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Chorleitung bedeutet seinen Sängern durch verbale und nonverbale Mittel mitzuteilen, was man von ihnen erwartet, und die Umstände zu schaffen, dass sie diese Erwartungen erfüllen wollen und können. Ein Profichor könnte auch ohne Dirigenten noch verhältnismäßig gut singen. Im Laienchor brauchen die Sänger ihren Chorleiter, um als Chor überhaupt zu funktionieren. Dieses Buch soll ein ständiger Begleiter und Ratgeber für jeden Laienchorleiter jeden Niveaus sein, denn das Leiten und Dirigieren eines Laienchores sind ein Handwerk — ein erlernbares Handwerk mit eigenen Techniken, Arbeitswegen und Methoden ein Produkt herzustellen: Einen glücklichen, erfolgreichen und produktiven Chor. Dies ist kein theoretisches Buch — alle beschriebenen Wege können unabhängig vom Niveau, auf jeden Chor zugeschnitten angewendet werden. Es ist für den Anfänger bis zum studierten Profi geschrieben. Denn wo es dem Anfänger an Sachkompetenz fehlt, fehlt es dem Profi häufig an Sozialkompetenz. Für beides bietet das Buch Handlungsanweisungen, Tipps und Vorschläge, die die Arbeit und den Umgang mit einem Laienchor optimieren. Hunderte Paragrafen beschreiben die Proben-/Konzertvorbereitung, deren Durchführung und die Psychologie hinter dem Laienchorleiten. Das geschieht humorvoll, motivierend, schnodderig, auffordernd, ehrlich, formal und provozierend, um schlicht emotionale Reaktionen hervorzurufen. So kommt es zur Auseinandersetzung und Reflektion der eigenen Methoden und damit begründet zu Änderungen oder Bestätigung — das ist Coaching.
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Seitenzahl: 1792
Veröffentlichungsjahr: 2021
Philip Lehmann
Chorleiter-Coaching
1004 Wege dich, dein Dirigieren und deinen Laienchor zu optimieren
© 2021 Philip Lehmann (www.musicfactory-21.com)
Umschlag, Illustration: Katharina Lob (www.katharina-lob.de)
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-347-32419-0
Hardcover
978-3-347-32420-6
e-Book
978-3-347-32421-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
die Rationalisierung der Emotion durch Kaizen
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
Vorwort
Einleitung
Alphabetischer Inhaltsteil
Danksagung
Index
Vorbemerkung
Ich werde dich liebe Kollegin, lieber Kollege in diesem Buch duzen. Wir werden gemeinsam derart ans Eingemachte gehen, dass ich es unhöflich finden würde dich zu Siezen.
Dieses Buch zeigt dir, dass Leiten und Dirigieren eines Laienchores ein Handwerk sind – ein erlernbares Handwerk mit eigenen Techniken, Arbeitswegen und Methoden ein Produkt herzustellen: Einen glücklichen, erfolgreichen und produktiven Chor.
Das Wort Laienchor definiert nur einen Chor, der aus Sängern besteht, die fürs Singen kein Geld bekommen. Über seine Qualität sagt das Wort nichts aus. Eine tiefere Differenzierung ist terminologisch nicht möglich.
Trotzdem behandelt dieses Buch nahezu alle Aspekte der Laienchorleitung, da es spezifische Merkmale gibt, die ihn fundamental vom Profichor unterscheidet.
Diese Merkmale und Arbeitsweisen wirst du in keinem mir bekannten Studium oder Chorleitungskurs lernen, weil du sie nur durch Praxis und Reflexion erfahren kannst. Einen Teil dieser Arbeit nehme ich dir hiermit ab, indem ich dir meine Erfahrung und Reflexion mitteile.
Ich coache dich – ich unterrichte dich nicht. Ich möchte nicht, dass du etwas unreflektiert annimmst – ich möchte, dass du dich mit der Sache auseinandersetzt.
Alles was ich dir an Lösungswegen vorschlage begründe ich, ohne dir die Lösungen aufzuzwingen. Nur weil etwas mein Weg ist, muss es nicht deiner sein. Ich bin sehr meinungsstark – meine Meinungen sind aber immer begründet. Ich helfe dir so deine Arbeitsweise und deinen Umgang mit deinem Chor und deinen Sängern zu überdenken.
Dieses Buch soll ein ständiger Begleiter und Ratgeber für jeden Laienchorleiter jeden Niveaus sein können. Sollte dir dies nicht ausreichen biete ich dir weitere Wege:
www.chorleiter-coaching.de
Buche mich für dich und deinen Chor. Lasse dich aktiv oder passiv coachen.
www.chor-mediation.de
Wenn der chorinterne Haussegen schief hängt, kann ich vermitteln.
www.chorleiter-stammtisch.org
Das kostenlose und ausdrücklich anonyme Forum für Chorleiter, alle deine Fragen und alle Antworten, die du anderen geben möchtest.
2. Auflage
2027 werde ich eine 2. Auflage dieses Buches herausbringen. Dies werde ich unabhängig von den Verkaufszahlen tun. Ich habe (verständlicherweise) keinen Verlag gefunden, der mir nach 5 Jahren alle Verlagsrechte wiedergibt, und damit garantiert eine 2. und überarbeitete Auflage ermöglicht.
Deshalb musste ich den Weg über einen Book-on-Demand-Anbieter wählen, der mir erlaubt alleiniger Rechteinhaber zu bleiben. Ich darf mich so (z.B. im Forum) auch selbst zitieren und es gibt keine zahlenmäßige Auflage – das Buch wird also nie vergriffen sein.
Da dieses Buch außerdem zum größten Teil auf reflektierter Erfahrung basiert und ich in den nächsten Jahren noch viel dazulernen, bzw. auch im Austausch mit Kollegen (dir!) neue Probleme und Lösungswege kennen lernen werde, ist eine Überarbeitung und Ergänzung des vorliegenden Materials nur konsequent und auch in deinem Sinne.
Einleitung
Laienchorleitung
Laienchorleitung ist ein schöner Beruf – ob haupt- oder nebenberuflich.
Leider sind alle mir bekannten Lehrformate für Laienchorleitung nicht realitätsnah, da sie schlicht nicht auf die Arbeit mit Laienchören ausgerichtet sind.
Das Hauptproblem: Die Schüler und Studenten müssen sich in den praktischen Übungen nur mit Kommilitonen oder Kollegen auseinandersetzen.
Der Laienchorleiter ist im Gegensatz zum Dirigenten eines professionellen Chores oder Orchesters kein kleines Rädchen im System, sondern maßgeblich für die Qualität, die Ausrichtung und Zufriedenheit der Sänger seines Chores verantwortlich.
Er ist das Zentrum um das sich alles dreht.
Mit deiner Qualität steht und fällt die des Chores. Du hast dadurch signifikant mehr Macht als deine ‚professionellen‘ Kollegen – aber damit auch mehr Verantwortung.
Deshalb muss bei jedem Fehler des Chores oder im Ablauf die Frage von dir an dich gehen, was du falsch gemacht hast. In deiner verantwortungsvollen Position hast du zuerst zu fragen was du besser machen kannst, bevor du fragst, was die anderen besser machen können. Das ist nicht einfach – den Weg dahin zeige ich dir.
Im Laienbereich besteht ein ganz anderes Vertrauensverhältnis zwischen Chor und Sänger als im Profibereich. Profisänger wissen, wann sie falsch gesungen haben. Sie brauchen keine Stimmbildungstipps. Sie müssen nicht auf eine gute Haltung hingewiesen werden. Mit ihnen musst du keine Töne pauken oder die Intonationsgrundsätzlichkeiten klären. Dort bist du für die musikalische Gestaltung zuständig. Mehr nicht. Du bist absolut ersetzbar.
Ein Profichor könnte auch ohne Dirigenten noch verhältnismäßig gut singen.
Im Laienchor brauchen die Sänger dich, um als Chor überhaupt zu funktionieren.
Du wirst diese Machtposition aber nur gut ausfüllen können, wenn die Sänger ihre Unterwürfigkeitsposition nicht spüren, sondern das Gefühl bekommen, Anteil an der Entstehung der Musik zu haben. Auch hierfür lernst du Techniken in diesem Buch.
Dirigieren ist keine Zauberei.
Man kann es (eine gewisse Führungspersönlichkeit vorausgesetzt) lernen.
Woran viele von uns scheitern ist der Glaube, dass Dirigieren im Laienbereich, wie im Studium gelernt, einfache Mathematik ist: Wenn ich das mache/fordere, passiert das.
Bei den Profis ist das auch (meistens) so. Ich sage: „Takt 25 leiser“ oder zeige das sogar nur an, und es passiert. Dirigieren im Laienbereich ist aber höhere Mathematik – es ist Wahrscheinlichkeitsrechnung. Wenn ich das mache, passiert wahrscheinlichdas.
Leider gehen alle mir bekannten Dirigierschulen von höchst willigen und fähigen Sängern aus. Wir alle wissen aber, dass dem nicht so ist.
Dieses Buch schließt somit die Lücke zwischen dem technischen Dirigieren und dem Leiten einer Gruppe von musikalischen Laien jeden Niveaus.
Es ist für den Anfänger bis zum studierten Profi geschrieben.
Denn wo es dem Anfänger an Sachkompetenz fehlt, fehlt es dem Profi an Sozialkompetenz. Für beides bietet das Buch Handlungsanweisungen, Tipps und Vorschläge, die die Arbeit und den Umgang mit einem Laienchor optimieren.
Es hilft dir ein Dienstleister an deinen Sängern und deinem Chor zu werden, ohne daran kaputt zu gehen. Du wirst schließlich einen funktionierenden Chor, zufriedenere Sänger und bessere Konzerte erreichen.
Der Fisch fängt immer am Kopf an zu stinken. Deshalb musst du dich selbst ändern, bevor sich dein Chor ändern kann: zufrieden werden und bereit sein immer dazu zu lernen.
Dieses Buch wird dir leider ohne Eigenleistung nicht helfen können. Ich zeige dir zwar eine Menge Wege, wie du deine Arbeit effektiver gestalten kannst und weniger Probleme bekommst, aber kein Chor gleicht dem anderen. Einige Tipps funktionieren bei jedem Chor und gehören quasi zum Grundrepertoire, bzw. zu deinem Fundament.
Viele Wege musst du aber erst versuchsweise beschreiten, um herauszufinden, ob sie etwas für deinen Chor sind oder nicht und ob sie etwas für dich sind.
Wenn du nicht bereit bist deine Arbeit und deinen Chor zu reflektieren, brauchst du im Prinzip nicht mehr weiterlesen.
Die Rationalisierung der Emotion
Alle Menschen in allen Kulturkreisen singen.
Leider ist in der Historie zum großen Teil nur der sakrale Gesang aufgezeichnet worden.
Auch aus dem griechischen Theater gibt es nur rudimentäre Überlieferungen.
Das Volkslied gab es schon immer. Es wurde aber nur mündlich überliefert.
Ein singender Mensch tut dies nicht um anderen zu gefallen – er tut dies für sich selbst.
Er tut es, um seine Arbeit erträglicher zu machen. Ein Kind in den Schlaf zu wiegen. Seine Freude auszudrücken, seine Wut, aber auch seine Angst (der Pfeifer im Walde).
Singen und Emotion sind untrennbar miteinander verbunden – auch im Chor.
Singen ist damit immer intrinsisch und emotional. Deshalb hat der singende Laie das Gefühl er gebe etwas Intimes von sich preis.
Es ist die Aufgabe des Chorleiters diese Verbindung zur tiefen Emotionalität konstruktiv und sensibel aufzubrechen, um das Singen für den Sänger zu einer steuerbaren und formbaren Tätigkeit werden zu lassen.
Er muss die Emotionen rationalisieren.
Ein Chorsänger, der sich mit seinem Individualgesang einer Gruppe unterordnen soll, braucht eine Führung, die ihn in seiner emotionalen Ausdrucksweise nicht verkrüppelt, sondern ihm Werkzeuge gibt seine singende Ausdrucksweise zum Wohl der Gruppe, und zu seinem eigenen, zu steuern.
Ein schlechter Laienchorleiter wird seine Sänger wie bezahlte Profis behandeln, deren emotionale Bindung zum Chor und zu der Musik nicht an erster Stelle stehen müssen.
Ein guter Laienchorleiter wird in dem Verständnis um die emotionale Heterogenität seiner Sänger Wege finden diese zu homogenisieren und die meisten seiner Sänger emotional in dieselbe Richtung zu bewegen.
Dies wird er aber nur schaffen, wenn er selbst rational bleibt, ohne kalt zu sein.
Er muss fühlender Mensch bleiben. Seine Methodik und Didaktik darf trotzdem nur von klaren Gedanken und Rechtfertigungsfähigkeit (nicht Rechtfertigungszwang) geprägt sein. Er muss sich immer erklären können, ohne es zu müssen. Nur wenn er auf eine eigene unsachliche Meinung verzichtet, ist er für jeden Sänger ansprechbar.
Sein Profil ist darüber definiert – es gibt keine Überraschungen.
Coaching
Dies ist ein Coachingbuch. Es setzt voraus, dass du schon einige Zeit einen Chor leitest.
Coaching ist Interaktion. Du und ich finden deine Lösung.
Das ist mit einem Buch natürlich nicht zu leisten.
Wenn du es falsch machen willst, nimmst du dir ein paar markige Sprüche und ein paar Probenmethoden aus dem Buch, setzt sie um, erzählst von ihnen und ersetzt mit ihnen eine praktische Wirkung. – Denn du tust ja schon was. Du änderst dich ja. Problem erkannt – Gefahr gebannt – aber nur punktuell.
Der richtige Weg ist, niemandem zu erzählen, was du anders machst. Mach es einfach. Sei du selbst und finde deinen Weg. Nur du kannst auf ihm gehen.
Ich gebe dir kleine Hilfsmittel und Wegweiser, soweit es ohne einen persönlichen Kontakt möglich ist. Ich zeige dir Alternativen. Du musst dir deinen Weg selbst suchen.
Wenn du dich aber entscheidest auf dem Weg zu bleiben, den du jetzt gerade gehst, dann tust du es über die Auseinandersetzung mit meinen begründeten Vorschlägen informiert und selbstbegründet.
Es kann sein, dass dir die Hälfte der Tipps nichts bringen, da sie nicht zu deiner Lebenssituation passen, dir oder deinem Chor.
Das bedeutet aber, dass du diese Tipps reflektiert, und dich informiert gegen ihre Umsetzung entschieden hast. Das ist eben so viel Wert wie ihre Umsetzung.
Wenn dir persönliche Änderung schwerfällt, wirst du versucht sein wegen einzelner Dinge, die du nicht umsetzen kannst, alles an diesem Buch für nicht umsetzbar zu halten. Dann hast du das Ziel leider missverstanden. Solange du eine informierte Entscheidung triffst, ist sie korrekt – für dich.
Ein Beispiel: Ich würde niemals vor der Probe ein gutes Essen zu mir nehmen.
Du möchtest vielleicht nicht darauf verzichten mit deiner Familie zu Abend zu essen.
Es zu tun oder zu lassen hat Vor- und Nachteile. So lange du dann in der Probe nicht rumjaulst, wie schwer doch dein Magen ist, sondern zufrieden an das schöne gemeinsame Essen denkst und mit dem vollen Magen trotzdem deine Arbeit machen kannst (oder gerade weil, da du nun keine Schuldgefühle gegenüber deiner Familie hast) ist alles ok. Dein Weg – mein Ziel: Gute Probe durch zufriedenen Chor und Chorleiter.
Eventuell wusstest du gar nicht, dass es da noch andere Wege gibt, wo du immer schön geradeaus gegangen bist. Eventuell warst du zu faul oder einfach uninformiert. Vielleicht dachtest du, du gehst den richtigen Weg. Vielleicht gehst du auch deinen richtigen Weg. Dann weißt du das jetzt auch und denkst es nicht nur. Das ist das Ziel dieses Buches.
Ich will dich dazu bringen, dass du dich für deinen Weg entscheidest.
Ich gebe ihn dir nicht vor. Ich zeige dir nur welche Wege du gehen kannst und welche Wege ich für die besseren halte. Den Weg gehen musst du selbst.
Sehr häufig wirst du bei Aufzählungen „etc.“ oder „usw.“ lesen. Das liegt weniger daran, dass mir nichts mehr einfällt, als eher, dass meine Aufzählung eine Basis definieren soll, auf der du die Liste aus deiner Erfahrung und Situation heraus weiterführen kannst.
Dieses Buch ist ein Werkzeugkasten. Ich gebe dir in ihm Werkzeuge, um deine Aufgabe zu erfüllen. Es ist aber deine Aufgabe die Werkzeuge aus dem Kasten zu nehmen.
Du hast die Wahl: Schaust du einmal in den Kasten und stellst ihn dann in die Ecke, oder wirst du für die entsprechende Situation das richtige Werkzeug nutzen? Für manche Situationen wirst du kein Werkzeug finden, aber du wirst dir dann dein eigenes bauen können.
Ich werde damit deine Resilienz fördern.
Durch Techniken und durch Wissen wirst du ruhiger und so mit einer gesunden Spannung deinen Chor führen können. Die Probleme, die dich vorher emotional berührt haben bleiben bestehen – du lernst aber einen gesunden Umgang mit ihnen.
Coaching kann nur individuell geschehen. Ich habe auf den letzten 2 Seiten auf unterschiedlichste Weise erklärt, dass du deinen Weg finden musst und ich dir dabei helfen werde. Diese Wiederholung eines Grundthemas mit anderen Worten und Beispielen ist eines der Grundprinzipien dieses Buches. Ich möchte dich abhängig von deiner Lebens- und Arbeitssituation ansprechen.
Kaizen
Kaizen – gesprochen mit stimmhaftem „s“; jap. kai „Veränderung, Wandel“, zen „zum Besseren“; „Veränderung zum Besseren“, bezeichnet sowohl eine japanische Lebens- und Arbeitsphilosophie als auch ein methodisches Konzept, in deren Zentrum das Streben nach kontinuierlicher und unendlicher Verbesserung steht.
Die Verbesserung erfolgt in einer schrittweisen, punktuellen Perfektionierung oder Optimierung eines Produktes oder Prozesses.
Im engeren Sinne ist eine stetig-inkrementelle Verbesserung gemeint, in die Führungskräfte, wie Mitarbeiter, einbezogen werden.
Gemäß der Philosophie des Kaizen weist nicht die sprunghafte Verbesserung durch Innovation, sondern die schrittweise erfolgende Perfektionierung des bewährten Produkts den Weg zum Erfolg. Dabei wird davon ausgegangen, dass der wirtschaftliche Erfolg das Ergebnis von Produkten und Dienstleistungen ist, die mit ausgezeichneter Qualität höchste Kundenzufriedenheit erzielen.
Aus dieser Überzeugung leitet sich die stetige Suche nach Verbesserung auf allen Ebenen eines Unternehmens als Kernfunktion eines Kaizen-Programms bzw. kontinuierlichen Verbesserungsprozesses (KVP) ab.
Dazu gehören zum Beispiel:
• Perfektionierung des betrieblichen Vorschlagswesens
• Investition in die Weiterbildung der Mitarbeiter
• Mitarbeiterorientierte Führung
• Prozessorientierung
• Einführung eines Qualitätsmanagements
Insgesamt soll durch Kaizen bzw. durch einen KVP eine höhere Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen erreicht werden, was zu einer stetigen Verbesserung der Wettbewerbsposition beitragen soll. Eine nicht-kontinuierliche, sondern sprunghafte Verbesserung wird auch als Re-Engineering bezeichnet.
[Seite „Kaizen“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 11. Februar 2020, 07:23 UTC.
URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kaizen&oldid=196713312 (Abgerufen: 25. März 2020, 06:26 UTC)]
Um Kaizen auf einen Chor zu übertragen, muss man den Chor als Produkt erkennen.
Das mag sich technisch anhören, vor allem da der Laienchor an sich auf Emotionen aufgebaut ist. Damit diese aber möglich werden ist es deine Aufgabe als Chorleiter diese Emotionen zuerst zu rationalisieren.
Dieses Buch wird, ohne es weiterhin explizit zu erwähnen die 5 Grundlagen des Kaizen auf die Leitung eines Laienchores übertragen. Sie sind meine Handlungsgrundlagen.
An ihnen orientiere ich mich.
1. Prozessorientierung
Zu häufig leiten wir unseren Chor ausschließlich ergebnisorientiert (Auftritt).
Aber nur über die Analyse der Probe, dem Aufarbeiten und folgendem Ziehen von Konsequenzen wirst du ein gutes Ergebnis nachhaltig erhalten und damit wiederholen können.
Frage nicht: „War dieser Auftritt gut/schlecht?“
Sondern: „Was habe ich dafür getan, dass der Auftritt gut war, und was kann ich davon zum Standard für das Proben anderer Stücke machen?“
Später erst: „Was war nicht gut und was ist mein Anteil daran?“
2. Kundenorientierung
Kaizen bedeutet die Unterteilung in interne und externe Kunden.
Externe Kunden sind in erster Linie die Zuhörer.
Wenn ich ständig Stücke singen lasse, die keiner hören will/
wenn ich schlechte Pressearbeit mache und somit keiner von Auftritten weiß/ wenn ich die Eintrittspreise zu hoch ansetze/
wenn ich meinen Chor ungenügend vorbereite und die Auftritte schlecht sind/ etc., dann darf ich mich nicht beschweren, wenn meine externen Kunden von meiner Existenz nichts wissen oder unzufrieden sind und meine Konzerte nicht besuchen.
Interne Kunden sind deine Chorsänger.
Nur wenn du verstehst, dass du ohne Sänger kein Dirigent bist, kannst du erfolgreich einen Laienchor leiten. Sie müssen nämlich nicht bei dir bleiben.
Du verkaufst ihnen ein Produkt: Dich und den Inhalt, den du bietest.
Zur Qualitätssicherung musst du bei deinen internen Kunden ansetzen.
Wenn deine internen Kunden zufrieden sind (mit dir, deiner Probenarbeit, deiner Programmauswahl, deiner Menschlichkeit und Führungsstärke), dann werden auch die externen Kunden glücklich und zufrieden. Ich habe noch nie erlebt, dass Zuhörer mit einem Chor und seiner Leistung unzufrieden waren, wenn der Chor selbst stolz auf seine Leistung und Qualität war, weil er 100% seiner Möglichkeiten abrufen und präsentieren konnte.
3. Qualitätsorientierung
Nur wenn du dich ständig weiterbildest und jeden Fehler als Chance zum Lernen verstehst, wirst du besser und damit auch dein Chor. In diesem Beruf wirst du ewig lernen und deine Standards ständig anpassen müssen. Deshalb funktioniert die Denkweise des Kaizens in der Chorleitung so gut.
Dein Chor besteht aus einer heterogenen Masse von Menschen, dessen Zusammensetzung und Stimmung einem ständigen Wandel unterworfen ist.
Wenn du meinst bei einer Dirigiermethode bleiben zu können, ohne über ihre Optimierung nachdenken zu müssen, bist du nicht qualitätsorientiert.
Die Qualitätsorientierung kann sich nur über eine ständige Anpassung an die Situation und den unbedingten Willen zur Optimierung der Prozesse äußern.
4. Kritikorientierung
Im Kaizen wird Kritik als Chance zur ständigen Verbesserung gesehen.
Kritik ist ein Hinterfragen. Hinterfragt werden die Abläufe die funktionieren, um aus ihnen zumindest kurzzeitig Standards zu machen.
Hinterfragt werden die Abläufe die nicht funktionieren, um sie zu verbessern.
Dies kannst du nicht allein.
Deshalb wird im Kaizen Kritik von Mitarbeitern gewünscht und gefördert.
Deine Sänger müssen sich trauen dich und deine Arbeit zu kritisieren. Das kann nerven. Du wirst aber bald lernen alles, was du tust, erklären zu können.
Das wird dir eine tiefe innere Ruhe geben und dich gleichzeitig in einen positiven Spannungszustand versetzen, der Gleichgültigkeit verhindert.
Wenn du alles begründen kannst, wirst du vorher darüber nachgedacht haben und keine emotionalen Entscheidungen treffen. Du wirst deine Arbeit rationalisiert haben.
Wenn du vorher kritisiert wurdest, wurden emotionale Entscheidungen von dir kritisiert. Du wurdest kritisiert. Hast du dann emotional reagiert, trauten sich Sänger nicht mehr dich zu kritisieren. Das bedeutet Stillstand.
Wird dagegen eine rationale Entscheidung von dir kritisiert, wird eine Begründung kritisiert, über die diskutiert werden kann. So wird ein Ablauf verbessert werden.
Du darfst nur selten persönliche Entscheidungen treffen – du musst logische und durchdachte Entscheidungen treffen, die du begründen kannst.
Das beinhaltet auch die Vorbereitung der Probe.
Gewöhne dir diesen Zyklus an:
• Planung (Vorbereitung der Probe/Konzert/Programmauswahl)
• Tätigkeit (Probe/Auftritt)
• Kontrolle (was war gut – nicht gut)
• Verbesserung
So analysierst und verbesserst du dich und deinen Chor ständig. Das schaffst du allerdings nur mit Hilfe der Selbstreflexion und der sachlichen Kritik und Auseinandersetzung mit deinen Sängern.
Nur wenn du deine Arbeitsweise begründen kannst, dich nicht primär von Emotionen steuern lässt und deinen Sängern die Werkzeuge – also die Technik und das Wissen – gibst, um gut zu singen und das eigene Singen objektiv analysieren zu können, werdet ihr alle kritikfähig.
Nur so kannst du mit deinen Sängern auf einer Sachebene diskutieren und ihre Meinungen, die ja dann auch begründet sein müssen und dürfen, annehmen.
„Ich will das so!“ ist keine Begründung.
5. Standardisierung
Wenn du eine Verbesserung für einen Detail oder einen systematischen Ablauf wie z.B. dein „Run for Cover“ (s.a.) gefunden hast, versuche dies zu formulieren.
Nichts anderes ist dieses Buch.
Es ist meine Auseinandersetzung mit Kaizen in Verbindung mit der Chorleitung.
Im Gegensatz zu Fabriken oder Produktionsprozessen in der Automobilindustrie, wo Kaizen häufig zur Anwendung kommt, ist ein Chor ein lebendiges Produkt, das ständiger Veränderung unterliegt.
Es ist trotzdem sehr wichtig sich Standards anzueignen, auf die man im Notfall zurückgreifen kann. Gleichzeitig müssen diese Standards kaizengetreu ständiger Anpassung unterliegen.
Kaizen bedeutet, dass alle Menschen im Chor nach ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten in die Abläufe eingebunden werden.
Die meisten Chorleiter müssen lernen zu delegieren.
Delegieren heißt Vertrauen zu haben und Menschenkenntnis zu besitzen.
Nur dieses Delegieren, indem Verantwortung unter denen verteilt wird, die sie übernehmen wollen und können, sorgt für Zufriedenheit und bessere Qualität.
Solange du bewusst Verantwortung abgibst, aber auch Rechenschaft einforderst und diese Haltung nach außen aktiv vertrittst, wird niemand auf die Idee kommen, du würdest es aus Unvermögen oder Faulheit tun.
Lenke unmusikalische Abläufe im Hintergrund durch Delegieren und musikalische kommunizierend diktatorisch.
Schlussbemerkungen
Habe ich ein Thema vergessen?
Habe ich eine Frage nicht beantwortet?
Habe ich ein Problem nicht ausführlich genug behandelt?
Hast du selbst bessere Lösungen oder Erfahrungen die anderen helfen können?
Schreibe mir eine Mail unter [email protected] oder nutze (besser) das Forum www.chorleiter-stammtisch.org.
Ich möchte gerne mit dir in Kontakt treten.
Beachte hiermit auch den rechtlichen Hinweis, dass ich im Jahr 2027 eine überarbeitete 2. Auflage dieses Buches herausbringen werde. Diese wird durch Zuschriften und im Forum besprochene Probleme, die ich (soweit es mir möglich ist) anonymisiere und verfremde, erweitert, um Kolleginnen und Kollegen noch besser helfen zu können.
Warnung: Jede Kontaktaufnahme mit mir kann dazu führen, dass in der nächsten Auflage ein von uns besprochenes Problem (und seine Lösung) auftaucht.
Bitte versteh das nicht falsch: Ich will niemanden ausbooten oder vorführen. Ich kann mir aber jetzt schon nur mit klaren Hinweisen in meinen Notizen merken, welche Situationen ich selbst erlebt habe und welche mir von anderer Seite zugetragen wurden.
Mit einem gewissen zeitlichen Abstand verschwimmen die Details, vor allem wenn sie mich emotional berühren.
Kontaktiere mich also mit Fragen und/oder Anregungen nur, wenn du damit grundsätzlich einverstanden bist.
Dieses Buch herauszubringen ist für mich ein Minusgeschäft (fiskal – nicht nur in Bezug auf unbezahlte Arbeitszeit). Ich tue dies nur, um dir und anderen zu helfen.
Ich wünsche dir viel Erfolg und hoffe, ich kann dir helfen deine Arbeit noch besser und befriedigender für alle zu gestalten.
Philip Lehmann
A
A-capella proben
Ich erreiche durch das unbegleitete Proben (reines a-capella), dass meine Chorsänger mehr auf andere Stimmen hören, als sie es in Chören tun, die in den Proben durch ein Klavier begleitet werden. Sie singen deshalb nachhaltig besser zusammen.
Ich erreiche dies auch dadurch, dass ich alle Stimmen die Melodie lernen lasse – da diese ja zu begleiten ist (s.a. Bewusstes Begleiten) – und durch unterschiedliche Choraufstellungen (s.a.) in der Probe – gemischt, im Kreis, Reihen, Quartette, etc.
So singen die Sänger im Auftritt im schlimmsten Fall abhängig von ihrem Nachbarn – der sie stützt oder irritiert – gut oder schlecht, aber niemals abhängig von einem Instrument, das in der Auftrittssituation nicht da ist. (s.a. Wahrnehmungshierarchie)
Ich kann immer identifizieren, ob ein Chor mit oder ohne Klavier geprobt wurde.
Die mit Klavier geprobten Sänger fangen im Auftritt an zu ‚schwimmen‘, weil man ihnen den Boden (das Fundament – das Instrument) unter den Füßen weggezogen hat und sie sich allein fühlen. Sie haben nicht gelernt mit ihren Mitsängern zu singen und nicht gelernt diese als Fundament zu verstehen und zu spüren. (s.a. Überflüssig und stolz darauf!)
Aber selbst wenn ein Chor ein begleitetes Stück singt, wird die Akustik im Konzertraum immer anders sein als im Probenraum, bzw. das Klavier steht nicht frontal vor dem Chor oder ein Orchester wird nicht dieselbe Hilfe sein wie ein Klavier, etc.
Wie häufig habe ich schon Kollegen proben hören: „Und euren Ton spielt euch nachher die Bratsche vor…hört ihr?“ – Vom Klavierklang bis zum Bratschenklang ist es selbst für mein Gehör ein weiter Weg… Als wenn das jemals einem Sänger geholfen hätte…
Das bedeutet, dass die Sänger das ihnen so wichtig gewordene Instrument eventuell gar nicht hören können und dann unsicher singen.
Auch begleitete Stücke probe ich also in den Grundlagen a-capella und erst am Schluss der Proben mit Instrumentarium. Ich probe so mit Oratorienchören, Kirchenchören, Kantoreien und sogar mit Gospelchören, die nachher immer mit Band, Schlagzeug und/oder Klavier singen.
Es ist ein durchaus berechtigter Vergleich: Der Pianist probt seine Töne auch erst zuhause und spielt dann vorbereitet mit dem Chor zusammen.
Genauso sollte auch ein Chor geprobt werden: Die Töne und musikalischen Grundsätzlichkeiten a-capella vorbereiten, um dann das Stück mit dem Instrumentarium zusammenzusetzen.
So können die Sänger die Stücke gut singen, ohne von der Akustik des Konzertraumes und damit – je nach Standort – von der verschieden wahrnehmbaren Instrumentalbegleitung abhängig zu sein.
Die Ausrede, dass Chöre schon in der ersten Probenphase die Begleitstimmen vom Klavier hören müssen, um musikalisch singen zu können, ist scheinheilig. Der Chor kommt vermeintlich schneller zum Ergebnis – das Ergebnis ist aber auf einem Fundament aufgebaut, das der Sänger im Konzert eventuell nicht mehr hat:
Denk dir den Chor, der in einem akustisch trockenen Probenraum geprobt hat – d.h. der Klang des Klaviers ist sehr direkt und präzise wahrnehmbar.
Nun geht es an die Generalprobe mit Orchester. Du hast deinem Chor vielleicht noch gesagt: „An dieser Stelle müsst ihr präzise mit dem Orchester zusammen singen. Wir proben das jetzt mal!“
Die Generalprobe findet aber leider in einer großen und halligen Kirche statt.
Na, das wird präzise…
Bisher hat es noch kein Kollege geschafft mir bei den klassischen Werken fundiert zu begründen, warum er in der Probe das Klavier braucht.
Es ist Faulheit oder Unwissenheit, weil man mit viel weniger pädagogischen und methodischen Tricks (und somit Eigenleistung) mit seinem Chor schneller zum Ziel kommt: einem vermeintlich guten Chorklang.
Im Laienbereich hat dieser im Konzert allerdings nur wenig Bestand.
Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, aber einen Chor, der nur mit Klavier probt und dann ad hoc einmal mit und dann direkt danach ohne Klavier dasselbe Stück vergleichsweise gut singt, habe ich noch nicht getroffen – nicht einmal im Profibereich. Deshalb wird bei den echten Profis auch nicht mit Klavier geprobt. •
(s.a. Klavier in der Probe; Pianist und Organist sind nicht immer Mist aber manchmal)
Abgelenkt
Du kannst dich nur um andere kümmern, wenn du nicht mit dir selbst beschäftigt bist.
Bist du in einer Probe durch persönliche Probleme gehemmt, musst du diese vor der Probe aktiv und bewusst auf später verschieben, damit du ganz bei dir sein kannst.
Du kannst während der Probe eh nichts ändern.
Wenn dich etwas zu sehr belastet, wie z.B. ein Trauerfall in der Familie, ist es immer besser die Probe abzusagen. •
Abgrundsgründe
Probleme, die zum Sacken der Intonation führen:
• Dunkle Vokale ohne Vokalausgleich (s.a.).
• Geschlossener Mund, dadurch Kehle zu (in der Höhe), dadurch gepresst (kann bei Tenören auch zu zu hohen Tönen führen) – dadurch fehlt die Flexibilität bei Tonsprüngen und der Zielton wird nicht erreicht.
• Kopf zu tief auf der Brust und damit gequetschte Kehle.
(s.a. Horizontschauen; Notenhaltung im Konzert (Sänger))
• Tonsprünge aufwärts werden von unten angesteuert und nicht von oben.
Mein Bild dazu: Eier von oben aus dem Regal nehmen und nicht versuchen durch das Regalbrett dranzukommen.
• Kehliger Klang – kein Sänger darf mit dem berühmten Gähngefühl oder mit der heißen Kartoffel singen – das führt sonst dazu, dass der Ton im Hals bleibt und nicht vorne sitzt. Vor allem in der Tiefe wird das immer zum Sacken führen.
• Diphthonge (s.a.) werden zu früh geschlossen.
• Das Hauptproblem ist und bleibt aber, dass Intervalle aufwärts zu klein, abwärts zu groß genommen werden.
Grundregel: Intervalle aufwärts müssen weit und nach unten eng gesungen (tiefer Ton aufgefangen) werden.
Begründung: Aufwärts wird der Ton mit zu wenig Energie hochgeführt und abwärts wird der Ton/die Energie fallen gelassen.
Mein Bild dazu: Wenn man einen heißen Topf mit Suppe vom Herd hochhebt wird man das mit Energie tun (Ton rauf).
Noch wichtiger ist aber den Topf beim Absetzen nicht fallen zu lassen, sondern zur Herdplatte zu führen (Töne abwärts). •
(s.a. Absturzversicherung; Intonationsgrundsätzlichkeiten; Jeder Chor sackt; Sacken; u.v.m.)
Abilene-Paradox
Der Begriff „Abilene-Paradox“ wurde 1974 von Jerry B. Harvey, Professor für Betriebswirtschaft an der George Washington University, in seinem Artikel The Abilene Paradox and other Meditations on Management eingeführt. Der Name nimmt Bezug auf eine Anekdote, anhand der Harvey das Paradox veranschaulicht:
An einem heißen Nachmittag spielt eine Familie in Coleman (Texas) auf einer Terrasse Domino, als der Schwiegervater vorschlägt, zum Abendessen ins 53 Meilen nördlich gelegene Abilene zu fahren. Die Frau sagt: „Das klingt nach einer guten Idee.“
Obwohl er Bedenken wegen der langen Fahrt und der Hitze hat, denkt der Ehemann, er müsse seine Interessen für die Gruppe zurückstellen und sagt: „Klingt für mich auch gut. Ich hoffe nur deine Mutter will mitfahren.“ Die Schwiegermutter sagt: „Natürlich will ich fahren. Ich war schon lange nicht mehr in Abilene.“
Die Fahrt ist lang, heiß und staubig. Als sie in der Cafeteria ankommen, ist das Essen genau so schlecht wie die Fahrt. Vier Stunden später kommen sie völlig erschöpft wieder nachhause.
Einer von ihnen sagt unehrlich: „Es war ein toller Ausflug, oder nicht?“
Die Schwiegermutter sagt, sie wäre in Wahrheit lieber zuhause geblieben, sei aber mitgekommen, weil die anderen drei so begeistert waren.
Der Mann sagt: „Ich war nicht begeistert, das zu tun, was wir taten. Ich wollte nur den Rest von euch zufriedenstellen.“
Die Frau sagt: „Ich bin auch nur mitgekommen, um euch glücklich zu machen. Ich hätte verrückt gewesen sein müssen, um in der Hitze nach draußen gehen zu wollen.“
Der Schwiegervater sagt schließlich, er hätte den Vorschlag nur gemacht, weil er dachte, die anderen seien gelangweilt gewesen.
Die ganze Gruppe ist verblüfft, dass sie beschlossen haben, einen Ausflug zu machen, den keiner von ihnen wollte. Sie hätten es alle vorgezogen, gemütlich zuhause zu bleiben, wollten es aber nicht eingestehen, als noch Zeit dazu war.
[Seite „Abilene-Paradox“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 2. März 2019, 19:10 UTC.
URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Abilene-Paradox&oldid=186192954 (Abgerufen: 1. Februar 2020, 15:08 UTC)]
Es steht eine Entscheidung an (z.B. für eine Chorfahrt oder die Abstimmung über die Machbarkeit eines bestimmten großen Werkes).
Alle stimmen für die Chorfahrt, obwohl sie keiner oder nur eine Minderheit machen will.
Genauso wie das große Werk.
Im Abilene-Paradox glauben alle Gruppenmitglieder, dass sie jeweils die einzige Person sind, die etwas gegen einen Vorschlag hat und wollen sich nicht gegen die Gruppe stellen. Es genügt schon eine Person, die überzeugt einen Vorschlag macht, um alle anderen mit ins Boot zu nehmen, obwohl die dazu überhaupt keine Lust haben.
Grundsätzlich verhindern lässt sich diese Dynamik nicht. Du musst aber um sie wissen und kannst ihr in der Situation entgegenwirken – und das solltest du dringendst!
Stell dir vor, du präsentierst deinem Chor, dass du für die nächsten 2 Jahre keine Konzerte mehr machen, sondern mit ihm nur die Johannes-Passion von Bach einstudieren willst (schwachsinnige Idee!).
Darauf reagiert ein Sänger sehr enthusiastisch und findet das toll.
Nun sind es du und dieser Sänger, also die Gruppenleitung und einer aus der Gruppe, die für den Vorschlag sind. Von dir wird auch keine Alternative angeboten.
Bei ungesunder Gruppendynamik denken darauf die anderen Sänger, dass das wohl auch alle anderen gut finden und wollen sich nicht gegen die Gruppe stellen. Je nachdem, wie überzeugend und überzeugt von der Richtigkeit deiner zweijährigen Probenphase du das Vorhaben präsentiert hast, ist das nicht so unrealistisch wie es sich gerade liest.
Im Kleinen findet das dauernd statt. Im Großen kann es deinen Chor zerstören.
In diesem Beispiel musst du von jetzt an zwei Jahre eine Gruppe von Lustlosen durchschleppen. Das schaffst du nicht. Du kannst das Problem aber leicht umschiffen:
Einerseits solltest du anonym abstimmen lassen. (s.a. Abstimmen; Meinungsbild)
Andererseits musst du bei großen Entscheidungen eine offene Diskussion fördern und fordern. Auch wenn du von deinem Plan überzeugt bist, kannst du diesen nur mit deinem Chor ausführen. Also musst du dir im Zweifelsfall sogar Gegenargumente überlegen (hier z.B.: keine Konzerteinnahmen in den zwei Jahren/Außenwahrnehmung kann leiden, weil öffentlich wirksame Auftritte fehlen).
Es müssen nicht mal starke Gegenargumente sein – sie müssen nur ausgesprochen werden, um eine Opposition möglich zu machen. (s.a. Konformitätsdruck; Tendenziöse Fragestellung)
Handelt es sich um (für diesen Chor) ‚abnormale‘ Vorschläge, solltest du dir in jedem Fall eine Alternative, bzw. einen Kompromiss ausdenken und den Chor nicht nur in „ja“ und „nein“ Fraktionen aufspalten (hier z.B. ‚nur‘ 1 Jahr Proben, aber am Schluss eine intensive Probenwoche in den Ferien).
Grundregel: Du brauchst eine Diskussion vor einschneidenden Entscheidungen und musst mit offenen Karten spielen. Nur so wirst du später auf den demokratischen Prozess hinweisen können und damit überzeugen. Wenn dein Projekt wirklich so toll ist wie du denkst, der Chor es aber nicht will, dann heißt das nicht, dass sie dir nicht vertrauen, oder das Projekt grundsätzlich schlecht ist.
Es passt halt nicht zu diesem Chor.
Fordere von deinem Chor Widerspruch. Das macht in dem Moment Arbeit – wenn du es lässt, hast du aber später mehr Arbeit. Einen Chor habe ich bisher wegen dem Abilene-Paradox untergehen sehen. Das ist kein Spaß und kein Hirngespinst. Verhindere es mit dem einfachen Mittel dir selbst Opposition zu sein, wenn es kein anderer sein will. •
Absagen
Wenn du direkte Absagen von Sängern einforderst (per E-Mail (s.a.)/WhatsApp (s.a.)/SMS an dich), denke daran immer darauf zu reagieren:
• bei Krankheit mit einem „Gute Besserung“.
• ohne Begründung für das Fehlen mit einem „Alles klar“ oder „Schade“.
Sonst werden die Sänger diese Maßnahme nicht lange akzeptieren.
Begründe die Einforderung einer persönlichen Absage deinem Chor damit, dass du deine Probe planen willst und bei Absage von 2 deiner 3 Tenöre anders proben musst, als wenn du sie alle in der Probe hättest. Wenn du deine Probe ordentlich planst, ist das auch die Wahrheit. (s.a. Probendisposition)
Wichtiger ist es aber vor dem ganzen Chor als informiert dazustehen.
Sänger, die abgesagt haben, schreibe ich mir in meinen Probenplan (s.a.) mit ihrer gegebenen Begründung. So kann ich immer auf eine Rückfrage („Wo ist Jonny?“) antworten, und es fällt jedem auf, wenn ich es nicht kann – die Person hat sich dann nicht abgemeldet und gegen den Ehrenkodex verstoßen. Weiterhin ist diese Maßnahme eine zusätzliche Hürde, die deine Sänger davon abhält, der Probe fernzubleiben. Denn sie haben das Gefühl für dich wichtig zu sein und scheuen den Konflikt.
Anwesenheitslisten (s.a.) sind so auch keine Gängelung, sondern ein weiterer Punkt, wo der Sänger gerne glänzen möchte und über seine Unterschrift zeigt, dass er da war.
Ich habe in keinem meiner Chöre eine Regel wie: „Drei Male gefehlt, dann singst du das Konzert nicht mit.“ – Die Sänger sollen kommen, weil sie es wollen, und haben meist gute Gründe, warum sie mal nicht zur Probe kommen können. Dies ist ein Vertrauensvorschuss, den nur wenige ausnutzen. Diese wirst du aber durch die Anwesenheitsliste schnell identifizieren.
Wenn jemand öfter unbegründet fehlt, musst du mit ihm sprechen und die Gründe erfahren. Wenn er unzufrieden ist, schau wie man ihm helfen kann und eventuell muss man sich doch trennen.
So habe ich im Augenblick nur eine Handvoll Sänger, bei denen ich eine gewisse Faulheit und Sorglosigkeit diagnostiziere, die aber durch den Rest des Chores kompensiert werden und keine Rechtfertigung dafür sind, den ganzen Chor in Sippenhaft zu nehmen. •
Abstimmen (s.a. Schweigende Mehrheit)
Fragst du im konkreten Moment nach, wollen immer alle öffentlich abstimmen, weil sich dagegen zu wehren ja asozial ist („Hat jemand etwas gegen eine nichtgeheime Abstimmung?“). Willst du aber ein echtes Stimmungsbild lass deine Sänger ihre Meinung zu Papier bringen.
Das geht nicht nur bei Entscheidungsfragen („ja oder nein“) oder Werkauswahl: Wenn du ein Chorfahrt planst und dir unsicher bist, wie teuer die Unterkunft sein darf, sodass die meisten Sänger es sich leisten können, lass deine Sänger nach eingehender Prüfung der Möglichkeiten (eine Woche für 100€ sind unrealistisch, aber ab 300€ könnte es klappen…) ihren Preisrahmen auf ein Papier schreiben. •
(s.a. Meinungsbild; Tendenziöse Fragestellung)
Abstraktes in Konkretes
Als Chorleiter musst du die abstrakten Töne eines Stückes in etwas Konkretes umwandeln.
Nur Sänger mit absolutem Gehör können ein A auf Kommando singen.
Für jeden anderen Sänger sind Töne abstrakt.
Die Zusammenhänge mit anderen Stimmen (Harmonien) sind abstrakt.
Das Wort-Ton-Verhältnis ist abstrakt.
Erst durch das gemeinsame Singen wird das alles konkret.
Als Dirigent ist es deine Aufgabe die Zusammenhänge zu erklären und zu deuten.
Wenn ich mir eine Zahl (z.B. 52) merken soll, ist diese Zahl erstmal abstrakt, weil sie nur eine Zahl ist. In dem Augenblick, in dem ich sie mit dem Geburtsjahr von Tante Gertrude in Zusammenhang bringe, wird sie konkret – sie ist erfahrbar.
Du kannst deinen Sängern Töne und ihre harmonischen Zusammenhänge erfahrbar machen. Ein Klang wie ein Dominantseptakkord wird konkret, wenn du seine Leitfähigkeit am Klavier demonstrierst.
Klänge werden auch durch Analogien aus anderen Lebensbereichen erlebbar:
Die Terz ist für mich das Herz des Akkordes.
Bild: Ohne Terz ‚lebt‘ ein Akkord nicht.
Klänge können wie Schokolade auf der Zunge zergehen.
Ein Ton bekommt seine Bedeutung nur im Zusammenhang:
Ein A kann die kleine Terz von Fis-moll sein oder die Quinte von D-Dur.
Welche Aufgabe hat er da?
Indem du diese Zusammenhänge deutest, auslegst und hörbar machst, werden Töne und Klänge für deinen Chor konkret. •
(s.a. Bildliche Handlungsanweisung; Prozedurales Gehör; Wegkorrektur)
Abstützen
Die Zunge ist der stärkste Muskel im Körper und auch der neugierigste.
Du musst ihr etwas zu tun geben. Singen allein reicht ihr nicht! Deshalb fordere ich meine Sänger auf die Zungenspitze beim Singen an den unteren Schneidezähnen zu belassen.
Dieser leichte Druck auf die unteren Schneidezähne kontrolliert die Zungenspitze, weil sie sich nützlich fühlt. Das sorgt dafür, dass die ganze Halsmuskulatur (und damit der Gesangsapparat) vom Sänger besser kontrolliert werden kann.
Im Forte blockiert die im Mundraum hängende Zunge den Ton nicht.
Im Piano oder im hauchigen Singen bekommt der Ton mehr Kontur und ist klarer.
Die Intonation wird verbessert, weil die Sänger beim leisen Singen mehr Kontrolle über die Mikrobewegungen der Muskulatur und somit über den Ton haben.
Wie ein Maler, der seinen Arm oder die Hand abstützt, um fein malen und zeichnen zu können, stützt du so die Zunge ab.
Die Zunge nicht abzustützen und damit keinen Ankerpunkt zu bieten, bedeutet freihändiges Malen, führt zu zittrigen Linien, einem Flatterton und damit zu einer Flatterintonation. • (s.a. Koronal; Zungenspitze)
Absturzversicherung
Tonfolgen abwärts müssen gestützt und geführt werden.
Nutze das Bild des Suppentopfes: Hoch auf den Herd trage ich den Topf immer mit Energie – er ist ja schwer…
Wenn ich ihn abstellen will, lasse ich ihn nicht einfach fallen, sondern führe ihn zur Herdplatte – trage ihn dort also auch mit Energie hin.
Abwärtslinien sollten die Sänger also singen, als wenn sie einen Topf tragen und führen. Das kann auch mit einer Aufwärtsbewegung der Arme und damit Gegenbewegung zur Abwärtsbewegung der Linie unterstützt werden, solange es kraftvoll geschieht. Der Effekt in den Bässen ist, dass in großer Tiefe der Kehlkopf (s.a.) oben bleibt und nicht fallen gelassen wird, was sonst zu zu tiefen Tönen führt.
Ein weiteres wirksames Bild um die Töne unten aufzufangen ist die Töne bildlich an einer Spiralfeder aufzuhängen, die sich je weiter es abwärts geht, immer mehr spannt.
Die Feder ist am Spitzenton der Linie befestigt und bleibt so mit dem hohen Ton in Verbindung – die tiefen Töne können also nicht fallen und zu tief werden.
Advent ist nicht Weihnachten
Mich nervt der Advent wegen der Erwartungshaltung des Publikums.
Im Advent warten wir ab. Dort dauernd Weihnachtslieder zu singen ist nicht notwendig.
Singt man aber in einem Adventskonzert am 2. Advent kein Stille Nacht sondern irgendein Segenslied bricht die Revolution aus.
Meine offizielle bildliche und somit kommunizierbare Reihenfolge:
1. Totensonntag: Licht aus
2. 1. Advent: Licht an, mit Dimmer auf fast Null
3. mit jedem Adventssonntag wird der Dimmer heller gestellt, bis Weihnachten das Licht hell erstrahlt
Leider ist die Erwartungshaltung des Publikums die, dass in jedem Adventskonzert Weihnachtslieder zu singen sind.
Diese Erwartungshaltung solltest du bedienen, aber mit dem Bild des Dimmers hast du eine leicht verständliche Begründung dafür, warum in der Abwartenden Zeit jedes Lied zur Ehre Gottes, welches keinen direkten Bezug auf ein anderes Kirchenfest hat (z.B. Ostern), rechtens ist. So lange die Balance begründet stimmt und auch ein explizites Weihnachtslied vorkommt, sind alle glücklich. •
Acceptance Prophecy
Acceptance Prophecy ist eine Form der selbsterfüllenden Prophezeiung. Wir nutzen den Begriff Self-fulfilling-Prophecy eher im negativen Kontext – hier ist er sehr positiv gemeint.
Es gibt Menschen, die einfach sympathisch sind.
Ob du das bist oder nicht, und ob diese Menschen bewusst sympathisch sind, soll uns nicht interessieren. Du kannst von dem Verhalten dieser Menschen aber einige Verhaltensweisen ableiten, die dich sympathischer wirken lassen.
Es geht hier nicht um die Manipulation deines Gegenübers, sondern darum, die Voraussetzungen für konstruktive und positive Gespräche zu schaffen, sowie ein vertrauensvolles Miteinander. Wenn die folgenden Techniken nur ‚Lippenbekenntnisse‘ sind, wirst du sehr schnell scheitern. Je bewusster du sie aber einsetzt und je ehrlicher du sie meinst, desto größer ist ihre Wirkung.
• Bist du in einem Gespräch, sei 100% aufmerksam. Zeige deine Aufmerksamkeit subtil. Lege dein Handy ganz weg. Wende dem Gesprächspartner deinen ganzen Oberkörper zu. Sieh ihn direkt an. Nutze die 3-Sekunden-Regel (s.a.). So fühlt sich der Gegenüber ernst genommen. (s.a. Kommunikationsregel)
Da diese vollständig aufmerksame Gesprächsführung im Alltag nicht normal ist, wird sie als positive Wahrnehmung über dich nachhaltig abgespeichert.
Wenn du von deinem Gegenüber als Führungsperson akzeptiert bist, ist echtes Zuhören eines der machtvollsten Instrumente.
• Behandle alle gleich. Sei vorurteilsfrei. Das geht sehr einfach: Du musst nur in jedem Menschen mindestens einen wertvollen Punkt für dein Leben finden.
So ist die Reinigungskraft dafür verantwortlich, dass du im Gemeindehaus auch mal aufs Klo gehen kannst. Der mitgeschleifte Sänger backt einen leckeren Kuchen oder ist der Kummerkasten für viele Sänger, sodass dein chorinterner Haussegen geradehängt. So findest du in jedem etwas Wertvolles.
Setze bewusst das Pars-pro-toto-Prinzip ein (s.a. Ganz geteilt), so kannst du selbst Personen, gegen die du evtl. eine Abneigung hast oder die du noch nicht kennst, informiert und mit Substanz respektvoll behandeln.
Respektvoll behandeln heißt auch, dass erstmal jede Meinung gleich viel wert ist. D.h. du stellst dich nicht über Personen, sondern hörst zu und widerlegst im Zweifelsfalle die Begründung des Gegenübers durch deine eigene. Du musst dabei versuchen, dich auf das intellektuelle Niveau deines Gegenübers zu begeben. Im Zweifelsfalle schlägst du vor, dass man sich darauf einigt, nicht einig zu sein („agree to disagree“). Kein sympathischer Mensch pocht auf seiner Meinung. Er lässt im schlimmsten Fall beide gleichwertig im Raum stehen.
Aus einer Führungsrolle heraus ist diese Haltung eigentlich unmöglich und auch nicht erwünscht. Du darfst aber in anderen Momenten aus dieser Rolle heraustreten. Dein Gegenüber fühlt sich dadurch akzeptiert. Selbst wenn er nicht deiner Meinung ist, wird er als einzigen Reibungspunkt haben, dass du nicht bis aufs Blut mit ihm um deine Meinung gekämpft, aber auch seine nicht übernommen hast.
Einer solchen Führungsperson wird dann, wenn sie tatsächlich mal auf ihrem Standpunkt bestehen bleibt und sogar ein Umschwenken anderer einfordert, eher gefolgt, da der Eindruck entsteht, dass es ihr diesmal wirklich ernst ist.
• Sei grundsätzlich positiv. Sympathische Menschen sind nicht immer glücklich, aber finden auch im Unglück noch den kleinen Lichtstrahl.
Ich sitze gerade in der Corona-Krise fest und kann sehr gut beobachten, wer meiner Chorsänger für mich zu den sympathischen Menschen gehört.
Ich bin ein Macher und versuche noch aus einer halbvertrockneten Zitrone Limonade zu pressen. D.h. meine Versuche sind nicht verzweifelt, aber evtl. erfolglos. Trotzdem versuche ich es. Es gibt dann Menschen, die auf meinen Zug aufspringen, es gibt die, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind (nicht negativ gemeint) und es gibt die irrationalen Bedenkenträger, die aus einem negativen Gefühl heraus (ohne andere Begründung) bremsen.
Es geht aber niemals darum Wolkenkuckucksheime zu bauen. Es geht darum einem Problem und jeder Situation zuerst mit einem Lächeln zu begegnen.
Das Ziel ist, durch diese Grundhaltung anderen zu helfen selbst den Blickwinkel zu verändern. Das ist auch gar nicht so schwer. Frage dich einfach nur:
„Wie kann ich das lösen?“ und dann erst: „Warum ist das überhaupt passiert?“
Die meisten Menschen drehen diese Fragen um. Wenn du sie aber so stellst, ist dein erster Impuls ein rationaler. (s.a. Warum? vs. Wozu?) Selbst wenn du (noch) keine Lösung findest, ist dein Ansatz positiv und lösungsorientiert.
• Sei humorvoll und schlagfertig – aber immer „aus dem Wald heraus“. So bist du nie der Angreifer, aber zeigst eine souveräne Gelassenheit, die Vertrauen erweckt. (s.a. Harald Schmidt; Popanz im Waldesecho).
Du musst über dich selbst lachen können. Fehler passieren. Wisch sie nicht weg, nehme sie aber auch nicht zu ernst. Sei dann lösungsorientiert.
• Berühre. Einerseits meint das tatsächlich angemessene physische Berührungen, wie z.B. eine Handschlagsbegrüßung jedes Sängers vor der Probe. (s.a. Ellenbogen)
Berührungen sind für uns Menschen wie die Luft zum Atmen.
Andererseits meint dies keine Hemmung zu haben andere Menschen anzusprechen und, wenn etwas passiert ist, zu fragen, ob Unterstützung notwendig ist. Sympathische Menschen bieten lieber einmal zu viel Hilfe an, als grundsätzlich davon auszugehen, dass dieses Angebot abgelehnt wird.
• WYSIWYG ist das Akronym für den Grundgedanken „What You See Is What You Get“. Normalerweise findet man das im Zusammenhang mit Website- und Grafiksoftware. Ein sympathischer Mensch wirkt auf andere echt und ehrlich.
Sie haben das Gefühl, dass sie bei ihm das bekommen, was er ausstrahlt. Sympathische Menschen bauen sehr schnell Vertrauen auf. Einer der effektivsten Wege dahin ist, zu unseren Besonderheiten und (vermeintlichen) Fehlern zu stehen. Ein sympathischer Mensch wird sich niemals kräftig schminken, um eventuelle Falten zu kaschieren. Wenn er humpelt, humpelt er, macht aber keine große Sache daraus. – Er ist einfach er.
Hat er einen Fehler gemacht, gibt er ihn unumwunden zu und bietet Lösungen an, die er auch selbstständig umsetzt. Er kennt sich selbst und wird nur das versprechen, was er auch einhalten kann.
Er wird auch mal enttäuschen, weil er öffentlich zugibt, dass er etwas nicht kann. Dadurch gewinnt er aber Vertrauen, da sein Gegenüber so lernt, dass Zugesagtes auch wirklich eingehalten wird. Diese Vertrauenswährung wiegt sehr viel mehr als alle kleinen Enttäuschungen, die dazu geführt haben.
Oder einfacher: Sympathische Menschen haben ein realistisches Selbstbewusstsein (s.a.) und leisten, was sie versprochen haben. Angeber werden dagegen immer unsympathisch sein, da sie Versprochenes nicht liefern.
• In der Definition der Acceptance Prophecy nach der Psychologin Danu A. Stinson kommt nun ein Punkt, der für uns differenziert werden muss:
„Ein sympathischer Mensch drängt sich nicht in den Vordergrund.“
Ein Dirigent wird nur als sympathisch angesehen, wenn er vor dem Chor souverän ist, klar Macht ausübt und sich im Vordergrund wohlfühlt.
Eine ‚kleine graue Maus‘, die jeden Zwischenkommentar der Sänger auf die Goldwaage legt, hat es mit etwas ambitionierteren Sängern schwer.
Die Erwartungshaltung der Sänger ist aber differenziert. Sie erwarten von dir einen Wissensvorsprung in der Probe. Da darfst und musst du die Rampensau sein. Diese Verhaltensweise erwarten sie aber nicht außerhalb der Probe.
Ich kenne mehrere Dirigenten, die auch in jeder Alltagssituation alles besser wissen und nicht mit sich diskutieren lassen. Dass sie so niemals ihre Handlungen und ihre Arbeit reflektieren werden, ist das eine Problem. Das andere ist, dass sie schlicht asoziale Arschlöscher sind. Das, was sie vielleicht in der Probe auszeichnet, ist im normalen Sozialleben absolut unangenehm. Ein „Platz da, hier komm ich!“ musst du in der Probe (pädagogisch aufbereitet) zelebrieren und wirst dafür auch bezahlt. Im Normalleben halte dich an die oben genannten Punkte und du wirst nie in die Versuchung kommen dich aufzuspielen. •
[siehe: Stinson, D. A. Cameron, J. J., Wood, J. V., Gaucher, D. & Holmes, J. G. (2009). Deconstructing the “Reign of Error”: Interpersonal Warmth Explains the Self-Fulfilling Prophecy of Anticipated Acceptance. Personality and Social Psychology Bulletin, 35, 1165 – 1178 (Stangl, 2020).
Änderungen müssen begründet werden (Neuer Chor)
Hast du einen neuen Chor übernommen, musst du jede Änderung im Ablauf (keine Pause/eine Pause/Probenlänge/Noten einrichten/etc.) begründen.
Laiensänger sind Gewohnheitstiere, denen du vor allem gemütliche Sachen nur schwer wieder wegnehmen kannst („Wir trinken in der Pause immer ein Bier“ – Antwort: „Ja, aber den Rest der Probe könnt ihr dann nicht mehr proben, weil…“).
Im schlimmsten Fall musst du für dich unangenehme Dinge erstmal in Kauf nehmen.
Sprich sie immer wieder leicht spöttisch an („Na, Durst gestillt?“) und du wirst merken, wie viele Sänger, denen diese Tätigkeit egal ist, auf deine Seite wechseln.
