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Er will das Croissant. Sie schnappt es ihm vor der Nase weg. Beide erfahren erst später, dass sie fortan miteinander arbeiten müssen. Gibt es eine zweite Chance für den ersten Eindruck? Mit Schwung startet Sophia ihren neuen Job als Therapeutin in einer psychosomatischen Rehaklinik. Doch ihr Chef, der arrogante Oberarzt Kilian Grothe, scheint ihr von Anfang an das Leben schwer machen zu wollen. Fast täglich liefern sie sich leidenschaftliche Wortduelle, bis Sophia zufällig eine Entdeckung macht, die ihr negatives Bild von Kilian Grothe ins Wanken geraten lässt. In ihre Beziehung mischt sich immer mehr eine irritierende Spur von Nähe und tiefer Verbundenheit, die in Sophia schmerzhafte Erinnerungen wachruft. Schaffen es die beiden trotz der Narben ihrer Vergangenheit, alles Trennende zu überwinden und sich ihren Gefühlen zu stellen? Ein humorvoller Liebesroman mit psychologischem Anspruch - für alle, die schwungvolle Dialoge und ausgefeilte Charaktere lieben!
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Seitenzahl: 551
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
Er will das Croissant. Sie schnappt es ihm vor der Nase weg. Beide erfahren erst später, dass sie fortan miteinander arbeiten müssen. Gibt es eine zweite Chance für den ersten Eindruck?
Mit Schwung startet die wortgewandte Sophia ihren neuen Job als Therapeutin in einer psychosomatischen Rehaklinik. Doch ihr Chef, der arrogante Oberarzt Kilian Grothe, scheint ihr von Anfang an das Leben schwer machen zu wollen. Fast täglich liefern sie sich leidenschaftliche Wortduelle, bis Sophia zufällig eine Entdeckung macht, die ihr negatives Bild von Kilian Grothe ins Wanken geraten lässt. In ihre Beziehung mischt sich immer mehr eine irritierende Spur von Nähe und tiefer Verbundenheit, die in Sophia schmerzhafte Erinnerungen wachruft. Schaffen es die beiden trotz der Narben ihrer Vergangenheit, alles Trennende zu überwinden und sich ihren Gefühlen zu stellen?
Ein humorvoller Liebesroman mit psychologischem Anspruch – für alle, die schwungvolle Dialoge und ausgefeilte Charaktere lieben!
Toni Field wurde 1975 im Rheinland geboren. Sie lebt mittlerweile seit vielen Jahren mit ihrem Sohn und Lebensgefährten in Schleswig-Holstein. Als systemische Beraterin, Coach und Supervisorin arbeitet sie in eigener Beratungs- und Coachingpraxis. Zum Schutz ihrer Klientinnen und Klienten schreibt sie unter Pseudonym.
Toni Field
Croissant d’amour
Ein Roman
© 2021 Toni Field
ISBN Softcover: 978-3-347-46869-6
ISBN E-Book: 978-3-347-46875-7
Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig.
Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar
Für meine beiden Männer und meine Eltern
»Wenn dir jemand nicht mehr aus dem Kopf geht, gehört er in dein Herz«
(Unbekannt)
»Wer nicht zeigt, was er fühlt, läuft Gefahr, zu verlieren, was er liebt.«
(Unbekannt)
Kapitel 1
»Hey, Moment mal, was soll das? Auch für Sie gilt hinten anstellen!«
Sophia ignorierte die erboste Aufforderung des jungen Mannes und zwängte sich an ihm vorbei.
»Sorry, tut mir leid, aber ich habe es furchtbar eilig. Etienne, hast du mein …?«
»Ah oui, oui, ma Belle.«
Etienne reichte ihr einen Café au Lait zum Mitnehmen über den Tresen und steckte ihr das letzte Croissant in eine Papiertüte.
»Merci beaucoup«, antwortete sie mit dankbarem Blick und pustete ihm einen flüchtigen Kuss zu. »Du bist mein Retter!«
»Oui, oui, petit diable, wie jeden Tag«, überging Etienne mit seinem französischen Akzent ihre Heuchelei, jedoch nicht, ohne ihr zuzuzwinkern.
»Moment mal«, mischte sich der junge Mann von eben wieder ein. »So geht das ja nun nicht. Das Croissant wollte ich haben!«
»Oh, das tut mir leid. Wenn ich das gewusst hätte …«, tat Sophia schuldbewusst und warf ihm einen bedauernden Blick zu. Sie wollte sich gerade umdrehen und weggehen, als der Mann sich ihr in den Weg stellte.
»Was fällt Ihnen eigentlich ein? Erst drängeln Sie sich vor und dann schnappen Sie mir auch noch das letzte Croissant vor der Nase weg!«
Sophia hielt kurz inne und tat so, als würde sie nachdenken.
»Stimmt«, erwiderte sie mit vorgespielter Einsicht. »Ich würde es jedoch nicht ganz so hart formulieren.«
»So? Wie würden Sie es denn dann bezeichnen?«, fragte der Unbekannte pikiert.
»Wie wäre es mit …«, sie überlegte kurz, »… Sie waren einfach zu langsam?« Und damit wollte sie sich an ihm vorbeischieben. Doch weit gefehlt. Der Fremde verstellte ihr erneut den Weg.
»Sie finden sich wohl wahnsinnig witzig, was? Glauben Sie wirklich, dass Sie damit durchkommen?«
»Was wollen Sie denn machen? Mich für den Rest des Tages hier festhalten?«
»Und wenn es so wäre? Zumindest so lange, bis Sie mir das Croissant überlassen, das Sie mir durch Ihr Vordrängeln weggeschnappt haben«, antwortete der junge Mann energisch. Dabei schaute er ihr fest in die Augen.
Amüsiert erwiderte Sophia seinen Blick. Eigentlich war er ganz hübsch, schoss es ihr durch den Kopf. Wenn nur nicht diese Verbissenheit in seinen Gesichtszügen läge! Sein dunkles, krauses Haar fiel ihm widerspenstig ins Gesicht und spiegelte sich in seinen haselnussbraunen Augen wider, während seine vollen Lippen die weiche Mundpartie betonten. Was für eine Ausstrahlung er wohl hätte, wenn sich nicht diese tiefe Ärgerfalte auf seiner Stirn abzeichnen würde, überlegte sie kurz. Doch schnell besann sie sich, denn sie hatte nicht die Zeit, hier noch länger herumzustehen und darauf zu warten, wer das Machtspiel gewinnen würde.
»Etienne?!«, rief Sophia, dem Blick des Fremden standhaltend. »Hast du etwa gesehen, dass ich mich vorgedrängelt habe?«
»Ne fait plus ça, ma puce. Nicht das schon wieder!«, stöhnte Etienne in tiefster französischer Theatralik. Doch Sophia betraute ihn nur mit einem strafenden Blick. »Non, natürlich nicht. Und nun lass mich weiterarbeiten, petit monstre!« Damit wandte Etienne sich ab und holte die frischen Brötchen aus dem Ofen.
Sophia sah den Fremden mit hochgezogenen Augenbrauen an und hob unschuldig die Schultern.
»Ich an Ihrer Stelle würde einsehen, dass Sie diese Schlacht verloren haben, guter Mann. Aber wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf? Das Laugengebäck ist ganz vorzüglich hier.« Damit schob sie ihn triumphierend beiseite und bahnte sich ihren Weg zum Ausgang des kleinen französischen Bistros. Sie kannte Etienne gut genug, um zu wissen, dass er es ihr nicht übelnehmen würde. Sie hatte lange als Babysitter für ihn und seine Frau Aurelie gearbeitet und sich damals ein gutes Zubrot zu ihrer Therapieausbildung verdient. Bis heute war sie eng mit der Familie Dubois verbunden.
Im Laufschritt machte sich Sophia auf den Weg zu Gleis drei. Sie war spät dran und hoffte inständig, dass sie den Zug nicht verpasst hatte. Es würde sich nicht gut machen, direkt am ersten Arbeitstag zu spät zu kommen. Heute fing sie ihre neue Stelle als Therapeutin in einer psychosomatischen Rehaklinik an und der aufdringliche Typ aus Etiennes Bistro hatte ihren Zeitplan massiv durcheinandergebracht. Normalerweise war es gar nicht ihre Art, sich derart aufzuführen, doch die Penetranz dieses Typen ging ihr so auf den Geist, dass ihr Temperament mal wieder mit ihr durchgegangen war. Gleichzeitig war sie beeindruckt von ihm. Sie hatte sich schon häufig vorgedrängelt. Entweder, weil die Zeit knapp war, oder aber, weil sie keine Lust hatte, sich hinten anzustellen. Das sorgte zwar meist für verärgerte Blicke, höchstens mal für einen vorwurfsvollen Spruch, aber bislang hatte sich ihr niemand so vehement in den Weg gestellt wie dieser Kerl. Immerhin zeigte es, dass er für seine Bedürfnisse eintrat und dabei keine Auseinandersetzung scheute. Auch unterstellte sie ihm wohlwollend, dass er sicherlich jemand war, der sich in der Öffentlichkeit couragiert gegen Ungerechtigkeit einsetzte. Ein Engagement, das in der heutigen Zeit echt selten geworden war, überlegte sie. Die Unnachgiebigkeit des Typens fand sie daher auch irgendwie faszinierend.
Mit Blick auf eine der vielen Bahnhofsuhren schob sie ihre Gedanken beiseite und legte einen Zahn zu. Sie konnte nur hoffen, dass der Zug verspätet abfuhr. Und tatsächlich, sie hatte Glück. Gerade noch rechtzeitig schaffte sie es in den letzten Wagon, bevor sich die Türen automatisch schlossen und der Zug sich in Bewegung setzte.
Sie freute sich auf ihren ersten Arbeitstag, wusste sie schließlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie die Ereignisse des Tages schneller einholen würden als erwartet.
Kapitel 2
»Wir sind spät dran, ich würde gerne anfangen«, verschaffte sich Doktor Fischer Gehör. Der Chefarzt hatte Sophia vor zehn Minuten in seinem Büro in Empfang genommen und sie nach einer kurzen, freundlichen Begrüßung zur morgendlichen Frühbesprechung des Therapeuten- und Ärzteteams mitgenommen. Etwas nervös saß sie nun neben ihrem Vorgesetzten und wartete gespannt darauf, ihre neuen Kolleginnen und Kollegen kennenzulernen.
»Wer fehlt heute?«, schaute er fragend in die Runde und versuchte zu erfassen, welche seiner Mitarbeiter nicht anwesend waren.
»Frau Petersen hat sich vorhin krankgemeldet«, antwortete eine schon etwas ältere, rundliche Frau und schob sich eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht, die das bunte Seidentuch, das sie ins Haar geknotet hatte, nicht mit eingefangen hatte. Sie sah nett aus, dachte Sophia und beschloss, die Frau zu mögen. Sie hatte eine grüne Leinenhose an und trug eine farbenfrohe Bluse dazu. In den Birkenstocksandalen zierten selbstgestrickte blaue Socken ihre Füße. Um ihren Hals baumelten mehrere lange Ketten, während die breiten Ohrringe das Vorurteil einer typischen Öko-Pädagogen-Tante vervollständigte. Wie sich später herausstellte, lag Sophia mit ihrer Einschätzung gar nicht falsch, denn die Dame war Ingrid Jessen vom Sozialdienst der Klinik und gehörte der Generation Atomkraft? Nein danke! an.
»Was ist mit Doktor Grothe?«, hakte Herr Fischer nach.
»Er rief an, dass er sich verspätet. Wir mögen aber schon anfangen«, erklärte Torge Mikkelsen, ein junger Arzt, der gerade den Kragen seines blauen Hemdes richtete.
»Okay, dann sind wir vollzählig«, resümierte Doktor Fischer. »Wie Sie alle wissen, fängt heute unsere neue Kollegin Frau Jakobsen an, die den familientherapeutischen Dienst des Kollegen Wohlert um eine weitere Person bereichern wird. Gemeinsam mit ihm soll sie den systemischen Ansatz stärker in unserer Rehaklinik etablieren, wir sprachen ja bereits darüber. Ich darf Ihnen ganz herzlich Sophia Jakobsen vorstellen.« Damit wandte er sich an Sophia, der er freundlich zunickte. »Wenn Sie vielleicht gerade zwei, drei Sätze zu sich sagen wollen, Frau Jakobsen?«
Sophia nickte und lächelte verlegen. Alle schauten sie erwartungsvoll an.
»Ja, erst einmal Hallo in die Runde. Ich freue mich riesig, hier zu sein und mich in die neuen Herausforderungen und Aufgaben zu stürzen. Als Psychologin bin ich hier ja kein Exot in dieser Runde. Ich liebe den multiprofessionellen Austausch und hoffe, dass wir gut miteinander arbeiten und auskommen werden. Ich kann nur anbieten, kommt auf mich zu, löchert mich mit Fragen und lernt mich kennen. Umgekehrt würde ich es gerne genauso handhaben, wenn es recht ist.« Damit schloss sie mit einer einladenden Geste ihre kurze Vorstellung ab und war erleichtert, als sie in durchweg lächelnde Gesichter blickte.
»Vielen Dank, Frau Jakobsen. Dann übergebe ich jetzt an Doktor Sommer und verabschiede mich wieder. Ich habe noch einen wichtigen Termin.«
Er nickte ihr noch einmal aufmunternd zu und verließ anschließend den Raum.
»Sehr schön«, übernahm Dietmar Sommer, ein älterer Herr in den Fünfzigern mit grauem Haar und penibel gepflegtem Äußeren. Er wirkte steif und überheblich, fand Sophia und wusste nicht, was sie von ihm halten sollte.
»Dann können wir nun ja starten«, fuhr er fort. »Welche Patienten stehen heute auf der Tagesordnung?«
Sophia lehnte sich erleichtert zurück. Der Einstieg war geschafft. Nun brauchte sie erst einmal nur zuhören.
Als Erstes wurden die Bezugstherapeuten für die Neuaufnahmen der nachfolgenden Woche eingeteilt. Damit einhergehend wurde auch die Aufteilung erstellt, welcher Kollege des familientherapeutischen Dienstes für die Bezugstherapeuten unterstützend zuständig war. Sophia war angetan von der Stringenz und dem Zusammenspiel aller. Die Abläufe wirkten flüssig und eingespielt. Es gab keine unnützen Diskussionen über Befindlichkeiten einzelner, vielmehr stand der Patient im Mittelpunkt, den es zu therapieren galt.
Sie freute sich über die Namen ihrer ersten eigenen Patienten. Sie konnte es kaum erwarten, die Therapiesitzungen mit ihnen zu beginnen. Immerhin unterschied sich der systemische Ansatz doch etwas von den gängigen Therapiemethoden. So betrachtete Sophia psychische Erkrankungen grundsätzlich nicht isoliert vom Lebensumfeld des Patienten. Genauso wie sie jedes Symptom oder Verhalten als ein Lösungsversuch interpretierte, für den die Patienten meist einen hohen Preis zahlten, nämlich das Leid, mit dem sie zu ihr kamen. Von Doktor Fischer wusste sie, dass sie den Kollegen diesen Ansatz erst näher bringen musste. Doch sie freute sich darauf. Denn sie war absolut überzeugt von ihm.
Es folgten kurze Berichte über Patienten, die am Vortag oder in der Nacht Krisentermine beim therapeutischen Bereitschaftsdienst in Anspruch genommen hatten. So erhielten die Bezugstherapeuten die notwendigen Informationen über Inhalt und zeitlichen Umfang der Krisengespräche ihrer Patienten. Gespannt lauschte sie der Fallvorstellung von Frau Wolters und formte in ihrem Kopf erste Überlegungen zu deren Verhalten.
»Es ist die letzte Woche der Patientin Wolters hier bei uns. Wir haben es häufiger damit zu tun, dass kurz vor Ende des Aufenthaltes eine Abwehrreaktion gegen die Entlassung stattfindet. Wir brauchen dem wenig Beachtung zu schenken«, resümierte Doktor Sommer. »Wer war gleich der zuständige Therapeut?«
»Doktor Grothe«, antwortete eine junge Frau, die versonnen mit den Fingern an ihren Rasterzöpfen spielte und mit ihrem offenen Blick sympathisch wirkte. »Kilian hat erzählt, dass die Patientin sehr klammert. Die Vermutung liegt nahe, dass sie sich in eine Abhängigkeit ihm gegenüber begeben hat. Da ist das Ende des Klinikaufenthaltes im Zweifelsfall auch eine gefühlte Bedrohung für die Patientin.«
»Ja, oder sie hat sich in ihn verliebt«, spekulierte ein anderer Kollege, der vom Aussehen her schon älter zu sein schien.
»All das ist völlig irrelevant«, wischte Dietmar Sommer die Einwürfe der Kollegen beiseite. »Wir wissen alle, dass die Patientin damit nur Aufmerksamkeit auf sich lenken möchte. Also gilt es, darauf gar nicht erst einzugehen. Sonst bestärken wir sie nur in diesem Verhalten und strapazieren damit gänzlich unsere Nächte im Bereitschaftsdienst bis zu ihrer Entlassung«, rundete Dietmar Sommer die Diskussion darüber ab. Offenbar wollte er sich nicht länger mit Banalitäten aufhalten, sondern zum nächsten Tagesordnungspunkt kommen.
»Ich hätte noch eine andere Überlegung dazu, die ich gerne einbringen würde«, wagte sich Sophia mutig vor. Sie wollte gleich die erste Gelegenheit nutzen, um den Kollegen ihre fachliche Sicht zu veranschaulichen, und mit ihnen zu diskutieren.
Alle im Raum schauten sie erschrocken an. Bislang hatte sich offensichtlich noch nie jemand getraut, Dietmar Sommers Einschätzung zu widersprechen. Überhaupt schien die ganze Atmosphäre angespannter, seitdem er die Moderation der Runde übernommen hatte.
»Ich denke, Frau Jakobsen, wir haben den Fall in Gänze erfasst. Glauben Sie mir, es ist nichts Besonderes.« Mit einer Handbewegung wischte er ihren Einwand beiseite und schaute auf seinem Zettel nach dem nächsten Tagesordnungspunkt.
Sophia ließ sich davon nicht beeindrucken. Ihr widerstrebte es, wie hier über diese Patientin geurteilt und ihr vorsätzliches Verhalten unterstellt wurde.
»Ich glaube nicht, dass Sie den Fall, wie Sie es sagen, in Gänze erfasst haben. Ich möchte Ihnen gerne noch eine andere Sichtweise anbieten, das Verhalten von Frau Wolters zu deuten. Und da ich hier sowieso keine Ruhe geben werde, können Sie mich auch gleich zu Wort kommen lassen, anstatt mit mir darüber zu diskutieren, ob es notwendig ist oder nicht.«
Sophia merkte, wie jeder im Raum die Luft anhielt. Dietmar Sommer und sie taxierten sich mit eisigen Blicken. Gerade, als Doktor Sommer ansetzen wollte, um etwas zu sagen, ging die Tür auf und ein junger Mann kam herein, kaum älter als Sophia. Er wirkte abgehetzt und ziemlich verschwitzt. Sophia stutzte. Konnte das sein? Das war doch …
»Entschuldigt meine Verspätung. Ich wurde unliebsam aufgehalten«, grüßte der Mann in die Runde. »Habe ich schon viel verpasst?«
»Einen wunderschönen guten Morgen, Kilian«, begrüßte ihn Doktor Sommer. »Du kommst gerade rechtzeitig. Unsere neue Kollegin Frau Jakobsen wollte uns just in diesem Augenblick erklären, wie wir zukünftig die Abwehrreaktion unserer Entlassungs-Patienten anders zu deuten und zu handhaben haben.« Sein sarkastischer Unterton war nicht zu überhören.
Die Atmosphäre im Raum war angespannt. Kilian folgte Dietmar Sommers Blick hin zur neuen Kollegin und stutzte. Das war doch diese unverschämte Frau aus dem Bistro am Bahnhof, wegen der er seinen Zug verpasst hatte. Sogleich verfinsterte sich seine Miene und er verspürte eine innere Abwehr. Was fällt dieser Person eigentlich ein? Erst diese Dreistigkeit heute früh, und nun spielte sie sich gleich an ihrem ersten Arbeitstag als Besserwisserin auf und stellte alle Erfahrungen der Kollegen in Frage!
»Darf ich vorstellen?«, fuhr Dietmar Sommer fort. »Frau Sophia Jakobsen!«
»Wir kennen uns bereits«, antwortete Kilian knapp, ohne Sophia aus den Augen zu lassen. Die Kühle, mit der Kilian sie ansah, mobilisierte all ihre inneren Streitkräfte. Sie richtete sich auf und machte sich bereit für den Kampf.
»Herr Grothe?!«, grüßte sie distanziert.
»Fahren Sie ruhig fort, ich bin gespannt, was Sie unserer langjährigen Expertise zu entgegnen haben!«, forderte er sie großzügig auf, ohne die Spur Ironie in seiner Stimme zu verbergen.
Sophia merkte, wie sie innerlich einzuknicken drohte. Davon, dass diese Klinik unbedingt den systemischen Zweig erweitern und stärken wollte, spürte sie gerade nichts. Stattdessen schlug ihr Widerstand entgegen oder aber Schweigen. Warum nur traute sich keiner, etwas zu sagen?
»Es geht gar nicht darum, Ihre Erfahrungen zu schmälern, sondern lediglich darum, eine weitere Perspektive anzubieten. Es wäre doch schade für die Patientin, wenn sie sich selbst überlassen bliebe, obwohl man ihr doch genauso gut helfen könnte, meinen Sie nicht?«, antwortete sie spitz. Sie hatte nicht vor, sich von diesen neunmalklugen »Göttern in Weiß« einschüchtern zu lassen. Nur, weil sie Medizin studiert hatten, hieß dies nicht, dass sie die besseren Diagnostiker waren. Auch wenn sie wusste, dass in Kliniken oft noch strenge Hierarchien vorherrschten. Aber sie musste sich denen ja nicht zwangsläufig unterordnen.
»Wenn Sie alle Patienten retten wollen, dann sollten Sie überprüfen, ob Sie den richtigen Beruf gewählt haben«, entgegnete Kilian. »Ansonsten rate ich Ihnen dringend, an Ihrer Fähigkeit zur besseren Abgrenzung zu arbeiten.«
»Lieber den Blick für den Patienten, als irgendwann so abgebrüht zu sein, und sich hinter vorgeschobener Fachlichkeit verstecken zu müssen. Was versuchen Sie damit zu überspielen, Herr Grothe?«
Sie funkelte Kilian herausfordernd an. Sein Gesicht rötete sich zunehmend mehr vor Zorn.
»Ich möchte folgende Hypothese in den Raum stellen«, fuhr sie unbeirrt fort. Dabei ignorierte sie Kilian gekonnt. »Ich würde das Verhalten der Patientin grundsätzlich erst einmal als eine sehr positive Entwicklung sehen, auch, wenn alle bisher von einer Abhängigkeit gegenüber Herrn Grothe gesprochen haben, aus der sie unbedingt geschubst werden müsse. Die Patientin wurde mit einer mittelschweren Depression eingewiesen, berichteten Sie.« Dabei schaute sie Doktor Sommer an, der gelangweilt nickte. »Patienten mit Depressionen sind in der Regel Persönlichkeiten, die perfektionistisch veranlagt sind, die sich selbst zugunsten anderer zurücknehmen und dadurch ihre eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund stellen. Sie sind es nicht gewohnt, dass irgendjemand ihre Bedürfnisse sieht und ernst nimmt. Und wenn, dann wehren sie es ab, weil es im Selbstbild der Patienten einfach nicht sein darf. Ich sehe es so, dass das Verhalten der Patientin ein Kompliment an die erfolgreiche Arbeit von Herrn Grothe ist!« Sie machte eine Pause und ließ den letzten Satz wirken. Tatsächlich ging ein stummes Raunen durch den Raum und sie merkte, dass sie im Nu die gesamte Aufmerksamkeit all ihrer neuen Kollegen hatte. Sogar Kilian Grothe schien überrascht über dieses Kompliment zu sein, das sie ihm aussprach. Zumindest meinte Sophia, eine Spur davon in seinem Blick erkannt zu haben.
»Offensichtlich haben Sie es geschafft, Herr Grothe, dass die Patientin Ihre Fürsorge, Ihre Worte, Ihren therapeutischen Ansatz, oder wie auch immer Sie es nennen möchten, annehmen konnte und sich zumindest Ihnen oder gar Ihnen allen«, und damit gestikulierte sie mit der Hand in die gesamte Runde, »soweit öffnen und anvertrauen konnte, dass sie ihre Bedürfnisse spürt und vor allem zulassen kann. Die Angst, sich diesbezüglich in ihrem vertrauten Umfeld daheim nicht durchsetzen zu können, ist unter diesem Aspekt für mich mehr als nachvollziehbar. Ebenso, uns mit ihrem Bedürfnis nach einem täglichen Notfalltermin zu vermitteln, dass sie diesen Erfolg eigentlich nicht wieder abgeben möchte, sondern nur nicht weiß, wie sie ihn in ihren Alltag daheim übertragen soll. Wenn ich ihre täglichen Notfalltermine also als Appell deute, hier noch etwas an die Hand bekommen zu wollen, wie sie ihren Fortschritt in ihren baldigen Alltag daheim übertragen kann, dann wäre es doch schade, wenn wir sie so kurz vor dem Ziel im Stich ließen, anstatt ihr den letzten Schubs zu geben, der ihr helfen kann, dieses neu entdeckte Gefühl von ›Ich darf! Ich bin es wert!‹ mit nach Hause zu nehmen, oder?«
Sie blickte in die Runde und sah in zustimmende oder zumindest nachdenkliche Gesichter. Viele schenkten ihr ein Lächeln, denn es war erfrischend, was sie an neuer Sichtweise hineinbrachte.
»Ach, so ein Blödsinn!«, durchbrach Dietmar Sommer das anerkennende Schweigen. »Viele Patienten zeigen dieses Verhalten zum Ende ihres Aufenthaltes. Und nicht weiter darauf einzugehen hat bislang immer gut funktioniert. Wieso sollten wir diesmal anders handeln und wer sagt, dass Ihre Methode erfolgreicher wäre?«
»Niemand!«, antwortete Sophia ehrlich, und ihr war, als heimste sie damit noch mehr Sympathiepunkte bei der Mehrzahl ihrer Kollegen ein. »Aber es schmerzt mich zu sehen, wie Sie Ihre Arbeit abwerten, indem Sie ihr keinerlei Bedeutung zukommen lassen und damit gleichzeitig Ihrer Haltung den Patienten gegenüber Ausdruck verleihen. Beides ist doch wirklich traurig, finden Sie nicht?«
***
»Alter Schwede, das war ganz schön mutig von dir!«, stieß Sven Wohlert anerkennend hervor, als er mit Sophia auf dem Weg zu ihrem Büro war. Sven war ihr unmittelbarer Kollege und der einzige weitere systemisch ausgebildete Therapeut in dieser Klinik. Sophias Schlagabtausch mit Doktor Sommer und Kilian Grothe war eine Viertelstunde her. Im Anschluss wurden nur noch organisatorische Themen abgehandelt, bevor alle Teilnehmer der Sitzung auseinanderstoben und ihrem Tagesgeschäft nachgingen. Beim Herausgehen bekam Sophia ein paar anerkennende Blicke und Nicker von anderen Kollegen zugeworfen, doch niemand sprach sie direkt an.
»Wieso nehmen alle hin, was dieser Doktor Sommer von sich gibt? Die Atmosphäre war ja zum Schneiden«, sinnierte Sophia laut vor sich hin.
»Keine Ahnung. Irgendwie ist er gefürchtet. Viele haben versucht, sich mit ihm anzulegen, doch er hat immer das Oberwasser behalten. Er ist in der Fachwelt sehr etabliert, hält viele Vorträge, hat Fachbücher geschrieben und er kennt viele Leute. Tja, und wer weiterkommen will, ist oft auf Empfehlungen angewiesen. Da will es sich niemand mit ihm verscherzen.«
»Tzz …«, stieß Sophia kopfschüttelnd aus. »Ich dachte, dass sich die Klinik konzeptionell umorientieren und die systemische Sichtweise mehr integrieren möchte. Davon habe ich vorhin jedoch nicht so viel gespürt. Mal unter uns, wie gewollt ist das wirklich?«
»Unser Chefarzt, der Fischer, der steht total dahinter. Er war letztes Jahr auf mehreren Kongressen und hat sich Kliniken in Skandinavien angeschaut, die nach dem Prinzip des systemischen Ansatzes arbeiten. Auch hat er engen Kontakt zu einer Klinik im Odenwald, die systemisch aufgestellt ist. Er ist mit dem dortigen Chefarzt eng befreundet.«
Sophia wusste, welche Klinik Sven meinte. Sie selbst hatte dort ein dreimonatiges Praktikum absolviert und anschließend sofort eine hochqualifizierte Stellung angeboten bekommen. Doch sie wollte nicht aus dem Norden weg. So hatte sie der dortige Chefarzt schließlich an Doktor Fischer weiterempfohlen. Sein expliziter Auftrag an Sophia war, die Systemik in seiner Klinik voranzutreiben. Im Moment zweifelte sie jedoch sehr daran, ob sie bei den eben erfahrenen Widerständen damit jemals Erfolg haben würde.
»Und dieser … Kilian Grothe?« Sie versuchte, ihre Frage beiläufig klingen zu lassen. In Wirklichkeit aber war sie unglaublich neugierig auf diesen Menschen, dem sie heute früh beim Bäcker schon Paroli geboten hatte.
»Kilian? Ach, der ist eigentlich in Ordnung. Er ist hier der leitende Oberarzt und Doktor Fischers Stellvertreter.«
»Ihr duzt euch?«, warf Sophia verwundert ein.
»Ja, eigentlich sind wir hier alle per Du. Außer mit Doktor Fischer und Doktor Sommer. Kilian bietet es dir bestimmt auch irgendwann an.«
Sophia nickte gedankenversunken. »Aber so wirklich begeistert scheint er nicht von der Idee zu sein, dass es auch andere Therapiemethoden als die altbewährten gibt.«
Sven zuckte mit den Schultern. »Ach doch, ich glaube schon. Er holt mich immer dazu, wenn es um die Familiengespräche seiner Patienten geht. Oder er beauftragt mich mit der Durchführung. Das tun hier lange nicht alle. Ich denke, er weiß nur zu wenig über unseren Therapieansatz, als dass er einschätzen kann, was er davon halten soll. Und er ist ab und an etwas launisch. Du hast heute einfach nur einen seiner schlechten Tage erwischt.«
Diesmal zuckte Sophia mit den Schultern. So wirklich glauben konnte sie nicht, was Sven über Kilian Grothe sagte. Aber gut, seine Reaktion ihr gegenüber mochte noch mit dem Vorfall im Bistro zusammengehangen haben. Vielleicht sollte sie ihm unvoreingenommen begegnen und sich positiv überraschen lassen.
»Woher kennt ihr euch eigentlich?«, fragte Sven unvermittelt. Offenbar war er doch nicht so unaufmerksam, wie Sophia ihn zunächst eingeschätzt hatte.
»Ach, keine große Sache. Wir sind uns nur einmal zufällig begegnet. Nicht der Rede wert«, spielte sie ihre morgendliche Begegnung herunter.
»Eindrucksvoll genug, als dass Kilian dich sehr wohl in Erinnerung behalten hat«, blieb Sven diplomatisch.
Sophia überlegte, ob sie ihm von heute früh erzählen sollte, entschied sich aber dagegen. Stattdessen zuckte sie nur mit den Schultern und wechselte das Thema. »Und wie läuft das jetzt hier so ab?«
»Du meinst, wie unser Tag aussieht?«
Sophia nickte. Sie hoffte inständig, damit von Kilian Grothe ablenken zu können, und war froh, als Sven auf ihre Frage einstieg. Überschwänglich erklärte er ihr die wichtigsten Abläufe und worauf sie bei der Planung von Patiententerminen unbedingt achtgeben musste.
Sophia ließ ihn reden. Sie hörte nur mit halbem Ohr zu, denn ihre Gedanken wanderten immer wieder zurück zu Kilian Grothe. Sollte er ihr ihr Verhalten von heute früh wirklich so übel genommen haben? Sie konnte sich keinen anderen Grund vorstellen, weshalb er ihr sonst mit dieser Feindseligkeit gegenübergetreten war. Oder wollte er nur demonstrieren, wer hier das Sagen hatte und ihr damit klarmachen, an welcher Stelle der Klinikhierarchie sie stand? Sophia seufzte. Sie hoffte inständig, dass die nächste Begegnung mit Kilian Grothe anders verlief. Freundlicher. Kollegialer. Zumindest nahm sie sich vor, ihren Teil dazu beizutragen.
»Ansonsten treffen wir uns jeden Morgen um acht Uhr für eine halbe Stunde zur kleinen Morgenrunde«, hörte sie Sven sagen. Sie schob ihre Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf ihn. »Die hast du ja heute miterlebt. Hier geht es um die Verteilung der Neuaufnahmen und die Patienten, die nach Dienstschluss am Tag vorher oder in der Nacht Probleme hatten. Die Nachtschwester berichtet also kurz von den Einsätzen des diensthabenden Arztes während seines Bereitschaftsdienstes. Mittwochs dauert die Morgenrunde länger. Da sitzen wir gewöhnlich bis zehn Uhr zusammen und besprechen dann auch einzelne Patienten etwas ausführlicher.«
Sophia nickte und schenkte ihm ein freundliches Lächeln.
Mittlerweile waren sie am Büro angekommen. Sven schloss die Tür auf und reichte Sophia anschließend den Schlüssel.
»Bitte sehr. Dein Reich!«
Sophia schaute sich um. Der Raum wirkte noch etwas kahl, aber insgesamt strahlte er eine angenehme Ruhe aus. Neben ihrem Schreibtisch waren unter dem Fenster zwei gemütliche Sessel mit einem kleinen Beistelltisch für die Therapiegespräche mit den Patienten arrangiert. Das Fenster lag zur Südostseite, so dass der Raum mit warmem Licht und Sonnenstrahlen erfüllt war. Auch ein paar geschmackvolle Topfpflanzen waren liebevoll aufgestellt worden. Auf ihrem Schreibtisch standen ein Blumenstrauß, eine Schachtel Pralinen und eine Karte. Sophia war begeistert. Sie wusste sofort, dass sie ihr Büro mögen würde. Nur noch ein paar Bilder an die Wand, einige Fachbücher in das Regal und vielleicht das eine oder andere Dekoteil dazu. Schon wäre der Raum perfekt.
»Wow, ein schöner Ort!« Sie lächelte Sven zu.
Er ließ seinen Blick einmal durch das Zimmer schweifen und nickte. »Es freut mich, dass es dir gefällt.«
Sophie merkte, wie viel Mühe er sich gemacht haben musste, den Raum nett herzurichten. Sogar an eine Packung Taschentücher auf dem Tisch hatte er gedacht, falls es in einer Therapiesitzung für die Patienten einmal emotionaler wurde. Seine Erleichterung, nicht mehr allein den systemischen Ansatz vertreten zu müssen, schien größer zu sein, als sie dachte.
»Wir haben auch noch einen Gruppenraum, den wir uns allerdings teilen müssen. Wir bieten dort systemische Aufstellungen und Gruppentherapien an. Den zeige ich dir nachher noch«, fuhr er fort.
Sophia nickte. »Und wo ist dein Büro?«, fragte sie interessiert. Irgendwie war es ihr wichtig, zu wissen, wo sie jemand Vertrautes finden konnte, falls sie sich mal wieder dem Sturm von Doktor Sommer oder diesem Kilian Grothe ausgesetzt fühlte.
»Mein Büro ist gleich nebenan. Wenn etwas ist, brauchst du nur Morsezeichen durch die Wand zu geben«, scherzte er, indem er mit der rechten Hand Klopfzeichen in die Luft gestikulierte.
Sophia lachte. Sie war froh, dass sie sich so gut mit Sven verstand und es so einfach zwischen ihnen zu sein schien. Neugierig musterte sie ihn, während er fortfuhr, ihr die Abläufe zu erläutern. Sie schätze ihn auf Ende dreißig. Er war etwas fülliger, aber nicht dick. Sein blondes Haar machte den Anschein, als habe es seit Längerem schon keinen Kamm mehr gesehen. Er wirkte aber nicht ungepflegt. Er war leger gekleidet. Jeans, kariertes Hemd, das er aufgeknöpft über einem weißen T-Shirt trug und Turnschuhe. Obwohl er eher fahrig wirkte, hatte er unglaubliche Antennen für Zwischenmenschliches und war aufmerksamer, als man vom ersten Eindruck her meinte. Das erkannte Sophia an der Art, wie er ihr alles erklärte und worauf er dabei sein Augenmerk legte. Er wusste genau, wie er mit jedem Kollegen umgehen musste, und welche Anzeichen Aufschluss darüber gaben, besser ein anderes Mal mit einem Anliegen zu kommen. Allein das setzte eine feinfühlige Beobachtungsgabe voraus.
So verging Sophias erster Arbeitstag wie im Fluge. Voll mit neuen Eindrücken packte sie um siebzehn Uhr ihre Sachen zusammen und bemerkte dabei, dass sie es nicht einmal geschafft hatte, das Croissant zu essen, das sie Kilian Grothe heute früh so frech vor der Nase weggeschnappt hatte.
Sie musste schmunzeln, als sie die Bäckertüte aus ihrem Rucksack nahm. Sie konnte sich ja den Scherz erlauben, und es Kilian Grothe vorbeibringen, der, wie sie im Lauf des Tages mitbekommen hatte, heute über Nacht Dienst schieben musste. Sie hätte es als eine Art Friedensangebot gemeint und es ihm ernsthaft gerne überlassen. Nur befürchtete sie, dass Kilian Grothe diesen Akt der Großzügigkeit als Provokation auslegen und damit ihr Verhältnis zueinander nicht besser machen würde. Also entschied sie sich, es bleiben zu lassen. Stattdessen nahm sie das Croissant aus der Tüte und biss beherzt hinein.
In dem Moment klopfte es an der Tür. Den Mund noch halbvoll rief sie »Herein!«, und verschluckte sich fast an ihrem Bissen, als Kilian Grothe plötzlich in der Tür stand.
Sein Blick fiel auf das Croissant in ihrer Hand. Für einen kurzen Moment meinte Sophia, den Ärger von heute früh wieder in seinen Augen aufblitzen zu sehen.
Schnell versuchte sie, ihren Bissen herunterzuschlucken, und wischte sich die Krümel aus den Mundwinkeln.
»Herr Grothe«, begrüßte sie ihn überrascht. Sie hielt nicht viel von Titeln, daher ließ sie den Doktor weg. Sollte er sich doch beschweren, wenn es ihm wichtig war, so angesprochen zu werden. »Gerade eben habe ich noch an Sie gedacht.«
Sophia biss sich innerlich auf die Zunge. Hatte sie das wirklich gesagt? Das konnte er doch nur als Provokation auslegen!
»Das kann ich mir vorstellen!«, kommentierte er ihre Begrüßung, ging aber nicht weiter darauf ein.
Kurz überlegte sie, ob sie ihm doch noch den Rest des Croissants anbieten sollte. Aber sie verkniff es sich und richtete sich auf, um im Falle einer weiteren Konfrontation gewappnet zu sein.
»Ich komme nur, um Ihnen die Akten unserer gemeinsamen Patienten zu bringen. Lesen Sie sie sich bis morgen Mittag durch. Danach werden wir wohl nicht umhin kommen, uns darüber auszutauschen.«
Mit diesen nüchternen Worten legte er ihr vier Akten auf den Schreibtisch und machte auf dem Absatz kehrt.
»Bis zur Friedenspfeife scheint es noch ein langer Weg zu sein«, schoss es Sophia durch den Kopf. Doch bevor sie etwas sagen konnte, war er auch schon wieder aus dem Raum verschwunden und hatte die Tür hinter sich geschlossen.
»Na, das kann ja eine tolle Zusammenarbeit werden«, murmelte sie, ehe sie ihren Rucksack schnappte und sich auf den Weg zum Bahnhof machte. Wenn sie sich beeilte, schaffte sie noch den Zug um 17:28 Uhr nach Lübeck.
Kapitel 3
Erschöpft warf Sophia ihren Rucksack auf den Sessel in ihrem kleinen Wohnzimmer und ließ sich auf das Sofa fallen. Seit sie die Klinik verlassen hatte, gingen ihr tausend Gedanken durch den Kopf. Ihr erster Tag war voller Eindrücke, die sie erst einmal verarbeiten musste. Sie ließ den Tag Revue passieren. Das Kennenlernen der Kollegen auf den Stationen war angenehm. Von allen wurde sie freundlich begrüßt und willkommen geheißen. Die kurzen Eindrücke, die sie von den Kollegen aus der Pflege bekommen hatte, waren positiv. Skepsis ihr gegenüber ging eher von den Psychologen und Ärzten aus.
»Aber auch nicht von allen«, relativierte sie ihre ersten Gedanken dazu. Die meisten waren offen und suchten das Gespräch mit ihr. Eigentlich, so resümierte sie, war nur die Morgenrunde mit Doktor Sommer und diesem Kilian Grothe echt schräg. Welche Bedrohung ging von ihr aus, dass die beiden so ablehnend auf sie reagierten? Ein anderer Grund fiel ihr jedenfalls nicht ein, weshalb sie so unter Beschuss gestanden hatte. Nun gut, die Vordrängel-Geschichte heute früh könnte noch ein Grund für diesen Grothe gewesen sein. »Aber mein Gott«, dachte Sophia genervt, »wer ist denn schon so empfindlich, dass er nicht irgendwann die Sache als vorbei und vergessen abhakt?« Eigentlich hatte sie sich doch bemüht, ihn trotz seiner spitzen Äußerungen ihr gegenüber gut aussehen zu lassen, als sie seine Kompetenzen bei der Fallbesprechung in den Vordergrund gestellt hatte. Womöglich war er zu nachtragend, um seinen Ärger beiseiteschieben zu können. »Auch hier ist ja jeder anders«, versuchte sie sich in einer Erklärung.
Ihr Blick fiel auf eine ihrer Zeichnungen im Regal. Sie zeigte das Porträt von Fabian, wie er in die Ferne schaute. Sie erinnerte sich noch genau, wann sie es gemacht hatte. Fabian und sie waren zusammen auf Pellworm gewesen und die Zeichnung war am Strand entstanden, ohne dass er es bemerkt hatte. Was er wohl zu ihren Erzählungen vom heutigen Tag gesagt hätte? Er hatte immer seine ganz eigenen Erklärungen für die Verhaltensweisen anderer, mit denen er meist auch richtig lag.
Sophia seufzte schwer. Sie vermisste ihn. Obwohl die Trennung nun schon über ein halbes Jahr her war, wurde der Schmerz nicht weniger. Immer noch dachte sie täglich an ihn und manchmal taten die Erinnerungen so weh, dass Sophia sich nicht vorstellen konnte, wie sie noch länger mit diesem Schmerz weiterleben sollte.
Die Türklingel riss sie aus ihren Gedanken. Mit einem Blick auf die Uhr sprang sie auf und drückte den Türsummer. Keine Minute später tauchte Anouk im Türrahmen auf.
»Hallöchen!«, pfiff ihre beste Freundin fröhlich und umarmte Sophia flüchtig. »Ich hab mir überlegt, dass wir noch auf einen Cocktail ins Ohana gehen könnten, um auf deinen ersten Arbeitstag anzustoßen. Was meinst du?«
Sophia dachte an Anouks WhatsApp, in der sie heute Mittag schon angekündigt hatte, dass sie abends vorbeikommen wollte, um alles über ihren ersten Tag in der Klinik zu erfahren. Sophia hatte bisher nur nicht die Zeit gefunden, ihr zu antworten.
Sie überlegte kurz. Eigentlich war sie ganz schön k. o. nach diesem Tag, doch bevor sie länger hier herumsaß und sich in sinnlosen Gedanken verlor, war Anouks Vorschlag definitiv die bessere Alternative.
»Ich bin dabei«, antwortete Sophia daher vergnügt und sprang auf. Schnell holte sie ihren Rucksack aus dem Wohnzimmer und fuhr sich vor dem Spiegel im Flur noch einmal kurz mit den Fingern durchs Haar. Mehr war heute Abend nicht drin.
Keine halbe Stunde später hatten sie im gut besuchten Ohana einen Tisch ergattert und ihren ersten Cocktail fast schon ausgetrunken.
»Darf es noch etwas sein?«, fragte die gutaussehende Bedienung nach und zwinkerte Sophia keck zu.
»Was genau hast du denn so im Angebot?«, flirtete Anouk zweideutig zurück.
Der junge Mann stemmte das Tablett in seine Hüfte. Dabei lehnte er sich leger gegen einen Mauervorsprung.
»Da gäbe es so einiges. Sex on the Beach, Orgasmus, French Kiss …«, zählte er kokett ein paar Cocktails auf und blieb doppeldeutig. Währenddessen schaute er unverfroren in Sophias Augen.
»Ich stehe eher auf Virgin Colada«, ließ sie ihn freundlich abblitzen und fiel in das mädchenhafte Gekicher von Anouk ein, nachdem der Schönling enttäuscht das Feld geräumt hatte.
»Na, dem hast du seine Vorstellung von einem netten Abend mit dir aber gründlich verhagelt!«, scherzte Anouk. »Dabei hättest du nur mit dem Finger schnippen brauchen, und du hättest eine lustvolle Nacht gehabt.«
Sophia schüttelte sich lachend. »Nein, danke. Wenn es der Barkeeper gewesen wäre«, dabei deutete sie mit dem Kopf in seine Richtung, »hätte ich es mir vielleicht überlegt, aber er hier mit seiner plumpen Art hat da keine Chancen. Da müsste er sich schon mehr anstrengen.«
»Du sollst ihn ja nicht gleich heiraten, es geht um ein bisschen Spaß.« Anouk zwinkerte ihr über den Tisch zu.
»Na ja, aber alle Prinzipien über Bord zu werfen, muss das ja auch nicht gleich bedeuten, oder?«
»Na gut, da hast du natürlich recht. Ist denn wenigstens auf der Arbeit ein nettes Schnuckelchen dabei?«, bohrte Anouk neugierig nach und nahm einen kräftigen Schluck von ihrem Cocktail.
»Was meinst du?«, stellte sich Sophia dumm.
Anouk verdrehte die Augen und seufzte. »Kein schnuckeliger Oberarzt, oder ein durchtrainierter Krankengymnast oder ein süßer Pfleger?«, versuchte sie es mit ein paar Beispielen.
»Darauf hab ich nicht geachtet.«
»Oh Mann, Sophia! Das gilt jetzt nicht. Dann überleg mal. War niemand dabei, der dir ins Auge gestochen ist? Was ist denn mit deinem direkten Kollegen? Du hast doch einen, hast du erzählt, oder?«
»Du meinst Sven? Nein, der ist überhaupt nicht mein Typ.« Sie schüttelte energisch den Kopf. »Er ist wirklich nett und ein ganz Lieber. Aber eher jemand, den du dir als Teddybär aufs Sofa setzt, um ihn zu drücken und zu knuddeln.«
Anouk lachte. »Ok, das klingt wirklich nicht nach Kommt in Frage! Und sonst?«
Sophia musste an Kilian Grothe denken. Wäre er nicht so verbohrt und starrsinnig, könnte er sogar ganz nett aussehen. Doch seine Verbissenheit ließ sein Gesicht angespannt und gestresst wirken. Seine Augen lagen in tiefen Höhlen und sein Blick war stets ausweichend und düster. Nein, er war wirklich nicht der Typ Traummann, resümierte sie.
Anouk grinste. »Ich sehe doch, dass du gerade jemanden im Sinn hast!«
Sie kannte Sophia zu gut, um ihr Zögern falsch interpretieren zu können.
»Ach, nicht wirklich«, tat Sophia Anouks Neugier ab. »Ich hatte kurz überlegt, ob der leitende Oberarzt vielleicht doch ganz nett und gutaussehend wäre, wenn er mal entspannt und nicht als beleidigte Leberwurst durch die Gegend laufen würde, aber den Gedanken habe ich schnell verworfen. Ich glaube nicht, dass er sein Gehabe je ablegen können wird.«
Als sie in Anouks fragende Augen schaute, fügte sie hinzu: »Na ja, er ist so der Typ Mr. Wichtig - ohne mich geht nix! und Ich bin der Beste und du kannst mir mal gar nichts!, verstehst du?«
Anouk seufzte mitfühlend. »Oh ja, ich verstehe sehr gut. Ach du Arme, und mit ihm musst du dich herumschlagen? Oder habt ihr keine Berührungspunkte?«
»Er ist die Stellvertretung des Chefarztes und«, sie machte eine kurze Pause, um die Aufmerksamkeit auf nachfolgende Aussage zu fokussieren, »wir haben vier gemeinsame Patienten.«
»Hey, sehr schön. Das wird ja dann richtig lustig werden.«
»Zum Lachen geht der alte Stiesel garantiert in den Keller. Ich hab es sogar mal mit freundlich versucht, aber auch das ist an ihm abgeprallt wie nichts Gutes.«
»Nein, sag bloß. Nicht einmal deinem Charme konnte er erliegen?« Anouks Augen weiteten sich überrascht, während sie mit gespieltem Entsetzen den Kopf schüttelte.
Sophia ignorierte Anouks Spöttelei. »Nein, keine Chance! Wäre auch Verschwendung, hier nur das geringste Fitzelchen davon zu versprühen.« Sophia stocherte aufgebracht mit dem Strohhalm in ihrem Cocktail. »So ein verhärmter Zeitgenosse. Der hat so einen Stock im Arsch, dass Pinocchios Lügennase ein Stummelchen dagegen ist!«
Anouk schmunzelte. Sie versuchte herauszufinden, was hinter dem unnachlässigen Gestichel ihrer Freundin steckte.
»Was?«, blaffte Sophia sie an, als sie aufschaute und Anouks Grinsen sah.
»Ach, ich wundere mich nur, was du mit ihm hast. Dafür, dass er so doof ist, beschäftigst du dich ganz schön ausgiebig damit, ihn mit sämtlichen Begrifflichkeiten zu titulieren, die ihn schlecht aussehen lassen.«
Sophia ließ von ihrem Strohhalm ab und seufzte genervt.
»Es war nicht meine erste Begegnung mit ihm in der Klinik«, offenbarte sie den Teil der Geschichte, den sie ganz bewusst ausgelassen hatte. »Ja, guck nicht so perplex. Ich hatte heute früh schon vor der Arbeit das Vergnügen mit ihm. Bei Etienne.«
»Bei Etienne?«, fragte Anouk überrascht. »Hast du deinen Milchkaffee über sein Jackett vergossen, oder was?« Sie lachte.
»So ähnlich«, murmelte Sophia.
»Oh, oh!«, fuchtelte ihre Freundin plötzlich wild mit ihren Händen vor Sophias Gesicht. »Ich weiß, ich weiß! Du hast dich mal wieder an allen vorbeigedrängelt und bist deshalb mit ihm aneinander gerasselt?«
Sie schaute erwartungsvoll in Sophias Augen. Als sie keinen Widerspruch bekam, quiekte sie vor Begeisterung. »Yes, ich hab’s gewusst!«
»Was hast du gewusst?«, hakte Sophia genervt nach.
»Dass ich recht habe. Endlich mal jemand, der sich dir in den Weg stellt. Ich weiß gar nicht, was du hast. Das sollte dir eigentlich gefallen. Anders als alle anderen Schlappschwänze, die du mit deiner selbstbewussten Art überrollst, hat er zumindest Traute und lässt sich nicht so schnell von dir einschüchtern«, ereiferte sie sich.
»Darum geht es doch gar nicht. Seine nachtragende Art ist es, die echt anstrengend ist. Meine Güte, irgendwann muss doch mal gut sein und man hakt die Sache als gewesen ab!«
»Na ja, kommt ja auch ein bisschen darauf an, wie dreist du bei der Aktion warst und was du ihm alles an den Kopf geworfen hast. Ich weiß, wie du sein kannst, wenn du dich im Recht fühlst, obwohl du genau weißt, dass du es nicht bist«, konterte Anouk.
»Ach, es war harmlos. Er war einfach absolut spießig und konnte keine Ruhe geben«, tat Sophia ihr Verhalten ab.
»Und du?«
Sophia stieß einen Grummelton aus. »Ich sag dir, so wie er mir heute auch noch am Ende des Tages unsere erste Begegnung nachgetragen hat, wird die Zusammenarbeit eine reine Katastrophe werden.«
»Sagen wir mal so: ihr hattet einen ungünstigen Start. Aber wer weiß, vielleicht werdet ihr noch dicke Freunde«, neckte Anouk sie.
»Tzzz, mir würde es absolut reichen, wenn wir einfach nur vernünftig miteinander arbeiten könnten.«
Damit lehnte sich Sophia zurück und nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas.
Anouk musterte ihre Freundin nachdenklich. Sie wusste, dass Sophia keine leichte Zeit hinter sich hatte. Nach der Trennung von Fabian war sie in ein tiefes Loch gefallen, hatte sich zurückgezogen und lange in ihrem Schneckenhaus vergraben. Nach außen hatte sie ihren Schmerz nur wenigen Menschen gezeigt. Zwar gingen sie gemeinsam aus, hatten Spaß und ließen nichts anbrennen, doch oft schaute sie in die trüben Augen ihrer Freundin, die das Gegenteil von der Ausgelassenheit und dem Lachen ausdrückten, das sie gerade an den Tag legte. Häufig war Anouk in dieser Zeit bei Sophia vorbeigefahren und hatte die geröteten Augen bemerkt, die ihre Freundin so tapfer zu verbergen versuchte. Erst als sie die Zusage für die Stelle bekommen hatte, änderte sich das. Sophia legte ganz viel Hoffnung in den neuen beruflichen Lebensabschnitt, als wolle sie damit einen »Cut« machen und ihre Vergangenheit hinter sich lassen. Das Jobangebot in der Klinik war für sie ein Traum, der sich erfüllte. So konnte sie noch ein paar Erfahrungen sammeln, um später einmal eine eigene Praxis mit Kassenzulassung zu führen. Anouk freute sich, dass Sophia mit dem Neustart in der Klinik wieder nach vorne schauen konnte. Denn eine Zeit lang hatte sie Sorge gehabt, dass Sophia in ihrem Leid verharren würde.
»Nun gib euch noch eine Chance. Ein schlechter erster Eindruck bedeutet immer, dass der zweite nur besser werden kann.«
Damit prostete sie ihrer Freundin zu und trank den Rest ihres Cocktails aus. »Was meinst du, streichen wir die Segel? Ich muss morgen früh raus«, schob sie anschließend nach.
Sophia nickte. Sie war auch müde und wollte am nächsten Tag nicht mit zu verquollenen Augen auf der Arbeit erscheinen. Also bezahlten sie und verließen die Cocktailbar leicht beschwipst, aber fröhlich.
»Was ist mit dir? Nimmst du den Bus oder gehst du zu Fuß?«, fragte Anouk Sophia, deren Heimweg ins Wakenitzviertel fußläufig zu erreichen war, während sie selbst nach Marli mit dem Bus fahren musste.
»Ich werde zu Fuß gehen, um morgen nicht mit einem Kater aufzuwachen. Die frische Luft wird mir guttun.«
So umarmten sich die beiden zum Abschied, und während Anouk zur Bushaltestelle Wahmstraße lief, machte sich Sophia in die andere Richtung auf den Weg. Die Nacht war warm, der Himmel sternenklar. Der Sommer wollte sich Anfang Juni offenbar schon einmal ins Gedächtnis rufen. Sophia beschloss, ein wenig durch die Altstadtgassen zu laufen und die herrlich frische Luft zu genießen. »Was für ein Tag!«, dachte sie mit einem Lächeln. »Der erste Tag in meinem neuen Leben!« Sie ließ die letzten Monate in Gedanken Revue passieren, die in ihrer Erinnerung eher schwer und wehmütig nachklangen. Die Trennung von Fabian hatte ihr zugesetzt. Sie war immer noch nicht ganz über ihn hinweg.
Was hieß dieser Ausspruch überhaupt? Über jemanden hinweg sein! Wollte sie denn je über ihn hinweg sein? Das würde bedeuten, die Zeit und ihn zurückzulassen. Hinweggehen, hinwegfliegen … Sie versuchte zu ergründen, warum dieser Ausspruch so viel Widerstand in ihr erzeugte. Die Beziehung mit Fabian war schön, sie war vor allem intensiv. Zumindest für sie. Vor ihm hatte sie sich noch nie auf einen Menschen emotional so sehr eingelassen. Sie liebte ihn aus tiefstem Herzen. Ohne Netz und doppelten Boden. Sie hatte geglaubt, mit ihm bis ans Ende ihres Lebens zusammen zu bleiben. Sie hatten Pläne geschmiedet, ja, einen gemeinsamen Lebensplan entworfen und darauf hingearbeitet. Doch offenbar waren sie irgendwann auseinandergedriftet. Bis heute suchte sie den Zeitpunkt, das Initialereignis, das dem Scheitern der Beziehung zugrunde lag. Vielleicht liebte sie einfach mehr als er. Vielleicht war die Beziehung für sie emotional unumstößlicher als für ihn. Vielleicht hatte sich jeder für sich so verändert, ohne dass sie es voneinander mitbekommen hatten. Sicherlich war es so. Und sie hatten es versäumt, den anderen in ihrer jeweiligen Entwicklung mitzunehmen. Konnte das sein? Sie überlegte. Mit Veränderungen tut sich jeder Mensch schwer. Und wenn sie ihre Beziehung zu statisch betrachtet hatte, dann hätte sie sich den Blick für seine Veränderungen verbaut. Möglicherweise hatte er sogar versucht, sie an seiner Veränderung teilhaben zu lassen, doch sie hatte es einfach nicht bemerkt oder sehen wollen. Sondern festhalten wollen an dem, was so gut funktionierte und sich so gut anfühlte. Wäre es anders gekommen, wenn sie offener und aufmerksamer gewesen wäre?
Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.
Vielleicht wollte er sich ja in eine Richtung verändern, in der sie keinen Platz mehr haben sollte. Was alles so harmlos angefangen hatte, endete jedenfalls in der größten Verletzung ihres Lebens.
Hundegebell holte sie aus ihren Gedanken. Ohne es gemerkt zu haben, war sie vom Weg nach Hause abgekommen und stand vor dem Haus, in dem Fabian wohnte. Es war eines der kleinen Häuser an der Wakenitzmauer. Hinter den Vorhängen brannte noch Licht und Sophia konnte die Umrisse einer Person erkennen, die sich im Raum bewegte. Ihr Herz stolperte vor Schreck, als sie realisierte, dass sie automatisch den Weg zu ihm gegangen war, während sie an ihn und ihre gemeinsame Zeit gedacht hatte. Plötzlich ganz wach und aus ihren Gedanken herausgeholt, machte sie kehrt. Sie wollte nach Hause, sich ins Bett kuscheln und schlafen. »Heute ist der erste Tag in meinem neuen Leben!«, machte sie sich selbst noch einmal Mut. Und diesen wollte sie sich nicht von einem alten, tiefsitzenden Schmerz nehmen lassen.
Kapitel 4
»Na, wie geht es meiner neuen Kollegin?«
Sven steckte seinen Kopf in Sophias Büro und zwinkerte ihr freundlich zu.
Sophia legte die Patientenakte, die sie gerade las, auf den Schreibtisch zurück.
»Komm doch rein und setz dich einen Augenblick. Oder hast du gleich schon deinen nächsten Termin?«, forderte sie ihn auf und zeigte mit der Hand auf einen der Therapiestühle, auf denen ihre Patienten normalerweise saßen. Sven nahm das Angebot dankend an und schlüpfte in Sophias Büro.
»Und? Schon eingearbeitet?« Damit deutete er mit dem Kopf auf die Akten, die sich auf Sophias Schreibtisch türmten. Mittlerweile war Sophia seit zwei Monaten da und bekam langsam Routine in ihren Abläufen.
Sie verdrehte die Augen und machte einen gequälten Gesichtsausdruck.
»Sag, wie hältst du das aus, wenn du den ganzen Schrott hier liest?«, fragte sie ihn unvermittelt, während sie eine der Akten kurz hochhob und wieder fallen ließ.
»Was meinst du?« Sven bediente sich aus der Schale mit den Bonbons, die Sophia auf ihrem Tisch stehen hatte.
»Wenn du die Berichte alle liest«, spezifizierte Sophia ihre vorherigen Worte vage, ohne eine weitere Erklärung abzugeben. Für sie lag es auf der Hand, was sie meinte.
Sven knüllte das Papier zusammen und steckte das Bonbon in den Mund. Dabei zuckte er mit den Schultern.
»Ich weiß nicht, was du meinst!«, schob er lasch hinterher.
Sophia seufzte. »Ich lese gerade den Therapieverlauf von dieser Patientin. Beate Schneider«, erklärte Sophia mit kurzem Blick auf die Akte. »Und ich verstehe nicht, was die werte Kollegin Schadenheidt gemacht hat. Sie hat an Themen gearbeitet, die die Patientin aus meiner Sicht gar nicht in Auftrag gegeben hat. Und Dinge in ihr Anliegen hineininterpretiert, die hanebüchen sind. Völlig an den Haaren herbeigezogen.«
Sophia war richtig aufgebracht. Hilfesuchend schaute sie Sven an, in der Hoffnung, dass er ihr eine Erklärung liefern konnte.
»Willkommen in unserer Welt. Hier treffen eben verschiedenen Wirklichkeiten aufeinander.«
»Dich scheint das ja gar nicht zu stören«, bemerkte Sophia entgeistert. »Dagegen müssen wir doch etwas unternehmen. Ich lese weder aus dem Anamnesegespräch, noch aus den Therapiesitzungen heraus, dass Zusammenhänge, Regelhaftigkeiten oder Ausnahmen des Angstverhaltens der Patientin abgefragt wurden. Stattdessen wurde mit ihr an der symbiotischen Beziehung zu ihrer Mutter gearbeitet. Aus welchem Grund?«
Wieder zuckte Sven mit den Schultern. »Reg dich nicht auf. Deshalb gibt es ja uns. Um eine neue und für unsere Kollegen noch unbekannte Nuance in die bisher vorherrschende Denke zu bringen. Das geht nur nicht so schnell.«
Sophia seufzte.
»Na ja, und die Schadenheidt ist ohnehin etwas schwierig.«
»Schwierig?«, hakte Sophia nach.
»Sagen wir mal so. Sie ist sehr von sich und dem, was sie tut, überzeugt«, relativierte Sven seinen unüberlegten Vorstoß.
»Ich werde trotzdem mit ihr reden. So geht das nicht. Ich hatte in der letzten Gruppentherapiesitzung mit Frau Schneider nicht den Eindruck, als ginge es hier um die Aufarbeitung einer Mutter-Tochter-Symbiose!«, resümierte Sophia entschieden.
Sven warf ihr einen mitleidigen Blick zu. »Ich würde mir an deiner Stelle nicht allzu viele Hoffnungen machen, dass du mit deinem Vorhaben Erfolg hast. Bei der Schadenheidt wirst du dir die Zähne ausbeißen.«
»Das werden wir ja sehen«, entgegnete Sophia kampfeslustig. »Ich habe nachher einen Termin mit ihr.«
»Du hast was?«
»Ja, ich habe einen Termin mit ihr«, wiederholte Sophia ihren letzten Satz. »Meinst du, ich lasse einen derart undifferenzierten Bericht einfach so stehen? Schließlich sind wir Kolleginnen und dazu da, uns gegenseitig auf mögliche blinde Flecken oder Fehlpfade aufmerksam zu machen.«
Sven grinste. »Bei dem Gespräch wär ich ja nur zu gerne Mäuschen.«
Sophia zuckte mit den Schultern. Ihr hatte es noch nie etwas ausgemacht, mit Leuten in die fachliche Auseinandersetzung zu gehen. Sie war da zäh, und wenn es darum ging, sich für eine gute Sache einzusetzen, auch unermüdlich.
»Du kannst gerne bleiben, sie müsste jeden Moment kommen«, lud sie Sven ein. Doch der winkte ab.
»Nein, danke. Es reicht aus, wenn du mir nachher alles erzählst.«
Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, klopfte es an Sophias Bürotür. Sven stand auf und zeigte ihr nochmal zwei Daumen nach oben. Nur wenig später trat Elke Schadenheidt in Sophias Büro. Mit einer kurzen Verabschiedung verließ Sven den Raum und schloss die Tür hinter sich. Wenn sich Sophia mal nicht die Zähne an der werten Kollegin ausbiss.
***
Seit einer Viertelstunde diskutierte Sophia bereits mit Elke Schadenheidt, doch die Frau war noch verbohrter, als sie befürchtet hatte. Sie machte nicht einmal Anstalten, Sophias Eindrücke und Hypothesen anzuhören. Stattdessen beharrte sie auf ihrer Meinung und dem Festhalten an ihrem Therapieziel.
»Frau Schneiders Panikattacken kommen immer dann, wenn sie Entscheidungen treffen muss, die ein tiefes Wissen in ihr auslösen, dass sie sich mit einer ehrlichen Positionierung gegen den Wunsch und den Willen ihrer Familie stellt. Gleichzeitig hat sie nie gelernt, dass sie auch mal ›nein‹ sagen darf«, versuchte Sophia ein weiteres Mal, ihre Sichtweise auf das Verhalten der Patientin anzubringen.
»Nun, damit stimmen Sie mir also zu, dass die symbiotische Beziehung zu ihrer Mutter Frau Schneider daran hindert, sich für sich selbst starkzumachen?«, erwiderte Elke Schadenheidt spitzfindig.
»Ich verstehe nicht, welche Rolle die Mutter unmittelbar dabei spielen soll. Mir gegenüber hat Frau Schneider nichts dergleichen erwähnt. Ich glaube vielmehr, dass die Panikattacken Ausdruck dieses eben von mir beschriebenen inneren Dilemmas sind. Es ist ihr Ausweg daraus, ihr ureigener Lösungsversuch, dieses Dilemma aufzulösen. Denn durch die Panikattacken muss sie nichts entscheiden. Es wird auch nichts entschieden, weil sie in dem Moment mit ihrer Not im Mittelpunkt steht und alles andere Drumherum in den Hintergrund rückt.«
»Frau Jakobsen, wir drehen uns im Kreis, merken Sie das nicht selber?«, entfuhr es Elke Schadenheidt genervt. »Wenn wir das symbiotische Beziehungsgeflecht zu ihrer Mutter auflösen, ist auch Frau Schneiders, wie Sie es nennen, inneres Dilemma fort und hinweg.« Bei den letzten Worten machte Elke Schadenheidt eine angedeutete Fliegergeste und unterlegte sie mit einem zynischen Lächeln.
»Wäre es nicht viel sinnvoller, liebe Frau Schadenheidt, wenn wir ein einheitliches Vorgehen hinbekämen, anstatt gegeneinander zu arbeiten?«, versuchte Sophia es mit einem Appell an die Vernunft.
»Das ist für mich überhaupt kein Problem, Frau Jakobsen. Folgen Sie einfach meinem Therapieziel und wir sind uns ganz schnell einig.«
»Da muss ich Sie enttäuschen. Schlechter Diagnostik und falschen Diagnosen bin ich noch nie gefolgt. Und für starrsinniges Verhalten habe ich auch nichts über!« Sophia sagte die Worte ohne Zorn und Wut und lehnte sich dabei entspannt in ihren Schreibtischstuhl zurück.
»Ach, Sie wollen damit andeuten, dass ich eine schlechte Therapeutin bin?«, fragte Elke Schadenheidt provokativ nach.
Sophia zuckte mit den Schultern. »Das kann ich in Gänze nicht beurteilen. Wenn ich lediglich diesen Fall für eine Bewertung heranziehen müsste, wäre ich zumindest skeptisch«, antwortete Sophia ehrlich.
»Sie nehmen sich ganz schön was heraus, gute Frau. Sie glauben wohl auch, dass nur Ihr Ansatz der einzig richtige ist. Und dabei selbst keine Ahnung von tiefenpsychologischen Grundlagen haben, die sich seit Jahrzehnten bewährt haben!«, echauffierte sich Elke Schadenheidt.
»Na gut, dann frage ich einmal andersherum. So verbissen, wie Sie an Ihrer These festhalten, welche Übertragung und Gegenübertragung findet denn in diesem Fall bei Ihnen statt? Haben Sie sich das vielleicht schon einmal gefragt?«
»Also, ich glaube, jetzt reicht es!«, schnaufte Elke Schadenheidt wütend. »Wenn Sie mich provozieren wollen, müssen Sie schon früher aufstehen!«
»Wieso? Was habe ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht? Sie sagten doch selbst, dass sich der tiefenpsychologische Ansatz seit Jahrzehnten bewährt hat. Und nun lass ich mich schon mal darauf ein, ist es auch wieder falsch. Ich verstehe Sie nicht, Frau Schadenheidt.« So langsam lief Sophia in Hochform auf. »Ich habe in meinem Seminar über tiefenpsychologische Grundlagen gelernt, dass man als Therapeut immer reflektieren soll, welche Projektionen sowie Übertragungen und Gegenübertragungen stattfinden. Ganz besonders dann, wenn man selbst merkt, dass man verbissen nur noch einem Pfad folgt, statt offen zu sein für andere Möglichkeiten. Ist das falsch?«
Elke Schadenheidt atmete sichtlich durch und rang nach Fassung. Doch Sophia hielt ihrem Blick unerbittlich stand. Sie wusste, dass sie sich auf dünnem Eis bewegte, denn wirklich auskennen tat sie sich in der Tiefenpsychologie nicht. Nur würde sie sich vor dieser blasierten Kollegin diese Blöße nicht geben.
»Wenn Sie mit meinen Therapiemethoden nicht einverstanden sind, können Sie sich gerne bei Doktor Grothe beschweren. Ich möchte sehen, wem er mehr Expertise zuspricht«, sagte die Kollegin schließlich bemüht ruhig.
»Ich kritisiere keineswegs Ihre Therapiemethoden, Frau Schadenheidt, sondern lediglich die Zielstellung, an der Sie mit Frau Schneider arbeiten. Ihre methodische Fachlichkeit zweifle ich grundsätzlich gar nicht an«, korrigierte Sophia sie, doch Elke Schadenheidt war bereits aufgestanden und zeigte keinerlei Anstalten, sich noch weiter auf ein Gespräch mit Sophia einzulassen. Als sie wütend die Tür aufstieß, schlug sie diese beinahe Sven vor den Kopf, der mit einer Kollegin auf dem Flur stand und gelauscht hatte. Doch Elke Schadenheidt war zu aufgebracht, um die beiden überhaupt zu bemerken.
»Na ihr zwei, wollt ihr nicht hereinkommen?«, forderte Sophia Sven und die Kollegin auf, die Sophia nur vom Sehen kannte. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass die beiden draußen standen.
Vorsichtig steckte Sven den Kopf durch die Tür. »Wow, du siehst tatsächlich noch ganz heile aus. Keine Kratzwunden, keine Bissspuren, sogar kein blaues Auge …! Respekt!«, scherzte er augenzwinkernd.
Sophia grinste, während sie sich auf ihrem Schreibtischstuhl hin und her drehte.
»Kennst du schon Alina?«, fragte Sven sie, als er mit der Kollegin den Raum betrat.
Sophia schüttelte den Kopf. »Nein, ich glaube, wir sind uns bisher noch nicht näher begegnet, oder?«
»In der Tat nicht. Das stimmt«, bestätigte die junge Frau und streckte ihr die Hand hin. »Hallo, ich bin Alina, Psychologin und ebenfalls Leidende unter Ekel-Elke.«
»Freut mich, dich kennenzulernen. Wollt ihr euch nicht setzen? Ich kann euch Wasser anbieten.« Und damit hielt sie eine volle Flasche hoch, um ihre Einladung zu untermauern. Während sich Sven und Alina setzten, holte Sophia aus dem kleinen Regal neben ihrer Sitzecke zwei Gläser.
»Nun erzähl schon. Wie ist das Gespräch gelaufen?«, drängelte Sven. Ihm war anzusehen, dass er vor Neugier fast platzte.
»Jetzt hör aber auf. Ich muss euch nichts erzählen, ihr habt es doch Wort für Wort mitbekommen«, enttarnte sie die beiden, denn im Gegensatz zu Elke Schadenheidt war ihr nicht entgangen, dass Sven und Alina gelauscht hatten.
Alina wurde rot, während Sven sich gelassen zurücklehnte.
»Na ja, ihr ward ja auch nicht zu überhören!«, wies Sven jede Schuld von sich.
»Ich weiß ja nicht«, begann Sophia und richtete ihre Worte an Alina, »aber wie ist Frau Schadenheidt sonst so? Möglicherweise tue ich ihr ja komplett unrecht und sie kann in Bezug auf diese Patientin nur gerade keinen fachlichen Diskurs zulassen.«
Alina winkte ab. »Elke ist wirklich eine gute Analytikerin und Therapeutin. Doch sie duldet keinen Widerspruch, wenn es um ihre Einschätzung und Diagnostik geht. In der Hinsicht ist sie etwas … anstrengend«, versuchte Alina diplomatisch zu bleiben.
»Oh ja, das kann ich bestätigen!«, seufzte Sophia. »Vielleicht liege ich ja auch völlig falsch mit meiner Sichtweise, das mag ich gar nicht abstreiten. Ich hasse es nur, wenn sie kategorisch abgelehnt wird und nicht einmal ansatzweise die Bereitschaft da ist, sich meine Einschätzung anzuhören.«
»Mach dir keine Gedanken, dass du falsch liegen könntest. Darauf spekuliert Elke nur, den anderen mit ihrer Art zu verunsichern und dann mit ihrem Verhalten durchzukommen«, warf Sven ein.
»Uns geht es allen so, dass wir öfters anderer Meinung sind als Elke. Doch keiner legt sich mit ihr an.«
»Wieso nicht?«, fragte Sophia verwundert. Es konnte doch nicht wirklich Alinas Ernst sein, dass alle Kollegen Elke Schadenheidts Verhalten so widerstandslos hinnahmen.
»Weil es keinen Zweck hat. Es ist vergebene Liebesmüh«, antwortete Alina.
Doch damit wollte sich Sophia nicht zufriedengeben. »Ich verstehe es immer noch nicht. Wieso machen das alle?«
»Man munkelt, dass die Schadenheidt was mit dem Sommer hat«, platzte es aus Sven heraus, der keine Lust mehr hatte, lange um den heißen Brei zu reden. »Und vor dem haben alle Respekt, weil er durch sein Ansehen in der Psycho-Szene über deine Karriere entscheiden kann.«
Sophia zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts. Ihr war es unbegreiflich, weshalb man sich von so etwas einschüchtern ließ. Doch sie wusste auch, dass ihr Temperament öfters mal mit ihr durchging und dadurch das eine oder andere Gespräch in der Vergangenheit schon mal eskaliert ist. Dennoch war es ihr lieber, sich gegen Ungerechtigkeiten einzusetzen, als nichts zu sagen. Das konnte sie einfach nicht.
»Ich finde es toll, dass du Elke etwas entgegengesetzt hast. Es wurde Zeit, dass ihr mal jemand Einhalt gebietet. Ich glaube, wenn einer den Anfang macht, dann ziehen sicherlich auch andere nach. Es hat sich nur bisher niemand getraut«, überlegte Alina.
Sophia zuckte mit den Schultern. »Na ja, viel gebracht hat es nicht. Die Frau ist stur wie ein Dutzend Ochsen!«, antwortete Sophia resigniert. Sie hatte sich in der Tat mehr von dem Gespräch erhofft, stattdessen hatte sie mit Elke Schadenheidt über Fachlichkeit und persönliche Eignung gestritten. Das war normalerweise nicht ihre Art.
»Nimm es nicht so schwer, wer weiß, was du hinter der knurrigen Fassade angeregt hast«, versuchte Sven sie zu trösten.
»Und wichtig ist doch, dass wir endlich anfangen, den gefürchteten Supertherapeuten zu widersprechen. Jeder wünscht es sich, aber niemand macht es!«, ergänzte Alina.
Sophia wollte gerade antworten, als ihr Telefon klingelte.
»Sophia Jakobsen«, nahm sie das Gespräch entgegen.
»Grothe. Ich möchte Sie umgehend in mein Büro bitten, Frau Jakobsen«, antwortete eine scharfe Stimme aus dem Hörer.
Sophia setzte sich aufrecht hin. Ärger kam in ihr hoch. Was fiel diesem Kerl ein, sie so forsch zu sich zu zitieren, ohne auch nur einmal nachzufragen, ob es überhaupt terminlich passte!
»Guten Tag Herr Grothe. Nein, Sie stören nicht, Herr Grothe. Ob ich gerade Zeit habe und kurz zu Ihnen kommen kann, Herr Grothe?«, führte sie ihn absichtlich vor, und schluckte damit ihren Ärger runter.
Sven kicherte leise, während Alina erschrocken das Szenario beobachtete. Sie fürchtete ein Donnerwetter, denn Kilian Grothe war bekannt dafür, dass er schnell cholerisch werden konnte.
