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Köln im Jahre 1194. Die Stadt fiebert dem Besuch der englischen Königin Eleonore entgegen, die in Speyer ihren Sohn Richard Löwenherz aus der Gefangenschaft befreien will. Da wird am Rhein ein Toter gefunden. Der Stadtvogt Stephan von Breym muss der Ehefrau, die gerade erst ein Kind zur Welt gebracht hat, die schreckliche Nachricht überbringen. Dann wird auch noch Johannas sechsjähriger Stiefsohn entführt. Was haben diese Vorfälle mit Königin Eleonore zu tun?
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Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Jo Thun
Der Besuch der Königin
Ein historischer Köln-Krimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Geschichtlicher Hintergrund
Coellen, Donnerstag, 6. Januar 1194
Coellen, Freitag, 7. Januar 1194
Coellen, Samstag, 8. Januar 1194.
Coellen, Sonntag, 9. Januar 1194
Coellen, Montag, 10. Januar 1194
Coellen, Donnerstag, 13. Januar
Epilog
Personen
Dank
Impressum neobooks
Wir schreiben das Jahr 1194. Köln, die größte Stadt Deutschlands während des Mittelalters, bereitet sich auf den Besuch der englischen Königin Eleonore vor. Die trotz ihres hohen Alters noch sehr agile und weise Herrscherin ist mit vielen Gefolgsleuten und Truhen voller Gold und Silber unterwegs nach Mainz, wo sie ihren Sohn Richard Löwenherz aus der Gefangenschaft, in die er am Ende des Dritten Kreuzzuges geraten ist, auslösen will. Zudem wird sie von 200 Adligen ihres Reiches, die sich als Geiseln für den deutschen Kaiser zur Verfügung gestellt haben, begleitet.
Eleonore von Aquitanien war eine der einflussreichsten Personen des Mittelalters. In erster Ehe war sie mit dem französischen König Ludwig verheiratet und bereiste an seiner Seite nicht nur ganz Europa, sondern kam als Kreuzfahrerin sogar bis nach Jerusalem. Obwohl sie bei der Heirat mit Ludwig noch keine 15 Jahre alt war, wurde ihren Zeitgenossen sehr schnell klar, dass sie aktiv am politischen Geschehen teilhaben wollte und sich, wenn es ihr Gewissen verlangte, auch gegen den eigenen Gatten stellen würde. Nachdem sie zwei Töchter, aber keinen Sohn geboren hatte, wurde die Ehe annuliert und Eleonore war nun frei, den englischen König Heinrich zu heiraten. Doch auch er konnte sie nicht gefügig machen. Als sie sich auf die Seite der gegen den Vater intrigierenden Söhne schlug, ließ er sie kurzerhand gefangen nehmen – 15 Jahre lang durfte sie sich nicht frei bewegen. Erst als Heinrich 1189 starb und der gemeinsame Sohn Richard, genannt Löwenherz, als König gekrönt wurde, erlangte sie ihre Freiheit zurück. Doch Richard hielt es nicht lange in England, es zog ihn in den Krieg. Leider wurde der dritte Kreuzzug nicht der durchschlagende Erfolg, den sich die Kreuzritter erhofft hatten. Zudem wurde Richard auf der Rückfahrt vom österreichischen Herzog Leopold gefangengenommen und dem deutschen Kaiser Heinrich überstellt. Der wollte ihn nur gegen Zahlung eines horrenden Lösegeldes, für das Eleonore alle Wertgegenstände des Landes pfänden ließ, freilassen.
Eleonores Aufenthalt in Köln dauerte mehrere Tage. In dieser Zeit spielt unsere Erzählung. Die Hauptpersonen des Romans sind frei erfunden, sind allerdings nach authentischen Kölner Bürgern des 12. Jahrhunderts benannt. Neben Königin Eleonore treten noch weitere historisch verbürgte Personen auf, so etwa Kölns Erzbischof Adolf, sowie die Dichter Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide. Letztere waren Ministeriale und gehörten vermutlich beide dem Ritterstand an, verdingten sich aber als Spieler und Sänger an verschiedenen Fürstenhöfen. Von Wolfram von Eschenbach weiß man, dass er ab 1195 im Lande herumreiste, allerdings ist über sein Leben in den Jahren davor kaum etwas bekannt. Dass er sich im Jahre 1194 mit Walther von der Vogelweide in Köln aufhielt, ist nicht gänzlich undenkbar. Unbestritten ist, dass beide Dichter von französischen Troubadouren beeinflusst wurden, und welch bessere Gelegenheit dazu, als Anfang 1194, als Eleonore in Begleitung von Dutzenden von Sängern und Dichtern durch Deutschland reiste.
Auch Ensfrid von St. Andreas ist eine historisch verbürgte Figur aus dem späten 12. Jahrhundert. Die zwei kleinen Anekdoten, die von ihm erzählt werden, wurden von Caesarius von Heisterbach überliefert.
Köln war im Mittelalter ein wichtiges Handelszentrum und die größte Stadt nördlich der Alpen. Gleichzeitig war Köln berühmt für seine vielen Kirchen, sowie seine Heiligen und Einsiedler. Nur wenige der über hundert Kirchen am Ende des 12. Jahrhunderts stehen heute noch: darunter St. Maria, St. Georg, St. Gereon, Groß St. Martin, St. Aposteln, St. Cäcilien, St. Pantaleon, St. Maria Lyskirchen. Der alte Dom, der Kölns berühmteste Reliquien, die Gebeine der Heiligen Drei Könige, beherbergte, wurde in der ersten Hälfte des 13. Jahrhundert abgerissen. 1246 wurde dort mit dem Bau des heutigen Doms begonnen. Sehr viel länger stand der 1164 erbaute, imposante Bischofspalast mit weitläufigem Hof und Garten und Hof, doch im 17. Jahrhundert wurde auch er abgetragen. Heute fahren dort, zwischen Dom und Museum, die Jugendlichen Skateboard und Rollerblades.
Münzen und Währungen gab es damals so viele wie Fürstentümer und Königreiche. Aber nirgends wurden mehr Münzen geprägt als in Köln: bis zu zwei Millionen Pfennige pro Jahr! Die Kölner Silbermark war in ganz Europa angesehen und geschätzt. Kaiser Heinrich hatte das Lösegeld für Richard Löwenherz auf 150,000 Kölner Mark festgesetzt, das war für damalige Verhältnisse eine ungeheure Summe. Für 50 Mark konnte man sich ein Haus bauen. Eine Mark bestand aus 12 Schillingen, und der wiederum aus 12 Pfennigen.
Die ersten Zünfte formierten sich im frühen 12. Jahrhundert, sie hießen allerdings zunächst Ämter oder Brüderschaften, später auch Gaffeln. Der Einfachheit halber verwende ich dennoch meist das Wort Zunft.
„Markus!“
Johanna stöhnte und verlegte ihr Gewicht auf den rechten Ellenbogen. Mit der linken Hand abgestützt, richtete sie sich vorsichtig auf und zählte langsam, dabei tief durchatmend, bis zehn. Endlich ließ der Schmerz nach. Es war bitterkalt im Zimmer und fast völlig dunkel.
„Barbara! Bruno!“
Niemand im Haus rührte sich - dafür drang von draußen um so mehr Lärm herein: Leute liefen durch die Straßen, riefen und lachten, Holzschuhe klapperten, Hunde bellten, Kirchenglocken läuteten und ganz in der Nähe quietschte ein Tor. Johanna schloss die Augen, schob behutsam ihre Beine aus dem Bett und fasste nach dem Bettpfosten. Mit einem kräftigen Ruck zog sie sich empor, atmete noch einmal tief ein und hievte ihren Körper in die Höhe. Vorsichtig tastete sie sich an der Wand entlang zur Tür. Im Haus war alles dunkel und still.
„Vater! Kaspar!“
Aber es war ja sinnlos. Vater hörte nichts und würde noch nicht einmal aufschrecken, wenn die Glocken der nahen St. Columbakirche in seiner Kammer zu läuten begönnen. Und Kaspar war bestimmt heute Morgen der erste gewesen, der aus dem Haus gerannt war, um sich vor dem Palast des Bischofs einen guten Platz zu sichern. Ganz Coellen war heute unterwegs - und das nicht nur, weil heute Epiphanias, der Tag der Heiligen Drei Könige war. Nein, die Königin von England war in der Stadt! Eleonore von Aquitanien, vor langer Zeit Frau des französischen Königs Ludwig, später Frau des englischen Königs Heinrich, und nun Mutter des selbst in Deutschland berühmten und beliebten Königs Richard, genannt Löwenherz! Sie war mit einem riesigen Gefolge unterwegs, um ihren Sohn aus deutscher Gefangenschaft auszulösen.
Alle Gasthäuser und jedes Kloster innerhalb und außerhalb der neuen, noch im Bau befindlichen Stadtmauer waren bis zur letzten Schlafstelle belegt. Die Ställe standen voller prächtiger, feurig schnaufender Pferde und strammer Esel, der Heumarkt war zu einem Zeltlager geworden, und aus jedem Haus flatterten Wimpel und bunte Tücher. Würdenträger und Edelleute aus dem ganzen Reich hatten sich versammelt, um Königin Eleonore einen würdigen Empfang zu bereiten und an der Messe, die heute Morgen zelebriert werden sollte, teilzunehmen.
Johanna machte drei große Schritte zum Bett zurück und ließ sich stöhnend auf die Matratze fallen. Schon setzte die nächste Wehe ein und Johanna schrie ihren Schmerz ins Kissen, bis – endlich – der Krampf nachließ. Doch die Erleichterung währte nicht lange, denn schon kam der nächste Schreck: Ein Schwall warmer Flüssigkeit lief an ihren Schenkeln herunter. Beschämt wischte sie einen Tropfen der Flüssigkeit mit dem Finger ab. Blut war es nicht. Hatte sie etwa die Kontrolle über ihre Blase verloren? Johanna wünschte, sie hätte in den letzten Jahren Gelegenheit gehabt, bei einer Geburt dabei zu sein. Jetzt, ganz alleine, kam sie sich völlig hilflos und unwissend vor. Wenn nur jemand im Haus wäre! Panik überkam sie, während das nasse Laken unter ihr langsam eiskalt wurde. Sie brauchte Hilfe, das war ganz klar. Mühsam richtete sie sich auf, schleppte sich ans Fenster und stieß die Fensterläden auf. Die Brückenstraße lag in der ehemaligen Römerstadt, die nicht ganz so belebt und laut war wie das nahe Viertel um den Alten Markt herum. Aber die Fußgänger hatten es heute besonders eilig und niemand schaute zu ihr herauf.
„Seid gegrüßt, Frau Meisterin. Was ist Euch? Juhu, Frau Johanna, hier bin ich.“
Die alte Witwe Brahmer lehnte - wie jeden Morgen - aus dem gegenüberliegenden Fenster, um sich am pulsierenden Leben der großen Stadt zu ergötzen. Zum ersten Mal war Johanna froh über die unerschütterliche Neugierde der Alten.
Sie hob eine Hand zum Gruß. „Frau Nachbarin, wie gut, dass ich Euch sehe. Ich bitte Euch, seid so gut und schickt Euren Karl nach einer Hebamme für mich.“
Die Witwe Braher, die leider von Tag zu Tag schlechter hörte, legte ihre Hand hinters Ohr: „Was sagt Ihr? Ihr braucht einen Hammer?“
„Nein, nein!“ Johanna schüttelte verzweifelt den Kopf. „Eine Hebamme! Das Kind kommt und ich bin ganz alleine!“ schrie Johanna.
„Was, der Wind kommt? Ja, ja, wenn nur der Winter endlich enden wollte! Aber wir wollen uns nicht beschweren. So kalt wird es ja Gott sei gelobt nicht mehr, fünf Jahre schon, ohne dass der Rhein einmal zugefroren ist! Aber ich sag’s dem Karl nachher, dass er Euren Fensterladen richten soll. Wo ist denn der Meister Markus?“
Johanna schüttelte nur den Kopf. „Ich weiß nicht“, antwortete sie und zischte der vermaledeiten Alten leise eine Verwünschung über die Straße.
„Ihr braucht Hilfe?“ erklang plötzlich eine Stimme dicht unter Johannas Fenster. Eine fremde Frau hatte das misslungene Gespräch mit angehört. Sie hatte ein kleines Bündel um den Rücken geschlungen und die löcherigen, aus Schweinsleder gefertigten Schuhe mit Lappen ausgestopft. Mit beiden Händen hielt sie ihren alten Fellmantel zusammen. Während Johanna noch überlegte, was die fremde Frau für sie tun könnte, öffnete diese erneut ihren Mund. Johanna sah, dass einer ihrer oberen Schneidezähne halb abgeschlagen war.
„Ich hörte Euer Rufen.“ Dem Tonfall nach war die Fremde nicht von hier, wahrscheinlich eine Bäuerin vom Lande. Im Moment aber war sie die einzige mögliche Hilfe, die weit und breit zu sehen war.
„Gute Frau, ich bekomme ein Kind und niemand ist im Hause. Kennt Ihr die Hebamme, die im grünen Haus im Steinweg wohnt?“
Die Fremde schüttelte den Kopf. „Nein, aber wenn Ihr eine Hebamme sucht, bin ich Eure Frau. Zwei Dutzend Kinder habe ich in meinem Dorf in die Welt gezogen. Wenn Ihr mich wollt, stehe ich Euch bei.“
„Ja, ja! So hat Euch der liebe Gott geschickt. Kommt schnell, dort durch das Tor. Kommt nur, kommt!“ Welch wunderbare Fügung, und gerade zur rechten Zeit, denn die nächste Wehe setzte gerade ein.
Fünf Stunden später legte Mathilde, so hieß die fremde Frau, Johanna ein Baby in den Arm.
„Ein Mädchen“, lächelte sie.
„Oje, da wird Meister Markus aber enttäuscht sein,“ stöhnte die Magd Barbara, die inzwischen wieder nach Hause gekehrt war. Sie hatte äußerst misstrauisch auf die fremde Mathilde reagiert und war noch immer beleidigt darüber, dass Johanna ihr verboten hatte, eine der stadtbekannten Hebammen zu holen.
„Er hat doch so auf einen Sohn gehofft. Wo er doch nur den einen hat, na ja, und drei Töchter. Ja, wenn nur damals der Siegurt nicht gestorben wäre, das war ein Kerl, bei meiner Treu. Der wäre ja heute schon ein Mann, und die gnädige Frau, Gott hab‘ sie selig, hat so um ihn geweint. Und der Herr........“
„Barbara“, unterbrach Mathilde, „seid so gut und bringt Eurer Herrin etwas Wein. Sie braucht Flüssigkeit und Stärkung.“ Barbara hielt gekränkt inne, konnte sich aber der Bitte nicht verschließen und machte sich mürrisch auf den Weg.
„Und bringt mir auch einen Becher, bitte!“ rief Mathilde ihr noch hinterher. „Und etwas Brot!“
Johanna war dankbar, dass Barbara fort war. Da lag nun dieses Wesen, das sie so lange in ihrem Bauch getragen hatte und wimmerte leise. „Ob sie wohl Hunger hat?“ fragte Johanna und legte das Kind unbeholfen an ihre Brust. Die Kleine öffnete den Mund, fand, was sie suchte und sog einige Male, doch die Anstrengung war umsonst: Es kam nichts und das Kind begann empört zu schreien.
Johanna erschrak. Barbara hatte doch recht - es musste eine Amme her!
Aber da beugte sich Mathilde über das Kind und bot ihm ihren kleinen Finger an. Sobald die Kleine zu saugen begann, schob Mathilde die Lippen auseinander, so dass der Mund des Säuglings einen schönen, runden Kreis bildete. Und schwups stupste sie den winzigen Kopf über Johannas Brust. Die Kleine schloss die Lippen und begann zu trinken. Das erste Mahl ihres Lebens! Die Fäustchen geballt schien das Kind mit den Augen das Gesicht der Mutter zu suchen.
Johanna atmete auf, einen Moment lang hatte sie befürchtet, keine Milch zu haben. Aber solange Mathilde dabei war, würde alles gut werden. Die fremde Frau war so ruhig und sicher! Johanna hatte während der Geburt das Gefühl gehabt, ihr vollkommen vertrauen und getrost die Verantwortung für ihr Schicksal übergeben zu können.
„Wie soll sie denn heißen?“ fragte Mathilde.
Johanna zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht. Markus hat doch einen Sohn erwartet. Er wollte ihn Christoph nennen.“
„So, Ihr überlasst die Namenswahl Eurem Mann!“
Johanna sah erstaunt auf. War das ein Vorwurf oder gar Spott in Mathildes Stimme? In einem Moment war ihr Wohlgefühl von vorhin verschwunden und Johanna fühlte sich verlassen und unsicher. Mathilde allerdings schien nichts von Johannas Zweifeln bemerkt zu haben. Sie war schon wieder aufgestanden und beschäftigt, die blutigen Tücher vom Boden aufzusammeln und die Nachgeburt sorgfältig einzuwickeln.
War es denn nicht Sache des Mannes, die Namen der Kinder auszuwählen? Johanna war sich nicht sicher, sie war mit 19 Jahren zwar schon eine reife Frau, aber erst seit 10 Monaten verheiratet. Zu Hause hatte der Vater, bis zum Tage des Schiffsunglückes, das ihm das Gehör genommen hatte, alle Entscheidungen getroffen. Auch hatte er, zum Missfallen der Verwandten und Freunde, keine neue Frau genommen, als Johannas Mutter zwei Tage nach einer Totgeburt selbst gestorben war. Damals war Johanna neun Jahre alt gewesen.
Kurze Zeit später kam Barbara mit den Erfrischungen zurück. Sie setzte das Tablett auf der großen Truhe ab und trat an Johannas Bett. Doch was sie sah, bestürzte sie: „Nein, das Kind ist ja noch ganz nackt! Es muss sofort stramm gewickelt werden! Bitte, gebt mir das Kind, das mache ich jetzt.“
Beschwichtigend legte Mathilde ihre Hand auf Barbaras Arm. „Barbara, lasst die Kleine doch erst trinken. Aber Ihr habt ganz recht, es ist zu kalt für sie. Hier nehmt diese Decke, und ich bringe in der Zwischenzeit die schmutzigen Tücher nach unten.“
Barbara rührte sich nicht. Erst jetzt sah Johanna, dass sie etwas in ihrer rechten Hand umklammert hielt. Und ehe Mathilde fragen konnte, was Barbara vorhatte, drückte diese auch schon dem Kind eine große, glänzende Münze auf die Stirn.
“Jawohl, jetzt wird alles gut! Die Kleine wird reich werden und niemals die Not kennen lernen!” rief Barbara stolz über das Gebrüll der Kleinen hinweg.
Mathilde war mit den Tüchern in der Hand stehen geblieben und hatte Barbara genau beobachtet. Jetzt lächelte sie und drehte sich zur Tür. Johanna konnte aus ihrer Miene nicht lesen, was sie von dem Spektakel hielt.
Johanna rief ihr hinterher: „Ich werde sie Eleonore nennen.“
Da blieb Mathilde doch noch einmal stehen und drehte sich ins Zimmer zurück: „Was für eine gute Idee! Möge sie so alt, weise und gesegnet werden wie die englische Königin!“
Im Palast von Erzbischof Adolf von Altena herrschte reges Treiben. Seitdem Rainald von Dassel 1164 die Gebeine der Heiligen Drei Magier und Könige nach Coellen gebracht hatte, war der 6. Januar ein besonderer Festtag, der jedes Jahr mit einer großen Prozession und Messe begangen wurde. Aber heute gab es noch einen weiteren Grund zur Feier. Königin Eleonore von Aquitanien hatte auf der Durchreise nach Speyer, wo ihr Sohn Richard Löwenherz vom Deutschen Kaiser Heinrich gefangen gehalten wurde, in Coellen halt gemacht und war zu Gast bei Erzbischof Adolf.
Der Erzbischof hatte keine Mühen gescheut, seiner Besucherin und ihrer Reisegesellschaft, die mehrere Hundert Vertreter des Hochadels, dazu Pagen, Diener, Zofen, Geistliche, aber auch Sänger und Troubadoure umfasste, einen königlichen Empfang zu bereiten. Erster Programmpunkt war natürlich die Messe und Prozession gewesen. Dann folgte ein Festmahl, das der Königin würdig war.
Im Moment hatte sich der Coellner Erzbischof allerdings zurückgezogen, um ein Gespräch mit Erzbischof Walter von Rouen, der Eleonore begleitete, zu führen. Eleonore war jedoch keineswegs alleine zurück geblieben. An ihrem Tisch saßen ihre engsten Vertrauten, sowie deutsche Fürsten, Würdenträger und andere Vertreter aus Coellen und den umliegenden Gebieten. Diese Deutschen sprachen Französisch mit einem ähnlich schwerfälligen Akzent, wie es die sächsischen Einwohner ihrer englischen Heimat taten.
Die Festtafel im großen Saal des Palastes glich einem Trümmerfeld. Auf dem Boden lagen abgenagte Knochen umher, die Tischtücher waren über und über mit Soße, Fett und Essensresten beschmiert, und die Brote, von denen die Gäste ihr Fleisch gegessen hatten, waren von Saft so vollgesogen, dass sie sich langsam auflösten. Glücklicherweise wusste man auch hier in Coellen, dass Eleonore, gebürtige Aquitanierin aus dem sonnigen Süden, Bier nicht leiden konnte und anständigen Wein vorzog. Auf den Tischen selbst türmten sich die Überreste der zahlreichen Gänge: Wildschwein in Pfeffersoße, Schwan mit Minze, ein mit seinen eigenen Radfedern geschmückter Pfau, Fleischpasteten, Krebse, Karpfen in Speck gesotten, weißes Brot, Trüffel, süße Mandeln, ein großer Kuchen, aus dem beim Anschneiden ein Schwarm kleiner Finken herausgeflogen war, getrocknete Datteln und noch vieles mehr. Bedienstete gingen mit großen Körben umher und sammelten das restliche Essen ein, auf das eine hungrige Menschenmenge draußen im Palasthof schon seit Stunden wartete. Die Armen Coellens würden sich wie quietschende Schweine über die ausgeschütteten Leckerbissen werfen.
Die Gäste an den anderen Tischen waren schon vor längerer Zeit aufgestanden und hatten, mit dem Becher in der Hand, einen großen Kreis um die Spielleute gebildet, die ihr Publikum mit allerlei Kunststücken und Scherzen unterhielten. Ein junger Akrobat lief auf den Händen, ein anderer schob ein langes Messer tief in den Rachen hinein, und der dritte jonglierte mit fünf kleinen Lederbällen. Dazu spielten die Musikanten auf Laute und Flöte fröhliche Lieder.
Eleonore wusste, dass ihre Gefolgsleute nur aus Höflichkeit zuhörten. In ihrem Zug reisten einige der begnadetsten Sänger und Musikanten des christlichen Abendlandes. Gegen ihre hohe Kunst nahmen sich die Jongleure und Akrobaten hier im Saal eher wie Spielleute auf einem Dorffest aus. Die Unterhaltung an ihrem Tisch war auch nicht viel spannender. Nachdem die politische Lage und Richards Gefangenschaft von allen Seiten beleuchtet worden war, waren jetzt die Kreuzritter an der Reihe mit ihren Erzählungen von Kämpfen, Heldentaten und Siegen - alles schon zu oft gehört! Leise schob Eleonore ihren Stuhl zurück, doch ehe sie ihr Gesäß vom Sitz heben konnte, verstummte die Unterhaltung mit einem Schlag. Alle sprangen auf und stießen sich gegenseitig zur Seite, um selbst die Gunst zu erlangen, ihr die Hand reichen zu dürfen.
Unwillig wies sie alle Hilfe von sich und winkte stattdessen zwei ihrer Zofen herbei. Die waren sofort zur Stelle und reichten ihrer Herrin den Arm.
„Danke. Begleitet mich zum Fenster und sorgt dafür, dass mich niemand anspricht.“
Die Zofen warfen sich einen schnellen Blick zu. Offensichtlich hatten sie gehofft, dass die Königin sich müde von der Reise in ihr Schlafgemach zurückziehen wollte. Ja, die Reise über den Kanal war beschwerlich gewesen, Eleonore hatte wenig geschlafen in den letzten Nächten. Aber hatte sie in ihrem Leben nicht schon ganz andere Strapazen hinter sich gebracht?
Wenn sie an den großen Kreuzzug dachte, auf den sie ihren ersten Ehemann, König Ludwig von Frankreich, begleitet hatte! Später, nach ihrer Ehe mit Ludwig, hatten die Reisen an Häufigkeit noch zugenommen. Als Frau des englischen Herrschers Heinrich, dessen Reich ungleich größer war als das des französischen Königs - es umfasste nicht nur England, sondern auch die ganze Atlantikküste von der Normandie bis hin zu den Pyrenäen - hatte Eleonore einen großen Teil der Verwaltungsaufgaben übernommen und war teils mit ihrem Gatten, teils alleine ständig unterwegs gewesen, um von einem Ende des Herrschaftsgebietes zum anderen zu reisen. Wie oft sie den Kanal überquert haben mochte, konnte sie gar nicht mehr zählen. Auch die vielen Jahre in Gefangenschaft, zu der sie Heinrich verurteilt hatte, als er ihrer schließlich überdrüssig geworden war - sie hatte ihm inzwischen acht Kinder geboren - hatten ihr manches abverlangt. Diese schlimmste Zeit ihres Lebens endete erst, als Heinrich am 6. Juli 1189 starb. Eleonores erste Tat nach ihrer wiedergewonnenen Freiheit war gewesen, durch England zu reisen, von Ort zu Ort und von Stadt zu Stadt, um Recht zu sprechen, Gefangene zu befreien, und die Ordnung im Reich wieder herzustellen. Dann endlich wurde ihr größter Wunsch wahr und Richard, ihr drittältester Sohn (William war nie übers Kindesalter hinausgekommen und Heinrich erst vor wenigen Jahren gestorben) wurde zum König gekrönt. Doch schon wenige Wochen später war Richard zu einem Kreuzzug aufgebrochen und wieder musste Eleonore reisen. Denn Richard hatte auf dem Weg nach Palästina in Sizilien haltgemacht, um sich und seine Truppen für den Ansturm auf Jerusalem zu sammeln. Eleonore nutzte die Gelegenheit, ihrem Sohn in Navarra eine Braut zu suchen und sie ihm nach Sizilien zu bringen. Diese letzte große Reise, die sie in die Pyrenäen und über die Alpen geführt hatte, war noch keine drei Jahre her.
Nachdenklich trat Eleonore ans Fenster. Der Festsaal des Bischofspalastes nahm fast den gesamten zweiten Stock ein und bot durch die hohen Bögen der Säulenfenster einen Blick über den zwischen Palast und Dom gelegenen Hof. Draußen harrten Hunderte, zufrieden damit, vom Glanz und Luxus im Palast ausgeschlossen zu sein, wenn sie sich nur in der Nähe wussten, vielleicht sogar einen Blick von den Festlichkeiten oder gar von der Königin selbst erheischen, und am Ende womöglich einen Bissen des Festessens in die Finger bekommen könnten.
Was für ein falsches Bild sich diese Menschen von dem Leben der Herrschenden machten! Für die Armen dort draußen mochte ein beleuchteter Palast, aus dem Musik und Lachen drang, wie ein Ort der Verheißung erscheinen. Doch diese Art von Festlichkeiten waren für Eleonore kein Vergnügen mehr. Sie stand am Anfang des achten Jahrzehnts und beschäftigte sich immer öfter in Gedanken mit ihrem Seelenheil. Wenn nur erst endlich Richard wieder auf dem englischen Thron säße, dann würde sie sogleich in ihre geliebte Heimat zurückkehren - im Kloster von Fontevrault wartete auch schon ein Platz auf sie. Aber dafür musste Richard erst einmal befreit werden. Sein Kreuzzug war nicht glücklich verlaufen und auf dem Heimweg hatte ihn der deutsche Kaiser in Gefangenschaft genommen. Der Deutsche hatte die unglaubliche Summe von 150,000 Silbermark Lösegeld verlangt, wobei 100,000 als erste Anzahlung sofort zu zahlen waren. 200 Geiseln mussten dafür bürgen, dass auch die zweite Rate folgen würde. Es war nicht leicht gewesen, so viel Geld in so kurzer Zeit zusammenzutragen. Eleonore, die während Richards Abwesenheit wieder die Regierungsgeschäfte übernommen hatte, verlangte von Englands Adel, von Kirchen, Klöstern und Gemeinden bis zu einem Drittel ihres Jahreseinkommens. Die meisten hatten willig gezahlt aus Achtung und Liebe zu ihrem König. Auch hatten sich 200 Ritter gefunden, die bereit waren, sich statt ihres Königs bis zur Zahlung des restlichen Lösegeldes in Gefangenschaft zu begeben.
„Seht nur, My Lady, dort schwenkt das Volk das Wappen Eures Sohnes!“
Die Zofe hatte recht, jemand hielt ein rotes Tuch, auf dem drei gelbe Löwen ihre Tatzen hoben, hoch in die Luft.
Die Königin musste lächeln. Richard, der immer ihr Lieblingssohn gewesen war, hatte die wundervolle Gabe, Herzen zu begeistern, und das nicht nur bei seinem eigenen Volk. Auch hier in Deutschland waren viele Angehörige des Adels auf seiner Seite. Am Ende könnte diese unsägliche Gefangenschaft sogar von Nutzen für England sein. Wenn Richard nur endlich wieder frei wäre! Kaiser Heinrich hatte vom 17. Januar gesprochen. Was würde Richard als König nicht alles erreichen können! Bisher kannte er sein Königreich ja noch kaum, da er die meiste Zeit seines Lebens in Frankreich gelebt hatte. Auch nach der Krönung hatte er sich nur ganz kurz in England aufgehalten. Er war gleich wieder zu eben dem missglückten Kreuzzug aufgebrochen, der in seiner schmählichen Gefangennahme geendet hatte. Würde Eleonores Traum jemals Wirklichkeit werden und England und Frankreich unter einem der ihren vereint sein?
„Ähem“, ließ sich eine männliche Stimme hinter Eleonore vernehmen. Eleonore drehte sich um und bedeutete ihren Zofen, dass Baudouin de Béthune, ihr Vertrauter und Richards ganz persönlicher Freund, das Sonderrecht hatte, sie jederzeit zu stören. Schließlich war er es gewesen, den Richard gesandt hatte, um sie von seiner Gefangenschaft in Kenntnis zu setzen. Er hatte als Richards treuester Verbündeter an seiner Seite im Kreuzzug gekämpft, aber am Ende nicht verhindern können, dass Herzog Leopold von Österreich Richard bei seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land gefangen genommen hatte - eine unerhörte Anmaßung! Kreuzfahrer standen unter dem Gottesfrieden und waren bei päpstlicher Strafe unantastbar, kein Christ durfte einem Ritter, der für die heilige Sache kämpfte, Schaden antun. Und Richard war noch dazu der König von England! Doch aus kleinlicher Rachsucht hatte dieser österreichische Herzog sich unterstanden, Eleonores schutzlosen Sohn gefangen zu nehmen und ihn an den deutschen Kaiser auszuliefern – an den Verbündeten von Richards Erzfeind, König Philipp August von Frankreich. Baudouin hatte die schreckliche Nachricht überbracht und war zudem einer der ersten, der all seinen Besitz zur Verfügung gestellt hatte, um das Lösegeld für Richard aufzubringen.
„Ma Reine“, Baudouin verneigte sich tief.
Eleonore winkte ihren Zofen, sich zu entfernen. „Lasst uns allein. Baudouin, was habt Ihr zu berichten?“
Baudouin richtete sich wieder auf und blickte sie mit seinen hellen Augen an, die in seinem trotz des langen Winters noch immer gebräunten Gesicht besonders gut zur Geltung kamen. „Ich habe zwei Stunden vergeblich gewartet, doch unser Agent ist nicht erschienen.“
Eleonores Augenbrauen zogen sich missmutig zusammen. Also keine Nachricht von Richard! Keine Gewissheit, ob er noch immer in Speyer gefangen gehalten wurde, oder ob ihm nicht doch noch, in letzter Stunde sozusagen, die Flucht gelungen sei. Genügend Gerüchte gab es ja, dass einige der deutschen Fürsten ihm dabei helfen wollten.
Baudouin senkte die Augen und fuhr, noch etwas leiser, fort: „Dafür ist ein Gesandter von Kaiser Heinrich eingetroffen. Es scheint, dass die Freilassung unseres geliebten Königs verschoben werden soll.“
Wenn die Königin nur endlich wieder abreisen wollte! Stephan vom Breymt, Stadtvogt von Coellen, war seiner Arbeit bereits überdrüssig und es blieben sicher noch mehr als zwei Stunden bis zur Dämmerung. Ganz umsonst hatte er heute früh die feinsten Kleider angelegt – das Festessen beim Bischof musste ohne ihn stattfinden. Es hatte bereits 34 Vorfälle gegeben, um die er sich kümmern musste: 25 Diebstähle, vier Raufereien, drei Fälle von Zechprellerei, ein Einbruch und eine Vergewaltigung. Dagegen war nur ein Erfolg zu verbuchen: Friedhelm, Stephans fähigster Gehilfe, hatte einen Taschendieb auf frischer Tat ertappt, als der auf dem Platz vor der bischöflichen Residenz einem der Wartenden den Geldsack schon halb vom Gürtel geschnitten hatte. Allerdringlichste Aufmerksamkeit galt jedoch zunächst einmal einer der Raufereien, da dabei ein Mitglied der königlichen Ritterschar beteiligt war. Der normannische Ritter hatte ein paar lederne Handschuhe mit einer Silbermünze bezahlt, die derart abgefeilt war, dass sie kaum mehr als die Hälfte ihres Wertes auf die Waage brachte. Der Händler hatte um Ausgleich gebeten, aber der fremde Ritter, des Deutschen nicht geläufig, hatte den immer zudringlicher werdenden Kaufmann einfach zur Seite geschoben. Daraufhin war der Sohn des Handschuhmachers hinzu gesprungen, Beschimpfungen in deutscher, französischer und sogar englischer Sprache waren durch die Luft geflogen, schließlich auch Fäuste, und am Ende hatte der Sohn mit gebrochenem Kiefer auf dem Boden gelegen. Das wäre ja alles nicht der Rede wert gewesen, aber der fremde Ritter hatte sich bei Stephan beschwert und auf Entschädigung gedrungen für seinen zerrissenen Wams. Und da es, auf Anordnung vom Bischof selbst, während des Aufenthaltes der Königin auf keinen Fall zu Zwischenfällen kommen durfte, musste Stephan nun dafür sorgen, dass der fremde Ritter, der dazu auch noch das rote Kreuz der Kreuzfahrer trug, seinen Groll schnell wieder vergessen würde.
In diesem Moment trat Friedhelm, der glückliche Gehilfe, dem der bisher einzige Erfolg des Tages zu verdanken war, in Stephans im Erdgeschoß der Vogtei liegenden Dienststube ein. Ihm folgte ein ärmlich gekleideter Mann, der Stephan bekannt vorkam.
„Nun, Friedhelm, wen bringst du da?“
Friedhelm schob den Mann vor Stephans Tisch und sagte: „Ihr kennt Lukas?” Richtig, Lukas war einer der Fährmänner, die unten am Rheinhafen ihre kleinen Ruderbote betrieben, wenn Wetter und Strömung dies erlaubten. Er mochte noch keine 30 Jahre alt sein, sah jedoch bedeutend älter aus. Ihm fehlten die zwei vorderen Schneidezähne und eine große Narbe lief über seine linke Backe, über das Auge hinweg, in die Stirn. Das Auge selbst war kaum zu sehen, vielleicht war es auch gar nicht mehr da.
„Herr, Gott sei mir gnädig, ich habe nichts Böses getan. Ich wollte heute Morgen nach meinem Boot sehen, der Fluss ist schon wieder etwas gestiegen, da wollte ich es höher ans Ufer ziehen, aber das Seil ließ sich erst nicht bewegen, es hing so tief im Wasser, und als ich es endlich etwas anziehen konnte, Herr erbarme dich meiner, da hing da ein Arm im Seil, und als ich noch weiter zog, kam ein Schopf aus dem Wasser. Und da rief ich Odo und Helger, und wir zogen zusammen, ja, und da hing der Markus Uthe in dem Seil, tot wie eine ersoffene Katze.“
Bei den letzten Worten war Stephan aufgesprungen. „Was sagst du da, Lukas? Meister Markus, der Kaufmann aus der Brückenstraße, im Rhein ertrunken?“
Lukas nickte nur und schaute Stephan ängstlich an.
Stephan drehte sich fragend zu Friedhelm, aber der wusste auch nichts hinzuzusetzen.
Mit einem Griff riss Stephan seinen Pelz vom Haken und lief zur Tür hinaus, den beiden zurufend, ihm zu folgen. Wegen der ungewöhnlich vielen Menschen, die noch immer auf den Straßen unterwegs waren, war es ein schweres Durchkommen, aber Stephan, der breite und kräftige Schultern hatte und um fast eine halbe Kopfhöhe die Menge überragte, bahnte sich zielstrebig einen Weg. Er lief in Richtung Marspforte und von dort am Alten Markt vorbei durch die Salzgasse zum Rhein.
„Platz da!“ rief Stephan und zog, um sich Achtung und Raum zu schaffen, sein Schwert aus der Scheide. Die Leute, die sich vor dem Stadttor drängelten, machten Stephan erschrocken Platz. Mit einem Sprung setzte Stephan über einen einachsigen Karren, der von einem Ochsen gezogen wurde, und gelangte schließlich an den Rheinhafen. Vor seinen Augen erstreckte sich die lange Reihe von Schiffen und Kähnen, die dort angelegt hatten. Normalerweise lagen hier hauptsächlich Handelsschiffe, um zu löschen, aufzuladen, oder auch nur für die unterschiedlichen Wassertiefen flussaufwärts und flussabwärts umzupacken, doch heute sah man vor allem Schiffe, die die Farben des englischen Königshauses gehisst hatten. Stephan hatte jedoch keinen Blick für die imposante Flotte, sondern eilte zielstrebig zu der Stelle, wo Lukas und die anderen Fährmänner ihre Boote angeseilt hatten.
Schon von weitem bemerkte Stephan die Traube Schaulustiger, die sich dort versammelt hatten und er fiel in einen langsameren, gemesseneren Gang. Bei seiner Ankunft öffnete sich der Kreis der Umstehenden sofort und der Blick wurde frei auf Markus’ Leiche. Das Wasser hatte seine Kopfbedeckung weggespült, doch ansonsten war Markus völlig bekleidet, sogar Handschuhe trug er noch. Erst als Stephan auf die andere Seite des Leichnams trat, sah er Markus’ Gesicht. Einen kurzen Moment lang dachte er, er müsse sich übergeben. Markus’ Gesicht war aufgequollen und völlig unkenntlich. Das eine Auge war ganz ausgefressen, wahrscheinlich von einem Aal, und das andere Auge sah noch schrecklicher aus, da die Hälfte des Auges noch da war.
„Herr Stadtvogt,“ hörte Stephan eine weibliche Stimme neben sich. In diesem Moment holten ihn auch endlich Friedhelm und Lukas ein. Die Frau hielt Stephan einen Gürtel entgegen, an dem mehrere kleine Beutel hingen.
„Ihr seid Lukas’ Frau?“ fragte Stephan, der sich wohl an das Gesicht, nicht aber an den Namen der unauffälligen, stillen Frau erinnern konnte.
Die Frau nickte und Lukas trat schnell dazu: „Herr, dies ist Gertrud, meine Frau. Ich bat sie, Markus’ Habseligkeiten für Euch aufzubewahren und die Leiche zu bewachen, ehe sich fremdes Gesindel“ - dabei schoss Lukas einen verächtlichen Blick auf die Umstehenden - „über ihn hermacht.“
Stephan nahm den Gürtel entgegen. Es war ein guter, feingearbeiteter Gürtel mit silberner Schnalle, wie sie nur ein reicher Bürger oder sogar Edelmann tragen würde. Auch die am Gürtel befestigten Beutel schienen die typischen Habseligkeiten eines reichen Mannes zu sein: ein lederner, mit Perlen besetzter Geldbeutel, ein Etui für Löffel und Messer, ein größerer Beutel für Wertsachen, ein kleiner Reliquienbeutel.
„Es fehlt auch nichts, Herr, Gertrud hat nichts angerührt!“ versicherte Lukas. Stephan hatte da seine Zweifel, doch im Moment gab es Wichtigeres. Er hängte sich fürs erste den Gürtel über die Schulter und beugte sich wieder über den Leichnam.
„Lukas, dieser Mann ist dermaßen entstellt, wie konntest Du wissen, dass es Markus Uthe ist?“
„Herr, ich habe ihn an seinem Mantel erkannt.“
Stephan nickte. Der schöne, wollene Mantel mit blauen Stickereien und Biberpelzkragen war auch ihm gut bekannt. Pelze und Felle zu tragen war nicht mehr das alleinige Privileg der Adligen. Immer mehr reiche Bürger und Patrizier nahmen für sich das gleiche Recht in Anspruch, und das, obwohl der Bischof regelmäßig gegen diesen Verfall der Sitten schimpfte.
Doch Bürger und Bischof waren ja ohnehin oft entgegen gesetzter Meinung, bestes Beispiel dafür war sicherlich die Stadtmauer, die im Jahre 1180 gegen den Willen des Bischofs begonnen worden war, und die erst nach einer Entscheidung des letzten Kaisers zu Ende gebaut werden durfte. Die Kleiderordnung wäre neben solchen umwälzenden Ereignissen fast eine Nebensächlichkeit gewesen, wenn sie nicht eben Ausdruck und Symbol für die soziale Ordnung wäre. Stephan jedoch musste mit beiden Seiten auskommen, und das war nicht immer leicht.
Im Moment war seine Arbeit überhaupt zu schwierig. Der Stadtvogt zwang sich, dem Toten noch einmal ins Gesicht zu sehen. Ja, es konnte keinen Zweifel über die Identität der Leiche geben. Markus Uthe war tot.
„Ertrunken?“ fragte Friedhelm.
„Hm. Ich bin nicht sicher.“ Stephan setzte seine Untersuchung fort. Markus’ leblose Arme waren starr und ließen sich nicht anheben. Mit seinen Fingern tastete Stephan den Kopf ab und stutzte, als er am Hinterkopf plötzlich in eine offene Wunde fasste. Stephan drehte den Kopf, so gut es ging, zur Seite. In der Tat, dort klaffte ein Loch und gab den Blick frei auf weiche Masse und auf kleine Knochenteilchen, die von der zertrümmerten Schädeldecke herrührten.
Stephan sah auf und schaute sich im Kreis der Herumstehenden um. „Hat schon jemand der Familie Nachricht gebracht?“ Einige schüttelten die Köpfe.
Stephan seufzte. Er sah sich nach Friedhelm um, aber der hatte gerade den Kopf weggedreht und studierte aufmerksam die Stelle, wo die hintere Hälfte von Lukas’ Boot im Wasser tanzte.
Es war nicht zu ändern, Stephan würde sich erst einmal um diesen neuen Fall kümmern müssen. Er gab einigen der Männer Anweisung, die Leiche nach Hause zu schaffen. Dann bat er Friedhelm, den normannischen Ritter, dessen Wams beschädigt worden war, aufzusuchen. Mit einem guten Krug Wein würde er sicher zu beschwichtigen sein. Schließlich begab er sich selbst auf den Weg, um Markus’ Familie auf dessen unerwartete Ankunft vorzubereiten.
„Hier kannst du schlafen.“ Barbara schob das Körbchen für die Katze mit dem Fuß zur Seite und drückte Mathilde einen Sack Stroh in die Hand. „Ich bringe dir noch eine Decke, es ist doch zu kalt, bei meiner Treu. Ich bin nur froh, wenn’s endlich wieder Frühling wird. Nach der Dürre kommt der Regen, nach der Nässe kommt die Sonne, so heißt es doch! Da, trink noch einen Becher heißen Wein.“
Johannas Einladung zu bleiben hatte aus Mathilde, wenn auch nur für eine Nacht, eine Angehörige des Haushaltes gemacht und somit wurde sie nun als Gleiche unter Gleichen geduzt. Das war ihr recht, kannte sie es doch nicht anders aus ihrem Dorf. Sie nahm dankbar den ihr angebotenen Becher und sank auf einen Schemel. Barbara nahm ihr den Sack Stroh wieder ab und legte ihn selbst in die zuvor bestimmte Ecke.
„Es war ganz richtig, dass die Frau Meisterin dir angeboten hat, bei uns zu schlafen. Es ist doch zu kalt draußen. Und morgen ist immer noch Zeit, deinen Onkel zu suchen. Was für ein Glück, dass du gerade zur richtigen Zeit vorbeikamst. Hätte ich nur gewusst, dass es soweit war! Dann wär’ ich doch nie aus dem Haus gegangen, bei meiner Treu, und wenn der Papst höchstpersönlich beim Bischof zu Gast gewesen wäre.“
Seit Barbara von ihrem Ausflug zurückgekehrt war, hatte sie sicherlich schon zwanzig Mal ihr Fortsein am Morgen bedauert. Mathilde nickte begütigend, war aber in Gedanken ganz woanders. Sie war froh, dass sie für diese Nacht ein Dach über dem Kopf hatte, das entledigte sie aber nicht der Sorge, was morgen kommen würde. Vor drei Tagen war sie von zu Hause aufgebrochen, einfach fortgegangen, nur das allernötigste schnell in ein Tuch gewickelt, hatte die Tür zugemacht, ehe Gunther sich von seinem Rausch erholen und aus seinem Tiefschlaf aufwachen würde, und war gelaufen – fort aus dem Dorf, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatte, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen. Die erste Nacht hatte sie in einer Kirche verbracht. Am zweiten Abend hatte sie einen Bauern gebeten, in seinem Stall bei den Kühen übernachten zu dürfen. Am dritten Abend war sie durchs Severinstor in die Stadt gekommen, gerade, bevor das Tor für die Nacht verschlossen wurde. Die Nacht hatte sie in der St. Georgskirche verbracht, die am Wege lag.
Am Morgen war sie, mit allen anderen Wanderern und Obdachlosen, die ebenfalls in der Kirche die Nacht verbracht hatten, aufgestanden und aufgebrochen. Das letzte Stück Weges, das sie noch von ihrem Onkel trennte, wollte sie vor dem ersten Glockenschlag angehen. Was für eine riesige Stadt Coellen war! Mathilde war einmal zuvor zu Besuch gewesen in Coellen bei ihrem Onkel. Sie erinnerte sich noch daran, wie sie damals mit ihrem Vater durchs Severinstor gekommen und an Feldern und Klöstern vorbei gelaufen war, bis sie nach langer Zeit, als die Häuser stattlicher und manche bis zu vier Stockwerken hoch wurden, abgebogen war. War es links oder rechts? Entweder war ihre Erinnerung schlechter als sie dachte, oder es hatte sich viel verändert in der Stadt - Mathilde hatte nicht gefunden, wo sie damals abgebogen waren. Schließlich war sie links in eine Gasse getreten, fort von all den Menschen, die just in die andere Richtung strömten, und war gerade zur Stelle gewesen, als sie Johanna um Hilfe rufen hörte.
Sie hatte Johanna nicht anlügen wollen, aber sie konnte ihr doch auch nicht erzählen, dass sie vor ihrem Mann davongelaufen war. Aber der heiligen Jungfrau sei Dank hatte Johanna auch nicht weiter gefragt, sondern sich damit zufrieden gegeben, dass Mathilde in der Stadt ihren Onkel sehen wollte. Dabei war sich Mathilde nicht mehr so sicher, dass es klug war, ihn aufzusuchen. Dort würde Gunther sie zuallererst suchen, und jetzt, da sie einen ganzen Tag verloren hatte, könnte er ihr sogar zuvorkommen und sie dort erwarten.
Inzwischen hatte Barbara die Bettstelle fertig gerichtet und ein wenig Käse und Brot auf den Tisch gestellt. Kaspar, der sechsjährige Sohn, war auch dazugekommen. Er hatte große blaue Augen und dichtes, gelocktes, braunes Haar, das ihm auf die Schultern fiel. Kaum älter war Mathildes Sohn Peter gewesen, als er vor zehn Jahren ihr Haus verlassen hatte, um ins Kloster zu gehen. Kaspar stellte sein hölzernes Schwert, mit dem er zuvor auf der Gasse gespielt hatte, in die Ecke und setzte sich an den Tisch. Die Katze Fleckchen kam hinter dem Feuerholzstapel hervor und sprang ihrem erklärten Liebling im Haus auf den Schoß.
Barbara goss Kaspar einen Becher Buttermilch ein und fuhr dabei unbeirrt fort: „Das war aber auch ein Tag heute, bei meiner Treu! Und so viele Leute in der Stadt! Wenn ich nur gewusst hätte, dass Frau Johanna heute ihr Kind bekommen würde! Aber der heiligen Anna sei Dank, die Kleine ist gesund und ihre Mutter auch. Ehrlich gesagt hatte ich die größten Befürchtungen. Erst kürzlich soll eine Frau in Stommeln eine Kröte geboren haben!”
Kaspar verschluckte sich fast an seiner Buttermilch. “Eine Kröte?” fragte er fasziniert.
“Ja, so hab‘ ich’s gehört. Ein fahrender Mönch war durch das Dorf gelaufen und hatte, als er sie mit ihrem dicken Bauch vor ihrem Haus stehen sah, freundlich gegrüßt und gefragt: ‘Gute Frau, erwartet Ihr ein Kind?’ Und denkt Euch, die dumme Frau antwortete schnippisch: ‘Nein, eine Kröte.’ Ja, und genau das bekam sie dann, als Strafe für ihre Frechheit.“
Triumphierend sah Barbara die beiden an. Doch Kaspar genügte die Information nicht, er wollte Genaueres erfahren. “Hat das Kind Häute zwischen den Zehen zum Schwimmen? Und kann es auch hüpfen wie ein Frosch?”
“Nun, es wird schon so sein, wie du sagst. Wenn ihn nicht gar der Teufel geholt hat am Ende, mit der Mutter gleich hinterdrein! Gut nur, dass deine Schwester so aussieht, wie ein Kind auszusehen hat. Und denk nur, Kaspar, später wird sie sagen können: Ich erblickte das Licht der Welt am Tage, als Königin Eleonore von England in Coellen war!“
Dies brachte Kaspar wieder auf andere Gedanken: „Wenn ich groß bin, will ich auch Ritter werden und die Königin begleiten.“ Dann stopfte er sich ein Stück Käse in den Mund und erzählte mit vollen Backen, wie viele Ritter er heute gesehen hatte, wie feurig deren Pferde waren und wie die Rüstungen und Schwerter geglänzt hatten.
Eben wollte er, ungeachtet des Stückes, das noch immer in seiner Backe steckte, einen Kanten Brot nachschieben, da klopfte es kräftig an die Tür.
„Das wird der Herr Meister sein. Das will ich jetzt aber doch wissen, wo der den ganzen Tag gesteckt hat. Ohne ein Wort zu sagen, und seine Frau allein zu Haus, und den ganzen Tag weit und breit keine Spur von ihm! Aber ein gutes End‘ macht alles gut, so heißt es ja.“ Barbara erreichte die Tür in dem Moment, als auch Bruno, der Knecht, zur Stelle war. Gemeinsam zogen die beiden die schwere hölzerne Tür auf.
Herein trat aber nicht Meister Markus, sondern ein groß gewachsener Mann, vielleicht 25 Jahre alt, der sich eben die Kappe vom Kopf nahm und sein dichtes, rotblondes Haar herausschüttelte, das sogleich in seine blauen Augen fiel. Er hatte helle Brauen, eine grade Nase und rote Lippen, und sein Bart war sorgfältig gestutzt. Wenn er redete, sah man sein gutes, ungewöhnlich gesundes Gebiss.
„Einen schönen Abend wünsche ich. Ist die Frau Johanna zu sprechen?“
Bruno zog sich, statt Antwort zu geben, tiefer in den Flur zurück und Barbara ergriff das Wort: „Frau Johanna liegt oben und schläft. Sie hat heute Morgen einem kleinen Mädchen das Leben gegeben. So ein schönes, kräftiges, kleines Ding, bei meiner Treu! Ihr müsst sie Euch ansehen, Herr Stephan. Aber Meister Markus muss auch jeden Moment zurückkommen. Er war heute den ganzen Tag nicht da, wer weiß, wo der abgeblieben ist. Wollt Ihr auf ihn warten, so setzt Euch nur zu uns. Wir haben einen Gast, das ist Mathilde aus, wie war das, aus Muffendorf? Sie hat heute bei der Geburt allerhand geholfen und ohne sie wäre die gute Frau oben vielleicht gar nicht mehr am Leben. Denkt nur, das Kind lag ganz verdreht, und wenn Mathilde hier das Kind nicht in die richtige Lage gebracht hätte, dann wäre es wohl stecken geblieben, und der liebe Gott weiß, was dann geschehen wäre! Mathilde, dies ist unser Stadtvogt Stephan vom Breymt und ein geschätzter Freund von Meister Markus.“
Barbara hatte den Stadtvogt in der Zwischenzeit in die Küche gezogen. Mathilde jedoch war aufgesprungen und hatte sich mit dem Rücken an die Wand gedrückt. Offensichtlich war dieser Stephan ein adliger Mann, und da wusste Mathilde nie, wie sie sich benehmen sollte. Außerdem galt es jetzt, sich vor den Männern des Gesetzes in Acht zu nehmen.
Während Barbaras Rede hatte Stephan mehrmals vergeblich den Mund geöffnet, ohne zu Worte zu kommen. Schließlich legte er seine Hand auf Kaspars Schopf und sagte leise: „Kaspar, laufe schnell hoch und hol deine Mutter. Ich habe ihr etwas sehr wichtiges mitzuteilen.“
„Die Johanna ist aber nicht meine Mutter“, sagte Kaspar trotzig. Ehe Stephan ihn ob dieser frechen Worte ins Ohr kneifen konnte, sprang er noch im gleichen Moment mit einem geschickten Satz auf und schnell zur Seite. Stephan machte aber keine Anstalten, ihn zu züchtigen, zu schelten oder zurückzurufen, sondern blickte vielmehr mit ernster Miene zu Boden. Erstaunt schlich sich Kaspar dann doch, wie ihm geheißen, die Treppe hinauf, wo er seine Stiefmutter im Bett wusste.
„Jesus, was gibt es denn, so sprecht doch, Stephan!“ flüsterte Barbara.
Stephan zögerte, als fielen ihm die rechten Worte nicht ein. „Markus kommt heute nicht mehr nach Hause. Das heißt, er kommt lebend nicht mehr nach Hause. Hm, also, ich will sagen, er ist tot.“ Und dann schickte er noch hinterher: „Lukas, der Fährmann hat ihn gefunden, im Rhein.“
Mathilde bekreuzigte sich. Um Himmels Willen, da wünschte sie sich seit Jahren, ihr Mann würde tot umfallen, dem fiel das aber nicht im verruchten Traume ein, und hier passierte es einem, dessen Frau wünschte sich nichts, als dass er endlich nach Hause käme.
Barbara hatte die Hände an den Mund gehoben, sagte aber ausnahmsweise nichts.
Stephan stand hilflos im Zimmer, horchte dabei aber nach draußen, ob die Männer mit Markus Leichnam bereits nahten.
Was sollte Mathilde jetzt tun? In diesem Hause war offensichtlich kein Platz mehr für sie, hier war ein Unglück geschehen, Trauer war eingekehrt, und Dinge waren zu verrichten, bei denen sie nur im Wege stehen würde.
Von oben hörte man das Baby schreien. Barbara hatte sich wieder gefangen und begonnen, Stephan mit Fragen zu überschütten. Mathilde hob ihr Bündel vom Boden und wollte sich eben unbemerkt nach draußen stehlen, da krachte es und das Tor flog auf. Vier Männer bahnten sich ihren Weg mit der Bahre mit Markus’ Leichnam auf den Schultern.
Sie blieben unschlüssig im Flur stehen.
Stephan wollte ihnen eben Anweisung geben, wohin sie die Leiche bringen sollten, da bemerkte er Johanna oben an der Treppe. Johanna stand da, mit der einen Hand aufs Geländer gestützt, mit der anderen drückte sie ihre Tochter an sich. Ihr Gesicht war fast so weiß wie das Gewand, das sie trug.
Stephan besann sich endlich wieder und half den Männern, den Leichnam in die Stube zu bringen, die gleich rechts neben dem Eingang lag. Eine Truhe musste zunächst einmal als Lager dienen.
Ihr Beileid murmelnd und sich heftig verbeugend eilten die vier Träger sofort wieder hinaus auf die Gasse, wo die neugierigen Nachbarn bereits ungeduldig auf Nachricht warteten.
„Markus?“ fragte Johanna leise, die inzwischen dazu getreten war. Hinter ihr war Kaspar die Treppe heruntergekommen und starrte mit großen Augen auf die Truhe, auf dem der Leichnam seines Vaters lag.
Stephan nickte. „Ein Unglücksfall. Er wurde im Rhein gefunden. Es tut mir so leid.“ Da fiel sein Blick auf die kleine Eleonore. „Das arme Kind, nun hat sie ihren Vater nicht einmal, äh, ge...“ Stephan verschluckte das letzte Wort und sah dabei recht unglücklich zu Boden. Zu spät, Barbara schluchzte vorwurfsvoll auf, sah Stephan an, als sei es seine Schuld, dass Vater und Tochter nun nie zusammenfinden würden, und nahm ihrer Herrin das Kind aus dem Arm.
Mathilde beschloss, dass dies die beste Gelegenheit war, einen zweiten Versuch zu wagen, unbemerkt zu verschwinden. Doch als sie die Tür in der Hand hatte, zögerte sie und schaute noch einmal zurück. Johanna schwankte, als würde sie jeden Moment zu Boden stürzen. Blutflecken auf ihrem Gewand zeugten davon, dass die Blutungen wieder eingesetzt hatten. Dabei gab sie aber keinen Laut von sich. Barbara schrie und klagte um so lauter und drückte dabei das Kind so fest an sich, dass dies ebenfalls aus Leibeskräften schrie. Der Stadtvogt stand hilflos dabei und der kleine Kaspar blickte mit entsetzten Augen in das Zimmer, in dem sein toter Vater lag. Bruno war ganz verschwunden. Mathilde klinkte die Tür wieder ein. Johanna brauchte sie jetzt.
Kaspar saß mit angezogenen Knien in der Ecke und starrte auf das Tuch, unter dem sein Vater lag. Bruno hatte mit zwei Knechten aus der Nachbarschaft das Bett aus Markus’ Arbeitszimmer in die Stube gebracht und den Leichnam umgebettet. Unter dem Tuch, das wusste Kaspar, weil er einen kurzen Blick erhascht hatte, lag sein Vater fast unbekleidet: der Mantel und die nassen Kleider waren ihm vom Leib geschnitten worden, weil die Gliedmaßen sich nicht mehr hatten beugen lassen. Aber noch schrecklicher als der Körper des Vaters war sein Gesicht: die Haut ganz wellig und in Fetzen hängend, die Augenhöhlen leer.
Kaspar erinnerte sich, schon einmal so hier gesessen zu haben, vor drei Jahren. Damals war es seine Mutter, die dort aufgebettet lag. Auch damals brannten überall Kerzen und Freunde und Nachbarn wechselten sich in der Totenwache ab. Und so wie damals Vater in seinem Arbeitszimmer verschwunden war, ohne sich um Kaspar zu kümmern, so war nun Johanna, Kaspars Stiefmutter, nach oben gegangen, kaum dass der Stadtvogt das Haus verließ. Nein, das war nicht ganz richtig, vorher hatte Johanna ihm noch übers Haar gestrichen und ihn umarmen wollen, doch Kaspar hatte sich gesträubt, und Johanna war aufgesprungen und die Treppe hoch gerannt. Dabei sehnte er sich doch nach einer Umarmung. Aber dann würde er seine Tränen nicht zurückhalten können, und es war ihm vor allem wichtig, beherrscht zu sein.
Schon schwerer war es, Barbara abzuwehren, die alle paar Minuten zu ihm stürzte und ihr tränenverschmiertes Gesicht an seines drücken wollte. Gerade erst war sie wieder in die Stube gekommen, doch Mathilde, die Kaspars Not zu spüren schien, trat ihr in den Weg und flüsterte ihr etwas zu. Barbara hatte unverständig den Kopf geschüttelt, hatte aber dennoch von ihm abgelassen.
Natürlich waren Nachbarn da, um ihr Beileid zu bekunden, sowie der Priester, der dem Leichnam die letzte Ölung gegeben hatte. Im Moment war er noch bei der jungen Witwe und dem Neugeborenen. Barbara und Mathilde eilten still und geschäftig hin und her. Sie reichten Erfrischungen, und nahmen Mäntel ab, Johanna entschuldigend, die zu geschwächt war, um im Augenblick Gäste zu empfangen.
Auch Onkel Rupert war gekommen, Vaters älterer Bruder. Kaspar mochte Onkel Rupert nicht. Er war alt, dick und hatte eine riesige rote Nase mit furchterregenden Kratern. Vor allem roch er schrecklich, was sicher mit seiner Arbeit als Färber zu tun hatte. Bei ihm zu Hause stank es noch schlimmer, und Kaspar war immer froh gewesen, dass sein Vater nicht Färber geworden war wie der Großvater. Außerdem machte Onkel Rupert immer Witze, die Kaspar nicht verstand, schwoll dabei rot an und lachte grölend laut. Als Kaspar einmal das Unglück hatte, im falschen Moment am falschen Platze zu stehen, hatte ihm der prustende Onkel Rupert so hart mit der Hand auf den Rücken gehauen, dass Kaspar mit dem Brustkorb gegen eine Kommode schlug. Am schlimmsten war es aber, wenn Onkel Rupert kam, Kaspar in die Nase zwickte und ihm seinen schlechten Atem ins Gesicht hauchte: „Warte nur, bis du größer bist. Dann nehme ich dich zu mir als Lehrling und mache einen tüchtigen Färber aus dir. Die Färberei erbst nämlich du, so steht es in meinem Testament. “ Kaspar wusste nie so recht, ob Onkel Rupert einen Witz machen wollte oder es ernst meinte. Was, wenn er seinen Plan jetzt wirklich umsetzt? Vor Schreck steckte Kaspar seinen Kopf tief zwischen die Knie, verschränkte darüber seine Arme und hielt den Atem an.
Schließlich musste Kaspar aber doch wieder Luft holen. Neben ihm raschelte es. Vorsichtig drehte Kaspar seinen Kopf zur Seite und blinzelte kurz unter seinem Arm hindurch. Jemand hatte sich neben ihn gesetzt. Gott sei Dank, es war Arnulf, der Mann seiner Schwester Judith. Aber Arnulf sah Kaspar gar nicht an, sondern starrte auf das Bett, neben dem, wie Kaspar erst jetzt bemerkte, zwei seiner Schwestern niederknieten: Judith, die jüngste, und Franziska, die mittlere.
„Ich verstehe das nicht, wie ist der Markus nur in den Fluss gefallen? Sag mal, kleiner Ritter, konnte dein Vater nicht schwimmen?“
Kaspar guckte seinen Schwager erstaunt an. Ja, wieso war sein Vater in den Fluss gefallen? Diese Frage hatte sich Kaspar noch gar nicht gestellt. War er ertrunken? Kaspar erinnerte sich, dass sein Vater ihn früher immer davor gewarnt hatte, zu nahe ans Wasser zu treten. Allzu oft schon seien Kinder im Rhein ertrunken. Aber ob er selbst schwimmen konnte - Kaspar wusste es nicht und zuckte die Achseln.
Arnulf sah ihn kurz an und legte ihm seinen Arm um die Schulter. „Du, weißt du was, kleiner Ritter?“
Kaspar schüttelte langsam den Kopf, doch Arnulf schwieg. Hatte er schon vergessen, was er zu sagen hatte? Kaspar wartete noch eine Weile und fragte, als nichts weiter kam, ungeduldig: „Was denn?“
„Bei uns im Stall steht ein Pferd, das gehört einem Kreuzritter und kommt direkt aus dem Morgenland. Es ist ganz schwarz, und wenn es die Nüstern bläht, dann sprühen Feuerfunken!“ Arnulf hielt inne, sah Kaspar verschmitzt an und fragte: „Willst du nachher mitkommen und es sehen?“
Arnulf lebte bei seinen Eltern und sollte als ältester Sohn dereinst die väterliche Schmiede übernehmen. Dabei wäre er viel lieber Maler geworden. Aber nun hatte er eine Frau und wohl bald auch eine Familie. Wahrscheinlich war er froh, dass er sich jetzt von Markus nicht länger anhören musste, in was für eine wohlhabende und angesehene Familie er eingeheiratet habe, und dass er sich gefälligst anstrengen müsse, es nun selbst zu Respekt und Reichtum zu bringen.
