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Geschichte der Evangelischen Gemeinde Kitzingen, hier in einer bis zur Gegenwart im Jahr 2017 fortgeführten Neuauflage
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Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Erstmals herausgegeben von der
Evang.-Luth. Kirchengemeinde Kitzingen
1963
Ergänzt für die Jahre 1964 – 2017 von
Pfarrer Uwe Bernd Ahrens
überarbeitet von Dekan Hanspeter Kern
Neu herausgegeben von der Evang.-Luth. Kirchengemeinde
Stadtkirche Kitzingen
2017
Umschlag:
Handschriften, Stadtwappen und Paul-Eber-Wappen der Paul-Eber-Bibel der
Evangelischen Gemeinde Kitzingen anno 1561 entnommen
Gestaltung: Hans Heidan, acad. Maler und Graphiker, Kitzingen/Main
Vorworte
Teil
I Die Stadt Kitzingen in der vorreformatorischen Zeit
1. Kapitel: Die ältesten Spuren des Christentums in Kitzingen
2. Kapitel: Kitzingen im Besitz der Herren von Hohenlohe
3. Kapitel: Kitzingen im Pfandbesitz der Markgrafen von Ansbach
4. Kapitel: Das „Brandenburgische Zeitalter" Kitzingens
Teil II
Das „Evangelische Jahrhundert" in Kitzingen
5. Kapitel: Der erste evangelische Prediger in Kitzingen
6. Kapitel: Der erste evangelische Pfarrverweser in Kitzingen
7. Kapitel: Martinus Meglin, der eigentliche Reformator der Stadt
8. Kapitel: Rückschläge im Aufbau der jungen Evangelischen Gemeinde
9. Kapitel: Der innere Ausbau der Evangelischen Gemeinde Kitzingen
10. Kapitel: Magister Georg Schmalzing, Vorbild eines evang. Pfarrers
11. Kapitel: Die Schicksale des uralten Benediktinerinnenklosters
12. Kapitel: Das Kirchen- und Schulwesen im „Evang. Jahrhundert"
13. Kapitel: Die Stipendienpflege im „Evangelischen Jahrhundert"
14. Kapitel: Das Lebensbild unseres Stadtkindes Paul Eber
15. Kapitel: Die Evang. Gemeinde unter dem Schatten der Gegenreformation
Teil III
Von der Wiedereinlösung der Stadt im Jahr 1629 bis zum „Gnadenvertrag" vom Jahr 1650
16. Kapitel: Die Evangelische Gemeinde unter der drohenden Einlösung durch das Hochstift Würzburg
17. Kapitel: Die Wiedereinlösung der evang. Stadt Kitzingen 1629
18. Kapitel: Das Treuebekenntnis der Kitzinger Bürgerschaft zu Ansbach
19. Kapitel: Die Folgen der Wiedereinlösung für die Evang. Gemeinde
20. Kapitel: Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Evang. Gemeinde
21. Kapitel: Gewaltsame Auswanderung der glaubenstreuen Familien
22. Kapitel: Die Evangelische Gemeinde unter dem Schutz des Schwedenkönigs Gustav-Adolf
23. Kapitel: Die Wiederherstellung des evang Glaubensstandes in der Stadt
24. Kapitel: Die Evang. Gemeinde unter Brandenburgischer und kaiserlicher Herrschaft
25. Kapitel: Die Wiederaufrichtung der katholischen Herrschaft über die Evangelische Gemeinde
26. Kapitel: Die Folgen der endgültigen Wiedereinlösung für die Evangelische Gemeinde.
27. Kapitel: Gewährung freier Religionsausübung außerhalb der Stadt
28. Kapitel: Gewährung freier Religionsausübung in der Vorstadt Etwashausen
Teil IV
Erbitterte Religionsstreitigkeiten zwischen der Evangelischen Gemeinde und der fürstbischöflichen Regierung in Würzburg
29. Kapitel: Das Geschlecht der Sander als Vorkämpfer der Evangelischen Gemeinde Kitzingen
30. Kapitel: Die fürstbischöflichen Vereinbarungen mit Ansbach und Kitzingen vom Jahre 1672 und 1684
31. Kapitel: Die schriftliche Aufstellung der Religionsbeschwerden der Evang. Gemeinde
32. Kapitel: Der Hilferuf der Evangelischen Gemeinde an das „Corpus Evangelicorum" in Regensburg
33. Kapitel: Das „Tübinger Rechtsgutachten" von 1751/52
34. Kapitel: Der erste evangelische Kirchenbau in der Vorstadt Etwashausen im Jahr 1754
35. Kapitel: Die Religionsstreitigkeiten während der letzten Jahrzehnte der fürstbischöflichen Regierung
36. Kapitel: Die Evangelische Gemeinde unter kurbayerischer Herrschaft von 1802 bis 1806
37. Kapitel: Die Evangelische Gemeinde unter toskanischer Herrschaft von 1806 bis 1814
38. Kapitel: Die Evangelische Gemeinde 1817 im Besitz der Klosterkirche der Ursulinerinnen
39. Kapitel: Die Evangelische Gemeinde im Besitz der bürgerlichen Gleichberechtigung im Jahre 1818
Teil V
Friedlicher Aufstieg der evangelischen Gemeinde im Bayerischen Staat im 19. und 20. Jahrhundert
40. Kapitel: Rückblick und Ausblick
41. Kapitel: Die rechtlichen Verhältnisse der Evangelischen Gemeinde im Bayerischen Staat
42. Kapitel: Die Entstehung des neuen Kirchenvermögens der Evangelischen Gemeinde
43. Kapitel: Das Schulwesen der Evangelischen Gemeinde Kitzingen
44. Kapitel: Die Grabstätten der Evangelischen Gemeinde
45. Kapitel: Neugestaltung des kirchlichen Lebens der Evang. Gemeinde im 19. und 20. Jahrhundert
Die Werke der Inneren Mission
Die Bereicherung des gottesdienstlichen Lebens
Die Zeit des Kirchenkampfes
Der Zweite Weltkrieg, Zusammenbruch und Wiederaufbau
Das kirchenmusikalische Leben
Die Gemeindekreise, Jugend- und Erwachsenenarbeit
Die Äußere Mission
Das Gemeindezentrum in der Siedlung (Friedenskirche)
46. Kapitel: Die Geschichte der Evangelischen Stadtkirche
47. Kapitel: Wo steht die Evangelische Kirchengemeinde heute?
Schlusswort (Dr. Herz)
Teil VI
Fortschreibung 2017
48. Kapitel: Die Evang. Stadtkirchengemeinde auf dem Weg ins 21. Jahrhundert
Von der Inneren Mission zum Diakonischen Werk
Kindergartenarbeit
Erhalt und Gestaltung des Bauwerks der Stadtkirche
Das gottesdienstliche Leben
Die Kirchenmusik in der Stadtkirche
Gemeindearbeit und kirchliche Zentren
Teil VII
Anhang mit Fortschreibung
49. Kapitel: Die Reihe der ersten Pfarrer der Evangelischen Gemeinde seit 1522
Ergänzung: Die ersten Pfarrer der Stadtkirche seit 1965
50. Kapitel: Die Reihe der zweiten Pfarrer der Evangelischen Gemeinde seit 1832
Ergänzung: Die zweiten Pfarrer seit 1965
Die Errichtung der dritten Pfarrstelle 1954
Ergänzung: Die dritten Pfarrer seit 1965
51. Kapitel: Verzeichnis der Mitarbeiter seit 1900 und der Vikare
Vikariate, z.A.-Pfarrer(innen), Stadtkirchner, Kirchner
Kirchenpfleger, Organisten, Diakone
52. Kapitel: Zeittafel der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde
Quellenverzeichnis
Bilderverzeichnis
Die „Chronik der Evangelischen Stadtkirche Kitzingen“ von Dr. Herz gilt seit Jahrzehnten als Standardwerk zur Geschichte der Evangelischen Kirche in Kitzingen und später der Stadtkirchengemeinde.
Allerdings war das Werk jetzt seit Längerem vergriffen. Seit seiner Fertigstellung im Jahr 1964 ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen. Eine Zeit, die viele Veränderungen und Entwicklungen mit sich gebracht hat. Zum 200. Jubiläum „Evang. Stadtkirche“ im Jahr 2017 hat sich der Kirchenvorstand entschlossen, dieses Buch aktualisiert neu herauszugeben.
Pfarrer Uwe Bernd Ahrens hat einen großen Teil dieser über 50 Jahre als Pfarrer an der Stadtkirche in Kitzingen selbst miterlebt und durch seine seelsorgerliche und pastorale Arbeit, als entscheidende Person in der Gemeindeleitung, als Unterrichtender und Mitglied in vielen Gremien mitgeprägt.
Mit großer Sorgfalt hat er Daten und Informationen erkundet und zusammengestellt. Dafür danken wir ihm. Wer sich über die jüngere Geschichte unserer Gemeinde informieren will, findet mit der Chronik ein richtiges Nachschlagewerk und wird hier schnell fündig.
Die Friedenskirche wurde durch das Wachstum der Siedlung nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1964 eine selbständige Kirchengemeinde. Ihre Geschichte wird hier nicht umfassend beschrieben. Sie verdient eine eigene Darstellung.
Auf inhaltliche Änderungen wurde, abgesehen von der Verwendung der neuen Rechtschreibung, weitestgehend verzichtet.
Mein Wunsch ist es, dass dieses Werk auch in Zukunft hilft, die Verbundenheit der Gemeindeglieder untereinander und mit ihrer Kirche, der Stadtkirche, zu vertiefen. Vielleicht kann es auch manchmal Verständnis wecken für Gegebenheiten, die sich nur von ihrer Historie her erklären und nachvollziehen lassen.
Möge dieses Buch weiter viele interessierte Leser finden.
Hanspeter Kern, Dekan und 1. Pfarrer
Kitzingen, im August 2017
Die Evangelische Kirchengemeinde Kitzingen schätzt sich glücklich, eine neu erarbeitete und ausführliche Darstellung ihres Werdens und ihres Weges ihren Gliedern und darüber hinaus allen an Kitzingen religiös und geschichtlich Interessierten zur Verfügung stellen zu können.
Geschichtliches Wissen und Bemühen wird ja heute vielfach gering gewertet — man beschränkt sich darauf, der Gegenwart und dem Augenblick zu leben oder man hat auch Sorge, die Verantwortung für die Zukunft nicht zu versäumen. Aber gerade dazu gehört doch auch, dass man weiß, woher man kommt und wohin man gehört, und dass man nicht einfach vergessen sein lässt, was frühere Generationen an das gewendet haben, was nun heute in unsere Verantwortung gegeben ist.
Dass sich nun aber gerade in Kitzingen durch vier Jahrhunderte hindurch ein reiches und bewegtes Glaubensleben evangelischer Prägung gestaltet hat und sich in immer neuer Treue und opferreicher Hingabe einer ganzen Gemeinde entfalten konnte, das zeigen uns diese Blätter auf das deutlichste.
Wir verdanken sie dem jahrzehntelangen Forschen und der überragenden Sachkenntnis unseres verehrten und langjährigen Mitbürgers, Gemeindegliedes und Kirchenvorstehers, des früheren Stadtarchivars und Oberlehrers, Herrn Dr. Richard Herz. Er hat, einer Bitte des Kirchenvorstands entsprechend, in mühevollster und hingehendster Arbeit uns diesen Bericht geschrieben, und wir können ihm nur zutiefst und von ganzem Herzen danken, dass er damit uns und auch denen, die nach uns kommen, die Möglichkeit gegeben hat, den Weg unserer Gemeinde durch die Jahrhunderte zu verfolgen und immer wieder neu zu beherzigen.
Für ihre Mitarbeit bei der äußeren Gestaltung und Herausgabe des Werkes haben wir auch zu danken den Herren Pfarrer Beckmann, Pfarrer Zahn, akad. Maler Heidan und nicht zuletzt dem Leiter des Stadtarchivs Herrn Oberstudienrat Dr. Kemmeter.
Möge diese Arbeit, erfüllt von tiefer Liebe zur angestammten Heimat und beseelt von aufrechtem Bekenntnis zum Glauben der Väter, nun auch dazu beitragen, bei vielen, Alten und Jungen, die innere Verbundenheit mit ihrer Gemeinde und die lebendige Anteilnahme an ihrer Gegenwart und Zukunft neu zu erwecken und zu vertiefen! Dass es nicht darum geht, alte Wunden neu aufzureißen oder neuen Unfrieden zu säen, sei eigens betont! Das ehrliche Miteinander und Füreinander der christlichen Konfessionen ist uns ja heute ganz neu aufgegeben, aber gerade eine solche Chronik, wenn sie recht verstanden und studiert wird, kann sicherlich, so hoffen und wünschen wir, dazu einen guten Dienst tun!
Kirchenrat Fr. J. Bauer, Dekan und 1. Pfarrer
Kitzingen, im April 1963.
Es wird für den Leser nicht unwichtig sein, zu erfahren, wie es zur Abfassung vorliegender Arbeit kam. Dekan Bauer trug die Bitte der Herren Kirchenvorstände an mich heran, eine Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde Kitzingen zu schreiben. Ungeachtet meiner starken Beanspruchung durch vielfältige Berufsinteressen stimmte ich im Herbst 1958 zu. Bald nach Angriff der Arbeit wurde mir bewusst, zu welchem Wagnis ich mich bei der Oberfülle des kirchlichen Archivgutes und der nur noch kurzen Zeit meines Aufenthaltes in Kitzingen entschlossen hatte.
Vor die Notwendigkeit gestellt, Plan und Umfang meiner Arbeit abzugrenzen, stellte ich ihr die Aufgabe, der Evangelischen Gemeinde ein Lesebuch ihrer Geschichte zu überreichen. Wohl wenige evangelische Gemeinden können auf eine so reiche und bewegte kirchliche Vergangenheit zurückblicken wie die Kitzinger Gemeinde. Mein Bericht möchte dem Leser aufzeigen, wie der allmächtige Gott in der Vergangenheit an ihr gehandelt und sie trotz aller schweren Widrigkeiten in treuer Bewahrung durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart geführt hat.
Herrn Pfarrer Wilhelm Zahn in Kitzingen schulde ich für seine wertvollen sachlichen Hinweise und für die freundliche Überwachung der Drucklegung herzlichen Dank. Ferner habe ich zu danken dem Kirchenvorstand der Evangelischen Gemeinde, der die Kosten des Druckes übernahm, und der Druckerei Val. Hissiger, die die Drucklegung in der vorliegenden Form besorgte.
Es waren glückliche Stunden für mich, als ich an diesen Blättern arbeitete, weil ich mich mit der Vergangenheit der evangelischen Kirche meiner Heimatstadt verbunden fühlen durfte.
Dr. Richard Herz
Fischbach bei Nürnberg
Ostern 1963
Die Beschreibung der letzten 55 Jahre beginnt zunächst mit einer Differenzierung:
Mit dem Bau eines Pfarrhauses und einer Kirche in der Siedlung war vorgegeben, dass in der Siedlung 1964 eine eigenständige Kirchengemeinde entstand, die ihre eigene Chronik entwickelte.
Mit der Kommunalreform 1973 kamen zudem einige ehemals selbstständige Gemeinden als Ortsteile zur Stadt Kitzingen hinzu, die selbstständige Kirchengemeinden mitbrachten: die Kirchengemeinde Hohenfeld, die in die Pfarrei der Stadtkirche integriert wurde, sowie die Kirchengemeinden Sickershausen und Repperndorf mit eigenen Pfarrämtern und eigener Geschichte.
Die Fortschreibung dieser Chronik konzentriert sich auf Ereignisse im Bereich der Stadtkirche zu Kitzingen und ihrer Gemeinde.
Im Interesse eines inhaltlichen Gleichgewichtes des gesamten Buches füge ich die Beschreibung dieses Zeitraumes in einem 48. Kapitel hinzu, wobei die Gliederung dieses Abschnittes sich an die bei Dr. Herz vorliegende Form anlehnt und eine ähnliche Breite der Darstellung intendiert.
Die Weiterführung der Tabellen in den anschließenden Kapiteln geschieht für den Bereich der Stadtkirche.
Uwe Bernd Ahrens, Pfarrer
Kitzingen, im August 2017
Die Stadt Kitzingen in der vorreformatorischen Zeit
1. Kapitel Die ältesten Spuren des Christentums in Kitzingen
Die Geschichte der Evangelischen Gemeinde Kitzingen ist unlösbar mit dem politischen Werdegang der Stadt verkettet. Dem Leser wird eine Fülle von Namen und Daten begegnen, welche das Verständnis für die Gründung unserer Kirchengemeinde vorbereiten. Erst mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts treten die religiösen Verhältnisse in den Vordergrund. Der Leser wird die Gründer der Evangelischen Gemeinde Kitzingen kennen lernen, deren Nachfolger das reformatorische Glaubenserbe weitergaben. Mit Bewunderung wird er feststellen, dass sie unter schwersten persönlichen Opfern ihrem evangelischen Glauben standhaft die Treue hielten und so mit beitrugen, die Evangelische Gemeinde Kitzingen nach außen und innen zu formen.
Die Uranfänge der Stadt sind mangels historisch beglaubigter Nachrichten nur schwer zu erschließen. Aber lange vor jeder schriftlichen Überlieferung gab es auf dem Boden der Stadt eine menschliche Siedlungsstätte, wie die zahlreichen Funde von Steinwerkzeugen beweisen. Schon in vorhistorischer Zeit besiedelte ein Jäger- und Fischervolk die Mainufer. Seit dem 3. Jahrhundert können wir keltische und alemannische Ackerbauern an den Lößhängen des Ehrieder-, Repperndorfer und Buchbrunner Baches nachweisen. Im 6. Jahrhundert ließen sich dann die vom Rhein her vordringenden Franken in unserem Mainland nieder. Sie errichteten am westlichen Mainufer der späteren Stadt einen karolingischen Königshof, der den Mainübergang der uralten Verkehrsstraße vom Donau- ins Rheinland zu sichern hatte.
Erst im 7. Jahrhundert finden wir die ersten christlichen Spuren im Mainland. Zur Zeit des Frankenherzogs Gozbert, der im „Castellum Virteburch" auf dem Marienberg seinen Sitz hatte, kam der Benediktinermönch Kilian mit seinen zwei Gefährten Kolonat und Totnan im Jahr 686 aus seiner irischen Heimat nach Würzburg, um den Franken den christlichen Glauben zu verkünden. Den irischen Glaubensboten ist es zu danken, dass das fränkische Mainland die erste Berührung mit dem Christentum erhielt. Noch heute hält der heilige Kilian auf dem Marktbrunnen in Kitzingen die Erinnerung an den ersten Frankenmissionar aufrecht. Aber schon zwei Jahre später, am 8. Juli 688, sollte er mit seinen Gefährten den Märtyrertod erleiden, da die heidnische Herzogin Gailana in ihrem Hass gegen die christliche Lehre die drei Missionare durch gedungene Mörder töten ließ. Ein halbes Jahrhundert später kam als zweiter Missionar der Angelsachse Winfried ins Mainland. Er gründete im Jahr 741 das Bistum Würzburg, als dessen Oberhirten er den angelsächsischen Mönch Burkard einsetzte. Winfried, mit dem Beinamen Bonifatius, ist auf das engste mit der Gründung des Kitzinger Frauenklosters verbunden. Wir lassen die neuere Deutung der Entstehung des Frauenklosters außer acht, da die folgende romantisch verklärte Darstellung der sagenhaften Entstehung des Klosters zu einem festen Bestandteil der Kitzinger Stadtgeschichte geworden ist. Der Sage nach war Hadeloga, die Schwester des Frankenkönigs Pipin des Jüngeren, die oft auf der Karolingerburg auf dem Schwanberg weilte, die Gründerin des Klosters. Frommen Gemütes sehnte sie sich nach der Stille eines Klosters. Die Auswahl des Ortes für das Kloster sollte der Himmel selbst treffen. An einem stürmischen Tag überließ sie vom Burggärtlein aus ihren Schleier den Sturmwinden. Am westlichen Mainufer wurde er von einem Hirten Kitz, der daselbst seine Schafe hütete, an einem seltsamen Strauch mit goldenen und blauen Beeren hängend aufgefunden. Er brachte ihn auf die Karolingerburg, und die Prinzessin betrachtete den Fundort als die von Gott gewollte Gründungsstätte eines Frauenklosters. Auf ihre Bitten hin erbaute König Pipin am Südhang des Eselsberges das Kloster. Es wurde von Winfried Bonifatius nach der kirchlichen Tradition am 23. September 745 geweiht und nach dem Finder des Schleiers, des Hirten Kitz, „Chitzinga monasterium", d.h. Kloster Kitzingen genannt. Erste Äbtissin des nach der Regel des hl. Benedikt eingerichteten Benediktinerinnenklosters war Prinzessin Hadeloga. Mit königlichen Privilegien ausgestattet stand das karolingische Reichskloster im Dienst der christlichen Erziehung der weiblichen Jugend des fränkischen Adels und galt in der ganzen Umgebung als vornehmste Pflegestätte christlicher Kultur. Dieses „Monasterium Chitzinga" sollte die Urzelle der späteren Stadt Kitzingen werden. Die Klostergründung zog auch den Bau einer von König Pipin errichteten Holzbrücke über den Main nach sich. In der Folgezeit bildete sich vor den Toren des Klosters an dem wichtigen Flussübergang eine Siedlung von Handwerkern, Händlern und Fischern, deren ursprünglicher Name „Gottesfeld" bald von dem Namen des Klosters verdrängt wurde. Stadtchronist Bernbeck berichtet dazu: „Weil nun solcher Steg als die gangbarste Landstraße im Land Franken durch Kitzingen geht, sei das Städtlein mit der Zeit neben dem Kloster aufgekommen und von Jahr zu Jahr erwachsen und gestiegen".
Die mächtige Frauenabtei besaß nicht nur den Ort Kitzingen und den ausgedehnten Klosterforst, sie erhob nicht nur den Brückenzoll der ihrer Aufsicht unterstellten Pipinsbrücke, zog nicht nur den Wein- und Getreidezehnt aus ihrem reichen Landbesitz ein, sondern besaß auch das Asylrecht. Es besagte, dass der Klosterraum als „Freiung" galt, in welcher der flüchtige Verbrecher einen unantastbaren Zufluchtsort vor jeder weltlichen Gewalt fand. Zu besonderem Wohlstand kamen aber die Nonnen dadurch, dass sie die Weinrebe an den Sonnenhängen der Mainhöhen kultivierten, womit sie den Grund zum wirtschaftlichen Aufblühen der späteren Weinhandelsstadt legten. Noch heute zeugen vom Weinbau des Klosters die riesigen Weinkeller im Hof des ehemaligen Äbtissinnenbaues.
Nach der Jahrtausendwende kam es aber zu einem Niedergang des Klosters. Einmal wurden von den Kaisern Vögte über die Klosterfrauen gesetzt, weil sie in jenen kriegerischen Zeiten den wichtigen Brückenübergang nicht hinreichend zu sichern verstanden. Dann entzog Kaiser Heinrich II im Jahr 1007 der Frauenabtei das Privileg der Reichsunmittelbarkeit. Sie wurde dem vom Kaiser Heinrich II. neu errichteten Bistum Bamberg, das als Bollwerk gegen die von Osten her vordringende Slawenflut dienen sollte, lehnbar gemacht, wenngleich die Diözesangewalt dem Würzburger Bischof verblieb.
2. Kapitel Kitzingen im Besitz der Herren von Hohenlohe
Im 12. Jahrhundert erhielten die im Taubergau reich begüterten Herren von Hohenlohe vom Kaiser Lothar die Schirmvogtei über das Frauenkloster verliehen und damit auch die Lehensherrschaft über den am westlichen Brückenkopf aufblühenden bürgerlichen Handelsplatz. Sie befestigten ihn mit einem viereckigen Mauerring und dem 45 m hohen Marktturm als Wachturm. Im Jahre 1290 erhielt die neue Gründung die Stadtgerechtigkeit verliehen.
Als ältester kirchlicher Mittelpunkt der Stadt entstand zur Zeit der Kreuzzüge für die nach Palästina durchziehenden Pilger die Kapelle zum Heiligen Grab sowie die anschließende Krankenstation, in welcher die Pilger von den Laienschwestern des aus Belgien stammenden Beguinenordens gepflegt wurden. Bis zum Beginn der Reformation wurden diese freien Ordensschwestern wegen ihrer sozialen Liebesarbeit, besonders in den Jahren der Pestseuchen im 15. Jahrhundert, dringend benötigt. Stadtchronist Bernbeck berichtet über sie: „1489 hat der Rat zu Kitzingen ein Haus beim Hl. Grab dem Orden der Beguinen zugewiesen, welche Laienschwestern stets zur Kirche gehen, Kranke warten und Sterbende trösten". Nur noch der viereckige Grabkirchturm zeugt von dieser ehemaligen kirchlichen Stätte aus dem frühen Mittelalter.
Aus dem 13. Jahrhundert hat sich die Erinnerung an den Aufenthalt der ehemaligen Landgräfin von Thüringen, der hl. Elisabeth, in Kitzingen erhalten. Nach dem Tode ihres Gemahls, des Landgrafen Ludwig, wurde sie von ihren Verwandten von der Wartburg bei Eisenach vertrieben. Bei ihrer Tante, der Äbtissin Machthildis, fand sie im Jahre 1227 mit ihren unmündigen Kindern vorübergehend ein friedvolles Asyl und pflegte im Klosterspital die Kranken. Auf ihrer weiteren Flucht verzehrte sie sich im Dienst der Caritas und fand in Marburg einen frühzeitigen Tod. Die von Richard Rother gefertigte Steinfigur der Elisabeth über der Spitalpforte, das Rosenwunder darstellend, erinnert an den Aufenthalt der Fürstentochter im Kitzinger Kloster.
Der Besitz der drei Brüder von Hohenlohe an Burg, Stadt und Amt Kitzingen ging ihnen infolge ihrer Kinderlosigkeit im 14. Jahrhundert wieder verloren. Sie verkauften fünf Achtel ihres Kitzinger Besitzes an den Bischof von Würzburg und drei Achtel an den Burggrafen von Nürnberg. Gebietsmäßig unterstand nun die Stadt sowohl der Oberhoheit des Bischofs von Würzburg wie jener des Burggrafen von Nürnberg, der späteren Markgrafen von Ansbach. Diese Zerrissenheit sollte die evangelisch gewordene Stadt noch schwer belasten.
3. Kapitel Kitzingen im Pfandbesitz der Markgrafen von Ansbach
Eine entscheidende Wendung für die Stadtherren brachte das Jahr 1443. Die Bischöfe von Würzburg waren durch ihre Verschwendungssucht in eine drückende Schuldenlast geraten und wandten sich an den Markgrafen Albrecht Achilles von Ansbach um Geldhilfe. Die früheren Burggrafen von Nürnberg hatten durch ihren haushälterischen Sinn in der Markgrafschaft Ansbach und seit dem Jahr 1415 auch als Markgrafen von Brandenburg eine machtvolle Stellung erworben. Nun forderte Markgraf Albrecht mit dem Beinamen eines „deutschen Achilles" im Jahr 1443 für die dem Bistum Würzburg geleistete Geldhilfe die Gesamtsumme von 39100 Goldgulden. In seiner Zahlungsunfähigkeit überließ das Stift zur Schuldentilgung dem Markgrafen seinen Anteil an Burg, Stadt und Amt Kitzingen als Pfand, jedoch unter dem ausdrücklich gemachten Vorbehalt der „ewigen Wiedereinlösung". Im März 1443 wurde in Kitzingen die notarielle Hauptverschreibung über die Pfandschaft Kitzingen ausgestellt, worin Markgraf Albrecht das ewige Wiedereinlösungsrecht des Hochstifts anerkannte.
Dieser Verpfändungsbrief sollte später wegen der strittigen Auslegung des Besitzstandes beider Fürsten an Stadt und Amt Kitzingen über die evangelisch gewordene Stadt schwerste Glaubensnöte und die Markgrafen von Ansbach in nicht enden wollende Streitigkeiten mit dem Hochstift Würzburg bringen. Der verhängnisvolle Text des Verpfändungsbriefes lautet: „Anno Domini 1443, Donnerstag nach Lätare, haben Herr Gottfried, Pfleger, und das gesamte Domkapitel zur Würzburg ihren Teil an der Stadt Kitzingen versetzt und verschrieben pfandschillingsweise dem Fürsten Albrecht, Markgrafen zu Brandenburg, für 39100 Gulden in Gold für seine Forderung der Darlehen und Unkosten, die er getan hat. Doch ist zu solcher Versetzung die Ablösung jedes Jahr dem Hochstift ausdrücklich vorbehalten, dazu auch, dass die Bürgerschaft zu Kitzingen einem jeden angehenden Bischof selbst persönlich Erbhuldigung wie früher zu tun schuldig ist, wenngleich dieser nichts zu gebieten und verbieten habe".
Mit dem Erwerb der Stadt Kitzingen besaßen die neuen Stadtherren im unteren Franken einen starken Brückenkopf am wichtigen Mainpass und dazu einen Mittelpunkt für den markgräflichen Besitz in diesem Gebiet. Denn zur Pfandschaft Kitzingen gehörte auch das Amt Kitzingen mit neun Dörfern — Albertshofen, Bibergau, Buchbrunn, Dettelbach, Hoheim, Mainstockheim, Neuses, Repperndorf, Schernau.
4. Kapitel Das „Brandenburgische Zeitalter" Kitzingens
Die Periode der brandenburgisch-markgräflichen Stadtherrschaft ist für die Geschichte der Stadt wie für die spätere Evangelische Gemeinde die fruchtbarste. Im berechtigten Stolz auf die wichtige Brückenstadt fühlten sich die Markgrafen als die tatsächlichen Stadtherren und verbannten aus ihrem Gedächtnis allzu gern den Vorbehalt der „ewigen Wiedereinlösung" der Stadt, trotzdem sie jede Erbhuldigung der Bürgerschaft an einen neu gewählten Bischof von Würzburg an den unsicheren Besitz der Stadt erinnern musste. Unverwischbar prägte während des markgräflichen Zeitalters das Gesicht der Stadt: die Stadtbefestigung, die Wehrhaftmachung der Bürger, die bauliche Verschönerung der Stadt und die wirtschaftliche Hebung der Lebensverhältnisse der Bürgerschaft.
Die erste Sorge der Markgrafen galt dem bestmöglichen Ausbau der Stadtbefestigung, um allen drohenden Gefahren trotzen zu können. In einem Zeitraum von fünf Jahrzehnten (1454—1498) entstand eine zweite, in ihrer Gestalt dreieckige, durch 28 Türme, 5 Tortürme, eine hohe Mauer und einen tiefen Graben gesicherte Stadtumwallung. Bekrönt wurde sie in den Jahren 1469 bis 1496 durch den 52 m hohen Falterturm. Die aus dem böhmischen Raum nach Westen vordringenden Raubhorden der Hussiten bewirkten, dass der Bau des zweiten Mauerringes sehr beschleunigt wurde. Darum schloss der Markgraf auch den Klosterbereich und den östlichen Brückenkopf Etwashausen zu einer wohlbewehrten Stadt von 42 Hektar Fläche zusammen. Außerdem ließ Markgraf Friedrich um 1500 an Stelle der uralten Holzbrücke eine 350 m lange Steinbrücke erbauen, die als festes Bollwerk den Übergang über den Main schützen sollte.
Hand in Hand mit dem Ausbau der starken Befestigung ging die zweite Sorge der Markgrafen: die Wehrhaftmachung der Bürger. Sie wurden in Schützenbruderschaften mit dem Zweck der praktischen Waffenübung in Armbrust- und Büchsenschießen zusammengefasst. Die letzte Ausstrahlung der mittelalterlichen Bürgerwehr stellt die „Privilegierte Schützengesellschaft Kitzingen" dar. Wie bitter notwendig die Verteidigung der Stadt durch waffenkundige Bürger war, zeigte der Markgräflerkrieg des Jahres 1554. Nur die stark ausgebaute Stadtbefestigung bewirkte, dass Kitzingen im genannten Jahr vor dem »Stadtverderben" bewahrt blieb, wie es der verbrecherische Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg - Kulmbach der größeren Reichsstadt Schweinfurt bereitete. So konnte sich, gesichert durch eine feste Stadtwehr, in den behäbigen Fachwerkhäusern ein vielgestaltiges Erwerbsleben entwickeln.
Als dritte Sorge ließen sich die Markgrafen die Verschönerung „ihrer" Stadt sehr am Herzen liegen. An Stelle von veralteten Gebäuden entstanden in rascher Folge im 15. Jahrhundert stattliche Steinbauten, die in ihrem Fundament doppelgeschossige Weinkeller bargen. Der fromme Sinn der Bürger zeigte sich im Jahr 1474, als es galt, in der Vorstadt Etwashausen ein neues Gotteshaus an Stelle der drei uralten Kapellen, der Peterskapelle vor dem Schwarzacher Tor, der Nikolauskapelle beim Siechhaus und dem Kirchlein vom Heiligen Kreuz vor dem Mainbernheimer Tor zu errichten. Mit den reichen Spenden der Bürgerschaft konnten Bürgermeister und Rat die St. Marienkirche bauen, die vom Bischof Rudolf von Scherenberg im Jahre 1474 persönlich eingeweiht wurde. Im 17. und 18. Jahrhundert sollte sie für die evangelische Gemeinde der Stadt von großer Bedeutung werden. Zu gleicher Zeit entstand, unweit der Kapelle zum Heiligen Grab, als Filiale des Frauenklosters der spätgotische Hallenbau der St. Johanniskirche. Im Jahr 1487 wurde sie ebenfalls von Bischof Rudolf von Scherenberg eingeweiht. Auch die St. Johanniskirche spielt in der Geschichte der Evangelischen Gemeinde eine bedeutsame Rolle. Noch erinnern die steinernen Grabdenkmäler im Kirchenschiff an die evangelischen Amtmänner der Markgrafen, die in der Reformationszeit hier ihre Grablege fanden.
Zwei weitere Bauwerke aus der markgräflichen Zeit schließen den Marktplatz ein. An Stelle des baufälligen Kaufhauses des Frauenklosters, in dem die Bürger der Stadt mit Duldung der Äbtissin eine Ratsstube besaßen, ließ der Rat der Stadt in den Jahren 1561 bis 1563 von dem Steinmetzen Eckart von Schaffhausen, der damals an der Klosterkirche der Zisterzienser in Ebrach arbeitete, einen Rathausneubau im Stil der Frührenaissance als eigenes Beratungshaus errichten. Dass die Stadt in dieser Zeit sich der Reformation angeschlossen hatte, geht aus den Worten des Stadtchronisten Bernbeck hervor, der über die Grundsteinlegung des Rathauses folgendes berichtet: „Am 17. April des Jahres 1561 hat man den Eckstein am neuen Rathaus unter dem vorderen Eck gen den Markt feierlich gelegt. Herr Erasmus Kanzler, derzeit Bügermeister, hat in den hohlen Stein ein blechern Kästlein gelegt, darinnen gelegen ist ein pergamenten Büchlein einer Augsburger Konfession des christlichen Glaubens. Dann wurde solcher Stein in Eile durch die Werkleute vermauert. Dabei ist gestanden der ganze Rat, viele aus der Bürgerschaft und die samte Schuljugend, die den 127. Psalm ‚Wo der Herr nicht das Haus bauet, da arbeiten umsonst, die daran bauen‘ zweistimmig gesungen hat". Die Weihefeier des vollendeten Baues im Dezember 1563 schließt der Stadtchronist mit den Worten „Gebe Gott seine Gnad, dass darinnen nichts, denn was zu Gottes Ehre, gemeiner Zucht und Nutz dienlich, gehandelt werde. Amen." In den folgenden Jahrhunderten stand der behäbige Rathausbau mit dem Wahrzeichen des Häckers sehr oft im schmerzlichen Gedenken bei der Evangelischen Gemeinde der Stadt. Noch sei des städtischen Zeughauses gedacht, dessen Grundstein im Jahr 1545 gelegt wurde. In dem Pleiden- oder Geschützhof dieses gewaltigen Kastenhauses mit fünf Dachböden wurden im Juni 1525 die aufrührerischen Bürger, die ihren Markgrafen nicht mehr sehen wollten, grausam mit einem glühenden Eisenstab geblendet, weshalb der Hof vom Volksmund in „Leidenhof" umgenannt wurde, über die Grundsteinlegung des Zeughauses, von dem nur noch die Ostmauer in der Leidenhofgasse steht, berichtet Bernbeck: „Am 7. Juli des Jahres 1545 wurde der Eckstein durch Johann Beringer, Bürgermeister, gelegt. Darin hat man ein verzinnt Kästlein gelegt, darin die Augsburger Konfession samt anderer evangelischer Bekenntnisschriften verwahrt wurde."
Die vierte Sorge der Markgrafen hatte die Hebung des wirtschaftlichen Wohlstandes der Bürgerschaft zum Ziel. Es sei hier nur an die von den Markgrafen erwirkten drei kaiserlichen Privilegien erinnert: das des Baues der Mainmühle vom Jahr 1448, das der Bewilligung von drei Jahrmärkten vom Jahr 1487 und besonders das durch den kaiserlichen Kanzler Konrad Stürtzel erreichte Umschlags- und Stapelrecht auf dem Mainstrom vom Jahr 1498. Infolge der klugen Maßnahmen der Markgrafen, die in Kitzingen im Jahr 1482 die erste Weinkonferenz abhielten, wurden Weinbau- und Weinhandel die vorzüglichste Hauptquelle des bürgerlichen Wohlstandes der Stadt.
Man muss dem reichhaltigen Aufbauprogramm der Ansbacher Stadtherren Bewunderung zollen. Denn aus dem früheren unbedeutenden Städtlein hatte sich ein angesehener und wohlhabender Weinhandelsplatz entwickelt, der von Ansbach mit dem schmeichelhaften Titel „Fürstliche Reichsstadt" ausgezeichnet wurde. So ist es wohl zu verstehen, dass die Kitzinger Bürger sich die Pfandherrschaft ihrer Stadt als Dauerzustand wünschten und die Möglichkeit eines Herrschaftswechsels mit jedem weiteren Jahrzehnt gar nicht mehr in Betracht zogen. So sehr sie mit dem markgräflichen Pfandregiment, später auch in Glaubensdingen, im besten Einvernehmen standen, so sehr wurden sie aber auch ihrem geistlichen Herrn, dem Hochstift Würzburg, in politischen und bald auch in Glaubensdingen entfremdet.
Das „Evangelische Jahrhundert" in Kitzingen
Das wichtigste Ereignis unter der markgräflichen Stadtherrschaft war jedoch nicht die glückhafte Gestaltung der äußeren Lebensverhältnisse, sondern der Anschluß der Bürgerschaft und ihres Pfandherrn an die Reformation. Mit dem Thesenanschlag Dr. Martin Luthers über Buße und Ablass an die Schlosskirche in Wittenberg am 31. Oktober 1517 begann die Ausstrahlungskraft der neuen Lehre nach außen. Luthers reformatorische Gedanken fanden dank dem lebhaften Weinhandel der Stadt mit Nürnberger und norddeutschen Handelsleuten bald auch in Kitzingen frühzeitige Aufnahme. Es bildete sich unter der Bürgerschaft eine evangelische Partei, die nach einer Erneuerung der christlichen Lehre verlangte. Ungestört vom Hochstift Würzburg konnte sie unter markgräflichem Schutz die unevangelischen Auswüchse der römisch-katholischen Lehre und die Missstände im Lebenswandel der Kitzinger Geistlichen anprangern.
Das Verlangen der Bürgerschaft und des Rates der Stadt nach dem reinen Evangelium kam auch den Absichten des Markgrafen Casimir entgegen. Doch mag bei diesem nicht zu allererst die Neigung zum Evangelium entscheidend gewesen sein, sondern die Aussicht auf territoriale Vorteile und den damit verbundenen Machtzuwachs. Ehrenvoll war es für die Stadt, dass innerhalb der Ansbacher Markgrafschaft zuerst in ihr die Reformation Luthers als Herolds des Evangeliums so großen Widerhall fand, und der Rat der Stadt fünf Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers geschlossen zum reformatorischen Glauben übertrat und mit ihm der größte Teil der Bürgerschaft. Bei dieser mutigen Glaubensentscheidung blieben die Bürger, trotzdem sie wussten, dass sie damit in einen unüberbrückbaren Gegensatz zum katholischen Glauben ihrer rechtmäßigen Würzburger Stadtherren traten. So sicher fühlten sie sich nach acht Jahrzehnten bürgerlichen Wohlstandes in der Hut ihres Markgrafen aufgehoben.
5. Kapitel Der erste evangelische Prediger in Kitzingen
Die einzelnen Stationen des Anschlusses der Stadt an Luthers Lehre vom Zeitpunkt der ersten evangelischen Predigt in Kitzingen bis zur vollen Durchführung der „Brandenburgisch-Nürnbergischen Kirchenordnung" im evangelischen Gottesdienst umfassen einen Zeitraum von elf Jahren. Schon ein halbes Jahr nach dem weltgeschichtlichen Tag von Worms, im Oktober 1521, erbaten Bürgermeister und Rat der Stadt vom Markgrafen Casimir die evangelische Freiheit, sich selber „tugendhafte Kapläne" erwählen zu dürfen; der bisherige Pfarrer Hans von Wirsberg, Dechant und Domherr zu Eichstätt, lebe auswärts, lasse sich durch wechselnde Kapläne vertreten und versehe als „wahrer Hirte" die Pfarrei St. Johannis nicht wohl. Seinem Vertreter, Pfarrer Greulich, hatten die Kitzinger offen erklärt, dass sie ihn zu keinem Pfarrer haben wollten. Der Rat fand mit seiner Bitte in Ansbach Gehör und durfte nun selbständig seine Geistlichen wählen.
Im August des nächsten Jahres 1522 kam auf Anforderung des Rates ein Schüler Luthers aus Wittenberg nach Kitzingen. Er hieß Christoph Hofmann, war aus Ansbach gebürtig und hatte bei Dr. Martin Luther Theologie studiert, über ihn weiß Bernbeck zu berichten: „Gott der Allmächtige hat sich derer zu Kitzingen, die auch wie die anderen durch mancherlei verführerische Lehren von ihm abwichen und weit von seinem Wort irreten, erbarmet und ihnen durch sein göttlich Erbarmen einen frommen und gelehrten Mann in der Heiligen Schrift mit Namen Christopherus Hofmann von Ansbach zugeschicket, welcher das Evangelium mit großem Ernst und Eifer geprediget hat. Es war auch gedachter Prediger von dem gemeinen Mann nicht anders denn der ,junge Luther' genannt worden, da er vom 20. bis ins 22. Jahr hat öffentlich zu Wittenberg den Dr. Martin Luther predigen und vorlesen hören". Spricht nicht aus diesen Worten die Sehnsucht nach dem unverfälschten Evangelium?
Hofmann tat alles, um der Reformation in der Stadt den Weg zu bahnen. Den Anfang machte er mit der Beseitigung der kirchlichen Missbräuche. Auch wurde auf seinen Rat die Messpriesterstelle in eine Predigerstelle umgewandelt, „deren wir hier zur Mehrung des Gotteswortes wohl notwendig bedürfen". Hofmann wurde vom Rat als erster evangelischer Prediger in der Stadt eingesetzt. Diese einschneidenden Maßnahmen, die zugleich eine Schmälerung der Klosterhoheit über ihre Filialkirche St. Johannis darstellten, dürfen wir als die Einbruchsstelle der Reformation in das kirchliche Leben der Stadt betrachten.
Am 8. Trinitatissonntag, am 10. August 1522, hielt Prediger Hofmann in der St. Johanniskirche den ersten evangelischen Gottesdienst mit der deutschen Messe Luthers. Kitzingen war eine lutherische Stadt geworden und der evangelische Rat übte das Patronatsrecht über die Pfarrer aus. Mit vollem Recht betrachten wir diesen für die Kitzinger Protestanten so bedeutsamen Tag als den „Geburtstag der evangelischen Gemeinde Kitzingen". Seit über 440 Jahren wird in Kitzingen das Evangelium nach der Lehre Dr. Martin Luthers verkündigt.
Im November 1526 vermählte sich Hofmann nach Luthers Vorbild und „hielt seine Hochzeit nach christlicher Ordnung mit eines frommen Biedermannes Kind zu Kitzingen in aller Ehrbarkeit. Auf dessen Hochzeit dazumal waren viele vom Rat und auch andere ehrbare Bürger von Kitzingen". Aber nur fünf Jahre waren hier seines Bleibens. Als Markgraf Casimir die Fortschritte der Reformation in der Markgrafschaft aus politischem Eigennutz hemmen wollte, mussten die evangelischen Geistlichen die Stadt verlassen. Hofmann hielt am Osterfest des Jahres 1527 in der St. Johanniskirche seine Abschiedspredigt, kehrte wieder nach Wittenberg zurück und wurde vom Kurfürsten Friedrich dem Weisen zum Pfarrer in Jena ernannt. Als erstem Prediger des wahren Evangeliums in unserer Stadt gebührt Hofmann ein dankbares Gedenken.
6. Kapitel Der erste evangelische Pfarrverweser in Kitzingen
Schon im Februar 1523 hatte Prediger Hofmann, da das Evangelium immer mehr Anhänger gewann, Unterstützung in der Wortverkündung durch den zum lutherischen Glauben übergetretenen Franziskanermönch Schenk von Sinau als Pfarrverweser gefunden. Von ihm berichtet Bernbeck: „Derselbige verweste die Pfarrei St. Johannis allda mit Predigten bis zum Jahr 1529 und schaffte viele Zeremonien des römischkatholischen Gottesdienstes ab. Um solcher Taten willen ward er mehr denn einmal nach Würzburg zitiert. Aber er erschien nie, da alle, die hineinkamen, verschwunden sind und niemand wusste, wohin sie gekommen sind".
Hofmann und Schenk von Sinau lagen Luthers Mahnworte über die Armen, alle Bettelei unter den Christen abzutun und fleißig der Armen zu gedenken, sehr am Herzen. Auf ihre Bitte hin stellte der Rat den „gemeinen Kasten", d.h. allgemeinen Kasten, in der St. Johanniskirche auf und erließ eine christliche Ordnung der Bettler wegen. In dieser hieß es: „Es werden Bürger, die alle Sonn- und Feiertage in der Kirche mit Säcklein das Almosen sammeln und in den Kasten einlegen sollen, verordnet und von der Kanzel herab verkündigt". Damit sollte das öffentliche Betteln auf den Gassen nicht mehr geduldet werden, sondern die armen Leute sollten sich mit dem Almosen, das ihnen wöchentlich von den geordneten Pflegern gegeben werde, genügen lassen. Der „gemeine Kasten" wurde in der St. Johanniskirche sichtbar aufgestellt, und die Gemeinde vom Prediger gebeten, von ihrem Überfluss mitzuteilen und zur Unterhaltung der Armen fleißig einzulegen. Charakteristisch für die Weinstadt Kitzingen ist folgender Satz aus der Kastenordnung: „Statt Gaben an Geld ist man bereit, auch Wein anzunehmen!" Mit dieser Kastenordnung wurde in wahrhaft sozialem Geist der Anfang einer christlichen Armenpflege gemacht wie sie die Urchristenheit schon kannte. Auch viele fromme Stiftungen reicher Bürgerfamilien flossen späterhin dem Armenkasten zu, mit dessen Erträgnissen die protestantische Armenpflege viele Not unter den evangelischen Glaubensbrüdern lindern konnte.
Im Sommer 1524 mussten Hofmann und Schenk von Sinau gegen falsche Propheten mit allem Ernst eifern, da diese die Reformation hier stören wollten. So wird von einem früheren Benediktinermönch aus Schwaben, dem Bauern Diepold Beringer, berichtet. Kitzinger Kaufleute, die ihn in Wöhrd vor Nürnberg hatten predigen hören, brachten ihn nach Kitzingen. Er hielt hier im Mai 1524 drei Predigten auf dem Kirchhof zu St. Johannis. Seine Predigten fanden einen so starken Zulauf, dass sogar „ein ehrbarer Rat dem Bauern einen neuen Predigtstuhl zimmern und auf dem St. Johannisfriedhof aufstellen ließ". Sie merkten nicht den ketzerischen Unterton seiner Reden, die ihn auf die Seite der unzufriedenen Bauern stellten. Als Markgraf Casimir davon hörte, befahl er dem Rat der Stadt, „ihn ohne Verzug wieder abzuschaffen". Beringer wanderte weiter nach Rothenburg und kam dortselbst im Strudel des Bauernaufstandes ums Leben.
Noch ein zweiter Schwarmgeist kam in demselben Jahr nach Kitzingen, Andreas Bodenstein aus Karlstadt am Main gebürtig, auch das „böse ABC" genannt. Früher Amtsgenosse Luthers auf der Wittenberger Hochschule, wurde er wegen seines Eiferns gegen Luthers Lehre aus dem Kurfürstentum Sachsen ausgewiesen und kam auf seiner unsteten Wanderfahrt auch nach Kitzingen. Er trachtete danach „viele Bürger mit seinen Predigten am Heiligen Sakrament irre zu machen" und lehrte ganz im Sinne der aufsässigen Bauern, dass alle Dinge auf Erden jedem gemein sein sollten, und alle Obrigkeit aufhören müsse". Er fand aber bei den Bürgern der Stadt kein Unterkommen, „denn es hatten etliche einen Schauer vor ihm". Auch er verzog sich nach Rothenburg.
Aus diesen beiden Vorkommnissen ersehen wir, dass Markgraf Casimir die neue Lehre Luthers vor dem Missbrauch einer falsch verstandenen Freiheit durch unruhige Schwärmer bewahren wollte. Fühlte er sich doch als „summus episcopus", als oberster Landesherr der im Entstehen begriffenen lutherischen Landeskirche! Dazu ließ der Fürst im Herbst 1524 alle Pfarrer und Kirchendiener, und damit auch Hofmann und Pfarrverweser Schenk von Sinau, zu einem Religionslandtag nach Ansbach laden. Dort wurden sie von seinen Räten unterrichtet, was sie über die Abschaffung der römischen Lehren und Missbräuche wie über die Einführung der rechten deutschen Messe Luthers und über die Abendmahlsfeier in beiderlei Gestalt zu lehren hätten. Die vom Bischof in Würzburg beanspruchte Diözesangewalt über das Kirchenwesen in Stadt und Land Kitzingen lehnte der Markgraf ab, so dass damit auch das kirchliche Band zwischen Würzburg und Kitzingen zerschnitten wurde.
7. Kapitel Pfarrer Martinus Meglin, der eigentliche Reformator der Stadt
