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Sarah Johannsen ist verzweifelt. Seit einem tragischen Ereignis vor dreieinhalb Jahren hat sie sich komplett von der Außenwelt abgekapselt. Ihr einziger Kontakt und Halt ist der E-Mail-Austausch mit ihrer besten Freundin. Als sie zur Aufarbeitung des Erlebten in die psychosomatische Klinik kommt, trifft sie auf den jungen, engagierten Arzt und Psychotherapeuten Alexander Bodorf. Trotz seiner beruflichen Erfahrungen findet er nur schwer Zugang zu seiner neuen Patientin und wird von ihr vor eine Herausforderung gestellt. Er muss hinter seinen Mauern aus Professionalität und Unnahbarkeit hervorkommen und sich den Dämonen seiner Vergangenheit stellen. Im therapeutischen Kontakt finden beide aus ihrer inneren Isolation heraus. Doch dabei gerät Alexander Bodorfs Leben ins Wanken.
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Seitenzahl: 367
Veröffentlichungsjahr: 2016
Toni Field
DUNKELBUNTundAPFELGRÜN
Toni Field
Ein Roman
Copyright © 2016 Toni Field, Schleswig-HolsteinUmschlaggestaltung: Toni Field / Michael Pries Satz und Layout: Michael Pries
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-7345-3896-4 (Paperback)ISBN: 978-3-7345-3897-1 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für zwei wichtigeMenschen in meinem Leben!
Die Handlung und die Personen dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu existenten Personen oder stattgefundenen Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
„Nie wieder!“, sagt der Verstand.„Jederzeit!“, sagt die Sehnsucht.„Unmöglich!“, sagt die Tatsache.„Versuch es!“, flüstert der Traum.
(unbekannt)
Alex wusste nicht, wie lang er schon durch die Straßen lief. Er hatte die Jacke fest um sich geschlungen. Um diese Jahreszeit war es kalt an der Küste. Der eisige Ostwind nutzte jede Gelegenheit, um sich wie ein brennendes Schild auf seine Haut zu legen und Stück für Stück den ganzen Körper mit seiner Kälte zu erobern. Eine Möwe flog direkt an seinem Kopf vorbei und setzte sich auf die Rundung des Laternenpfahls vor ihm. Sie plusterte sich auf und zog ihren Kopf ein. »Auch ihr ist das Wetter eindeutig zu kalt«, dachte Alex. In der Ferne hörte er das Hupen eines großen Fährschiffes. Der Strand lag nur eine Straßenbiegung weit entfernt. Wie jedes Mal überwältigte ihn der Anblick des Meeres, als er sie erreichte. Die Spiegelung des Vollmondes verwandelte das Meer in einen Teppich aus tanzenden Lichtpunkten. Alex ging auf das Wasser zu und zog dabei seine Jacke noch fester um sich. Die kühle Luft machte seinen Kopf frei. Er wusste nicht, was in letzter Zeit mit ihm los war.
»Endlich wieder einmal weinen können...!« Das waren seine Gedanken. Und tatsächlich wünschte er sich nichts sehnlicher, als das. Das Bild, auf seine Seele warten zu müssen, währenddessen er weiter und weiter rannte, spielte sich immer mehr in den Vordergrund. Doch wann und wo warten? Tat er nicht genug für seine Seele, damit diese sich regenerieren konnte? Es war jetzt fast sechs Jahre her, als sich sein Leben von einem Tag auf den anderen komplett veränderte. Manchmal kam es ihm vor, wie gestern, manchmal, wie Jahrzehnte. Zum Nachdenken hatte er seitdem wenig Zeit gehabt. Wozu auch, was sollte das bringen? Alles in allem war er glücklich mit sich und seinem Leben. Seine Angst, ob er wohl alles richtig machte, war sicherlich normal und jeder in derselben Situation würde sich diese Frage stellen. Davon war er überzeugt.
Er atmete tief ein und sog die kühle Luft in sich auf. Am Horizont war ganz klein ein Containerschiff erkennbar, das langsam seinen Weg von der rechten zur linken Seite des Meeresendes beschritt. Sein Blick glitt über den Strand. Etwas weiter rechts sah er eine junge Frau direkt am Wasser stehen. Ihren Mantel hatte sie eng um sich geschlungen und sie blickte aufs weite Meer hinaus. Ihr langes Haar wehte im Wind und bei dem letzten Licht des Tages, bevor sich das Meer ins dunkle Schwarz der Nacht hineinschmiegte, wirkte sie fast wie ein Gespenst. Ein kurzer Moment der Hoffnung keimte in Alex auf, dass diese Frau jene sein könnte, auf deren Rückkehr er seit fünfeinhalb Jahren vergeblich wartete. Doch sie erlosch schnell wieder, als er sich bewusst machte, dass das nicht sein konnte.
Er fühlte sich matt und müde, die Last der Erinnerung drückte schwer auf sein Gemüt und er hatte das Gefühl, keinen Schritt weiter gehen zu können. Er hing noch ein wenig seinen Gedanken nach, als ihn das kalte Wasser an seinen Füßen zurück in die Gegenwart holte. Er hatte gar nicht bemerkt, dass die Wellen seine Schuhe umspülten. Langsam schritt er zurück zur Straße und machte sich auf den Heimweg. Die Möwe saß noch immer auf dem Laternenpfahl und bemühte sich, den Windböen standzuhalten, die immer wieder versuchten, sie aus ihrem Gleichgewicht zu bringen. Sie trotzte dieser Absicht hartnäckig, bereit, sich auf diesen Kampf mit dem Wind einzulassen und ihn zu gewinnen.
Alex eilte an ihr vorbei. Er wollte heim und sich ein heißes Bad einlassen. Vielleicht würde das helfen, die schwere Last der Erinnerungen zu vertreiben, die ihn heute wieder besonders stark im Griff hatten.
✦
Ein dreiviertel Jahr später
„Wir sehen uns dann übermorgen wieder. Um neun Uhr fünfundvierzig.“
Alex notierte den Termin auf ein Post-it und überreichte ihn Sarah Johannsen.
„Okay”, antwortete sie zaghaft. Sie nahm den Zettel an sich und verließ den Raum. Alex schaute ihr nach. Er ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen und ging seine Notizen von dieser Sitzung durch. Er seufzte. Seit zwei Wochen war sie nun seine Patientin in der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Bislang hatte er noch keinen Zugang zu ihr gefunden und es nicht geschafft sie aus ihrer Verschlossenheit herauszuholen. Sie wirkte in ihrem Verhalten sehr kontrolliert und Alex hatte das Gefühl, dass sie ständig auf der Hut war, um nicht aufzufallen oder etwas Falsches zu sagen. Er konnte ihr Verhalten noch nicht deuten. Abermals blätterte er in ihrer Akte. Schwere Traumatisierung – viel mehr hatte der einweisende Hausarzt nicht geschrieben. „Was ist dir nur widerfahren, an das du dich nicht erinnern magst, geschweige denn, es aussprechen kannst?“, murmelte Alex vor sich her, als es an der Tür klopfte und Hanna eintrat.
„Hey, Herr Kollege! Wie schaut’s aus? Mittagessen?“ Sie lehnte sich in den Türrahmen.
„Ich glaube, heute nicht”, sagte er müde und klappte Sarah Johannsens Akte zu. Hanna ging zu ihm, stellte sich hinter ihn und massierte seinen Nacken. „Was ist los?“, fragte sie ihn sanft. „Sitzung mit Sarah Johannsen? Ich hab sie gerade herauskommen sehen.“
Alex entspannte sich und genoss den sanften Druck, den Hannas Berührungen an seinem verspannten Nacken auslösten. Er und Hanna kannten sich seit fünfzehn Jahren, noch aus Studienzeiten. Sie studierte Psychologie, er Medizin. Er besuchte damals die Vorlesung »Klinische Störungsbilder« am Psychologielehrstuhl, um einmal eine andere Sichtweise auf die Vorgänge der menschlichen Psyche zu bekommen, als nur die rein medizinisch-psychiatrische aus seinem Studiengang. Dort saß sie neben ihm, quirlig, lebensfreudig, mit zerzausten Haaren und offenem Blick. Das ganze Gegenteil von ihm damals. Zwar war er auch ein lebenslustiger Mensch, der keine Probleme hatte, neue Kontakte zu knüpfen, doch er war eher ruhiger und introvertierter. Während Hanna gerne andere Menschen um sich hatte und des Diskutierens nicht müde wurde, zog es Alex vor, entweder alleine oder mit einem Freund Trekkingtouren mit dem Mountainbike zu machen oder in den Bergen wandern zu gehen. So war es jedenfalls nicht verwunderlich, dass Hanna ihn schon in der ersten halben Stunde der Vorlesung so sehr in ein Gespräch verwickelt hatte, dass der Dozent beide mehrfach ermahnen musste, nicht weiter zu stören. Also beschlossen sie, ihre Unterhaltung im Anschluss an die Vorlesung bei einem Kaffee fortzusetzen. Alex war fasziniert von der Lebendigkeit und dem Engagement, mit dem Hanna ihre Meinung vertrat. Sie diskutierten damals so lange, bis sie von der Bedienung des Cafés höflich gebeten wurden, das Lokal zu verlassen, weil sie schließen wollten. Ihr Kaffeekränzchen, wie sie es liebevoll bezeichneten, wurde schnell zu einem festen Ritual. Alex schätzte an Hanna, dass sie ihr Herz auf der Zunge trug und sich nicht scheute, auch mal ehrlich und ohne Umschweife ihre Meinung zu sagen. Tacheles reden, nannte sie es. Nicht immer war das angenehm und häufig führte das zu heftigen Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen, insbesondere dann, wenn Hanna ihn wieder einmal wegen seiner Lebensweise heftig kritisierte. Doch lange konnten sie sich nie böse sein.
Damals trafen sie sich bald täglich und sei es nur zum gemeinsamen Mittagessen in der Mensa. Als sie in den Semesterferien zusammen nach Norwegen fuhren, kamen sie sich näher. Bestürzt mussten sie nach einer halbjährigen Beziehung feststellen, dass mehr als eine Freundschaft nicht möglich war. Sie waren zu verschieden und die Unterschiedlichkeiten, die ihre Freundschaft so sehr bereicherten, wurden ihnen in der Beziehung zum Verhängnis. Es kostete etwas Anstrengung und Kraft, ihre Freundschaft über die Trennung hinaus zu erhalten, doch sie merkten bald, wie wichtig sie sich waren und dass ihr Fundament der Freundschaft stark und stabil war. Hanna war bis heute Alex engste Vertraute und er wollte sie in seinem Leben nicht mehr missen.
Nach dem Studium beschlossen sie, gemeinsam die Ausbildung zum Psychotherapeuten zu machen. Parallel dazu lernte Alex für seinen Facharzt für Allgemeinmedizin und arbeitete anschließend einige Jahre als ärztlicher Psychotherapeut in einer Psychiatrie. Hanna hingegen bekam schon während ihrer Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin einen Vertrag in dieser Klinik angeboten. Als im vorletzten Jahr eine Arztstelle frei wurde, ermutigte sie Alex, sich zu bewerben.
„Ja, Sarah Johannsen”, seufzte er und griff nach Hannas Händen. „Und ich komme keinen Schritt weiter.“
„Gib ihr Zeit. Sie braucht vielleicht noch ein bisschen! Sie ist gerade mal zwei Wochen hier”, besänftigte sie ihn.
„Ich weiß, Hanna. Aber ich finde nicht mal einen Ansatzpunkt. Ich habe nichts. Ich weiß nicht, ob sie gerade traurig ist, ob sie wütend ist, was in ihr vorgeht. Ich weiß einfach gar nichts.“
Hanna kam zu ihm herum und setzte sich auf seinen Schoß.
„Na, was wird denn da gerade in dir angesprochen, dass dich das so beschäftigt?“, fragte sie augenzwinkernd und kniff ihm in die Wange.
Alex lächelte sie an und es gelang ihm, seine Gedanken um Sarah Johannsen abzuschütteln.
„Meine liebe Frau Psychologin. Haben Sie nicht gerade Mittagspause oder irre ich mich da?“, fragte er keck zurück.
„Für Sie, Herr Doktor, unterbreche ich diese gerne ausnahmsweise, damit ich mich Ihrem Seelenleben widmen kann!“, erwiderte sie.
Alex seufzte bedeutungsschwer. „Und wenn ich nicht umgehend mit zum Mittagessen komme, fürchte ich, machst du diese Drohung sogar wahr, hm?“ Er verdrehte die Augen.
„Ganz richtig erkannt, Herr Doktor! Also?“ Sie schaute ihn erwartungsvoll an.
„Ich komm ja schon!“, stöhnte Alex und schob sie vom Schoss. Hanna grinste zufrieden, als er nach seiner Jacke griff. Gemeinsam verließen sie sein Büro und traten aus der Klinik heraus an die frische Luft.
Sie entschieden sich für die Fischerkate, ein kleines, aber gemütliches Restaurant direkt an der Strandpromenade, die nicht weit entfernt war. Seit einigen Wochen wurden dort drei verschiedene Mittagsmenüs angeboten. Hanna und Alex nutzten diese Alternative gerne, um dem Kantinenessen der Klinik wenigstens ein Mal in der Woche zu entfliehen. Auf dem Weg dorthin erzählte Hanna in ihrer für Alex vertrauten Lebendigkeit, was sie am Wochenende erlebt hatte.
„Und was ist mit dir? Wie war dein Wochenende?“, wollte sie wissen, als sie mit ihren Ausführungen am Ende war.
„Nicht besonders aufregend. Kim pubertiert fröhlich vor sich hin und war das ganze Wochenende bei einer Freundin. Ich selber bin noch ein paar Patientenakten durchgegangen und war am Samstagabend mal wieder mit Chris unterwegs!“
„Mit Chris?“ Hanna horchte auf. Chris war ein langjähriger Freund von Alex, ein Frauenheld sondergleichen. Er hatte es ein paar Mal bei ihr versucht, war jedoch jedes Mal abgeblitzt. „Habt ihr ein paar nette Mädels aufgerissen?“, fragte sie neugierig und knuffte ihn in die Seite. Alex grinste vielsagend.
„Na, was bedeutet dieses Lächeln, mein Lieber? Sieht sie gut aus?“ Hanna schaute ihn erwartungsvoll an.
„Ach, du kennst doch mein Beuteschema!“, zierte sich Alex ein wenig und versuchte damit, das Thema nicht weiter zu vertiefen. Er und Hanna hatten da sehr unterschiedliche Ansichten und er wollte keine Missstimmung erzeugen.
„Und? Endlich mal was Ernstes?“, ließ Hanna sich jedoch nicht so leicht abwimmeln.
Alex tat diese Bemerkung genervt ab.
„Nee, Hanna, noch immer kein Interesse. Ich hab genug um die Ohren.“
„Du weißt genauso gut wie ich, Alex, dass das nicht der Grund ist!“ Hanna rollte mit den Augen. „Wie lange willst du dich noch gegen eine neue Beziehung sperren? Du kannst dich nicht ewig hinter deinem Job oder deiner Rolle als alleinerziehender Vater verkriechen und darauf warten, dass deine Vergangenheit zurückkommt.“
Er wusste, dass Hanna es gut mit ihm meinte und wollte keinen Streit mit ihr anfangen. Daher schwieg er.
„Ich mach mir wirklich langsam Sorgen, Alex”, fuhr sie fort. „Wohin soll das denn noch führen? Du bist zweifelsohne ein sehr gewissenhafter Arzt und Therapeut und hängst dich für deine Patienten wirklich rein. Doch du musst auch mal wieder an dich denken.“
„Das tue ich doch, Hanna. Nur, weil ich derzeit keine Frau an meiner Seite haben möchte, heißt das doch nicht, dass ich unglücklich bin oder kein Privatleben habe. Ich mache viel mit Kimmy, fahre gerne mit dem Mountainbike, spiele Basketball mit meinen Jungs, und…“, er machte eine Pause und legte versöhnlich einen Arm um sie, „ich treffe mich immer noch regelmäßig mit dir. Auch in meiner Freizeit.“
„Und am Wochenende studierst du Patientenakten, arbeitest ehrenamtlich neben deinem Job beim Gesundheitsmobil, behandelst dort Menschen ohne Krankenversicherung und schiebst hier in der Klinik mit die meisten Dienste!“, ergänzte sie die Lücken in seiner Aufzählung. So leicht ließ sie sich nicht von ihm umgarnen.
„Alex”, ihre Stimme wurde sanfter, „ich möchte doch nur, dass du auf dich aufpasst und nicht vergisst, noch zu leben. Und dass du dir genauso viel Aufmerksamkeit schenkst, wie deinen Patienten.“
Er drückte sie kurz an sich. „Ich weiß deine Fürsorge zu schätzen, Hanna. Und schau, ich arbeite nur noch ein Mal im Monat beim Gesundheitsmobil und Dienste mache ich auch nicht mehr so viele wie vorher.“ Hanna atmete ein und wollte etwas entgegnen, doch Alex gebot ihr Einhalt. „Und… ich gönne mir hin und wieder mal ein bisschen Spaß am Wochenende. Und falls mal eine Frau dabei sein sollte, die so interessant ist, dass ich mich ein zweites Mal mit ihr treffen möchte, wirst du die Erste sein, die davon erfährt, versprochen!“ Er knuffte sie in die Seite und zwinkerte ihr zu.
Hanna gab sich geschlagen. Sie wusste schließlich auch, dass dieses Thema stets mit einem hohen Maß an Brisanz und Streitpotential zwischen ihnen gespickt war.
„Bei dir bleibt eh keine Frau freiwillig länger als eine Nacht, weil du, außer über deine Arbeit, sowieso nicht wüsstest, worüber du mir ihr reden sollst!“, sagte sie trotzig. „Außerdem mögen Frauen keine angewärmten Betten!“, schob sie hinterher und streckte ihm die Zunge heraus. Da sie dabei schon wieder lächeln musste, wusste Alex, dass dieses Thema heute keine Gefahr darstellte.
„Du tust gerade so, als würde ich jedes Wochenende eine andere Frau abschleppen!“, entrüstete er sich.
„Stimmt, du hast recht, es ist nur jedes Zweite!“ Hanna schaute ihn provokativ an und sie fingen beide an zu lachen.
„Du musst auch immer das letzte Wort haben!“ Alex gab sich geschlagen.
„Einer muss ja wissen, wann das Gespräch zu Ende ist!“, entgegnete Hanna scherzhaft und wuschelte mit ihren Händen durch sein lockiges Haar. Den Rest der Mittagspause lenkten sie das Gespräch auf Themen, die weniger spannungsgeladen zwischen ihnen waren und nutzen die Zeit, sich kurz über ein paar gemeinsame Patienten auszutauschen. Danach gingen sie zurück in die Klinik und verabredeten sich für später, um gemeinsam mit dem Zug heimzufahren.
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An: Christina B.
Von: Sarah Johannsen
Datum: Montag, 25.08., 10:53 Uhr
Betreff: meine Antwort
Liebste Freundin,
deine Mails sind immer eine wunderbare Ablenkung von dem, was hier auf mich einprasselt. Kam ich doch vor zwei Wochen hier in der Klinik an und schrieb dir: „Alles Verrückte, außer mir!“, so habe ich jetzt manchmal das Gefühl, dass ich die einzigst Verrückte bin. Allen anderen scheint der immer wiederkehrende Ablauf des Klinikalltags so vertraut und einfach zu sein. Sie erzählen von ihren Therapiesitzungen und Erfolgen, die sie schon erzielt haben, sind locker und gelöst, während ich immer noch orientierungslos da stehe und versuche zu begreifen, was mit mir los ist, ob und wenn ja, was ich denn fühle und eigentlich permanent überfordert bin. Die letzten drei Jahre habe ich so zurückgezogen gelebt, dass mir die vielen Menschen hier, denen man nicht mal aus dem Weg gehen kann, einfach zu viel sind. Man sieht sich bei den Mahlzeiten, bei der Gruppentherapie oder läuft sich auf dem Flur über den Weg. Sich zurückzuziehen ist nahezu unmöglich. Weiterhin erlebe ich es sowohl in den Einzelsitzungen, als auch in den Gruppensitzungen so, dass die Therapeuten ständig dazu auffordern, sich zu beteiligen. Das ist mir alles zu viel. Ich merke, wie sich dadurch die Ereignisse von damals, die ich so gut weggepackt habe, wieder öfter in mein Gedächtnis schieben und als kleine Dämonen in mir herumwüten. Ich habe wieder Panikattacken, häufiger als vorher daheim. Nachts ist es besonders schlimm, wenn keine echte Ablenkung da ist. Wenn ich die Vorboten mitbekomme, versuche ich ganz bewusst, meine Gedanken darauf zu konzentrieren, was am Vortag gut war oder was insgesamt schon besser geworden ist. Das macht mir Mut und Hoffnung, dass irgendwann auch für mich die Tage wieder bunter werden und mehr Farbe in mein Leben kommt.
Doch insgesamt komme ich mir so klein vor und empfinde es als ständiges Hin- und Herschwanken zwischen zwei Extremen; als säße ich auf einer Schaukel, die nicht zur Ruhe kommt. So fällt es mir auch in den Einzeltherapiesitzungen schwer, nur einen Ton herauszubekommen. Ich bin völlig verschüchtert und weiß nicht, was ich sagen soll. Mir fehlen regelrecht die Worte, auch wenn das schwer vorstellbar für dich ist (für mich übrigens auch! ;-)). Deine Frage, ob es an meinem Therapeuten liegen könnte, muss ich ehrlicherweise verneinen. Er heißt übrigens Bodorf. Doktor A Punkt Bodorf. Er ist nach wie vor bemüht und auch sicherlich ein guter Therapeut. Während ich von anderen Mitpatienten häufig mitbekomme, dass sie Schwierigkeiten mit seiner Art haben, er oft ungeduldig und harte, klare Worte zu ihnen spricht, die keinen Widerspruch zulassen, so erlebe ich ihn mir gegenüber eher zurückhaltend und abwartend. Er versucht alles, um die Sitzungen so angenehm wie möglich für mich zu gestalten und irgendwie mit mir in Kontakt zu kommen. Er stellt die richtigen Fragen, tastet sich langsam vor, doch mir gelingt es einfach nicht, mich zu öffnen und was damals passiert ist, anzusprechen. Ich sitze vor ihm wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange und erlebe jedes Mal das Phänomen einer spontanen Stimmbandlähmung.
Auf der anderen Seite der Schaukelbewegung fühlt es sich ganz anders an. Da kann ich mich – wenn ich mich mal auf Gespräche mit Mitpatienten einlasse und diese nicht um mich und meine Vergangenheit gehen – total locker und ungezwungen mit ihnen unterhalten. Wir lachen zusammen, rutschen von einem Thema ins nächste und sofern sie mir ihre Sorgen erzählen, bin ich ihnen eine gute Zuhörerin, dem sie ihre Geschichte anvertrauen können. Da kommt mir wohl zugute, dass es mir früher schon immer leicht gefallen ist, das Gespräch mehr beim Anderen zu belassen, als auf mich selbst zu lenken. In solchen Situationen bin ich jedenfalls offen, ungezwungen und angstfrei.
Meinte das Goethe, als er schrieb: „Zwei Seelen schlagen, ach, in meiner Brust!“? Vielleicht bin ich ja schizophren! Ist dir vielleicht schonmal aufgefallen, dass zwischen mir und Dr. Jekyll und Mr. Hyde keine so großen Unterschiede liegen?? Das würde wahrscheinlich all das erklären…
Doch genug von mir erzählt, kommen wir zu dir. Du schreibst:
Hatte ich Dir eigentlich schon geschrieben, dass
ich mit Lisa am Mittwoch im Kaufhaus war und
ich aus reiner Neugier mal sehen wollte, welche
Hosengröße mir jetzt passt? Entschuldige, wenn
ich mich jetzt wiederhole, aber aus einer 46 ist
jetzt eine 42/44 geworden!!! Das hat übrigens
auch zu einem absoluten Stimmungshoch geführt.
Ist natürlich super dämlich, aber ich nehme gern
jedes Stimmungshoch mit. Ich habe das unserem
gemeinsamen Freund Markus am Donnerstag
erzählt. Er lachte und sagte: „Das ist wieder mal
die Bestätigung dafür, dass im Universum nichts
verloren geht. Was du abgenommen hast, habe ich
jetzt zugenommen.“
Gratulation zur Hosengröße. Ich rede nicht mehr mit dir – denn ich habe ebenfalls etwas aus dem Universum abbekommen. Hab vielen Dank… Wenn du so weitermachst (und ich auch), dann können wir bald gemeinsam Größe 38/40 tragen! Bedenke also bitte bei deiner nächsten Shopping-Tour meinen Kleidergeschmack mit, bevor du zuschlägst.
In diesem Sinne schicke ich dir vorläufig zunehmend dicke Umarmungen (was für ein Wortspiel) – ich geh mir jetzt mal den Fisch angucken, den es hier heute zu Mittag gibt!
Deine Verschlossene
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An: Sarah Johannsen
Von: Christina B.
Datum: Montag, 25.08., 18:23 Uhr
Betreff: Re: meine Antwort
Liebe Farbensucherin,
es freut mich zu sehen, dass du bei aller Schwere, die deutlich aus deinen Zeilen hervorgeht, deinen Humor noch nicht verloren hast.
Wieso gibt es in deiner Klinik eigentlich auf einen Montag Fisch? Traditionell wird so was doch immer freitags serviert?
Bevor ich nun gleich ernsthafter werde und auf deine Zeilen eingehe (schreibe ich dir eigentlich zu viel? Meine Mutter würde jetzt sagen: „Kind, du schreibst so viel, wie du redest!“), lass mich noch eins klarstellen zum Thema Kleidergröße 42/44. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass ich die großzügig verteilten Pfunde an dich und Markus nicht zurückhaben möchte!!! Ihr braucht sie natürlich nicht zu behalten, aber gebt sie besser an Bedürftigere ab. Wie wär’s mit Britta, Michas Frau?
Ich hoffe, dass sich deine Unterschrift mit „Deine Verschlossene“ nicht darauf bezieht, dass man dich mittlerweile so untergebracht hat. Mir fällt auf, dass du sehr ungeduldig bist. Du weißt genauso gut wie ich, dass man dich manchmal zu deinem Glück zwingen muss. Wie lange bin ich damals hinter dir hergerannt, bis du dich mir das erste Mal ein bisschen geöffnet hast? Versteh es also als Angebot von deinem Herrn Doktor Therapeuten Bodorf (sicherlich alt, grauhaarig, mit weißem Kittel, darunter Hemd mit Krawatte, Bügelfaltenhose, bieder und mit einer Halbbrille auf der Nasenspitze), wenn er dich immer wieder auffordert, sich ihm zu öffnen und dich dadurch zwingt, dich mit dir auseinanderzusetzen.
Irgendwann wirst du es schaffen und mit ihm reden. Nicht nur eine Schlange kann ihre Beute hypnotisieren, sondern auch ein Kaninchen deines Kalibers kann sich einer Schlange widersetzen und zur Handlungsfähigkeit zurückfinden. Im Moment hast du deine Gefühle verschlossen und weißt nur selber nicht mehr, wo du den Schlüssel hingepackt hast. Deshalb bist du ja nun auch in der Klinik, um ihn wiederzufinden oder aber zu schauen, womit du sonst die Türen aufbekommst. Ich wünsche mir, dass du dahinter deine Lebendigkeit wiederfindest, die früher nur so aus dir herausgesprudelt ist und mit der du alle anstecken konntest. Manchmal kommt es mir vor, als hättest du sie vor drei Jahren mitbegraben. Vielleicht hilft es ja, wenn du erst einmal schaust, wie es dir gerade im Moment geht. Du wirst sehen, sobald du die Türe einen Spalt geöffnet oder ein Loch hineingebohrt hast, wird es auch wieder bunter um dich herum werden. Denn dann fällt Licht herein. Und Licht benötigt man, um Farben sehen zu können. Und mit der Farbe kommt auch die Lebendigkeit zurück – das weiß ich zufällig, schließlich bin ich Künstlerin. Und wenn alles nichts hilft, schenk ich dir eben einen Farbkasten. Also: nicht aufgeben! Durchhalten, ok?
Mach es gut, meine Liebe – und schreib mir nur, wann immer du möchtest!
Deine Abgespeckte
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An: Christina B.
Von: Sarah Johannsen
Datum: Dienstag, 26.08., 09:02 Uhr
Betreff: Licht- und Schattenspiele
Meine liebe Farbkastenbereithalterin!
Die Leichtigkeit, die du mit deiner Art in die schweren Themen und Gefühle von mir hineinbringst, tut mir unendlich gut und so schaffst du es, mir ständig ein Lachen abzuringen (natürlich nur höflichkeitshalber!). Mittlerweile freue ich mich schon immer auf deine Mails (schreib ruhig viel, dann kommt es mir vor, als würden wir telefonieren) und möchte sie nicht mehr missen.
Ich denke oft daran zurück, wie es „früher“ war. Meine Energie, meine Fröhlichkeit und Lebensfreude, die ich da versprüht habe, kommt mir so befremdlich vor. Als betrachtete ich mein Leben wie einen Film, der von einer Person gespielt wird, die so aussieht wie ich, aber ansonsten nicht viel mit mir zu tun hat. Nach außen hin mag es vielleicht den Anschein haben, dass ich unbeschwert und fröhlich bin. Nur, wer mich ein bisschen besser kennt (und wer tut das schon?), sieht, dass ich da eher einer Marionette gleiche, deren Fäden lediglich von einem müden, alten Marionettenspieler gezogen werden.
Ich mache mir zu große Vorwürfe, was damals passiert ist. Vielleicht bin ich nur zu früh hier, vielleicht brauche ich noch etwas Zeit, um mich dem Licht zu stellen. Die quälenden Schuldgefühle schieben sich immer wieder in den Vordergrund. Ich könnte mich selber nicht ertragen, so ganz angeleuchtet dazustehen. Die Scham ist zu groß. Ich würde mich eher umbringen, als mir im Spotlight anschauen zu müssen, wie ich damals versagt habe. Ich weiß vom Verstand her, dass ich diese Schuldgefühle nicht haben müsste. Doch meine Gefühle leben ihr eigenes Leben. Leben in ihrer Welt, die mit der, die mein Kopf mir als „real“ vorgaukelt, irgendwie so gar nichts zu tun hat. Wie also soll ich ihnen mit Vernunft kommen, wenn sie sich ihre ganz eigene Wirklichkeit erschaffen?
Du hast recht, dass ich lange gebraucht habe, um zu kapieren, dass du ehrlich an mir und einer Freundschaft mit mir interessiert bist. Ich tue mich tatsächlich schwer, mich anderen zu öffnen. Nicht unbedingt nur deshalb, weil ich ihnen nicht vertraue, sondern weil ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand wirklich an mir und dem, was ich bin, denke und fühle, interessiert sein könnte. Es ist allein deiner Beharrlichkeit zu verdanken, dass wir mittlerweile eine so tiefe und innige Freundschaft haben. Nun, meinen Klinikaufenthalt hier wollte ich nicht auf die Zeit ausdehnen, die du gebraucht hast, bis ich mich dir geöffnet habe. Anderenfalls würde ich meine Wohnung kündigen und hier meinen ersten Wohnsitz anmelden müssen. Und so schön ist es hier dann auch nicht (obwohl es hier zwei Mal die Woche Fisch gibt).
Eine positive Sache gibt es dennoch zu berichten: stell dir vor, ich habe hier wieder angefangen, Klavier zu spielen. Ich sehe darin einen echten Fortschritt. Ich merke, wie es mir dabei gelingt, mich zumindest ein klein wenig fallen zu lassen – in die Musik. Wie lang ist es nur her, dass ich musiziert habe…!?!!
Die dazugewonnenen Pfunde an Britta weiterzugeben, halte ich übrigens für keine gute Idee. Bedenke, dass Micha dich mit all den Pfunden geliebt hat. Nachher verlässt er dich noch und erkennt, dass er seine Frau deutlich attraktiver findet, weil du ihm zu dünn geworden bist und sie ihm jetzt mollig genug ist. Ich will dir also keine Angst machen, doch es wäre durchaus bedenkenswert, meinst du nicht auch? ;-)
Ich habe jetzt Qi Gong (erstmalig, bin ja mal gespannt), dann eine therapeutische Gruppensitzung (Musiktherapie) und anschließend die obligatorische Konfrontationstherapie (Mittagessen). Du siehst, ich bin mittlerweile firm im klinischen Fachjargon und würde jede Aufnahmeprüfung (für was auch immer) bestehen.
Ich wünsche dir einen schönen Start in den Tag,
deine Farbensucherin
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An: Sarah Johannsen
Von: Christina B.
Datum: Dienstag, 26.08., 18:23 Uhr
Betreff: Fressattacke
Liebe Ernährungsberaterin!
Nach deiner E-Mail habe ich zuerst drei Snickers, zwei Joghurte und dann noch meinen halben Vorratsschrank aufgefuttert. Ich bin zufrieden. Die Hosen in Größe 44 rutschen nicht mehr! Ich danke dir für dein Wachrütteln. Ich habe erst hinterher Micha stolz erzählt, dass er gar nicht auf die Idee kommen braucht, seine Frau doch wieder attraktiver zu finden, als mich, da ich ihm weiterhin genügend Pfunde bieten würde. Er lachte nur und meinte, dass er keineswegs wegen irgendwelcher Pfunde zu viel oder zu wenig mit mir zusammen sei. Pah!
Du hast mich also ganz umsonst zum Essen verführt. Vielleicht redest du mit deinem alten, grauhaarigen Einzeltherapeuten mal darüber, wie du das wiedergutmachen kannst.
Glaub mir mal, du bist zum jetzigen Zeitpunkt genau richtig in der Klinik und brauchst definitiv nicht noch mehr Zeit. Dem Licht hast du dich doch längst gestellt, als du die Entscheidung für die Klinik getroffen hast. Damit hast du zugelassen, dass dich durch die Ritzen der Rollläden ein Lichtstrahl in deiner Dunkelheit treffen könnte. Letztendlich schreibst du selbst, dass es dir grundsätzlich schwerfällt, dich anderen gegenüber zu öffnen, und es nichts ist, was du nicht wegen des schrecklichen Ereignisses vor drei Jahren hinbekommst. Das möchte ich an dieser Stelle noch einmal spitzfindig anbringen. Die Gründe dafür hast du selbst aufgeführt. Wie wär’s, wenn du mal genau da hinschaust: nämlich warum du dich selbst so unwichtig findest? Wenn du darauf eine Antwort hast, wird sich der Rest von ganz alleine ergeben.
Denk mal drüber nach!
Deine Hobbypsychologin
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An: Christina B.
Von: Sarah Johannsen
Datum: Mittwoch, 27.08., 03:47 Uhr
Betreff: Re: Fressattacke
Liebe Klugscheißerin,
ich denke nach...!
Deine Grübelnde
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Alex stellte sein Fahrrad in den dafür vorgesehenen Bereich des Zugabteils ab und setzte sich in eine freie Zweierbank. Er holte seine Unterlagen aus dem Rucksack und vertiefte sich in seine Notizen, die er sich am Abend vorher zu einigen Patienten gemacht hatte. Er war müde. Er hatte gestern daheim zu lange am Schreibtisch gesessen und die Zeit dabei vergessen. Als er ins Bett ging, war es schon weit nach Mitternacht und um 6.00 Uhr beendete sein Wecker erbarmungslos die Nacht.
Er war so versunken in seinen Aufzeichnungen, dass er nicht bemerkte, wie Hanna in den Zug einstieg und sich neben ihn setzte.
„Guten Morgen!“, begrüßte sie ihn herzlich. Alex blickte erschrocken auf.
„Ach, Hanna. Du bist es! Guten Morgen!“ Er umarmte sie.
„Na, bist du schon wieder fleißig?“, fragte sie ihn und warf einen Blick auf seine Notizen. Sie nahm einige Zettel in die Hand und überflog sie.
„Finn Lessing, Maria Henninghusen, Florian Fischer…“ Sie legte die Zettel zurück und nahm sich das Blatt, auf dem neben wenigen Stichwörtern lauter Fragezeichen zu sehen waren.
„Sarah Johannsen”, sagte sie und ließ den Zettel sinken. „Die lässt dir keine Ruhe, was?“
„Ja”, seufzte Alex. „Die packt mich an meiner Therapeutenehre. Es muss doch irgendwie an sie heranzukommen sein?!“
Hanna las sich die paar Notizen durch, die Alex notiert hatte. „Erzähl doch mal. Vielleicht kommen wir ja gemeinsam weiter. Was hast du denn schon alles probiert?“
Alex erzählte Hanna von seinen vielfältigen Versuchen, an sie heranzukommen und der ständigen Ambivalenz in den Sitzungen, die von ihr ausging. Aus seiner Sicht schien das Thema Nähe-Distanz sehr existenziell für Sarah Johannsen zu sein.
„Zwar bestätigt sie mir jedes Mal, dass sie sich sicher und gut aufgehoben bei mir fühlt, aber ich spüre etwas Anderes“, führte Alex seinen Eindruck weiter aus. „Als sei sie ständig hin und hergerissen zwischen »Vertrauen fassen wollen« einerseits und »auf der Hut« sein und innerem Rückzug andererseits.“ Er konnte immer noch nicht einschätzen, ob sie es schaffen würde, die therapeutische Beziehung zu ihm einzugehen oder nicht.
„Möglicherweise liegt es daran, dass du ein Mann bist“, überlegte Hanna. „Vielleicht öffnet sie sich bei einer Frau leichter?! Wenn du willst, kann ich sie übernehmen!“ schlug Hanna vor. Alex schüttelte den Kopf.
„Nein, das glaube ich nicht. Sie ist in der Musiktherapie bei Alina Neuröther. Ich hab schon mit Alina gesprochen und ihr geht es ganz ähnlich. Sobald das Thema auf sie gelenkt wird, macht Sarah Johannsen dicht. Ich bin davon überzeugt, dass sie sich bei dir nicht anders verhalten würde.“ Er seufzte. „Ich glaube, ich muss nur den richtigen Zugang zu ihr finden, verstehst du?“
„Hm“, Hanna überlegte. „Im Kontakt zu Mitpatienten wirkt sie gar nicht so verschlossen“, sagte sie dann. „Dort ist sie sehr wohl mit ihnen im Gespräch und wirkt auch nicht verkrampft. Zumindest sind das meine Beobachtungen, die ich gemacht habe.“
Alex nickte. Er konnte das bestätigen. Auch er hatte Sarah Johannsen schon mit anderen Patienten zusammen gesehen.
„Na, damit haben wir zumindest schonmal einen Ansatzpunkt“, fasste Hanna zusammen. „Schließlich zeigt es uns, dass sie durchaus dazu in der Lage ist, Beziehungen einzugehen. Die Frage ist tatsächlich, wie du es schaffen kannst, an diese Seite von ihr heranzukommen.“ Sie machte eine Pause und überlegte. „Frag sie doch einfach mal!“, schlug sie zuversichtlich vor.
Alex hob zweifelnd eine Augenbraue und schaute Hanna an.
„Was hast du denn zu verlieren? Im besten Fall kann dir Sarah Johannsen selbst diese Frage beantworten.“ Sie zuckte mit den Schultern.
„Hmm, mal schauen!“, sagte Alex zweifelnd, der nicht so recht von Hannas Vorschlag überzeugt war.
„Jetzt guck nicht so skeptisch”, machte sie ihm Mut. „Du kannst nicht mehr tun, als es immer wieder zu probieren. Entweder du findest den passenden Schlüssel oder nicht. Manchmal ist das eben so, dass wir an Patienten nicht rankommen. Das hast du doch auch schon zuhauf erlebt!“ Sie verstand nicht, warum ihn das so beschäftigte.
„Ja, schon“, antwortete er abwehrend. „Bei Sarah Johannsen habe ich aber nicht das Gefühl, dass sie nicht will. Oder dass sie sich absichtlich verschließt, wie es manche Patienten tun, weil sie das ganze als sinnlosen Psychokram abtun. Ich sehe doch ihren verzweifelten inneren Kampf, sich öffnen zu wollen, es aber nicht zu schaffen.“
„Vielleicht hat es mit dem zu tun, weshalb sie da ist“, warf Hanna ein. „Weißt du etwas darüber?“
Alex schüttelte den Kopf. „Nein, keine Ahnung. In ihrer Akte steht auch nicht wirklich viel dazu.“
Hanna überlegte. „Da du keinerlei Anknüpfungspunkte hast, gibt es ja fast nur zwei Möglichkeiten. Entweder du wartest noch ab und schaust, ob du irgendetwas entdeckst, woran du anknüpfen kannst. Was dir quasi als Türöffner dient. Vielleicht können dir dabei ja unsere Physios weiterhelfen. Oder aber du führst mit ihr genau das gleiche Gespräch, das du gerade mit mir führst, konfrontierst sie mit deiner Ratlosigkeit und bindest sie damit aktiv in den Prozess der Beziehungsgestaltung ein.“
Alex dachte nach und wägte beide Optionen in seinem Kopf ab. Er warf ihr einen dankbaren Blick zu. „Ich rede mal mit den Kollegen aus der Physio“, beschloss er und packte seine Sachen zusammen. An der nächsten Haltestelle mussten sie aussteigen. Als der Zug hielt, gingen sie gemeinsam den kurzen Fußweg zur Klinik. Sein Fahrrad schob Alex neben sich her. Es war kurz vor acht und die Sonne schien schon warm vom Himmel. Deutlich zuversichtlicher als er es am Abend vorher war, betrat er die Klinik. Er schaute schnell noch an seinem Postfach vorbei und eilte anschließend zur täglichen Frühbesprechung.
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„Alex, hast du gerade noch einen Moment Zeit?“ Alina Neuröther, die Musiktherapeutin der Klinik, trat an seine Seite. Er war gerade dabei, seine Unterlagen in den Rucksack zu packen, die er für die Frühbesprechung benötigt hatte, und blickte auf.
„Klar, worum geht’s?“ Er setzte sich und schob Alina den Stuhl neben sich hin.
„Es geht um Finn Lessing“, begann Alina und nahm Platz.
Finn Lessing war seit drei Wochen in der Klinik und ebenfalls Alex Patient. Er war ein Mann Mitte vierzig und war von beträchtlicher Statur. Mit einer Größe von knapp zwei Metern, den breiten Schultern und seinem durchtrainierten Körper füllte er jeden Raum aus, den er betrat. Bis vor zehn Jahren hatte er in der Profiliga Basketball bei den Chicago Bulls gespielt. Mit der Rückkehr nach Deutschland fingen seine Probleme an. Ohne Ausbildung und Berufserfahrung fand er keine Arbeit und hangelte sich von Aushilfsjob zu Aushilfsjob. Hinzu kam, dass sich seine Frau und die beiden gemeinsamen Kinder in Deutschland nie richtig wohlgefühlt haben und ihm Vorwürfe machten, aus den USA weggezogen zu sein. Alex Gedanken wanderten zur letzten Einzelsitzung mit Finn Lessing. Er hatte den Eindruck, dass sein Patient unter einer enormen inneren Anspannung stand. Aufgrund der stark suizidalen Tendenz war er unter strenger Beobachtung und medikamentös hoch dosiert eingestellt. Eine echte Verbesserung des psychischen Zustandes war jedoch bislang nicht eingetreten.
„Was ist mit ihm?“, fragte Alex interessiert nach. „Gibt es immer noch Probleme in der Gruppe?“
In der letzten Woche hatten Alina und er sich schon einmal darüber ausgetauscht, dass Finn Lessings Verweigerungshaltung auf starken Widerstand bei den anderen Patienten stieß.
„Ja“, setzte sie an. „Was sich verändert hat, ist, dass er zunehmend mehr zum Angriffsziel der Gruppe wird. Dadurch, dass er niemanden an sich heranlässt und nichts von sich preisgibt, fühlen sich einige Mitpatienten aus der Gruppe stark provoziert. Dies wird noch einmal durch seine sich durchziehende, latent-aggressive Art verstärkt, wenn er sich angegriffen fühlt. Er wird dann gleich laut und ausfallend. Einige Patienten reagieren darauf mittlerweile sehr eingeschüchtert und verängstigt.“ Sie machte eine kurze Pause. „Er wirkt auf mich so, als stünde er unter enormen Druck. Weißt du etwas darüber?“
Alex hatte aufmerksam zugehört. „Dass er sehr unter Druck steht, teile ich mit dir. Diesen Eindruck habe ich auch. In unseren Gesprächen erlebe ich ihn ähnlich, wie du ihn gerade beschrieben hast. Er hat erzählt, dass er sich in der Gruppe nicht wohlfühlt und nicht öffnen will. Laut seiner Aussage sind dort drei Mitpatienten, mit denen er ein persönliches Problem hat. Was genau das ist, weiß ich nicht. Das konnte er mir nicht sagen.“ Alex hielt inne und schaute Alina fragend an.
„Ich weiß, wen er meint. Was sich hier wie gegenseitig bedingt, ist aber noch mal eine ganz andere Frage.“
Alex nickte und überlegte kurz. „Für mich geht es bei Herrn Lessing nach wie vor darum, ihn zunächst stabilisiert zu bekommen. Er ist noch sehr verschanzt hinter einer Mauer aus Abwehr und läuft auf einem unheimlich hohen Erregungsniveau. Möglicherweise ist die Gruppentherapie zu früh für ihn. Sollen wir ihn rausnehmen?“
Alina wiegelte gedanklich weitere Möglichkeiten ab. „Nein, nicht jetzt. Aber es wäre schön, wenn du noch einmal mit ihm reden könntest, was genau ihn in der Gruppe ausbremst. Ich werde morgen auch nochmal versuchen, herauszufinden, wie ich ihn darin unterstützen kann, sich in der Gruppe sicherer zu fühlen. Wenn sich jedoch der gruppendynamische Prozess weiter in die falsche Richtung entwickelt, müssten wir neu überlegen und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen.“
Sie gingen noch ein paar weitere Möglichkeiten durch und verabredeten sich am Ende so, dass sie im Stationsteam noch einmal Finn Lessing zum Thema machten.
Gemeinsam verließen sie den Besprechungsraum und trennten sich am Treppenabsatz. Alex machte Halt am Kaffeeautomaten im Foyer, um sich einen Cappuccino mit ins Büro zu nehmen. Er mochte diesen Ort mit seinen gemütlichen Sesseln und Tischen, der dadurch die Weitläufigkeit eines Foyers wettmachte. Hier konnten sich die Patienten zwischen den Anwendungen die Zeit vertreiben und abends zusammensitzen, sich unterhalten oder spielen. Zwei junge Patientinnen kamen vorbei und grüßten ihn kichernd. Er nickte ihnen freundlich zu und balancierte seine volle Cappuccinotasse zum Fahrstuhl. Auf dem Weg in sein Büro im dritten Stock kam er an einem der vier Wintergärten vorbei, die als Ruheräume auf jeder Etage dienten. Von dort hatte man einen herrlichen Blick aufs Meer und den Strand, der ungefähr 300 Meter weiter begann. Er nahm sich die Zeit, trat ans große Panoramafenster des Wintergartens und trank einen Schluck von seinem Cappuccino. Draußen auf der Liegewiese vor der Klinik herrschte bei diesem herrlichen Wetter ein reger Betrieb. Nahezu alle Liegestühle, die dort für die Patienten bereitstanden, waren belegt. Manchmal kam ein wenig Neid in ihm auf, dass die Patienten die Möglichkeit hatten, dieses Ambiente ohne Alltagsverpflichtungen und einem durchgetakteten Arbeitstag genießen zu können. Er wusste aber auch, dass es harte Arbeit für sie in der Klinik war, sich tagein tagaus ihren Problemen zu stellen, ohne großartig entkommen zu können. Zumindest berichteten ihm viele seiner Patienten das so. Und er glaubte ihnen. In seiner Ausbildung hatte Alex selber die Erfahrung gemacht, dass es ein hartes Stück Arbeit ist, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und in Abgründe zu blicken, die einem vorher nicht mal unbedingt bewusst waren. Daher wusste er, was seine Patienten hier leisteten. Dies erkannte er ihnen stets hoch an.
Er wusste auch, dass er einer der Therapeuten war, der seine Patienten nicht immer mit Samthandschuhen anfasste und sie mit Dingen konfrontierte, die für sie schwierig waren. Er war jemand, der polarisierte. Seitdem er dort arbeitete, hatten sich schon etliche Patienten über ihn beim Oberarzt oder der Chefärztin beschwert. Er sei zu hart, würde ihnen über den Mund fahren und sie mit seiner Art provozieren, waren im Groben die Inhalte der Beschwerden.
Doch Alex war es lieber, dass die Patienten gleich wussten, was sie hier während ihres Aufenthaltes erwartete und das ein hartes Stück Arbeit vor ihnen lag. Er ging gleich in die Vollen, denn anders als in der ambulanten Therapie hatte er hier nur eine sehr begrenzte Anzahl an Therapiesitzungen, die er nutzen konnte. Die Patienten blieben im Schnitt sechs Wochen, und wenn er auch einer der Therapeuten war, die statt einmal die Woche eine Stunde, zwei Mal die Woche eine halbe Stunde Termine vergab, so blieben trotzdem nur durchschnittlich zwölf Kontakte, von denen er nicht ein Drittel damit verschwenden wollte, um sich vorsichtig anzunähern. Er unterstellte seinen Patienten zunächst einmal die positive Absicht, hierher gekommen zu sein, um an sich zu arbeiten. Und dabei wollte er sie unterstützen. Diejenigen, die sich nicht gleich von ihm abschrecken ließen, lernten dafür aber auch seine sehr einfühlsame und mitfühlende Seite kennen. Am wichtigsten war ihm stets, dass sich seine Patienten ernst genommen fühlten.
Sein Blick fiel auf eine Fahrradfahrerin, die mit einem enormen Schwung um die Ecke gebogen kam und dann bremste. Sie stieg vom Rad und nahm den Helm ab. Alex erkannte Sarah Johannsen. Sogleich war seine Aufmerksamkeit geweckt. Sie stützte ihre Hände auf den Oberschenkeln ab und schien erst einmal wieder zu Atem kommen zu müssen. Offenbar hatte sie sich mächtig verausgabt – und das um diese frühe Uhrzeit.
Plötzlich kam ihm eine Idee. Sarah Johannsen war seine erste Patientin heute und würde in gut dreißig Minuten zu ihm kommen. Er würde sie mit seiner Beobachtung konfrontieren und sie auf das Radfahren ansprechen. Möglicherweise kam er darüber mit ihr in Kontakt. Eilig legte er die letzten Meter bis zu seinem Büro zurück und erledigte noch ein paar Anrufe. Keine halbe Stunde später klopfte es an seiner Tür, und er empfing Sarah Johannsen mit einem freundlichen Lächeln.
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An: Christina B.
Von: Sarah Johannsen
Datum: Mittwoch, 27.08., 11:10 Uhr
Betreff: sich spüren
Liebe Nachbohrerin,
mein Kopf ist voll, ich kann keinen klaren Gedanken fassen und bin innerlich noch ganz aufgewühlt. Ich komme gerade von meiner Einzelsitzung mit Doktor Bodorf. Dort bin ich durch ein Wechselbad der Gefühle geschritten, das sämtliche Kräfte von mir abverlangt hat. Ich bin fix und fertig.
Eigentlich fing alles ganz gut an. Ich habe mir unsere Mails noch einmal durch den Kopf gehen lassen und mir ein Herz gefasst. Denn als er mich fragte, wie es mir geht, erzählte ich ihm ehrlich, dass heute kein so guter Tag sei. Zunächst fragte er nach, was das bei mir hieße: kein guter Tag, und mit welchen Gefühlen das verbunden sei. Ich musste ganz schön lange überlegen und trotz langem „in-mich-hinein-Spüren“ konnte ich ihm keine Antwort geben. Ich selber bekomme es nur als innere Unruhe mit und weiß in diesen Momenten meist nicht, wohin mit mir. Die Gefühle sind keinen Gedanken zugeordnet, sie irren herrenlos in meinem Körper herum, machen sich mal in der Brust, mal im Bauch breit und fühlen sich an wie früher, wenn ich in der Schule eine Mathearbeit zurückbekommen habe, von der ich wusste, dass sie nicht gut gelaufen ist. Es ist alles so abstrakt. Viele Mitpatienten können in den tollsten Bildern beschreiben, wie es in ihnen aussieht, so dass es jeder Außenstehende nachvollziehen kann. Mir gelingt das einfach nicht. Dies erzählte ich Bodorf auch, doch mehr konnte ich ihm nicht sagen. Doch er ließ das natürlich nicht so stehen.
Als Nächstes sagte er mir geradeaus auf den Kopf zu, dass er mich kurz vor unserem Treffen auf dem Rad gesehen hätte und ich allem Anschein nach sehr ausgepowert gewesen wäre. Er wollte von mir wissen, ob Radfahren eine gute Möglichkeit für mich sei, um Druck und innere Unruhe loszuwerden. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Wenn ich mich aufs Fahrrad setze und losfahre, bei den Anstiegen die Anstrengung spüre, den inneren Kampf, das Tempo halten zu wollen; wenn ich dann meinen Herzschlag spüre, meinen keuchenden Atem höre und merke, wie alle Muskeln angespannt und doch wohlig durchblutet sind, dann habe ich das Gefühl, lebendig zu sein. Dann spüre ich mich. Dann spüre ich endlich überhaupt wieder irgendetwas.
