Cops & Künstler - Herzkönig - Sammy Heet - E-Book

Cops & Künstler - Herzkönig E-Book

Sammy Heet

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Beschreibung

Ein MM Heist Roman mit Crime, Action und Humor – in Las Vegas mit zwei Männern, die gemeinsam ihre Bestimmung und ihre Liebe finden.
»Was Alex mir offenbarte, war mehr als ich wissen durfte. Er legte sein Leben und den Erfolg dieses Coups in meine Hände. Außerdem nahm er Drogen, wettete leidenschaftlich gerne und war ein Ganove schlechthin – doch spürte ich dieses Kribbeln, wenn er mich ansah und von uns beiden sprach. Gab es denn eine Zukunft für mich mit diesem Gentleman-Ganoven?.« (Sam)

Als Pianist hat Sam nicht das erreicht, was er sich von seiner Musik und seinem Leben erhofft hat. Um seinem deprimierenden Alltag der täglichen Arbeit zu entkommen, spricht er kurzentschlossen den attraktiven Gentleman auf der Toilette an. Er ahnt die Konsequenzen dieser gemeinsamen Date-Nacht nicht und innerhalb weniger Stunden stellt sich sein Leben auf den Kopf. Bald ist er gezwungen Entscheidungen zu treffen, die den Rest seines und Alex Lebens bestimmen werden.


»Es war wirklich so: Wegen kleiner, dummer Fehler versaute man sich alles. Ich durfte nicht riskieren, dass ich Sam in diese Sache zog. Ich wusste doch, was dieses kriminelle Leben mit einem machte. Aber was wäre, wenn es zwischen uns doch noch einen Pfad zum Glück und zur Liebe gab?« (Alex)

Eigentlich wollte Alex nur ein wenig Abwechslung für die Nacht finden, als er sich auf das Date mit dem süßen Hotelmitarbeiter einlässt. Dass die ganze Nummer Konsequenzen hat, war hingegen nicht geplant. Und dabei hat er gar keine Zeit, sich um den sensiblen Pianisten zu kümmern. Ihm sitzen nicht nur sein wild gewordenes Team aus professionellen Kriminellen und zu umgehende Sicherheits-Schranken im Nacken, sondern auch eine FBI-Agentin als ganz persönliches Damoklesschwert.

Als Sam und Alex die vertrackte Lage erkennen, in die sie sich manövriert haben, müssen sie alles riskieren. Ihre Leben, ihre Freiheit und die gemeinsame Zukunft, in der sie alles besser machen möchten, stehen auf dem Spiel …

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Bildbeschreibung Buchcover
Impressum
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreißig
Einunddreißig
Zweiunddreißig
Dreiunddreißig
Vierunddreißig
Fünfunddreißig
Sechsunddreißig
Siebenunddreißig
Achtunddreißig
Neununddreißig
Vierzig
Einundvierzig
Epilog
Nachwort
Leseprobe: C&K – Wolfsjagd

Bildbeschreibung Buchcover

Ein trainierter Mann im Anzug steht mit aufgeknöpftem Jackett und freier Brust vor einer Bühne mit einem roten Klavier.

Cops & Künstler - Herzkönig

Ein MM Heist Roman (Sam und Alex)

von

Sammy Heet

1. Auflage 2025

Copyright © Sammy Heet

Impressum

Sammy Heet

c/o Block Services

Stuttgarter Str. 106

70736 Fellbach

Mail: [email protected]

Alle Rechte liegen beim Autor.

Der Inhalt ist nicht zum Datamining und Textmining freigegeben. Der Autor hält sich nach § 44b UrhG die Verwertung dieser Nutzungen ausdrücklich vor.

Alle Figuren sind frei erfunden und Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen sind reiner Zufall. Alle Marken wie Namen und deren Darstellung sind fiktive und kreative Schöpfungen des Autors.

Covergestaltung: Sammy Heet

Bildrechte:

Red classical upright piano with chair on stage illuminated by ray of light (ID: 232561231) ©eranicle/Shutterstock.com

Starker, passender und sportlicher Stripper auf schwarzem Hintergrund (ID:2326227981) ©Max Acronym/Shutterstock.com

Eins

Sam

Ich war an diesem Nachmittag spät dran und hetzte über den Boulevard, um noch rechtzeitig anzukommen. Ich hätte eindeutig den vorherigen Bus nehmen sollen, hatte mich aber für mehr Freizeit entschieden. Von der hatte ich eh immer zu wenig. Und ich mochte das Pendeln mit dem Bus nicht, aber wer tat das schon? Diese Woche war ich kein einziges Mal zu spät gekommen, letzte Woche allerdings schon einmal, was ich lieber nicht wiederholen sollte. Also rannte ich jetzt noch schneller.

Ich bog vom Boulevard ab, passierte Elvis, Johnny den Cowboy und eine comichafte Maus, die hier jeden Tag herumlungerten und sich ablichten ließen. Das Trio vollführte stets kleine, beeindruckende Kunststücke und amüsante Einlagen, um die klimpernden Spendengelder in ihrem zum Topf umfunktionierten Hut zu mehren. Ich musste mich an einer Gruppe zusammengedrängter Besucher vorbeidrängen, die der Maus beim Einradjonglieren zusahen, und hetzte weiter über den Gehweg. Ich passierte den immergleichen Springbrunnen, der mir immergleich einen Schauer von Gicht auf die Haut trieb – der Wind war es, nicht der Springbrunnen. Und nein, es war nicht der Springbrunnen mit der Wassershow, sondern ein kleiner Verwandter, der weniger zu beeindrucken vermochte. Die Passage zum Belvedere war mit Grünpflanzen gesäumt und der Gehweg war hier stets sauber. Touristen und Gäste kamen mir entgegen und besuchten den kleinen hoteleigenen Park vor dem Hotel. Die beiden Flügel des Belvederes ragten vor mir in ihre imposanten Höhen und das Sonnenlicht spiegelte sich in deren bläulich-chromatischen Fassaden. Natürlich hatte es sich das Belvedere nicht nehmen lassen, selbst einen kleinen Springbrunnen vor dem Empfangsfoyer zu platzieren, was ich in der Wüste Nevadas für eine ausgezeichnete Idee hielt – ein wichtiges Statement.

Der Vordereingang war so groß wie ein eigenes, kleines Gebäude und besaß eine lange Halle mit Glasfenstern, Kakteen und Wasserspendern und wartete zudem mit einem roten Teppich auf, der besonders hübsch war, um die Gäste angemessen zu empfangen. Zwei Pagen und ein Empfangsmitarbeiter standen einsatzbereit neben den Drehtüren, um jederzeit Sofortunterstützung bieten zu können, benötigte jemand Hilfe. Es war schließlich niemandem zuzumuten, selber einen Koffer tragen zu müssen.

Mike entdeckte ich zum Glück nicht, der anscheinend keine Schicht hatte oder woanders eingesetzt wurde. Hätte er mich entdeckt, wäre er mir wieder auf die Nerven gegangen, dass ich bitte nicht von dieser Seite aufs Gelände des Hotels kommen, sondern den hinteren Zugang für die Anlieferung und die Mitarbeiter nutzen sollte. Mike sagte das nicht, weil es wirklich jemanden interessierte, obwohl es so gedacht war. Nein, er tat es, um mir einen reinzuwürgen. Wir hatten schlicht nicht den besten Start miteinander gehabt und würden wohl auch nicht mehr gute Freunde werden. Dass ich dann auch noch studiert hatte, Mike aber in der Hierarchie der Hotelorganisation über mir stand, war ihm Grund genug gewesen, mir nach Möglichkeit das Regelheft der Belvedere Corporate um die Ohren zu hauen. Keine Ahnung, was sein Problem und seine Komplexe mit studierten Kollegen war.

Ich hatte noch fünfzehn Minuten bis zu meinem offiziellen Schichtbeginn und hastete um den kleineren linken Gebäudeflügel herum, der mich immer wieder aufs Neue mit seiner Größe überraschte. Ich kam an einem der Nebeneingänge vorbei, der nahe der Buffethalle lag und nur selten von Gästen genutzt wurde, auch wenn heute eine Gruppe junger Leute auf den dekorativen Steinen vor der Tür saß und rauchte. Ich mied diesen Eingang, da ich keine Lust auf das Gewusel im Inneren hatte. Außerdem mochte ich es nicht, wenn mich zu viele Gäste in meiner Straßenkleidung sahen und mich später vielleicht wiedererkannten. Auf der Rückseite bei der Anlieferung standen drei Kollegen zusammen, die kurz Pause machten und rauchten. Ich kannte sie nicht wirklich, auch wenn ich sie schon öfters gesehen hatte. Sie gehörten zu Kellys Team und würden bei der Bedienung der Gäste helfen. Alle drei trugen weiße Hemden, die Kellnerin eine Bluse sowie anständig gebügelte Hosen plus schwarzglänzende Schuhe. In wenigen Augenblicken würde ich in ein ähnliches Kostüm schlüpfen, nur dass ich einen Frack trug und wie ein blöder Pinguin aussähe. Früher war ich zwar bereits in schicker Abendgarderobe aufgetreten, aber das Outfit, das mir das Belvedere bereitstellte, gefiel mir nicht besonders. Ein modern geschnittenes Hemd wäre meine Wahl gewesen. Oder ein zumindest lockeres Jackett, etwas Modernes in mutigen Farben. In dem Frack sah ich einfach aus wie ein Bediensteter, der zur Unterhaltung der Gäste herhalten musste ... nun, genaugenommen war ich das ja auch. Die drei aus dem Serviceteam nickten mir zu und erkannten mich anscheinend als den Piano-Pinguin, wie mich Mike getauft hatte. Ich ging an ihnen vorbei und sah, dass ein kleiner LKW in der Einfahrt zur Rampe stand. Ein Fisch prangte auf der Seite des weißen Fahrzeugs und ich wunderte mich, ob die Anlieferung nicht reichlich spät war. Aber das war ja nicht mein Problem.

In dem Flur hinter dem Mitarbeitereingang herrschte Gewusel und Hektik. Mein Schichtanfang fiel häufig genau in den Wechsel, bevor die Nachtschicht begann, sodass sich in den Umkleideräumen viele Kollegen fanden. Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer, als ich Curt sah, der sich umzog und stets figurbetonte Shirts trug. Ich warf ihm einen kurzen unauffälligen Blick zu, während er sich seine dunkelblaue Jacke anzog und die silbernen Knöpfe schloss. Er verschwand in Richtung des Empfangs, den er meistens in der Nacht leitete. Ich sah ihm nach und verweilte kurz auf seinem knackigen Hintern, der in der gut geschnittenen Hose saß, die ebenfalls in dunklem Blau gehalten war – ja, majestätisches Blau und glänzendes Silber waren die Farben des Belvedere. Ich beendete meine Tagträumerei und zog mir den Frack an. Dann schaute ich kurz in den Spiegel auf der Innenseite meines Spinds. Meine grünen Augen begrüßten mich müde, mein dunkles Haar war wie immer verstrubbelt und lockig, ohne nach Ranz auszusehen.

»Hey Sam, habe ich dir schon mal gesagt, wie hässlich dieser Frack aussieht?«, erklang Nathans Stimme vom Eingang der Männerumkleide. Zumindest ein kleiner Lichtblick an diesem Tag. »Du siehst aus, wie ein verdammter -«

»Pinguin«, beendete ich seinen Satz und schloss die Tür. »Das sagst du mir jede zweite Schicht, Kumpel.«

»Das sage ich dir jede zweite Schicht, weil es einfach stimmt.« Nathan blickte mich mitleidig an und schüttelte den Kopf. »Im Ernst, wenn ich meinen Job nicht bräuchte, hätte ich Mike längst Manieren beigebracht. Ein Frack ist halt ein Klassiker ... also ärger dich nicht darüber.«

Ich ging zu ihm und wusste, dass er recht hatte und seine Worte mich aufmuntern sollten. Ich drückte ihn zur Begrüßung, zumindest so gut es ging. Nathan war stämmig und hochgewachsen, eigentlich hätte er eine Karriere als Basketballer antreten sollen. Aber er war zu klein gewesen, das College hatte ihm nicht gutgetan und dann hatte er sich noch so ein Ding im Knöchel gerissen ... oder gebrochen? Jetzt war er zumindest hier, wie ich. Gefangen in der Oase der verlorenen Träume. Und er hatte Spaß an der Arbeit und etwas aus sich gemacht, soweit man das sagen konnte. Klar, die Gesellschaft blickte gerne auf unsereins herab, aber jeder, der sich über Menschen im Service ausließ, verdiente einen liebevollen Schlag auf den Hinterkopf.

»Ich denke«, begann ich langsam und verließ mit ihm den Umkleideraum, »dass ich es verstanden habe. Aber leider, darf ich mir meine Bekleidung nicht aussuchen.«

»Wieso? Guck dir uns an, wir tragen moderne Servicekleidung und nicht Großmutters Erinnerungen.« Er deutete an sich herab und ja, Hosen und Hemden in gutem Schnitt wären mir auch lieber gewesen.

»Du weißt doch, Mr. Fink möchte das so. Das gehört in seinen Augen so, dass der Pianist und die Band sich in klassischer Zeitlosigkeit abheben. Der hat früher selber Klavier gespielt.«

»Ja genau«, Nathan lachte und wir gingen zum großen Personalraum, der zwischen Anlieferung, Küche und dem Viktoria-Saal in die hinterste Ecke des Hotels gequetscht worden war. »Gary Fink, das Genie. Vom Lobbypianisten zum Grande Manager. Wäre das nicht auch eine Karriere, die du dir vorstellen könntest?«

Tja, da hatte Nathan mal wieder genau die Frage gestellt, die Unwohlsein in mir auslöste. Ich sollte meine Gedanken sortieren und nicht der Vergangenheit nachhängen. Ich hatte in wenigen Minuten meinen Auftritt ... in meinen Augen war er schon so etwas wie ein Auftritt. Und es gab sicherlich schlechtere Dinge und weniger, was man haben konnte. Die Gesamtverantwortung für das Hotel zu haben, wäre sicherlich keines der Dinge, die ich mir wünschte. Klar, Garry Fink besaß wahrscheinlich mehr Kohle, als das gesamte Personal auf dieser Etage zusammen, aber dafür lebte er wohl in seinem Büro. Dass ich ihn überhaupt kannte, war nur dem Fakt seiner Vergangenheit als Pianist geschuldet. Er legte viel Wert darauf, dass im Belvedere Live-Musik gespielt wurde. Das gehörte sich einfach so und garantierte mir meinen monatlichen Check, selbst wenn ich dafür seinen antiquierten Vorstellungen gefallen und als Pinguin herumlaufen musste.

»Sam?« Nathan stieß mir sanft gegen die Schulter. »Antwortest du mir nicht mehr?«

»Oh, sorry.« Ich war zu lange meinen Gedanken nachgehangen. »Doch doch. Aber du weißt doch, dass diese Hotelsache nichts für mich wäre auf Dauer.«

»Aha. Du hast doch Grips hinter deinem hübschen Gesicht. Und wenn Fink es geschafft hat, dann solltest du es doch gleich doppelt schaffen.«

Ich lachte leise. Nathan war manchmal ... ich mochte ihn dafür, dass er noch immer so positiv war. Trotz allem, was ihm passiert war, hatte er gute Laune und glaubte daran, dass sich die Leute mit Fleiß verbessern könnten.

Uns kam ein Servierwagen entgegen, dem wir auswichen, und auf dem abgedeckte silberne Servierplatten standen, in denen wir uns verzerrt widerspiegelten.

»Weißt du, ich denke nicht, dass jemand wie ich heutzutage noch eine Karriere wie Mr. Fink hinlegen könnte. Das waren andere Zeiten damals. Heute musst du von einer Hotelschule kommen, am besten noch zwei Jahre Ausbildung in der Schweiz genossen haben und fließend Französisch, Spanisch und Chinesisch sprechen.«

Wir betraten den Personalraum, in dem niemand war – außer den beiden Praktikanten der Küche, die ihre Pause in ihrer Zwölfstundenschicht hatten. Da ich kein spanisch sprach, verstand ich nicht, worüber sie sich unterhielten.

»Mit der Einstellung kommst du nicht voran«, sagte Nathan. »So wird das nichts.«

Hörte er noch immer nicht auf? Ich fragte mich, wann ich ihn gebeten hatte, mich an seiner Weisheit und seinen motivierenden Worten teilhaben zu lassen. Aber das kannte ich ja so schon, niemand war perfekt.

»So wird das nichts, ist das Stichwort.« Ich drehte mich zu Nathan, der mich fragend ansah. »Wieso bekommt ihr denn jetzt erst Lieferung? Ist das nicht ein wenig spät?«

»Hör mir auf. Der neue Sous-Chef hat am Nachmittag den Hummer auf dem Boden verteilt ... Kelly ist komplett ausgerastet und hätte fast einen Herzinfarkt erlitten. Er sollte die Reste auskochen, hat aber die halben Vorbereitungen runtergeschmissen.« Nathan verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf.

»Scheiße«, sagte ich leise. »Siehst du, am Piano drohen mir solche Gefahren nicht.«

Die Tür in den Raum ging auf und eine Kollegin in Bedienungsoutfit sah herein. »Wo seid ihr? Die Besprechung geht sofort los.«

Ich blickte auf meine Armbanduhr, laut der es eigentlich noch drei Minuten waren, bis meine Schicht begann. Wir folgten der jungen Kellnerin zum Vorraum der Küche, wo bereits alle auf die Motivationsrede für das Abendprogramm warteten. Heute würde der beste Abend überhaupt werden.

Eine Viertelstunde später betrat ich den Viktoria-Saal, der nur noch wenige freie Tische bot. Die Gespräche der Gäste waren so allgegenwärtig wie das Hintergrundrauschen eines Meeres und ich wartete darauf, dass mein Gehirn den Lärm endlich herausfilterte. Kronleuchter mit hellen Kristallen hingen an der Decke und unter ihnen standen runde Tische mit gemusterten Decken und geschwungenen Porzellangedecken. Kellner wuselten umher und brachten Speisen und Getränke oder nahmen Bestellungen auf. An der Seite des Saals befand sich die Bar aus dunkelbraunem Holz und das Team der Bartender war fleißig am Mischen der Cocktails. Neben der Bar führten zwei riesige Weinregal mit einigen Hundert Flaschen an den Wänden längs und lagerten mehrere Tausend Dollar an vergorenen Trauben.

Ich erreichte das kleine Podest in der Mitte des Saals, auf dem der Konzertflügel stand. Ein paar Pflanzen säumten das Podest, aber das Gros der Seiten stand offen, damit sich der Klang der Saiten gleichmäßig in alle Richtungen auszubreiten vermochten und sich keiner der Gäste benachteiligt fühlte. Ich stellte meine kleine Trinkflasche neben den Stuhl und setzte mich. Im Notenheft begrüßten mich dieselben Noten wie gestern. Und vorgestern. Und vorvorgestern. Und letzte Woche. Seufzend schlug ich die erste Taste an und begann zu spielen. Der Lärm der Gäste schwand kein Bisschen und ich fügte mich elegant in die Hintergrundgeräusche ein, wie das Rauschen der Ventilatoren und das Klappern der Servierwagen. Ich existierte fast gar nicht.

Zwei

Alexander

»Und? Wie gefällt es Ihnen?«, fragte Baxter, während er die Speisekarte las. Dabei war die Abendkarte gar nicht mal so groß und mehr als zwölf Hauptgerichte standen gar nicht zur Auswahl.

»Sie meinen das Hotel nehme ich an?«, antwortete ich und dachte kurz nach. Wie gefiel es mir? Doch, gut. Es war ein ordentliches Hotel. »Ganz gut. Die Zimmer sind sauber und der Service ist gut.«

Baxter hielt inne und sah auf.

»Die Zimmer? Haben Sie sich etwa eines der guten Mehrbettzimmer gegönnt, die ein eigenes Wohnzimmer haben?«

»Nein, ich habe mich für die Suite entschieden« antwortete ich freundlich und lächelte. »Die Räumlichkeiten werden wir sicherlich noch benötigten.«

Baxter schüttelte den Kopf und die Reste seiner angegrauten, gelockten Haare schwangen hin und her. Er war schon ein wenig in die Jahre gekommen, aber das hielt ihn nicht davon ab, noch mehr zu wollen. Ich wäre sogar soweit gegangen, dass er wie viele andere mit den Jahren erst richtig gut geworden war.

»Hat noch jemand ein größeres Zimmer?« Baxter klang leicht angefressen, was ich überhaupt nicht verstand. »Wenn es ohne Suite nicht geht, können wir ja tauschen. Die Nachbarn neben mir sind die halbe Nacht auf und laut. Sind wahrscheinlich auf Crack.«

»Haben Sie schon einmal probiert, mit den Nachbarn zu reden?«, schlug ich vor und schloss meine Menükarte demonstrativ, sodass er es bemerkt haben musste. Dass er schwierig sein sollte, hatte ich bereits gehört.

»Nein, habe ich nicht. Wer weiß, was sich da überhaupt neben mir eingenistet hat.« Er schlug seine Karte ebenfalls zu und sah mich herausfordernd an. »Aber so eine Suite wäre schon was Feines. Ausreichender und erholsamer Schlaf ist nämlich wichtig, damit man auch gut arbeiten kann. Sicher, dass wir nicht tauschen?«

Ich lächelte und hielt Baxters Blick stand. »Sie dürfen sich gerne auch eine Suite mieten. Oder Sie probieren es doch mit Ihren Nachbarn, vielleicht sind die ja nett und der Lärm kommt vom Fernsehen.«

»Verstehe«, antwortete er knapp mit einem vorwurfsvollen Blick und klang leicht beleidigt. »Dann wohl nicht.«

»Wie war die Anreise?«, fragte ich, um das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Ich wollte Baxter zwar bei Laune halten, allerdings ertrug ich nur ein bestimmtes Maß an Beschwerden und Auslassungen.

»Furchtbar, danke. Ich bin mit einem der Fernbusse gekommen.« Baxter schürzte die Lippen und widmete sich erneut der Getränkekarte. »Ein privates Reiseunternehmen. Schlampige Dokumentenüberprüfung und keine Kameras in den älteren Busmodellen. Die sollen im Lauf des Jahres ausgemustert und erneuert werden.«

»Ich sehe schon. Ein Mann, der weiß, worauf es ankommt.«

»Das will ich doch hoffen«, erwiderte er und zog ein Taschentuch aus Stoff aus seiner karierten Anzugjacke. Vorsichtig tupfte sich mit dem Tuch die Stirn ab, auf der feine Tröpfchen glänzten. »Damit bin ich hoffentlich nicht der Einzige.«

»Haben die Herren sich bereits entschieden?« Ein Kellner trat an unseren Tisch und ich musterte ihn kurz, da er wirklich groß war. Er hatte fast die Statur, dass er auch ein Basketballspieler hätte werden können.

»Ich hätte gerne ein kühles blondes Bier«, bestellte ich und merkte, dass mich Baxter kurz über die Karte hinweg beobachtete. »Als Vorspeise nehme ich die Tomatencremesuppe und als Hauptgericht den Lachs mit den Nudeln in der Pfifferlingssauce und dazu den Wildkräutersalat als Beilage.« Doch, das klang nach einer vortrefflichen Auswahl.

»Ich hätte gerne ein Wasser – ohne Kohlensäure, dafür mit drei Scheiben Zitrone und zwei Eiswürfeln. Das Lachstatar voran und dann den Spargelrisotto.«

»Sehr gerne.« Der Kellner nahm die Karten und verschwand.

»Sie mögen Zitronen, würde ich raten?«, führte ich unser Gespräch fort. Ich entschied mich nicht nur für ein wenig Smalltalk, damit wir während des Essens noch einmal zu den wichtigen Themen kommen konnten, sondern auch, weil dieses Detail meine Neugierde erweckt hatte. Im Kern war die Frage natürlich überflüssig, da es offensichtlich war, dass Baxter Zitronen im Wasser mochte.

»Ah, Sie deduktives Genie.« Baxter lächelte und seine schmalen Lippen wurden so breit, dass er mich fast an einen Frosch erinnerte. »Ich hatte heute noch nicht meine extra Vitamine. Da will ich doch gleich die Gelegenheit nutzen, die sich mir hier bietet.«

»Bekommen Sie nicht eh welche zu dem Tatar? Na ja, es geht schließlich nichts über eine ausgewogene Ernährung. Und wenn Sie heute noch keine Vitamine hatten, sollten Sie das auf jeden Fall nachholen.«

»In der Tat. Aber verraten Sie mir doch einmal, was die Recherche ergeben hat.« Baxter sah mich verschwörerisch an und lächelte verschmitzt. »Welches Blatt werden wir schlagen müssen, wenn wir das große Turnier gewinnen und den Hauptpreis abräumen wollen?«

Ich dachte an das Treffen mit McArthur und die Information, die er mir zukommen hatte lassen. Da war ja noch das eine kleine Problem, das es aus der Welt zu räumen gab. Und ich hatte bisher nur Ideen, wie ich das Ganze angehen sollte. Ob es eine sichere Lösung gab, wusste ich nicht. Eventuell mussten wir unseren Plan ändern, was niemanden der Beteiligten erfreuen würde. Baxter erschien mir nicht wie jemand, der eine solche Änderung mit Wohlwollen aufnahm – noch weniger als lärmende Zimmernachbarn.

»Das ist eine exzellente Frage, für die ich noch keine Antwort parat habe. Mein Kontakt ist aber an der Arbeit und wird mir mit Sicherheit die nächsten Tage die Informationen geben.«

»Die nächsten Tage?« Baxters Lächeln schwand und seine Miene fror etwas ein. »Dann sollte er sich lieber beeilen. Jeder Tag erhöht unser Risiko. Jeder zusätzliche Tag bedeutet Stunden von zusätzlichem Filmmaterial, auf dem der gute alter Baxter zu sehen ist.«

»Da machen Sie sich mal keine Sorgen«, versuchte ich Baxter zu beruhigen. Wäre Risiko etwas gewesen, das ihm Bedenken bereitete, säße er jetzt wohl kaum mit mir an diesem Tisch und wartete auf Lachstatar und Spargelrisotto. »Normale Gäste eines Hotels bleiben auch einige Tage in dem Hotel und reisen nicht sofort wieder ab. Wir sind hier in Vegas, Mr. Baxter. Kein Grund zur Sorge.«

»Sie haben gut Reden.« Baxter schnaubte verächtlich und zückte erneut sein Tuch aus der Vordertasche, um sich die Stirn und diesmal auch die Schläfen abzutupfen. »Vegas bedeutet extra viele Kameras ... Sie machen es mir echt nicht leicht.«

»Ich bin mir sicher, dass ich in wenigen Stunden eine Antwort haben werde. Und dann schauen wir weiter.« In der Tat besaß ich jetzt bereits die Antwort, aber das brauchte Baxter ja nicht wissen. »Sie sind doch wohl nicht hierher gereist, wenn Sie pessimistisch wären?«

»Mhh ... wer weiß.« Baxter lächelte erneut, was ich als gutes Zeichen deutete, und sah mich nachdenklich aus zusammengekniffenen Augen. »Sie werden sich doch wohl etwa nicht an mich gewendet haben, wenn Sie nicht absolut optimistisch wären?«

»Nein, zu einer solchen Respektlosigkeit würde ich mich niemals herablassen«, antwortete ich und schmierte Baxter mehr Honig um den Mund – wie ich bemerkte, gefiel ihm das, was wiederum mir gefiel. »Nicht Ihnen gegenüber.«

»Gut. Dann können wir ja gleich darauf anstoßen«, antwortete er und lehnte sich im Stuhl zurück, als der große Kellner an den Tisch trat und unsere Getränke abstellte. In dem Moment vernahm ich das Geräusch eines Pianos, dessen Tasten angeschlagen wurden. Die allabendliche Musikbegleitung im Belvedere begann.

Ich lese die Kurznachricht ein zweites Mal und stöhne innerlich auf.

Wann treffen wir uns? Ich kann es kaum erwarten, den Rest kennenzulernen. Will doch wissen, wer noch im Team ist. Sind im Cross Roads Trailer Park. Was zum Teufel suchten die in einem Trailer Park? Ich hatte doch nicht Kost und Logis bereitgestellt, damit -

»Kumpel! Sie sind seit zehn Minuten auf der Toilette.« Jemand schlug gegen die Toilettentür und ich wäre um ein Haar zusammengezuckt. »Hier wollen noch mehr Gäste rein.«

Ich atmete tief ein. Es brächte nichts, dem Kerl Manieren beizubringen. Es wäre auch nicht mein Stil. Aber ein wenig würdelos war es schon, jemanden auf der Toilette zu belästigen. Auch wenn der Klopfer recht hatte, dass ich die Toilette besetzt hielt.

»Moment«, antwortete ich ruhig und steckte das Handy in die Tasche. »Ich habe die Zeit vergessen ... kurze Pause von dem Trubel.«

»Aha« erklang die Stimme von der anderen Seite der Tür und schien äußerst ungeduldig – unter der Holztür erkannte ich die Spitzen von Cowboystiefeln – neben uns spülte jemand und seufzte auf. »Vor der Toilette ist bereits eine Schlange.«

Das bezweifelte ich irgendwie. Ich blickte zu der kleinen Ablage und verstaute das kleine Etui mit dem Pulverchen. Ich steckte es in die Innentasche meines Jacketts und betätigte die Spüle, die ich gar nicht gebraucht hatte. Dann öffnete ich die Tür. Der Cowboy trug zum Glück keinen Hut, dafür jedoch einen imposanten Wangenbart und das obligatorische Holzfällerhemd mitsamt einer Silberkette. Wir musterten uns und ich erkannte keinen Tadel in seinen dunklen Südstaatleraugen.

»Immerhin ist die Brille nicht kalt, was?«, begrüßte er mich und machte Anstalten, mir auf die Schulter zu klopfen, ließ es dann aber. »Das war doch nur ein Scherz, Mann.« Er grinste mich an. »Partner, dein Näschen.«

Er verschwand geräuschvoll in der Kabine und ich wischte mir schnell über die Nase. Ich war außer Form. Oder war ich zu sehr in Gedanken gewesen, dass mir fast so ein katastrophaler Fehler unterlaufen wäre? Ich musterte mich im Spiegel und schaltete das Wasser ein. Mein heller Anzug in dezentem Silber passte gut zu meinen angegrauten Haaren und meinen dunklen Augen. Von meinem Drogenkonsum sah man nichts mehr und eigentlich hatte ich längst aufhören wollen, aber jetzt in Vegas hatte sich die Möglichkeit einfach geboten. Vorsichtig drehte ich den Hahn auf und schöpfte mir Wasser ins Gesicht. Als ich wieder in den Spiegel sah und der unscharfe Schleier der Flüssigkeit langsam schwand, nahm ich eine Bewegung neben mir wahr. Jemand trat an das Waschbecken direkt zu meiner Rechten. Es war ein junger Mann, der Ende zwanzig bis Mitte dreißig sein musste, wie ich schätzte. Ein zierliches, hübsches Gesicht und gelockte schwarze Haare, die sicherlich eine schier unendliche Zahl von Frauen- und Männerherzen zum Schmelzen brachten. Ich musste an eine römische Büste denken – die grünen Augen rundeten das Bild nur noch ab.

Unsre Blicke trafen sich und verharrten ineinander, bis er vorsichtig zu lächeln begann. Das war jetzt nicht das, was ich geplant hatte ... würde er etwa? Er wusch sich die Hände und blickte erneut kurz zu mir, bevor er einen Schritt auf mich zu machte, ungeniert und ohne Angst. Also ... das hatte ich wirklich nicht geplant ... was war denn heute los? Mir fiel auf, dass er äußerst schick angezogen war, fast schon zu schick für einen Gast. Dann realisierte ich das kleine Namensschild an seiner Brust.

»Wie heißen Sie?«, fragte er vorsichtig und da legte sich erneut das schmale Lächeln auf seine Lippen, jetzt sah es ein wenig gequält aus und strafte seiner Unbeschwertheit Lügen.

»Nennen Sie mich Alexander«, sagte ich und verspürte keinerlei Nervosität – ich mochte den Kerl. Ich musterte ihn einen Augenblick lang und wir standen schließlich unentschlossen einen halben Meter voreinander und sahen uns an. »Und mit wem habe ich die Ehre?«

»Nennen Sie mich einfach Jimmy.« Er grinste mich an und wir wussten beide, dass der Name nicht stimmte. »Ich habe nicht viel Zeit.«

»Ist das so?«, fragte ich und vernahm ein Geräusch aus einer weiteren Kabine. Gäste kamen zu uns herein und vom Flur des Hotels drang das geschäftige Treiben der Mitarbeiter und Gäste. »Was hatten Sie denn überhaupt vor, Jimmy? Möchten Sie vielleicht später noch etwas unternehmen?« Ich hatte noch etwas Zeit und ging nicht davon aus, dass ich den gesamten Abend mit Baxter verbringen würde. War es der richtige Zeitpunkt für ein kleines Abenteuer? Nein. Aber es zeichnete das Bild eines Gasts, der auf Spaß in Vegas war – Baxter wäre bestimmt stolz auf mich.

»Nun«, verschwörerisch lächelnd kam mir der Bursche näher und lehnte sich gegen mich, dass ich sein Duschgel oder Deo bemerkte, das recht dezent war. »Wir sind hier in Vegas. Und hier gelten andere Gesetze, vieles ist lockerer.«

»Soll das ein Angebot werden?«, fragte ich und ließ meinen Arm herabsinken, sodass dieser über seinen Rücken glitt. »Sie tragen doch ein Namensschild, Jimmy? Darf ich annehmen, dass Sie hier irgendwo arbeiten? Das wäre dann ja ziemlich unpassend, da ich hier wohne.«

»Sie wohnen hier?«, fragte er und blickte mich fast schelmisch an und wischte sich die Locken zurück, die ihm fast ins Auge fielen. Er war einen Kopf kleiner als ich und musste hochsehen. Sein Mund verzog sich zu einem zuckersüßen Lächeln. »Das ist jetzt aber überraschend.«

Ich verstand den Sarkasmus und erwiderte den Gefallen, wenn auch ein wenig anders. »Ich überrasche gerne. Und in Vegas darf man vieles ... sicherlich auch als Hotelgast und Mitarbeiter. Ist dir eigentlich klar, dass auf deinem Schild an der Brust etwas anderes als Jimmy steht?«

»Ich denke schon. Du kannst mich nennen, wie du möchtest. Hast du einen Stift?« Er schaute mich fragend an und senkte dann den Kopf, wobei er das erste Mal so sprach, dass es nach seinem normalen selbst klang. »Lassen wir das Siezen, das bringt doch nichts.«

»Einverstanden«, sagte ich und zog wie von selbst meinen Stift aus der Tasche. Was sollte es, ein wenig Ablenkung schadete sicherlich nicht und um ehrlich zu sein, wirkte ich dann auf den Kameras wie ein gut situierter Gast, der sich einfach auf ein Abenteuer einließ. Und Jimmy hier schien ein anständiger Kerl mit dem richtigen Sinn für Humor zu sein. »Schreiben Sie mir ... nein, schreib du mir deine Nummer auf, dann kann ich dich später anrufen.«

»Das ist gut«, nuschelte er leise und setzte das Blatt Papier auf meiner Brust ab. Vorsichtig hob er den Stift und sah mich fragend an. »Du hast doch keine Angst, oder? Ich bin auch vorsichtig.«

Ich nickte zur Bestätigung und spürte seine sanfte Bewegung auf mir. Ich erkannte nicht, welche Zahlen der Stift auf dem Zettel hinterließ. Aber selbst wenn ich etwas hätte sehen können, hätten mich seine Finger zu sehr abgelenkt. Er strich über den Stoff meines Hemds und musste viel zu oft neu ansetzen und die Position ändern. War er etwa nervös?

»Du hast feine Finger«, sagte ich. »Die sind bestimmt geschickt.«

Er prustete los und wäre fast mit dem Stift abgerutscht, was sicherlich einen hässlichen Fleck hinterlassen hätte. Langsam sank er mit dem Kopf vor und berührte mich kurz lachend, bevor er sich wieder fing.

»Was?«, fragte ich irritiert. Zugleich gefiel es mir, dass ich jemandem anscheinend einen guten Lacher bereitet hatte – die Welt war viel zu ernst, als dass wir nicht so häufig wie möglich ihre guten Seiten genießen sollten.

»Ach nichts«, sagte er und schloss den Stift, bevor er ihn mir zusammen mit dem Zettel zurückgab. »Du weißt gar nicht, wie sehr du damit recht hast.«

»Ich bin gespannt, später mehr davon zu erfahren«, antwortete ich und merkte erst jetzt, wie plump und abgedroschen das geklungen haben konnte. Ich war einfach kein Genie im Flirten.

»Ich muss weiter machen. Bin schon viel zu spät«, sagte der süße Lockenkopf und verschwand mit einem letzten Blick aus der Toilette.

Ich sah ihm nach und realisierte erst jetzt, was mir so merkwürdig vorgekommen war. Er trug einen echten Frack, wie ich es im Belvedere und den meisten Hotels seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Fast ... wie ein Pinguin? Die Tür zur mittleren Kabine ging auf und der Cowboy trat heraus, Schweißperlen glitzerten auf der Stirn und dem geröteten Gesicht. Er warf mir einen kurzen vielsagenden und wissenden Blick zu. Ich richtete mein Hemd und verabschiedete mich von ihm, bevor ich ebenfalls hinausging.

Drei

Sam

Mit einem Grinsen im Gesicht verließ ich die Toilette. Eigentlich hatte ich nur noch mal schnell auf Klo gemusst, bevor mein Programm weiterging, aber es hatte sich mehr als gelohnt. Womöglich stand mir noch ein unterhaltsamer Abend bevor, auch wenn ich eigentlich nicht so der Typ für schnelle Nummern und Abenteuer war. Aber auch das hatte sich wie so vieles im Laufe meiner Zeit in Vegas geändert. Man konnte fast meinen, dass die Stadt einen negativen Einfluss auf ihre Bewohner hatte – das war natürlich ein Klischee und es stimmte auch nicht, zumindest nicht für alle. Schließlich bot die Stadt auch Möglichkeiten und Chancen ... theoretisch.

»Sam!«

Ich blickte auf und sah Kelly, die diesen Abend das Restaurant leitete und ansonsten als Assistentin des Chefs ein Auge dort hatte, wo ihr Chef, der wegen Herzproblemen frei hatte, nicht hinsehen konnte. Ihre dezent geschminkten Augen funkelten mich vorwurfsvoll an und ich erkannte, dass sie wie jeden Abend, an dem sie den Viktoria-Saal und das Viktorian leitete, gestresst und angespannt war.

»Verdammt, wo bleibst du?«, schnauzte sie mich an und ich beeilte mich, die Strecke zu ihr zurückzulegen. Ich erinnerte mich daran, was Nathan gesagt hatte: Dass die arme Kelly heute bereits neuen Hummer hatte organisieren müssen – ich sollte mich lieber etwas zurückhalten.

»Sorry«, sagte ich kleinlaut, ohne jedoch wirklich ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich hatte gespart. Nicht viel, aber ein wenig. Sollten sie es wagen, mich herauszuwerfen, war ich zumindest nicht unmittelbar aufgeschmissen. Davon ab, dass sie bestimmt nicht so schnell einen neuen Pianisten fanden, der es lange mit ihnen aushielt und Lust zu so einer stumpfsinnigen Tätigkeit hatte. »Hat ein paar Minuten länger gedauert.«

»Ein paar?« Sie baute sich vor mir auf und tippte mir gegen die Brust. Kleine rote Pünktchen waren auf ihren Wangen zu sehen. »Eine verdammte Viertelstunde. Du sollst weiterspielen, die Gäste erwarten Musik. Die wundern sich schon, weshalb es so still ist.«

»Die merken es nicht einmal, wenn die Musik nicht gespielt wird. Und ich bin sonst immer pünktlich.«

»Sieh zu!« Kelly drehte sich um und schritt voran, wobei ihre Schuhe trotz des niedrigen Profils auf dem Steinboden widerhallten. »Das werde ich dem Chef berichten müssen.«

»Mein Gott«, fluchte ich leise, während wir zwei Gästen auswichen, die sich keine Gedanken darüber machten, dass sie direkt auf uns zuhielten, ohne sich selber zu einem wenigstens kleinen Seitenschritt herabzulassen. »Kelly, zieh dir doch mal den Stock aus dem Arsch.«

Wir sahen uns an und mir war klar, dass mir das nicht hätte rausrutschen dürfen. Sie blinzelte kurz und lächelte mich an, ohne etwas an ihrem Tempo zu ändern. »Mr. Torque, das habe ich wohl nicht gehört, oder?«

»Nein, natürlich nicht«, antwortete ich und folgte ihr in den Vorraum zwischen dem Viktoria-Saal und der Küche, in dem ein geschäftiges Treiben herrschte und Speisen auf Platten und Tellern hin und her rasten. »Sorry.«

»Ich habe keine Zeit für solch ein Verhalten. Sehen Sie zu, dass Sie ans Klavier kommen und das tun, wofür Sie bezahlt werden.« Sie lächelte mich kalt und mit einem scharfen Blick an. »Und halten Sie ihre Pausen ein. Das hier ist ein Restaurant, keine Burgerbude.«

Hinter Kelly bemerkte ich Nathan, der mir einen kurzen besorgten Blick zuwarf und dann mit zwei Tellern Soup de Muschel oder Ähnlichem in den Saal verschwand. Ich folgte ihm und steuerte das Piano an, während mein liebster Kollege an einen Tisch in Reihe dreizehn abbog. Ich machte mich daran, schnell wieder an meinen Platz in den Schutz der Grünpflanzen zu kommen, wo mich niemand bemerkte. Die Gäste schienen mir keine besondere Aufmerksamkeit zu schenken und ich bezweifelte, dass sich überhaupt irgendjemand bei Kelly beschwert hatte. Während ich auf das Podest stieg und das Piano ansteuert, ließ ich meinen Blick über den Saal schweifen. Irgendwie wünschte ich mir, dass der heiße Kerl aus der Toilette nicht mitbekam, dass ich hier am Klavier saß und für die Gäste spielte. Wahrscheinlich war er sogar einer der Gäste, realisierte ich voller Schrecken und setzte mich schnell hin. Immerhin hatte ich etwas, auf das ich mich für den Feierabend freuen konnte.

»Kelly war nicht besonders gut auf dich zu sprechen, oder?« Nathan sah mich an und blies langsam den Rauch aus.

Wir saßen zusammen auf den Steinen hinter dem Belvedere, die noch immer ein wenig Wärme vom Tag gespeichert hatten. Noch war es nicht so kalt geworden, dass man tatsächlich zu frösteln beginnen konnte, aber warme Temperaturen unter dem Hintern waren nicht verkehrt. Ich blickte durch die Hecke hinüber zur Warenanlieferung, deren Rampe gerade abgefegt wurde.

»Ja, sie war stinkig. Habe ein paar Minuten die Pause überzogen ... nicht mit Absicht«, schob ich nach und sah zurück zu Nathan, der mit dem Kopf schüttelte und einen weiteren Zug an seiner Zigarette nahm – über den Punkt mit dem Rauchen hatten wir früher öfters diskutiert, aber mittlerweile ließ ich Nathan sein Ding machen.

»Mensch, du weißt doch, dass die Frau keinen Spaß versteht, wenn sie das Restaurant leitet.«

»Wie ich gesagt habe, war es keine Absicht«, erklärte ich erneut und streckte den Rücken durch. Das stundenlange Sitzen vor dem Klavier machte sich bemerkbar, wobei die Klavierstühle sich besonders durch ihre Unbequemlichkeit und den Mangel einer rückenentlastenden Lehne auszeichneten – eine der Lektionen, die ich mit dem Beginn meiner Arbeit hatte lernen müssen. Geräuschvoll knackten meine Muskeln ... oder Bänder ... zum Glück jedoch nicht meine Wirbel, wie ich es mir früher ausgemalt hatte, bevor Dr. Frankly mich mit einem wissenden Lächeln hatte beruhigen können. Der Orthopäde hatte mir erklärt, dass Rückenschmerzen zum Erwachsenwerden gehörten und es ihn deshalb gab ... und dass ich gefälligst Sport treiben sollte.

»Wieso hast du überhaupt die Pause überzogen? Passiert dir doch sonst nicht. Oder hast du vor der Schicht noch zu viel gegessen?« Nathan lachte und schüttelte erneut den Kopf, bevor er eine lange Rauchfahne in die abendliche Luft über uns ausstieß. »Mein Humor ist schrecklich ... entschuldige.«

Wir hatten in aller Regel keine Zeit für die reguläre Pause, während Hochbetrieb im Viktorian herrschte. Daher stand jedem von uns eine Viertelstunde zu. Die zweite Viertelstunde sollte überwiegend am Ende des Tages genommen werden. Wenn nun jemand Neues bei uns anfing und sich dessen Körper noch nicht an den Schichtbetrieb gewöhnt hatte ... nun, es war besser, nicht zu viel vor der Schicht zu essen. Trinken war noch okay und einen leeren Magen sollte niemand haben, aber wer sich morgens den Bauch vollschlug und dann zur Schicht auftauchte, überlegte sich das Vorgehen in aller Regel beim nächsten Mal genauer.

»Nein, hältst du mich für einen Amateur? Aber die Gäste-Toilette war tatsächlich schuld.« Ich dachte an den hübschen Mann, den ich kennengelernt hatte und schwelgte vor mich hin. Er hatte sich noch immer nicht gemeldet und mich beschlich die Befürchtung, dass jener Moment wahrscheinlich der einzige blieb, in dem ich mich ihm so sehr genähert hatte, dass ich hatte berühren können. Ich dachte daran, wie meine Finger über den feinen Stoff des teuren Hemds geglitten waren und seine Muskeln darunter gespürt hatten. Der trainierte Oberkörper, die dunklen Augen, der lateinamerikanische Charme ...

»Sam!?« Nathan riss mich aus meinen Gedanken und sah mich grinsend, fast schon ein wenig scheel an. Kleine Fältchen hatten sich um seine Augen gebildet und ein merkwürdiger Glanz lag in den Augen meines Kumpels. »Ich gar nicht wissen, worüber du gerade fantasiert.«

»Ich habe nicht ... okay, erwischt, ich habe fantasiert.« Ich brauchte nicht versuchen, Nathan anzulügen. Er hatte mich vollkommen durchschaut, so wie er es häufiger getan hatte. Besonders, wenn ich einen Gentleman im Hotel kennengelernt und anschließend fast dumm vor mir hergesabbert hatte.

»War er heiß«, fragte Nathan und schnippte die Zigarette auf den Boden, dass kleine Funken aufstoben.

Ich schaute zu Boden und er folgte meinen Blick, bevor er den Stummel aufhob und in seine Tasche steckte – bei diesem Streitthema hatte ich mich durchgesetzt und Nathan hatte eingesehen, dass wir nicht die Umwelt verschmutzen sollten.

»Was glaubst du denn?«, fragte ich und spürte, dass mir ein wenig warm in den Wangen wurde. »Richtig heiß ... schon etwas älter, aber hat sich nicht gehen lassen.«

»Wieso überrascht mich das nicht?« Nathan lachte herzlich und schmunzelte. »Du mit deinem Gentleman-Fetisch.«

»Meinem was?«, fragte ich empört, auch wenn ich wusste, was er meinte.

»Du hast doch immer Liebhaber, die eher zehn Jahre älter sind als du. Zum Beispiel der Immobilientyp, der war bestimmt schon fünfzig. Und gut gekleidet sind sie in aller Regel auch.«

»Der Immobilientyp war nur einmal im Quartal in Vegas für seine Projekte in der Wüste und war eigentlich verheiratet. Hat er nur nicht erzählt.« Das war eine der Erinnerungen und Erfahrungen, die ich nicht gebraucht hatte. Ich hatte mich regelrecht benutzt gefühlt und wollte von daher zukünftig vorsichtiger bleiben.

»Du weißt aber, was ich meine«, sagte Nathan genervt und musterte mich. »Also erzähl mal, wie sieht er aus? Habt ihr etwa ... ?«

»Nein«, antwortete ich sofort und schaute mich automatisch um. Bis auf ein paar Gäste, die sich noch auf den beiden Tennisplätzen auf der Rückseite des Belvedere auspowerten, war niemand in unserer Nähe. Die anderen Teammitglieder hingen an der Rampe herum und sahen den Kollegen bei Fegen zu. »Du glaubst doch nicht, dass ich es auf einer Toilette an meinem Arbeitsplatz treibe.«

»Ich dachte mehr an ein harmloses Techtelmechtel, aber egal. Und wie sieht er aus?«

»Ähm, ist halt ein Mann. Hat zwei Arme, zwei Bein.« Wie beschrieb man jemanden, ohne oberflächlich zu werden? War es wirklich wichtig, wie er aussah?

»Wow. Und sonst? Hat er auch einen Kopf?«

»Also er heißt Alex, und wirkt ganz sympathisch. Gehoben und anständig, wie bereits gesagt, etwas älter als ich. Sonniger Teint.«

»Sonniger Teint?« Nathan hob eine Augenbraue und klang, als würde er nicht glauben, was er da hörte. Er rückte ein Stück vor und wandt sich mir direkt zu. »Verdammt noch mal, Sam. Drück dich mal klar aus. Sieh mich an, ich bin ein schwarzer Bruder. Und der Teint ist die Hautfarbe.«

»Ja, okay. Herrgott, was hast du denn?«

»Du redest mit mir, als wäre ich ein Hotelmanager, der die korrekte Businesssprache für alle hiesigen Ethnien erwartet. Rede gefälligst anständig mit mir.« Nathan stöhnte auf und blickte zu den Tennisplätzen. »Ach, scheiße.«

»Was?«, fragte ich und folgte seinem Blick. Zwei Spieler hatten sich um einen dritten versammelt, der auf die Knie gesunken war und sich einen Knöchel hielt. Ein Kommilitone hatte während meiner Studienzeit intensiv Tennis gespielt und sich im vierten Semester schwer verletzt. »Ach so, Tennis ... das Spiel der verletzten Fußgelenke.«

»Das weckt böse Erinnerungen in mir. Komm, lass uns ab hauen. Bevor die uns entdecken und bemerken, dass wir hier arbeiten.« Nathan stand auf und ich folgte ihm, da ich ebenfalls keine Lust darauf hatte, Kühlbeutel zu organisieren und einem durchgeschwitzten Fremden zurück ins Hotel zu helfen. Das mochte im ersten Augenblick ein wenig asozial wirken, aber wer selber in einem servicenahen Bereich arbeitete, wusste, dass einem manchmal einfach nicht mehr danach war, das Mädchen für die Probleme von Kunden zu sein. Zudem hatten wir Pause respektive Feierabend, was in der Vergangenheit häufig genug ignoriert worden war. Natürlich hätten wir jemandem geholfen, wenn es wirklich notwendig geworden wäre. Aber da vom Tennisplatz keine Schmerzenslaute und nicht der durchdringende Peitschenknall eines gerissenen Bands zu uns gedrungen war, quälte mich kein schlechtes Gewissen - dies zu unserer Verteidigung.

Nachdem wir uns in den Schatten der heraufziehenden Dämmerung zurück zur Anlieferung geschlichen hatte, spürte ich ein Vibrieren in meiner Hose. Ich schaute auf das Handydisplay und sah die Kurznachricht, die eingegangen war.

»Wer ist es?«, fragte Nathan und blickte mich vielsagend an. »Dein neuer Gentleman?«

»Halt die Kappe.« Ich steckte das Smartphone wieder weg, da ich nicht wollte, dass die anderen etwas von der Nummer mitbekamen. Es kam häufiger vor, dass Gäste sich an Mitarbeiter ranmachten – bevorzugt an junge Frauen, die wahrscheinlich vortrefflich in Haushälterinnen-Kleidern aussehen mussten. Die eine oder andere hatte sich auf Abenteuer eingelassen und war zumeist nicht als Auserwählte glücklich dem schnöden Alltag der Hotellerie entkommen. Und während es in anderen Hotels gerüchteweise mitunter positiv gesehen wurde, wenn die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen den Wünschen der Gäste aufgeschlossen gegenüberstanden, gehörte das Belvedere zu den eindeutig anständigen Adressen der Stadt. Es war eher verpönt, wenn jemand die Grenzen der Professionalität überschritt. Und auch wirtschaftlich wurden Konkurrenz, Drama, Eifersucht und Herzschmerz als mehr schädlich denn nützlich betrachtet. Nachdem ich also schon zu spät aus meiner Pause gekommen war, sollte Kelly lieber nicht erfahren, dass ich heute eventuell auch noch jemanden kennengelernt hatte.

»Gut. Dann ist unsere Pause wohl vorbei.« Nathan ging voran zurück ins Hotel und ich folgte ihm, ohne irgendwelchen misstrauischen Blicken der Kollegen ausgesetzt zu sein. »Musst du morgen arbeiten? Was für eine Frage, natürlich musst du morgen arbeiten.«

»Du hast es erkannt.« Ich lächelte müde und wollte gar nicht an den nächsten Tag denken. »Gibt es einen Tag, an dem wir nicht arbeiten müssen?«

»Nicht während der Hauptsaison«, beschied Nathan und ging in den Personalraum.

Ich folgte ihm und zückte erneut mein Handy, jetzt wo die unmittelbare Gefahr, entdeckt zu werden, gebannt schien. Ich überflog die Nachricht, in der ich in einen Nachtclub in der Nähe eingeladen wurde ... wieso nicht, das könnte witzig werden.

Vier

Alexander

Nach dem Abendessen im Belvedere war ich zusammen mit Baxter aufgebrochen, um ein wenig die Umgebung und die Stadt zu erkunden. Zugegebenermaßen hatte ich keine Lust auf seine Gesellschaft, aber es war unerlässlich, jemanden wie ihn an Bord zu haben. Ich bemühte mich also nach bestem Können, dem Kerl ein guter Begleiter zu sein und mit ihm den Vegas Boulevard zu besuchen.

Gedanklich war ich ganz woanders. An einem Ort, der in harmonischem Einklang lag und einen hübschen Kerl mit gelockten schwarzen Haaren beheimatete. Sam – das war der Name, den er mir auf den Zettel geschrieben hatte. Nichts von einem Jimmy. Ich musste lächeln, als ich daran dachte. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob er bei einem Treffen nicht doch noch einen Stundensatz präsentieren würde. Und ich war mir nicht sicher, wie ich in diesem Fall reagieren würde. Seine Finger waren sanft über meine Brust gewandert und ich hatte jeden Zentimeter doppelt gespürt, als hätte er eine Spur aus kribbelnder Elektrizität hinter sich her gezogen.

»Haben Sie mir zugehört?« Baxter stellte sich vor mich und sah angefressen aus. »Sie wirken, als wären sie abwesend gewesen, Alex.«

»Verzeihung«, entschuldigte ich mich und sah Baxter in die Augen, ohne mit der Wimper zu zucken. »Ich war in Gedanken.«

»Ich habe ihnen gesagt, dass ich nicht weiß, wie weit das Signal reicht.«

Ich dachte kurz darüber nach, welches Signal er meinen konnte, schloss dann aber darauf, dass es eigentlich nur eins gab.

»Ja, und wo ist das Problem?«, fragte ich ihn, während wir vor einem Schaufenster stehen blieben, hinter dem tausende kleine LEDs blinkten und auf Plakaten etwas von einer Megashow stand. »Wir müssen ja nicht weit weg sein.«

»Hören Sie, ich bin nicht lebensmüde.« Baxter musterte mich und schien ergründen zu wollen, wie weit er es treiben konnte. »Umso weiter weg, desto besser.«

»Na, fragen Sie mal mich. Ich muss meinen Arsch ganz nach oben schaffen. Also freuen Sie sich doch über die Aussicht, gemütlich aus der Ferne operieren zu können.«

Wir gingen weiter und das Thema schien sich erledigt zu haben. Es würde demnächst jedoch wieder aufkommen, befürchtete ich. Der liebe Baxter würde sicherlich einer der anstrengenderen Partner werden, mit denen ich einen solchen Coup durchführte.

Ich war unentschlossen, ob ich etwas von den Erdnüssen essen sollte oder lieber darauf verzichtete. Wer wusste schon, wie lange sie dort schon standen und wie viele Hände sie bereits berührt und ihre ganz eigenen Bakterienstämme auf ihnen hinterlassen hatten. Andererseits sahen sie echt verlockend aus und mich traf meine allabendliche Snack-Sucht. Vielleicht konnte ich mir ja welche bestellen?

»Hii Süßer«, vernahm ich eine sanfte Frauenstimme neben mir, die mir unheimlich bekannt vorkam. »Der Platz ist ja noch frei.«

Cortez schwang sich auf den Hocker neben mir und sah mich so intensiv an, dass ich kurzzeitig einbildete, jeden Moment Ärger zu bekommen. Schwungvoll schob sie ihren Pony zur Seite und sah mich mit auf den Händen abgestütztem Kopf an. Sie lächelte lasziv und fuhr sich langsam mit der Zunge über die Lippen. »Hören Sie, mir ist furchtbar langweilig«, sagte sie vorsichtig und tippte mich an, um mit ihrem Finger über meinen Arm zu rutschen. »Haben Sie eine Idee, was wir tun könnten, damit einem armen Mädchen wie mir die Langweile vergeht?«

»Michelle, was machen Sie hier?«, fragte ich irritiert und rutschte unwohl auf meinem Hocker hin und her. Nein, sie war nicht betrunken ... was sollte das? »Im Nebenraum stehen Billardtische ...«

»Wissen Sie, es gibt in dieser Stadt keine echten Männer mehr. Ich mag es doch so gerne fest ... das schaffen Sie doch? Sie dürfen auch mit mir machen, was sie wollen.«

Ich spürte einen Blick von der Seite und ahnte, dass mein Sitznachbar etwas mitbekommen hatten. Viel wichtiger war jedoch die Frage, was zum Henker Cortez ritt. »Geht’s Ihnen gut?«, fragte ich und rückte ein Stück zu meiner Vorgesetzten. Ich spürte, dass ich unsicher klang, was aber wenig verwunderlich war. »Was machen Sie hier? Wenn das ein Scherz sein soll, dann -«

»Beruhigen Sie sich.« Sie lächelte schwach und winkte den Barkeeper heran. »Ich wollte nur mal schauen, ob ich das ohne zu lachen hinbekomme.«

»Scheiße ... das können Sie doch nicht mit mir machen.« Ich atmete beruhigt aus und rückte zurück in die Mitte meines Hockers. »Und was soll das überhaupt sein?«

»Ach, ich weiß auch nicht. Ich dachte, ich probiere es mal. Falls ich jemals mit jemanden in ein Gespräch kommen muss.«

»Privat oder beruflich?«, fragte ich und fürchtete mich vor einer Antwort.

»Jetzt treiben Sie aber Ihren Spaß mit mir.« Sie sah mich kurz von der Seite an und hob ihre rechte Hand, an deren Ringfinger ich einen dezenten Goldring ausmachte. »Man möge mich erschießen, sollte ich es jemals so nötig haben, dass ich mit solchen Worten nach Befriedigung suchen will ... also natürlich beruflich.«

Der Barkeeper kam zu uns und Cortez bestellte sich ein Bier, auf meine Nachfrage hin orderten wir noch eine Packung Erdnüsse.

»Ich würde Sie niemals erschießen, das wissen Sie doch. Selbst, wenn Sie es so nötig hätten. Zumal ich überhaupt keine Waffe mit mir führe.«

»Dankeschön, das weiß ich zu schätzen. Ich bezweifel auch, dass ich jemals beruflich so eine Nummer abziehen muss ... schon beruhigend zu wissen, was man alles nicht mehr machen muss, sobald man aufsteigt. Für diese Nummern habe ich meine Agenten. Und Sie.«

»Aha«, sagte ich trocken und nippte an meinem Bier. »Ich ahne, in welche Richtung sich das Gespräch entwickeln könnte.«

»Je länger ich mich mit Ihnen unterhalte, desto mehr sehe ich mich darin bestätigt, dass keine Dummköpfe für mich arbeiten.«

»Ich bin noch verabredet. Es wäre also schön, wenn Sie zur Sache kommen.« Ich hatte meiner Bekanntschaft aus dem Hotel bereits geschrieben, nachdem wir zurückgekehrt und Baxter auf sein Zimmer verschwunden war. Wenn ich jetzt hier mit Cortez saß, vergraulte sie mein Date vielleicht. Der süße Kerl könnte uns sehen und sich denken, dass ich nur als zusätzlichen Spieler für unser Tag-Team-Match ausgewählt hatte. »Stehen Sie auf hübsche junge Männer mit gelockten schwarzen Haaren, die auch eine römische Marmorstatue sein könnten?«

Cortez sah mich an und wartete, dass uns der Barkeeper ihr Bier und die Erdnüsse gebracht hatte.

»Nein. Ich glaube nicht. Früher bestimmt, aber die Antonios haben sich nie für mich interessiert. Und ich zum Glück nach dem College auch nicht mehr für sie.«

»Tja, eindeutig deren Pech, würde ich sagen. Wenn ich hetero wäre, dann -«

»Hören Sie auf.« Cortez hielt mir ihr Bier hin und wir stießen an. »Wagen Sie es ja nicht, den Spieß umzudrehen.«

Genussvoll trank ich einen Schluck und fühlte mich einfach nur gut, dass ich sie erwischt hatte. Ich nahm mir ein paar Erdnüsse, während Cortez zu trinken begann.

»Ich will Ihnen nicht Ihr Date vermiesen. Die Kollegen sind an mich herangetreten und hätten Sie vorgestern fast hops genommen.«

Ich sah sie fragend an und erhielt einzig einen strengen Blick, der mich schweigen ließ.

»Sie haben sich Kokain besorgt?«

»Liegt das nicht nahe?« Ich drehte das Bier auf dem Tresen hin und her. Die Schatulle mit dem Stoff befand sich just in dieser Sekunde in der Innentasche meines Jacketts. »Wir sind hier in Vegas, das soll doch alles authentisch werden.«

»Das ist ja wohl ein Scherz.« Sie sah mich entgeistert an. »Sie sollen sich in die Stadt einfügen, aber doch nicht tatsächlich Drogen kaufen.«

»Ist ja nichts passiert, oder? Schließlich sitzen wir beiden hier.«

»Ich fasse es nicht.« Cortez nahm einen langen Schluck und stieß hinter hervorgehaltener Hand auf. »Martinez hat Sie erkannt und mich angerufen. Was soll ich ihm erzählen?«

»Erzählen Sie ihm die Wahrheit ... also in der optimierten Form.« Ich sah sie an und sie schüttelte kaum merklich den Kopf. »Außerdem kann ich doch im Rahmen einer Operation Drogen kaufen, oder nicht?«

»Könnten Sie, wenn Sie Drogenermittler wären. Und gewisse Voraussetzungen erfüllen. Sie sind nicht einmal ein echter Agent. Daran sollten Sie sich erinnern und sich nicht irgendwelchen pubertären Fantasien hingeben.«

»Dann werde ich mich wohl ab jetzt zurückhalten, schlage ich vor. Versprochen.« Ich verstand Cortez Problem. Aber ich war mir sicher, dass sie meins nicht wirklich erahnte.

»Haben Sie noch Drogen?« Sie flüsterte die letzten Worte und sah sich kurz um, aber mittlerweile interessierte sich niemand aus unserer Umgebung mehr für uns. Vielleicht lag es ja an Cortez guter Laune.

»Möchten Sie etwas ab?«, fragte ich und lächelte sie an.

»Ich kann Sie jederzeit wegen Drogenkaufs festnehmen lassen. Ein Wort zu Martinez und die Sache ist durch. Sie wissen, was das für Sie bedeuten würde?«

»Zusammen mit unserem Fall wäre alles hinüber. Was möchten Sie denn jetzt? Soll ich nichts mehr kaufen? Okay, verstanden. Das bekomme ich hin. Besonders, wenn Sie diesen Wunsch äußern.«

»Danke, mehr wollte ich doch gar nicht.« Sie griff zu den Nüssen und nahm sich gleich eine halbe Hand. »Ich will gar nicht wissen, was Sie mit dem Rest gemacht haben. Sehen Sie zu, dass Sie es nicht versauen.«

»Nein, ich passe auf.« Die ganze Operation würde solche absurden Züge annehmen, dass ich mich fragte, ob ein wenig Kokain nicht noch das Harmloseste an der ganzen Geschichte wäre. »Sind Sie deshalb extra hierher gekommen?«

»Ich war eh dabei, mir die Umgebung mal anzuschauen. Man muss schließlich sein Jagdrevier kennen, nicht? Morgen früh werden wir uns bestimmt noch einmal die Tiefgarage anschauen. Vielleicht mietet sich noch jemand in das Hotel ein. Und glauben Sie ja nicht, dass Ihre Schritte unbeobachtete sind.«

Ich sah sie an und Cortez streckte das Kinn herausfordernd vor, als wartete sie auf eine Erwiderung.

»Ich brauche keine Kindermädchen«, tat ich ihr den Gefallen und sah in meiner Vorstellung, wie mir irgendwelche Amateure ins Handwerk pfuschten und alles zunichtemachten. »Wir hatten einen Plan. Den kann nicht nur ich versauen.«

»Hoffen wir also, dass überhaupt nichts versaut wird. Beginnend mit Ihrem Date, das würde ich niemals wollen.« Cortez kippte sich die letzten Nüsse von ihrer Hand in den Mund und rutschte vom Hocker. Wir nickten uns stumm zu und sie verließ mit dem Bier in der Hand die Bar.

Fünf

Sam

Ich hatte das Glück, dass ich vom Belvedere aus nicht weit gehen musste, um zu dem Club zu gelangen. In Vegas herrschte kein Mangel an Clubs, Bars und Diskotheken, sodass ich auch das Gnu noch nicht kannte. Über dem Eingang hingen die leuchtenden Röhren besagten Gnus und besonders die bunt blinkenden Hörner faszinierten mich. Am kommenden Wochenende wäre die große Reggae-Trance-Nacht mit DJ Kush-Maruk und Captain Boo, zumindest laut den aufgehängten Plakaten. Heute hingegen schien es gediegener vonstattenzugehen und ich vernahm gängige Popsongs, als ich das Gnu betrat, das nicht einmal einen Türsteher benötigte. Die Garderobe war zwar besetzt, aber ich entschied mich dagegen, meine Jacke abzugeben. Wer wusste, wie lange das überhaupt dauern würde.

Ich folgte einem bunt beleuchteten Gang und betrat den Hauptraum des Clubs. Einige Gäste waren auf der Tanzfläche, die aber mehr Personen vertrug. Am Ende der Tanzfläche führten Gänge tiefer ins Gebäude, wo sich sicherlich noch ein zweiter Floor befinden musste. In einem Ring um die Tanzfläche thronte das obere Stockwerk mit den provisorischen Sitzgelegenheiten, von wo aus man perfekt nach unten zu den Tanzenden schauen konnte. Ich ging in Richtung der breiten Treppe nach oben, um nach Alexander zu suchen – auf halben Weg drehte ich mich um. Ich ließ meinen Blick über den Tresen auf der anderen Seite wandern und musterte die Gäste. Und tatsächlich erblickten meine Augen zwischen einigen Anzugträgern, typischen Touristen und einer Gruppe sportlicher Typen in Polohemden eine einzelne hochgewachsene Person in einem grausilbernen Anzug. Ich ging hinüber und bemerkte gerade noch eine Frau, die sich von dem Platz neben ihm erhob und verschwand. Die Arme hatte sicherlich gerade einen Korb erhalten und würde es jetzt auf sich schieben, dass der gutaussehende Herr keine Augen für sie hatte. Tja, Lady, da hast du wohl Pech gehabt und ich war am Zug.

Ich wich zwei Frauen aus, die sich köstlich amüsierten und beim Tanzen von der Tanzfläche abkamen, und mich fast umstießen. Nach wenigen Schritten war ich an der Bar und bahnte mir den Weg auf die andere Seite – tatsächlich, es war Alexander. Mit jedem weiteren Schritt spürte ich, wie sich mein Herzschlag beschleunigt und ich ein wenig aufgeregter wurde. Ich war frisch von der Arbeit hierher gekommen und mir nicht sicher, was er überhaupt geplant hatte und wozu ich bereit war und wozu nicht. Aber zuerst sollten wir erst einmal schauen, wie der Abend lief – vielleicht wäre ich in fünfzehn Minuten wieder auf dem Weg nach Hause.

»Hii«, sagte ich und tippte ihm auf die Schulter. »Ist der Platz noch frei?«

Alexander drehte sich um und sah mich erfreut an, ein sanftes Lächeln auf den Lippen und kleine Fältchen um die geschwungenen Augen.

»Du bist gekommen«, sagte er und deutete auf den Hocker, auf den ich mich sofort schwang. »Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich Glück hätte.«

Ich sah ihn an und spürte einen Hauch von Erleichterung. Es war kein Riesending, aber mir fiel doch ein kleiner Klumpen von der Brust, dass er sich ehrlich darüber freute, mich zu sehen.

»Frag mal mich«, gab ich meine Nervosität zu und wandte den Blick ab, da ich ihn nicht zu lange anstarren wollte. Am Ende würde ich noch wie ein notgeiler Creep wirken, wenn ich ihn die ganze Zeit über anstarrte und seine natürliche Attraktivität bewunderte. »In meiner Vorstellung warst du vielleicht gar nicht mehr hier oder schon von einem mysteriösen Schönling um den Finger gewickelt und entführt worden.«

»Nein, sowas passiert mir nicht«, antwortete Alexander amüsiert, aber ernst und mit einer Selbstsicherheit, die mir gefiel. »Außerdem halte ich mein Wort. Und wenn ich mit jemandem verabredet bin, muss schon einiges geschehen, damit ich ohne Bescheid zu geben abhaue.«

»Dann bin ich aber beruhigt, jemanden so Anständiges neben mir sitzen zu haben. Ich hätte es sicherlich nicht verkraftet, heute noch versetzt zu werden.«

»Ich sagte nicht, dass ich anständig bin.« Alexander lachte erneut und nahm einen Schluck von seinem Bier. »Möchtest du etwas bestellen? Ich habe sogar gesalzene Erdnüsse, die noch nicht von anderen Fingern begrabbelt wurden ... hier.«

»Wow, danke.« Mein Date schob mir die kleine Schüssel mit dem Kreuzmuster zu und ich nahm ein paar der Nüsschen, da es auf der Arbeit nur lauwarme Nudeln mit Restesauce – aus allen Töpfen zusammengeschüttet – vom Mittagsbuffet gegeben hatte und ich nicht wirklich satt geworden war. »Mh, schmecken salzig ... und nach Erdnuss.«

»Und sogar noch nicht begrabbelt«, ergänzte Alexander in einem ernsten Tonfall und mustere mich kurz.

Ich grinste und überflog die Tafel mit den Getränken. Das Gnu hatte eine erlesene Auswahl an Spirituosen und ich hätte sicherlich auch einen Cocktail oder einen klassischen Sours bekommen. Aber ich brauchte etwas Leichtes und würde wie Alexander ein Bier nehmen – außerdem schmeckten wir dann ähnlich, sollte das noch relevant werden.

»Ja, also ich denke, dass ich auch ein Bier nehme. Klingt nicht verkehrt, oder?«

»Klingt genau richtig. Ich bin mir sicher, dass der Barkeeper gleich zurückkommt. War der Tag denn so schlimm?«

»Mh?« Ich blickte zur Seite zu Alexander, der nur kurz mit den Schultern zuckte.

»Na ja, du meintest eben, dass du es nach dem Tag nicht noch ertragen hättest, wenn ich dich versetzt hätte. Hörte sich so an, als sei dein Tag nicht besonders toll gelaufen. Ah, da ist er.«

Der Barkeeper brachte zwei Cocktails zu einer Gruppe betuchter Damen, die an der Ecke des Tresens standen und breite Strohhüte mit angeklebten Knicklichtern trugen. Er bemerkte unsere hilfesuchenden Blicke und kam auf dem Rückweg herüber.

»Was darfs sein, ihr beiden?«, fragte er und musterte uns. Wir mussten schon ein merkwürdiges Duo abgeben. Schließlich trug Alexander seinen Anzug und war im besten Alter, während ich, wie ich selber wusste, eher noch jugendhaft wirkte und nicht besonders schick gekleidet war. Meine Arbeitskleidung hatte ich selbstverständlich im Belvedere gelassen und war zurück in meinen Sportkapuzenpulli und die Jeans geschlüpft. »Neue Nüsse?«

»Nein danke«, antwortete Alexander freundlich. »Aber ein Bier für meinen Freund hier, bitte.«

Der Barkeeper öffnete ein Bier aus dem Kühlschrank und stellte es vor mir auf den Tresen. Ich nahm einen Schluck und das kühle, prickelnde Ale lief mir die Kehle herab.

»Ja, ähm, der Tag war halt nicht besonders spannend. Und ich hatte noch ein wenig Ärger mit meiner Chefin. Nichts Schlimmes, aber du kennst das ja, wenn man Stress miteinander hat, kann das fast die ganze Laune für den Tag versauen.«

»Das ist ärgerlich«, stimmte Alexander mir zu und lehnte sich ein Stück zu mir, um mir zuzuflüstern: »Manchmal muss man halt seine Chefs erziehen, damit die Zusammenarbeit klappt.«

Ich lachte und merkte gleichzeitig, wie sehr mir die Nähe zu ihm gefiel und war fast ein wenig traurig, als er von mir abrückte. »Das wird eher schwierig, meine Chefin ist ein besonders harter Fall ... und ihr Chef ist noch schlimmer.«

»Wirklich? Was war denn heute das Problem?«

»Ich weiß nicht.« Ich zögerte und war mir nicht sicher, wie viel ich erzählen sollte. Schließlich war er mit der Grund gewesen, weshalb ich zu spät aus der Pause gekommen war. Aber das musste ich ja nicht direkt erwähnen. Nur anlügen, wollte ich ihn nicht, auch wenn es in diesem Fall keine große Sache gewesen wäre. »Ich habe meine Paus aus Versehen überzogen ... doof gelaufen, kann aber mal passieren.«

»Was? Also ob man deswegen gleich ein Fass aufmacht. Ich würde es verstehen, wenn du regelmäßig die Pause überziehst.«

Das tat ich nicht. Aber ich kam ab und zu etwas zu spät im Belvedere an, was die Toleranz für überzogene Pausen natürlich reduzierte. »Ne, ich überziehe in der Regel nicht. Und ich kann mich auch nicht während der Arbeit fortschleichen oder nur eine Minute Pause machen, wie es manche anderen schaffen ... von daher soll sie sich nicht so anstellen.«

»Was machst du den eigentlich?«, fragte Alex und warf mir erneut einen kurzen Blick zu, woraufhin wir simultan an unserem Bier nippten.

»Das weißt du nicht?«, fragte ich überrascht und hielt inne. Ich hatte wirklich gedacht, dass er es mitbekommen und mich gesehen hatte. Schließlich ging ich nicht davon aus, dass er auf eine der Toiletten beim Viktoria-Saal gegangen war, ohne im Viktorian zu essen. »Was glaubst du denn? Arbeite ich im Hotel?«