Cold - Alex Cross 17 - - James Patterson - E-Book

Cold - Alex Cross 17 - E-Book

James Patterson

4,3
9,99 €

Beschreibung

Wenn das lebensnotwendige Wasser zur tödlichen Gefahr wird …

Die Kinder des amerikanischen Präsidenten werden entführt, und Profiler Alex Cross ist zufällig einer der Ersten am Ort des Geschehens. Doch jemand mit sehr viel Macht scheint ihn davon abhalten zu wollen, den Fall zu übernehmen. Wenig später gelangt ein tödliches Gift in die Wasservorräte von Washington, D.C. Die Zeit zerrinnt Alex zwischen den Fingern. Kurz entschlossen trifft er eine verzweifelte Entscheidung, die alles infrage stellt, woran er jemals geglaubt hat – eine Entscheidung, die das Schicksal eines ganzen Landes für immer verändern könnte.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 372

Bewertungen
4,3 (30 Bewertungen)
16
7
7
0
0



Buch

Als die beiden Kinder des amerikanischen Präsidenten entführt werden, ist der charismatische Profiler Alex Cross zufällig einer der Ersten am Ort des Geschehens. Alex, selbst Familienvater, will sich in die Ermittlungen stürzen – doch jemand mit viel Macht und Verbindungen zum FBI, zum Secret Service und zur CIA scheint eine Menge dagegen zu haben, dass ausgerechnet er den Fall übernimmt.

Während Alex im Dunkeln tappt, breitet sich eine Panikwelle in Washington, D.C., aus: Das Trinkwassersystem der Stadt wurde mit Zyanid verseucht, die ersten Todesopfer sind bereits geborgen. Alex findet Hinweise darauf, dass der verheerendste Anschlag geplant ist, der die Vereinigten Staaten von Amerika jemals erschüttert hat. Er muss den Verursacher der Trinkwasservergiftung finden, doch die Zeit zerrinnt ihm zwischen den Fingern. Kurz entschlossen trifft Alex eine verzweifelte Entscheidung, die alles infrage stellt, woran er jemals geglaubt hat – eine Entscheidung, die das Schicksal eines ganzen Landes für immer verändern könnte …

Autor

James Patterson, geboren 1949, war Kreativdirektor bei einer großen amerikanischen Werbeagentur. Seine Thriller um den Kriminalpsychologen Alex Cross machten ihn zu einem der erfolgreichsten Bestsellerautoren der Welt. Inzwischen erreicht auch jeder Roman seiner packenden Thrillerserie um Detective Lindsay Boxer und den »Women’s Murder Club« regelmäßig die Spitzenplätze der internationalen Bestsellerlisten. James Patterson lebt mit seiner Familie in Palm Beach und Westchester, N.Y.

Liste lieferbarer Titel:

Die Alex-Cross-Romane: Stunde der Rache (7; 35892) · Mauer des Schweigens (8; 35988) · Vor aller Augen (9; 36167) · Und erlöse uns von dem Bösen (10; 36232) · Ave Maria (11; 26406) · Blood (12; 36855) · Dead (13, 37204) · Fire (14, 37266) · Heat (15; 37263)

Der Women’s Murder Club: Der 1. Mord (36919) · Die 2. Chance (36920) · Der 3. Grad (36921) · Die 4. Frau (36756) · Die 5. Plage (37037) · Die 6. Geisel (37228) · Die 7 Sünden (37585) · Das 8. Geständnis (37232) · Das 9. Urteil (37233)

James Patterson und Liza Marklund:Letzter Gruß (37739)

James Patterson

Cold

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Leo Strohm

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »Kill Alex Cross« bei Little, Brown and Company, Hachette Book Group USA, New York.
Ausgabe August 2013 bei Blanvalet, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München. Copyright © by James Patterson, 2011 Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2011 by Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München. Published by arrangement with Linda Michaels Ltd., International Literary Agents. Covergestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (© Stefano Cavoretto, © Hunter Bliss) Redaktion: text in form, Gerhard Seidl DF · Herstellung: sam Satz: Uhl + Massopust, Aalen ISBN: 978-3-641-08760-9V003
www.blanvalet.de

Für Steve Bowen, Leopoldo Gout, Stuart Manashil und Bill Block – die vier Musketiere

Erstes Buch

____________________________________________

VERSCHOLLEN

1Es begann mit den Kindern von Präsident Coyle, Ethan und Zoe, prominente Persönlichkeiten mit einem hohen Bekanntheitsgrad, und das wahrscheinlich nicht erst seit ihrem Umzug nach Washington.

Der zwölfjährige Ethan Coyle war der Meinung, er hätte sich mit dem Leben unter den sezierenden Blicken der Öffentlichkeit arrangiert. Daher nahm er die Kamerateams, die ständig vor den Toren der Branaff School lauerten, kaum mehr wahr. Im Gegensatz zu früher regte er sich auch nicht mehr darüber auf, wenn ihn irgendein Mitschüler, den er nicht einmal kannte, im Flur, in der Turnhalle oder womöglich sogar auf der Toilette fotografierte.

Manchmal tat Ethan einfach so, als sei er unsichtbar. Das war natürlich ziemlich kindisch, schwachsinnig irgendwie, aber wen interessierte das? Der Vorschlag stammte sogar von einem der netteren Typen vom Secret Service. Der hatte Ethan erzählt, dass Chelsea Clinton es früher genauso gemacht hatte. Aber wer konnte schon sagen, ob das wirklich stimmte?

Als Ethan an diesem Morgen Ryan Townsend auf sich zukommen sah, da hätte er sich allerdings am liebsten tatsächlich unsichtbar gemacht.

Ryan Townsend hatte es ständig auf ihn abgesehen, und das lag nicht etwa daran, dass Ethan unter Verfolgungswahn litt. Er konnte jede Menge blauvioletter oder gelblicher Flecken vorweisen – Flecken, wie sie nach einem harten Schlag oder einem gezielten Tritt zurückbleiben.

»Alles klar, Coyle-Suse?«, fragte Townsend und steuerte direkt auf ihn zu, mit diesem Gesichtsausdruck, den Ethan nur all zu gut kannte. »Oder hat die Coyle-Suse mal wieder ’nen schlechten Tag erwischt?«

Ethan hatte mittlerweile gelernt, dass er seinem Peiniger auf keinen Fall antworten durfte. Stattdessen bog er scharf nach links ab, in den Gang mit den Bücherschränken. Aber das war sein erster Fehler. Jetzt saß er in der Falle. Schon spürte er einen scharfen, stechenden Schmerz am Oberschenkel. Townsend hatte ihn, ohne seine Schritte wesentlich zu verlangsamen, einfach getreten. »Streifschüsse« nannte er diese kleinen Zwischenfälle.

Was Ethan jetzt nicht machte, war, laut aufzuschreien oder mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden zu gehen. Das hatte er sich geschworen: Er würde sich niemals anmerken lassen, was er fühlte.

Stattdessen ließ er seine Bücher fallen und ging in die Hocke, um sie wieder aufzuheben. Das war feige und hasenfüßig, klar, aber wenigstens konnte er so sein Bein für einen Moment entlasten, ohne dass die ganze Welt erfahren musste, dass Ryan Townsend ihn als Sandsack und Treteimer benutzte.

Nur, dass es dieses Mal noch jemand beobachtet hatte – und zwar nicht der Secret Service.

Ethan war gerade damit beschäftigt, das Millimeterpapier in seine Mathemappe zurückzupacken, da hörte er eine vertraute Stimme.

»He, Ryan. Bei dir auch alles klar?«

Ethan hob den Kopf und bekam gerade noch mit, wie seine vierzehnjährige Schwester Zoe sich vor Townsend aufbaute.

»Das hab ich gesehn«, sagte sie. »Hättste nicht gedacht, was?«

Townsend legte seinen blonden Lockenkopf schräg. »Keine Ahnung, was du meinst. Warum kümmerst du dich nicht um d …«

Plötzlich, wie aus dem Nichts, hatte Zoe ein schweres, gelbes Schulbuch in den Händen. Sie holte aus und hieb es Townsend mit voller Wucht mitten ins Gesicht. Aus seiner Nase spritzte rotes Blut. Er taumelte nach hinten. Es war großartig!

Aber dann war auch schon Schluss, und der Secret Service schaltete sich ein. Agent Findlay hielt Zoe fest, und Agent Musgrove drängte sich zwischen Ethan und Townsend. Ein ganzer Haufen Sechst-, Siebt- und Achtklässler war schon stehen geblieben und glotzte, als wäre das Ganze eine neue Reality-Sendung im Fernsehen – Die Präsidentenkinder.

»Ihr seid solche Loser!«, brüllte Townsend Ethan und Zoe an, während das Blut auf seine Branaff-Krawatte und sein weißes Hemd tropfte. »Zwei bescheuerte Vollidioten. Ohne diese SS-Typen, die euch die ganze Zeit bewachen, hättet ihr ja überhaupt keine Chance!«

»Ach, ja? Erzähl das mal meinem Mathebuch«, schrie Zoe zurück. »Und lass gefälligst meinen Bruder in Ruhe! Du bist größer und älter als er, du Blödmann! Arschloch!«

Ethan kauerte immer noch vor den Schränken, wo sich die Hälfte seiner Schulsachen auf dem Boden verteilt hatte. Und für einen kurzen Moment, für ein, zwei Sekunden vielleicht, tat er so, als sei er einfach nur einer unter vielen – bloß ein namenloser Schuljunge, von dem noch nie jemand gehört hatte, der einfach nur dastand und zusah, wie irgendein anderer diesen ganzen Wahnsinn erleben musste.

Ja, na klar, dachte Ethan. Im nächsten Leben vielleicht.

2Agent Findlay brachte Ethan und Zoe schnell und professionell aus dem Blickfeld ihrer gaffenden Mitschüler und, noch schlimmer, derjenigen, die ihre iPhones in die Höhe hielten: Hallo, YouTube! Innerhalb weniger Sekunden stand er mit ihnen in der leeren Aula, gleich neben der Eingangshalle.

Bevor eine Bildungsstiftung der Quäker das Anwesen übernommen und zur Schule umfunktioniert hatte, war die Branaff School das Hofgut Branaff gewesen. Hartnäckig hielt sich unter den Schülern das Gerücht, dass hier Gespenster ihr Unwesen trieben, und zwar nicht die Geister der guten Menschen, die hier gestorben waren, sondern die der verärgerten Nachfahren der Branaffs, die hatten weichen müssen, um einer Privatschule Platz zu machen.

Ethan glaubte zwar nicht an diesen ganzen Mist, aber die Aula war ihm schon immer besonders unheimlich vorgekommen. An den Wänden hingen alte Ölporträts, von denen aus jeder, der an ihnen vorbeikam, mit missbilligenden Blicken bedacht wurde.

»Dir ist doch klar, dass der Präsident das erfahren wird, Zoe. Die Schlägerei, deine Ausdrucksweise gerade eben«, sagte Agent Findlay. »Und Direktor Skillings natürlich auch …«

»Na klar, machen Sie einfach, wofür Sie bezahlt werden«, erwiderte Zoe und zuckte die Achseln. Sie legte ihrem Bruder die Hand auf den Kopf. »Alles in Ordnung, Eth?«

»Alles bestens«, sagte er und schob sie weg. »Körperlich jedenfalls.« Seine Würde stand auf einem anderen Blatt, aber das war ihm jetzt zu kompliziert, darüber konnte er im Moment nicht nachdenken.

»Wenn das so ist«, meinte Findlay, »dann sollten wir uns nicht länger aufhalten. In fünf Minuten fängt der Vortrag an.«

»Na klar«, meinte Zoe mit einer abfälligen Handbewegung. »Der Vortrag. Wie könnten wir den vergessen?«

Die Gastrednerin des heutigen Vormittags war Isabelle Morris, eine der führenden Mitarbeiterinnen des Instituts für Internationale Politik in Washington, D. C., und außerdem ehemalige Schülerin der Branaff School. Im Gegensatz zu fast all seinen Mitschülern freute sich Ethan auf Ms Morris’ Vortrag über ihre Erfahrungen im Nahen Osten. Er wollte später auch für die Vereinten Nationen arbeiten. Warum nicht? Er hatte schließlich ziemlich gute Beziehungen, nicht wahr?

»Können Sie uns vielleicht einen winzig kleinen Augenblick alleine lassen?«, wandte Zoe sich an Findlay. »Ich würde gerne kurz mit meinem Bruder reden … unter vier Augen.«

»Ich hab doch gesagt, alles in Ordnung. Kein Problem«, beharrte Ethan, doch seine Schwester brachte ihn mit einem wütenden Blick zum Schweigen.

»Er kann irgendwie freier reden, wenn Sie nicht dabei sind«, fuhr Zoe als Reaktion auf Findlays skeptischen Blick fort. »Und hier hat man ja nicht oft die Gelegenheit zu einem vertraulichen Gespräch, wenn Sie verstehen. Bitte nehmen Sie’s nicht persönlich.«

»Kein Problem.« Findlay warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Einverstanden«, sagte er dann. »Aber nicht mehr als zwei Minuten.«

»Zwei Minuten, okay. Wir kommen gleich raus, ich versprech’s«, sagte Zoe und drückte die schwere Holztür hinter ihm ins Schloss.

Ohne ein Wort zu Ethan glitt sie zwischen den alten Sitzbänken hindurch ans hintere Ende des Saals. Dort hüpfte sie auf den Heizkörper unter dem Fenster.

Sie schob die Hand in den blaugrauen Blazer ihrer Schuluniform und holte eine kleine schwarze Lackschachtel heraus. Ethan erkannte sie sofort. Die hatte seine Schwester sich in Peking gekauft, wo sie im Sommer zusammen mit ihren Eltern gewesen waren.

»Ich brauch jetzt ’ne Kippe«, flüsterte Zoe. Dann grinste sie verschlagen. »Kommst du mit?«

Ethan warf einen Blick zur Tür. »Aber … ich will den Vortrag nicht verpassen.«

Zoe verdrehte die Augen. »Oh, ich bitte dich. Bla bla bla, der Nahe Osten, bla bla. Das kriegst du doch alles auf CNN zu sehen, jeden Tag in der Woche, rund um die Uhr. Aber wann hast du schon mal die Gelegenheit, dem Secret Service ein Schnippchen zu schlagen? Nun komm schon!«

Ethan steckte schwer in der Klemme, und das wusste er auch. Entweder sah er – wieder einmal – so aus wie der letzte Feigling, oder er würde den Vortrag verpassen, auf den er sich schon die ganze Woche gefreut hatte. Es gab kein Entrinnen.

»Es wäre aber besser, wenn du nicht rauchen würdest«, sagte er schwächlich.

»Ja, genau, und für dich wär’s besser, wenn du nicht so oft den Schwanz einziehen würdest«, gab Zoe zurück. »Dann würden solche Arschlöcher wie Ryan Townsend auch nicht pausenlos über dich herfallen.«

»Das liegt doch bloß daran, dass Dad der Präsident ist«, meinte Ethan. »Das stimmt doch, oder?«

»Nein. Es liegt daran, dass du ein Weichei bist«, sagte Zoe. »Mit mir legt sich doch auch keiner von diesen Dumpfbacken an, oder?« Sie machte das Fenster auf, schob sich mühelos hindurch und landete draußen auf dem Boden. Zoe hielt sich für eine zweite Angelina Jolie. »Wenn du nicht mitkommen willst, dann lass mir wenigstens eine Minute Vorsprung. Okay, Großmutter?«

Eine Sekunde später war sie verschwunden.

Ethan warf noch einen letzten Blick zurück in den Saal. Dann traf er die einzige Entscheidung, mit der er sich wenigstens einen winzigen Bruchteil seiner Würde erhalten konnte. Er machte es seiner Schwester nach und stieg zum Aula-Fenster hinaus … um gleich darauf in Schwierigkeiten zu landen, die er sich nicht einmal ansatzweise vorstellen konnte.

Die sich niemand vorstellen konnte.

3Kaum war die Aulatür hinter Agent Findlay ins Schloss gefallen, drückte er kurz die Klinke – die Tür war nicht verschlossen. Dann beobachtete er den Sekundenzeiger seiner Edelstahl-Breitling. »Ich gebe ihnen noch fünfundvierzig Sekunden«, sagte er in das Mikrofon an seinem Ärmelaufschlag. »Danach geht T. Rex zum Vortrag und Twilight zum Direktor.«

Der Präsident und die First Lady wollten Ethan und Zoe eine möglichst normale Schulzeit ermöglichen. Und dazu gehörten eben auch Konflikte – in einem vernünftigen Rahmen. Das war natürlich leichter gesagt als getan. Zoe Coyle benahm sich nicht immer vernünftig. Um ehrlich zu sein, fast nie. Sie war kein böses Kind. Aber ein Kind. Eigensinnig. Schlau. Und ganz vernarrt in ihren kleinen Bruder.

»Ich schätze, ich kann mich auf einen gewaltigen Anschiss gefasst machen«, funkte Findlay leise. »Aber das eine kann ich dir sagen. Dieser Ryan Townsend ist ein kleiner Scheißkerl. Aber von mir hast du das nicht.«

»Wie der Vater so der Sohn«, funkte Musgrove zurück. »Das Bürschchen hat es nicht anders verdient. Zoe hat der Arschgeige ordentlich eins übergebraten.«

Leises Gelächter hallte durch den Äther. Ryan Townsends Pa war Fraktionssprecher der Opposition und ein fanatischer Gegner so gut wie aller Initiativen, die Präsident Coyle jemals angestoßen oder an die er auch nur gedacht hatte. Manchmal kam einem die Branaff School vor wie Washington im Miniaturformat. Was sie in gewisser Weise auch war.

Findlay warf noch einen Blick auf seine Armbanduhr. Genau zwei Minuten. Die Atempause der Coyle-Kinder war zu Ende. Jetzt hieß es für alle: zurück an die Arbeit.

»Also gut, meine Damen und Herren, wir sind startklar«, sagte er in sein Mikrofon. Dann klopfte er zweimal an die Tür zur Aula und stieß sie auf.

»Die Zeit ist um. Seid ihr so wei …? Verdammt noch mal!«

Der Saal war leer.

Nein, nein, nein. Nicht das. Diese gottverdammten Kinder. Gottverdammte Zoe!

Findlays Puls schnellte hoch. Sein Blick glitt über die großen Verbundglasfenster an der gegenüberliegenden Wand.

Er ging darauf zu und öffnete sämtliche Funkkanäle an seinem Sender, um die Kommandozentrale ebenso zu erreichen wie alle Mitglieder seines Teams vor Ort.

»Zentrale, hier Apex eins. Twilight und T. Rex sind verschollen.« Seine Stimme klang dringlich, aber sachlich. Für Panik war jetzt kein Platz. »Ich wiederhole: Beide Schützlinge sind verschollen.«

Als er vor den Fenstern stand, sah er, dass alle geschlossen waren. Allerdings … eines war nicht verriegelt. Ein schneller Blick nach draußen offenbarte nichts als üppige grüne Sportplätze bis hinüber an den südlichen Zaun.

»Findlay? Was ist passiert?«

Das war Musgrove. Er stand in der Aulatür.

»Sie müssen durchs Fenster abgehauen sein«, sagte Findlay. »Ich bring sie um. Ganz ehrlich. Hätte ich schon längst machen sollen.« Die ganze Aktion war so typisch Zoe, so typisch. Für sie war das wahrscheinlich ein einziges großes Spiel, ein kleiner Schabernack mit ihren Bewachern.

»Zentrale, hier Apex eins«, funkte er erneute. »Twilight und T. Rex sind nach wie vor unauffindbar. Ich brauche eine sofortige Sperrung sämtlicher Ausgänge und Ausfahrten rund um …«

Mit einem Mal war in seinem Ohrhörer ein Getümmel zu hören. Findlay hörte Schreie und ein metallisches Knirschen. Dann zwei Schüsse.

»Zentrale, hier Apex fünf!« Jetzt dröhnte eine andere Stimme durch den Äther. »Gerade ist uns ein grauer Kastenwagen entwischt, hier am Osteingang. Fährt mit hoher Geschwindigkeit auf der Wisconsin Avenue nach Süden. Schätzungsweise hundert Sachen. Wir brauchen Verstärkung! Sofort!«

4Bobby Hatfield, ein einfacher Streifenbeamter beim Metropolitan Police Department, sah einen grauen Lieferwagen durch Georgetown brettern. Fast gleichzeitig empfing er den Notruf aus der Funkzentrale. »An alle Einheiten im Bezirk zwo-null-sechs. Mutmaßliche bewaffnete Entführung. Zwei Kinder. Ich wiederhole: Zwei Kinder! Verdächtig ist ein grauer Lieferwagen, fährt mit hoher Geschwindigkeit auf der Wisconsin Richtung Süden. Der Secret Service hat die Verfolgung aufgenommen. Erbittet Verstärkung! Bitte auf Kanal dreiundzwanzig wechseln.«

Hatfield schaltete seine Sirene ein und wendete, während ein schwarzer Yukon an ihm vorbeiraste. Alles klar. Sobald er den angegebenen Funkkanal eingestellt hatte, hörte er, wie der Secret Service die Verfolgungsjagd kommentierte.

»Wir fahren Richtung Süden. Das Kennzeichen wurde in D. C. ausgestellt, es lautet DMS acht-zwo-drei …

»Secret Service, hier MPD-Streifenwagen zwo-null-acht«, unterbrach Hatfield. »Ich bin direkt hinter Ihnen.«

»Verstanden, MPD.«

Hatfield beschleunigte, und der Yukon überließ ihm die Führung. Seine Tachonadel zeigte schon jetzt deutlich über hundertzehn Stundenkilometer an, und auch sein Adrenalinpegel hatte die kritische Marke weit überschritten. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Sache böse endete, war weitaus größer als die, dass alles gut ging.

Bei der M-Street schlingerte der Lieferwagen nach rechts. Es sah so aus, als würde er jeden Moment umkippen. Er wurde ein ganzes Stück zu weit nach außen getragen und streifte zwei parkende Autos, ohne seine Fahrt zu verlangsamen.

Hatfield driftete durch die Kurve – langsam rein, schnell raus, so wie er es gelernt hatte – und drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch, sobald der Bug des Wagens in die richtige Richtung zeigte. Dadurch machte er ein paar Meter gut, aber es reichte noch nicht.

»Verdächtiger fährt jetzt auf der M Richtung Osten«, gab er durch. »Gleich hebt er ab. Wo bleibt die Verstärkung, verdammt noch mal? Los, Leute, nun macht schon!«

Als sie kurz vor dem Rock Creek Park auf die Pennsylvania Avenue stießen, bog der Lieferwagen nach halb rechts ab. Die Straße führte auf eine Brücke, wurde breiter, und der Fahrer beschleunigte noch einmal, schlängelte sich halsbrecherisch zwischen den anderen Fahrzeugen hindurch.

Hatfield blinzelte immer wieder, um dem Tunnelblick entgegenzuwirken. Überall waren Autos und Fußgänger. Es hätte gar nicht unübersichtlicher sein können.

Das wird kein gutes Ende nehmen. Er konnte es am ganzen Körper fühlen.

Bei der Twenty-eighth Street tauchte endlich ein zweiter Streifenwagen hinter ihm auf. Hatfield erkannte die Stimme von James Walsh im Funkgerät. Walsh war einer seiner Kumpels, konnte einem aber auch ziemlich auf die Nerven gehen.

»Na, Robert, wie geht’s, wie steht’s?«

»Arschgeige. Das siehst du doch.«

»In südöstlicher Richtung auf der Pennsylvania«, fuhr Walsh fort. »Der Verdächtige fährt vollkommen unberechenbar … Anscheinend sitzt er allein im Fahrzeug, ist aber schwer zu sagen. Gleich sind wir am Washington Circle und … Scheiße! Bobby, pass auf! Pass auf!«

Der Lieferwagen jagte auf den Kreisverkehr zu, doch dann bog er nicht nach rechts ab, sondern nach links, bretterte mitten in den entgegenkommenden Verkehr. Alle versuchten, ihm irgendwie auszuweichen.

Aus Hatfields Perspektive sah es aus wie die Teilung des Roten Meers – aber dann tauchte am Ende der Öffnung ein Omnibus auf. Er war viel zu groß, um ihm ausweichen zu können. Der Fahrer des Lieferwagens riss das Lenkrad zwar noch nach rechts, aber es hatte keinen Zweck.

Er erreichte damit lediglich, dass sich vor dem Lieferwagen eine mächtige Wand aufbaute!

Hatfield stieg in die Eisen, sodass alle vier Reifen blockierten. Er ließ den Lieferwagen keine Sekunde aus den Augen.

Dieser krachte frontal und ungebremst mitten in die riesige Werbung auf der Flanke des Busses. Die Fahrerkabine wurde wie eine Ziehharmonika zusammengequetscht. Glassplitter schossen durch die Luft, und die Hinterräder des Lieferwagens hoben sich einen halben Meter vom Boden, bevor das ganze Tohuwabohu schließlich zum Stillstand kam.

Hatfield sprang sofort aus seinem Wagen. Walsh war direkt hinter ihm. Es war wie ein Wunder, aber anscheinend war der Bus gerade auf dem Weg ins Depot gewesen, jedenfalls hatte er keine Fahrgäste befördert. Allerdings hatte sich der Washington Circle in einen einzigen, kreisförmigen Auffahrunfall verwandelt.

Sekunden später waren bereits sechs Streifenwagen vor Ort.

Dann liefen überall uniformierte Polizisten herum, aber Hatfield erreichte die Heckklappe des Lieferwagens als Erster. Die grauen Metallplatten waren völlig verbogen und der Türgriff nicht mehr zu gebrauchen.

Nach der wilden Verfolgungsjagd pochte sein Herz immer noch wie verrückt, und er spürte, wie ihm das Blut in den Ohren dröhnte. Es war noch nicht vorbei. Was würden sie auf der anderen Seite dieser Klappe zu sehen bekommen? Bewaffnete Männer? Tote Männer?

Oder – noch schlimmer – tote Kinder?

5Als der erste Vorfall in dieser Kette der Ereignisse gemeldet wurde, wusste ich noch nicht, dass es sich um die Kinder der Präsidenten handelte. Niemand wusste das. Das Funkgerät hatte nur die Worte »mutmaßliche Entführung« ausgespuckt.

Ich fuhr gerade auf der K-Street in Richtung Osten und war nicht im Dienst. Der Unfall passierte keine zwei Querstraßen von mir entfernt. Daher war ich noch vor den Notärzten beim Washington Circle. Wenn ich helfen konnte, dann musste ich das tun.

Ich brauchte keine sechzig Sekunden. Ein Streifenbeamter kam mit einer Rolle Absperrband hinter mir her, während ich mich dem zerknautschten Lieferwagen näherte.

Als Erstes registrierte ich die weit geöffnete Heckklappe. Als Zweites die Tatsache, dass nirgendwo ein Entführungsopfer zu sehen war.

Und als Drittes … überall Secret Service! Manche in den üblichen schwarzen Anzügen, andere in gepflegten Jacketts, Krawatten, Hemden und Kakihosen. Sie sahen aus wie Lehrer. Nur die spiralförmigen Kabel hinter ihren Ohren deuteten etwas anderes an.

Meine Dienstmarke brachte mich bis zum Lieferwagen, und ich konnte einen Blick ins Innere werfen. Der Fahrer saß regungslos auf seinem Sitz, eingeklemmt von dem Motorblock, der durch den Aufprall in die Fahrerkabine eingedrungen war. Seine Körpermitte war ganz offensichtlich schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, und darunter war alles voll Blut. Sein rechter Arm ragte in einem ausgesprochen unnatürlichen Winkel nach oben.

Der Mann war circa Mitte dreißig, hatte lockiges, schwarzes Haar und ein paar Bartflecken inklusive Unterlippenbärtchen, das genauso winzig und jämmerlich aussah wie er selbst.

Aber wo war das Opfer? War das Ganze nur ein Täuschungsmanöver gewesen? Eine bewusste Ablenkung? Schon jetzt drängte sich dieser Gedanke auf und ließ meinen Adrenalinpegel steigen. Eine Ablenkung wovon? Was war noch an dieser Schule geschehen?

»Ist er bei Bewusstsein?«, fragte ich den Agenten mit dem Tweed-Sakko neben mir.

»Schwer zu sagen«, erwiderte er. »Er ist nicht ansprechbar. Vielleicht steht er unter Schock. Wir wissen nicht einmal, ob er Englisch spricht.«

»Und keine Spur von dem entführten Kind?«, hakte ich nach.

Der Agent schüttelte lediglich den Kopf und hielt zwei Finger in die Höhe. »Zwei entführte Kinder.«

Das Ganze wurde für mich immer mehr zu einem Déjà-vu – einem Déjà-vu der übelsten Sorte. Vor einigen Jahren hatte ich zusammen mit dem Secret Service einen anderen Entführungsfall bearbeitet. Dort war es auch um zwei Kinder gegangen. Der Täter war ein Monster namens Gary Soneji gewesen. Nur eines der beiden Kinder hatte überlebt. Und ich selbst war auch nur mit knapper Not dem Tod entronnen. John Sampson hatte mir das Leben gerettet.

Ich zeigte noch ein paarmal meine Dienstmarke vor und beugte mich zu dem zerschmetterten Fahrerfenster hinein.

»Polizei. Wo sind die Kinder?«, fragte ich den Kerl ohne Umschweife. Ich musste zunächst einmal davon ausgehen, dass er etwas wusste. Jetzt war keine Zeit für Zweideutigkeiten.

Er atmete schnell und flach, und in seinem Gesicht war keine Regung zu erkennen – als hätte sein Hirn noch gar nicht erfasst, welche Schmerzen sein Körper zu ertragen hatte.

Außerdem waren seine Pupillen extrem groß. Mehrere Anzeichen deuteten auf PCP hin, aber dieser Kerl hatte gerade erst eine Verfolgungsjagd durch die halbe Stadt hingelegt, und ich hatte noch nie erlebt, dass jemand auf PCP zu so etwas in der Lage war.

Als er keine Antwort gab – kein Wort, kein Nicken, kein Laut –, versuchte ich es noch einmal.

»Hören Sie mich?«, rief ich. »Sagen Sie mir, wo die beiden Kinder sind! Wenn Sie überhaupt wollen, dass wir Ihnen da raushelfen!«

Mittlerweile war der Notarztwagen eingetroffen, und zwei Sanitäter versuchten, mich beiseitezuschieben. Ich rührte mich nicht von der Stelle.

Irgendwo hinter mir sprang ein Hydraulikmotor an. Der war für den Rettungsspreizer – die »Klauen des Lebens« –, und es war klar, dass dieser Kerl ihn bitter nötig hatte. Aber erst, wenn ich meine Antwort bekam.

»Was wissen Sie?«, bohrte ich weiter. »Haben Sie einen Auftrag bekommen? Sagen Sie mir einfach, wo die Kinder sind.«

Da plötzlich regte sich etwas in seinem Gesicht. Sein Atem ging immer noch flach, doch seine Mundwinkel zuckten ein Stück nach oben, und in seinen Augenwinkeln bildeten sich ein paar Fältchen, als hätte ihm jemand einen Witz erzählt, den außer ihm niemand hören oder verstehen konnte. Als er schließlich seine Antwort ausspuckte, ergoss sich ein blutiger Sprühnebel über das zerknautschte Lenkrad und das Armaturenbrett.

»Was denn für Kinder, Mann?«, sagte er.

6Die Rettungsmannschaft durchtrennte mit riesigen Stahlscheren die Streben rechts und links der Heckscheibe sowie an den Türen, dann wurde das Dach mithilfe einer Halligan-Stange – einer Art Brechstange mit speziell geformten Enden – aufgeklappt wie eine Sardinenbüchse. Das ist ein wirklich bemerkenswerter Anblick, aber normalerweise bangt man dabei um das Leben der eingeklemmten Fahrzeuginsassen. In diesem Fall eher nicht. Eigentlich überhaupt nicht.

Während sie eine Kette absenkten, um den Motorblock wegzuhieven und unseren Freund mit dem leeren Blick zu befreien, versuchte ich, dem Secret-Service-Agenten, mit dem ich gesprochen hatte, ein paar Details zu entlocken. Er hieß Clay Findlay.

»Also, wer sind denn jetzt diese vermissten Kinder?«

Er schüttelte nur den Kopf. Das hieß wohl, dass er es mir nicht verraten würde, oder? Was sollte das alles?

»Hören Sie«, sagte ich. »Ich habe Erfahrung mit solchen Fällen …«

»Ich weiß, wer Sie sind«, fiel er mir erneut ins Wort. »Sie sind Alex Cross. Vom Metropolitan Police Department.«

Mein Ruf eilt mir voraus und zieht stetig weitere Kreise, aber das hatte nicht nur positive Auswirkungen. Im Augenblick schien es mir jedenfalls nicht zu helfen.

»Wir haben schon alle MPD-Einheiten alarmiert«, fuhr Findlay fort. »Erkundigen Sie sich doch bitte bei Ihrem Vorgesetzten, wo er Sie einsetzen möchte. Sie sehen ja, ich habe hier alle Hände voll zu tun. So ganz ohne Erfahrung bin ich auch nicht, Detective.«

Ich war ziemlich sauer darüber, dass er mich so abblitzen ließ. Wenn er wirklich Erfahrung mit Entführungsfällen hatte, dann musste er wissen, dass das ein Fehler war. Mit jeder Minute wuchs die Entfernung zwischen uns und diesen Kindern. Findlay hätte das wissen müssen. Schlimmer noch – vielleicht wusste er es ja.

»Sehen Sie den Kerl da?« Ich deutete auf den Fahrer des Lieferwagens. Sie hatten ihm einen Nackenschutz angelegt und kamen mit der Bergung langsam voran. »Dieser Mann wurde festgenommen. Vom Metropolitan Police Department. Haben Sie das kapiert? Ich werde so bald wie möglich mit ihm sprechen, und es ist mir völlig egal, ob Sie mit dabei sind oder nicht. Wenn Sie warten wollen, bis Sie an der Reihe sind, bitte sehr. Aber nur, damit Sie Bescheid wissen – wenn er erst mal in der Notaufnahme liegt, dann wird er ruhiggestellt und an irgendwelche Schläuche angeschlossen. Wer weiß, wie lange. Es könnte also eine Weile dauern, bis Sie ihn etwas fragen können.«

Findlay starrte mich durchdringend an. Ich sah seine Kiefer mahlen, hörte ein knackendes Geräusch. Er wusste, dass ich im Augenblick die Trümpfe in der Hand hielt, wenn er es darauf ankommen lassen wollte.

»Zoe und Ethan Coyle«, sagte er schließlich. »Sie werden es sowieso bald erfahren. Sie sind vor ungefähr zwanzig Minuten aus der Branaff School verschwunden.«

Ich war sprachlos. Wie vor den Kopf gestoßen. Das schiere Ausmaß dessen, was ich soeben gehört hatte – die möglichen Auswirkungen –, alles stürmte gleichzeitig auf mich ein. »Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen?«, wollte ich wissen.

»Wir haben die Schule abgeriegelt«, sagte Findlay. »Jeder verfügbare Secret-Service-Agent ist entweder dort oder auf dem Weg dahin.«

»Kann es sein, dass sie noch irgendwo in der Schule sind?«, fragte ich weiter.

Er schüttelte den Kopf. »Dann hätten wir sie mittlerweile gefunden. Auf dem Gelände können sie nicht mehr sein.«

»Haben Sie irgendeine Ahnung, wie sie von dort weggebracht worden sein könnten?«

Wieder folgte eine Pause. Ich hatte den Eindruck, als würde er sich selbst zensieren. Was ich zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wusste, war, dass Agent Findlay Leiter der für Ethan und Zoe zuständigen Personenschützer-Einheit war. Das Ganze fiel also in seine Verantwortung. Die Kinder des Präsidenten.

»Nein. Es ist eben erst passiert«, lautete seine Antwort. »Es gibt dort einen unterirdischen Gang, der das Haupthaus mit einigen Nebengebäuden verbindet. Er stammt aus der Zeit vor der Schule, als dort noch das Hofgut Branaff war. Wir haben den Gang zwar abgesperrt, aber es kommt immer wieder vor, dass Schüler dort einbrechen, um zu rauchen oder um ein bisschen rumzufummeln. Sie können mir glauben, wenn Ethan und Zoe überhaupt in diesem Tunnel waren, dann sind sie jetzt garantiert nicht mehr da.«

Der Fahrer des Lieferwagens lag jetzt auf einer Trage. Aus seiner Nase ragte ein Schlauch, und in seinem Arm steckte eine Infusionsnadel. Er wurde zum Notarztwagen gebracht und hineingeschoben. Findlay und ich bildeten den Schluss der Prozession.

Ich zückte wieder einmal meine Dienstmarke. Und er seinen Dienstausweis.

»He!«, rief einer der Sanitäter, als wir einfach einstiegen. »Sie können doch nicht …«

»Wir fahren mit«, sagte ich und klappte die Türen zu. Keine weitere Diskussion. »Los geht’s.«

7Immer schneller rasten meine Gedanken, wahrscheinlich zu schnell. Genau wie mein Puls. Und mein Atem.

Die Kinder des Präsidenten.

Das George Washington University Hospital lag nur wenige Häuserblocks entfernt, darum hatten wir nicht viel Zeit. Während die Sanitäter sich um unseren Tatverdächtigen bemühten und alle möglichen Werte an das Krankenhaus funkten, beugte ich mich so dicht wie nur möglich über ihn.

»Wie heißen Sie?«, wollte ich wissen.

Ich musste mehrfach nachfragen, bevor er antwortete.

»Ray?« Es klang wie eine Frage.

»Okay, Ray. Ich heiße Alex. Können Sie mich hören?«

Er lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Ich fuhr mit dem Finger vor seinen Augen hin und her, damit er mich ansah.

»Was haben Sie genommen, Ray? Wissen Sie das? Was haben Sie genommen?«

Seine Miene blieb genauso abwesend wie zuvor. »Bloß’n Schluck Wasser«, sagte er schließlich.

»Geben Sie ihm nichts zu trinken!«, bellte mich einer der Sanitäter an.

»Habe ich doch gar nicht vor«, erwiderte ich. »Ein Schluck Wasser bedeutet nichts anderes als PCP. Er glaubt, dass er Angel Dust genommen hat.«

»Glaubt?«, ließ sich Agent Findlay vernehmen.

»Irgendein schweres Betäubungsmittel jedenfalls. Wahrscheinlich ein Cocktail.« Den er schätzungsweise nicht selbst zusammengestellt hatte.

»Wer hat Sie in diesen Lieferwagen gesetzt, Ray?«, wollte ich wissen. »Wer hat Sie dazu angestiftet? Da gibt es doch noch jemanden, hab ich recht?«

»Gute Nacht, gute Nacht«, sagte er. »Fünfhundert Scheine und ein Schlückchen Wasser.«

»Fünfhundert Dollar?« Findlay sah aus, als würde er dem Kerl am liebsten die Haut vom Gesicht reißen. »Haben Sie eigentlich eine Vorstellung davon, wie tief Sie sich in die Scheiße geritten haben – wegen fünfhundert Dollar?«

Doch Ray hörte dem Agenten des Secret Service gar nicht zu. Er sah sich um, als wäre ihm gerade eben erst bewusst geworden, wo er eigentlich war. Als sein Blick an seiner Bauchgegend hängen blieb und er den dicken, blutgetränkten Verband sah, grinste er nur. »Verdammt gutes Zeug«, sagte er.

»Ray?« Ich nahm noch einen Anlauf. »Ray? Sie haben ›Gute Nacht‹ gesagt. Wie haben Sie das gemeint?«

»Nein«, sagte er und zuckte dabei unaufhörlich. »Gute Nacht, gute Nacht.« Seine Finger bewegten sich dazu, als würde er Fingerübungen auf dem Klavier machen.

Findlay und ich sahen einander an. Wer immer Ray in diesen Zustand versetzt hatte, er hatte genau gewusst, was er tat. Jetzt, solange die Spur zu den Kindern am heißesten war, konnten wir mit der einen Person, die wir festgenommen hatten, so gut wie gar nichts anfangen. Wir verschwendeten mit diesem Kerl nur kostbare Zeit. Und das war das, was der Kidnapper erreichen wollte, oder etwa nicht?

»Wir sind da!«, rief der Fahrer nach hinten. »Verhör beendet.« Die beiden anderen standen auf und machten Ray transportfertig.

»Was heißt ›Gute Nacht‹?« Ich startete noch einen letzten Versuch. »Was ist damit gemeint, Ray?«

»GUT-EN-Acht. GUT-EN-Acht«, wiederholte er und schlug dabei insgesamt fünf Tasten an. Da wurde mir klar, dass er gar nicht Klavier spielte. Er bediente eine imaginäre Tastatur. Ich hatte eine Idee.

Gut-N-8-Gut-N-8.

»Ist das ein Deckname?«, wollte ich wissen. »Hat jemand übers Internet mit Ihnen Kontakt aufgenommen, Ray?«

»Achtung, bitte!«

Die Heckklappe des Notarztwagens wurde von außen aufgemacht. Findlay und ich mussten als Erste herausspringen, um den anderen Platz zu machen.

Ein Notärzteteam stand schon bereit, um den Verletzten in Empfang zu nehmen, direkt daneben ein vollkommen deplatziert wirkender Haufen von Herren in grauen Anzügen.

Aber es waren nicht einfach irgendwelche Herren in grauen Anzügen. Findlay blieb auf der Stelle stehen, und ich hätte ihn beinahe über den Haufen gerannt.

»Sir?«, sagte er zu einem der Anzugträger.

Direkt vor uns stand der Minister für Heimatschutz persönlich, Phil Ribillini.

»Detective Cross«, sagte Ribillini mit knappem Nicken. Wir waren uns schon einmal begegnet, damals, als ich noch beim FBI und er beim Verteidigungsministerium gewesen war. Aber heute war keine Zeit für Höflichkeiten. »Wir brauchen sofort eine Aussage von Ihnen«, sagte er. »Das erledigen wir gleich hier draußen. Geht nicht anders.«

Mit anderen Worten: Ich würde keinen Schritt mehr mit dem Gefangenen machen. Mir blieb nichts anderes übrig, als zuzusehen, wie sie Ray durch die Automatiktüren nach drinnen schoben und aus meinem Blickfeld verschwanden.

Aber das war nicht das Schlimmste. Die Uhr tickte unaufhörlich weiter, und zwei Kinder wurden vermisst.

8Frau Dr. Hala Al Dossari war neunundzwanzig Jahre alt, schlank und attraktiv, humorvoll, wenn es nötig war, sehr intelligent und besaß ein fotografisches Gedächtnis. Ihr Ehemann Tarik war neununddreißig, ziemlich moppelig und bis über beide Ohren in seine Frau verliebt. Von außen betrachtet sah es so aus, als hätten die Al Dossaris alles, wofür sich zu leben lohnte, doch in Wirklichkeit waren sie jederzeit bereit zu sterben. Vermutlich eher früher als später. Das war ihre Mission.

Hala warf einen verstohlenen Blick auf ihre Armbanduhr. Wiederholt hatte man sie vor den Gefahren des Dulles Airport gewarnt. Der Ankunftsbereich für die Internationalen Flüge gehörte zu den am besten bewachten auf der ganzen Welt. Hier gab es nicht nur bewaffnetes Sicherheitspersonal und die üblichen Grenzschutzbeamten, sondern darüber hinaus noch ein sehr gut ausgebildetes Team von sogenannten Behaviour Detection Officers, abgekürzt BDOs. Diese »Verhaltensbeobachter«, wahre Teufel in Polizeiuniform, hatten keine andere Aufgabe, als bei den Neuankömmlingen verdächtige Verhaltensweisen ausfindig zu machen.

Schon ein paar Schweißtropfen zu viel auf der Stirn reichten aus, um hier aus der Schlange geholt zu werden.

Ein zu hastiges Augenzucken.

Ein nervöser Gang.

Ein launischer BDO.

»Gleich haben wir’s geschafft«, sagte Hala und drückte ihrem Mann beruhigend die Hand. »Nicht mehr lange. Lächle doch mal. Die Amerikaner lieben es, wenn man lächelt.«

»Inschallah«, lautete seine Antwort.

»Tarik, bitte … ein Lächeln. Halte einfach deine Zähne in die Überwachungskameras.«

Endlich gehorchte er. Es war ein ungelenker, verkrampfter Versuch, aber immerhin ein Lächeln. So weit, so gut. Noch schätzungsweise eine Minute, dann waren sie in Sicherheit.

Die Passkontrolle hatten sie ohne Zwischenfall hinter sich gebracht. Die Gepäckausgabe ebenfalls, abgesehen davon, dass sie sich wie auf einer Viehkoppel vorgekommen waren. Jetzt standen sie in der letzten Schlange und warteten darauf, dass ihr Gepäck durchleuchtet wurde. Wenn sie das hinter sich hatten, dann erst waren sie wirklich sicher in Washington angekommen.

Aber plötzlich ging es nur noch im Schneckentempo voran. Es war ein Albtraum.

Bis Hala merkte, dass es in Wirklichkeit sogar überhaupt nicht mehr weiterging.

Ein Stück weiter vorn klinkten zwei uniformierte Sicherheitsbeamte das Begrenzungsband aus und bedeuteten zwei Leuten, dass sie aus der Schlange treten sollten. Ebenfalls Mann und Frau … ebenfalls Saudis, ebenfalls westlich gekleidet.

»Sir? Madam? Würden Sie bitte mitkommen?«

»Wieso denn das?« Der Mann ging sofort in die Verteidigung. »Wir haben doch gar nichts gemacht. Der Platz in der Schlange steht uns zu. Warum müssen wir den aufgeben?«

Er sprach mit einem Najdi-Akzent, wie Hala feststellte. Genau wie sie.

Aber wer waren diese Leute? Konnte das denn Zufall sein? Ein Blick in Tariks besorgtes Gesicht, und ihr war klar, dass er mit denselben Fragen zu kämpfen hatte. War ihre amerikanische Mission womöglich schon zu Ende, noch bevor sie angefangen hatte?

Jetzt eilten noch mehr amerikanische Sicherheitsbeamte herbei. Eine kräftige, schwarze Frau packte die Saudi-Araberin fest am Arm.

»Farouk!« Sie rief nach ihrem Mann. Dann brüllte sie die Sicherheitspolizisten an: »Lasst uns in Ruhe! Nimm deine dreckigen Pfoten weg.«

Hala beobachtete den Mann der Frau, und ihr blieb fast das Herz stehen. Er sucht etwas in seiner Tasche. Einer der Wachleute versuchte, ihm den Arm wegzuziehen. Aber der Mann stieß ihn kräftig zurück. Der Wachmann landete auf dem Hintern.

Jetzt liefen noch zwei Beamte hinzu. Es kam zu einem Handgemenge. Die Polizisten warfen den Saudi zu Boden. Setzten sich auf seinen Rücken. Trotzdem bekam er eine Hand frei. Im nächsten Augenblick hatte er sich etwas in den Mund gesteckt.

Das war der Moment, in dem Hala es wusste – das, was hier geschah, war kein Zufall. Auch sie trug eine Kaliumzyanid-Kapsel in der Tasche. Und Tarik auch.

Was immer diese beiden getan haben mochten, um das Misstrauen der Behörden zu erregen, es gab nichts, was die Al Dossaris jetzt noch für sie tun konnten. Ihre einzige Aufgabe bestand darin, nicht ebenfalls entdeckt zu werden. Das Wichtigste war, dass sie nicht auch noch in Gefangenschaft gerieten.

Aber so weit würde es nicht kommen. Nicht, wenn sie kühlen Kopf bewahrten. Das wusste Hala. Der Dienst an der Sache war alles. Ihre Mission konnte die ganze Welt verändern. Aber zuerst einmal mussten sie hier lebend herauskommen. Die FAMILIE verließ sich auf sie. Ihre Mission bedeutete alles.

Tariks Griff wurde fester. Seine Hand war schweißnass. »Ich liebe dich, Hala«, flüsterte er. »Ich liebe dich so sehr!«

9»Der Typ da hat gerade was runtergeschluckt«, rief einer der Sicherheitsbeamten seinen Kollegen zu. Er hielt den Ehemann fest, der um sich schlug und sich wand, während ein zweiter Wachmann mit Gewalt versuchte, ihm den Mund zu öffnen.

Hala sah das Blut über sein Kinn rinnen. Das bedeutete, dass er die Gummihülle und die Glaskapsel in der Mitte durchgebissen hatte. Ihr Herz raste. Sie war Ärztin und wusste genau, was Kaliumzyanid im menschlichen Körper bewirkte. Es würde grässlich werden, ein fürchterlicher Anblick. Besonders, da sie genau die gleiche Kapsel in der Tasche hatte.

Der Mann begann jetzt, sich in Krämpfen zu winden. Er bäumte den Oberkörper auf, schlug mit den Beinen in beide Richtungen aus. Das war eine instinktive, aber vollkommen sinnlose Reaktion. Während der Sauerstoffgehalt in seinem Blut in lebensbedrohliche Höhen kletterte, kam immer weniger davon bei seinen lebenswichtigen Organen an, da die Zellen den Sauerstoff nicht mehr aufnehmen konnten. Allein die Panik war absolut entsetzlich. Das furchtbare Brennen im Inneren.

Die junge Frau des Mannes brach vor seinen Füßen zusammen. Auch auf ihrem Kinn war eine dünne Blutspur zu erkennen. Dann tropfte auch aus ihrer Nase Blut.

»Da stimmt was nicht!«, rief die Beamtin. »Holt einen Notarzt. Wir brauchen einen Arzt, und zwar sofort!«

Die Grenzschützer taten ihr Möglichstes, um die Situation unter Kontrolle zu halten, aber mittlerweile war die gesamte Ankunftshalle in helle Panik geraten. Die Leute drängten sich durch die schmalen Durchgänge bei den Durchleuchtungsgeräten. Verzweifelte Stimmen hallten von den hohen Decken wider. Überall knackten Funkgeräte.

»Tarik?«, sagte Hala. Er stand vollkommen regungslos da, auch, als andere Reisende sich an ihnen vorbeidrängten. »Tarik? Wir müssen gehen. Sofort.«

Er konnte den Blick nicht von dem anderen Paar lösen, das da vor ihren Augen auf dem Boden des Flughafengebäudes lag und starb.

»Das könnten wir gewesen sein«, flüsterte er.

»Aber wir waren es nicht«, sagte Hala. »Los jetzt. Beweg dich! Nimm die Kapsel in die Hand, nur für den Fall. Und sprich nur Englisch, so lange, bis wir hier draußen sind.«

Tarik nickte. Seine Frau war gleichzeitig seine Vorgesetzte. Langsam nahm er den Blick von den beiden leidenden Märtyrern. Hala hängte sich fest bei ihm ein und wandte sich um. Dann zerrte sie ihn mit sich wie einen störrischen Esel.

Einen Augenblick später wurden die Al Dossaris von der Menge verschluckt. Überall weinende Menschen. Ein junges Mädchen übergab sich direkt auf den Fußboden. Dann liefen sie schreiend zum Ausgang, genau wie alle anderen. Erst, als sie die Sicherheitsbeamten weit hinter sich gelassen hatten, steckten sie die Zyanidkapseln weg.

Sie hatten es geschafft. Sie waren in Amerika.

10Nachdem ich im Krankenhaus meine Aussage gemacht hatte, fuhr ich zurück zur Branaff School. Ich rief Bree an und erzählte ihr, was passiert war, und dass ich nicht zum Abendessen kommen konnte. Sie hatte vollstes Verständnis. Das ist das Schöne, wenn man mit einer Polizistin verheiratet ist.

Eine Doppelreihe Streifenwagen blockierte die Wisconsin Avenue vor der Schule. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals einen solchen Tatort gesehen zu haben.

Die Pressemeute war bereits hinter ein paar blaue Absperrgitter gedrängt worden. Etwas dichter beim Haupteingang stand eine Gruppe sehr besorgt dreinblickender Eltern sowie etliche Haus- oder Kindermädchen. Einige weinende Schüler und Schülerinnen waren auch zu sehen.

Wenn überhaupt, dann würde die erste offizielle Verlautbarung noch mehrere Stunden auf sich warten lassen, aber die Leute würden trotzdem erfahren, was geschehen war. Die ganze Szenerie war ein einziges, nur mühsam beherrschtes Chaos. Hier war ganz offensichtlich etwas Furchtbares geschehen, auch wenn noch niemand das volle Ausmaß erfasst hatte.

»Bringen Sie mich auf den neuesten Stand«, sagte ich zu einem der auf dem Bürgersteig aufgereihten Streifenbeamten. »Was ist los? Irgendetwas Neues in der letzten Stunde?«

»Ich weiß auch bloß das, was man sehen kann«, erwiderte er. »Die Metro Police ist für die Absicherung des Geländes zuständig. Aber das FBI hat das Schulgebäude hermetisch abgeriegelt.«

»Wer ist der Einsatzleiter da drin?«, wollte ich wissen, aber der Polizist schüttelte nur den Kopf.

»Da kommt niemand rein, Detective, und raus kommen nur Schüler und Eltern. Einer nach dem anderen, buchstäblich. Sie lassen nicht einmal die Lehrer gehen. Ich glaube, Sie brauchen sich keine Hoffnungen machen, dass Sie da irgendwas erfahren.«

Ich ließ den Polizisten seine Arbeit machen und hängte mich ans Telefon. Vor etlichen Monaten hatte ich die Funktion des Verbindungsgliedes zwischen dem Police Department und der Field Intelligence Group des FBI hier in Washington übernommen. Über diese Schiene musste ich doch irgendwie da reinkommen.

Aber das sollte sich als Irrtum erweisen. Egal, wen ich im Geheimdienst-Direktorat anrufen wollte, ich landete immer nur auf der Mailbox.

Auch bei Ned Mahoney, einem guten Freund beim FBI. Wahrscheinlich waren sie alle schon längst auf der anderen Seite dieses verdammten Schulzauns. Vielleicht sogar Ned. Es war zum Verrücktwerden.

Das Schlimmste aber war die Sorge um Ethan und Zoe Coyle. Was mussten sie wohl durchmachen, während ich hier draußen versuchte, meine Beziehungen spielen zu lassen? Bei einer Entführung sind die ersten vierundzwanzig Stunden absolut entscheidend. Und ich hatte gewisse Zweifel, ob der Secret Service immer die richtigen Entscheidungen traf.

Also tat ich, was ich tun konnte. Ich setzte mich in Bewegung. Vielleicht kam ich nicht hinein, aber ich konnte mir zumindest einen Eindruck vom Schulgelände und von den Ausfahrten verschaffen, die der Entführer benutzt haben konnte. Oder die Entführer.

Und ich konnte währenddessen telefonieren. Zum Beispiel mit dem Command Information Center des Metro Police Department. Endlich erreichte ich jemanden. »CIC, Sie sprechen mit Sergeant O’Mara.«

»Hallo Bud, hier Alex Cross. Ich brauche ein paar CDs, und zwar so schnell wie möglich. Alles, was wir haben, in einem Radius von zwei Häuserblocks um die Branaff School. Vom heutigen Vormittag, zwischen fünf und elf Uhr.«

In Washington werden öffentliche Flächen längst nicht so gründlich und umfassend überwacht wie zum Beispiel in London, aber nach US-amerikanischen Maßstäben liegen wir in diesem Punkt ziemlich weit vorn. Viele Kreuzungen in der Stadt sind mit einer Kamera ausgestattet. Vielleicht hatte ja eine davon etwas Wichtiges aufgezeichnet.

»Mache ich Ihnen sofort fertig. Soll ich sie dann in die Zentrale bringen?«, wollte O’Mara wissen.

»Nein, ich komme vorbei und hole sie mir selber ab. Danke, Bud.«

Unmittelbar danach schaltete ich mein Handy aus. Ich wollte jetzt auf keinen Fall angerufen und irgendwohin beordert werden. Wenn ich meine Karten richtig ausspielte, konnte ich mir die CDs abholen, sie zu Hause in aller Ruhe durchgehen und erst morgen früh wieder im Büro auftauchen. Schon vor langer Zeit hatte ich gelernt, dass es manchmal besser ist, um Entschuldigung zu bitten als um Erlaubnis.

Vielleicht überschätzte ich mich ja – vielleicht log ich mir sogar selbst in die Tasche. Vielleicht konnte ich ja wirklich gar nichts tun, was das FBI oder der Secret Service nicht ohnehin schon in Angriff genommen hatten. Aber darüber würde ich mir nach den ersten vierundzwanzig Stunden Gedanken machen.