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Der 15-jährige Julius ist körperlich und seelisch zugrunde gerichtet worden. Er hat mit sich selbst und der Welt abgeschlossen und sieht keine Perspektiven mehr in seinem Leben. Julius begeht Selbstmord. Doch dann erwacht er auf Station 13 wieder. Ein Ort, an dem er seiner Hölle entkommen kann und der Himmel ihn findet, ohne dass er danach gesucht hat. Michael und Lukas arbeiteten lange Jahre als Ärzte in Not und gründeten Station 13 als Zuhause für Jugendliche, die einen Suizidversuch hinter sich haben. Die beiden verbindet eine tiefe Freundschaft, die bis in ihre nicht ganz einfachen Kindertagen zurück reicht. Die beiden Betreuer wollen jungen Menschen eine geschützte Auszeit einräumen, in der sie sich unabhängig von ihrem Zustand vor niemanden schämen müssen. Ruhe, Geborgenheit und viel Liebe, wie die Mitarbeiterin Schwester Martha es in Worte fasst. Auf Station 13 hat Julius einen Marathon vor sich. Er kann nicht zurück in ein normales Leben. Dafür ist er zu krank. Und er hat beinahe aufgegeben. Julia ist ein junges Mädchen und lebt auch auf der Station. Sie akzeptiert Julius' Zustand nicht. Das Mädchen ringt um das Leben von Julius und die Beziehungen zwischen den beiden vertieft sich. Wird die Kraft von Julius ausreichen, um an der Seite seiner Freundin zu bleiben? Was auf Station 13 zählt, sind Freundschaften und tiefe Verbundenheit. Die jugendlichen Patienten stehen füreinander ein und gehen über ihre Grenzen hinaus. Versagen und scheitern sind Teil ihres Alltags. Übermütiges Lachen und Extremsituationen gehen Hand in Hand. Auf Station 13 gibt es klare Ansagen, genauso aber auch liebevolle Nachsicht, wärmende Geborgenheit, grosse Träume und kleine Wunder. In Station 13 stehen Emotionen und Menschlichkeit ganz oben und die grossen Momente unseres Lebens passieren Revue. Ein lesenswertes Buch für alle Jugendlichen über den Umgang mit Suizidgedanken und Suizidversuchen! (Sämtliche Personen, Orte sowie alle weiteren Inhalte sind vollkommen frei erfunden.)
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Seitenzahl: 647
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Einführung: Lukas und Michael
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Lukas und seine Station 13. Sie war sein Lebensinhalt und Lebenswerk schlechthin, die er gemeinsam mit seinem besten Freund vor drei Jahren aufgebaut hatte. Michael war ein Jahr älter als Lukas und für ihn das, was man den Felsen in der Brandung nannte. Er und Michael hatten sich als Kinder in dem Waisenhaus kennengelernt, in dem Michaels Mutter halbtags arbeitete und Lukas aufgewachsen war. Das Kinderheim selbst befand sich nicht weit entfernt von Lukas’ heutigem Arbeitsplatz und wenn er sich Rat holen musste, tat er das noch immer nach wie vor bei Mutter Tessa. Sie waren damals über dreißig Kinder gewesen und das Geld für Angestellte so knapp bemessen, dass Lukas schon früh lernen musste, Verantwortung zu übernehmen, was Mutter Tessa aber auf wunderbare Weise gelang, den Kindern beizubringen. Mittlerweile war sie eine alte betagte Frau geworden, die aber noch immer dort lebte und wirkte. Lukas und Michael hatten zusammen die örtliche Grundschule besucht, danach das Abitur gemacht und anschließend Medizin studiert. Sie hatten sich dazu entschlossen Ärzte zu werden, absolvierten ihre Praktikumszeit in verschiedenen Krankenhäusern und Psychiatrien, während sie nebenbei noch Massagetechniken in zahlreichen Kursen belegten, da sie rasch herausfanden, dass bei einigen ihrer Patienten eine gute Nacken- oder Fußmassage manchmal mehr brachte als so manch eine Tablette.
Schon bald nach ihrer Ausbildungszeit gingen sie ins Ausland, um dort bei Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten. Diese Zeit hatte Lukas tief geprägt und die beiden noch enger zusammengeschweißt. Die teilweise enormen Missstände und Grausamkeiten, die er an diesen Orten so real kennengelernt hatte, führten Lukas zu dem Schluss, dass er einen Gott verabscheuen würde, der ohne Weiteres in das weltliche Geschehen eingreifen konnte und dennoch so gut wie nichts dagegen unternahm. Nein, kam er zu seiner eigenen Überzeugung, es musste anders sein, wie sonst könnte er sonst noch »Vater« zu ihm sagen.
Denn genau auf diesem Kontinent hatte Lukas zu seinem christlichen Glauben gefunden, weil die Art und Weise, wie er in Afrika Kraft und Zuversicht im Glauben erlebt hatte, unvergesslich in ihm geblieben war. Lukas war kein naiver oder gar weltfremder Mensch, ihn mussten handfeste Argumente und Logik gleichermaßen mit realer Liebe und der Bereitschaft zu entsprechenden Taten überzeugen, damit er überhaupt einverstanden war, eine Autorität akzeptieren und respektieren zu können. So kam er zu der Schlussfolgerung, dass Gott seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten unterworfen war und nicht in allem frei walten und schalten konnte, wie es ihm beliebte. Lukas war in dieser Hinsicht geradezu ein Rebell und obwohl er mittlerweile einer der landesüblichen Kirchen beigetreten war (wo er unlogischerweise aber kaum hinging), ließ er sich in Glaubensfragen von keinem Menschen eine Zwangsjacke überziehen. Er war der festen Überzeugung, dass sein Gott versuchte, durch die Herzen der Menschen zu sprechen, auch wenn er für ihn nicht immer zu verstehen war. Und doch hatte Lukas das Gefühl, dass er der Stimme seines Vaters gefolgt war, und hatte dies zusammen mit Michael in die Tat umgesetzt.
Sein bester Freund teilte Lukas’ Glauben nicht, was der tiefen Bindung der beiden zueinander jedoch nicht im Wege stand. Michael war ein Mann der Tat und so mit sich selbst verankert, dass Lukas oft dachte, dass jene Aussage von Christus, die Gesunden bräuchten keinen Arzt, sondern er wäre für die Kranken gekommen, wohl am ehesten auf Michael zutreffen würde.
Station 13 war das Siegel ihrer Freundschaft, denn sie war das, was ihre gemeinsamen Überzeugungen so stark verband wie nichts anderes, sodass sie in ihrer Arbeit in einer Art und Weise aufgehen konnten, die man schon als eine Berufung bezeichnen konnte. Keiner der beiden konnte sich einen Lebenspartner vorstellen, der dafür kein oder nur wenig Verständnis aufbringen würde. Sie waren Station 13 mit Herz und Seele verschrieben und nicht zu faulen Kompromissen bereit, was bei ihnen zur Folge hatte, dass sie noch immer Singles waren. Station 13 war Lukas’ und Michaels gemeinsamer Weg, den sie nach ihrer Rückkehr in die Heimat verwirklicht hatten.
Sie hatten sich auf Jugendliche spezialisiert, die versucht hatten, sich das Leben zu nehmen, und die nach ihrem Selbstmordversuch noch rechtzeitig gefunden worden waren. Die oberste Priorität bei ihnen war, diesen Kindern ein Zuhause zu geben, in dem sie sich sicher und geborgen fühlten. Es sollte ein Ort sein, an dem sie wieder vertrauen lernen sollten und sich mit ihrem Los nicht mehr allein vorkamen. Lukas und Michael hatten in Afrika vieles gesehen, doch das traurige Ende, den Tod eines jungen Menschen, fanden sie tragisch, egal wo.
Auf Station 13 gab es die klare Regelung, dass die Kinder, wie die beiden ihre Schützlinge immer liebevoll nannten, nicht unter vierzehn und höchstens achtzehn Jahre alt sein durften, um dort aufgenommen zu werden. Zudem nahmen sie keine Jugendlichen mit starken Drogen- und Alkoholproblemen zu sich, da ihnen dazu schlichtweg die dafür spezifische Ausbildung fehlte. Eine weitere grundsätzliche Regel bestand darin, dass kein Zuritt von Verwandten und Freunden erlaubt war. Den Kindern ging es, vor allem in der ersten Zeit, oft sehr schlecht, was ihnen auch anzusehen war. Sie sollten sich aber deswegen nicht in den Zimmern verkriechen müssen, weil Leute von außerhalb anwesend waren. Das gegenseitige Trösten war ein wichtiger Bestandteil des ganzen Konzepts, und es konnte nur dann gelingen, wenn sie sich nicht vor fremden Menschen zu schämen brauchten. Station 13 sollte einer Burg mit dicken Schutzmauern gleichen, in die nur solche hineindurften, die dasselbe durchlebt hatten. Für die Besucher gab es nahe dem Haupteingang einen großen Raum.
Doch hatten die Jugendlichen eine Beziehung, wurde in diesem Fall den Partnern unter klaren Bedingungen Zutritt erlaubt. Für eine dort funktionierende Gemeinschaft mussten solche Grenzen bestehen und eingehalten werden. Aus demselben Grund galt auch, dass die Kids sich mit den anderen Bewohnern zum Beisammensein im Wohnzimmer aufzuhalten hatten. Zwar wurde es stundenweise toleriert, wenn jemand mit der Freundin oder dem Kumpel privat über etwas reden wollte und sie sich dazu in ihr Zimmer zurückzogen. So auch, wenn es unter den Kids auf der Station zu einer Beziehung kam. Doch es musste die Ausnahme bleiben. Andernfalls wäre die Gefahr einer vereinzelten Gruppenbildung viel zu groß gewesen und jemand hätte sich möglicherweise ganze Abende ausgeschlossen gefühlt, weil er sich nicht in ein solches Zimmer hineingetraut hätte, und gerade, wenn neue Bewohner hinzukamen, musste besonders darauf geachtet werden.
Station 13 war eine Projektarbeit, die Jugendliche nur mit der Einwilligung der Behörden oder Eltern aufnehmen durfte und zwölf Betten besaß. Einige von den Kindern konnten gleich von der Notaufnahme des hiesigen Krankenhauses, das eines der größten in der gesamten Umgebung war, auf Station 13 überwiesen werden. Der leitende Oberarzt der Notaufnahme, Doktor Klaus Murelli, war ein langjähriger guter Kollege der beiden Gründer, die um einiges jünger waren als er. Doktor Murelli half außerdem mit, dass auch Jugendliche aus weiter entfernten Städten und Gemeinden in die Einrichtung eingewiesen werden konnten.
Lukas und Michael kämpften seit Jahren mit Behörden, Ämtern und zu guter Letzt um die Gelder selbst, die noch immer zu einem Teil aus Spenden bestanden. Ihre Station befand sich auf der ersten Etage einer psychiatrischen Jugendklinik mit vier Stockwerken, zu der noch zwei weitere Stationen gehörten: Station 11 und Station 12. Die Zahl 13 war mit Absicht gewählt worden. Zuvor hatte die Etage Station 10 geheißen. Hier aber sollte die 13 als eine Glückszahl stehen. Anders als in vergleichbaren psychiatrischen Einrichtungen, in denen eher kurzfristige Aufenthalte mit vielen Therapiestunden die Regel waren, hatten sie sich für einen festen Aufenthalt von zwei Jahren für ihre Patienten entschieden. Zwei Jahre. Zwei Jahre ein Heim, ein Zuhause für jedes Kind, das keinen anderen Ausweg mehr gesehen hatte, als diese Welt zu verlassen – und das überlebt hatte. Diese Jugendlichen brauchten, das war die feste Überzeugung von Michael und Lukas, in erster Linie Schutz, Ruhe und Spielraum für sich selbst. Oftmals lagen lange schwere Zeiten hinter den Kindern und auf Station 13 wurde ihnen deswegen am Anfang eine feste Auszeit von drei Monaten eingeräumt.
Seit knapp drei Jahren gab es Station 13 nun und in ihren Augen hatten sie es geschafft. Ihre positive Erfolgsquote sprach für sich.
Das Team von Station 13 bestand aus fünf Mitarbeitern, wobei Michael der leitende Arzt war. In Notsituationen konnten Medizinstudenten angefordert werden, doch obwohl deren Verpflichtung nicht allzu teuer war, musste stets auf die Kosten geachtet werden. Auch die Gehälter von Lukas und Michael entsprachen nicht mal annähernd dem durchschnittlichen Verdienst eines Arztes. Jede Woche musste ein neuer Schichtenplan ausgearbeitet werden und die Urlaubszeit kam dabei oft zu kurz – von den Überstunden schon gar nicht mehr zu sprechen. Für die groben Reinigungsarbeiten war ein serbisches Ehepaar zuständig, wobei Michael sehr darauf achtete, dass Elena nicht als die persönliche Putzfrau der Teenager betrachtet wurde. Auch hier war ihnen das Glück hold gewesen, denn es stellte sich heraus, dass die beiden ein echter Segen waren. Mirko und Elena waren diskret, zuverlässig und freundlich zu jedermann.
Marc, der dritte Festangestellte der Station, war direkt von der Universität gekommen. Vor knapp drei Jahren war er in diese Gegend gezogen und froh darüber gewesen, diese Anstellung zu finden. Marc arbeitete für ein ebenfalls recht tiefes Gehalt, da die Behörden der Meinung waren, drei Ärzte seien zu viel für einen Arbeitsplatz wie diesen. Er war jung und dynamisch, von mittelgroßer Statur, hatte dunkle Augen und schwarze Haare und sah mit seiner stets gebräunten Haut meist so aus wie frisch vom Tennisplatz.
Maggi, die Springerin, hatte, bevor sie zu Station 13 kam, halbtags neben der Betreuung ihrer beiden Kinder als Krankenschwester in einer Kinderklinik gearbeitet. Ihr Mann, ein freier Lektor, arbeitete zu Hause, sodass Maggi relativ flexibel berufstätig sein konnte. Sie erinnerte mit ihren schulterlangen roten Haaren, der Stupsnase und ihrer Kleidung an eine kleine Künstlerin, die auf einer Brücke fröhlich ihre Bilder verkauft.
Und dann gab es zu guter Letzt noch Schwester Martha. Sie war die Einzige, die auch die Jugendlichen der beiden anderen Stationen betreute, und war eine Art Hausmutter. Sie arbeitete und lebte zugleich in einem kleinen Haus mit sechs Patientenbetten, das nicht weit entfernt von der Klinik unten am Bach lag und zu dem ein Kiesweg führte, der bei Dunkelheit von vielen Laternenlampen in ein sanftes gelbes Licht getaucht wurde. Das ganze Gelände mit seinem alten Baumbestand glich einer verwilderten Parkanlage. Das Klinikgebäude selbst, das auf einer leichten Anhöhe lag, war ursprünglich gegen Ende des 19. Jahrhunderts für wohlhabende Leute zur Erholung errichtet worden, und der Charme dieser alten, verblassten Tage war noch überall zu spüren.
Schwester Martha liebte es, an diesem Ort zu arbeiten, ihre Aufgabe bestand darin, jene Kinder zu versorgen, die außerordentlicher Pflege bedurften, deshalb aber nicht gleich in ein Krankenhaus mussten. Schwester Martha war eine stämmige, resolute, leicht mollige Frau mit einem Herzen aus Gold und wurde von allen Seiten geschätzt und geliebt. Sie trug, wie sie es schon als junge Krankenschwester getan hatte, stets einen Rock und ihre weiße Schürze. Ihre braunen Augen, in denen immer ein herzlicher Ausdruck lag, und ihr hochgestecktes graues Haar taten ihr Übriges. Sie hatte zuvor fast dreißig Jahre ihres Arbeitslebens zuerst als Krankenschwester, in späteren Jahren als Oberschwester in der Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses gearbeitet und nach dem frühen Tod ihres Mannes ihre Tochter alleine großgezogen. Alles in allem besaß sie eine enorme Lebenserfahrung. Ihre Kenntnisse waren für die gesamte Klinik von unschätzbarem Wert und mit nichts zu bezahlen.
Station 13 selbst sah mittlerweile so aus, als befände man sich in einer Zeit, in der ein Radio noch eine Sensation war. Michael zog seinen besten Freund ständig deswegen auf und er musste Lukas oftmals zur Vernunft bringen, wenn dieser wieder etwas Neues anschleppte. Denn Lukas liebte Flohmärkte über alles, und so begann sich die Station immer mehr zu füllen mit all dem, was ihm bei seinen Streifzügen über die Trödelmärkte besonders gefiel.
Lukas war ein Mensch, der gerne träumte und damit Michael so manches Mal an den Rand der Verzweiflung brachte, der aber wiederum Lukas gerade dieser Eigenschaft wegen so mochte. Michael war der Boden unter Lukas’ Füßen, und auf diesen musste er ihn immer einmal zurückholen. Auf den harten Boden der Realität, was, wenn man Lukas kannte, alles andere als einfach war. Michael neckte ihn zudem gerne, indem er Lukas mit einer Henne verglich, die ihre Flügel über ihre Küken legt und nervös anfängt herumzugackern, wenn eines der Kleinen bei Einbruch der Dunkelheit noch nicht im Stall ist.
Wurde Lukas zu einem Notfall gerufen und das Kind überlebte nicht (ganz zu schweigen davon, wenn er danach noch mit den Eltern sprechen musste), war er meist tagelang am Boden zerstört.
Doktor Mahone begann seine Nachschicht um 18 Uhr abends auf Station 13. (Er mochte diesen seiner Ansicht nach wohlverdienten Titel. Lernen war keine seiner Stärken und im Gegensatz zu Michael hatte er zu kämpfen gehabt, um durch das Medizinstudium zu kommen).
Es war bereits weit nach Mitternacht, als er seine Runde durch die Zimmer machte. Er liebte diese nächtliche Stille und das Wissen, dass alle seine Schützlinge sicher und geborgen in ihren Betten lagen. Obwohl er schon über 30 Jahre alt war, sah Lukas Mahone bei Weitem noch nicht so aus. Er war groß und kräftig gebaut. Seine Haare waren in einem hellen Nussbraun und standen über den Ohren zur Seite hin leicht ab. An seiner linken Stirn oben hatte er einen aufstehenden Haarwirbel, wo sich seine Frisur teilte, und was besonders an ihm auffiel, das waren seine sanften graugrünen Augen. Seine starken Arme und Hände, die trotz allem nicht klobig wirkten, vermittelten allen, die ihn kannten, Kraft und Sicherheit, was sich mit seinem verträumten Blick auf bemerkenswerte Weise vermischte.
Als sich Lukas nach seinem Rundgang mit einem Kaffee im Büro hinsetzte, blickte er zu dem Stapel Unterlagen, die noch erledigt werden sollten. Er hatte noch lange mit Jan im Wohnzimmer geredet, in dem sich die Jugendlichen, wenn sie keinen Schlaf fanden oder mitten in der Nacht aufwachten, aufhalten durften.
Jan war eines von der ersten Schar Kids auf Station 13 gewesen und demnächst sollte er diesen Ort verlassen. Der anstehende Abschied fiel Lukas sehr schwer, da Jan ihm im letzten halben Jahr schon beinahe zur rechten Hand geworden war, Jan, dieser große, leicht schlaksige ruhige Junge, auf den man sich immer verlassen konnte und der schon bald eine Ausbildung als Krankenpfleger beginnen würde. So saß Lukas in Gedanken vertieft da, als er plötzlich aufhorchte. Die Klinik lag unweit des örtlichen Krankenhauses und befand sich mitten im Grünen. Leise war die Sirene eines Ambulanzwagens zu vernehmen, der angefahren kam, und ein seltsames, ja schon merkwürdiges Gefühl überkam Lukas, nicht wissend, dass in diesem ein schwer verletzter Junge lag, der sein Leben von Grund auf verändern sollte.
Lukas gähnte und schaute müde auf den Terminkalender, um zu kontrollieren, was am heutigen Tag noch so alles anstand.
»13. Juni«, murmelte er leise vor sich hin, während er die Kaffeetasse hinstellte und kurz nachdachte.
13. Juni! Das war genau der Tag, an dem er und Michael bei einer Flasche Wein vor vier Jahren beschlossen hatten, Station 13 zu gründen. Lukas kam das unendlich lange vor und er erinnerte sich nur zu gut an den weiten, mühsamen Weg, der damals vor ihnen gelegen hatte.
Als es dämmerte, traf Michael ein, um Lukas abzulösen. Er war fast ein Riese von Mann und hätte sich gut als Polizist gemacht. Im Vergleich zu ihm kam sich Lukas beinahe klein und schwach vor. Michael war blond und hatte breite Kieferknochen, die sein imposantes Erscheinungsbild noch verstärkten. Seine stahlblauen Augen, die einen durchdringend ansehen konnten, erinnerten an einen stürmischen Tag auf hoher See, an dem die Sonne durch die Wolken brach. Er war die Respektsperson schlechthin und alle gehorchten ihm aufs Wort.
»Guten Morgen, Lukas«, begrüßte Michael seinen besten Freund. Er stellte seine Tasche auf dem Tisch ab und nahm sich einen Kaffee. »Wie war die Nacht?«
»Ganz gut«, erwiderte Lukas, der noch immer in Gedanken versunken war. Michael musterte ihn.
»Lukas?«
»Ja, was gibt’s?«, fragte Lukas zurück, den bereits Michaels Tonfall aufhorchen ließ (aus dem etwas Außergewöhnliches herauszuhören war).
»Ich habe auf dem Weg hierher einen Anruf von Klaus bekommen.«
Augenblicklich verstand Lukas. »Der Krankenwagen«, flüsterte er geistesabwesend vor sich hin.
»Lukas«, wiederholte Michael etwas lauter, »bitte, sei nicht so emotional.« Er sah ihn streng an, bevor er weitersprach. »Die Überlebenschancen stehen schlecht.«
Lukas räusperte sich kurz und schluckte, was er oft tat, wenn ihn etwas berührte, dann stand er auf und holte sich einen neuen Kaffee. »Wie alt?«, fragte er. Michael kannte dieses Verhalten schon seit Lukas’ Kindertagen nur allzu gut an ihm und wusste, dass er es vermied, ihn bei schweren Fragen anzusehen.
»15 Jahre … ein Junge«, seufzte er. Blitzschnell lief Lukas, ohne auch noch an den Kaffee zu denken, zur Garderobe und schnappte sich seine Jacke, doch Michael hielt ihn auf.
»Lukas, stopp.« Er packte ihn an den Schultern und suchte seinen Blick. »Sieh mich an«, sagte er, was dieser eher unwillig tat und ein leises »Zu Befehl, Doktor Brand«, murrte. Michael überhörte dies geflissentlich und für den Bruchteil einer Sekunde zeigten sich die so allmählich ersten Lachfältchen um seine Augen. (Denn so streng er auch sein mochte, so herzhaft lachen konnte er.) Unbeirrt fuhr er fort. »Lukas, ich meine es ernst. Dem Jungen geht es sehr schlecht, mach dich auf etwas gefasst. Denk auch an unsere Verantwortung hier mit den Kindern. Gestern konnte Steve endlich darüber sprechen, was auf seiner Schule geschehen ist, dass dieser sogenannte Spaß ihn fast das Leben gekostet hätte. Steve hat im Moment eine Krise und du weißt, das passiert oft erst nach einer gewissen Zeit. Wie dem auch sei, verdammt, ich brauche dich hier.«
Lukas warf einen Blick zur Tür: »Ich muss los«, und weg war er. Michael lief kopfschüttelnd zum Fenster des Büros und beobachtete, wie Lukas zum vorderen Parkplatz eilte. »Ja«, dachte er bei sich, »das ist mein Lukas«, als dieser mit dem Wagen rasch davonfuhr.
Als Lukas das Krankenhaus betrat, war ihm wie immer mulmig zumute. Doktor Murelli, der leitende Arzt der Notaufnahme, sah ihn schon von Weitem und lief ihm entgegen. Er war recht dünn, fast einen Kopf kleiner als Lukas, und trug eine Brille mit runden Gläsern. Durch seine ruhige, aber standfeste Haltung und seine tiefe Stimme wirkte er aber auch dann noch in jeder Hinsicht souverän, wenn es nur noch hektisch zuging, wenn es buchstäblich um Leben und Tod ging.
Sie reichten sich kurz die Hände.
»Hallo, Lukas«, begrüßte ihn der Oberarzt.
»Klaus, wie sieht es aus?«
Für Doktor Murelli war Lukas’ direkte Art nichts Neues, wenn es sich um das Leben eines Kindes handelte.
»Der Junge ist einigermaßen stabil, aber sicher sind wir noch nicht. In der letzten Nacht hing sein Leben an einem seidenen Faden. Komm, wir sehen ihn uns an.«
Lukas kannte Klaus gut genug, um zu wissen, was das bedeutete. Also liefen sie eilig zur Intensivstation, vor deren Tür (die einen Moment brauchte, bis sie sich öffnete) ihm wie immer die Beine weich wurden. Er würde sich wohl nie an solche Momente gewöhnen können. Lukas atmete zweimal gut durch und betrat den Raum.
»Gleich da hinten«, meinte Klaus und gab mit dem Finger die Richtung vor, die sie einschlagen mussten. Dann standen sie vor dem Bett. Lukas blickte lange stumm auf den nach Luft ringenden Jungen herunter. Obwohl er schon viel gesehen hatte, trieb es ihm die Tränen in die Augen. Als er sich gefasst hatte, fragte er: »Wie ist sein Name?«
»Das ist Julius. Der Kleine heißt Julius«, wiederholte Doktor Murelli mit einem Seufzer.
In Lukas’ Herz tat sich etwas auf, so wie Klaus dieses Der Kleine gesagt hatte.
Als Julius seinen Namen hörte, stöhnte er auf und wurde unruhig. Eine Sauerstoffmaske bedeckte Mund und Nase, darunter war trotz der starken Spuren von massiven Schlägen ein hübsches Gesicht zu erkennen. Julius hatte hohe Wangenknochen, eine mit Sommersprossen überzogene, leicht geschwungene Nase und dazu eine etwas vorstehende Oberlippe, was ihm einen kindlichen Ausdruck verlieh. Oberhalb der Stirn auf der linken Seite hatte der Junge, wie Lukas selbst, einen auffallenden Haarwirbel, und sogar die Haarfarbe war, wie das von Julius, nussbraun. Bei dem Jungen durchzogen seine Haare jedoch leichte, helle Strähnen, was darauf schließen ließ, dass er sich angesichts der eigentlich erst beginnenden Sommerzeit sehr oft im Freien aufgehalten hatte. Zur Seite hin standen die Haare leicht ab und bedeckten seine recht tief liegenden, einen Tick abstehenden Ohren. Doch es waren die hohen Wangenknochen, die einem besonders auffielen, denn sie ließen erahnen, wie hübsch, ja geradezu niedlich, es aussehen würde, wenn der Junge lachte.
Nein, schoss es Lukas durch den Kopf, dieses Kind lacht mit Sicherheit nicht mehr.
Klaus sah ihm die Betroffenheit an.
»Ja, Lukas, er hat ganze Arbeit geleistet, das Allerletzte, was er wollte, war wieder aufzuwachen. Er schnitt elend tief an beiden Handgelenken – zum Glück nicht der Länge nach. Doch auch sein Magen wurde ausgepumpt. – Es gibt immer einen Grund, aber hier ist es weit mehr als nur einer.«
Lukas horchte auf die unregelmäßigen Herztöne des Jungen, und während er das Piep … Piep … Piep … im Kopf verfolgte, überprüfte sein ärztliches Auge die üblichen Dinge, die an ihm angebracht worden waren. Klaus strich Julius sanft durchs Haar.
»Ja, du machst das gut, weiter so …«, sprach er zu ihm. Fast schon sachlich griff Lukas nach den Unterlagen neben dem Bett und fing an darin zu lesen. Diagnostiziert wurde in dem Bericht eine Überdosis an Medikamenten, das Aufschneiden der Venen, körperliche Gewalt, Unterernährung, sexueller Missbrauch mit inneren Verletzungen, der letzte lag nicht länger zurück als vierundzwanzig Stunden, und eine massiv schlecht verheilte große Narbe in der unteren Bauchregion. Vor knapp zwei Stunden hatte Klaus eine große Computertomografie durchführen lassen, um die Folgen der Verletzungen besser beurteilen zu können. Eine schon ältere Schädelfraktur lag vor und auch die Schulter musste einmal gebrochen gewesen sein und war nicht ganz ordentlich wieder zusammengewachsen. Lukas fühlte sich leicht benommen vom Lesen, weshalb er sich kurz die Augen rieb und dabei einen Blick auf Julius warf. Es ging weiter mit Asthma, Herzrhythmusstörungen, schlechten Laborwerten und die Muskulatur sei auffallend steif, wobei noch unklar war, woher das kam. Es lagen leichte Blutungen in Magen und Darm vor, die Oberschenkel des Jungen waren zerschnitten, was wohl auf Selbstverletzung zurückzuführen war – endlos lang schien diese Liste zu sein.
»Keine Drogen oder Alkohol?«, fragte er irritiert und hob den Kopf.
»Erstaunlich, was? Bei den üblen Werten. Außerdem zeigt Julius keinerlei Entzugserscheinungen. Also muss es etwas anderes gewesen sein. Ich nehme an, starke Schmerzmittel, woher er die auch immer hatte. Das gesamte Krankheitsbild entspricht überhaupt nicht dem eines fünfzehnjährigen Jungen. Was auch immer er geschluckt hat, es war zu viel … und zu lange.«
Lukas wurde schwindelig und ein Gedanke kam in ihm hoch, den er, seit er Arzt war, noch nie gehabt hatte.
War es gut gewesen, dass dieser Junge überlebt hatte? Es durchfuhr ihn so stark, dass er sich selbst zur Ordnung rufen musste. Doch dann staunte Lukas dermaßen, dass ihm die Unterlagen beinahe zu Boden gefallen wären.
»Das gibt’s doch nicht«, stieß er hervor.
»Pst, Lukas, komm, wir setzen uns dort drüben hin.« Klaus zog Lukas leicht am Ärmel in eine Ecke, wo zwei Stühle und ein kleiner Tisch standen. Eine der Schwestern brachte zwei Tassen Kaffee, die sie dankbar annahmen. Erst als sie einen Schluck getrunken hatten, sprach Klaus mit gedämpfter Stimme weiter.
»Du hast richtig gelesen, Lukas, der Junge ist nirgendwo registriert, weder bei den Behörden noch sonst wo. Es gibt nichts über ihn, keine Schulen, keine Krankenhäuser, keine Ärzte.«
Lukas starrte dem Oberarzt ins Gesicht.
»Wie ist das denn möglich?«, fragte er. Klaus schüttelte den Kopf.
»Keine Ahnung, auch über seine Mutter erfährt man reichlich wenig. Sie starb vor einigen Jahren. Eine Nachbarin hat ihn gefunden. Von ihr weiß man laut Polizei auch das Alter des Jungen, mit dem Vater sei wenig anzufangen.«
Klaus bemerkte, wie Lukas an etwas herumgrübelte, und ahnte, an was. »Der Junge hatte die Stereo-Anlage voll aufgedreht«, fuhr er fort, »die laute Musik hatte sie gestört, darum ging sie nach unten, um sich zu beschweren. Die Tür der Wohnung war zum großen Glück nicht abgeschlossen gewesen. Es soll dort ausgesehen haben … Ein einziger Albtraum! Wie gesagt, es sind keine Nachweise über seine Existenz zu finden. Lukas, diesen Jungen gibt’s gar nicht! – Die Nachbarin wird übrigens heute Vormittag bei der Polizei ihre Aussage machen. Ich gebe dir die Adresse.«
Lukas dachte nach. Julius sah, trotz seiner Unterernährung, nicht schwächlich aus, was er irritierend fand. Denn obwohl der Junge für sein Alter mit seinen gut ausgebildeten Schultern und Oberarmen eher kräftig erschien, wirkte er gleichzeitig auch sehr zerbrechlich. Außerdem kam er ihm viel jünger vor, zumal er nicht allzu groß war.
»Wie ein kleiner Junge«, murmelte Lukas vor sich hin. Die beiden Männer standen auf und gingen zurück zum Bett. Dort legte Lukas seine Hand leicht auf die Stirn des Jungen und betrachtete ihn still. In dem Moment kam es Lukas so vor, als würde er Julius kennen – gut kennen. Verwirrt schüttelte er etwas seinen Kopf.
»Sieh dir mal seine Handflächen an«, sagte Klaus. »Der Junge ist bestimmt nicht von der Badeanstalt so braun.«
Lukas drehte diese behutsam um. Alles war voller Risse und Schwielen. »Hm, denkst du auch, was ich denke, Klaus?«
»Ja, das kommt nicht vom Spielen, ich tippe auf Baustellen. Dieses Kind hat schwerste körperliche Arbeit verrichtet.«
Diesmal blieb Lukas wenig Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen. Julius stöhnte auf und begann zu reden, wobei er versuchte sich aufzurichten.
»No … don’t do it … Nooo!«
Lukas legte sofort seine Hand auf den freien Brustkorb des Jungen und drückte ihn sanft runter. »Psst, alles wird gut, niemand tut dir je wieder etwas zuleide.«
Julius wand sich unter dem Druck der Hand und drehte den Kopf hin und her. »Nein«, wimmerte der Junge weiter, während er zu blinzeln begann. Große, angsterfüllte, efeugrüne Augen blickten Lukas plötzlich an.
»Ja, sieh mich an, Julius, ganz ruhig, komm schon, atme ruhig … Ja, so ist es besser. Du bist in Sicherheit, mein Kleiner, ich gebe von nun an auf dich Acht.«
Nach etwa zehn Minuten war Julius wieder eingeschlafen. Bevor die beiden Ärzte die Intensivstation verließen, deckte Lukas den Jungen noch liebevoll mit dem Laken zu. Draußen blieben sie nochmals stehen. Klaus musterte Lukas einen Moment lang.
»Was meinst du, Lukas, übernimmst du den Jungen, falls er überleben sollte?«
Lukas runzelte die Stirn. »Ich verstehe die Frage nicht ganz. Wir nehmen doch alle Kinder in diesem Alter bei uns auf, wenn wir genügend Platz haben. Und hier stellt sich ja wohl die Frage des Sorgerechtes nicht.«
»Hm, Lukas, du siehst müde aus«, gab Doktor Murelli mit einem bedenklichen Gesicht zögernd zurück.
»Warum sagst du das, Klaus? Ich komme von der Nachtschicht. Wir sehen immer müde aus.«
Er bemerkte, dass er in einem etwas angriffigen Ton sprach, und versuchte sich zu beherrschen.
»Klaus, in den Unterlagen steht, der Junge ist nicht von hier, sondern aus der Stadt. Warum wurde er denn so weit transportiert?«
»Lukas, dass sein Zustand so schlecht ist, wussten wir nicht, sonst hätte ich das mit Sicherheit nicht veranlasst. Es kommt noch hinzu, dass von der Untersuchung her gut zu erkennen ist, dass der Junge schon seit längerer Zeit missbraucht wurde. Was ich dir damit sagen will, ist, dass da eine Menge auf euch zukommt. Wäre es deiner Meinung nach nicht besser, ihn auf eine geschlossene Abteilung einzuweisen?«
Lukas atmete tief durch und sah Klaus entschlossen an. »Ruf mich an, wenn Julius zu uns kommen kann, ob Tag oder Nacht. Ich brauche für die erste Zeit eine Schwester zur vollen Betreuung. Kannst du dafür sorgen, dass mir das bewilligt wird?«
»Ja, das kriege ich sicher hin.« Kurz darauf fragte Klaus nochmals: »Du bist dir wirklich ganz sicher, dass du den Jungen übernehmen willst?«
»Ja, absolut«, gab Lukas entschieden zurück, wobei er ihm die Hand zum Gehen reichte.
Doktor Murelli hatte keine andere Antwort von Lukas erwartet.
Lukas musste sich beeilen, um rechtzeitig in der Stadt bei der Polizei zu erscheinen. Doktor Murelli hatte ihm versehentlich die falsche Uhrzeit genannt, und er hatte Glück gehabt, vorher angerufen zu haben. Als er eintrat, begrüßte ihn ein Beamter und Lukas gab an, worum es sich handelte. Er wurde in ein kleines Zimmer geführt, in dem schon eine Frau saß, die älter aussah, als sie wohl in Wirklichkeit war. Dies musste anscheinend die Nachbarin sein.
»Guten Tag, mein Name ist Lukas Mahone«, sagte er und reichte ihr die Hand. »Ich bin Arzt. Ich werde in Zukunft Julius betreuen … sollte er es überleben.«
Die Frau kam erst gar nicht dazu, sich vorstellen, sondern quasselte gleich los: »Was? Steht es denn noch so schlecht um ihn? Ach, dieser dumme Junge, so etwas macht man doch nicht, dabei schien er mir immer ein so vernünftiges Kind zu sein.«
In diesem Moment betrat ein anderer Beamter das Zimmer, setzte sich hin und nahm die Unterlagen, die auf dem Tisch lagen, zur Hand.
»Guten Tag«, begrüßte er beide, »mein Name ist Schneider, Polizeiobermeister Schneider. Nun, also, Sie sind Frau Berger, wenn ich richtig sehe. Sie haben den Jungen gefunden. Was können Sie uns denn über den Julius sagen?«
Frau Berger begann leicht nervös auf dem Stuhl herumzurutschen, während sie zu reden anfing.
»Na ja, nicht allzu viel, ich sah ihn selten draußen, eher beim Kommen und Gehen. Und, ah ja, er besorgte die Einkäufe für diese Frau Milkowitsch. Sie war eine alte Dame, offenbar aus Russland, und soviel ich weiß, verbrachte der Junge auch sonst viel Zeit bei ihr. Ich sah Julius fast jeden Tag zu ihr hochgehen, vom zweiten in den vierten Stock. Ich selbst wohne im dritten, müssen Sie wissen, und konnte ihn immer hören, da doch die Dielen so knarren.«
Der Beamte wirkte erstaunt, als er den Namen hörte. »Frau Milkowitsch? Dieser Name sagt mir etwas. War das nicht die Frau, die man erst sechs Tage nach ihrem Tod aufgefunden hat?«
Schneider griff gleich nach dem Telefon.
»Du, Peter, ich glaube, ich habe hier etwas für dich, komm doch rasch zu mir rüber.«
Kurz darauf betrat ein weiterer Beamter das Zimmer. Lukas überlegte derweil, was das alles zu bedeuten habe, als Schneider seinen Kollegen fragte: »Sieh dir das Bild da mal an, Peter. Du hattest doch diesen Einsatz mit dieser toten russischen Frau. Der Junge da, könnte das derjenige sein, mit dem du geredet hast und der danach verschwunden war und nicht mehr aufzufinden? Er hatte doch einige Worte in Russisch gesagt, oder?«
»Eher gestammelt würde ich sagen, aber zu deiner Frage: Ja, Hans, das ist er«, meinte der Kollege mehr als erstaunt, »aber um Gottes willen, was ist denn mit ihm geschehen?«
»Du bist dir wirklich ganz sicher?«
Die Spannung im Raum war nun spürbar, nachdem Schneider nachgefragt hatte.
»Hans, der Junge war untröstlich, und solch ein Gesicht vergesse ich nicht so schnell. Außerdem hatte er auch damals blaue Flecken, aber das da … das arme Kind!«
Nun mischte sich Lukas ins Gespräch ein.
»Der Junge liegt momentan auf der Intensivstation. Er ist noch immer nicht außer Lebensgefahr, ich werde später für ihn zuständig sein. Dürfte ich bitte einen Blick in Ihre Akten werfen?«
Polizeiobermeister Schneider musterte Lukas einen Augenblick lang, bevor er meinte:
»Nun, da gibt es nicht viel zu sehen. Fünf Monate ist das etwa her, es konnten keine Verwandten ausfindig gemacht werden.«
Währenddessen betrachtete sein Kollege noch immer das Foto von Julius, das in der Notaufnahme aufgenommen worden war. Dann blickten beide die Nachbarin an. Frau Berger wurde unwohl zumute. »Sehen Sie mich nicht so an«, wetterte sie aus dem Nichts heraus los. »Ich hatte keine Ahnung davon, niemand hat mich je etwas gefragt.«
»Frau Berger«, wechselte der Polizeibeamte das Thema, für den eindeutig feststand, zu was für einer Sorte Mensch diese Frau gehörte. Er hatte dies immer wieder in seinem Beruf erlebt, sodass er sie zu jenen zählte, die zwar immer alles gleichzeitig, aber wenn sie gefragt wurden, nie etwas gesehen oder gehört hatten.
»Frau Berger«, wiederholte er nochmals ein weniger schärfer. »Wir haben keinerlei Hinweise über den Jungen gefunden, aus dem hervorgeht, dass er hier im Viertel gelebt hat. Sie haben bei der ersten kurzen Befragung angegeben, Julius sei 15 Jahre alt. Ist das korrekt?«
»Oh ja«, erwiderte sie selbstzufrieden. »Ich weiß sogar auf den Tag genau, wann Julius geboren wurde. Nur habe ich dann gedacht, die Frau Stebler sei vielleicht doch noch ins Krankenhaus gegangen.« Sie genoss sichtlich die Aufmerksamkeit, doch bevor sich jemand nach dem, was sie gesagt hatte, näher erkundigen konnte, sprach sie weiter: »Nun, ich hörte das Baby nie weinen …«
Lukas unterbrach die Frau.
»Aber woher wollen Sie denn wissen, wann er geboren wurde?«
»Das kann ich Ihnen sagen«, gab sie triumphierend zurück. »Wie war Ihr Name noch mal?«
Lukas kämpfte mit seiner Beherrschung. »Mein Name ist Mahone, Frau Berger«, antwortete er.
Neugierig sah sie ihn nun an. »Ach, was für ein seltsamer Name, woher kommt der denn?«, plapperte sie so vor sich hin.
»Keine Ahnung, ich hatte keine Eltern, die ich danach hätte fragen können«, meinte Lukas zerknirscht.
»Oh, entschuldigen Sie bitte! Es war ja nur eine ganz harmlose Frage, ich konnte ja nicht wissen …« Hilfesuchend blickte sie sich um, wohl in der Hoffnung, von den Beamten Unterstützung zu bekommen. Stattdessen fragte Schneider nun ein wenig forscher: »Also, woher wissen Sie, Frau Berger, denn nun, wann dieser Junge genau geboren wurde?« Leicht beleidigt fuhr diese fort:
»Es war so. Ich hörte die Frau Stebler eines Morgens immer wieder schreien. Eine Frau, die schon einmal auf dem natürlichen Weg ein Kind bekommen hat, weiß Bescheid, wie sich so etwas anhört. Kurz danach weinte ein Baby. Ich dachte mir: Nun gut, sie macht wohl eine Hausgeburt. Die Frauen von heute mögen das ja. Damals waren wir noch froh darüber gewesen, in eine Klinik zu dürfen, um sich ein wenig auszuruhen. Aber eben, die Zeiten ändern sich.«
»Warum ist Ihnen denn das genaue Datum so gut in Erinnerung geblieben?«, wollte der Polizist wissen.
»Hahaha: April, April! Deswegen! Der Junge ist am ersten April auf die Welt gekommen, und das Jahr weiß ich deshalb so genau, weil es das erste Todesjahr meines geliebten Ottos war.«
Frau Berger sah tatsächlich kurz zur Zimmerdecke hoch und meinte danach traurig: »Ach, wo er jetzt wohl ist? Mein verstorbener Mann. – Verstehen Sie!?«
Lukas schämte sich jetzt ein wenig wegen seiner Unfreundlichkeit vorhin und versuchte, die Frau einigermaßen freundlich anzusehen. Doch Schneider wurde unruhig, er wollte die Sache langsam auf den Punkt bringen. »Frau Berger, es geht hier ausschließlich um den Jungen«, sagte er deutlich, indem er im Grunde keinen Widerspruch mehr gelten ließ. »Ist Ihnen denn nie etwas Außergewöhnliches aufgefallen?«
»Also, hören Sie mal«, brauste die Frau auf. »In einer Familie kann schon einmal gestritten werden, da ist es doch ganz normal, dass es auch einmal laut werden kann. Ach du meine Güte! Wo kämen wir denn da hin, wenn die Leute dabei jedes Mal gleich etwas denken würden. Er ist schon oft hingefallen, das stimmt schon. Jedenfalls sagte er das, wenn ich ihn fragte, warum er blaue Flecken oder aufgeschlagene Stellen hatte. Aber wissen Sie: Der Stebler, so allein mit einem Kind …«
»Tja«, warf der Beamte ein, »angeblich hat er nichts anzufangen gewusst mit seinem Sohn. Es sei alles ausschließlich Sache seiner Frau gewesen. Der Vater verzichtet im Übrigen auf das Sorgerecht, was ihm wahrscheinlich sowieso entzogen worden wäre. Dann meinte er noch, nicht einmal ein Katzenheim würde den Jungen wollen.«
Als Frau Berger das hörte, wurde sie bleich und schluckte. Schließlich sagte sie weinerlich:
»Ja, und die Frau Stebler … Eines Tages kam der Krankenwagen und weg war sie. Gestorben, hörte ich bald danach. Fragte ich ihn etwas darüber, rannte das Kind gleich weg. Also vermied ich es, mit dem Jungen über seine Mutter zu reden. Der Kleine war damals ja erst sieben Jahre alt. Frau Stebler war Engländerin, sie sprach meist ein sehr sauberes Englisch mit dem Jungen, aber nie, wenn ihr Mann dabei war. Ich nehme an, er mochte das nicht so gerne.«
Lukas unternahm gar nicht erst den Versuch, diese Frau zu fragen, wie sie auf so etwas komme. Das Einzige, was er wollte, war, da rauszukommen, raus an die frische Luft, auf der Rückfahrt am Waldrand Halt zu machen und dort ein oder zwei Stunden zu schlafen.
Als Lukas erwachte, kam es ihm vor, als habe er mindestens sechs Stunden im Tiefschlaf verbracht. Langsam setzte er sich auf, stellte den Autositz wieder nach oben und sah sich dann, noch immer verschlafen, um. Er hatte kaum mehr realisiert, wo er überhaupt war, bevor ihm die Augen zufielen. Neben dem Wagen plätscherte leise ein Bach, weit und breit war niemand zu sehen. Lukas öffnete die Wagentür und genoss für eine Weile einfach nur diese Art von Stille, mit ihrem leisen Vogelgezwitscher und dem monotonen Geräusch des Wassers. Erst dann sah er nach, wie spät es war. Es war vier Uhr nachmittags, demnach hatte er gar nicht allzu lange geschlafen. Von einem Moment zum anderen durchfuhr es ihn eiskalt. Mit beinahe schon zitterigen Händen und pochendem Herzen starrte er auf sein Handy.
»Gott sei Dank«, stöhnte er so laut auf, dass, wären Spaziergänger in der Nähe gewesen, diese erschrocken wären. Erleichtert legte er das Handy beiseite, denn es hatte weder geklingelt, noch war eine Nachricht eingegangen.
»Er ist noch am Leben«, atmete Lukas nochmals auf. Julius war noch am Leben, ansonsten hätte Klaus ihn benachrichtigt. Er stieg aus dem Wagen, lief ein wenig umher, setzte sich dann an den Bach und sah stumm dem Wasser zu. Alles um ihn herum war voller Leben, überall krabbelten und flatterten Insekten, ja selbst im Bach, in den er hineinsah, wimmelte es nur so von Tierchen, die im Wasser zu Hause waren. Lukas spürte ein leichtes Kitzeln auf seinem Handrücken und instinktiv wollte er danach schlagen, doch dann hielt er abrupt inne. Es war eine Waldameise, die da ihres Weges lief. Sollte es denn zu ihrem Unglück werden, dass sie, dieses kleine Wesen, seinen Weg zufällig kreuzte? Indem er ihr Leben einfach so auslöschte, noch dazu an diesem schönen sonnigen Tag? Was bedeutete überhaupt Groß und Klein – angesichts eines unendlichen Universums?
»Ja«, dachte Lukas laut, der schon versucht war, sich als edelmütig zu betrachten, dieses Tierchen nicht getötet zu haben. »Was weiß ich schon? Unter dem Mikroskop würde ich staunen, was ich da alles betrachten könnte.«
Lukas versank immer tiefer in seine Gedanken. Es gab Ameisen in Unmengen, ließ sie das aber weniger wertvoll erscheinen? Sie hatte ihm nichts getan, wollte nur ihre Arbeit verrichten. Wie sehr unterschied er sich denn von ihr? Schließlich war er auch nur ein winziges Element inmitten der gesamten Menschheit. Michaels Ermahnungen stiegen in ihm hoch: Lukas, sei nicht so emotional … nicht so emotional, klang es in ihm nach, wobei ein Schmunzeln in seinem Gesicht lag, als er an seinen besten Freund dachte. Er verfolgte die Ameise noch so lange mit den Augen, bis er sie im Unterholz verschwinden sah. Dann stand er auf und streckte sich. In zwei Stunden würde seine Schicht beginnen. Er nahm, ohne lange zu überlegen, sein Handy und wählte Michaels Nummer.
Es piepte dreimal, bis dessen Stimme zu hören war. »Hallo, Lukas, alles in Ordnung bei dir?«
Lukas schluckte wie üblich. »Was? … Jaja, ich bin okay. Du, hör mal, ich möchte mir heute freinehmen, vielleicht wären Maggi oder Marc bereit, meine Schicht zu übernehmen. Marc noch eher, würde ich sagen.«
Zuerst schwieg Michael, doch kurz darauf meinte er, er würde sehen, ob sich da etwas machen ließe. Zehn Minuten später rief er zurück. »Geht klar, Lukas, Marc springt für dich ein. Er ist sogar froh darüber, weil er so oft wegen seiner Schulung weg sei.« Michael hatte aufgehört zu sprechen und eine Stille entstand, in der Lukas genau spürte, auf was sein bester Freund wartete.
Verdammt, dachte Lukas bei sich, warum musste Michael ihn immer so gut durchschauen?
»Ist das alles?«, durchbrach Michael das Schweigen.
»Hm … ja, soweit schon, danke fürs Organisieren«, gab Lukas zögernd zurück.
Nun war es Michael, der sich kurz räusperte, dann sagte er: »Gerne geschehen, und … Lukas: Ich wünsche dir viel Kraft für diese Nacht.«
Lukas fuhr auf direktem Weg zum Krankenhaus. Er wollte nur noch eines.
Diesen Jungen beschützen. Um alles in der Welt.
Am Haupteingang ließ Lukas sich am Automaten einen Kaffee heraus und trank diesen auf dem Weg zur Intensivstation. Als er sich dort angekommen noch hastig den grünen Arztmantel überzog, hörte er Julius bereits schreien: »Nooo … stop it … please, noooo.«
Gleich darauf hörte er Doktor Murelli sagen: »Schwester, bitte bringen Sie mir etwas zur Beruhigung, das kann so nicht mehr weitergehen.«
»Nein, halt«, brüllte Lukas, der jetzt beinahe rannte. Doktor Murelli hob verblüfft den Kopf, war aber nicht im Geringsten darüber verwundert, Lukas wiederzusehen.
»Klaus«, ging Lukas dazwischen, »der Junge hatte doch schon viel zu viele Medikamente.«
»Lukas, er schreit schon seit bald zwei Stunden so, das macht sein Kreislauf nicht mehr lange mit. Sieh dir einmal seinen Puls an.«
Lukas erkannte sofort den Ernst der Situation. Trotzdem gab er zurück. »Bitte, Klaus, gib mir zehn Minuten, ja?« Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er die Schwester zur Seite und drückte den sich aufbäumenden Jungen mit leichter, aber entschlossener Kraft runter. Automatisch begann er ebenfalls auf Englisch zu sprechen: »Julius, breathe … ja, atme in meine Hände … slowly … yes, it's better like this, feel me.«
Er versuchte Julius einzuschätzen, während er weiter auf ihn einredete.
»Come back, everything will be fine … Ich beschütze dich. « Während Lukas den Jungen noch immer mit Druck nach unten hielt, strich er mit dem Daumen sanft auf dessen Brustkorb auf und ab. Julius begann die Kraft auszugehen und er wehrte sich immer weniger. Lukas reagierte blitzschnell. Er stellte sich hinter das Kopfteil des Bettes, zog den Jungen unter den Schultern nach oben, legte die eine Hand auf Julius’ Stirn und die andere auf dessen Brustkorb. Jetzt glichen die Bewegungen seiner Hände einem langsamen, zarten Streichen einer Feder auf Julius’ Haut – eine der besonderen Eigenschaften von Lukas. Das Schreien des Jungen ging in ein Wimmern über, während Lukas immer wieder die Position seiner Hände leicht verlagerte und weiter auf ihn einsprach. Erneut wechselte Lukas den Standort, stellte sich neben das Bett und legte seine Hände auf den Bauch und der Schulter des Jungen ab.
»Du machst das gut … jetzt hörst du mich, atme tief in deinen Bauch, dann bekommst du mehr Luft … Komm, atme zu meiner Hand.«
Lukas redete weiter ruhig auf ihn ein, wartete immer wieder kurz ab, um zu prüfen, ob Julius eine Reaktion zeigte. Er tat dies aber nie allzu lange, um den Kontakt zu ihm nicht zu verlieren.
Dann schloss Lukas die Augen, während er ein Stoßgebet nach oben warf, und konzentrierte sich nun voll und ganz auf seine Hände, um Julius vollends zu fühlen.
»Sehen Sie nur, Doktor Murelli, der Junge beruhigt sich«, flüsterte die Schwester.
Lukas ließ sich davon nicht ablenken, er wollte alles von sich geben, ließ seine ganze Hingabe und Wärme, die er spontan empfand, in seine Hände fließen, sodass er kaum mehr bewusst wahrnahm, was seine Finger taten, wie er den Jungen abtastete und immer wieder die Stellen dabei wechselte. Diese Art des Erspürens war für ihn die tiefste Form des Hinhörens.
»Das bin ich, Julius … fühl mich! Du lebst und ich möchte, dass du weiterlebst … yes, now it is better … ruhig! Okay, you feel me now … sleep.«
Lukas wurde ganz still, so lange, bis er sanft lächelnd sagte:
»Ja, jetzt machst du es besser, mein Kleiner.«
»Hallo, Lukas, bist du noch da?«
Lukas öffnete die Augen und sah sich leicht verwundert um. Drei Schwestern standen mit staunenden Augen um das Bett herum, während Klaus ihn freundlich ansah.
»Du und deine Hände«, sagte er bewundernd. »Sieh mal, der Junge schläft tief und fest. Herz und Pulsschlag sind so gut wie normal. Julius stand kurz vor einem endgültigen Kollaps. Du bist dir hoffentlich bewusst, dass du ihm soeben das Leben gerettet hast. Von woher kannst du das bloß, Lukas?«
»Das war jemand ganz Außergewöhnliches … in Afrika«, flüsterte er, während er dem Jungen das verschwitze Haar aus der Stirn strich. In diesem Augenblick ertönte Doktor Murellis Pieper. Er warf einen Blick darauf und sah dann Lukas ernst an.
»Ein Notfall … Du bleibst hier, sagtest du? Schwester, ich gebe die Überwachung des Jungen an Doktor Mahone weiter. Bitte befolgen Sie sämtliche Anweisungen von ihm.«
»Das mache ich mit Vergnügen«, erwiderte diese mit einem mehr als anerkennenden Blick zu Lukas hin, sodass es ihm schon leicht peinlich wurde.
»Klaus, wenn alles gut verläuft, meinst du, ich kann Julius schon morgen mit zu uns nehmen? Technisch gesehen sind wir nicht schlecht eingerichtet.«
Klaus musterte ihn. »Hm, der Junge liegt dir sehr am Herzen, nicht wahr?«
Anstelle einer Antwort blickte Lukas auf Julius. Der Oberarzt musste schmunzeln. »Michael hat schon recht, du willst ihn nicht mehr aus den Augen lassen.«
Lukas stutzte. »Michael?«
»Aber Lukas, als ob er hier nicht schon längst angerufen hätte, er ist schließlich der leitende Arzt von Station 13. – Und wegen deiner Frage: Es ist zu früh, den Jungen schon jetzt aus der Klinik zu entlassen.«
»Klaus«, widersprach ihm Lukas, »es ist aber auch ungewöhnlich, dass ein Kind so schreit. Diese Anfälle sind gefährlich für ihn. Ich bin mir sicher, dass er diese auf Station 13 weniger hätte.«
Klaus sah ihn für einen Augenblick ernst an, doch bevor er davoneilte, sagte er:
»Nun gut, wenn in der Nacht keine massiven Krisen mit Atemnot mehr auftreten, kannst du ihn haben.«
Die kommenden Stunden hielten Lukas extrem auf Trab und er trank einen Kaffee nach dem anderen. Doch die Atmung des Jungen blieb weiterhin stabil, sodass Lukas die Sauerstoffmaske endlich wegnehmen konnte. Gegen Tagesanbruch kam der letzte große Anfall. Lukas wickelte Julius in das Bettlaken ein und hob den Jungen kurzerhand aus dem Bett. Er nahm ihn fest in seine Arme, wobei er ihn liebevoll hin und her wiegte. Den Schwestern stand endgültig der Mund offen, als sie das sahen. Er drückte Julius so an sich, wie er nie zuvor jemals jemanden gehalten hatte – Außer bei Eric, damals. Doch niemals, auch nicht in Afrika, hatte er so um ein Leben gekämpft. Lukas hatte keine Ahnung, warum das so war, nur dass es so war – und dass es richtig war.
»Psst, mein Kleiner … atme auch wieder richtig aus. Hey, du kommst mit mir … Es wird dir dort gefallen, also enttäusch mich nicht.«
»Nein, nein … nein«, wimmerte Julius und Tränen liefen ihm die Wangen herunter.
»Schwester«, flüsterte Lukas. »Ich glaube, Sie können ihm jetzt etwas zur Beruhigung spritzen, doch bitte halten Sie die Dosierung tief.«
Die Schwester tat dies, während Julius noch in Lukas’ Armen lag.
»Du bist ein wunderbarer Junge«, flüsterte er weiter. »Ich werde dich immer halten, wenn du es brauchst, aber jetzt wird geschlafen … relax now.«
Julius’ Körper fing an sich zu entspannen, und dann tat der Junge etwas Merkwürdiges. Er kuschelte sich eng an Lukas und schlummerte mit einem ruhigen Gesichtsausdruck ein.
»Also, wenn ich das nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, Doktor Mahone«, stammelte die Schwester, »ich würde es nicht glauben.«
Vorsichtig legte Lukas den Jungen zurück ins Bett und deckte ihn gut zu. Er wusste, er hatte es geschafft: Julius würde leben. Müde, aber glücklich sah er erst zur Schwester und dann kurz nach oben, um sich auf seine eigene Art und Weise zu bedanken. Irgendwann döste er auf seinem Stuhl leicht ein. Sein Kopf und seine Arme lagen auf dem Bett des Jungen. Als er wieder aus dem Halbschlaf erwachte, blickte er erschrocken zu Julius hin, dessen Hand noch immer in der seinen ruhte. Der Junge sah mehr als erschöpft aus, schlief aber noch immer friedlich und ruhig atmend vor sich hin. Eine halbe Stunde später betrat Doktor Murelli die Intensivstation.
»Guten Morgen, Lukas, du hast es also geschafft.«
Lukas sah sich Klaus ein wenig genauer an. Er sah schlecht aus.
»Du anscheinend nicht.«
Doktor Murelli schüttelte den Kopf. »Ich sah vorhin dabei zu, wie sich Eltern von ihren Kindern verabschieden mussten. Ein schwerer Verkehrsunfall. Das Pärchen war noch recht jung, keine zwanzig Jahre alt.«
Lukas schluckte hörbar. Das waren sie. Diese Momente, in denen sämtliche Uhren der Welt aufhörten zu ticken. Doktor Murelli seufzte und sagte ruhig: »So ist es nun mal, Lukas. Leben und Sterben gehen Hand in Hand.« Dann sammelte er sich wieder, während er Julius’ Zustand prüfte.
»Also Lukas, dann wollen wir mal sehen, dass du auch bald ins Bett kommst. Kabeln wir den Jungen ab, ich bin soweit zufrieden. Schwester Hilde hat mich stets auf dem Laufenden gehalten und Michael ist bereits informiert, dass ihr kommt.«
Lukas wagte nicht zu fragen, was Doktor Murelli durch den Kopf ging, bis dieser schließlich sagte.
»Ja, nimm ihn schon mit, aber bitte ruf mich bei Komplikationen rechtzeitig an.«
Lukas unterdrückte eine Welle von Emotionen, die plötzlich in ihm hochstiegen. Schnell sah er zur Seite hin weg, während Klaus nachdenklich wurde. »Hm, der Junge hat ein Unschuldsgesicht. Ja, das sind sie oft, diese Kinder, die so aussehen, die solches erleben. – Leider.«
Als Julius für den Transport bereit war, erwachte er leicht. Lukas machte einen Lappen mit warmem Wasser nass und wusch ihm damit sorgfältig das Gesicht. Der Junge drehte den Kopf weg und weinte leise. Lukas strich ihm das Haar aus der Stirn und tupfte auch diese sanft ab.
»Komm, das tut dir gut«, sprach er leise, »halte ein wenig still … so ist es recht.« Er wusste nicht, ob Julius wirklich wach war, aber eines wusste er mit Sicherheit: Dass er ihn hörte. Doktor Murelli klopfte Lukas auf die Schulter.
»Lass uns gehen, du und dein Kleiner.«
Nachdem sich Lukas von den Schwestern verabschiedet hatte, sagte er entschlossen:
»Yes, come Julius, we go home. Station 13 ist jetzt dein Zuhause.«
Der Transport im Krankenwagen verlief soweit gut. Als die beiden Ärzte mit Julius vor der Eingangstür von Station 13 ankamen, atmete Lukas erleichtert auf. Klaus gähnte und reichte ihm die Hand. »So, da hast du ihn, der Junge gehört jetzt dir.«
Lukas schüttelte den Kopf. »Nein, Klaus, er gehört mir nicht, er wurde mir nur anvertraut.«
Klaus sah sich den vor sich hin schlafenden Jungen an. »Nun, dieses Kind trägst du auf jeden Fall lange.«
»Genau für das sind wir hier, Klaus, dass diese Kinder getragen werden. Darum waren uns die zwei Jahre Aufenthalt ja so wichtig – so was dauert.«
Klaus kratzte sich hinter dem Ohr, nahm seine Brille ab und putze diese mit seinem Hemdärmel.
»Ob das reichen wird bei Julius? Nun, wenigstens in einem Punkt hatte der Junge Glück.«
»Was meinst du, Klaus?«
»Ich gehe davon aus, dass es sich bei Julius immer um etwa die gleichen Täter gehandelt hat. Die Testresultate sind schon eingetroffen.
Julius ist HIV-negativ.«
Julia saß im Wohnzimmer, das auf der linken Seite vom Eingang lag. Es war ein sehr großer, offener Raum, ohne Wand zum Gang hin, mit einer Tür und einer Treppe nach draußen, die im Sommer meist offen stand und in einen schönen Garten führte. Julia war erst seit drei Wochen auf Station 13. Sie war 15 Jahre alt und eher klein. Ansonsten hatte sie eine nette Figur mit einer hellen Haut. In ihrem Gesicht wimmelte es nur so von Sommersprossen, dennoch wirkte Julia nicht bleich. Ihre blonden mittellangen Haare hatte sie meist zu einem Pferdeschwanz gebunden. Oft lümmelten ihr ein paar Fransen im Gesicht herum, die sie immer wieder zur Seite strich. In Julia konnte man sich recht täuschen, kannte man sie nicht. Mit ihren hellblauen Augen, dem kleinen Mund und der ebenso kleinen und geraden Nase wirkte sie eher wie ein schwaches Persönchen. Wurde Julia aber wütend, sprühten ihre Augen nur so vor Zorn. Auch wenn sie noch nicht lange auf Station 13 lebte, war sie schon jetzt dafür berüchtigt, dass Vorsicht bei ihr geboten war.
Von ihrem Platz auf dem Sofa aus beobachtete Julia stumm, wie Lukas die Liege am Wohnzimmer vorbeischob und vor das erste Zimmer auf der linken Seite gegenüber dem Badezimmer hinstellte. Leicht neugierig geworden stand sie auf und blickte Lukas fragend an. Lukas lächelte.
»Ah, schön, dass du wach bist, Julia«, sagte er, »weißt du, wo Michael ist?«
Julia kam näher und starrte auf den Jungen, wobei sie murmelte: »Er meinte, er kommt gleich wieder. Das war vor etwa einer Viertelstunde. Er wurde auf Station 11 gebraucht, ich soll ihn anrufen, wenn etwas ist.«
Lukas überlegte kurz, während er auf Julius blickte. »Hm, du hör mal, Julia, lassen wir Michael, wo er ist. Hilfst du mir stattdessen ein wenig hierbei? Ich möchte das Zimmer noch durchlüften und ein paar Sachen herrichten. Kannst du so lange hier auf ihn achtgeben?«
Wieder starrte Julia auf den Jungen. Sie erschrak über sein zerschlagenes Gesicht. Unter seinen Augen waren dunkle Schatten zu sehen. Dennoch war ihr erster Gedanke: Ist der niedlich, und verwirrt stammelte sie: »Ja … natürlich.«
Es war ein heißer Tag und Lukas hatte bei Julius auf ein Krankenhaushemd verzichtet, da er ihn erst auf Station 13 anziehen wollte. Die Kleider für die Bewohner erhielten sie hauptsächlich von einer sozialen Hilfsorganisation, worüber Lukas sehr froh war, da sie von einigen Eltern kaum mehr etwas für ihre Schützlinge bekamen. Michael hatte bereits Vorarbeit geleistet und das Nötigste für Julius im Schrank bereitgelegt. Nach ein paar Minuten fing Julius im Schlaf an zu murmeln und schob sich dabei die Decke bis zum Bauch herunter. Julia sah, dass auch sein Oberkörper voll von roten Striemen und blauen Flecken war. In ihr drehte sich plötzlich alles und sie kämpfte mit den Tränen.
Da tat Julia etwas Seltsames. Später konnte sie sich beim besten Willen nicht mehr erklären, weswegen sie das gemacht hatte. Sie legte ihre Hand auf seinen Bauch, so als wollte sie ihn festhalten, ihm damit sagen: Atme weiter, und spüren, wie sich dabei sein Bauch hob und wieder senkte. Eine ganze Weile stand sie so da, vollkommen bewegungslos, bis sie Lukas hörte und ihre Hand schnell wegzog.
»So, ich bin soweit«, fand Lukas, der im Begriff war, die Liege ins Zimmer zu schieben. Als er Julias Gesicht bemerkte, hielt er jedoch inne. Julia hob den Kopf.
»Wie heißt der Junge denn?«, fragte sie scheu.
»Julius, er heißt Julius.«
»Julius«, flüsterte Julia leise vor sich hin, während Lukas den Jungen in sein zukünftiges Zimmer schob. Julia folgte ihm hinterher. Das Zimmer war das einzige auf der Station, das einen kleinen Balkon und eine Holztreppe besaß, die hinunter in den Garten führte. Die Aussicht war schön. In nicht allzu weiter Ferne war eine Kirche zu sehen, von wo die Glocken zu hören waren. Lukas zog die Decke wieder nach oben und sah dann zu dem Mädchen hin. »Kannst du seine Füße beim Herüberheben ins Bett halten? So stören wir ihn weniger.«
»Ja«, erwiderte Julia in sicherem Ton, über sich selbst erstaunt. Während Lukas sich weiter um Julius kümmerte, sagte er zu Julia: »Such ihm doch bitte ein T-Shirt und Boxershorts aus dem Kasten heraus, ja?«
Julia nickte und durchstöberte den Kleiderschrank. Michael hatte unwissentlich fast alles zu groß ausgewählt. Sie entschied sich schließlich neben karierten Boxershorts für ein neonpink-weiß gestreiftes T-Shirt und kehrte damit zu Lukas zurück. Er nahm es dankend entgegen und Julia fiel auf, dass sich in dem Zimmer ein Infusionsständer und eine fahrbare Toilette befanden. Auch registrierte sie erst jetzt, dass an Julius’ Arm noch immer eine Infusion angebracht war und dass ein weiterer Beutel neben ihm auf dem Bett lag, dessen Schlauch unter der Decke verschwand. Angesichts der gelben Farbe des Beutelinhaltes war ihr sofort klar, was das war, dennoch machte es ihr nicht das Geringste aus. Lukas hoffte, dass Julius es bald allein auf die Toilette schaffen würde, doch er wollte nicht, dass der Junge dafür extra aufweckt werden musste. Julia zuckte vor Schreck zusammen, als Lukas sie anredete, so vertieft war sie.
»Nun musst du dich kurz umdrehen, Kleines, damit ich ihm die Boxershorts anziehen kann, aber mit dem T-Shirt darfst du mir danach gerne helfen.«
Als es so weit war, nahm Julia wie selbstverständlich das T-Shirt zur Hand und zog die Infusion samt Julius’ Arm durch den Ärmel hindurch, während Lukas ihm den Kopf anhob, um es ihm überzuziehen. Der Junge stöhnte auf und rollte sich zur Seite, wobei er sogleich aufschrie.
»Das ist keine gute Idee«, sagte Lukas leise und drehte ihn wieder zurück. Julia griff automatisch nach Julius’ Oberarm und sah zu Lukas hoch. »Was hat er denn?«, fragte sie.
»Schmerzen«, seufzte Lukas, »seine Muskulatur ist an vielen Stellen sehr steif. Es geht ihm auch sonst …« Lukas hatte abrupt aufgehört weiterzusprechen und warf einen Blick zum Fenster heraus, eine Angewohnheit von ihm, die von weit früher herrührte. Als Julia wieder den Jungen ansah, fiel sie fast um vor Schreck, weil Julius sie anblinzelte. Er hingegen wusste nicht, wie ihm geschah. Neben seinem Bett stand das süßeste Mädchen, das er jemals gesehen hatte. Ihm war hundeelend, alles tat ihm weh - sehr weh.
Lukas strich dem Jungen sanft durchs Haar.
»Du bekommst gleich etwas gegen die ärgsten Schmerzen, bleib ganz ruhig, ja?«
Er blickte zu Julia und nickte kurz mit dem Kopf in Richtung Büro. Als er gegangen war, stotterte sie: »Hallo, ich bin die Julia.«
Große efeugrüne Augen blickten sie stumm an. Dann überkam ihn, obwohl er nichts im Magen hatte, Übelkeit. Er fing an sich zu übergeben, wobei nur ein wenig Flüssigkeit hochkam. Schnell griff Julia nach dem Lappen, der auf dem Nachtisch lag, half Julius hoch und hielt ihm diesen vor den Mund, bis sich der Würgereiz wieder legte. Danach fiel er völlig erschöpft und zitternd in die Kissen zurück. Julia hörte eine fremde Frauenstimme, die im Gang mit Lukas sprach. Eine Krankenschwester betrat das Zimmer und zog als Erstes die Gardinen zu.
»So«, meinte diese, »nun können alle das Zimmer verlassen.«
Zögerlich stand Julia zuerst da und ging erst nach einem scharfen Blick der Schwester zur Tür und dann hinaus. Im Büro war das Telefon zu hören und Lukas lief hastig davon, während Julia sich draußen auf dem Gang an die Wand lehnte.
Ein vollkommen fremdes Gefühl stieg in ihr hoch.
Dann wurde es ihr auf einen Schlag klar:
Ich liebe ihn.
Gegen Abend saß Julia noch immer im Wohnzimmer und blickte still zur Zimmertür von Julius, als Steve hereinkam. Er ging seit dieser Woche wieder zur Schule. Die beiden waren zuvor, seit Julia auf Station 13 war, so gut wie den ganzen Tag zusammen gewesen. Über Steves rechten Unterarm zog sich eine lange rote Narbe. Seine Mitschüler hatten diesen im Werkunterricht unter eine Sägemaschine gehalten. Er hatte geschwiegen, als es zu einer Befragung kam, die lange Vorgeschichte war leicht auszudenken. Als Steve dann noch von dem Freund seiner Mutter auf die Straße geworfen wurde und sie dabei wie immer hilflos dagestanden hatte, war eine Veränderung in ihm geschehen. Beim Packen seiner Sachen waren ihm die Psychopharmaka und die Schlafmittel seiner Mutter in den Sinn gekommen. Er hatte so viele er nur finden konnte in seiner Tasche verstaut und sein Zuhause verlassen. Das Letzte, an was er sich noch erinnern konnte, als er völlig verzweifelt auf einer Parkbank alles geschluckt hatte, war ein unglaublicher Druck in seinem Kopf und ein Gefühl des Erlöschens gewesen, bevor er bewusstlos geworden war.
