Clara und die Granny-Nannys - Tania Krätschmar - E-Book

Clara und die Granny-Nannys E-Book

Tania Krätschmar

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Beschreibung

Nanny gesucht, Granny gefunden

Nicht mehr jung, aber noch lange nicht alt – und jetzt? Als Granny-Nannys durchstarten, natürlich! Suse, Karen und die verwitwete Hanni werden von Agenturbetreiberin Clara Behrens nach Berlin vermittelt. Sechs Tage in der Woche mit schlecht erzogenen Gasteltern, Kindern und Hunden, dazu noch jede Menge skurriler Katastrophen in der winterlichen Hauptstadt, an denen sie glatt scheitern könnten … wären da nicht ihre regelmäßigen Montagstreffen im Café Maiwald! Denn ehrliche Geständnisse aus dem Jetzt und Früher werden für Suse, Karen und Hanni zum Beginn einer wunderbaren Freundschaft …

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Seitenzahl: 458

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Buch

Wenn man in die besten Jahre kommt, sind die guten noch lange nicht vorbei!

»48 Prozent aller Frauen in Deutschland sind über fünfzig. Viele von ihnen sind nicht mehr berufstätig, aber stecken noch voller Power und wollen mehr als einen gemütlichen Ruhestand«, sagt Clara Behrens von der Granny-Nanny-Agentur …

Als Suse den Artikel liest, steht ihr Entschluss fest: Sie stürzt sich ins Granny-Nanny-Abenteuer! Auch Hanni Wiesinger und Karen Parotat starten noch mal durch und lassen sich von Clara Behrens in die Hauptstadt vermitteln. Wo sie zwischen Querelen mit blutjungen Gasteltern, bockigen Au-Pair-Enkeln und neuen Herausforderungen wie dem Berliner Nahverkehr, Hausbooten, einer Hohenzollern-Gruft und Tattoostudios manchmal glatt von einem Rückreiseticket träumen könnten. Wären da nicht ihre gemeinsamen Montage im Café Maiwald. Denn was dort zwischen viel Tee, noch mehr Lachen und einigen Tränen entsteht, kann den drei Granny-Nannys niemand nehmen, egal, wie alt sie sind …

Autorin

Tania Krätschmar wurde 1960 in Berlin geboren. Nach ihrem Germanistikstudium in Berlin, Florida und New York arbeitete sie als Bookscout in Manhattan. Heute ist sie als Texterin, Übersetzerin, Rezensentin und Autorin tätig. Sie hat einen Sohn und lebt in Berlin.

Von Tania Krätschmar bei Blanvalet bereits erschienen:

Eva und die Apfelfrauen

Tania Krätschmar

Clara und die Granny-Nannys

Roman

1. Auflage

Originalausgabe November 2014 bei Blanvalet Verlag,

einem Unternehmen der

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © by Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotiv: Corbis/Image Source

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

LH · Herstellung: sam

ISBN: 978-3-641-14464-7

www.blanvalet.de

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,

Und neues Leben blüht aus den Ruinen.

FRIEDRICHSCHILLER, WILHELMTELLIV, 2

Man ist so alt, wie man sich anfühlt.

HILDEGARDKNEF

1. Kapitel

»Ach, verdammt noch mal!«

Der Porzellandeckel der Kaffeekanne fiel scheppernd aufs Parkett. Dabei brach der Rosenblütenknopf ab und kullerte unaufhaltsam unter die antike Anrichte.

Bevor Schlimmeres passieren konnte, stellte Else Tinkermann die Kanne rasch ab. Sie hielt beide Hände hoch, als ob sie sich einem unsichtbaren Feind ergeben würde. Dann zupfte sie mit den geschwollenen Fingern der einen Hand an der Haut der anderen, woraufhin diese, statt elastisch zurückzuspringen, wie ein blasses, durchschimmerndes Zelt stehen blieb.

»Guck dir das doch mal an!«, rief sie ungehalten. »Da ist nur noch Pelle! Theoretisch habe ich ja nichts gegen das Älterwerden. Die eine Ziffer jedes Jahr … Aber praktisch finde ich es zum Kotzen. Erst wirst du für Männer unsichtbar, dann kannst du deine Entscheidungen nicht mehr frei treffen, und schließlich stiehlt es dir das Leben. Sogar die Kraft, vernünftig Kaffee einzuschenken, wie du gerade gesehen hast!« Entnervt strich sie sich eine Strähne ihres schütteren weißen Haares zurück.

Clara Behrens musste lächeln, während sie sich bückte, um Deckel und Knopf aufzuheben. Es passte so zu ihrer Mutter, auf selbstironische Weise wütend zu sein. Im Kopf war sie topfit. Else las jeden Tag zwei Tageszeitungen, eine auf Deutsch, eine auf Englisch, stritt politisch gern (»Soll ich nun die Grünen wählen oder nicht? Ich finde, die tun nicht genug! Was die Japaner mit den Walen und Delfinen anstellen, gehört verboten! Wenn ich jünger wäre, würde ich mich an so einen Walfänger anketten!«) und war kulturell immer auf dem Laufenden, sowohl darüber, was in Hamburg los war, als auch sonst auf der Welt. Ihre kleine Schwäche für die europäischen Königshäuser fand sie zwar nicht unbedingt politisch korrekt, aber sie stand dazu. Ihr achtundsiebzig Jahre alter Körper setzte jedoch Grenzen, die ihr Geist nur zu gern überschritt. Es waren die Gelenke, in denen die Arthrose wütete. An manchen Tagen konnte sie sich nur unter großen Schmerzen bewegen. Dies war so ein Tag. Da war der Stock mit dem silbernen Entenkopfknauf, der am Stuhl lehnte, ihr bester Freund.

»Weißt du, was ich am meisten vermisse?«, fragte Else und schenkte nun doch, wenn auch deckellos, nach.

Die Hände ihrer Mutter zitterten, aber Clara kannte sie gut genug, um ihr keine Hilfe anzubieten. Sie schüttelte den Kopf.

»Dass ich nicht mehr reisen kann. Was hab ich es geliebt, einfach ins Blaue zu fahren! Ans Wasser, auf eine Insel … Aber mein Köfferchen könnte ich kaum noch tragen.« Sie stellte die Kanne vorsichtig ab. »Und längere Reisen planen ist auch unmöglich, weil ich nicht weiß, wie es mir geht, wenn es losgehen soll. Ach, das ärgert mich wirklich! Was bin ich früher gern geflogen! Jetzt tun mir schon bei dem Gedanken, mehr als eine Stunde im Flugzeug zu sitzen, die Knochen weh.«

Else schaute in Richtung Hamburger Hafen, dessen Kräne man in der Ferne sehen konnte. Solange Clara denken konnte, hatten ihre Eltern in der Altstadt gewohnt. Das Gymnasium, in dem Clara als Schulsekretärin arbeitete, war nicht weit entfernt, weshalb sie ihre Mutter häufig auf dem Nachhauseweg besuchte. So wie heute.

»Und deshalb, mein Kind, gebe ich dir einen guten Rat: Erfüll dir deine Träume, wenn du noch kannst. Genieß jeden Tag! Die Welt gehört dem, der sich an ihr erfreut. Ab einem bestimmten Alter zählt jeder Tag doppelt. Irgendwann macht der Körper nicht mehr mit, egal, wie sehr sich der Kopf danach sehnt. Und damit meine ich nicht nur eine glatte Haut … Pah!« Resolut wandte Else sich ihrer Tochter zu. »Was macht die Arbeit? Hat sich deine neue Direktorin eingekriegt, oder verlangt sie immer noch Unmögliches von euch?«

Das war typisch für ihre Mutter – Themenwechsel. Selbstmitleid verbot sich natürlich grundsätzlich. Clara strich sich das glatte braune Haar hinters Ohr.

»Definitiv nicht. Wenn ich eine gute Idee hätte, würde ich mich sofort selbstständig machen, Mutti. Mit etwas ganz anderem. Wenn ich nur wüsste, womit.«

»Ist das dein Traum? Die Selbstständigkeit?«

Clara nickte. »Ich würde gern für mich arbeiten und nicht für andere.«

»Kind, manchmal frage ich mich, warum ich dir so einen wunderschönen feministischen Namen gegeben habe! Wenn’s dein Traum ist, dann tu es doch! Denk an alles, was du gern machst, finde heraus, was andere gern machen, lass deine Fantasie spielen, und sei mutig. Wenn ich noch mal was Neues anfangen könnte, würde ich eine Reiseagentur eröffnen und alle Reisen selbst austesten! Stell dir vor, du bist noch mehr als zwanzig Jahre in der Schule …«

Clara sah ihre Mutter entsetzt an. »Um Gottes willen. So lange halte ich das nicht mehr aus.«

»Ja, also musst du dir was ausdenken. Zugegeben, wir Alten sind auf dem Vormarsch, aber egal, wie beherzt wir marschieren, Umwege können wir uns nicht erlauben, sonst erreichen wir das Ziel nicht mehr. Du bist doch jung genug, um etwas Neues anzufangen, selbst wenn es bedeutet, einen Umweg zu gehen.« Sie seufzte und warf einen Blick auf die Messinguhr, die an der Wand hing. Dann plötzlich kam Leben in sie. »Oh, schon so spät! Heute gibt es auf 3sat einen wunderbaren Reisebericht über die transsibirische Eisenbahn. Ach, was hab ich im Leben alles nicht gesehen, und was tut mir das leid! Möchtest du mitgucken?«

»Nein danke. Ich gehe. Tommi wird schon zu Hause sein.«

Clara leerte ihre Kaffeetasse. Ihr Mann arbeitete für einen Hamburger Verlag, in dem es gegen den Zeitgeist erfreulicherweise noch üblich war, dass die Angestellten pünktlich gingen.

»Und der Junge?«

»Leon hat heute ein Vorbereitungstreffen für sein Auslandsjahr. Nach den Sommerferien geht es doch los. Er ist schon mächtig aufgeregt. Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass er bei der Gastfamilie in den USA endlich lernt, sein Zimmer aufzuräumen. Das Chaos werde ich nicht vermissen, aber sonst … Warte, ich trage das.«

Sie nahm Else das Tablett ab, brachte es in die Küche und stellte das schmutzige Geschirr in den Geschirrspüler. Else folgte ihr, lehnte sich gegen den Türrahmen und schaute ihr wehmütig zu.

»Wie schnell das alles geht, wenn man keine Schmerzen hat. Mir fällt immer öfter etwas runter. Na, macht ja nichts. Man hat sowieso viel zu viel Kram.«

»Du kannst ruhig ab und zu eine Schmerztablette nehmen, Mutti. Das würde deine Lebensqualität sicher steigern«, sagte Clara und griff nach ihrer Tasche, die sie an die Garderobe gehängt hatte.

Else schüttelte empört den Kopf. »Ich will doch nicht abhängig werden! Ich mach mir eine Wärmflasche, das hilft auch. Und du, Kind, grüßt mir deine Männer, hörst du?«

»Mach ich.«

Ein jähes Gefühl der Rührung überkam Clara, als sie ihre Mutter zum Abschied umarmte. Else kam ihr plötzlich so klein, so zerbrechlich vor, und sie fragte sich, wie lange sie sie noch haben würde. Sie wollte, dass es ihr gut ging, dass sie immer da war. Ein Leben ohne ihre Mutter mit ihrem unerschütterlichen Optimismus schien ihr unvorstellbar. Clara nahm sich vor, sich mehr um sie zu kümmern. Mehr mit ihr zusammen zu unternehmen, vielleicht mit dem Wagen. Sie konnte Else abholen, ein Wochenende außerhalb Hamburgs mit ihr verbringen, um ihren Abenteuerhunger zu stillen. Natürlich unauffällig, denn alles, was nach Sorge um ihre Person aussah, würde Else weit von sich weisen.

An einem Eisstand neben dem Michel kaufte Clara sich gegen den Kloß in ihrem Hals ein Eis. Vom Hafen her wehte ein lauer Wind. Weiße Wölkchen hingen am blauen Himmel. Es war ein Tag, der ahnen ließ, dass der Sommer nicht mehr weit war …

Clara dachte über das Gespräch mit ihrer Mutter nach. Es stimmte, Reisen war immer schon Elses große Leidenschaft gewesen. Sie war viel in Europa unterwegs gewesen, aber bis in die USA, wo Leon ab September sein würde, hatte sie es nicht geschafft.

Wie selbstverständlich die Kids heutzutage in der Welt umherreisten. Schüleraustausch in den USA, Work and Travel in Australien oder Kanada, Au-pair auf der ganzen Welt … So jung und schon so viel unterwegs, dachte Clara. Sie sah es ja fast jeden Tag in der Schule. Kaum waren sie in der zehnten Klasse, hielt sie nichts mehr. Das musste den Blick auf das Leben verändern, was den Älteren nicht mehr vergönnt war.

Warum eigentlich?

Clara blieb so abrupt stehen, dass ein älterer Herr in sie hineinrannte. »Pass doch op, Deern«, sagte er ungehalten und ging weiter.

Sie starrte den Mann an, ohne ihn wirklich wahrzunehmen. In ihrem Kopf nahm eine Idee Gestalt an.

Clara ging weiter und beschleunigte ihren Schritt. Schüleraustausch – gut, dafür war es zu spät. Work and Travel, das ging wahrscheinlich auch nicht mehr. Welche Frau in fortgeschrittenem Alter schmiss schon gern in Australien ein renitentes Schaf auf den Rücken, um es zu scheren? Oder pflückte mit einer schweren Kiepe auf dem Rücken Kiwis? Oder hackte Holz in Kanada?

Aber Au-pair – das ging doch! Viele ältere Frauen hatten Erfahrung im Umgang mit Kindern, erst mit ihren eigenen, dann mit den Enkeln. Sie waren verantwortungsbewusst, verliebten sich nicht mehr so schnell, betranken sich nicht heimlich, machten den Haushalt mit links … Sie waren im Grunde die besseren Betreuerinnen als das junge Gemüse, oder? Vielleicht nicht als jugendliche Spielkameraden, aber warum nicht als … eine Art liebevolle Omas auf Zeit?

Plötzlich hatte Clara es sehr eilig, nach Hause zu kommen.

»Gibt es eigentlich auch ältere Au-pairs?«, fragte Clara am Abend Tommi, der den Tisch deckte, während sie für sie beide eine Gemüsepfanne mit Huhn brutzelte.

»Wie viel älter?«, fragte er und stellte klappernd die Teller ab. »Fünfundzwanzig statt gerade aus der Schule raus?«

»Nein, viel älter. Fünfzig oder mehr.«

Tommi lachte und trat hinter sie. Sie spürte seinen warmen Atem an ihrem Hals. Seine Bartstoppeln kitzelten an ihrer Haut.

»Na, hör mal, wer will sich denn in diesem Alter für ein bisschen Taschengeld mit fremden Kindern rumärgern? Das machen doch nur junge Leute, weil sie endlich vernünftig Englisch lernen wollen oder keine Idee haben, was für eine Ausbildung sie machen sollen.« Er griff nach seinem Smartphone und gab etwas ein.

»Tommi, sei doch nicht so zynisch. Die Alten sind auf dem Vormarsch. Beim Einkaufen hatte ich neulich eine Lupe am Einkaufswagen! Damit man das Kleingedruckte auf den Packungen sehen kann! Das ist doch ein Zeichen dafür, dass sich immer mehr Menschen auf die Älteren einstellen. Es gibt viele Frauen, die noch was von der Welt sehen wollen, wenn sie nicht mehr arbeiten oder nicht mehr in ihren Familien eingebunden sind. Frauen, die Erfahrungen mit Kindern haben. Frauen, die zwar älter, aber immer noch abenteuerlustig sind.«

»Ah, du warst bei Else.«

»Stimmt. Wenn man ihr so was vor zwanzig Jahren angeboten hätte, hätte sie das sofort gemacht. Mit Begeisterung!« Clara stellte die Pfanne auf den Tisch und setzte sich Tommi gegenüber. »Aber für Mutti ist es zu spät. Das Alter hat sie eingeholt. Sie hat gesagt, man soll sich seine Träume erfüllen, solange es geht. Sie hat sich selbst gemeint, aber auch mich. Ich habe nachgedacht … Wäre das nicht eine gute Idee, ältere Damen an Familien zu vermitteln? Ich könnte neben dem Job eine Agentur aufziehen, und wenn es läuft, endlich kündigen. Und vielleicht anderen Frauen auch noch einen Traum erfüllen.«

Tommi nickte und sah auf sein Handy, das neben seinem Teller lag. »Es gibt tatsächlich schon Agenturen, die ältere Au-pairs vermitteln. Das scheint ein Trend zu sein. Was ja nicht heißt, dass nicht noch eine Vermittlungsstelle dazukommen kann.« Er sah vom Display hoch. »Ja, vielleicht ist das was für dich. Du bist freundlich, verbindlich, engagiert, sprichst gut Englisch.« Sein Blick bekam etwas Abwesendes. So sah Tommi aus, wenn er einen Einfall hatte. »Das Ganze nennst du dann die Granny-Nanny-Agentur. Wir denken uns eine schöne Anzeige für dich aus und basteln dir eine Website. Vielleicht kann einer von unseren Leuten einen Artikel für die Zeitung schreiben. Was du brauchst, sind Frauen, die es machen wollen, und Familien, die sie haben wollen. Und entsprechende Kontaktformulare, die das eine mit dem anderen verbinden.«

»Und wie finde ich Familien im Ausland, die eine Granny-Nanny suchen?«

»Die finden dich. Per Website. Und hör mal: Du musst die Granny-Nannys ja nicht gleich ins Ausland schicken. Du könntest sie erst mal in Deutschland vermitteln. Geh’s doch langsam an.«

Clara sah ihren Mann aufgeregt an. »Da hast du recht! Das wäre für den Einstieg weniger riskant.« Sie hielt ihm ihr Glas hin. »Na, dann stoßen wir doch gleich mal an.«

Clara konnte nicht anders. Sie war plötzlich sehr glücklich.

2. Kapitel

Suse Hartema war unzufrieden. Der Fisch stinkt, dachte sie und schnupperte vorsichtig an den Heringen, die sie gerade aus dem Paket gewickelt hatte. Angewidert fuhr sie zurück. Hinter ihr öffnete sich die Doppeltür, die in den Gastraum führte.

»Was mieft denn hier so?«, fragte ihr Bruder Bodo, seines Zeichens Kellner des Restaurants Zur Robbe. Und natürlich zur Hälfte der Besitzer, die andere Hälfte gehörte Suse.

Sie wandte sich um. »Das sind die Fische, die du dir von Feersen hast andrehen lassen. Kannst du nicht mal hingucken, was er dir da einpackt?«

Bodo zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Ach was … Ich begreif sowieso nicht, warum du die Bratheringe unbedingt selbst machen musst. Die gibt es doch im Großhandel für ’n paar Euro fix und fertig zubereitet.«

Suse sah ihren Bruder ungehalten an. Er war neunundfünfzig, fünf Jahre älter als sie. Früher hatte man sie schon von Weitem als Geschwister erkannt. Sie waren beide groß, beide blond, beide schlank mit etwas herben Gesichtszügen, und beide hatten sie Augen so blau wie der Sommerhimmel über Leer. Wie das Land, so die Leute – Ostfriesen eben.

Aber Bodos ungesunde Neigung, mit den Gästen der Robbe zu trinken, hatte ihn in den letzten Jahren deutlich verändert. Er wirkte aufgedunsen, seine Augen waren trüb. Wenn er nachts das Restaurant schloss, war er gelegentlich voll wie ein Priel bei Ebbe. Auch sein Charakter litt darunter – Bodo war ungeduldig, unleidlich, ungehalten. Wahrscheinlich lagen die vielen »Un« an seinem permanenten Kater.

Suse dagegen versuchte zumindest, sich fit zu halten. Sie fuhr viel Fahrrad auf dem Deich. Zum einen brauchte sie die Bewegung als Ausgleich für die Arbeit in der Küche, zum anderen als Ventil für ihren Ärger über Bodo. Klar sah man ihr an, dass sie nicht mehr dreißig und auch nicht mehr vierzig war. Und ja, in den Wechseljahren hatte sie auch zugenommen. Was früher an ihr weidenschlank gewesen war, war es nun … nicht mehr. Aber es verteilte sich auf eins vierundsiebzig, und alles in allem war Suse zufrieden mit ihrem Aussehen. Dass sich in ihr blondes Haar einige graue Strähnchen eingeschlichen hatten, fand sie auch nicht weiter schlimm. Man sah es kaum. Sie war nicht mehr jung, aber alt – das nun auch wieder nicht.

»Was ist mit den Schnitzeln? Immer noch nicht fertig?«, fragte Bodo jetzt und wies auf den Herd.

»Fast«, sagte Suse und schaute zur Pfanne, in der zwei Fleischstücke vor sich hin brutzelten.

»Warum muss das eigentlich so lange dauern, was du kochst? Die Gäste werden ungeduldig«, beschwerte er sich.

»Dann sag den Gästen, dass es besser schmeckt, wenn ich von Hand paniere und in gutem Pflanzenöl brate, statt Fertigfraß in die Mikrowelle zu werfen«, verteidigte sich Suse.

»Das merken die doch gar nicht«, behauptete er.

»Natürlich merken sie das!«, fuhr Suse ihren Bruder an. »Wann kapierst du endlich, dass die Robbe nur eine Chance für die Zukunft hat, wenn wir Qualität anbieten?«

Jetzt brauste auch Bodo auf. »Nun halt mal die Füße still, Schwester. Der Laden läuft, seit wir ihn von den Eltern übernommen haben, und das ist fast zwanzig Jahre her. Wenn ich gewusst hätte, dass du hier eines Tages dein eigenes Ding machst, hätte ich dich damals lieber ausgezahlt.«

»Und woher hättest du das Geld nehmen sollen, Bodo? Außerdem … Wolltest du vielleicht allein kochen?«

»Warum nicht? Dann hätte es eben doch Schnitzel aus der Mikrowelle gegeben! Aber seit Hauke verschwunden ist, musst du dich ja unbedingt beim Kochen selbstverwirklichen!« Bodo sprach, als wäre Selbstverwirklichung etwas, von dem man einen ansteckenden Hautausschlag bekam.

»Lass Hauke aus dem Spiel. Das geht dich nichts an. Zudem ist es schon drei Jahre her«, rechtfertigte Suse sich und war sofort darüber verärgert, dass sie sich rechtfertigte.

Sie nahm die Schnitzel aus der Pfanne, legte sie mit jeweils einem Zitronenschiffchen auf zwei Teller, gab zwei große Löffel selbst gemachten Kartoffelsalat mit frischen Gurken, Radieschen und Schnittlauch dazu und schob Bodo die angerichteten Speisen hin.

»Da!«, sagte sie. »Endlich fertig! Bist du nun glücklich? Und jetzt lass mich in Ruhe.«

Wortlos zog er mit den Tellern ab.

Suse schaute ihrem Bruder hinterher und seufzte. Sie wusste nicht, was sie mehr frustrierte – dass er ihre Versuche, die Speisekarte der Robbe zu verbessern, ignorierte und gelegentlich sogar boykottierte, dass sie zwar mit der Robbe genug verdiente, aber auch nicht gerade üppig, oder dass sie nicht wusste, wie sie an dieser Situation etwas ändern sollte. Oder aber, dass sie sich mit ihrem Bruder zunehmend schlechter verstand. Suse war zwar eine ambitionierte, aber ungelernte Köchin, und sie hatte außer ihrem Bruder keinen Mann und keine Familie, die sie auffangen konnten. Seit Hauke aus ihrem Leben verschwunden war, hatte sie keine Reise mehr gemacht. Die Sommer gehörten der Robbe, weil zu dieser Zeit Hochsaison war. Im Winter war zwar weniger los, aber Suse wusste nie so recht, was sie dann unternehmen sollte. Sie mochte Bensersiel, wie man eben den Ort mochte, an dem man geboren war und wo man immer gewohnt hatte. Viele Möglichkeiten für ein abenteuerliches Leben gab es allerdings nicht. Alles drehte sich um die Feriengäste, die hier am Meer ihren Urlaub verbrachten.

Gelegentlich gab es auch einen Mann in Suses Leben, aber die Tendenz war abnehmend, und es war immer ein Gast. Im Herbst verließen die Fremden den ostfriesischen Küstenort wie die Wildgänse, die über dem Meer verschwanden. Dann verschwanden die Männer auch wieder, Suse dagegen blieb.

Sie wischte sich die feuchten Hände an ihrer Schürze ab und sah sich um. Was hatte sie gerade getan, bis Bodo hereingekommen war und sie genervt hatte? Richtig. Die Fische inspiziert. Suse ging zur Spüle und spähte hinein. Da war nichts zu retten. Aber Feersen würde von ihr noch etwas zu hören bekommen! Sie wickelte die Heringe wieder in das Zeitungspapier und musste lächeln, als sie den Schriftzug sah. Seit wann las der Alte denn das Hamburger Abendblatt?

Sie überflog die Artikelüberschrift, leicht durchweicht von dem feuchten Fisch. Granny-Nanny-Agentur stand da. Was war denn das, bitte schön? Mit Suses Schulenglisch war es nicht weit her, aber dass Granny so viel wie Oma hieß und eine Nanny ein Kindermädchen war, wusste sie. Sie griff nach ihrer Lesebrille, die auf dem Regal über der Spüle lag, und begann zu lesen.

Die Granny-Nanny-Agentur

»48 Prozent aller Frauen in Deutschland sind über fünfzig. Viele von ihnen sind nicht mehr berufstätig, aber stecken noch voller Power, sind abenteuerlustig und wollen vom Leben mehr als einen gemütlichen Ruhestand«, sagt Clara Behrens von der Granny-Nanny-Agentur in Hamburg. »An diese Frauen wenden wir uns. Wir vermitteln sie auf Zeit an Familien, die sich eine liebevolle Betreuung für ihre Sprösslinge von Älteren wünschen. Sie bringen die Kinder in den Kindergarten oder in die Schule und machen mit ihnen Schularbeiten, lesen vor, basteln. Auch Einkaufen, leichte Hilfe im Haushalt und Kochen werden von den Gastfamilien verlangt. Ein Führerschein wäre schön. Dafür werden unsere Granny-Nannys in die Familien eingebunden, erhalten Kost, Logis und ein Taschengeld. Und das Wichtigste: Sie lernen ein anderes Leben kennen. Geplant ist, interessierte Frauen zunächst in Deutschland zu vermitteln, bevor wir unsere Granny-Nannys ins Ausland entsenden.

Mehr über die Granny-Nanny-Agentur finden Sie unter: www.grannynannyagentur.de

Suse schob die Lesebrille hoch ins Haar und sah nachdenklich aus dem Fenster. Auf der Terrasse saßen eine Frau und ein Mann in der Junisonne. Sie aßen die Schnitzel, die sie gerade zubereitet hatte. Der Mann hatte ein Stück aufgespießt und sah es zufrieden an, bevor er die Gabel in den Mund schob. Es schien ihm zu schmecken.

Hinter der Terrasse erstreckte sich das platte grüne Land. Ostfriesland eben. Dann kam irgendwann der Deich, und dahinter war die Welt erst mal zu Ende.

Plötzlich verspürte Suse den Wunsch, die Weite, die sich vor, hinter und über dem Deich erstreckte, zu erkunden. Menschen kennenzulernen, die ein ganz anderes Leben führten als sie selbst. Es war ein für sie völlig unbekanntes Gefühl, aber so heftig war es, dass sie innerlich anfing zu zittern.

Suse überflog noch einmal den Artikel. Erfahrung mit Kindern? Hatte sie kaum. Auch wenn sie keine eigenen Kinder hatte, mochte sie sie aber. Immer schon. Haukes Schwester hatte drei Mädchen, und Suse war damals gern als Babysitter eingesprungen. Haushalt? Kein Problem. Führerschein? Hatte sie auch. Und Kochen …

Entschlossen griff sie nach einer Serviette und schrieb die Adresse der Website von der durchweichten Zeitung ab.

»Jede Wette, dass du in zwei Wochen wieder zurück bist«, prophezeite Bodo seiner Schwester, als die ihm einige Tage später von ihrem Plan, als Granny-Nanny zu arbeiten, erzählte.

Eigentlich war es kein Plan mehr. Suse hatte einen Entschluss gefasst. Sie hatte bereits mit Clara Behrens gesprochen und etliche Formulare ausgefüllt. Nun wartete sie gespannt darauf, mit ihrer Familie in Kontakt zu treten. Und vor allem konnte sie es kaum abwarten zu erfahren, wo diese Familie wohnte. Was den Punkt betraf, war Frau Behrens sehr vage geblieben.

»Das werden wir ja sehen. Aber selbst wenn ich nur zwei Wochen bleibe, musst du dir eine andere Köchin besorgen«, gab Suse schnippisch zurück. »Am besten eine, an deren Kochkünsten du nicht die ganze Zeit rummäkelst.«

»Und ab wann wäre das?«, fragte Bodo, als ob er noch nicht daran glaubte.

»Vermutlich ab Oktober, sagte Frau Behrens.«

»Oktober? Im Herbst brauche ich keine Köchin. Da ist sowieso nicht viel los. Da schmeiß ich den Laden allein. Mit links«, erwiderte Bodo stur.

»Und im Winter? Die Gänseessen um die Weihnachtszeit machst du auch allein? Grünkohl mit Pinkel? Rotkohl und Klöße? Die Weihnachtsfeiern der Kegelklubs?«

»Klar. Das krieg ich hin.«

Suse nickte hochbefriedigt, denn in Bodos Stimme klang eindeutig Panik mit.

3. Kapitel

Schwungvoll bog Karen Parotat in die Einfahrt ein, bremste und schaltete den Motor aus. Während der Fahrt von der Rosenhöhe ins Fischbachtal hatte sie bei offenem Fenster Musik gehört und laut mitgesungen. I am what I am … Die skeptischen Blicke, die ihr ein blutjunger Schnösel um die vierzig an einer Ampel zugeworfen hatte, hatte sie ignoriert. Sie war frei, frei, frei! Das verlangte nach schmetterndem Gesang! Und sie hatte überhaupt nichts dagegen, dass alle Welt das mitbekam. Mit dreiundsechzig war sie einfach zu alt, um sich selbst als peinlich zu empfinden.

Einen Moment lang blieb Karen in ihrem Polo sitzen, vor ihrem kleinen, gemütlichen Haus, das sie seit ihrer Scheidung vor nun immerhin schon achtzehn Jahren allein bewohnte. Dahinter erstreckte sich ein sanfter Abhang. Wenn es regnete, sammelte sich das Wasser in einer Senke und schoss als kleiner Bach zu Tal, der dem Namen Fischbachtal alle Ehre machte. Auf der Wiese stand ein hoher Walnussbaum. Dieses Jahr würde sie endlich mal Zeit haben, die Nüsse einzusammeln!

Sie griff nach dem großen Blumenstrauß, der auf dem Beifahrersitz lag, und stieg aus.

Nach der dritten Stunde waren sie alle in der Aula zusammengekommen, die Kollegen und die Klassen. Die Direktorin hatte auf der Bühne eine kurze Rede gehalten, was bedeutete, dass sie immer wieder »liebe Frau Parotat« eingestreut hatte. Ansonsten war es eine Rede gewesen, die auf jede Lehrerin gepasst hätte, die in den wohlverdienten Ruhestand ging. Dann hatte sie Karen den Blumenstrauß überreicht, und alle waren zurück in ihre Klassen geströmt. Schließlich mussten noch die Zeugnisse vergeben werden, bevor die Sommerferien begannen.

Was für Karen Ferien für immer bedeutete.

Mit Fug und Recht konnte sie sagen, dass dieser Tag einer der schönsten Tage ihres Lebens war. Nie wieder Vokabeltests korrigieren, sich nie wieder gestotterte unregelmäßige Verben und faule Ausreden anhören müssen! Stattdessen ausschlafen, reisen, vielleicht irgendwohin, wo sie ihre Englischkenntnisse endlich auch mal anwenden konnte …

Karen schloss die Tür auf, schlüpfte aus ihren flachen Schuhen, warf die leichte Strickjacke, die sie über dem Sommerkleid getragen hatte, auf die Couch. Sie griff sich in das dunkle Haar, löste die Spange, spürte, wie es auf die Schultern fiel und der Druck auf der Kopfhaut nachließ. Es war ihr immer wichtig gewesen, gepflegt vor die Klassen zu treten. Dunkelbraun war ihre natürliche Haarfarbe gewesen, die sie jetzt als Intensivtönung in den Regalen der Drogeriemärkte fand. Wie sieht mein Haar wohl ohne Farbe aus?, fragte sie sich manchmal, aber nicht so dringlich, als dass sie es wirklich herausfinden wollte. Dunkle Haare waren immer etwas in ihrem Leben gewesen, das wichtig war. Sie war brünett, und das war gut so.

Karen stellte den Strauß in eine Vase, schenkte sich zur Feier des Tages ein Glas Prosecco ein und trat barfuß in den Garten. Oh, endlich Zeit zu haben! Zeit … Etwas anderes war es doch nicht, was Leben bedeutete – Zeit von morgens bis abends und dazu noch genug Geld, um das Beste aus dieser Zeit zu machen!

Gerade hatte sie sich wohlig auf der Gartenliege ausgestreckt, als das Telefon klingelte. Lass es klingeln, beschwor Karen sich, aber jahrelang trainierte Selbstdisziplin hielt sie davon ab, das nervige Geräusch zu ignorieren. Seufzend erhob sie sich und ging zurück ins Haus.

»Parotat«, sagte sie.

»Hallo, Mutti«, hörte sie die Stimme ihrer Tochter, die wie immer ein bisschen zu hektisch, ein bisschen zu atemlos klang. »Alles Gute zur Pensionierung! Hattest du einen schönen letzten Schultag? Waren sie lieb zu dir?«

Karen holte gerade Luft, um über ihre Verabschiedung zu berichten, als ihre Tochter aufschrie. »Lass das, Vincent«, rief sie, »hör sofort auf, Sophiechen mit der Blockflöte zu hauen. Warte mal, Mutti!«

Der Hörer polterte aufs Parkett, Karen hielt ihn weit weg vom Ohr. Im Hintergrund ertönte jetzt markerschütterndes Gebrüll, unterbrochen von den tröstenden Worten ihrer Tochter.

»Mutti, du musst mir helfen«, sagte Anne eindringlich, als sie wieder ans Telefon kam. »Sophies Babysitter ist krank, in der Kita haben sie schon wieder Scharlach, da will ich Vincent nicht hinlassen, und ich muss zur Arbeit.«

»Warum nimmt sich nicht dein Mann mal zur Abwechslung frei?«, fragte Karen.

»Ach, du weißt doch, das sieht sein Chef nicht gern«, rechtfertigte Anne sich.

Warum ist sein Chef wichtiger als ich, dachte Karen ungehalten, aber sprach es nicht aus.

»Anne, heute ist der erste Tag meiner Pensionierung, da wollte ich eigentlich etwas anderes …«

»Bitte, Mutti, wenn ich jetzt absage, wird das vielleicht nichts mit der Beförderung im Büro«, unterbrach Anne sie, »und ich möchte doch so gern weiterkommen. Wir brauchen das Geld, das weißt du doch. Nur noch dieses eine Mal, ich versprech’s dir. Ich weiß echt nicht, wohin mit den Kindern.«

Karen schwieg. Sie hatte längst aufgehört zu zählen, wie oft Anne ihr dieses letzte Mal versprochen hatte. Immer wenn gerade Schulferien waren, traten akute Notfälle ein.

»Bitte, Mutti …«

Karen seufzte. »Also gut, bring sie her.«

»Kannst du nicht zu uns kommen? Ich bin schon so knapp dran. Eh ich die beiden im Auto habe und bei dir bin …«

Karen schaute nach draußen. Das Glas Prosecco stand auf der Lehne der Liege und perlte einsam vor sich hin. Sag Nein, beschwor sie sich, aber da hörte sie sich schon selbst Ja sagen. Anne atmete erleichtert aus.

Karen liebte ihre Enkelkinder. Aber auf dem Weg nach Groß Bieberau, wo Anne und Stephan ein Haus gebaut hatten, das ein bisschen zu teuer für ihr Budget war, beschlich sie plötzlich ein unguter Verdacht. Könnte es sein, dass Anne gerade jetzt eine Beförderung anstrebte, da Karen mehr Zeit für die Enkel haben würde?

Der Gedanke ließ sie nicht mehr los. Nicht, als sie vorfuhr, nicht, als sie Anne sehr vergnügt vor dem Haus stehen sah, Sophiechen auf dem Arm und Vincent an der Hand, um die Kinder im fliegenden Wechsel an sie zu übergeben, nicht, als sie das Chaos im Wohnzimmer sah, nicht, als sie feststellte, dass sie mit den beiden einkaufen gehen musste, damit überhaupt etwas zu essen da war.

Und dann traf sie im Supermarkt die junge Frau, die normalerweise Sophiechen babysittete. Beim besten Willen fiel ihr nicht der Name der Frau ein. Aber dafür, dass sie krank war, sah sie blendend aus.

»Dada, dada …«, plapperte Sophiechen strahlend und zeigte aus dem Sitz des Einkaufswagens auf sie.

»Hallo, wie schön, dass ich Sie hier treffe«, sagte die Frau und legte ein Bund Bananen in ihren Wagen. »Übrigens, herzlichen Glückwunsch zur Pensionierung.«

»Danke schön«, erwiderte Karen.

»Es hat perfekt gepasst. Ich war ja so erleichtert, als Anne mir das erzählte«, sagte der Babysitter strahlend.

»Was hat perfekt gepasst?«, fragte Karen.

»Dass Sie sich von nun an um die Kinder kümmern werden! Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Jetzt, wo Micha und ich nach Frankfurt ziehen, hätte ich unmöglich weiter auf diesen kleinen Schatz aufpassen können.«

»Was mache ich?«, fragte Karen überrascht.

Aber da unterbrach Sophiechens Protestschrei die Unterhaltung. Vincent klebte Preisetiketten, die er irgendwo im Laden gefunden haben musste, auf ihren nackten Arm und riss sie dann schwungvoll wieder ab.

»Pflaster abmachen«, erklärte er seiner Großmutter.

»Es war schön, Sie mal wieder zu treffen. Viel Spaß im Ruhestand! Ade, meine Süße, und du auch, du kleiner Teufelsbraten«, sagte die Frau laut, um Sophies Gebrüll zu übertönen.

Dann schob sie ihren Einkaufswagen fröhlich weiter und überließ es Karen, mit Vincent zu schimpfen und auf Sophiechens geröteten Arm zu pusten.

Den restlichen Einkauf erledigte Karen wie in Trance. Sie fuhr zurück zu Annes Haus, machte den Kindern etwas zu essen und legte sie zum Mittagsschlaf hin. Normalerweise setzte sie sich in die Hollywoodschaukel, um zu entspannen und sich zu überlegen, was sie später mit den Kindern machen konnte. Einmal Lehrerin, immer Lehrerin, nannte Anne das. An diesem Tag dagegen schwirrten ihr Gedanken durch den Kopf, die nicht das Geringste mit pädagogisch wertvoller Enkelbetreuung zu tun hatten. Es ging um etwas anderes.

Um etwas sehr Wichtiges.

Um sie.

Wie konnte Anne es wagen, ihren Ruhestand zu verplanen, ohne sich mit ihr zu besprechen?

Was hatte sie nur falsch gemacht?

Und wie kam sie aus dieser Nummer raus?

Denn eins war klar: Sie würde nicht fünf Tage in der Woche auf Sophiechen und Vincent aufpassen. Bei aller Liebe – das kam nicht infrage.

Als Annes Mann gegen sechs nach Hause kam, verabschiedete sich Karen rasch. Er sah müde aus und hatte wahrscheinlich nicht die geringste Lust, sich um seine Kinder zu kümmern. Normalerweise hätte sie Stephan angeboten, noch etwas zu bleiben, damit er sich umziehen und in aller Ruhe in den Freizeitmodus schalten konnte. Heute jedoch nicht. Sie drückte ihm Sophiechen in den Arm, ignorierte seinen Unmut, als die Kleine mit klebrigen Fingern auf seine Seidenkrawatte patschte – und weg war sie.

Zu Hause kippte Karen als Erstes den abgestandenen Prosecco in das Beet mit den duftenden Teerosen. Dann ging sie zum Kühlschrank und füllte das Glas neu.

»Here’s to you, Karen«, sagte sie leise und nahm einen Schluck, während sie den Fernseher einschaltete. »Das hast du gut gemacht. Bis zum Ende durchgehalten. Satte vierzig Jahre.«

Aber richtig freuen konnte sie sich nicht. Das Verhalten ihrer Tochter hatte dem Tag den Glanz genommen. Etwas musste sich ändern, und zwar rasch. Nur was?

Die Lösung ihres Problems kam Karen am folgenden Abend. Sie zappte sich durch die Kanäle und blieb an einer Sendung hängen, in der verschiedene Aktivitäten für Senioren beschrieben wurden.

Eine hübsche, sehr sympathische Frau aus Hamburg stellte ihr neu gegründetes Unternehmen vor. Karen hörte zunehmend aufmerksam zu, was Clara Behrens erzählte – nämlich von Frauen im besten Alter, die plötzlich mehr Zeit hatten, Frauen, die sich mit Kindererziehung auskannten, Frauen, die abenteuerlustig waren, Frauen, die mal etwas ganz anderes als bisher machen wollten, die an einem anderen Ort leben wollten, um andere Menschen, andere Lebensweisen kennenzulernen. Frauen, die sich vorstellen konnten, als Au-pair zu arbeiten.

Kurzum, Frauen wie sie.

»Das ist nicht dein Ernst«, sagte Anne, als Karen ihrer Tochter einige Tage später von ihrem Vorhaben erzählte.

»Doch, das ist es. Ich habe die Agentur in Hamburg kontaktet, sie sind von meiner Qualifikation begeistert. Als Lehrerin passe ich da prima rein.«

»Aber du kannst uns nicht im Stich lassen«, jammerte Anne. »Wir brauchen dich doch!«

Karen hätte viel dazu zu sagen gehabt, aber sie hatte sich entschlossen, hart zu bleiben. »Ich bin sicher, ihr findet eine gute Lösung«, erwiderte sie deshalb nur. »Sophiechen ist ja alt genug für die Krippe. Und wenn nicht – sicher kann der Babysitter gelegentlich einspringen.«

Kurz hatte sie mit dem Gedanken gespielt, Anne mit ihrer Lüge zu konfrontieren. Aber nein, das wollte sie dann auch nicht. Lieber würde sie eine Weile weggehen.

»Aber warum willst du dich um fremde Kinder kümmern, wenn du Enkel hast?«, fragte Anne bitter.

»Ich kümmere mich ja nicht nur um Kinder, ich wohne auch woanders und erlebe etwas anderes. Ich habe gesagt, dass ich gut Englisch spreche, und Frau Behrens hat das sehr begrüßt. Mein Gott, das musst du doch verstehen, Anne! Was hast du denn gedacht? Dass ich jetzt nur noch zu Hause herumsitze und darauf warte, dass ihr mich ab und zu als Kindermädchen engagiert? Was sollte ich deiner Meinung nach tun?«

»Natürlich nicht, Mutti«, sagte Anne, doch sie war hörbar verärgert. »Ich dachte, du unternimmst gelegentlich etwas. Trittst vielleicht in einen Chor ein oder so. Aber dass du was so Verrücktes vorhast, hätte ich nicht gedacht!«

»Tja, mein Kind, da hast du dich getäuscht. Ich bin dreiundsechzig. Wie viel Zeit bleibt mir noch, in der ich gesund und munter bin? Gewöhn dich schon mal daran: Ich starte durch. Ich fange ein ganz neues Leben an!«

4. Kapitel

»Ihr kommt doch Sonntag zum Essen?«

Verdammt, reiß dich zusammen, ermahnte Hanni sich. Sie war sicher, dass ihrem Sohn am anderen Ende der Leitung der klägliche Unterton nicht entgangen war, und sie wollte ihn bestimmt nicht unter Druck setzen.

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