Club Infantil - Jo Thun - E-Book

Club Infantil E-Book

Jo Thun

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Beschreibung

Mattes hilft seiner besten Freundin Rana und deren Partnerin Alba dabei, ein Kind zu bekommen. In die Rolle des dritten Elternteils muss er sich aber erst finden. Als die Mütter eine Reise machen, begibt sich Mattes mit seinem Sohn in eine Ferienanlage für Familien - und lernt dort andere Regenbogenfamilien kennen. Club Infantil ist die Fortsetzung von Club Suizid, in dem Mattes Rana und seine spätere Freundin Isabelle kennengelernt hatte.

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Jo Thun

Club Infantil

Aus dem Alltag einer Regenbogenfamilie

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Nachwort

Leseprobe: Club Suizid

Impressum neobooks

Kapitel 1

Ich habe ein Kind gezeugt. Nicht mein eigenes. Also genetisch gesehen ist es natürlich schon meins. Legal eigentlich auch, im Moment zumindest noch. Aber auf der Beziehungsebene bin ich eben nur Elternteil Nr. 3. Elternteil Nummer 1 ist Rana. Nummer 2 ist Alba, meine Cousine.

Die beiden hatten mich bei einem unserer sonntäglichen Fernsehabende gefragt, ob ich bereit wäre, ihnen etwas von meinem Sperma abzugeben. Da fiel mir natürlich sofort eine klasse Entgegnung ein, die ich dann aber doch ganz schnell wieder runterschluckte. Nicht so sehr, weil die beiden keine sexistischen Sprüche mochten, sondern eher, weil ihnen postwendend ein noch besserer Spruch eingefallen wäre, und am Ende wäre wieder ich der Doofe gewesen. Also holte ich erst mal tief Luft und fragte ganz naiv:

„Und wozu braucht ihr mein, äh, also wozu braucht ihr das?“

„Mattes, was glaubst du wohl? Wir wollen eine Familie gründen!“

Das hatte ich nicht kommen sehen. Rana und Alba waren seit fast zwei Jahren zusammen und sie verstanden sich zugegebenermaßen recht gut. Aber sie waren doch noch jung, Alba war gerade erst 30 geworden. Da muss man ja nicht gleich eine Familie gründen.

„Ich bin 30, Mattes. Da wird es langsam Zeit, wenn man eine Familie gründen will.“

Ich schluckte. Rana, die sich bisher ganz untypisch still verhalten hatte, hob endlich ihren Kopf aus Albas Schoß und setzte sich aufrecht aufs Sofa. Sie seufzte, nahm einen Schluck Wein, ein paar Erdnussflips und dann sah sie mir direkt in die Augen. „Wir wollen Kinder. Wir reden schon ganz lange darüber und wir haben uns das wirklich gut überlegt. Alba könnte von meinem Bruder schwanger werden. Und da sie keine Geschwister hat, dachten wir an dich. Du bist ihr nächster Verwandter, auch wenn ihr euch nicht sehr ähnlich seht.“

Rana spielte darauf an, dass Alba groß, dünn, schön und blond war, während auf mich keines der vier Adjektive so richtig passen wollte. „Also bin ich nur zweite Wahl, oder was?“

„Nein, du bist unsere erste Wahl. Aber wenn du nicht willst, ist das kein Problem, ehrlich.“

Kurz hatte sich ein Weg aufgetan, der weg vom eigentlichen Thema geführt hätte. Aber Rana war zu schlau, um mir auf diesem Weg zu folgen. Auch gut. Leider verstand ich noch immer nicht genau, was die beiden von mir wollten. „Also Alba möchte ein Kind von deinem Bruder, richtig?“

Die beiden Frauen nickten.

„Und von mir wollt ihr dann auch Sperma?“

Die beiden Frauen nickten.

„Also Rana soll ein Kind von mir bekommen?“

Rana und Alba wechselten einen Blick, den ich unschwer übersetzen konnte: „Hoffentlich kriegt das Kind die Intelligenz von der Mutter ab.“

„Und wie genau stellt ihr euch das vor? “

„Also ich kann dir das gerne erklären. Du würdest…..“

Auf keinen Fall wollte ich jetzt hören, wie sich Rana den Akt der Spermienerzeugung vorstellte. „Stopp, das meine ich nicht“, fiel ich ihr ins Wort. „Ich kann mir so ungefähr denken, wie das gehen soll. Aber wie genau stellt ihr euch das Familienleben vor, wenn das Kind mal da ist?“

Dieses Mal antwortete Alba: „Ja, das ist genau die Frage. Das müsstest du dir in Ruhe überlegen: Ob du dir das vorstellen kannst. Inwieweit du dich würdest einbringen wollen, oder auch nicht. Und wenn du dir das genau überlegt hast, dann können wir alles gemeinsam besprechen.“

„Hm. Und mit Ranas Buder habt ihr schon gesprochen? Und der macht das?“

„Der ist auch noch am Überlegen. Und jetzt lass uns Tatort gucken.“

Wie um alles in der Welt konnten die beiden jetzt Tatort gucken wollen? Doch da war es schon: das Tatort-Auge im Fadenkreuz. Zunächst verstand ich vom Gewusel auf dem Bildschirm gar nichts. Erst, als die Kommissarin die Treppe runterfiel, erinnerte ich mich dunkel, dass ich die Folge schon mal gesehen hatte. „Es war der Ehemann, er hat den Einbruch bei sich zu Hause selbst in Auftrag gegeben und dann seine Frau und den Einbrecher umgebracht.“

Ganz langsam drehten sich Rana und Alba zu mir um. Und dann wechselten sie wieder so einen Blick, einen „WARUM haben wir den eingeladen?“-Blick.

„Ja, also ich bin dann mal weg. Ich habe ja auch noch einiges zu Überlegen.“ Und speziell zu Alba gewandt sagte ich noch: „Bis morgen.“

Alba und ich leiten zusammen eine Plastikfabrik in Lichterfelde. Seitdem sie die Geschäftsführung übernommen hat, muss ich leider selbst auch arbeiten. Das war ihre Bedingung, sonst hätte sie mein Angebot, die Firma gemeinsam zu führen, nicht angenommen. Aber sie hat mir eine ziemlich einfache Aufgabe zugeteilt: Ich bin jetzt für die Kundenbetreuung zuständig. Montagmorgens hole ich mir die Unterlagen für die Woche aus dem Büro. Alba hat meist einen oder zwei Kunden rausgesucht, die schon länger nichts bei uns bestellt haben. Ich setze mich hin, überlege mir einen Reiseplan, buche Züge, Hotels und gute Restaurants, und Dienstag mache ich mich dann auf den Weg zu den Geschäftskunden. Laut meiner Cousine, der diplomierten Betriebswirtin, ist diese Art der Akquise von bestechender (ihr Wort!) Einfachheit und daher in der Wirtschaft, und nicht nur da, weit verbreitet.

Ich hätte es früher nie für möglich gehalten, aber ich hatte tatsächlich einen Job, der mir Spaß machte und auf den ich mich sonntagabends freute. An diesem Sonntag jedoch nicht. Was für eine verrückte Idee! Rana wollte ein Kind von mir! Aber nicht MIT mir. Auf der Heimfahrt, zu Hause, und später im Bett, konnte ich an nichts anderes denken. Wollte ich zusehen, wie Rana und Alba mein Kind großziehen? Nein, das ging überhaupt nicht!

So gegen 2 Uhr morgens fiel mir dann plötzlich ein, dass ich vor ein paar Jahren mal ernsthaft gegoogelt hatte, ob ich nicht mein Sperma einer Samenbank verkaufen könnte. In den USA machten das ja Tausende, und verdienten nicht schlecht dabei. Ich hatte es dann doch nicht getan, aber eher aus Faulheit, als aus irgendwelchen ethischen Bedenken. Im Gegenteil, der Gedanke, dass irgendwo kleine Mini-Versionen von mir rumlaufen würden, hatte mir gefallen. Wenn ich also damals keine Probleme damit hatte, dass Kinder von mir von anderen Leuten erzogen werden würden, warum stieß ich mich dann jetzt daran?

Weil das Kind unweigerlich unter meinen Augen aufwachsen würde! Rana war meine beste Freundin, Alba meine einzige Verwandte, abgesehen von Tante Agnes, ihrer Mutter. Ich würde das Kind mindestens jeden Sonntag beim Tatort zu Gesicht bekommen. Und Rana und Alba würden das Kind DSDS gucken lassen und ihm verbieten, Pommes mit den Fingern zu essen, und ich hätte nichts zu sagen!

Gegen 3 Uhr dachte ich daran, dass ich ohne Rana und Alba niemals so schnell wieder auf die Beine gekommen wäre, nachdem Isabelle mit mir Schluss gemacht hatte. Jeden Tag waren sie zu Besuch gekommen oder hatten mich abgeholt auf irgendeine ihrer verrückten Unternehmungen. Aus dieser Zeit stammte auch unsere allsonntägliche Tatortverabredung. Es war, wie Alba sagte: Wenn man in einer Krise steckte, gab es zwei Arten von Menschen: Die, die einem zur Seite standen, und die, die von der Bildfläche verschwanden. Alba und Rana waren von der ersten Sorte.

Um 4 erinnerte ich mich an ein Gespräch mit Isabelle, in dem es um Kinder ging. Sie wollte irgendwann welche und auf ihre Frage, ob ich auch welche wollte, war mir nur die Antwort eingefallen: „Kinder? Wieso denn Kinder?“

Als es 5 war, dachte ich über meine eigene Kindheit nach. Die war schon okay gewesen, nichts Dramatisches. Meine Eltern hatten mich nicht gehauen und bestimmt hatten sie mich irgendwo geliebt. Aber so richtig warm ums Herz wurde mir nicht, wenn ich zurückdachte. Meine Eltern hatten immer gearbeitet, und obwohl wir viel Geld hatten, waren wir fast nie gemeinsam verreist. Mein Vater konnte die Firma nicht alleine lassen. Und meine Mutter konnte meinen Vater nicht alleine lassen. Da hätte es ein Kind bei Rana und Alba bestimmt besser. Ihre Karrieren hinderten sie nicht daran, immer Zeit füreinander zu finden, für Freunde, für mich. Sie waren warm und herzlich und voller Energie.

Um 6 fragte ich mich, ob ich jemals eine eigene Familie gründen würde. Die Chance mit Isabelle hatte ich verpasst. Aber wenn es das wäre, was ich wollte, dann hätte ich die Chance nicht verstreichen lassen. Wahrscheinlich wusste ich tief im Inneren, dass ich nicht der Vatertyp war. Ich war ja selbst noch nicht so richtig erwachsen. Und sollten Eltern ihren Kindern da nicht irgendwie voraus sein?

Etwa um sieben fiel mir ein, dass ich vor dem Schlafengehen eine Halbliter-Packung Schokoladeneis aus dem Gefrierfach genommen, dann aber auf dem Küchentisch vergessen hatte.

Kurz vor 8 muss ich eingeschlafen sein, denn Punkt 8 klingelte der Wecker und riss mich aus dem Tiefschlaf. Aber da wusste ich schon: Ich würde Rana helfen, ein Kind zu zeugen.

Kapitel 2

Und so standen zwei Wochen später Rana und Alba mit Übernachtungstaschen vor meiner Tür. Rana hatte ihren Eisprung gehabt und unser Plan war folgender: nach einem gemütlichen Fernsehabend ohne Alkohol würde ich den beiden kurz vorm Zubettgehen ein Glas mit meinen eifrigen Schwimmerchen bringen und mich dann diskret ins eigene Schlafzimmer zurückziehen (mit Kopfhörern, sicherheitshalber).

Dass der Abend nicht planmäßig verlaufen würde, zeichnete sich schon ab, als wir uns nicht auf eine DVD einigen konnten. Rana hatte eine mitgebracht, aber ein Blick aufs Cover genügte mir, um angeekelt auszurufen: „Nee, wirklich nicht.“

Rana zuckte gleichgültig mit den Schultern und fragte: „Wir können ja auch eine von deinen gucken.“

„Hallo? Ich kann doch mit euch keinen Porno gucken. Also ehrlich!“

Beleidigt steckte Rana ihre DVD wieder weg und Alba sagte misstrauisch: „Wir gucken aber heute nicht schon wiederHow I met your mother!“

„Hatte ich auch nicht vor,“ antwortete ich und schob die Zeitschrift auf dem Couchtisch über die zuvor bereit gelegte DVD mit der 5. Staffel von HIMYM. „Wie wäre es denn mit denTributen von Panem?“

„Wenn dich Jennifer Lawrence anturnt, von mir aus.“

Das tat sie, aber wollte ich wirklich, dass das bekannt wurde? „Dann habe ich nochShakespeare in Love,kennt ihr den?“ Gwyneth Paltrow in Männerkleidung war auch nicht schlecht. Und ich liebte die Musik zum Film.

Soweit alles Bestens. Die beiden kannten den Film noch nicht, fanden ihn aber am Ende auch ganz gut. Ich glaube, Gwyneth Paltrow in Männerkleidung gefiel ihnen genauso wie mir. Am Ende kicherten sie immerzu und kaum war der Film aus, sprangen sie auf, gaben mir zu verstehen, dass ich mich mal ein bisschen beeilen sollte, und verschwanden in ihrem Zimmer. Schlagartig war meine euphorische Stimmung, die der Film sonst immer bei mir auslöste, verschwunden.

Erst mal holte ich mir einen Aktiv-Joghurt-Drink aus dem Kühlschrank und trank ihn in einem Zug runter. Dann nahm ich das vorher ausgewaschene Feigensenfglas und blieb unschlüssig zwischen Bad und Schlafzimmer stehen. Das Badezimmer schien mir dann doch zu steril und ich entschied mich für mein Bett. Leider wollte sich die rechte Stimmung nicht einstellen. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden, an wen ich denken sollte. An Rana und Alba? Mein Gott, Alba war meine Cousine! An Isabelle? Das machte mich nur traurig. An Jennifer Lawrence? Nee, dann würde ich ja immer, wenn ich das Kind sähe, an Jennifer Lawrence denken müssen.

Nach einer halben Stunde klopfte es an meine Tür. „Bist du eingeschlafen? Mattes? Wir warten!“

Ich hatte mich sicherheitshalber unter die Bettdecke zurückgezogen und hatte Mühe, mich so schnell von ihr zu befreien. Da meldete sich schon die zweite Stimme: „Guck mal, ich glaube, er ist schon fertig.“

„Wieso? Was willst du denn mit dem Aktiv-Joghurt-Drink?“

„Na, den hat er doch nicht einfach grundlos hier abgestellt. Ich glaube, das ist sein Zeugs. Guck mal, das eklig Klebrige da drin.“

„Meinst du? Aber warum hat er es uns denn nicht gebracht?“

„Vielleicht hat er uns gerufen und wir haben’s nicht gehört?“

Wieder klopfte es an meine Tür. Ich steckte noch halb unter der Decke und brachte vor Schreck keinen Ton heraus.

„Ich glaube, der hat sich die Kopfhörer aufgesetzt. Da hört er uns nicht.“

„Na gut, wenn du meinst. Aber reicht denn das, was da drin ist? Bist du sicher, dass das Sperma ist? Das sieht so milchig aus.“

„Ich weiß auch nicht. Ich dachte auch, Sperma sieht aus wie Spucke. Aber was soll das denn sonst sein? Komm, wir probieren’s einfach.“

Und dann entfernten sich die Stimmen. Langsam senkte sich die Decke wieder. Als vierzehn Tage später Alba anrief, um mir mitzuteilen, dass Rana nicht schwanger war, hielt sich meine Verblüffung in Grenzen. Dafür machte ich einen Plan für unser nächstes Treffen. Ich wollte mich nicht wieder einem solchen Druck ausgesetzt sehen. Also beschloss ich, heimlich schon mal vorzuarbeiten. Ein paar Stunden würden sich meine Spermien doch wohl halten. Aber um kein Risiko einzugehen, stellte ich das Glas erst einmal in den Kühlschrank. Dass das keine gute Idee war, fiel mir leider erst auf, als Rana während des Films aufstand, um sich ein Glas Saft zu holen. Als sie wiederkam, sagte sie: „Du musst öfter mal deinen Kühlschrank durchgucken. Dein Feigensenf war schon total schimmelig.“

Später, als beide in ihrem Zimmer waren, holte ich das Glas, das Rana entsorgt hatte, aus dem Müll und füllte meine Spermien schnell in ein frisch ausgewaschenes Marmeladenglas um. Trotzdem verstrich auch dieser Monat ohne Schwangerschaft.

Als auch im dritten Monat der Teststreifen sich einfach nicht rosa färben wollte, trafen wir uns zum Abendessen im Grosz am Kudamm, um zu besprechen, wie es weitergehen sollte. Vielleicht stimmte was nicht mit mir. Oder mit Rana. Alba fand allerdings, es sei noch zu früh, und es sei doch etwas viel verlangt, dass es gleich am Anfang klappen sollte.

Was ich Alba schon lange fragen wollte: „Wie läuft es eigentlich bei dir und Ranas Bruder? Ist es da auch so schwierig?“

Beide Frauen schwiegen betreten.

„Alba? Rana? Hallo?“

„Elyas hat sich dagegen entschieden.“

„Ach. Und was heißt das?“

„Das heißt, dass er nicht will, dass Alba sein Kind bekommt.“

„Ja gut, aber was heißt das? Ihr wolltet doch beide ein Kind. Bekommt Alba jetzt keins?“

„Doch, wenn ich eins bekomme, ist es auch Albas. Ist doch egal, welche von uns das Kind bekommt, oder?“

Ich schwieg und schaute zur 8 Meter hohen Decke herauf. Hier würden sich Riesen wohlfühlen und mal nicht an die Decke stoßen.

„Ich weiß, wie man das Problem lösen könnte!“

„Einen anderen Samenspender finden?“

„Hä? Ich meinte das Problem der Überbevölkerung. Weil, wenn erst mal zehn Milliarden Menschen auf der Erde wohnen, dann gehen wir alle unter. Aber was, wenn wir es schaffen, die Menschen kleiner zu machen? Die Wölfe haben wir ja auch auf Meerschweinchengröße hingekriegt.“

„Mattes, wovon in aller Welt redest du?“

„Na ja, stellt euch doch mal vor, die Menschen würden sich runterzüchten auf sagen wir 1,50. Das ist doch auch eine schöne Größe. Dann könnten die Autos und Flugzeuge kleiner werden, die Häuser niedriger, es würden nur halb so viele Nahrungsmittel benötigt, und die Ressourcen würden auch gespart. Wollt ihr lieber aussterben oder kleiner werden?“

Alba guckte mich an, als habe ich den Verstand verloren. Vielleicht war sie auch nur sauer, weil sie als einzige von uns drein über 1,75 groß war. Rana dagegen, ganz die Journalistin, erwog jede noch so absurde Idee. „Das Problem ist nur, dass Menschen nicht gezüchtet werden. Und dass, selbst wenn, so ein Programm mehrere Generationen dauern würde, und bis dahin gibt es wahrscheinlich schon zwanzig Milliarden Menschen auf der Welt, oder aber eben gar keine mehr.“

Paff. Das Ende meiner schönen Idee.

Alba wurde langsam ungeduldig. „Also, was ist jetzt? Elyas hat einen Rückzieher gemacht. Wie ist es mit dir?“

Ich schwieg. Warum hatte Elyas sich dagegen entschieden? Wusste er etwas, das ich nicht wusste? Hatte ich einen Fehler gemacht?

Rana beobachtete mich aufmerksam und schien mal wieder genau zu wissen, was in mir vorging.

„Elyas hat Schwierigkeiten damit, dass ich lesbisch bin. Ich habe ihn mal dabei erwischt, wie er vor seinen Kumpels gesagt hat, ich sei geschieden. Aber ehrlich, das ist sein Problem, nicht meins. Ich finde es völlig okay, dass er nein gesagt hat. Es geht schließlich nicht um einen kleinen Gefallen. Das ist eine richtig weitreichende, grundsätzliche und existentielle Entscheidung. Du kannst auch jederzeit nein sagen, und wir wären dir überhaupt nicht böse.“

Ich nickte bedächtig. Dass sie mir überhaupt nicht böse wären, konnte ich nicht ganz glauben. Aber egal, jetzt fiel es mir wieder ein. Ich hatte mich entschieden, ihnen zu helfen, weil ICH dieses Kind wollte.

Schließlich verabredeten wir, dass die nächste Insemination besser eine Ärztin vornehmen sollte. Rana hatte bereits eine ausfindig gemacht, die zugesichert hatte, dass sie meine kleinen Spermien sehr viel sicherer ans Ziel bringen würde, als Alba das mit ihren Plastikpipetten vermochte. Und sie hatte nicht zu viel versprochen. Einen Monat später war Rana schwanger.

Und so kam es, dass ich Elternteil Nr. 3 wurde. Vielleicht sollte ich auch erwähnen, dass wir im Vorfeld ganz genau vereinbart hatten, welche Rechte und Pflichten ich haben würde. Nämlich das Recht, bei allen wichtigen Entscheidungen gefragt zu werden, bei der Namensgebung mitzubestimmen, und natürlich das Privileg, das Kind bei jeder Gelegenheit reichlich zu beschenken. Und später, wenn der Säugling nicht mehr gestillt werden musste, sollte ich das Kind auch mal übers Wochenende nehmen dürfen.

Bei der Geburt war ich nicht dabei. Zum einen hatten mich Rana und Alba nicht gefragt, zum anderen hatte ich auch gar keine Lust darauf, zuzusehen, wie Rana Alba vor Schmerz in den Arm biss und wie dann ein blutiger und schleimiger Babykopf von der Größe einer Mango aus einer Öffnung von der Größe eines Serviettenrings herausgequetscht wurde. Als ich das Baby wenige Stunden nach der Geburt zum ersten Mal sah, sah es noch immer ziemlich verkrumpelt und hässlich aus. Und so winzig. Rana lag erschöpft in den Kissen und Alba hielt das Bündel mit dem lächerlichen Käppchen stolz im Arm.

„Das also ist Ben!“

„Wie? Was? Wo?“

„Willst du ihn mal nehmen?“

„Ben? Er heißt Ben? Ich dachte, wir wollten den Namen zusammen aussuchen?“

Albas Lächeln gefror. „Wirklich? Rana, hatten wir das ausgemacht? Aber findest du denn den Namen nicht toll? Er sieht doch aus, wie ein Ben, findest du nicht? Und es ist ein Name, der in fast allen Sprachen existiert, und für alle einfach auszusprechen ist.“

„Ja, das mag ja alles sein. Aber ich wollte doch mitentscheiden.“

Alba rollte die Augen. „Jetzt nimm ihn erst mal und halt ihn eine Weile, guck ihn dir genau an, und wenn dir dann ein besserer Name einfällt, dann sag es uns.“

Zögernd streckte ich meine Hand aus. Mein Sohn! Sein Kopf füllte meine Hand nur zur Hälfte aus, und der Rest des Körpers war leicht wie eine Feder. So hielt ich ihn eine Weile, wie ein Kaffeetablett, auf dem jeden Moment die Tassen überzuschwappen drohen. Der Kleine schlief und machte dabei blubbernde Geräusche.

„Und, ist er nicht unglaublich schön?“

„Hm.“

„Und, wie findest du nun seinen Namen?“

„Was haltet ihr denn von Markus?“

„Dein Ernst? Kommt nicht in Frage!“

„Jonas?“

„Ach nee.“

„Leo, Leon, Lukas?“

Schweigen.

„Malte, Sören, Sven, Ben?“

„Ben, ja, das ist super. Den nehmen wir!“

Hatte ich wirklich Ben gesagt? Wie doof. Aber je länger ich den Kleinen betrachtete, umso mehr sah er aus wie ein Ben.

Kapitel 3

In den ersten Wochen nach Bens Geburt sah ich ihn nicht so oft. Dafür las ich ungefähr 23 Bücher über Kindererziehung und wusste am Ende weniger als vorher. Von „man kann im Grunde nichts falsch machen, solange man seine Kinder liebt“ bis hin zu „die ersten Erfahrungen prägen ein Kind ein Leben lang (will sagen: können das Kind für immer versauen)“ war im Grunde genommen alles abgedeckt. Mit jedem Buch, das ich abends zuklappte, stieg meine Unsicherheit und Verwirrung.

Deswegen war ich nicht böse, dass mein Angebot, auch mal auszuhelfen, nicht angenommen wurde. Die beiden Mütter meinten, sie kriegten das alles alleine hin, ich solle lieber Alba in der Firma vertreten. Wenn Alba doch mal in die Firma musste, weil es da einfach zu viele Dinge gab, von denen ich nichts verstand, dann blieb ihre Mutter, Tante Agnes, bei Rana. Außerdem schickte ich meine Putzfrau zwei Mal pro Woche hin, um die Wäsche zu machen und die Wohnung in Schuss zu halten. Soweit hatte Rana also eigentlich eine absolute Luxus-Zeit, um die sie der Rest der jungen Mütter im Land beneiden würde.

Trotzdem schien sie nicht gut drauf, wenn ich mal vorbeischaute. Sie aß ohne Appetit, war immer müde, und schwankte zwischen Interesselosigkeit an ihrer Umwelt und übertriebener Sorge um Ben hin und her. Eines Abends nahm Alba mich zur Seite und erzählte mir, dass sie befürchte, dass Rana an einer postnatalen Depression leide.

„Einer post-was Depression?“

„Na ja, so eine Kindbettdepression. Das haben ganz viele Frauen. Nach der Geburt spielen die Hormone verrückt, man ist hypersensibel und es kann auch passieren, dass die Frauen eine richtige Depression kriegen.“

„Echt? Und was kann man dagegen tun?“

„Ich weiß nicht. Abwarten, versuchen, den Stress zu mindern. Ich dachte, vielleicht könnten wir sie ablenken.“

Ich nickte bedächtig, ahnte aber schon, dass Alba einen besonderen Plan hatte, und dass ich den Plan nicht mögen würde.

„Sie vermisst ihren Job.“

Rana war Moderatorin beim RBB. Früher war sie Journalistin für eine Wochenzeitschrift gewesen, hatte diesen Job aber vor ein paar Monaten ausgetauscht gegen die Stelle beim Fernsehen. Sie war auch sehr gut in ihrem Job, das musste man ihr lassen. Sie sah klasse aus, hatte eine sympathische Art und brachte Menschen dazu, ihr Innerstes nach außen zu kehren.

„Ja, aber sie hat doch Mutterschutz. Und wer würde sich denn dann um das Kind kümmern? Ben braucht sie doch.“

„Sie soll ja auch gar nicht arbeiten. Aber in einem Monat findet ein Probelauf für die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien statt, und sie ist eine von zehn deutschen Journalisten, die eingeladen wurden. Das würde ihr so einen Spaß machen, ich bin mir sicher, sie würde wieder aufleben.“

„Hm. Mag ja sein. Dann muss Ben halt ein paar Tage ohne sie auskommen. Das wirst du schon schaffen! Ich helfe dir gerne mit Ben während der Zeit.“

„Ja, genau darum wollte ich dich bitten. Ich würde nämlich gerne mitfliegen.“

„Hä?“

„Ich bin mir einfach nicht sicher, ob sie das durchhält. Es könnte auch nach hinten losgehen. Dass ihr das doch zu viel Stress ist, und dann möchte ich einfach da sein, um sie aufzufangen. Verstehst du?“

Langsam dämmerte es mir. „Du willst, dass ich während der Zeit Ben nehme?“

Alba nickte.

„Aber ich habe ihm noch nicht mal eine Windel gewechselt. Und gefüttert auch noch nie. Wie soll er denn überhaupt ohne Ranas Milch auskommen? Und wie lange soll das sein?“

„Pass auf. Ich dachte mir das so: Du nimmst ihn heute Abend zu dir nach Hause. Rana pumpt immer etwas Milch ab, damit ich Ben auch füttern kann. Wir geben dir genügend Flaschen mit. Ich lade Rana ein zu einem romantischen Abend zu zweit, mit essen gehen, Kino und so weiter. Dann bringst du ihn morgen früh wieder her und erzählst, wie toll alles gelaufen ist. Und dann werde ich im Lauf der nächsten Tage Rana darauf bringen, dass du ihn ja eigentlich auch mal länger nehmen könntest. Und ihr die Reise nach Rio vorschlagen. Es wären nur 5 Tage. Und du könntest in der Zeit mit Ben Urlaub machen. In so einem Ferienclub für Familien. Da hättest du jede Menge Unterstützung. Cluburlaub magst du doch gerne, oder?“

„Und Rana weiß nichts von diesem Plan?“

„Nein, soll sie auch nicht. Sie will ja Ben keine Minute aus den Augen lassen. Wenn ich sie jetzt fragen würde, wäre ihre Antwort auf jeden Fall negativ.“

„Hm.“ Ich überlegte. Bis vor wenigen Wochen hatte ich noch nie in meinem Leben ein Baby auf dem Arm gehabt. Ich wusste überhaupt nicht, ob Ben eine Nacht mit mir überstehen würde. Oder ob ich eine Nacht mit ihm überstehen würde. Und überhaupt fand ich die Idee, dass Rana und Alba so weit weg fliegen wollten, überhaupt nicht gut.

„Mattes, nimm ihn doch einfach mal eine Nacht. Und morgen früh sehen wir weiter. Wenn es gar nicht geht, rufst du an, und wir holen ihn ab. Was sagst du?“

Ich hasste es, so überrumpelt zu werden. Natürlich wollte ich mich auch mal um Ben kümmern. Nur hatte ich mir das anders vorgestellt: wie ich ihm die Elefanten im Zoo zeige, wie ich ihm helfe, Fahrrad fahren zu lernen, wie ich ihn mal von der Schule abhole. Nichts davon würde sich diese Nacht umsetzen lassen.

In dem Moment kam Rana ins Wohnzimmer, Ben auf dem Arm. Er hatte seinen Kopf an ihren Hals gelegt und schien zu schlafen. „Er hat gegessen und ist frisch gewickelt. Alba, nimmst du ihn mal. Ich muss mich mal hinlegen.“

„Warum legst du ihn nicht zum Schlafen hin?“ Das schien mir eine ganz vernünftige Frage, aber Rana guckte mich verächtlich an. Sie sah nicht gut aus, total übermüdet, stumpfe Haare, Milchreste auf ihrem T-Shirt. „Weil er dann sofort wieder aufwacht und schreit.“

Alba war gerade dabei, Rana den Kleinen abzunehmen. Der wachte auch wirklich kurz auf, gab einen Rülpser von sich, und legte dann seinen Kopf an Albas Hals. Rana sank seufzend aufs Sofa. „Mann, ich könnte jetzt hier sofort einschlafen. Aber wenn ich mich ins Bett lege, bin ich auf einmal hellwach.“

Alba guckte mich bittend an. Ich räusperte mich. „Sag mal, wollt ihr beiden nicht mal einen Abend ausspannen? Ich würde Ben gerne auch mal betreuen. Ich könnte ihn mit nach Hause nehmen und ihr hättet den ganzen Abend frei.“

Sehr überzeugend klang ich wahrscheinlich nicht, denn Rana reagierte nur mit einem spöttischen Schnauben. Doch schnell hakte Alba nach. „Das ist gar keine schlechte Idee. Wir könnten wirklich mal einen Abend für uns gebrauchen. Rana, du hast doch selbst gesagt, wir bräuchten einen Babysitter. Und Mattes soll ja schließlich eine Beziehung zu Ben aufbauen, das wäre doch eine super Gelegenheit.“

Rana machte eines ihrer Augen auf, um zu sehen, ob ich noch da war. „Ja, aber doch nicht jetzt. Ben ist noch viel zu klein. Und Mattes hatte ihn ja noch nie länger als eine Stunde. Was, wenn Ben nachts schreit und Mattes schläft so tief, dass er ihn nicht hört. Nee, lasst mal. In ein paar Wochen vielleicht.“

„Rana, jetzt hör mir gut zu. Du musst dich mal ausspannen. Mattes wird nichts falsch machen mit Ben. Ich möchte mit dir einen schönen Abend verbringen, und morgen früh bringt Mattes ihn uns wieder.“

Jetzt hatte Rana beide Augen auf. „Ich muss mich nicht ausspannen. Ich muss nur mal schlafen. Wenn ich nicht weiß, wie es Ben geht, dann kann ich sowieso nicht entspannen.“

Ben selbst meldete sich jetzt auch zu Wort, und zwar mit einem lauten Schrei. Rana sprang auf, riss ihn Alba aus dem Arm und drückte ihn fest an sich. Dabei rannen ihr die Tränen übers Gesicht. Ben beruhigte das nicht. Oh Mann, das lief ja wirklich nicht sehr rund. Am liebsten hätte ich mich jetzt leise aus dem Staub gemacht, aber Alba hatte Ben inzwischen wieder an sich genommen und drückte mir das schreiende Kind in den Arm. „Geh mal ein bisschen mit ihm auf und ab, ich muss mit Rana reden.“ Und damit schubste sie mich aus dem Wohnzimmer.

Vom Wohnzimmer zur Küche waren es sechs Schritte. Von der Küche zum Kinderzimmer waren es zehn Schritte. Nicht viel Freilauf, aber Ben schien den kleinen Spaziergang trotzdem zu genießen. Er beruhigte sich sehr schnell und war schon nach fünf Minuten wieder eingeschlafen. Nach zehn Minuten durfte ich wieder ins Wohnzimmer. Rana hatte ihr Einverständnis gegeben, dass ich Ben über Nacht mit nach Hause nehmen durfte. Sie ging mit mir zum Auto, holte den Kindersitz aus ihrem Wagen und half mir, Ben anzuschnallen. Währenddessen gab sie mir noch einige Ratschläge:

„Fahr vorsichtig. Und denk dran, immer sein Köpfchen zu halten. Nach dem Füttern muss er Bäuerchen machen. Und die Windel gewechselt kriegen. Die Milch muss lauwarm sein. Nicht zu heiß, sonst verbrüht er sich. Und trink keinen Alkohol. Leg ihn nicht auf den Bauch, sonst kann er am Plötzlichen Kindstod sterben. Wenn irgendwas ist, ruf den Kindernotdienst an. Hast du die Nummer? Warte, ich hol sie dir.“

Doch glücklicherweise kam in dem Moment Alba raus mit sechs Taschen: einem Reisebett, einer Wickeltasche mit Windeln und Feuchttüchern, einer Kühltasche mit den fertigen Fläschchen, die zu Hause gleich in den Kühlschrank sollten, einer weiteren Tasche mit dem Flaschenwärmer, Kuscheldecke und Babyphone, einer Reisetasche mit Ersatzwäsche und schließlich ein Beutel mit Spielzeug, Teddybär und Einschlafuhr.

„Babywanne brauchst du ja nicht für eine Nacht. Aber den Kinderwagen. Oder hättest du lieber das Tragetuch?“

„Äh, keins von beiden. Es sei denn, ihr habt einen Anhänger.“ Jetzt verstand ich, warum Familienautos die Ausmaße von Lieferwagen hatten.

„Sehr witzig. Hier ist noch die Liste, da steht genau drauf, wann Ben seine Flasche kriegt, und wann er schläft. Also viel Spaß mit ihm, ruf an, wenn was ist, aber ich hoffe, du musst nicht anrufen.“

„Doch!“ warf Rana ein. „Ruf auf jeden Fall an. Am besten jede Stunde. Oder schick zumindest eine SMS.“ Alba stand hinter Rana und schüttelte von ihr unbemerkt heftig mit dem Kopf.

„Klar, mach ich.“ Und dann drückte ich aufs Gaspedal und brauste davon.

Kapitel 4

Meine erste Nacht mit Ben. Irgendwie aufregend. Ich stellte den Klassiksender an, weil Babys ja bekanntlich von klassischer Musik intelligenter werden sollen. Und dann waren wir auch schon bei mir zu Hause angelangt. Jetzt stand ich vor einem Problem. Wie sollte ich Ben mitsamt seiner sechs Taschen ins Haus bringen?

Ich beschloss, den Beutel mit dem Spielzeug und die Tasche mit dem Flaschenwärmer erst mal im Auto zu lassen. Blieb noch das Kinderbett, die Kleidertasche, die Wickeltasche und die Kühltasche. Und natürlich Ben selbst. Leider wachte er auf, als ich ihn aus dem Kindersitz befreite. Mit ihm auf dem Arm konnte ich aber höchstens zwei weitere Taschen tragen. Also musste ich zweimal laufen bis zur Haustür. Das wäre nicht sonderlich schwer gewesen, wenn Ben nicht wieder angefangen hätte zu weinen.

Egal, jetzt waren wir da. „Ben, schau mal. Hier wohnt dein Papa. Möchtest du das Haus sehen? Nicht? Was möchtest du denn machen? Hast du Hunger?“

Wo war nur der Zettel mit den Fütterzeiten? Mist, wohl noch im Auto. Also noch ein Mal zurück. Doch da war er auch nicht. Langsam wurde Ben schwer. Ich musste ihn erst mal ablegen. Aber wo? Auf mein Bett. Womöglich hatte er Hunger. Ach ja, ich sollte ja die Flaschen in den Kühlschrank stellen. Aber ich könnte ihm ja schon mal eine geben. Dafür brauchte ich dann doch den Flaschenwärmer. Also nochmal zurück zum Auto. Konnte ich Ben so lange auf dem Bett liegen lassen? Lieber nicht, also nochmal mit ihm nach draußen für die letzten zwei Taschen. Gut, dass ich einen Parkplatz gefunden hatte, der nicht so weit weg war.

Ben war inzwischen wieder ruhig und freute sich, dass ich so viel mit ihm rumlief. Es war gar nicht so einfach, die Kühltasche aufzukriegen mit nur einer freien Hand. Aber auch das gelang mir schließlich. Die Mütter hatten mir fünf Fläschchen mitgegeben. Jetzt war es 6 Uhr abends. Wenn ich Ben morgen früh um 9 zurückbringen sollte, dann hätte ich 15 Stunden. Fünf Fläschchen, also alle drei Stunden eine Flasche.

Mit dem Flaschenwärmer hatte ich zunächst Probleme. Als die Flasche nach zehn Minuten noch immer kalt war, kam mir die Idee, etwas Wasser in die Aufwärmschale einzufüllen. Das funktionierte besser. Während wir warteten, wurde Ben wieder unruhig und ich sang ihm „Fuchs, du hast die Gans gestohlen vor.“ So einen Text vergisst man sein Leben lang nicht! „Und dann bist du tot!“ Komischer Text für Kinder.