Coaching im Grenzbereich - Isa Schlott - E-Book

Coaching im Grenzbereich E-Book

Isa Schlott

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Beschreibung

Wie arbeite ich als Coach auf der Grenze zwischen Psychotherapie und Coaching? Noch Unsicherheit oder schon Angst? Stress oder Burn-out? Perfektionismus oder Zwang? Die Grenzen zwischen Coaching und Therapie sind fließend und selbst für Profis nicht immer leicht zu ziehen. Eine Psychotherapie kann u. U. lange dauern und hat nicht immer einen aktivierenden Effekt. Sie versieht Menschen leicht mit dem Etikett "krank", was oft als Stigma empfunden wird. Coaching kann in Krisen zu schnellen und konkreten Verbesserungen führen. Doch um als Coach zu entscheiden, ab wann doch Psychotherapie angezeigt ist, muss man wissen, wo die rechtlichen und fachlichen Grenzen liegen. Zugleich braucht man wirksame therapeutische Tools, um Klient*innen verantwortungsvoll auch in schwierigen Situationen unterstützen zu können. Allen Coaches liefert Isa Schlott in diesem Profiratgeber praxiserprobte Werkzeuge. - Sie lernen zu erkennen, wann die Grenze erreicht ist, ab der eine Behandlung durch medizinisch-therapeutische Profis zwingend ist. - Sie erfahren, welche Tools auch im Grenzbereich zwischen Coaching und Therapie gute Erfolge bringen.

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Seitenzahl: 364

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Isa SchlottCoaching im GrenzbereichEffektive Tools für schnelle Veränderung und Kriseninterventionen auf der Grenze zwischen Psychotherapie und Coaching

Über dieses Buch

Als Coach auf der Grenze zwischen Psychotherapie und Coaching arbeiten 

Noch Unsicherheit oder schon Angst? Stress oder Burn-out? Perfektionismus oder Zwang? Die Grenzen zwischen Coaching und Therapie sind fließend und selbst für Profis nicht immer leicht zu ziehen. Eine Psychotherapie kann u. U. lange dauern und hat nicht immer einen aktivierenden Effekt. Sie versieht Menschen leicht mit dem Etikett „krank“, was oft als Stigma empfunden wird. 

Coaching kann in Krisen zu schnellen und konkreten Verbesserungen führen. Doch um als Coach zu entscheiden, ab wann doch Psychotherapie angezeigt ist, muss man wissen, wo die rechtlichen und fachlichen Grenzen liegen. Zugleich braucht man wirksame therapeutische Tools, um Klient*innen verantwortungsvoll auch in schwierigen Situationen unterstützen zu können. Allen Coaches liefert Isa Schlott in diesem Profiratgeber praxiserprobte Werkzeuge. 

Sie lernen zu erkennen, wann die Grenze erreicht ist, ab der eine Behandlung durch medizinisch-therapeutische Profis zwingend ist. Sie erfahren, welche Tools auch im Grenzbereich zwischen Coaching und Therapie gute Erfolge bringen.

Die Diplompsychologin Isa Schlott arbeitet als Coach, Trainerin und Moderatorin in nationalen und internationalen Projekten. In ihrer Akademie bildet sie Coaches aus und hat in den letzten 30 Jahren bereits Tausende von Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt, sowohl im Business als auch in therapeutischen Kontexten.

Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2022

Coverfoto: © Bill Young / Jaynes Gallery / DanitaDelimont.com

Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Haftungsausschluss

Die Ratschläge in diesem Buch sind sorgfältig recherchiert und geprüft. Dieses Buch enthält allerdings eine eigene Meinung und zeigt nur einen Weg von vielen anderen möglichen Wegen im Coaching auf. Die in dem Buch beschriebenen Methoden ersetzen keinen Arztbesuch oder keine Therapie. Alle Angaben erfolgen ohne Gewährleistung und Garantie seitens der Autorin und des Verlags. Eine Haftung der Autorin bzw. des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

Für die Inhalte von Links von Dritten übernehmen wir keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2022

ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0350-6

ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0351-3 (EPUB), 978-3-7495-0358-2 (PDF), 978-3-7495-0352-0 (EPUB für Kindle).

Für meinen Lieblingsarzt.

Vorwort

Na, großartig! Noch ein Coach, der einen Ratgeber schreibt. Das war eigentlich das Letzte, was ich tun wollte, und sitze nun doch mit Begeisterung an diesem Werk – weil ich selbst schon immer eine Zusammenfassung dieser Art für das Coaching im Grenzbereich gesucht habe. Da ich Coaches ausbilde, weiß ich, wie oft Fragen zu diesem Grenzgebiet gestellt werden und wie mühsam sich meine Coaches in Ausbildung diese Informationen zusammensuchen müssen. Deshalb jetzt dieses Buch. Es richtet sich an diejenigen, die mit Klienten und deren psychischen Leiden arbeiten möchten und weder Arzt noch approbierter Psychotherapeut sind. Allerdings finden auch die letztgenannten Berufsgruppen hier interessante Methoden und Haltungen, die sich gut in ihr Repertoire integrieren lassen.

Mein Background als Psychologin mit Heilerlaubnis ist systemisch-lösungsorientiert. Ich arbeite gerne mit Coachingtools aus dem Neurolinguistischen Programmieren, kombiniere diese aber auch mit humorvoll-provokativen Ansätzen, mit Hypnose, EMDR und Schematherapie. Für mich schließt sich hier nichts aus, ich bin ein „Fan“ von passenden Interventionen für die jeweiligen Themen, damit Veränderung schnell geht. Ich hänge also nicht an bestimmten Schulen, die sich meines Erachtens sowieso sehr ähneln, sondern liebe die Vielfalt an Möglichkeiten, Menschen so zu unterstützen, dass sie eine schnelle Hilfe zur Selbsthilfe erhalten. Genauso kombiniere ich meine Erfahrungen aus Unternehmen in den Bereichen Personal- und Organisationsentwicklung sowie Business-Coaching und Marketing mit meinen psychologisch-mentalen Ansätzen und finde das hervorragend, denn diese Wissenskombination wird zunehmend gebraucht.

Dieses Buch ist während der Corona-Pandemie entstanden, in deren Verlauf das Wort „Systemrelevanz“ wohl neben „Lockdown“ und „Inzidenz“ zum wichtigsten Begriff mutiert ist. Die medizinischen Einrichtungen waren sofort systemrelevant. Wir Coaches wurden in unserer Arbeit stark begrenzt, obwohl wir uns sehr häufig, genauso wie Ärzte und psychotherapeutische Psychologen, um menschliches Leid kümmern. Auch viele nicht approbierte Psychologen, Heilpraktiker für Psychotherapie, Yogatherapeuten, Gesundheitscoaches, Physiotherapeuten mit Coachingausbildung etc. kümmern sich um die Stabilisierung der menschlichen Psyche: ohne Heilerlaubnis vor der Grenze zur Psychotherapie, mit Heilerlaubnis im Grenzbereich. Diese Berufsgruppen coachen viele verzweifelte, „austherapierte“ Menschen aus Psychiatrien, Selbsthilfegruppen und ähnlichen Maßnahmen. Nach dem Versagen der krankenkassenfinanzierten Systeme sollen diese, oft sogar als Selbstzahler, ihren Weg finden und das natürlich möglichst schnell. Für die Coaches bedeutet das: Sie haben eine wichtige und nicht immer einfache Arbeit vor sich und müssen nicht nur therapeutisch, sondern auch rechtlich richtige Entscheidungen treffen. Dabei soll dieses Buch Unterstützung liefern.

Es gibt genügend Statistiken darüber, dass es in unserer Gesellschaft einen Zuwachs an psychischen Erkrankungen gab und gibt – und das schon lange vor der Pandemie. Nicht nur für die Betroffenen und deren Angehörigen ist das eine Herausforderung, sondern auch für Unternehmen und unsere Volkwirtschaft. D. h., du wirst als Coach im Gesundheitsbereich gebraucht und darfst dir, je nach Background, die Informationen beschaffen, was du fachlich und rechtlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz coachend bzw. therapeutisch tun darfst.

Dieses Buch ist nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert, dennoch erhebt es keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Wenn du ganz sicher gehen willst, dann beziehe bei der Ausübung deiner Tätigkeit einen Rechtsanwalt mit ein.

Zum Aufbau des Buches

In den ersten beiden Kapiteln und in Kapitel 5 findest du die rechtlichen und sicherheitsrelevanten Themen. Kapitel 3 gibt dir grundlegendes Rüstzeug für deine Coachingsessions und Kapitel 4 führt dich durch die häufigsten psychischen Leiden mit dem Versuch einer dreistufigen Einordnung der Thematik. Diese sortiert von „harmlos“, d. h. vor der Grenze liegend, über „mittlere Schwere“ bis hin zu „schwer“, d. h. an der Grenze liegend. Zum Teil wird auch thematisiert, was jenseits des Grenzbereichs liegt und nur von approbierten Psychotherapeuten, Psychiatern etc. behandelt werden darf.

Ich habe mich für diese Dreierkategorisierung entschieden, auch wenn sie nicht immer hundertprozentig mit den Diagnosemanualen übereinstimmt. Als Coach erhältst du dadurch Beobachtungskriterien, um zu entscheiden, ob du dich, je nach Background, mit dem Thema deines Klienten befassen möchtest bzw. überhaupt befassen darfst.

Für die relativ grobe, von mir selbst definierte Dreierkategorisierung habe ich natürlich auch die Kriterien des DSM-5 herangezogen. Dieses Manual habe ich der weltweit geltenden ICD-10 vorgezogen, weil es nicht so viele internationale Kompromisse machen muss und die enthaltenen Diagnosen deshalb genauer sind. Bei jeder Neuauflage eines Diagnosemanuals ändern sich übrigens die Kategorien ein wenig, was zeigt, dass es eben nicht so einfach ist, jede psychische Ausprägung punktgenau einzuordnen. Meine etwas gröbere Dreierkategorisierung soll dir als Coach eine schnelle Orientierung liefern.

Es ist sinnvoll, das Buch der Reihe nach zu lesen, da Informationen aufeinander aufbauen. Das gilt insbesondere für die Kapitel 3 und 4.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern in diesem Buch die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Ich habe mich in dem Buch für die „Du“-Form entschieden, da ich es für meine Kollegen im Coaching schreibe und wir sehr viel im „Du“ agieren. Inzwischen werde ich auch als Coach in „Du-Form“ angeschrieben und bekomme Wünsche nach Sitzungen in „Du-Form“, daher also auch hier diese Ansprache. Dennoch habe ich in einigen Fallbeispielen das „Sie“ erhalten, da es natürlich Coaching in „Sie-Form“ gibt, bei mir auch immer noch zu ca. 60 Prozent.

Zu den Fallbeispielen: Es handelt sich um echte Fälle, die so gemischt und vollständig anonymisiert wurden, dass keinerlei Zusammenhang zu meinen Klienten erkennbar ist. Alle beschriebenen Fallbeispiele und Übungen sind Ausschnitte, also ganz knappe und kurze Zusammenfassungen von kleinen Teilen einer Sitzung. Denke immer daran, dass es keine vollständige Sitzung ist, sondern ein Dialog, der z. B. der Demonstration eines Sachverhalts dient.

Da es sich um ein Buch für Coaches handelt, habe ich in der Regel auf die Beschreibung von Medikation verzichtet. Zu medikamentösen Therapien gibt es ausreichend Nachschlagewerke, in denen du nachlesen kannst. Lege dir einfach eines davon zu, denn ich finde es wichtig, dass du zumindest verstehst, was dein Klient einnimmt und welche Wirkungen und Nebenwirkungen die diversen Medikamente haben.

Natürlich erheben die dargestellten Coachingmethoden keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern bilden nur einen kleinen Teil des Gesamtspektrums ab. Eine Methode steht hier immer exemplarisch für eine „Störung“. Für mich haben sich die dargestellten Methoden als sehr effizient erwiesen, insbesondere in ihrer Kombination. Am Ende jedes Kapitels gibt es eine Tabelle, in der du nachlesen kannst, welche anderen Methoden für deinen Fall noch hilfreich sein können. Die Kunst der Methodenkombination lernst du mit der Zeit. Selbstverständlich kannst du auch mit deinen bisherigen Methoden arbeiten, sofern sie im Grenzbereich bei deinen Klienten gut funktioniert haben.

Fast alle hier beschriebenen Methoden sind auch in hypnotischen Sessions anwendbar, also eine große Unterstützung, sobald du Veränderung in Trance bewirken möchtest. Dafür waren die Methoden auch ursprünglich gedacht. Von den Erfindern (Milton Erickson, Richard Bandler, Stephen Gilligan u. a.) wurden und werden sie auch so angewandt.

Du kannst grundsätzlich alle Methoden bei dir selbst und zu deinen eigenen Themen anwenden. Es ist jedoch einfacher, wenn du dir einen Coach suchst, der das gemeinsam mit dir macht.

Die Methoden, die ich beschreibe, sind sehr wirkungsvoll. Wer sie anwendet, sollte sich dessen bewusst sein. Ich gehe aber davon aus, dass integre Menschen dieses Buch lesen, die ihre Klienten in eine Besserung führen wollen und auch die rechtlichen Rahmenbedingungen kennen, innerhalb derer sie agieren dürfen. Besonders Klienten im Grenzbereich fühlen sich oft hilflos und ausgeliefert und deshalb bauen gerade sie auf dich als Coach oder Therapeut, und Integrität ist aus diesem Grund hier extrem wichtig.

Deine Haltung ist entscheidend. Von der Norm abweichendes Verhalten deiner Klienten hat immer einen wertzuschätzenden Kern, den du nutzen kannst, um ihre Scham abzubauen, damit sie in die Lage versetzt werden, einen neuen, kreativen oder humorvollen Blick auf ihr heiles Selbst zu werfen. Es ist in unserer Arbeit so wichtig, uns als Coaches und Therapeuten mit dem heilen Anteil des Klienten zu verbinden und ihnen diesen widerzuspiegeln. Denn hier beginnt die Reise in die Veränderung: Mit der wiedergewonnenen Erkenntnis, „eigentlich heil“ zu sein und nur ein Verhalten gelernt zu haben, das früher einmal hilfreich war und es heute nicht mehr ist, kann dein Klient neue Wege beschreiten. Der Schlüssel liegt darin, Vergangenes wertzuschätzen und den Schritt zu erlauben, das Gehirn im Heute umzuerziehen, damit das Leiden begrenzt wird und der Klient in eine gute Zukunft gehen kann.

Ich wünsche dir viel Spaß und Erkenntnis mit diesem Buch und ganz viel Erfolg auf deinem Weg im Grenzbereich!

1. Grenzerkundung

1.1 Vorsicht

„Dem Geist sind keine Grenzen gesetzt, außer denen, die wir als solche anerkennen.“

Napoleon Hill (1883–1970)

Genau so habe ich Coaching gelernt, frei nach dem Motto: Geht nicht, gibt es nicht! Alles, was uns beschränkt, ist der Geist, und jeder Mensch hat die Option, sein Denken zu verändern. Sobald ich persönlich an eine Grenze komme, lerne ich einfach etwas dazu. So kam es, dass ich mir sehr viele unterschiedliche Coaching- und Therapierichtungen angeeignet habe. In meinem Denken schließt sich nichts aus; im Gegenteil, alles fügt sich zu einem großen Ganzen zusammen.

1.1.1 Grenzen wahrnehmen und auflösen

Ich erinnere mich an eine Sitzung vor acht Jahren. Da saß mir im Lerncoaching ein siebenjähriges, völlig traumatisiertes Mädchen gegenüber, das eigentlich nur wegen schlechter Schulnoten zu mir gekommen war. Als sie noch sehr klein war, hatte ihre leibliche Mutter einen schweren Unfall gehabt und vegetierte seither in einer Einrichtung nur noch vor sich hin. Sie erkannte ihre Tochter nicht und es war nicht möglich, mit ihr auf normalem Weg zu kommunizieren. Für das Mädchen war sie dennoch ihre Mutter und sie litt unter der Situation.

Das Coaching hatte ihre sehr liebevolle Stiefmutter veranlasst. In der Schule konnte sich das Mädchen kaum konzentrieren, weil sie immer an ihre leibliche Mutter denken musste und sich schämte, dass sie ihre Stiefmutter gern hatte – ein Dilemma, das sie laufend beschäftigte. Das wurde im Coaching schnell klar, und auch, weshalb sämtliche Nachhilfeaktionen zur Verbesserung der schulischen Leistungen bisher keinen Erfolg gezeigt hatten. Das tieferliegende Thema musste also im Coaching behandelt werden.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt zwar schon viel Erfahrung, etliche Ausbildungen und eine Heilerlaubnis, der Umgang mit solch einer starken Traumatisierung war mir allerdings bis dato noch fremd. Zwei Tage später meldete ich mich zu einer EMDR-Ausbildung (Eye Movement Desensitization and Reprossessing, eine bilateral stimulierende Traumatherapie nach Dr. Francine Shapiro) an und absolvierte sie mit großem Interesse. Auch danach beschäftigte ich mich noch intensiv mit Traumatherapie.

Die empfundene Grenze löste sich damit auf und ich wusste nun, was in solchen Fällen in Zukunft zu tun war. Eine Grenze zu spüren, sie zuzulassen und dann aufzuheben war und ist ein Erfolgskonzept auf meinem Weg.

„Es ist ein großer Vorteil im Leben, die Fehler, aus denen man lernen kann, möglichst früh zu begehen“, sagte schon Winston Churchill. Dieser Satz hat mich immer begleitet und mich dazu bewegt, laufend weiterzulernen. Die Grenze wurde also zum guten Freund und triggerte fortwährend meine Neugier nach dem Unbekannten im Menschen und nach den Ansätzen, welche die Psychologie und ihre Nachbardisziplinen zu bieten haben.

Ich möchte dir also Mut machen, Grenzen nicht zu ignorieren, sondern sie zu spüren, aufzulösen und das dazuzulernen, was du brauchst, um deinen Beruf gewissenhaft auszuführen. Denn hinter der Grenze bzw. hinter der Komfortzone liegen das Abenteuer, die Spannung und vor allem das Lernen, die Erkenntnis und oft auch die Erfüllung.

Ich bin Diplom-Psychologin und habe mich schon in den 1990er-Jahren für den Weg der modernen Psychologie entschieden, d. h. ganz bewusst keine Ausbildungen in Psychoanalyse, Psychotherapie und Verhaltenstherapie gemacht, mir aber später erlaubt, mir aus diesen Ansätzen gute Haltungen und Methoden herauszuarbeiten. Ich habe allerdings eine Heilerlaubnis erworben, einen Heilpraktiker für Psychotherapie, damit ich in Deutschland therapeutisch tätig werden darf.

Grenzinfo! In Deutschland macht man sich strafbar, wenn man ohne Heilerlaubnis „heilt“. Der Gesetzgeber geht nämlich davon aus: Nur wer eine Heilerlaubnis erlangt hat und nachweisen kann, Krankheiten ausreichend beurteilen und eine Behandlung ausführen zu können, darf heilend tätig werden. Die Zulassung zur Ausübung der Heilkunde ist notwendig, wenn man Diagnosen stellen und therapeutisch tätig sein möchte. Sobald jemand als „krank“ gilt, darfst du als Coach ohne Heilerlaubnis nicht bei psychischen Leiden tätig werden. Dann befindest du dich im Handlungsfeld der Heilberufe mit Approbation, das sind Ärzte, Zahnärzte und psychologische Psychotherapeuten.

Als studierter Psychologe hat man mit einem Universitätsdiplom noch keine Heilerlaubnis, trotz langjähriger und fundierter Ausbildung. Genauso dürfen Krankenschwestern oder Physiotherapeuten mit ihrem medizinischen Fachwissen nicht die Psyche heilen. Ein Physiotherapeut hat eine „sektorale“, d. h., auf die Ausübung der Physiotherapie beschränkte Heilerlaubnis. Möchte er psychotherapeutisch arbeiten, muss er in Deutschland den psychotherapeutischen Teil der Heilpraktikerprüfung ablegen.

Außerdem gibt es das Kriterium der ärztlichen Sorgfaltspflicht. Danach ist ein Arzt verpflichtet, seine Patienten nach neuesten Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft und entsprechend der jeweiligen Umstände mit Sorgfalt zu behandeln. Trotz Heilerlaubnis kann also ein Zahnarzt keine Depressionen behandeln, da diese nicht zu seinem Fachgebiet gehören. Eine Hypnose zur Beseitigung einer Zahnarztphobie würde man ihm als Behandler aber zutrauen, sofern er über eine Hypnoseausbildung verfügt.

Auch der Heilpraktiker hat eine Sorgfaltspflicht und darf nur das therapieren, wofür er ausreichend Fachkenntnisse und methodisches Wissen besitzt. Jeder muss seine Leistung so erbringen, dass sie „nach den Regeln der Kunst, […] entsprechend dem Stand der Wissenschaft, den anerkannten Regeln der Technik, den gesellschaftlichen Normen oder den Rechtsnormen sowie unter Einsatz der körperlichen und geistigen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse erfolgt“. („lege artis“, https://de.wikipedia.org/wiki/Lege_artis, Zugriff am 09.11.2021).

Egal, ob du Coach, Heilpraktiker oder approbiert bist: Immer musst du nachweisen können, dass dein Vorgehen keine Gefährdung für deinen Klienten darstellt und für keinen Personenkreis kontraindiziert ist, auch nicht für „Kranke“. In einem Artikel von Clemens Hürten (siehe Literaturliste zu diesem Kapitel) ist sehr gut beschrieben, wie sich häufig im Grenzbereich tätige psychologische Berater und Heilpraktiker in Deutschland rechtlich absichern können.

Jedes Land hat übrigens andere rechtliche Rahmendbedingungen. Erkundige dich also, was in puncto Heilerlaubnis in dem Land gilt, in dem du tätig bist.

Und: Dass du dich du als Coach ohne Heilerlaubnis nicht mit psychischen Leiden auseinandersetzen darfst, liegt nicht an deiner Qualifikation, sondern an der rechtlichen Situation.

Bestimmte Techniken und Methoden sind heilenden Berufen, also Ärzten, Psychotherapeuten und Heilpraktikern, vorbehalten (vgl. Zimmermann 2021). Doch damit will ich dich nicht desillusionieren, denn auch ohne Heilerlaubnis bleiben dir als Coach ausreichend Felder, in denen du tätig werden kannst, um Menschen sinnvoll zu begleiten. Überall dort, wo keine Gefährdung zu erwarten ist, kannst du arbeiten. Bei Familien- oder Eheproblemen darfst du beraten, ebenso in Konflikten oder bei schulischen Themen, z. B. Lernen oder Konzentration. Gleiches gilt für Themen wie Pubertät, Liebe oder Trennung. Coachen darfst du bei Problemen am Arbeitsplatz oder bei Mobbing und bei Schwierigkeiten in Bereichen wie Präsentation, Bewerbung, Führung, Selbstmanagement und Anpassung an neue Situationen. Auch Kommunikationsverbesserung, Motivationssteigerung, Mentaltraining, Entspannungsverfahren, Stressbewältigung, Gesundheitscoaching im Sinne von Prävention / Gesunderhaltung oder Gesundheitsförderung sowie Coaching im Sport sind erlaubt. Diese Aufzählung ist längst nicht vollständig, was bedeutet: Auch ohne Heilerlaubnis ist die Palette der Möglichkeiten groß und vielfältig.

Coaching zielt darauf ab, Lebenssituationen zu optimieren und Potenziale zu heben und richtet sich in erster Linie an gesunde Menschen. Trotzdem darfst du als Coach ohne Heilerlaubnis kranke Menschen bei Lebensthemen begleiten, die aus einer Erkrankung resultieren, z. B. bei Paarproblemen, die sich aus einer Krebserkrankung ergeben. Auch Menschen, deren Leiden nicht offensichtlich sind und die ihre Erkrankung verschweigen, darfst du coachen, denn als Coach ohne Heilerlaubnis bist du nicht dafür ausgebildet, „Gesunde“ von „Kranken“ zu unterscheiden (vgl. Hürten 2011).

Doch beim geringsten Verdacht, dass dein Klient eine Störung mitbringt, musst du ihn als Coach ohne Heilerlaubnis an einen Arzt, approbierten Psychotherapeuten oder an einen Heilpraktiker für Psychotherapie verweisen, damit sein Leiden genau abgeklärt werden kann. Einen solchen Prozess darfst du nie verzögern, denn sonst wird er für dich rechtlich zu einem Problem. Auch für ausgebildete Heilpraktiker gilt: Sollten während einer psychotherapeutischen Behandlung körperliche Symptome auftreten, sind diese unbedingt von einem Arzt abzuklären.

Du siehst also: Die Abgrenzungsthematik ist nicht trivial. In diesem Buch findest du deshalb Unterstützung, um zu erkennen, wo dein Handlungsfeld liegt, damit du dich in deiner Tätigkeit am oder im Grenzbereich sicher bewegen kannst.

Während sich Coaching also an gesunde Menschen richtet, beschäftigt sich Psychotherapie mit „kranken“. Mich interessiert in diesem Kontext: Was macht es mit der Psyche eines Menschen, wenn man ihn in eine Schublade mit der Aufschrift „psychisch krank“ steckt? In meiner Welt zementiert das eher den Zustand der Handlungsunfähigkeit und bringt den Klienten in einen Opfer-Modus. Um aus dieser Schublade überhaupt herauszukommen, bedarf es einer sehr hohen Motivation.

Wer sich mit psychischem Leiden auseinandersetzt, muss natürlich dafür qualifiziert sein. Genauso wichtig ist es aber, einen Klienten nicht zur Besserung zu hetzen und die Schuld von ihm zu nehmen, dass er etwas für sein Leiden kann. Wäre es deshalb nicht schön, parallel Optionen zu öffnen und dem Unbewussten eines solchen Klienten mitzugeben, dass er kein Opfer ist, sondern dass er selbst die Macht hat, in seinem Thema etwas zu bewegen?

Du wirst sehen, dass ich in diesem Buch das Wort „Patient“ so gut wie nie verwende, stattdessen verwende ich das Wort „Klient“. Wenn ich in Kapitel 4 trotzdem von „pathologisch“ oder „Störung“ spreche, dann liegt das an den Definitionen in den Diagnosemanualen, die ich für die Kategorisierungen herangezogen habe. Ob im Coaching oder in der Psychotherapie: Ich bin grundsätzlich dafür, Klienten so wenig wie möglich zu etikettieren. Ich bevorzuge zu fragen, WIE der Klient sein Thema im Gehirn produziert (vgl. Kapitel 3.1.3, „Wie-machst-du-es-Formel“), um ihn zu ermuntern, nicht nur diesen „kranken“ Anteil von sich zu sehen. Menschen haben so viele Dimensionen.

Ich wundere mich schon über einen Klienten, der meine Praxis betritt und sich gleich mit den Worten vorstellt: „Ich bin ein Angstpatient.“ „Aha“, sage ich dann, „Sie SIND ein Angstpatient. Ist das alles, was Sie sind? Haben Sie Hobbies? Einen Beruf? Kinder?“ Es ist wichtig, dass der Klient erkennt, dass er nicht nur aus besagter Angst besteht, die gerade sein Leben überschattet. In dem Moment, in dem er sich ängstlich VERHÄLT, ist diese Wahrnehmung sicher korrekt. Es wird aber auch angstfreie Momente in seinem Leben geben oder gegeben haben.

Und ja, es gibt Klienten, die mich dann nicht mögen. Das sind diejenigen, die gerne in ihren Leiden verharren, da der sekundäre Krankheitsgewinn wirkt. Sie ziehen also einen oft gar nicht mal bewussten Nutzen aus ihrer Erkrankung (vgl. Kapitel 3.2.5).

Um genau solche Fragen geht es in diesem Buch und um diese nicht immer eindeutig zu ziehende Grenze zwischen Coaching und Therapie, die sich auch in diagnostischen Manualen, z. B. DSM-5 oder ICD-10, niederschlägt. Diese passen nämlich fortlaufend die Kategorisierungen der psychischen Erkrankungen an. Es geht also immer auch um die Grauzone, in der sich ein „noch gesundes“ Verhalten in Richtung „krankhaft“ wandelt. Die menschliche Psyche ist facettenreich – und das gilt auch für das Meer an Diagnosen und Diagnoseversuchen.

1.1.2 Wieviel Zeit braucht es für Veränderung?

Coachingausbildungen unterscheiden sich meines Erachtens wenig von Therapieausbildungen. Ich habe Ausbildungen in beiden Richtungen besucht und konnte kaum Unterschiede entdecken. Therapieausbildungen habe ich als deutlich länger empfunden mit wesentlich mehr Supervisionsanteilen, d. h. mit einer anfänglichen „Überwachung“ bei der Arbeit mit echten Klienten. Allerdings gibt es auch Coachingausbildungen, die zusätzlich Supervision anbieten.

Coachingausbildungen habe ich als pragmatischer empfunden, mit einem schnelleren Interesse an Lösungen und einer etwas mutigeren Vorgehensweise. Das mag natürlich daran liegen, dass Coaching (noch) nicht krankkassenfinanziert ist. Dazu ein kleines Rechenbeispiel: Ein Selbstzahler geht zu einem Coach, der einen durchschnittlichen Stundensatz von 150 Euro verlangt. Eine Langzeittherapie, z. B. eine Psychoanalyse, kann durchaus 300 Stunden umfassen. Unser Selbstzahler hätte dann (denselben Stundensatz vorausgesetzt) gut und gerne 45.000 Euro für seine Heilung investiert. Eine derart hohe Summe könnten wohl nur sehr wenige sehr wohlhabende Klienten aufbringen. Allein aus Gründen der Budgetrestriktion müssen Coaches im Grenzbereich also mit viel weniger Stunden zurechtkommen. Die psychischen Leiden der Klienten bleiben aber die gleichen.

Im Coaching wird der Klient zum Kunden und möchte bei Eigenfinanzierung auch schneller Ergebnisse sehen. Das ist natürlich eine Herausforderung für Coaches mit Heilerlaubnis, jemanden, z. B. nach neun Jahren Angstzuständen in maximal acht Sitzungen auf den Weg zu bringen. Es ist aber mehr möglich, als du bisher gedacht hast. Ich kenne solche Ergebnisse und viele meiner Kollegen auch.

Ich gehe mal davon aus, dass wir als Coaches, durch das Thema „Selbstzahler“ eher eine Klientel mit einer höheren Veränderungsmotivation anziehen. Der Begriff „Coaching“ weist einen Klienten auch subtil darauf hin, mit den nicht ganz so tiefsitzenden Themen zu kommen. Zumindest beginnt Coaching häufig mit Themen mittlerer Schwere. Ich habe allerdings schon erlebt, dass hinter einem Businessthema, z. B.: „Ich habe kein gutes Zeitmanagement“, eine tiefe Depression verborgen war. Alles ist möglich.

Grenzinfo! Wenn du als Coach gut ausgebildet bist, hast du viele wirkungsvolle Methoden an Bord, mit denen du psychische Leiden genauso lindern kannst wie ein Psychotherapeut. Doch wie gesagt: Achte darauf, dass du rechtlich sauber arbeitest und nur heilst, wenn du eine Heilerlaubnis hast bzw. approbiert bist.

Im lösungsorientierten Kurzzeitcoaching habe ich Klienten, die für zwei, maximal für acht Sitzungen bleiben. Wenn sie bis dahin nicht auf dem Weg der Besserung sind, frage ich mich ernsthaft, ob sich in weiteren, sagen wir … 42 Sitzungen überhaupt etwas ändern würde.

Coaches und Therapeuten sollten einen Unterschied bewirken. Ich kenne Klienten, die nach 300 Stunden Psychoanalyse und einem weiteren Jahr in der Psychiatrie immer noch keine positive Veränderung bemerken konnten. „Austherapiert“ steht dann in ihren Unterlagen. Für mich ist dieses Wort ein Startsignal: Ab „austherapiert“ fange ich wirklich gerne an zu arbeiten. Es ist sogar möglich, diese Menschen einigermaßen zügig auf den Weg zu bringen. Und das liegt keineswegs daran, dass ich eine „Wunderheilerin“ bin! Es erfordert viel Wissen, tiefes Interesse, Mut, Kombinationsfähigkeit und eine zuversichtliche Haltung, solche Fälle zu lösen und lösen zu wollen. Und ja, auch ich beobachte ab und zu Rückfälle in altes Verhalten. Dann kommt der Klient eben nach zwei Jahren zurück und nimmt nochmal ein bis zwei Sitzungen in Anspruch. Das ist aber etwas ganz anderes als eine „Dauerbetreuung“, an die sich der Klient klammert und die häufig dazu führt, dass er seine inneren „Hausaufgaben“ nicht macht. Schließlich weiß er, dass er bald wieder im Schutz seines Psychotherapeuten ist und dann gerne mal seine Verantwortung an diesen abgibt.

Ich möchte an dieser Stelle eindeutig betonen: Ich kenne exzellente Psychotherapeuten, die in der Lage sind, in kurzer Zeit Veränderungen herbeizuführen. Meine Kritik bezieht sich viel mehr auf das System der langfristigen Kostenübernahme, das meines Erachtens einer zügigen Heilung oft im Wege steht, da es die Eigenverantwortung zu wenig aktiviert.

In Deutschland übernehmen Krankenkassen die Kosten für (Stand 2021) vier Therapieformen (siehe dazu auch Hery-Moßmann 2021). Zwei bis vier probatorische Sitzungen dienen dazu, den Psychotherapeuten kennenzulernen. Danach werden, je nach Therapieform, unterschiedlich viele Stunden bewilligt, zwischen 36 und 300, meist mit der Möglichkeit einer Verlängerung.

Diese Anzahl an Stunden mag für einen Coach nach dem glücklichen Ende einer Klienten-Dauerakquise klingen. Ein paradiesischer Zustand? Es kommt darauf an, welche Eigenmotivation du als Coach hast. Wenn dich deine Erfolge motivieren, dann mach lieber Kurzzeittherapie und setze auf gute Empfehlungen. Denn es spricht sich herum, wenn du deine Klienten zügig zu guten Ergebnissen führst. In der Business-Welt spielt nicht Geld allein (also dein Stundensatz als Coach oder Therapeut) eine Rolle, sondern auch Zeit, die dort Geld ist. Erzählst du einem Manager mit Panikattacken, dass er mindestens 50 Stunden zu dir kommen soll, erleidet er wegen dieser Aussage gleich die nächste Panikattacke. Auch ein Manager muss natürlich Raum für sein Anliegen finden, dessen Auflösen wiederum Geduld erfordert. Er wird sich dennoch einen Coach oder Therapeuten suchen, der erfolgsversprechende Ansätze für die Behandlung seines Leidens kennt und diese auch nutzt. Und das wird kaum ein Therapeut sein, der meint, für die Behandlung einer Panikattacke eine halbe Ewigkeit ansetzen zu müssen …

Selbstzahler evaluieren die Ergebnisse einer Coachingintervention unmittelbar. Sie geben direktes Feedback, ob eine Intervention funktioniert hat oder nicht. Wenn sie keinen Unterschied bemerken, brechen sie ab und suchen sich einen anderen Coach.

Doch auch bei den Psychotherapeuten mit Kassenzulassung kommt es zu Therapieabbrüchen – und das nicht zu knapp. „Je nachdem welche Studien man liest, kommen zwischen 20 und 57 Prozent der Patienten nach der ersten Sitzung nicht wieder zur Therapie zurück. Weitere 37 Prozent brechen nach der zweiten Sitzung ab“ (Cross & Warren 1984). Die Gründe hierfür sind vielfältig. Angeführt werden u. a.: mangelnde Klärung gegenseitiger Erwartungen, keine Messung von Ergebnissen, Unfähigkeit des Therapeuten, mit Kritik umzugehen, unangemessene Grenzen, wenig konkrete Hinweise, keine Verbesserung und sogar Verschlimmerung von negativen Einstellungen (vgl. Schwartz & Flowers 2010).

1.1.3 Erfolgskontrolle?

Ich frage mich: Wie streng kontrollieren Krankenkassen in Deutschland eigentlich therapeutische Erfolge?

Moderne Verfahren brauchen unzählige Jahre, um anerkannt zu werden. Es gibt also längst effizientere Ansätze, die schnellere Erfolge bringen würden, die aber nicht von den Klienten genutzt werden, da die Krankenkassen nur die Kosten für die klassischen Methoden übernehmen. Natürlich ist eine Kostenübernahme für Klienten hilfreich und je nach Verdienst auch notwendig. Doch für unser Gesundheitssystem gäbe es Sparpotenzial und ich frage mich, warum es so lange dauert, bis modernere Verfahren anerkannt werden. Stattdessen wird aktuell etwas ganz anderes diskutiert: Die Heilpraktiker sollen in Deutschland abgeschafft werden. Gerade als Psychologin verstehe ich die Sorge um einheitliche Ausbildungsstandards und Abgrenzungsbemühungen gegenüber den Scharlatanen auf dem Markt. Doch wer legt diese Ausbildungsstandards fest? Ist nicht „Wer heilt, hat recht“ auch ein gangbarer Weg? Schließlich kann man Coaching- und Therapieergebnisse messen. In der Psychologie beschäftigen wir uns seit eh und je damit, auch wenn solche Messungen nie hundertprozentig sein können. Man kann aber bei Klienten das subjektive Empfinden erheben, inwiefern sich ihr psychischer Zustand verbessert hat. Das Feedback des Klienten ist nämlich dein Erfolg als Coach oder Therapeut; es ist nicht dein Gefühl, ob du dich in einer Intervention großartig gefühlt hast. Und es sind auch nicht irgendwelche Zertifikate, die deine persönliche „Hall of Fame“ pflastern.

Bereits vor der Corona-Pandemie berichten Studien, dass vier von zehn Deutschen irgendwann im Laufe ihres Lebens an einem psychischen Leiden erkranken werden (vgl. z. B. Rabe-Menssen et al. 2020). Laut Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) wird ein weiterer Anstieg der psychischen Erkrankungen durch die Spätfolgen der Pandemie erwartet. Da Psychologische Psychotherapeuten Wartezeiten von drei, sechs oder zwölf Monaten haben, frage ich mich, wie lange man noch warten möchte, bis Coaches, die sich für kurzzeittherapeutische Interventionen qualifizieren und gute Ergebnisse nachweisen können, von Krankenkassen zugelassen werden.

Grenzinfo! Auch wenn der Titel „Coach“ aktuell gesetzlich nicht geschützt ist, arbeitest du natürlich nicht in einem rechtfreien Raum. Gerade weil ein gesetzlicher Leitfaden fehlt, musst du dich unbedingt bei deiner Arbeit im Grenzbereich absichern. Du musst dich mit dem Heilpraktiker- und dem Psychotherapeutengesetz auseinandersetzen, um nicht mit den dort getroffenen Regelungen in Konflikt zu geraten (mehr dazu in Kapitel 2).

Die im Buch beschriebenen Methoden funktionieren in der Regel sowohl bei psychisch „gesunden“ als auch bei „kranken“ Menschen. Es sind durchweg sehr effektive Coachingmethoden, die nicht Teil eines wissenschaftlichen Kanons sind. Das ist wichtig, denn du kannst sie deshalb auch ohne Heilerlaubnis verwenden, allerdings nur in den erlaubten Coachingbereichen, die in den Kapiteln 2 und 4 genauer erläutert werden. Impliziert eine Methode (z. B. EMDR), dass sie Erkrankungen heilen könnte, solltest du sie als Coach nur anwenden, wenn du über eine Heilerlaubnis verfügst. Andernfalls könnte der Verdacht aufkommen, du wolltest ohne Heilerlaubnis heilen. Auch Methoden, die Unbewusstes aufdecken (z. B. Hypnose oder Imaginationsverfahren), darf ein Coach ohne Heilerlaubnis nicht anwenden.

Käme es zu einem Gerichtsverfahren, müsstest du als Coach ohne Heilerlaubnis nachweisen können: Die von dir eingesetzten Verfahren sind eindeutig in ihrer Wirkung derart beschränkt und begrenzt, dass sie auch ohne medizinisches Fachwissen einsetzbar sind und keinerlei Schaden anrichten können, auch nicht bei Menschen mit bestehenden Erkrankungen jeglicher Art (vgl. Hürten 2011).

Grenzinfo! In vielen Fällen zeigt sich die Grenze zwischen Coaching und Therapie dort, wo dein Klient körperliche Symptome und sein psychisches Thema einen starken Einfluss auf viele seiner Lebensbereiche hat.

In Kapitel 4 wirst du durch die häufigsten psychischen Leiden geführt und es werden dir die Grenzbereiche aufgezeigt.

1.2 Mission

Coaching ohne Grenzen? So sieht es inzwischen aus. Während in seinen Anfängen in den 1970er-Jahren Coaching langsam im Leistungssport bekannt wurde (Timothy Gallwey, The inner game of Tennis, erstmals erschienen 1975) und in den 1980er-Jahren in den Business-Bereich übertragen wurde, hat man seit den 1990er-Jahren das Gefühl, dass überall gecoacht wird. Neulich habe ich in der Nähe von Salzburg auf dem Blaumann eines Tankwarts gelesen: „Ich bin Ihr Tank-Coach“. Es sind also nicht nur die Wirkungsfelder, in denen sich Coaching ausbreitet, sondern der Begriff wird zudem inflationär verbreitet.

Allerdings ist nicht überall, wo Coaching draufsteht, auch echtes Coaching drin. Jemand, der mich zu einer Tankfüllung berät, ist noch lange kein Coach im klassischen Verständnis, sondern ein „Fachmann“, der mir einen Tipp gibt. Auch im Business-Bereich finden sich Coaches, die Experten oder Berater sind und laut Coaching-Definition nicht coachen, auch wenn sie selbst glauben, es zu tun.

Der Coach zeichnet sich dadurch aus, dass er fragend an den Klienten herantritt und nur das Vehikel ist, damit der Klient seine Lösung im Kopf selbst kreiert. Das Bild von der Kutsche (eine der Übersetzungen des englischen Wortes coach), die jemanden von A nach B bringt, wird in vielen Definitionen von Coaching verwendet. Dass es nicht immer diese Reinform sein kann, ist logisch. Es gibt Unternehmen, Fälle und Klienten, die auch einen Anteil an Expertenberatung benötigen, um weiterzukommen. Coaching ist also häufig eine Mischung mit Anteilen aus Beratung und Training. Diesen Unterschied machen wir Coaches, in der Regel aber nicht der Klient; für ihn ist das alles das Gleiche. Umso wichtiger ist die gegenseitige Klärung der Erwartungen zu Beginn des Coachings (vgl. Kapitel 3.2.4, Auftragsklärung).

Du siehst also, der Markt ist groß und inzwischen auch gut umkämpft. Umso kreativer darfst du werden, um dein persönliches Coachingfeld zu finden. Folgende Fragen solltest du dir also stellen:

Was ist deine Mission als Coach?

Wofür trittst du an?

Was sind deine inneren Motive?

Wo liegen deine Fähigkeiten und Fertigkeiten?

Welche Kontexte kennst du gut?

Was genau ist dein Ziel als Coach?

Welcher Coach-Typus bist du? Vollzeitcoach? Teilzeitcoach? Oder nutzt du einfach Coachingtools in deinem bisherigen Kontext?

Als Coach findest du viele Betätigungsfelder. Zentrale Themen im Business-Coaching sind Führungsthemen, die Reflexion von neuen Rollen und Rollenwechsel oder Persönlichkeitsentwicklung und Potenzialentfaltung. Coaching in Hinblick auf neue Positionen und der damit verbundenen Änderung der Aufgaben und Funktionen gehören auch dazu, vor allem bei Changeprozessen in Unternehmen. Ferner gibt es im Business-Coaching für dich Aufgabenfelder wie Konfliktmanagement, Karrierecoaching, Selbst- und Stressmanagement und weitere Gesundheitsthemen am Arbeitsplatz (vgl. Rauen 2020).

Das sind aber bei weitem nicht alle Coachingfelder: Du findest im Life-Coaching Themen für fast alle Lebenslagen (Leben, Erfolg, Ernährung, Bewegung, Sport, Glück, Beziehung …), Coaching für alle Altersgruppen (Erwachsene, Senioren, Auszubildende, Schüler, Kinder) und die unterschiedlichsten Settings (einzeln oder in Gruppe, online, hybrid etc.). Deiner Fantasie, dein eigenes Feld zu eröffnen, sind also keine Grenzen gesetzt.

Wenn du die obenstehenden Fragen beantwortet und für dich herausgefunden hast: Du coachst im Gesundheitsbereich oder du hast (egal in welchem Kontext) mit Menschen zu tun, bei denen psychische Leiden vorliegen und du möchtest hier tätig werden, dann ist dieses Buch für dich genau richtig. Auch als Business-Coach solltest du erkennen, ob es sich bei dem Problem eines Projektmanagers um mangelnde Motivation oder einen Burnout handelt. Auch wenn du den Fall nicht selbst behandelst, bist du als Coach dennoch dafür verantwortlich, deinen Klienten in die richtigen Hände zu geben. D. h., ihn so zu begleiten, dass du ihn an die richtigen Ansprechpartner verweist und dich vergewisserst, dass sich dein Klient auch dort gemeldet hat.

Erkenne also deine Mission, dein Ziel und mache dich vertraut mit den unterschiedlichsten Facetten der Psyche des Menschen. Und dann mache dich auf den Weg.

1.3 Haltung

Schon Sokrates sagte: „Der Kluge lernt aus allem und von jedem, der Normale aus seinen Erfahrungen und der Dumme weiß alles besser.“ Da du sicher zu der ersten Kategorie zählst, spürst du, wie du in jedem Coaching dazulernst. Mit jedem Klienten kommst du inhaltlich ein Stück weiter und sogar ein Stück näher an dich heran. Du erkennst deine Werte, dein Glaubenssystem, dein Wissen, deine Fähigkeiten und Fertigkeiten und auch deine Grenzen. Dein Selbst- und Fremdbild nähern sich so an, dass du als gereifte Person mit viel Erfahrung und mit einem guten Gefühl arbeiten kannst.

Grenzinfo! Gerade beim Coaching im Grenzbereich, dort, wo du mit Klienten konfrontiert wirst, die mit psychischen Leiden zu kämpfen haben, wirst du eine innere Selbstsicherheit brauchen, die bei deinem Klienten als Klarheit ankommt. Mut und Respekt dürfen sich die Waage halten, damit du nicht übermütig an alles herangehst, dich aber trotzdem traust, selbstbewusst in grenznahen Themen mit deinen Methoden zu arbeiten. Den Respekt solltest du hochhalten, denn das hilft dir, deine Grenzen zu erkennen. Du darfst und sollst dir jederzeit Unterstützung von medizinisch tätigen Kollegen holen, sobald du spürst, dass dich das Thema deines Klienten überfordert und / oder es deine rechtlichen Möglichkeiten übersteigt.

Dazu kommt mir ein Dialog in den Sinn, den ich mit einem Portugiesen führte; er war am Meer aufgewachsen. Es war ein Sommertag und am Ufer brachen die Wellen sehr hoch. Ich dachte mir, ich könnte mich mit meinem Surfbrett durch die Wellen durchkämpfen und hinter ihnen surfen. Es war sonst niemand auf dem Wasser. Der Portugiese sagte zu mir: „Du bist mutig. Ich weiß nicht, ob ich heute surfen gehen würde. Ich habe zwar keine Angst vor dem Meer, aber sehr großen Respekt. Das Meer ist manchmal unberechenbar.“ Das gilt auch für die menschliche Psyche, sie ist unergründlich. Ich bin an diesem Tag nicht surfen gegangen, da ich auf das Urteil des Fachmanns vertraut habe.

Letztes Jahr in Vietnam habe ich mich in die Wellen gewagt. Ich habe aber erstmal lange beobachtet, wie die anderen Surfer mit den Wellen umgingen und dann einen Lehrer am Strand gefragt, wie ich am besten hinter die Wellen gelange. Es ist gut gegangen und ich habe mich sicher gefühlt. Jetzt weiß ich, wie es geht. Denn: „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht“ (Franz Kafka). Du spürst also die Gratwanderung zwischen Mut und Respekt, die in unserem Feld essentiell ist. In Kapitel 5 („Notfallkoffer“) wirst du noch mehr Rüstzeug zu diesem Thema erhalten.

An dieser Stelle möchte ich dir unbedingt mitgeben, welche Haltung generell im Coaching wichtig ist. Die Verbindung aus den Grundannahmen des Neurolinguistischen Programmierens und des Systemischen Coachings, die ich dir im Folgenden zeige, haben mich in meiner langjährigen Tätigkeit als Coach am meisten überzeugt:

1. Neutralität als Grundhaltung: Menschen entspannen sich im Coaching, sobald Sie spüren, dass sie ein Gegenüber haben, das sich neutral bezüglich ihrer Themen, Sichtweisen und Werte verhält. Neutral heißt für mich nicht gefühllos, sondern respektvoll-wertschätzend und einigermaßen tabufrei. Du gibst deinem Klienten die Möglichkeit alles auszusprechen, was er denkt und fühlt und bietest ihm als Coach eine Projektionsfläche dafür an. Das ist sehr hilfreich für Klienten, denn das können sie in ihrem Umfeld oft nicht. Du nimmst deinem Klienten damit die Scham, über seine Themen zu sprechen, und die Schuldgefühle, dass er etwas für sein Leiden kann. Alle Menschen sind gut so, wie sie sind. In dieser Gesamthaltung kann sich dein Klient in Ruhe sortieren und Richtung Lösung marschieren. Es gibt sicher Situationen, in denen eine Meinung wichtig ist und die Neutralität aufgehoben werden sollte, das hat aber Zeit und muss nicht gleich am Anfang geschehen. Ich meine hier Situationen, in denen dein Klient z. B. ungerecht behandelt wird und die Lösung darin liegen würde, dass er sich ermutigt fühlt, sich durchzusetzen.

2. Ich weiß, dass ich nichts weiß: Als Coach formulierst du Hypothesen nicht aus einer überlegenen, sondern aus deiner bescheidenen Haltung auf Augenhöhe heraus. Du weißt also nicht, was für deinen Klienten gut ist. In einer systemischen Ausbildung habe ich einmal gelernt, dass ich in den ersten fünf Minuten meine Hypothese dazu bilde, was m. E. gut für den Klienten ist. Ich schreibe sie auf – und streiche sie rot durch. Dieser Trick hat mir sehr geholfen, denn meine Lösung ist fast nie die Lösung, die der Klient am Ende der Stunde für sich generiert hat. Coaches befähigen den Klienten zur Lösungsfindung. Der Klient kann eine im Coaching generierte Lösung, die ihm und seinen Ressourcen entspricht, viel besser in sein Repertoire integrieren und umsetzen als irgendeine Fremdlösung.

3. Lösungsorientierung statt Problemorientierung: Coaching ist kein Kummerkasten. Natürlich muss der Klient sein Thema schildern. Es ist aber sinnvoll, die Schilderung möglichst kurz zu halten, denn als Coach willst du, dass dein Klient zügig aus seiner Problemtrance herauskommt und sich auf einen ressourcenvollen Lösungsweg begibt. Konkret für deine Coachingeinheit bedeutet das, dass du maximal 10 Prozent der Zeit auf das Problem deines Klienten verwendest und 90 Prozent für die Lösungsfindung. Alle Ressourcen sind an Bord, d. h., als Coach vertraust du darauf, dass die meisten Ressourcen im Klienten angelegt sind, dass er sie nur gerade nicht abrufen kann oder dass sie noch besser gelernt werden müssen. Dazu ist Modellieren von Exzellenz ein guter Weg. Du suchst mit deinem Klienten nach Vorbildern, um die Ressourcen oder das Verhalten herauszuarbeiten, die er gerne hätte. Definiere wohlformulierte Ziele mit deinem Klienten, damit er sich auf einen positiven Lösungsweg begeben kann.

4. Die Wirklichkeit sind nur Gedanken über die Wirklichkeit: Die Realität an sich gibt es nicht, sie ist immer subjektiv. Menschen reagieren auf ihre Erfahrungen und nicht auf die Wirklichkeit an sich. Erfahrungen sind für uns eine Landkarte, die aber nie so genau ist, dass sie das reale Gebiet darstellen kann. Vielleicht bist du schon einmal mit einem Navigationssystem gefahren und hast dich gewundert, dass du an einer Stelle abbiegen solltest, an der es gar keine Möglichkeit dazu gab. So ähnlich ist das auch mit unseren Landkarten im Kopf. Vielleicht ist das Gebiet deines Klienten viel größer als seine Landkarte. Vielleicht hat er übersehen, dass es doch eine Brücke über den Fluss gibt. Als Coach beleuchtest und erweiterst du deinem Klienten seine Landkarte.

5. Wahlmöglichkeiten öffnen: Unser Handeln dient mindestens einem Zweck, sonst würden wir Menschen nicht handeln. Meist verfolgt dein Klient auch eine positive Absicht damit und oft handelt er auch nach seiner bestmöglichen Option. Er kennt aber auch nicht jeden Kontext. Manche Wahl, die dein Klient in einer Sache getroffen hat, ist nicht für jeden Kontext gleichermaßen gut geeignet. Als Coach hast du die Aufgabe, die Wahlmöglichkeiten deines Klienten zu vergrößern. Du öffnest ihm seinen Blick und lässt ihn den Tunnel wieder so breit machen, dass das Licht sichtbar wird. Dann kann dein Klient wieder handeln, und wer handelt lernt.

6. Körper, Geist und Seele bilden eine Einheit: Diese drei Komponenten beeinflussen sich gegenseitig. Du kannst nicht auf einen Part einwirken, ohne den anderen zu verändern. Wenn dein Klient anders anfängt zu denken, dann handelt er auch anders, und umgekehrt. Denke daran, dass Menschen ein starkes Unbewusstes in sich tragen. Arbeite also nicht nur im Verstand, denn dann hast du nur ein Siebtel der Möglichkeiten genutzt. Sechs Siebtel Unbewusstes enthalten ungeahnte Ressourcen. Bearbeite das Unbewusste also immer mit.

Die beschriebenen inneren Haltungen haben keine Priorisierung, sondern du als Coach solltest sie alle immer beachten.

Ich hoffe, dass dir nach der Lektüre des Buches auch klar ist, warum Coaching gut bezahlt werden darf. Es gibt Menschen da draußen, die wissen gar nicht, auf wie vielen Ebenen wir Coaches denken und arbeiten. Bei gut geübten Coaches wirken die Coachingeinheiten oft leicht. Dabei ist Coaching viel mehr als ein normales Gespräch. Es ist eine gelernte und klar strukturierte Vorgehensweise, verbunden mit der Kunst, alles Mögliche wahrzunehmen und viele Ebenen parallel mitzugehen (mehr dazu in Kapitel 3). Professionelles Coaching erfordert eine hohe Konzentration, Hingabe und Abgrenzung zugleich, Kreativität und zum Teil auch Superskills, um im Unbewussten tätig zu werden. Coaching ist daher auch nicht vergleichbar mit einer Besprechung. Und Coaching ist keinesfalls identisch mit: „Können wir mal eben einen Kaffee zusammen trinken gehen?“ In meiner Anfangszeit als Coach ist mir das als „freundschaftliche Anfrage“ ab und zu begegnet. Coaching ist ein vielschichtiges und zugleich veränderndes Gespräch, das in ein professionelles Setting gehört.

Für deinen Klienten im Grenzbereich bist du oft die erste heilsame Instanz. Denn mit deinem Wissen, Können und deiner professionellen Haltung bietest du ihm einen Spiegel, in dem er seine heilen Anteile sehen, sich mit ihnen verbinden und daraus seine Lösung generieren kann.

2. Grenzsicherung

2.1 Rechtliche und fachliche Grenzen

2.1.1 Grenzerkundung Deutschland

Wie im ersten Kapitel bereits erwähnt, darfst du als Coach nur gesunde Menschen beraten. Nach § 5 Absatz 1 HeilPrG (Heilpraktikergesetz) macht sich strafbar, wer ohne staatliche Erlaubnis heilkundlich tätig wird. Dieses Gesetz wurde 1939 geschaffen, um die Bevölkerung vor Gesundheitsgefährdungen durch Unberufene zu schützen (BVerfGE, 78). Der deutsche Staat möchte damit präventiv die Kontrolle über fachliche Eignung, Wissen, Fähigkeiten, Ausbildung und persönliche Befähigung für den Heilkundeberuf haben. Für Ärzte gilt die Bundesärzteordnung (§ 2, Abs.1), nach der sie eine Approbation vorweisen müssen (vgl. Meier 2015).

Grenzinfo! Das bedeutet: Wenn du keine Heilerlaubnis besitzt und auch kein Arzt oder approbierter Psychotherapeut bist, versichere dich bitte vor deinem Coaching, dass dein Klient geistig und körperlich gesund ist. Am einfachsten weist du ganz deutlich in einem Anmeldeformular darauf hin. Du kannst mit diesem Formular auch gleich die Daten deines Klienten erfassen, etwas über deine Methode schreiben und dir außerdem von ihm unterschreiben lassen: Ihm ist bewusst, dass ein Coaching keinen Arztbesuch und keine Therapie ersetzt und dass er bei voller psychischer und körperlicher Gesundheit ist.

Wichtig: Ein solches Formular begrenzt nicht deine Haftung! Du musst trotzdem immer darauf achten, dass du ohne Heilerlaubnis nicht an psychischen Störungen arbeitest. Allein der oben beschriebene Ausschluss könnte darauf hindeuten, dass die von dir angewandten Methoden geeignet sind, Menschen mit Störungen zu gefährden. Du siehst also, dieses Feld ist nicht so einfach.