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Mattes, verwöhnt und vom Leben gelangweilt, beschließt nach einem Streit mit seiner platonischen Freundin, seinem Leben ein Ende zu setzen. Da kommt ihm die Werbung für eine Sterbeklinik in der Karibik gerade recht: Im Luxushotel will er sich noch einmal richtig verwöhnen lassen, ehe dann endgültig Schluss ist. Kurzentschlossen setzt er sich ins nächste Flugzeug. Doch irgendetwas scheint nicht zu stimmen mit dem Hotel. Während Mattes noch rätselt, warum die Klinik mit Stacheldraht umzäunt ist und was für ein Arzt der nette Dr. Rosenblatt eigentlich ist, trudeln weitere Gäste ein, die mit dem Leben abgeschlossen zu haben scheinen. Je besser Mattes seine Mitbewohner kennenlernt, um so klarer wird ihm, dass er eigentlich doch lieber noch ein bisschen am Leben bleiben möchte. Aber dann stirbt einer der Gäste.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Jo Thun
Club Suizid
Ein lustiger Roman über ein weniger lustiges Thema
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Epilog
Dank
Vorschau
Impressum neobooks
Das konnte kein Zufall sein! Ausgerechnet an meinem 33. Geburtstag – ich saß gerade beim Frühstück und dachte an meinen Schulfreund Bosse, der mir einst aufgrund meiner angeblich echt minikurzen Lebenslinie prophezeit hatte, dass ich nur halb so alt werden würde wie normale Menschen, nämlich 33 (sein Großvater war glaube ich gerade mit 66 gestorben) – da las ich in der Zeitung folgende Überschrift: „Junge Männer besonders gefährdet: Suizid ist die häufigste Todesursache für Männer im Alter von 15-35.“ Meine erste Reaktion war Befriedigung: Mit 33 zählte ich sehr wohl noch zu den jungen Männern! Das musste ich sofort Moni erzählen! Doch dann setzte die Erkenntnis und somit der Schock ein: Wenn ich wirklich mit 33 sterben würde, wie Bosse geweissagt hatte, dann würde ich demnach meinem Leben selbst ein Ende setzen. Statistisch gesehen war das auf jeden Fall wahrscheinlicher als ein Unfall, plötzlicher Herzinfarkt, oder eine heimtückische, schnell verlaufende Krebserkrankung. War das jetzt eine gute oder eine schlechte Nachricht? Nachdenklich biss ich in mein Nutellabrötchen.
Eigentlich hatte ich für Selbstmörder nicht viel übrig. Das waren Leute mit übertriebenem Sinn für Dramatik, die sich meistens nicht darum scherten, dass andere Leute sie liebten, und die denen dann auch noch einen Riesensauhaufen zum Aufräumen hinterließen. Allerdings hatten sie Mut, und da tat sich die eigentliche Hürde auf. Ich würde niemals den Mumm aufbringen, um in die Tiefe zu springen oder mich vor einen Zug zu werfen. Um an eine Giftspritze zu kommen, musste man Arzt sein oder zumindest einen kennen. Einen Waffenschein hatte ich auch nicht. Und eine andere Möglichkeit fiel mir nicht ein. Doch, mit dem Auto gegen einen Baum fahren. Nein, nicht sicher genug. Da müsste ich erst mal herausfinden, wie man den Airbag ausschaltet, also auch ziemlich aussichtslos. Je mehr ich darüber nachdachte, umso klarer wurde mir: Selbstmord kam für mich nicht in Frage.
Ich hatte ja auch gar keinen Grund, meinem Leben ein Ende zu setzen. Gut, ich hatte keine wahre Beziehung, keine echten Freunde, und ging keiner sinnvollen oder zumindest erfüllenden Tätigkeit nach. Aber es ging doch so vielen Leuten schlechter als mir. Moni zum Beispiel. Ihr Mann hatte sie vor vier Jahren mit zwei Kindern sitzen gelassen. Die waren über alle Maße anstrengend, und dazu dermaßen fordernd, dass Moni ihre Halbtagsstelle in eine Dreiviertelstelle umwandeln musste, um die laufenden Rechnungen zahlen zu können. Oder wollte sie einfach nur mehr Zeit weg von den Kindern haben? Das wusste ich nicht genau, weil sie ja mit mir nie wirklich redete. Wie gesagt, echte Freunde hatte ich nicht.
Und wenn man an den Teufel denkt, dann ruft er an. Das Handy summte und teilte mir mit, dass gerade eine SMS eingegangen war. „Happy Birthday! Lass uns später essen gehen – du zahlst! Moni.“ Ja, genau. Für Moni war ich der Spendieronkel. Mehr nicht. Da sah ich, dass vorher schon eine SMS eingegangen war. Die war von Herrn Moosbacher. Herr Moosbacher war der Geschäftsführer meiner Firma. Eigentlich war es ja die Firma meines Vaters, aber der hatte sie mir ungewollt vererbt (wenn man plötzlich und ohne Testament stirbt, dann erbt das einzige Kind ALLES!!) und jetzt war ich also Eigentümer, oder vielmehr alleiniger Gesellschafter der Plastik und Mehr GmbH. Glücklicherweise musste ich nichts tun für die Firma, denn der liebe Herr Moosbacher führte die Geschäfte. Er hatte alles im Blick, sogar meinen Geburtstag vergaß er nie. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Kommen Sie doch gegen Mittag mal ins Büro auf einen Sekt. Ich hätte auch gerne eine kurze Unterredung. Mit freundlichem Gruß, Franz K. Moosbacher.“ Wofür stand eigentlich das K? Und wer unterschrieb heutzutage eigentlich noch mit der Initiale seines mittleren Namens?
Wahrscheinlich wollte der gute Herr Moosbacher wieder eine Gehaltserhöhung. Nee, am besten, ich tat so, als hätte ich die Nachricht gar nicht bekommen. Ob er ein Geschenk für mich hatte? Letztes Jahr hatte er mir ein sehr nett verpacktes Buch geschenkt. Irgendwas über Trends des globalen Wirtschaftsmarkts. Aber nachdem ich mein BWL-Studium im dritten Semester an den Nagel gehängt hatte, interessierte mich sowas nicht mehr. Trotzdem: ein Geschenk wäre nicht schlecht. Schließlich war ja mein Geburtstag, und ich hätte schon gerne irgendetwas ausgepackt. Vielleicht war ja etwas in der Post gekommen?
Da es schon halb 11 war (ich war heute anlässlich des besonderen Tages mal etwas früher aufgestanden), war der Postbote sicher schon da gewesen. Ich zog meinen Morgenmantel über und ging raus in den Garten. Es nieselte, ging auf die 0 Grad zu und das Laub hätte mal wieder gerecht werden müssen. Bis ich beim Briefkasten ankam, waren meine Schlappen pitschnass. Dafür hatte ich dann wirklich drei Briefe im Kasten. Einer davon sah aus wie eine Geburtstagskarte, einer war eine Rechnung, und der dritte war bestimmt Werbung. Gut, mit der Ausbeute konnte ich leben. Ich schlurfte zurück ins warme Haus, schmiss die nassen Schlappen in die Ecke, ließ die Rechnung auf das kleine Tischchen im Flur fallen, lief die Treppe zum Schlafzimmer hoch und kroch unter die Bettdecke. Die Karte hatte keinen Absender. Sah aber privat aus. Ich riss das Kuvert auf und holte den Inhalt raus. Es war tatsächlich ein Geburtstagsgruß – von meinem Steuerberater. Na ja, das war auch das mindeste, wenn man bedenkt, was ich dem jedes Jahr zahlen musste. Immerhin war der Gruß handschriftlich unterschrieben. Gut, ich würde das als persönlichen Glückwunsch werten. Blieb noch die Werbung. Der Umschlag sah ein bisschen wie eine Todesanzeige aus, nur dass der Rand rosa statt schwarz war.
Ich faltete den Prospekt auseinander und las:
Lassen Sie es ein letztes Mal richtig krachen! The Lost Paradise, ein Hotel der Luxusklasse, bietet lebensmüden Menschen, die keine Hoffnung mehr sehen, die Möglichkeit, ihrem Lebensabend mit Würde einen passenden Abschluss zu setzen. Genießen Sie Tage voller Luxus und Lebensfreude. Gesellen Sie sich unter Gleichgesinnte. Wenn die Zeit gekommen ist, wird ein Arzt und Psychologe Sie auf den letzten Schritten Ihres Weges begleiten. Sie gehen ohne Schmerzen und Sorgen.
Unser Hotel finden Sie auf Copa Caba, einer kleinen Insel zwischen St. Lucia und Barbados in der Karibik. Wir sind ein 5-Sterne +++ Hotel mit angeschlossener Klinik. Von Ihrem Hotelzimmer sind es nur wenige Meter zum hauseigenen Strand. Unser Restaurantchef muss keinen Vergleich mit den besten Sternenköchen der Welt fürchten. Wir verfügen über eine Saunalandschaft, einen 1000 qm großen Wellness und Fitnessbereich und natürlich auch das entsprechende medizinische Personal. Selbstverständlich haben wir auch Zimmer, die behindertengerecht ausgestattet sind. Kontaktieren Sie uns für ein Angebot, das Ihren besonderen Bedürfnissen angepasst wird.
Das konnte doch wirklich kein Zufall sein!
Aber je länger ich die Broschüre hin und her drehte, umso komischer kam mir die Werbung vor. War das legal? Ich schaute mir die Fotos an und las das Kleingedruckte. Auf den ersten Blick hatte man den Eindruck, es gehe hier um einen Luxusurlaub in der Karibik. Auf den Fotos war viel türkisblaues Wasser, Hotelzimmer mit allem Komfort, lächelnde Bedienstete und leckere Speisen zu sehen. Das Restaurant hatte mindestens 12 Tische, das heißt, das Hotel war auf jeden Fall auf 48 Leute eingestellt. Oder war das falsch gerechnet? Vielleicht pflegten Lebensmüde alleine zu dinieren, dann hätten nur 12 Gäste gleichzeitig reingepasst. Die eigentliche Frage war aber doch: Wie würden die Gäste denn am Ende das Zeitliche segnen? Wurde jeden Abend eine Giftampulle im Dessert versteckt, und der glückliche Gewinner sackte sanft vom Stuhl? Gab es ein Erschießungskommando, das die Leute von der Strandpromenade mähte? Oder verabschiedete man sich am letzten Abend höflich von seinen Mitgästen und verschwand im Schlafzimmer, wo der Arzt mit einer Spritze auf einen wartete?
Nein, die allereigentlichste Frage war doch: Wie kam dieses Hotel dazu, ausgerechnet mir ihre Werbung zu schicken? An meinem 33. Geburtstag noch dazu? Da begriff ich endlich: Das Ganze war ein Scherz. Etwas makaber, aber dafür originell. Nur, wer meiner Freunde, meiner nicht ganz echten Freunde, würde so etwas tun? Moni, nein, die hatte genug mit ihrer Brut zu tun. Fredi? Der hatte das Studium noch vor mir geschmissen, nachdem er für eine drei-seitige Seminararbeit mehr als acht Monate gebraucht hatte - der hätte das nie im Leben hingekriegt. Herr Moosbacher? Lachhaft! Meine Cousine Alberta? Yunus, der Wirt meiner Lieblingskneipe? Tante Agnes?
Mir fiel beim besten Willen niemand ein, der einen solch schwarzen Humor haben könnte. Wie immer, wenn ich nicht weiter wusste, befragte ich mein Handy. Es lag griffbereit auf dem Nachttisch. „Was ist The Lost Paradise?“ fragte ich. Mein Handy antwortete: „Möchtest du, dass ich im Internet nach „verlost Heri Deiss“ suche? Ich antwortete: „Ja.“ Mein Handy antwortete: „Das dachte ich mir.“ Und dann passierte nichts mehr. Leider verstehen mein Handy und ich uns nicht immer. Ich tippte schließlich die Webseite, die in der Broschüre genannt wurde, selbst ein und verfolgte mit Erstaunen, wie sich tatsächlich eine Seite öffnete, die garantiert von keinem meiner Bekannten ins Leben gerufen worden war, nur um mir einen Streich zu spielen.
Unter einem kitschigen Foto vom Strand bei purpurrotem Sonnenuntergang stand in blauer Schrift: „Genießen Sie jeden Moment, es könnte Ihr letzter sein!” Mannomann, da hatte jemand wirklich einen sonderbaren Humor. Aber, wenn es dieses Hotel wirklich gab, wieso schickten sie dann ausgerechnet mir ihre Werbung?
Ich lehnte mich zurück in mein Kissen und schloss die Augen. Das sollte einer verstehen! Ich war nicht so dumm zu glauben, dass Menschen, die sich den absoluten Luxus leisten konnten, keinen Grund hatten, sterben zu wollen. Im Gegenteil, das verstand ich sogar am allerbesten: Mit Geld alleine zu sein ist noch viel einsamer als ohne Kohle dazustehen. Aber wenn ich wirklich würde sterben wollen, würde ich das dann auf diese Weise tun wollen? Warum eigentlich nicht? Für jemanden wie mich, ohne Ziel und Courage, wäre das wahrscheinlich der einzige Weg. Aber man konnte doch nicht einen jungen (jawohl: statistisch bewiesenermaßen jungen), gesunden Mann dazu einladen, sich töten zu lassen, auch wenn er das dafür nötige Geld auf der Bank liegen hatte. Dass das nicht ethisch war, erkannte ja selbst ich.
Plötzlich fiel es mir wieder ein: Ich war letzten Monat beim Arzt gewesen und hatte völlig vergessen, mir das Ergebnis vom Bluttest abzuholen. Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass sie mich anrufen würden, wenn da was gewesen wäre. Aber was, wenn nicht? Vielleicht hatte ich ja unheilbaren Blutkrebs? Und die Klinik in Copa Caba hackte sich aus ihrem legal nicht angreifbaren Karibikstaat in die deutschen Praxen ein und kopierte da die Adressen der Todeskandidaten runter? Das wäre doch immerhin möglich.
Ich schaute auf meine Uhr: fünf Minuten nach 12. Um 12 machte die Praxis Mittagspause. Zu spät! Der Schweiß brach aus und die Achselhöhlen begannen zu tropfen. Mit zittrigen Fingern tippte ich die Nummer des Arztes ein und landete in der Warteschleife. Als Sting sich gerade zum dritten Mal aufmachte, durch goldene Felder zu stapfen, nahm die leicht genervte Sprechstundenhilfe ab. Natürlich wäre ich informiert worden, wenn es da etwas gegeben hätte. Ja, sie könnte gerne heute Nachmittag mal nachschauen, nur um sicher zu gehen. Jetzt gleich? Musste das denn sein? Wie war nochmal der Name? Ach so, ja, einen Moment mal, sie guckt mal schnell nach. Ja, hier ist es schon, alles in Ordnung, das Ergebnis war durchweg negativ, nur leicht erhöhte Cholesterinwerte. Und, ach hier ist ja was – ihr Ton wurde auf einmal ganz warm und mitfühlend, und mein Herz blieb stehen. Also doch, ich hatte es gewusst! Nach einer ewig langen Pause sprach die Sprechstundenhilfe wieder. Heute sei ja mein Geburtstag, na da gratuliere sie aber ganz herzlich!
Jetzt musste ich aber wirklich duschen, mein Seidenpyjama begann schon, ganz grässlich zu riechen. 30 Minuten später stand ich frisch eingekleidet, parfümiert und gekämmt vor dem Spiegel im Schlafzimmer. Wenn ich noch vor eins da sein wollte, musste ich mich jetzt beeilen. Herr Moosbacher erwartete mich mit einer Überraschung. Außerdem jagte ich meiner Belegschaft immer gerne einen Schrecken ein, wenn ich in der Mittagspause durch die Werkhalle marschierte. Wenn sie auch ein Anrecht auf Pausen hatten, ließen sie sich doch nicht gerne beim Nichtstun erwischen.
Die Plastik und Mehr GmbH liegt in Lichterfelde Ost, am gleichen Ort, wo mein Großvater sie vor dem Krieg gegründet hat. Damals hieß sie noch Mattheus und Söhne. Den neuen Namen hat sich mein Steuerberater ausgedacht, der mir auch dazu geraten hat, eine GmbH zu gründen. Da könne dann die Firma Pleite gehen, und ich würde doch mein Vermögen behalten können. Von meinem Haus aus ist die Firma mit dem Auto in 15 Minuten zu erreichen. Es war aber dann doch schon halb zwei, als ich ankam, und alle 35 Arbeiter standen an ihren Maschinen. Sie grüßten freundlich, als ich den Gang entlang lief, und ich nickte wohlwollend in die Runde. Leider kann ich mir Gesichter so schlecht merken, und Namen eigentlich auch nicht, weswegen es besser ist, wenn ich mit niemandem direkt in Kontakt trete. Nur die Sekretärin von Herrn Moosbacher, die kenne ich auch mit Namen: Frau Büsing. Sie mag mich aber nicht besonders.
Ich mag sie auch nicht sehr. Es ist doch wohl nicht zu viel verlangt, dass ich in meinem eigenen Laden herumgehen kann, wie ich mag. Aber sie besteht darauf, mich jedes Mal bei Herrn Moosbacher anzumelden. Ich umgehe die Peinlichkeit, indem ich immer ganz langsam durch ihr Zimmer gehe, so dass ich dann bereits an der Tür bin, wenn sie den Hörer auflegt und sagt: „Herr Moosbacher bittet Sie, herein zu kommen.“
„Lieber Herr Mattheus!“ Herr Moosbacher war aufgestanden und ging um den Schreibtisch herum auf mich zu. Wie ich bemerkte, hatte er bereits zwei Sektgläser bereitgestellt. Ins Vorzimmer rief er: „Frau Büsing, wären Sie so nett und holen den Champagner aus dem Kühlschrank?“ Ich tat gerührt: „Ach, das ist doch nicht nötig.“ Dabei war mir schon klar, dass der Champagner von der Firma bezahlt wird, und die Firma bin ich! Schließlich setzten wir uns um den kleinen Tisch herum, der am Fenster stand und prosteten uns zu. Ich wartete darauf, dass Herr Moosbacher das Wort ergreifen würde: Schließlich hatte er um eine Unterredung gebeten. Und sollte er mir nicht auch ein Geschenk geben? Oder wartete er vielleicht darauf, dass ich mich nach den Geschäften erkundigte?
„Ja, da bin ich. Was gibt es denn Neues?“ fragte ich schließlich. „Läuft alles reibungslos?“
„Doch, doch. Könnte eigentlich nicht besser laufen.“
„Ja, dann. Gibt’s was Neues?“
Herr Moosbacher druckste. Was war denn heute mit ihm los? Er wollte also doch eine Gehaltserhöhung. Ich hätte zu Hause mal nachgucken sollen, wann er die letzte bekommen hatte. Sehr lange war das noch nicht her. Schließlich stand er auf und ging zu seinem Schreibtisch. Er nahm eine Mappe und brachte sie mir.
„Ja, Herr Mattheus. Sehen Sie mal da rein. Ich habe etwas vorbereitet. Wie Sie wissen, läuft die Firma ja als GmbH mit Ihnen als alleinigem Gesellschafter. Die Geschäfte gehen gut und wir machen Profit. Allerdings ist das Geld, das Ihnen jeden Monat ausgezahlt wird, eher rückläufig. Das liegt daran, dass wir im Moment auch hohe Ausgaben haben. Vor allem die Gehaltskosten drücken doch erheblich auf den Gewinn.“
„Aha.“ Teilnahmslos blätterte ich in den Papieren, die er mir gereicht hatte. Dabei arbeitete mein Gehirn fieberhaft. Worauf wollte er hinaus? Mit dieser Einleitung konnte er doch unmöglich auf eine Bitte um mehr Gehalt zusteuern.
„Ja, also, Herr Mattheus. Ich habe hier einen Vorschlag ausgearbeitet, der Ihnen etwas mehr Geld einbringen würde.“ Herr Moosbacher machte eine Pause. Er glaubte doch nicht ernsthaft, dass ich bei der Aussicht auf mehr Geld mit hechelnder Zunge aufsitzen würde wie ein Hündchen? „Ich wäre unter Umständen bereit, als Gesellschafter der Firma beizutreten, und dafür eine Reduzierung meiner Bezüge in Kauf zu nehmen. Gleichzeitig würde ich natürlich auch das Risiko mittragen und die Verantwortung für die laufenden Geschäfte weiter in der Hand behalten. Was wir so einsparen, würde dann natürlich als Gewinn weitergegeben.“
Ja, du schlauer Hund, du als Gesellschafter! Dieser gerissene Herr Moosbacher wollte mich doch echt über den Tisch ziehen. Warum um alles in der Welt sollte ich ihm meine halbe Firma schenken?
„Ich habe einiges auf der hohen Kante und würde einen großen Teil davon in die Firma einbringen können. Sehen Sie hier!“ Herr Moosbacher zeigte auf eine Tabelle mit vielen Zahlen. „Mit dieser Finanzspritze könnten wir dann investieren. Haben Sie eigentlich darüber nachgedacht, was ich Ihnen das letzte Mal vorgeschlagen habe?“
Ich wiegte bedenklich mit dem Kopf, um zu verbergen, dass ich nicht den leisesten Schimmer hatte, was er das letzte Mal vorgeschlagen hatte.
„Nun ja, die Schmitz KG hat natürlich im Moment mit Plastik nichts zu tun, aber wenn wir sie kaufen würden, stünden uns die Werkhallen direkt nebenan zur Verfügung und man könnte alles ohne große Umstände für unsere Zwecke umwandeln. Damit ließe sich ganz anders agieren und wir könnten unsere Kapazitäten erheblich hochfahren. Ja, mit dem Geld, das ich der Firma zuführen würde, könnten wir uns das dann auch leisten.“
Anscheinend hatte Herr Moosbacher jetzt sein Pulver verschossen und schaute mich zuversichtlich an, als könne ich dieses großartige Angebot unmöglich ausschlagen.
Ich tat so, als überlegte ich eine Weile, und nickte schon mal mit dem Kopf, damit die Enttäuschung ihn dann umso härter treffen würde. „Ja, ich habe tatsächlich lange über Ihre Idee, die Schmitz KG zu kaufen, nachgedacht. Allerdings bin ich zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen.“
Herr Moosbacher sah mich erschrocken an. Ich machte eine weitere Pause und ließ es in meinem Kopf rattern. Manchmal bringen mich vermeintliche Engpässe zu Phantasieschüben, die ich mir gar nicht zutrauen würde.
„Ich habe meinerseits einige Kontakte spielen lassen und habe einen ernsthaften Interessenten, der bereit wäre, mir die Firma abzukaufen.“
Ha! Das sollte er erst mal verdauen, der nette Herr Moosbacher!
„Sie meinen, Sie tragen sich mit der Idee, die Firma zu verkaufen? Aber, an wen denn? Wann soll das denn sein? Wie viel, wenn ich fragen darf, erwarten Sie denn für die Firma?“
„Ja, mein lieber Herr Moosbacher, es ist ja noch nichts in trockenen Tüchern. Ich werde Sie natürlich rechtzeitig informieren. Aber es ist schon eine ganze Menge Geld, wovon ich hier rede. So viel Geld, dass ich davon unbeschwert leben könnte für den Rest meines Lebens! Und erst einmal richtig einen Drauf machen könnte!“
Merkwürdigerweise fiel mir an dieser Stelle etwas ein, was ich heute Morgen gelesen hatte: „Lassen Sie es ein letztes Mal richtig krachen!“
Nachdem ich mich von dem verzweifelten Herrn Moosbacher verabschiedet hatte, und sein Vorzimmer durchschritten hatte, ohne Frau Büsing eines Blickes zu würdigen, setzte ich mich in mein Auto und rief erst einmal Moni an. Sie schien erfreut, von mir zu hören, und sagte, sie habe bereits für 20 Uhr einen Tisch reserviert. Natürlich müsste sie vorher erst die Kinder abfüttern.
„Komm doch einfach um 6 vorbei, dann kannst du noch ein bisschen mit den Jungs spielen.“
Moni würde nie begreifen, dass es mir absolut keinen Spaß machte, mit den Jungs zu spielen. Denen machte es übrigens auch keinen Spaß, mit mir zu spielen. Überhaupt „spielten“ die Jungs nicht mehr. Sie saßen am PC, oder beschäftigten sich mit ihren Handys. Aber da ich sonst nichts vorhatte, sagte ich zu.
Blieben mir noch knapp vier Stunden. Zu wenig Zeit, um zu Hause abzusacken. Zu viel Zeit, um durch die Geschäfte zu ziehen. Ich steuerte das Auto auf die Drakestraße und fuhr langsam wieder Richtung Zehlendorf. Nicht weit von hier hatte Uwe, mein Steuerberater, sein Büro. Kurzentschlossen bog ich in die Ringstraße und parkte mein Auto in seiner Einfahrt. Seine Sekretärin war sehr viel netter als Frau Büsing und begrüßte mich herzlich. Sie klopfte an die offene Tür ihres Chefs und schob mich praktisch schon über die Schwelle.
„Herr Mattheus ist hier.“
„Ach, das ist ja eine nette Überraschung. Ich habe allerdings gleich einen Termin. Was kann ich für dich tun? Ich hab dir übrigens eine Karte geschickt!“
„Ja, die hab ich schon bekommen. Danke! Sag mal, kurze Frage. Was ist, wenn ich meine Firma verkaufen will?“
„Wow, langsam! Was willst du? Du willst doch jetzt nicht ernsthaft einen Rat von mir? Da müssen wir einen Termin machen, das dauert.“
„Nein, bloß nicht. Bitte keinen Termin. Ich meinte nur so ganz allgemein. Ich kann doch die GmbH verkaufen und dann mit dem Geld machen, was ich will, oder?“
„Ja, schon. Hast du denn einen Interessenten? Ich kann gerne mal die Bilanzen durchsehen und dir sagen, was du verlangen kannst. Aber du weißt ja, Steuerberater können nicht Kopfrechnen – da müsste ich mich mit meinem Rechner hinsetzen. Das dauert ein paar Tage.“ Diesen Witz machte Uwe fast jedes Mal, wenn ich ihn sah, und jedes Mal lachte er wieder darüber.
„Das kostet dann wie viel?“
„Du kennst ja meinen Stundensatz!“
„Ja, lass mal. Ich überschlafe das noch. Ach übrigens, hast du schon mal gehört, dass es in der Karibik eine Klinik gibt, die Sterbehilfe gibt?“
„Dafür muss man doch nicht in die Karibik fahren. Wieso, brauchst du jetzt Sterbehilfe?“
Uwe grinste. Wieso grinste er? Was war denn bitteschön an Sterbehilfe lustig?
„Ist das nicht illegal?“
„Das kommt auf das jeweilige Land an, was die Gesetze dazu sagen. Es gibt Länder, da dürfen Ärzte das.“
Uwe grinste nicht mehr. „Sag mal, wieso fragst du denn das. Und warum in aller Welt willst du eigentlich deinen Laden verkaufen? Ist was mit dir?“
„Ach quatsch. Ich muss los, du hast ja auch noch zu tun. Also bis demnächst mal wieder.“
Als ich mich noch einmal nach ihm umdrehte, saß Uwe bereits wieder an seinem Schreibtisch und hatte den Telefonhörer in der Hand.
Um Viertel nach 6 klingelte ich bei Moni. John, der 14-Jährige, machte auf.
„Ach du. Mama hat schon gesagt, dass du kommst.“
Damit ließ er mich am Eingang stehen. Tommy, der 12-Jährige, rief aus seinem Zimmer: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Onkel Mattes!“ Ich heiße gar nicht Mattes, ich heiße Joachim. Aber den Namen mag ich nicht, und eigentlich nennen mich alle Mattes, schon seit Schulzeiten.
Moni hatte eine Schürze über ihr rotes Lieblingskleid gebunden, ihre blonden Haare zum Pferdeschwanz gebunden und stand am Herd, mit zwei großen Schnitzeln in der Pfanne beschäftigt. Der Salat war schon fertig, und es gab Bratkartoffeln dazu. Es roch gut und ich bekam einen Riesenappetit.
„Tommy, deck doch schon mal den Tisch!“ rief sie in Richtung Kinderzimmer.
„Wieso immer ich?“
„Weil ich sonst dein Schnitzel Onkel Mattes gebe, der guckt schon so gierig.“
Tommy kam aus seinem Zimmer und suchte mürrisch Teller und Besteck zusammen. Inzwischen goss Moni uns zwei Gläser Wein ein.
„Geh doch mal zu John, der hat da ein Problem mit seinem Computer und ich kann ihm nicht helfen.“
„Ja, meinst du, ich kann ihm helfen? Wenn’s nicht am rausgefallenen Stecker liegt, dann weiß ich auch nicht weiter.“
Trotz meiner Proteste schob Moni mich in Richtung Kinderzimmer. Ich weiß nicht, warum sie glaubt, ich könnte auch nur im Entferntesten als Rollenmodell für ihre Jungs herhalten.
„Was ist denn das Problem?“ fragte ich lässig. John ist ungefähr so groß wie ich, allerdings deutlich schlanker. Und natürlich jünger.
„Ich habe eine neue Soundkarte eingebaut, und seitdem funktioniert er nicht mehr.“
„Hast du schon mal runtergefahren und neu gestartet?“
John schickte mir einen mitleidigen Blick zu. Was war jetzt wieder falsch? Das war immer das erste, was die Leute vom Support-Center sagten, wenn ich mal mit einem Problem anrief. Manchmal half es auch tatsächlich.
„Hier, halt mal!“ John hielt mir einen Schraubenzieher hin. Was sollte das jetzt werden? Aber ich nahm ihn doch, weil John anscheinend nur seine Hände frei haben wollte, um etwas aus seinem Computer raus zu ziehen. Prompt fiel mir das Ding aus den Händen.
„Was machst du denn da?“ fragte John, als er mich auf allen vieren unter dem Tisch rumkriechen sah.
„Hier, dir ist eine Schraube runtergefallen, vielleicht brauchst du die?“
„Mensch ja, die hab ich überall gesucht!“ John strahlte glücklich, was mich merkwürdigerweise mit Stolz erfüllte.
Gegen 20 Uhr saßen wir an einem Zweiertisch in Monis Lieblingsitaliener mit Blick auf den Ludwig-Kirchplatz. Wie immer bestellten wir eine gemeinsame Vorspeisenplatte, einen Amarone Corte Brà 2006, als Hauptgang wählte sie Pasta mit Riesengarnelen, und ich nahm Merluzzo Fritto su puré di patate a tartufo piemontese.
Das Gespräch umkreiste noch immer die Essgewohnheiten und Eigenheiten ihrer Söhne, wobei meistens sie redete und ich lediglich von Zeit zu Zeit dazwischen warf: „Ach, ich war auch nicht anders in dem Alter.“ Aber ich merkte schon, dass sie eigentlich von etwas anderem reden wollte. Mehrmals hatte sie bereits einen Satz begonnen und dann wieder abgebrochen. Als sie jetzt zum dritten Mal begann: „Mattes, sag mal“, und dann wieder nur eine Gabel von meinem Kartoffelbrei klaute, hakte ich nach: „Jaaa?“
„Wie geht’s dir eigentlich?“
„Wieso, wie soll’s mir denn gehen? Na gut, wenn ich hier mit dir sitze.“ Ich versuchte, charmant zu grinsen, obwohl ich weiß, dass das nicht der Eindruck war, der rüberkam.
„Also, alles gesund? Keine Sorgen, oder Probleme?“
„Doch, wenn du es wirklich wissen willst!“ Ich senkte die Stimme und warf schnell einen Blick nach links und nach rechts. „Mein Friseur ist im Urlaub und ich traue mich nicht zu seiner Vertretung. Was meinst du, kann ich die Haare drei Wochen lang wachsen lassen, oder sieht das dann lächerlich aus?“
„Mensch, Mattes, kannst du nicht mal ernst sein. Uwe sagt, du hättest so komische Sachen gesagt, als ob du krank seist.“
„Uwe? UWE? Redest du von meinem Steuerberater?“
„Von wem denn sonst? Er hat mich heute angerufen, hast du was dagegen?“
Ich antwortete nicht. Was für Abgründe taten sich denn da auf?
„Also, wenn du es genau wissen willst: Wir beide sind zusammen.“
Donnerschlag! „Uwe Steuerberater und du, ihr seid ZUSAMMEN?“
Die Nachbarn vom Nebentisch guckten neugierig zu uns rüber und Moni rollte die Augen.
„Mann, ich glaub’s einfach nicht! Uwe? Der ist doch total alt. Der ist schon über vierzig!“
„Mattes, ich bin 37! Das Alter spielt doch keine Rolle. Was ist denn nun, freust du dich für mich?“
„Ob ich mich für dich freue? Worüber genau soll ich mich denn freuen?“
Wieder rollte Moni die Augen. „Mein Gott, seit vier Jahren heule ich dir jetzt was vor, wie schwer es ist als alleinerziehende Mutter, wie einsam ich mich fühle, und so weiter und so weiter, und jetzt bin ich wieder glücklich. Merkst du das nicht? Selbst John sagt, ich strahle irgendwie.“
Hatte sie gestrahlt? Jetzt tat sie es jedenfalls nicht.
„Ja, also, wenn du glücklich bist, dann freue ich mich natürlich. Für dich.“ Für Uwe weniger. Warum hatte das Schwein mir vorhin nichts davon erzählt?
Als ob sie meine Gedanken erraten hätte, fuhr Moni fort: „Er hat vorhin angerufen, um mir zu sagen, dass du bei ihm warst, und dass er sich schlecht fühlte, weil er mich nicht erwähnen konnte. Er wollte, dass du es erst von mir erfährst.“
Jetzt strahlte sie doch.
„Hm, ach so. Na ja, jetzt weiß ich es ja.“ Das war wohl doch nicht die richtige Antwort gewesen, Moni sah irgendwie enttäuscht aus. Das tat gut, ich wollte nicht, dass sie so glücklich aussah. Manchmal kann ich auch ein bisschen gemein sein.
„Ich wollte dich was ganz anderes fragen. Wegen Karli.“
Karli war Monis älterer Bruder gewesen, der mit 19 an einer Überdosis gestorben war. Moni und Karli hatten sich nahe gestanden und ich wusste, dass Moni noch immer um ihren Bruder trauerte. Es genügte, den Namen zu erwähnen, und ihr Blick verdüsterte sich.
„Karli? Wie kommst du denn jetzt auf Karli?“
„Ach, ich hab da so was gelesen heute. Weißt du, Männer, also junge Männer, also Männer unter 35, die sterben am häufigsten durch Suizid. Man sagt Suizid, nicht mehr Selbstmord, weißt du das? Da musste ich irgendwie an Karli denken. Meinst du, es war Selbstmord damals? Also, ich meine, meinst du es war Suizid?“
Moni guckte mich an, als hinge mir ein toter Wurm aus der Nase. Aber dann kriegte sie sich wieder ein und sie sagte leise: „Drogen zu nehmen ist doch sowieso Selbstmord auf Raten. Ob er da die letzte Dosis absichtlich oder unabsichtlich eingenommen hat, ist da gar nicht so wichtig. Findest du nicht?“
„Hat er denn einen Abschiedsbrief oder so was in der Art hinterlassen?“
Wieder brauchte Moni eine ganze Weile, ehe sie antwortete. „Nein, nicht wirklich. Aber er hat mich am Tag vorher gefragt, ob es für mich schlimm wäre, wenn er sterben würde. Komisch nicht?“
Ja, das fand ich auch. Das konnte kein Zufall sein!
„Mein Gott, ich war 18“, herrschte Moni mich an, als ob ich ihr einen Vorwurf gemacht hätte. „Ich wusste überhaupt nicht, was ich darauf antworten sollte. Ich hab halt gesagt, Mensch, krieg ich dann deine Stereoanlage? Er hat gegrinst, ich hab gedacht, er meint das witzig.“
Moni wischte sich ein paar Tränen aus den Augen. Ich konnte ihr Problem irgendwie nachvollziehen: Diese Art von Missverständnis passierte mir ganz häufig. Ich machte einen Witz, und die anderen dachten, ich meinte es ernst. Oder die anderen meinten etwas ernst, und ich dachte, es sei ein Witz. Aber bis jetzt war noch nie jemand daran gestorben.
„Was hättest du denn sagen wollen?“
Jetzt weinte Moni erst richtig los. Ich klaute mir noch schnell eine ihrer Riesengarnelen, ehe sie völlig versalzen waren. Moni schüttelte nur den Kopf, auf diese Frage war keine Antwort möglich. Nicht am Fenster ihres Lieblingsitalieners.
Sie tat mir leid, und ich wollte sie ablenken, wenn möglich aufheitern: „Und was wäre, wenn ich morgen sterben würde?“ Es war ein gut gemeinter Witz, aber Moni verstand ihn als sehr, sehr schlechten Witz.
„Du bist wirklich der allerletzte! Melde dich mal im Kindergarten an für einen Grundkurs im menschlichen Miteinander. Und wenn du irgendwann Feingefühl nicht nur buchstabieren kannst, sondern auch weißt, was es bedeutet, dann melde dich wieder. Aber frühestens in fünf Jahren!“
Damit stand Moni auf und ging.
Irgendwie war das bis jetzt kein schöner Geburtstag gewesen. Aber ich hatte noch zwei Stunden Zeit und wollte noch was rausholen. Also ging ich in meine Stammkneipe zu Yunus.
„Das Übliche, aber du darfst mir heute was spendieren, ich habe Geburtstag.“
„Neh, ehrlich Mann?“
„Glaubst du, ich mache Witze? Mein Gott, warum denken immer alle, ich mache Witze, wenn ich ernst bin, und nehmen mich ernst, wenn ich Witze mache. Kannst du mir das mal erklären?“
Yunus hob beschwichtigend beide Hände.
„Du weißt doch, ich nehme dich immer ernst. Happy Birthday!“ Und damit knallte er mir ein Glas auf den Tresen. „Bezahlen musst du aber trotzdem!“
Gerade wollte ich aus Protest wieder aufstehen, da sagte Yunus noch: „Mensch, war ein Witz!“
Ungläubig blieb ich vor meinem Glas sitzen und sah zu, wie Yunus es langsam bis zum Strich füllte. Ich beschloss, mich auf kein weiteres Gespräch einzulassen. Nach dem dritten Whiskey würden sich die Probleme mit der Witzeerkennung ganz von selbst wieder geben.
So war es denn auch. Mir blieben noch zwanzig Minuten, dann wäre mein Geburtstag zu Ende. Etwas fehlte noch.
„Yunus, ein Glas Champagner für alle!“ rief ich laut in Richtung Tresen. Die Gespräche verstummten, dann brach Jubel aus.
Ein fremder Mann setzte sich zu mir an den Tisch und sagte: „Mensch, Typ, was ist der Anlass? Endlich Schluss mit deiner Alten gemacht? Neuer Job? Oder planst du den großen Abgang?“
Das war ja offensichtlich als Witz gemeint. Aber irgendwie ritt mich der Teufel, also warum es nicht ernst nehmen? „Woher weißt du das? So was in der Richtung hab ich vor.“ Ich versuchte, wie Robert Pattinson auszusehen, als er Bella verlässt, um sie nicht weiter durch seine blutgierige Familie zu gefährden.
Der Fremde verstummte und seine vorher ziemlich glasigen Augen bekamen einen gewissen Glanz. Er nickte. „Ja, da war ich auch schon. Mensch, willste reden?“
„Bloß nicht reden! Ne, ich dachte eher so an einen letzten großen Kracher, und dann morgen Schluß. Verstehste?“
Der Fremde nickte wieder. „Wie heißte denn?“
„Joachim!“
Hinter der Theke hörte ich ein Räuspern. Was wusste Yunus schon? „Ja, kein Witz, ich heiße wirklich Joachim!“ brüllte ich in die Richtung des Wirts. „Und wie heißt du?“ fragte ich meinen neuen Freund.
„Theo.“
„Ja, also Theo, auf den großen Kracher!“ Unsere Sektgläser waren gekommen und wir stießen an. Die Anderen im Raum prosteten mir ebenfalls zu, einige kamen und klopften kurz auf meinen Tisch. Ich fühlte mich gut.
„Was meinste’n mit Kracher?“ Theos Augen leuchteten. Ein armer Schlucker, der sich irgendwo reinhängen wollte.
Theo kam etwas näher ran. „Willste was kaufen?“
„Hä?“
„Kleine Tüte, 100 Euro?“
Aus dem Lautsprecher grölte eine männliche Stimme: „I’d catch a grenade for you.Yes, I would die for ya baby, but you won’t do the same.“Ich stierte Theo an. Dann sah ich auf meine Armbanduhr. Mitternacht und damit mein Geburtstag vorbei. Jetzt konnte ich auch nach Hause gehen.
Ich ließ Theo sitzen, zahlte meine Rechnung, und ging.
Es war kurz vor Mittag, als ich am nächsten Morgen aufwachte, und das auch nur, weil die Putzfrau, die jeden Donnerstag um halb 12 kommt, mit ihrem Eimer rumschepperte. Zuerst dachte ich, das komische Kopfgefühl sei ein Kater, aber dann merkte ich, dass es sich doch irgendwie anders anfühlte. Nichts drehte sich, als ich den Kopf hob, denn ich hob den Kopf gar nicht. Das ging gar nicht. Ich konnte auch die Augen nicht aufmachen. Eigentlich konnte ich mich überhaupt nicht bewegen. Mir fiel der Artikel ein, den ich einmal gelesen hatte über Patienten mit Locked-In-Syndrom. Sie können nichts bewegen, nicht mehr kommunizieren, und doch denken sie klar und hören genau, was um sie herum vorgeht. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, was genau der Auslöser für diese Störung war. Das passierte ja wohl nicht so ganz ohne jede Ankündigung – oder doch? Wenn ich für immer in meinem Körper gefangen wäre, dann würde ich lieber gleich …. Jetzt fiel mir die Werbung für The Lost Paradise wieder ein. Und dann fiel mir auch Moni wieder ein, und Uwe. Gestern war echt ein Scheißtag gewesen. Ich sollte ihn streichen, und einfach heute nochmal meinen Geburtstag feiern, mit anderen Leuten.
