Cidre, Boeuf und Tubéreuse - Birte Egloff - E-Book

Cidre, Boeuf und Tubéreuse E-Book

Birte Egloff

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Beschreibung

Nicht genug, dass Babette ihrer Familie an diesem Abend einen um einige Jahre jüngeren Liebhaber präsentiert. Auch das Auftauchen von Feriengästen aus Paris bringt Aufruhr in das bisher so wohlgeordnete Chaos der Familie Segon aus dem kleinen Dörfchen Marolles in der Normandie. Und dann geschieht noch ein Mord! Hat das alte Foto, das bei der Leiche gefunden wird und Babettes Schwiegermutter Hélène als junges Mädchen zeigt, etwas mit dem Mord zu tun? Kochend, essend und streitend kommen die Segons einem Familiengeheimnis auf die Spur. Können sie am Ende den Mörder enttarnen?

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EPUB
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Seitenzahl: 382

Veröffentlichungsjahr: 2019

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BIRTE EGLOFF & ANNE WINCKLER

***

CIDRE, BOEUF UND TUBÉREUSE

Ein kulinarischer Familienkrimi aus der Normandie

© 2019 Birte Egloff, Anne Winckler

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7469-8538-1

Hardcover: 978-3-7469-8539-8

e-Book: 978-3-7469-8540-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorinnen unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Umschlagfotos von Birte Egloff und Anne Winckler

© Birte Egloff, Anne Winckler

Die handelnden Personen

In Erwartung

Das Macaron-Desaster

Asiatische Miniaturen

Im Keller

Überraschung

Gäste

Hélènes Spurensuche

Bernard und Claire

Am Morgen danach

Félix und Alphonse

Nach dem Frühstück

Auf dem Markt von Lisieux

Samstagabend

Hélène 1948

Toan

Zerstreuungen

Edouard

Félix‘ Nachtgedanken

Kater am Morgen

Claire

Aufklärung

Abschied

Die Rezepte

Danksagungen und Anbiederung

Glossar

Die handelnden Personen

Die Geschichte spielt im Sommer 2013 auf der Ferme Mont d'Hiver in Marolles in der Normandie. Diese ist seit langer Zeit im Besitz der Familie Segon.

Babette war die letzte ihres Stammes, deshalb hat sie trotz Heirat ihren Familiennamen beibehalten: Babette Segon, Jahrgang 1956, Mittelpunkt der Familie Segon, heiratet 1977 Joseph Malpierre, der 1989 spurlos verschwindet. Sie haben drei Kinder: Brigitte, geboren 1977, verheiratet mit Antoine LeBain, Anwalt in Paris, die gemeinsamen Kinder sind: Cécile 12 Jahre und Marcel 10 Jahre. Neben Brigitte gibt es Juliette, geboren 1984, Meeresbiologin und Félix, geboren 1990, Student der Wirtschaftswissenschaften an der Sorbonne.

Hélène Malpierre, Jahrgang 1931, Schwiegermutter von Babette, lebt auch nach dem Verschwinden des Sohnes Joseph weiter auf dem Hof in Marolles. War verheiratet mit Eduoard Malpierre, dem verstorbenen Vater von Joseph. Hatte als Schwesternschülerin eine Affäre mit dem Chefarzt Alain Naval. Verbrachte einige Zeit ihrer Ausbildung in Indochina. Lebte dort bei der Familie von Toan Mingh, war in ihrer Jugend befreundet mit Patrick Marmotton, der ihr ein beträchtliches Vermögen hinterlassen hat.

Jean-Luc Mermoud, geboren 1968, Meeresbiologe, Doktorvater von Juliette. Pénélope Sorain, Konzertmeisterin im L'Orchestre de l'Opéra de Rouen, Freundin von Juliette, fast schon ein Familienmitglied der Familie Segon.

Bernard Massot, Jahrgang 1950, mit seiner Frau Claire und den Kindern Patricia und Michèlle, Feriengast auf dem Hof von Babette. Später kommt auch noch Claires Schwester Louise auf den Hof. Bernards Mutter Mathilde war Oberschwester am Krankenhaus, in dem Hélène ausgebildet wurde.

Paul und Marie, Freunde der Familie Segon, machen aus deren Ziegenmilch Käse und verkaufen diesen auf dem Markt von Lisieux, stets hilfsbereit. Alphonse, der Dorfgendarm, ebenfalls stets hilfsbereit und seit Jahren vergeblich um die Gunst von Babette bemüht.

In Erwartung

Babette schaute aus dem Küchenfenster durch den strömenden Regen in den Hof. Ihre Finger trommelten auf der Fensterscheibe. Die Katze Minou umstrich schnurrend ihre Beine.

‚Es ist eigentlich wie immer‘, dachte sie. ‚Wir warten mal wieder auf Juliette. Kann dieses Kind denn nie pünktlich sein?‘

Deren Schwester Brigitte dagegen war – auch wie immer – schon vor Stunden mit ihren Kindern im Haus eingetroffen. Dabei hatte sie doch den weiteren Weg aus Paris zurückzulegen, während Juliette eigentlich um die Ecke wohnte und nicht noch eher unmotivierte Kinder zum Mitfahren bewegen musste. Brigittes Mann war auch diesmal nicht zum Familienfest mitgekommen. Er hatte sich wie so oft in den letzten Jahren durch zu viel Arbeit entschuldigen lassen. Brigitte hatte dies bei ihrer Ankunft mit gleichgültiger Miene der Mutter mitgeteilt. Babette nahm sich vor, ihre älteste Tochter in einem ruhigen Moment des vor ihnen liegenden Wochenendes vorsichtig nach dem Zustand ihrer Ehe zu befragen.

Aus der offenen Kellertür hörte Babette Flaschen klappern. Félix hatte den Auftrag, einen guten Rotwein für das Essen heraufzuholen. Für die Semesterferien war er aus Paris auf den Hof zurückgekehrt. Eigentlich sollte er bei der beginnenden Apfelernte mithelfen, aber meistens war er mit irgendwelchen fadenscheinigen Ausreden mit seinem Sportwagen in der Gegend unterwegs. Immerhin hatte er für heute Abend seine Anwesenheit zum Essen zugesichert.

In der Küche duftete es verlockend. Seit zweieinhalb Stunden schmurgelte das Bœuf Bourguignon auf dem Herd. Babette hatte es nach einem alten Rezept ihrer aus dem Burgund stammenden Großmutter gekocht oder eher nachempfunden. Sie hatte sich beim Kochen noch nie wirklich an ein Rezept gehalten. Solch eine Konsequenz ging ihr ab und so hatte sie vor einer ganzen Weile die Improvisation zur Kochkunst erhoben. Die Familie hatte sich daran gewöhnt, dass auch die Lieblingsgerichte immer wieder ein wenig anders schmeckten. Es gab die Idee eines Rezeptes, dann wurde geguckt was im Küchenschrank und im Keller vorhanden war und der Rest durch Einkauf – am liebsten auf dem Markt in Lisieux – ergänzt. Dinge, die verbraucht werden mussten, wurden nach Möglichkeit irgendwie mit eingebaut. So war heute mal ein wenig Stangensellerie in das Bœuf mit hinein geraten. Babette hatte das Fleisch am Abend zuvor in mundgerechte Stücke geschnitten und in Rotwein mit Möhren, Zwiebeln und eben dem Stangensellerie eingelegt. Heute Morgen hatte sie das Fleisch angebraten, mit ein wenig Mehl bestäubt und schließlich den Rotwein mit dem Gemüse wieder dazu gegossen. Die Kartoffeln für das Püree waren auch schon geschält und geviertelt und lagen mit der in Stücke geschnittenen Sellerieknolle bereits im Topf. Daraus würde, wenn endlich alle da waren, das Selleriekartoffelpüree. Stampfen würde es wie immer Félix, der das schon als Kind geliebt hatte. Am Ende würden dann die restlichen Selleriestangen, ebenfalls in Stücke geschnitten und vorher angebraten, auch noch mit in das Püree hinein wandern. Für das Bœuf hatte sie soeben die Champignons und die kleinen Perlzwiebeln in der Pfanne angebraten und mit in den großen Topf gegeben. Die Vorspeise – Entenstopfleber mit Blutorangengeleewürfeln und Schokoladenspänen – war schon auf die einzelnen Teller verteilt und wartete im Regal in der Speisekammer auf ihren Auftritt. Nach dem Bœuf Bourguignon gab es ein Zitronensorbet mit Thaibasilikumhonig. Der von ihrer Nachbarin und Freundin Marie und deren Mann Paul hergestellte Ziegencamembert durfte natürlich als Abschluss nicht fehlen. Zum Espresso brachte Juliette hoffentlich die versprochenen selbst gebackenen Macarons mit. Der Tisch fürs Abendessen war schon festlich gedeckt. Das hatte Babette bereits am Morgen nach dem Frühstück erledigt, noch bevor sie das Bœuf Bourguignon angesetzt hatte.

Diese Vormittagsstunden gehörten ihr in der Regel in der Küche allein. Ihre Schwiegermutter Hélène hatte sich dann in ihre Zimmer auf der gegenüber liegenden Seite des Flures zurückgezogen. Dort arbeitete sie zumeist an irgendeiner feinen Porzellanmalerei, überzog kleine Schälchen, Tassen, Teller und dergleichen mit zierlichen asiatisch anmutenden Landschaften. Sie schöpfte dabei aus ihren Erinnerungen an die Zeit, die sie als junge Frau in Indochina verbracht hatte. Diese Werkstücke fanden im Hofladen besonders bei den Reisegruppen aus den USA großen Anklang. Während die Männer sich um die Apparatur zum Brennen des Calvados versammelten, zogt es die Frauen aus diesen Gruppen zu den Regalen mit dem Porzellan. Félix wollte jetzt auch diese Kunstwerke seiner Großmutter in den Internetversandhandel aufnehmen. Wer hätte das vor zwanzig Jahren geahnt, wie erfolgreich sich der kleine Hofladen und der später installierte Versandhandel mit Calvados, Cidre und Essig in den letzten Jahren entwickelt hatten. Letztlich war er das sichere Standbein des Hofes und hatte Babettes Zukunft, die ihrer drei Kinder und der Schwiegermutter nach dem bis heute ungeklärten Verschwinden von Joseph finanziell abgesichert.

Babette drehte sich vom Fenster weg und betrachtete Josephs Foto im Silberrahmen auf der alten Anrichte hinter dem großen Küchentisch. Sie hatte heute Morgen einen Strauß Wicken vom Spalier neben dem Hauseingang gepflückt und ihn in der kleinen Kristallvase neben das Bild gestellt. Heute war der 24. Jahrestag von Josephs Verschwinden. Das Foto hatten sie ein paar Monate zuvor noch in einem kleinen Laden in der Rue Montesquieu in Paris machen lassen. Dort hatten sie ihren 12. Hochzeitstag gefeiert. Es war ein kurzes zauberhaftes Wochenende gewesen, ermöglicht durch die finanzielle Zuwendung und den persönlichen Einsatz von Josephs Mutter, ihrer Schwiegermutter Hélène. Sie hatte das Hotel für sie gebucht und bezahlt, die drei Tage auf die Enkelinnen Brigitte und Juliette aufgepasst und die Tiere auf dem Hof versorgt. Babette war ihr noch heute dankbar dafür. Die Erinnerung an die wunderbaren Stunden in Paris hatte Babette über die dunkle Zeit nach dem Verschwinden von Joseph und die Ungewissheit über sein Schicksal hinweg geholfen: Diese Erinnerungen und die Existenz von Félix, der unzweifelhaft in jener kostbaren Zeit der Zweisamkeit gezeugt worden war, hatten Babette immer die Gewissheit gegeben, dass es nicht eine Entscheidung von Joseph war, sie zu verlassen und irgendwo ein anderes Leben anzufangen, sondern ein Unglück, das ihn ihr genommen hatte. Natürlich hatte die Polizei sie damals nach dem Zustand ihrer Ehe befragt. Sie hatte auch das Getuschel der Freundinnen gehört, die Andeutungen machten, es seien schon andere Frauen verlassen worden. Was auch immer Joseph geschehen war, eines war sicher: er hätte weder sie noch seine Mutter so verlassen.

Lange Jahre war sie von dem Gedanken besessen, dass es irgendwann eine Aufklärung darüber geben müsse, was Joseph geschehen war, nachdem er am Morgen des 18. August mit dem Renault-Kastenwagen abgefahren war, beladen mit einer Lieferung Cidre und Calvados für das Restaurant seines Freundes Maurice in Honfleur. Dort war er nie angekommen. Anfangs hatte ihr der Dorfpolizist Alphonse noch Hoffnung gemacht, dass die meisten verschwundenen Ehemänner über kurz oder lang wieder auftauchen und mehr oder weniger flaue Erklärungen für ihr Verschwinden abgeben würden. Aber dann war auch Alphonse nach und nach verstummt. Die Schwangerschaft mit Félix hatte sich schließlich in den Vordergrund geschoben. Der Alltag auf dem Hof musste irgendwie weitergehen. Die Apfelernte stand an. Eigentlich hatten sie alle so weitergelebt, als würde Joseph irgendwann aus Honfleur zurückkehren und man könne den Lebensfaden an der gerissenen Stelle erneut aufnehmen. Wann war es eigentlich Alltagsgewissheit geworden, dass Joseph nun nicht mehr Teil des Lebens war und sie auch nicht mehr alle Entscheidungen, die zu treffen waren, in Gedanken mit ihm besprochen hatte? Wann hatte sie aufgehört, Alphonse immer mal wieder zu fragen, ob die Polizei nicht irgendwo eine männliche Person aufgegriffen habe, die unter Gedächtnisverlust litt, oder ob nicht wenigstens das Auto gefunden worden war? Das war wohl eine schleichende Entwicklung gewesen, die nicht an einem Datum festzumachen war. Eingemeißelt in ihrer aller Leben blieb aber der 18. August. Deshalb versammelte sich die Familie auch jedes Jahr wieder an diesen Tag zu einem Abendessen im gemeinsamen Gedenken an Joseph, den Sohn, den Mann, den Vater. Es hatte noch keines der Kinder und auch nicht Hélène diesen gemeinsamen Abend versäumt. Sie stellten dann eine Kerze für Joseph ins Fenster und legten ein Gedeck für ihn auf. Auch diesmal würde es so sein, allerdings würde heute Abend ein Mann an ihrer Seite mit am Tisch sitzen.

Bei dem Gedanken an Jean-Luc musste Babette lächeln, gleichzeitig kroch aber eine kleine Angst in ihr hoch. Sie war sich sicher, was ihre Gefühle für diesen wunderbaren Menschen anging. Sie war sich auch sicher, dass es für sie an der Zeit war, die Lücke, die Joseph in ihrem Leben hinterlassen hatte, nun zu schließen. Sie war sich ebenfalls sicher, dass Jean-Luc der richtige Mann an diesem Ort war. Aber sie war unsicher, wie die Familie darauf reagieren würde. Die Kinder hatten Babette seit dem Verschwinden von Joseph nur als Mutter erlebt, Hélène hatte sie wohl als Witwe wahrgenommen. Ob die Familie sich mit ihr als Partnerin eines fremden Mannes, der nicht der Vater der Kinder und nicht der Sohn von Hélène war, würden anfreunden können, das würden die nächsten Stunden zeigen.

Ihre Erinnerungen schweiften zurück an die erste Begegnung mit Jean-Luc; die erste Begegnung, die sie jedenfalls überhaupt als solche wahrgenommen hatte. Gesehen hatte sie ihn sicher schon früher, denn er war einer von Juliettes Dozenten an der Universität von Rouen gewesen. Manchmal hatten die Arbeitsgruppen auch bei ihnen auf dem Hof getagt, wenn es umfangreichere Forschungsprojekte zu organisieren gab und die ersten wärmeren Frühlingstage die Studenten aus dem Hörsaal lockten. Da waren sie dann mit ihren Laptops in den klapprigen Deux Chevaux oder Renaults angerückt und hatten sich wie ein Heuschreckenschwarm auf ihrer Terrasse niedergelassen. Sie konnten gewiss sein, dass es zunächst Apfelkuchen mit Sahne und später Hauspastete und Camembert mit einem grünen Salat und selbst gebackenem Brot geben würde. Da selbstverständlich auch der hauseigene Cidre und der Calvados verkostet werden mussten, verteilten sich die Studenten später in der Nacht schließlich mit ihren Schlafsäcken in der Scheune oder auch im Pferdestall. Nicht auszuschließen, dass Jean-Luc bei dem einen oder anderen Mal mit dabei gewesen war, aber sie hatte wohl nicht auf ihn geachtet. Die Versorgung von Juliettes Freunden und Studienkollegen hatte Hélène immer gern übernommen. Sie hatte abends oft noch mit ihnen zusammen um das Lagerfeuer gesessen, das sie sicher nicht nur wegen der aus den Wiesen heraufziehenden Abendkühle angezündet hatten. Babette ging lieber früh zu Bett, von den unter ihrem Schlafzimmerfenster stattfindenden Gesprächen und Gesängen sanft begleitet in den Schlaf gezogen.

Dann aber gab es den Abend der Promotionsfeier von Juliette. Er fand statt in der kleinen Dachwohnung in Rouen. Auch Babette war offiziell eingeladen worden. Sie hatte erst geglaubt, Juliette habe die Einladung nur aus Höflichkeit ausgesprochen, als Dank für die jahrelange finanzielle Unterstützung. Sie wollte ihre Teilnahme schon unter einem Vorwand absagen und ging davon aus, dass auch Juliette darüber erleichtert sein würde, weil sie so vielleicht ungezwungener feiern könnte. Aber Brigitte hatte ihr die Augen geöffnet, in einem der seltenen offenen Gespräche, die sie ein paar Tage zuvor geführt hatten. Dadurch war ihr klargeworden, dass Juliette bei aller Freizügigkeit und Unabhängigkeit des Umgangs miteinander doch eine Sehnsucht nach einem ganz konventionellen Familienleben hatte. Sie wünschte sich die Anerkennung ihrer Berufswahl durch die Mutter und gleichermaßen deren Freigabe von vermeintlich auf ihr lastenden Ansprüchen als eine der in Frage kommenden Erbinnen des Hofes und des Familienbetriebes. Das war typisch Juliette, die nach außen immer so unabhängig lebte, ihre eigenen Wege ging, aber am liebsten dann doch im Einklang mit den Menschen ihres Umfeldes.

Babette hatte die Entscheidung Juliettes gegen eine mit dem Hof verbundene Zukunft nicht wirklich erstaunt. Schließlich hatte sie ihre Kinder in dem Bewusstsein erzogen, dass diese das in ihnen schlummernde Potential ausleben und eben nicht durch die Familientraditionen eingeengt werden sollten. Schon früh war klar gewesen, dass Juliette sich nicht wirklich für den elterlichen Hof interessierte. Sie hatte bereitwillig die ihr übertragenen Aufgaben erledigt und anders als später Félix sich nicht mit irgendwelchen Ausreden gedrückt. Aber Juliette hatte dabei nicht selbst die Initiative ergriffen und sich nicht mit dem Hintergrund der Arbeitsabläufe befasst. Sie war ein stilles, geduldiges Kind gewesen. Sie blühte immer dann auf, wenn es ans Meer ging und sie stundenlang in den Tümpeln im Watt die bei Ebbe dort verbliebenen Lebewesen beobachten konnte. Später hatte sie ab und zu Marc, einen Fischer aus Honfleur und Freund des Vaters auf seinen Fahrten mit dem Fischerboot begleitet. Von daher hatte es keinen verwundert, als Juliette mit vierzehn Jahren, nachdem sie einen Film über den Meeresforscher Jacques Yves Cousteau gesehen hatte, sehr bestimmt verkündete, genau das später auch einmal machen zu wollen. Anfangs wurde das von der Mutter und den Geschwistern belächelt und die Großmutter Hélène verstieg sich zu der Bemerkung, es ginge da wohl eher um die gutaussehenden Assistenten des großen Meisters, denn um die wirklichen Wasserbewohner. Aber Juliette war dabei geblieben und hatte das Studium in ihrer beharrlichen und unaufgeregten Art angepackt, dass es keine Diskussionen mehr um ihre Berufswahl gegeben hatte. Babette war viel zu sehr mit dem Organisieren des Alltags auf dem Hof beschäftigt, als dass sie sich um Juliettes Studium gekümmert hätte. Sie hatte die guten Leistungen und den schnellen Studienabschluss erfreut angenommen und deshalb auch gern die zwei Jahre bis zum Abschluss der Doktorarbeit nach dem Studium mitfinanziert. Juliette hatte versucht, ihr das Thema der Arbeit nahe zu bringen, aber viel mehr, als dass es irgendetwas mit Plankton als Energiequelle aus dem Meer und Pinguinen zu tun hatte, war bei Babette nicht hängen geblieben. Juliette hatte auch ein Stipendium von der Universität erhalten, in dessen Rahmen sie an einer dreimonatigen Fahrt mit dem Forschungsschiff „Aquarius“ der Universität Rouen teilgenommen hatte. Die von dort mitgebrachten Forschungsergebnisse waren offensichtlich sehr nützlich für den Abschluss der Arbeit gewesen.

Und diesen Abschluss und den Titel galt es nun zu feiern. Babette war schon lange klar, dass Juliette genauso wenig wie die ältere Schwester Brigitte eines Tages den Hof übernehmen würde, aber das war nie offiziell besprochen worden. Es hatte eigentlich auch keinen Anlass zu einem solchen Gespräch gegeben. Beide Mädchen hatten durch ihre Berufswahl deutlich gemacht, dass ihre Wege eine andere Richtung einschlagen würden, als irgendwann zurück auf den Hof. Das hatte auch nichts damit zu tun, dass es auf vielen Höfen in der Gegend noch üblich war, dem Sohn, egal an welcher Stelle der Kinderfolge er stand, den Hof zu überschreiben. Dieses Modell hatten weder Babette noch Hélène den Kindern vorgelebt und zu Josephs Lebzeiten gab es sowieso nur die beiden Mädchen und die Frage der Erbfolge schien noch ein ganzes Leben entfernt. Ob Félix irgendwann tatsächlich diesen Hof weiterführen würde, erschien Babette derzeit nicht wirklich sicher. Seine Ausbildung ging in die richtige Richtung, aber Félix hatte noch so viele andere Interessen im Kopf, da ließ sich schwerlich verlässlich etwas zur Zukunft sagen. Allerdings war das heute und auch in naher Zukunft sowieso nicht das Thema. Babette rief sich lieber noch mal den Moment in Erinnerung, als sie an jenem heißen Augusttag die Wohnung, die Juliette mit zwei anderen Studentinnen teilte, betreten hatte.

Es waren schon eine Menge Leute anwesend. Zu ihrem Erstaunen waren es nicht nur Menschen in Juliettes Alter, sondern auch einige ältere Gäste. Offensichtlich handelte es sich bei manchen um Eltern von Studenten, bei anderen war das allerdings nicht so leicht zu zuordnen. Babette, die wusste, dass sie aus Unsicherheit gern zu Schubladendenken griff, verbot sich dies und beschloss einfach nur neugierig zu sein. Inzwischen hatte sie auch Juliette bemerkt. Sie näherte sich ihr und umarmte sie. Mit den Glückwünschen überreichte sie ihr ein kleines Kästchen. Babettte hatte die Schale einer Jakobsmuschel, die Juliette ihr nach einem wunderschönen Strandtag in der Nähe von Honfleur mitgebracht hatte, mit feinem Silberdraht umfassen und als Anhänger für eine Kette herrichten lassen. Sie sah, dass ihre Tochter sich über diese Aufmerksamkeit freute und war froh, nicht auf Brigitte gehört zu haben. Die hatte ihr vorgeschlagen, sich doch an der Sammlung für eine neue Tauchausrüstung für Juliette zu beteiligen, die sie im Freundes- und Familienkreis initiiert hatte. Juliette stellte ihre Mutter einigen Kommilitonen und auch deren Eltern vor. Dann wandte sich Babette zum offenen Fenster.

Dort lehnte ein gut aussehender Mann, vielleicht Mitte oder Ende 40. Er war Babette schon vorher aufgefallen, denn er trug einen Bart und die dunklen Haare, die bereits von ein paar grauen Strähnen durchzogen waren, zu einem langen Pferdeschwanz gebunden. Amüsiert stellte Babette fest, dass sie schon wieder eine Schublade aufgezogen hatte, nämlich die mit der Aufschrift „altgewordener Hippie, der den Absprung verpasst hatte“. Sie schloss sie schnell wieder und vernahm die Worte von Juliette:

„Maman, darf ich Dir Jean-Luc vorstellen, er hat mich sehr bei meiner Forschungsarbeit auf der Aquarius unterstützt.“

Nun ging die Schublade in Babettes Kopf wieder auf, denn ein langhaariger Ex-Hippie und die Aquarius passten ja wohl doch zusammen. Dieser Gedanke zauberte ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht, was zwar nicht sie, aber Jean-Luc und auch Juliette bemerkten. Jean-Luc hielt ein leeres Champagnerglas in der Hand. Er lächelte Babette an und erhob sich von der Fensterbank mit der Bemerkung, sie sehe so aus, als hätte sie jetzt gern ein Glas eisgekühlten Champagner. Konnte dieser Mann Gedanken lesen? Er bot an, zwei gefüllte Gläser zu besorgen, unter der Bedingung, dass sie so lange diesen einzig halbwegs kühlen Platz in der Wohnung freihalten möge. Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er Richtung Küche. Auch Juliette wandte sich anderen gerade angekommenen Gästen zu und so hatte Babette Muße, hinter Jean-Luc herzuschauen und ihre Augen auf dessen sportlicher Gestalt ausruhen zu lassen. Das war ihr schon lange nicht mehr passiert, versonnen hinter einem Mann her zu blicken. Sie musste wieder lächeln. Es war ein bisschen ein magischer Abend. Einerseits so ein wenig neben sich zu stehen und andererseits alles gleichzeitig glasklar wahrzunehmen. Da kam Jean-Luc auch schon mit zwei gut gefüllten und mit Feuchtigkeit beschlagenen Gläsern zurück, in denen Rosé-Champagner schimmerte. Babette konnte einen genussvollen Seufzer nicht unterdrücken. Gerade auf dieses Getränk hatte sie jetzt unbändige Lust. Und – so setzte sie heute ein Jahr danach in Gedanken hinzu – auf diesen Mann auch.

Babette schaute an sich herunter. Sie trug noch ihre übliche Arbeitskleidung. Eine bequeme Jeans und ein großkariertes Hemd. Zeit sich umzuziehen und sich für Jean-Luc schön zu machen. Eigentlich machte sie sich über ihre Kleidung wenige bis gar keine Gedanken und jemand mit Kleidung gefallen zu wollen, wäre ihr früher nicht in den Sinn gekommen. Aber irgendwie genoss sie zu ihrem eigenen Erstaunen auch Jean-Lucs Blicke, wenn diese sich in den Ausschnitt ihrer Bluse verirrten. Sie genoss seine Hand, wenn diese sanft auf ihrer zugegebenermaßen rundlichen Hüfte ihren Platz fand. Und das fühlte sich auf einem Rock eben besser an, als auf der unter dem Hemd verdeckten Jeans. Sie würde die dunkel violette Seidenbluse tragen mit dem schlichten schwarzen gerade geschnittenen Rock. Eine schwarze Strumpfhose und die schwarzen Pumps, mit dem kleinen Absatz, das war halbwegs bequem und betonte ihre Fraulichkeit. Ihr fehlten schon immer zehn Zentimeter in der Länge, auf die sie in der Breite gern verzichtet hätte, aber damit hatte sie sich inzwischen arrangiert. Jammern über diese Äußerlichkeiten war mit 58 Jahren nun wirklich nicht mehr ihr Ding. Die Bestätigung, die sie in Jean-Lucs Augen fand, wenn sie sich berührten, überdeckten ihre jahrelangen Zweifel an ihrer Attraktivität. Schwungvoll drehte sich Babette auf dem Absatz um und machte sich auf den Weg ins Schlafzimmer.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Babette ging zurück in die Küche und sah sich suchend um. Wo war denn nun schon wieder dieses verdammte Ding? Die Festnetzstation jedenfalls war leer. Babette ging dem Klingeln nach, das sie Richtung Kühlschrank führte. Sie wunderte sich, aber es war eindeutig – der Klingelton kam aus dem Kühlschrank! Sie öffnete die Tür und holte das Mobilteil heraus. Im Display sah sie Juliettes Nummer. Babette unterdrückte einen Seufzer und hoffte, dass Juliette nur etwas mehr als die übliche Verspätung ankündigen und nicht überhaupt ganz absagen wollte. Am Telefon meldete sich aber nicht Juliette, sondern deren Freundin Pénélope. Babette wusste nicht wirklich, ob die beiden nur beste Freundinnen waren oder ob sie mehr teilten, so vertraut wie ihr Umgang miteinander war. Aber wie auch immer, sie schätzte die temperamentvolle junge Frau von der Insel La Réunion, die immer von einen Hauch Exotik umgeben zu sein schien. Das lag sicher zum einen an der dunkleren Hautfarbe und der manchmal sehr bunten Kleidung, aber auch an dem würzigen Duft, den sie als Parfum verwendete – eine Mischung aus Muskat, Zimt und Nelken.

Pénélope teilte mit, dass sie sich noch ein wenig verspäten würden, da sie einen zweiten Anlauf für die Macarons nehmen müssten. Das erste Blech sei leider verbrannt und jetzt fingen sie wieder von vorn an. Babettes Vorschlag die Macarons doch unterwegs bei Paulette, der Inhaberin der Pâtisserie Pistache und einer Freundin der beiden zu kaufen, lehnte Pénélope entrüstet ab. Dieser besondere Anlass habe selbstgebackene Macarons verdient. Nun gut, dann würde es noch ein bisschen später mit dem Essen werden. Babette verabschiedete sich von Pénélope mit den besten Wünschen für ein gutes Gelingen der Macarons. Sie legte das Telefon auf die Festnetzstation. Dabei überlegte sie wieder, wie dieses Teil denn im Kühlschrank gelandet sein konnte. War es der zunehmenden Schusseligkeit von Hélène zu verdanken oder war es gar ihre eigene Desorientiertheit gewesen? Wie auch immer, sie verbot es sich weiter darüber nachzudenken. Vielleicht gab es auch eine ganz simple Erklärung, die mit Anzeichen von Alterserscheinungen, die sie bei Hélène jetzt manchmal bemerkte und bei sich furchtsam suchte, nichts zu tun hatte.

Sie ging nun endlich ins Schlafzimmer und fing an sich auszuziehen. Jeans und Hemd wanderten in den Wäschekorb. Sie öffnete die Schranktür und legte Bluse und Rock auf das Bett. Das Ehebett, in dem sie seit 24 Jahren alleine schlief, mit Ausnahme der Nächte, in denen eines oder auch mehrere der Kinder den „Mamatank“ auffüllen mussten, wie Félix das einmal genannt hatte. Damals war er fünf Jahre alt gewesen und hatte öfter als es Babette lieb war, bei der Mutter im großen Bett schlafen wollen. Als sie wieder einmal „Nein“ zu seinem Wunsch gesagt hatte, stemmte der kleine Kerl die Hände in die Hüften, guckte sie mit seinen großen braunen Augen von unten herauf an und erklärte, er müsse seinen Mamatank auffüllen und das ginge nur in der Nacht bei ihr im Bett. Diesem strahlenden Kinderblick zu wiederstehen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Also durften Félix und sein Schlafhase Boubou in dieser Nacht bei ihr im Bett Quartier beziehen. Am nächsten Tag hatte Félix ihr mit seinem Kleinkindcharme erklärt, dass er leider vergessen habe, den Deckel auf den Mamatank zu schrauben und deshalb noch einmal eine Nacht bei ihr im Bett schlafen müsse. Das hatte sie so zum Lachen gebracht, dass sie sofort einwilligte. Die beiden größeren Schwestern waren alles andere als begeistert, dass der kleine Bruder die Mutter so um den Finger wickeln konnte. Wenn sie daran dachte, dann amüsierte sich Babette immer noch über diesen kleinen Charmeur, hatte aber ein deutlich schlechtes Gewissen den Töchtern gegenüber. Diese hatten sicher nicht zu Unrecht das Gefühl, dass Manches Félix nachgesehen wurde, für das sie von der Mutter tadelnde Worte erfahren hatten. Das lag aber auch daran, dass von den drei Kindern Félix seinem Vater am ähnlichsten war. Nicht nur äußerlich war er schon früh eine Mini-Ausgabe von Joseph, auch wie er seinen Willen anderen gegenüber durchsetzte, ohne sie vor den Kopf zu stoßen oder sich in große Machtkämpfe verwickeln zu lassen, war eindeutig sein väterliches Erbe. Hatte sie vielleicht deshalb manchmal zu wenig von ihm gefordert, so dass er sich auch heute noch eher vom Leben treiben ließ, als dieses selbst in die Hand zu nehmen?

Auch diesen Gedanken wollte sie lieber nicht weiter nachhängen. Sie wollte nicht mehr rückwärtsgewandt leben, sondern sich besser eine Zukunft mit Jean-Luc ausmalen. Vielleicht lag sie bald mit ihm in aller familiären Offenheit in diesem Bett. Diese Vorstellung gefiel ihr und beschwingt betrat sie das an das Schlafzimmer angrenzende Bad. Nach einer erfrischenden Dusche, zog sie die Dessous aus nachtblauer Spitze an, die sie von ihrem letzten Besuch aus Rouen mitgebracht hatte. Sie war durch Zufall auf dieses Geschäft gestoßen, das in der Auslage mit feiner Spitzenunterwäsche auch für üppigere Formen warb. Was sie dort hineingezogen hatte, konnte sie bis heute nicht sagen, aber plötzlich stand sie im Laden und vor ihr eine rundliche Frau Mitte vierzig, die sie mit einem kleinen Lächeln aufforderte, sich in Ruhe umzusehen. Als diese ihre Unsicherheit bemerkte, fragte sie freundlich, ob sie ihr einfach etwas zeigen dürfte. Babette konnte nur nicken, so erstaunt war sie noch über sich selbst. Madame Panier, so hieß die Besitzerin des Ladens, zeigte ihr BHs und Slips in verschiedenen Farben, Macharten und Stoffen. Sie riet ihr, wenn sie denn einmal etwas anderes als den üblichen weißen Slip und BH ausprobieren wolle, es doch mit dem nachtblauen Ensemble zu probieren. Es war so geschnitten, wie die Unterwäsche, die Babette sonst trug, aber eben aus Seide und mit wunderbarer Spitze an den Kanten. Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, war der Kauf abgeschlossen und Babette wanderte mit einer hübschen, mit einem Rosenmotiv bedruckten stabilen Einkaufstüte durch die Stadt. Es fühlte sich nicht sündig, sondern nur einfach gut an.

Und dieses Gefühl genoss sie jetzt auch. Zum Abschluss tupfte sie sich noch ein paar Tropfen ihres Lieblingsparfüms Tubéreuse Criminelle hinter die Ohrläppchen. Wahrscheinlich würde dieser Duft von den Essensdüften in der Küche überdeckt werden. Aber sie roch ihn und auch Jean-Luc würde ihn lieben – da war sie sich sicher.

Das Macaron-Desaster

„Verdammter Mist!“ – laut fluchend stürzte Juliette in die Küche, riss die Ofentür auf und zog das Backblech mit einem der herumliegenden Küchenhandtücher aus der Röhre. Zu spät! Die ursprünglich rosa Macarons waren nur noch eine braun-schwarze, nicht sehr appetitlich aussehende Masse. Eine schöne Bescherung! Scheppernd landete das heiße Blech in der Spüle, so dass die Macarons-Reste bröselig herunterfielen. Sie öffnete hustend das Fenster, damit die Rauchschwaden abziehen konnten. Sofort drang von draußen Möwengeschrei hinein.

Das Haus, in dem Juliette wohnte, lag mitten in Honfleur, in der Rue Haute, gleich hinter den Maisons Satie. Den Hafen und das Meer konnte sie von dort aus nicht sehen und so erinnerten sie die Möwen mit ihrem lautstarken Geschrei daran, dass die See nicht weit weg war. Juliette hatte das gute Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein. Sie liebte alle Geräusche rund um das Meer. Die Wellen, die im immer gleichen Rhythmus an die Küste schlugen. Den Wind, der in der Normandie stets wehte und sich nicht selten zu einem heftigen Sturm entwickelte. Das Knirschen und Knacken der Muscheln am Strand. Das Gekreische der Möwen und der anderen Seevögel; ja selbst das unablässige Geklimper der Taue und Seile, die an die Masten der im Hafen liegenden Boote schlugen und je nach Windrichtung mal mehr mal weniger stark zu hören waren: all das war Musik in ihren Ohren. Nicht umsonst hatte sie wohl Meeresbiologie studiert, auch wenn sich im Laufe der Zeit ihr Interesse von den heimischen Gewässern wegbewegt hatte. Statt Flora und Fauna des Ärmel-Kanals zu untersuchen, hatte sie sich auf Pinguine spezialisiert. Inzwischen war sie anerkannte Pinguin-Expertin und daher oft auf ausgedehnten Forschungsreisen, die sie in die entlegensten Gebiete der südlichen Halbkugel führten. Auch wenn sie gerne auf Expedition ging – zumal wenn Jean-Luc mit von der Partie war –, so freute sie sich doch immer wieder auf zu Hause, die Normandie im Allgemeinen und Honfleur im Besonderen. Für sie gab es nichts Schöneres als genau hier zu leben.

Vor knapp einem Jahr hatte sie sich entschieden, Rouen, wo sie zunächst studiert und dann einen guten Uni-Job als Wissenschaftlerin an ihrem alten Institut angenommen hatte, zu verlassen und in einen der Küstenorte zu ziehen. Sie wollte einfach näher am Meer sein. Und sie ging strategisch und mit Plan vor. Viele Wochenenden hatte sie in den Dörfern an der Küste zwischen Le Havre und Courseulles-sur-Mer verbracht, hatte sich umgeschaut, Eindrücke gesammelt und viele Bücher gelesen. Sie hatte mit Einheimischen gesprochen und verglichen. Auch ganz praktische Dinge hatte sie dabei im Blick gehabt: Gab es einen Markt? Eine Auswahl an guten Restaurants? Einen Bahnhof? Kino und andere kulturelle Angebote auch außerhalb der Badesaison? Nach langem Hin und Her war ihre Wahl schließlich auf Honfleur gefallen, jenes zauberhafte Städtchen an der Seine-Mündung. Der Ort konnte alle ihre Bedürfnisse nach Ruhe, guten Restaurants, Verkehrsanbindung und Kultur gleichermaßen erfüllen und war damit perfekt – und mit Le Havre lag sogar eine ganz passable Großstadt quasi direkt vor der Haustür. Zwar waren auch in Honfleur im Laufe der Jahre immer mehr Touristen gekommen. Das war aber immer noch kein Vergleich mit den Badeorten westlich von Honfleur entlang der Küste. Dort tummelten sich ab Mai bis Anfang September Scharen von sonnenhungrigen Sommerfrischlern – meist völlig verrückte und überdrehte Pariser, so wie ihre Schwester Brigitte. Sie bevölkerten die kilometerlangen Sandstrände, ausgestattet mit Gepäck, als wollten sie den Strand nie mehr verlassen: riesige Luftmatratzen, Eimer, Bälle, Schaufeln, gigantische Kühltaschen, bunte Sonnenschirme, Windschutzvorrichtungen und natürlich Picknick-Decken in Größen, auf denen Großfamilien bequem Platz finden könnten. Auch wenn mancher der Einheimischen den Kopf darüber schüttelte und tatsächlich befürchtete, die Gäste könnten auf Dauer bleiben – quel horreur! –, so lebten doch viele sehr gut von den Touristen. Deren Geld hatte dazu geführt, dass nicht nur Honfleur, sondern auch viele andere Orte entlang der normannischen Küste investieren konnten. Überall waren hübsche Strandpromenaden mit netten Restaurants und kleinen Läden entstanden, in denen man allerhand Schnickschnack erwerben konnte. Einheimische Kunsthandwerker konnten hier ihre selbst gefertigten Sachen ebenso anbieten wie die Bauern der Umgebung ihre regionalen Produkte. Auf diese Weise war deren Auskommen gesichert. Und so waren alle zufrieden und – mon Dieu! – die paar Wochen im Sommer konnte man schon aushalten. Nicht wenige der Küstenorte trugen inzwischen den Titel „Le plus beau village de France“. Juliette musste darüber schmunzeln, kannte sie doch mindestens dreißig andere Orte in Frankreich, die sich ebenfalls mit diesem Titel schmückten. Die Gefahr übrigens, dass sich Pariser doch dauerhaft einnisteten, war relativ gering. Denn zum einen war es mit der Sonne in der Normandie so eine Sache: der Juli und August konnten zwar sehr heiß sein und da kam die Abkühlung am Meer natürlich ganz recht. Trotzdem waren die Sommer oft auch empfindlich kühl, mit wenig Sonne, dafür umso mehr Wind – immerhin luden die Strände dann zu langen Sparziergängen am Meer ein. Zum zweiten – und das war überhaupt der ausschlaggebende Grund – konnten es die Pariser auf Dauer ohne Paris überhaupt nicht aushalten. Und schließlich war die Vorstellung für einen Pariser, sein Dasein in der Provinz zu fristen, absolut undenkbar. Die Normannen konnten also ganz beruhigt sein.

„Och nee, jetzt kann ich noch mal von vorne anfangen!“ Juliette ärgerte sich.

Einen Moment zu lang war sie ablenkt gewesen – sie hatte mit Amélie, einer Freundin aus Studienzeiten telefoniert, die mal wieder unglücklich verliebt war und dringend mit jemandem reden musste – ‚warum eigentlich immer mit mir?’ dachte Juliette – und über das komplizierte Liebesleben von Amélie waren die Macarons hinüber. Also noch einmal. Zum Glück hatte sie alle Zutaten im Haus und musste nicht hinunter zum Supermarché. Allerdings tat sich ein anderes, viel schwerwiegenderes Problem auf: Sie würden hoffnungslos zu spät zum Familienessen heute Abend eintreffen.

„Salut, Juliette!“ Die Wohnungstür öffnete sich und Pénélope stand im Flur.

„Ich habe noch schnell ein paar Blumen besorgt. Deine Mutter mag doch gerne bunte Sträuße? Die Verkäuferin wollte mir allen Ernstes Nelken andrehen. Ich konnte sie wirklich nur schwer davon überzeugen, dass ich die für eine Einladung zu einem Festessen für eher weniger geeignet halte.“

Sie hängte ihre leichte Sommerjacke an der Garderobe im Flur auf, zog die Schuhe aus und betrat die Küche.

„Salut, Pénélope, na, wie war die Probe?“

„So làlà. Ich erzähl’s dir später in Ruhe, okay?“ Pénélope war Konzertmeisterin im Orchestre de l‘Opéra de Rouen, das gerade vor einer Reihe von Konzerten stand. Die Proben dazu waren sehr anstrengend.

„Können wir bald los? Wir riskieren es mal wieder zu spät zu kommen, ich schätze, deine Mutter wird bereits ungeduldig in der Tür stehen und Ausschau nach uns halten.“

„Ja, davon kannst du ausgehen“, seufzte Juliette, „ich sehe sie geradezu bildlich vor mir, wie sie mit vorwurfsvollem Blick, die Arme in die Seite gestemmt dasteht. Aber soll sie eben, wir haben hier noch ein kleines Malheur zu regeln.“

„Ich rieche es. Wolltest du die Küche in Brand setzen?“ fragte Pénélope lachend.

„Die Macarons haben über Amélies Probleme mit ihrem aktuellen Lover das Zeitliche gesegnet. Leider nur noch schwarze Krümel, absolut nicht vorzeigbar. Ich muss da nochmal ran.“

„Aber Chérie, das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Dafür haben wir wirklich keine Zeit mehr. Kannst du nicht schnell runter zu Paulette und welche von ihren Macarons holen?“

Paulette war die Inhaberin der Pâtisserie „Pistache“ in der Rue Barbel, die nicht nur in Honfleur, sondern in der gesamten Normandie für ihre leckeren Kuchen, kunstvollen Törtchen und raffinierten Pralinen bekannt war und dafür auch schon zahlreiche Preise gewonnen hatte. Sie war eine gute Freundin der beiden und hatte sich mit der Eröffnung ihrer eigenen Pâtisserie vor zehn Jahren einen lang gehegten Traum erfüllt.

Pénélope grinste: „Sie überlässt dir bestimmt auch eine Familienpackung.“

„Sehr witzig, kommt gar nicht in Frage. Immerhin habe ich einen Ruf zu verlieren!“

Juliette war immer schon für das Backen in der Familie zuständig gewesen, egal ob bei Geburtstagen, an Feiertagen oder anlässlich größerer Familienfeiern. Irgendwann hatte sie damit angefangen und da ihr niemand diesen Posten streitig gemacht hatte, blieb es auch dabei – bis heute. Sie liebte es, Dinge auszuprobieren und war dabei ziemlich kreativ. Freunde und Verwandtschaft freuten sich, auch wenn sie im Laufe der Zeit mehr als einmal als Versuchskaninchen herhalten mussten und hierbei durchaus auf ambivalente Erfahrungen zurückblicken konnten. Juliette erinnerte sich an diverse Geschmacksexperimente mit Kräutern, exotischen Gewürzen und Obst. Aber solange alle mitmachten und die leckeren Torten die schiefgegangenen Versuche überwogen, schien auch für Juliette alles in Ordnung. Was die Macarons anging, hatte sie es inzwischen allerdings zur Meisterschaft gebracht.

„Boah, die sind sooo lecker, hundertmal besser als bei Ladurée“, pflegte ihr Bruder Félix zu sagen und der kannte sich aus: Immerhin war er Stammkunde in der Maison Ladurée in der Rue Royale in Paris, das für den Siegeszug des zarten bunten Gebäcks verantwortlich zeichnete. Zwar waren Macacrons eigentlich überall zu bekommen, aber nur bei Ladurée zergingen sie einem förmlich auf der Zunge und schmeckten so unglaublich gut! Juliette fand es süß, dass ihr Bruder behauptete, sie könne diese kleinen Meisterwerke der Backkunst übertreffen. Natürlich glaubte sie ihm kein Wort. Sie brachte ihm trotzdem immer eine Extra-Portion mit – Karamell-Cassis war sein aktueller Favorit.

„Also gut“, Pénélope band sich eine der Schürzen um, die an einem Nagel neben der Spüle hingen, „ich kann dir ja assistieren, dann geht es etwas fixer. Was soll ich tun?“

Zwei Stunden später saßen die beiden in Juliettes roten Deux Chevaux und brausten auf der Landstraße Richtung Lisieux, die frischen Macarons gut verpackt im Koffer verstaut, inklusive einer Extra-Schachtel für Félix. Zu zweit waren sie ein eingespieltes Team und hatten die Arbeit zügig hinbekommen. Die kleinen Reisetaschen hatten sie schon am Morgen gepackt und so konnten sie gleich, als die Macarons fertig waren, los. Ihr Ziel war der kleine Ort Marolles, ca. 45 km von Honfleur entfernt, dort lag der Hof von Babette, auf dem Juliette eine schöne Kindheit verbracht hatte, wenn auch ohne Vater, der eines Tages einfach verschwunden war. Obwohl sie selbst damals erst knapp sechs Jahre alt gewesen war, hatte sie noch sehr genaue und klare Erinnerungen an die Zeit seines Verschwindens. An die Hektik und Unruhe auf dem Hof, die vielen Polizisten, die am Anfang fast jeden Tag da waren, mit der Zeit immer weniger wurden, bis nur noch Alphonse, der leicht schusselige, aber sympathische Dorfpolizist hin und wieder erschien. Allerdings hatte er nie irgendwelche Neuigkeiten gebracht, sondern kam mehr aus persönlicher Anteilnahme und aus Respekt gegenüber Babette und Hélène. So war er im Laufe der Zeit nicht nur zu einem vertrauten Gesicht, sondern im Grunde zu einem guten Freund der Familie geworden. Trotzdem war das alljährliche Joseph-Gedächtnis-Essen ausschließlich dem engsten Familienkreis vorbehalten.

Penélopé hatte kurz bei Babette angerufen und schon mal vorsorglich angekündigt, dass es ein wenig später werden würde. Wie zu erwarten war, war diese nicht gerade begeistert, aber was sollte sie machen?

„Dann müssen wir mit dem Essen etwas später beginnen. Wir warten auf euch. Félix und Brigitte sind schon da. Fahrt bitte vorsichtig!“

„Na klar, bis später dann, Babette.“

„Gut, dass du bei meiner Mutter einen Stein im Brett hast, ich wäre da nicht so einfach rausgekommen“, meinte Juliette grinsend, nachdem Pénélope das Telefonat beendet hatte.

Ihre Mutter hatte Pénélope gleich von Beginn an gemocht – wie eigentlich jeder sie sofort sympathisch fand. Auch Juliette war vom ersten Moment an begeistert gewesen. Sie hatten sich während des Studiums kennen gelernt, als beide in einer angesagten Studentenkneipe in Rouen gejobbt hatten. Juliette schuftete in der Küche, schnippelte Gemüse, spülte und fluchte mehr als einmal sowohl über den Küchenchef als auch über diverse Gäste, die meinten, nur, weil sie in der Küche arbeitete, sei sie irgendwie kein menschliches Wesen und deshalb schlecht zu behandeln; Pénélope arbeitete als Bedienung vorne im Lokal und war immer bester Laune. Egal wie pampig die Gäste manchmal waren oder wenn etwas anders als geplant lief: Pénélope war einfach immer gelassen und nahm das Ganze nicht zu ernst. Jedenfalls schien es so.

Als es für Juliette mal wieder kaum zum Aushalten war, sie vor Wut kochte und kurz vorm Explodieren war, weil Alexandre, der arrogante Küchenchef, sie wie schon häufiger nur herumkommandiert und wegen einer Nichtigkeit vor allen heruntergeputzt hatte, schnappte sich Pénélope Juliette, zog sie in den Hinterhof, drückte ihr einen Pastis in die Hand, meinte nur lakonisch:

„Alkohol hilft!“ und prostete ihr zu: „Mach dir nichts draus, der tickt öfter mal aus, das gibt sich wieder. Der ist es jedenfalls nicht wert, sich so aufzuregen. So ein Blödmann!“

Juliette war echt dankbar für diese Anteilnahme und stieß – schon wieder ruhiger – mit Pénélope an. Danach lachten sie sich immer an und blinzelten sich zu, wenn sie sich zwischen Küche und Gastraum für einen kurzen Moment begegneten.

Im Laufe der vergangenen Jahre war ihr Verhältnis schnell enger und bald zu einer innigen Freundschaft geworden. Das hatte sie beide zunächst ein wenig überrascht, aber dann war alles ganz einfach gewesen. Es fühlte sich leicht und damit ziemlich gut an. Seitdem verbrachten sie noch mehr Zeit miteinander, obwohl beide Wert darauf legten, ihre eigenen Wohnungen zu haben und auch zukünftig zu behalten. Schon alleine wegen der vielen Überei brauchte Pénélope einen Rückzugsraum, an dem sie ungestört ihre schwierigen Partien einstudieren und einfach auch mal wieder und wieder Tonleitern oder langweilige Etüden spielen konnte, ohne dass es jemanden nervte – außer vielleicht die direkten Nachbarn. Sie unterrichtete außerdem ein paar Schüler, was Juliette zwar grundsätzlich toll fand. Allerdings hatten die Laute, die da so herauskamen, mehr Ähnlichkeit mit Katzenmusik als mit Kunst. Aber Juliette sagte nichts, sondern bewunderte stumm den Ehrgeiz, den so mancher von Pénélopes Schülern entwickelte und der dazu führte, dass sie schnell Fortschritte machten, worüber man sich bei den regelmäßig stattfindenden kleinen Konzerten vergewissern konnte. Pénélope war, wie Juliette fand, aber auch eine sehr gute, weil geduldige Lehrerin. Den Schülern jedenfalls schien es überwiegend Spaß zu machen. Von all dem bekam Juliette also nur am Rande mit, da sie ja zum Glück ihre eigene Wohnung hatte. Denn wenn Juliette ihrerseits in einer Forschungs- und Schreibphase steckte, wollte sie einfach nur alleine sein, ohne Ablenkung und ohne eine zweite Person, die um sie herum wuselte und sie vielleicht zu Dingen überreden wollte, für die sie gerade wirklich keine Zeit hatte.

Juliette mochte Pénélopes unkomplizierte und unbekümmerte Art. Alles Trübsinnige konnte diese mit einem Lachen wegschieben, alle waren sofort von ihr verzaubert und ließen sich von ihrer positiven Ausstrahlung anstecken. Es war wunderschön, mit ihr das Leben zu teilen. Pénélope wiederum fand Juliettes Impulsivität, ihren Tatendrang und ihre unermüdliche Energie anziehend, auch gerade, wenn sie sich mit ihrer direkten Art nicht selten richtig Ärger einhandelte, aus dem – ebenfalls nicht selten – Pénélope sie wieder herausholte, indem sie mit Engelszungen auf das aufgebrachte Gegenüber beschwichtigend einredete und ganz nebenbei natürlich auch Juliette wieder beruhigen musste. So ergänzten sich die beiden perfekt, was ausnahmslos alle in ihrem Umfeld bestätigten.

Sowohl Juliette als auch Pénélope waren äußerst disziplinierte Arbeiterinnen. Auch das einte sie. Pénélope hatte La Réunion bald nach dem Schulabschluss verlassen, um in Frankreich Musik zu studieren. Ihre Eltern hatten sie in diesen Plänen immer unterstützt und überhaupt erst in Kontakt mit europäischer Musik gebracht. Pénélopes Mutter Sandrine war eine waschechte Pariserin und hatte sich an der Sorbonne Hals über Kopf in den gut aussehenden jungen Mann aus La Réunion verliebt, der immer auf dem Platz vor der Universitätskapelle Sainte Ursule stand und mit seinen Trommeln so wunderbare Musik machte. Stéphane studierte Medizin und verdiente sich nebenbei mit seiner Musik ein wenig zum Lebensunterhalt dazu. Sandrine war in Geographie und Umweltwissenschaften eingeschrieben. Nach Studienabschluss hatten beide geheiratet und waren nach La Réunion gegangen. Pénélopes Vater wurde Arzt in der Klinik Félix Guyon in Saint-Denis, der Inselhauptstadt, ihre Mutter arbeitete in der Präfektur im Büro für Tourismus und Naturschutz. Nebenbei waren beide leidenschaftliche und hervorragende Musiker, die klassische europäische Musik mit der einheimischen kreolischen Sega- und Maloya-Musik mischten, mit diesem sehr eigenen Stil enorm erfolgreich waren und viel umjubelte Auftritte hatten. Es war klar, dass in einem solchen Umfeld auch die Kinder ein Faible für Musik entwickelten. Schon als Vierjährige bekamen Pénélope und ihr Bruder Raphael Klavier- und Geigenunterricht. Raphael stieg dann aber schnell auf Schlagzeug um und beteiligte sich, wenn er denn mal anwesend war, ebenfalls an der Familien-Combo. Die Geschwister lernten auch die traditionellen einheimischen Instrumente Kayamb, Roulèr und Piker. Schon recht bald zeigte sich jedenfalls Pénélopes Begabung und so war klar, dass sie die Insel in Richtung Frankreich verlassen musste, um ihr Talent weiter zu fördern. Zunächst studierte sie am Konservatorium in Paris, dann aber lockte sie ein Meisterkurs nach Rouen, in den sie sich mit Feuereifer stürzte und Technik wie Ausdruck ihres Geigenspiels gewaltig verbessern konnte. Kurz nach ihrem Examen, das sie natürlich mit Bravour absolviert hatte, wurde ihr die Stelle als Konzertmeisterin im Opern-Orchester von Rouen angeboten, die glücklicherweise gerade frei geworden war. Sie liebte das gemeinsame Spielen im Orchester und die Konzertreisen, die manchmal ein wenig wie Klassenfahrten waren, war aber auch eine inzwischen gefragte Solistin und kam viel herum. Unter anderem war sie häufig zu Hause, auf La Réunion, wo sie sogar manchmal gemeinsam mit ihren Eltern viel beachtete und gut besuchte Konzerte gab. Sie sprach übrigens immer von „zu Hause“, auch wenn sie nun schon lange in Frankreich lebte und insbesondere die raue Landschaft der Normandie in ihr Herz geschlossen hatte. Diese war ihr eine zweite Heimat geworden, aber ihre Wurzeln waren doch auf jener wunderschönen und üppigen Insel im Indischen Ozean. Wenn es sich einrichten ließ, begleitete Juliette sie auf manche ihrer Reisen. Da sie aber selbst sehr viel unterwegs war, vor allem mit der Aquarius, war das nicht immer möglich.