschland die Erlaubnis des Ehemanns einholen mussten, wenn sie beispielsweise die Fahrerlaubnis erwerben oder gar berufstätig sein wollten. Das war der sogenannte Gehorsamsparagraph (§ 1354 BGB)! Erst 1977 beendete eine Gesetzesnovelle diese „Hausfrauenehe“ und Frauen konnten ohne Einwilligung des Mannes ein Bankkonto eröffnen oder eine Arbeitsstelle antreten. Im anderen deutschen Staat, der DDR, bedurfte es dessen nicht. Seit 1950 waren die Frauen de facto und de jure gleichberechtigt, wobei Anspruch und Wirklichkeit nicht immer übereinstimmten [52].
Karikatur von Marie Marcks
Noch 1961 stellte der damalige Rektor der Medizinischen Akademie Erfurt die damals ernst gemeinte Frage: „Man sollte überlegen, ob man nicht mehr Männer als Frauen zum Medizinstudium zulassen sollte“.6 Der Anteil von Frauen in der Chirurgie lag um 1964 in der DDR unter zehn Prozent.
Ein kurzer Blick ins Fotoarchiv zeigt auf einem Schnappschuss von 1956 die Mitarbeiter der Chirurgischen Akademie-Klinik Erfurt unter Professor Egbert Schwarz (1890–1966). Unter 19 Chirurgen befinden sich immerhin drei Assistenzärztinnen, deren Namen und Werdegang allerdings nicht bekannt sind [114]. Da wir gerade in Thüringen sind: In der Gründungsgeschichte der Thüringischen Gesellschaft für Chirurgie wird 1947 als Gründungsmitglied „Frau Dr. Hellwig“ aus Jena genannt, es handelt sich um Dr. med. habil. Ingeborg Hellwig, Schülerin und Oberärztin von Nikolai Guleke (1878–1958)7.
Porträts
Dieses Kapitel ist Chirurginnen gewidmet, die nicht mehr unter uns weilen. Ihre alphabetisch angeordneten Biographien umfassen sowohl deutsche als auch ausländische Chirurginnen und vermitteln einen Eindruck von dem Pioniergeist, von der Kraft und Beharrlichkeit jener Generationen, ohne die die heutige „weibliche Chirurgie“ nicht denkbar ist. Die Lebensläufe waren immer eingebettet in die Zeit, in der sie stattfanden. Die benutzten Quellen sind unterschiedlicher Art und werden hier nur kursorisch erwähnt. Sie speisen sich aus Nekrologen, aus biographischen Lexika, aus „Wikipedia – Die freie Enzyklopädie“, aus persönlichen Mitteilungen und last but not least aus dem Internet-Portal „Famous Female Surgeons“. Die Auswahl, jenseits jeglicher Vollständigkeit, enthält berühmte Namen, aber auch weniger bekannte und unbekannte.
Noch am Ende ihres über 40-jährigen Arbeitslebens an der Chirurgischen Klinik der FSJ Jena wurde Gisela Adam, geboren am 24. März 1940 in Jena, vor eine Aufgabe gestellt, die sie sich nicht gewünscht hatte und die alles andere als angenehm war: Als 2003 der Verdacht auf Unregelmäßigkeiten bei Organtransplantationen aufkam und der Klinikdirektor suspendiert wurde, musste Frau Adam das Amt kommissarisch übernehmen. Sie hat diese Aufgabe mit Umsicht gemeistert und ist dann in die Stabsstelle der Ärztlichen Direktion als OP-Managerin gewechselt. Studiert und promoviert hatte sie an ihrer Heimatuniversität, die chirurgische Ausbildung noch bei Heinrich Kuntzen (1893–1977) begonnen und dann bei Theo Becker (1916–1991) abgeschlossen. Aus Liebe zur Kinderchirurgie absolvierte Gisela Adam noch eine zweite Facharztausbildung bei Herbert Schickedanz (*1928), dem ersten Ordinarius für Kinderchirurgie an der Universität Jena. Sie habilitierte auf diesem Gebiet, war Oberärztin und kehrte wieder in die Allgemeinchirurgie zurück. 1990 wurde Frau Dr. Adam zur stellvertretenden Direktorin der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie ernannt und 1991 C3-Professorin. Gisela Adam ist immer in Jena geblieben, hat ihr Leben der Chirurgie gewidmet und nicht geheiratet. Die viele Zeit, die sie mit und am Patienten verbrachte, war für sie kein Opfer, sondern eine Selbstverständlichkeit. Im Hörsaal und am OP-Tisch „blühte sie auf“ [86]. In der 1991 neu gegründeten Landesärztekammer Thüringen engagierte sich Prof. Adam im Vorstand. Für ihre Verdienste erhielt sich die Ludwig-Pfeiffer-Medaille19 der thüringischen LÄK. Die Emerita (seit 2006) verstarb am 13. August 2016 in Jena. Derzeit ist die Jenenser Kinderchirurgie wieder mit einer Frau besetzt: Prof. Felicitas Eckoldt-Wolke.
Agnodike (auch: Hagnodike) lebte im 3. Jahrhundert v. Chr. in Athen. Zu ihr führen die frühesten Spuren weiblicher Heilkunst. Sie als Chirurgin zu bezeichnen, ist vielleicht nicht ganz korrekt, wenngleich sie als Geburtshelferin von der Episiotomie bis zur Nabel(Schnur-)Behandlung bei Neugeborenen semi-chirurgische Handlungen vollzogen hat. Vieles aus den Überlieferungen zu Agnodike wird von den Gelehrten ins Reich der Legenden verwiesen, so auch, dass sie Schülerin des alexandrinischen Arztes Herophilos von Chalkedon (um 290 v. Chr.) gewesen sei [84]. Zu den mehr oder weniger gesicherten Fakten zählt, dass Agnodike in Männerkleidung studierte und ärztlich tätig war (wie später Bulkley-Barry und Edwards Walker, s. u.), da in Athen Sklaven und Frauen das Erlernen und Ausüben der Heilkunst streng untersagt war. Als sie sich einigen ihrer Patientinnen – sie behandelte fast nur Frauen – offenbarte, wurde sie von Neidern – und das waren nun ausnahmslos Männer und Kollegen – denunziert und verurteilt. Der Todesstrafe entging sie nur dadurch, dass sich einflussreiche Athener Frauen für sie einsetzten, mit der Folge, dass künftig auch frei geborene Frauen ärztlich ausgebildet und tätig werden durften <QI30>. In diesem Zusammenhang ist die griechisch-römische Ärztin Aspasia zu erwähnen, die im 2. Jahrhundert n. Chr. als Gynäkologin und Chirurgin tätig war (S. 93, 95 [97]).
Else Ahuis geb. Schlüter wurde am 26. Juli 1906 geboren, der Ort konnte nicht ermittelt werden. Fräulein20 Schlüter hatte an der Münsteraner Wilhelms-Universität studiert und promoviert, wurde dort 1932 als Ärztin approbiert und heiratete im selben Jahr den Chirurgen Hermann Ahuis (1902–1958). Im Reichs-Medizinal-Kalender ist sie bis etwa 1945 als „Chirurgin und Bahnärztin“ verzeichnet; 1939 soll sie ohne ärztliche Tätigkeit gewesen sein. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof von Emden-Tholenswehr; sie war am 19. Oktober 1982 in Emden verstorben [4, 9].
Die schwedische Chirurgin Maria Lovisa Åhrberg kam am 17. Mai 1801 in Uppsala zur Welt und verstarb am 26. März 1881 in Stockholm. Seit 1870 war sie der erste anerkannte „weibliche Doktor“ ihres Landes, lange bevor dort das Frauenstudium offiziell zugelassen war. Louisas Vater war Verwalter an der ortsansässigen Universität, die weiblichen Vorfahren waren in der Krankenpflege und Volksmedizin zu Hause. Louisa begleitete ihre Mutter häufig in Krankenhäuser und erwarb sich ihr medizinisches Wissen durch Zuschauen und praktische Handreichungen („Learning by doing“). Nach Stockholm übergesiedelt, arbeitete sie zunächst als Hausmädchen und besaß die Neigung, immer Kranken und Verletzten helfen zu wollen. Sie wagte sich an Wunden und Knochenbrüche, gab bei inneren Leiden pflanzliche Mittel. Da sie darin sehr erfolgreich war, vertrauten sich ihr immer mehr Hilfesuchende an. Das war in jener Zeit nicht ungewöhnlich, eine „Doctoress“ ohne Hochschulstudium zu sein, es war aber ohne Lizenz stets eine Gratwanderung für die Betreffende zwischen Bewunderung und Gefängnis. Es gelang Lovisa Åhrberg wie nur wenigen, sich vom Image einer Quacksalberin zu befreien und zu einer angesehenen Ärztin aufzusteigen, die sogar Eingang in die Literatur fand [12]. 1871 zog sich Lovisa Åhrberg fast erblindet aus ihrer Praxis zurück, ein Jahr bevor es in Schweden Frauen erlaubt wurde zu studieren. Karolina Widerström (1856–1949) erhielt als erste Frau einen staatlich anerkannten medizinischen Abschluss. Sie ist Gynäkologin geworden <QI31>.
Louisa Aldrich-Blake war eine der ersten britischen Frauen, „die die Welt der Medizin eroberten“. Die Tochter eines Geistlichen wurde am 5. August 1865 in Chingford/Essex geboren, wuchs in Wales auf, absolvierte 1893 die Royal Free Hospital School of Medicine for Women, also eine reine Frauenhochschule, und erlangte an der Universität von London den Titel eines Doktors der Medizin und Chirurgie. Als erste Frau des Königreiches wurde sie Fachärztin für Chirurgie. Am Elizabeth-Garrett-Anderson-Hospital21 in London arbeitete sie als Oberärztin. Im ersten Weltkrieg leitete Frau Aldrich-Blake eine Abteilung von Chirurginnen und wurde beratende Hospitalchirurgin. Ihre erste Ausbildungseinrichtung, die Royal Free Hospital School, hatte sie 1914 zur Dekanin berufen. 1925 wurde sie in den Adelsstand erhoben und durfte sich fortan Dame Louisa Aldrich-Blake nennen. Mit Krebsoperationen an Rektum und Zervix hat sie chirurgisches Neuland beschritten. Nirgendwo wird jedoch erwähnt, ob Dr. Aldrich-Blake verheiratet gewesen ist. Auch die Ursache ihres am 28. Dezember 1925 eingetretenen Todes, da war sie 60 Jahre alt, ist unbekannt <QI32>.
Lilian Helen Alexander
