Liebe mit Siegel - Toni Field - E-Book

Liebe mit Siegel E-Book

Toni Field

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Beschreibung

Eigentlich glaubt Clara Matthiesen, ihr Gefühlsleben gut im Griff zu haben. Zumindest vermisst die erfolgreiche Psychologin und alleinerziehende Mutter nichts in ihrem Leben. Bis ihre Freundin Bea sie ungefragt auf einer Singlebörse im Internet anmeldet und sie darüber auf den tiefgründigen Leo trifft. Dadurch gerät ihr bis dahin so wohl geordnetes Gefühlsleben völlig durcheinander. Auf dem Weg, sich emotional auf Leo einzulassen, muss Clara zähneknirschend feststellen, dass sie das, was ihre Klienten tagtäglich leisten, selber nur schwer hinbekommt. Sie muss sich ihren Gefühlen aus der Vergangenheit stellen und hinter ihrem Schutzwall der Rationalität hervorkommen. Dabei macht sie die Entdeckung, dass das Leben um ein Vielfaches lebendiger ist, wenn sie ihre Gefühle zulässt und sich nicht aus Angst davor hinter der eigenen Professionalität versteckt. Dass es das nicht immer leichter macht, weiß auch Leo aus Erfahrung. Hin- und hergerissen zwischen seinen Gefühlen muss er eine Entscheidung treffen, die weitreichende Folgen haben soll. Toni Field erzählt mit Witz und Esprit die Geschichte einer jungen Psychologin, die den Mut aufbringt, ihre schützende Unnahbarkeit aufzugeben und ihren Gefühlen zu folgen. Dabei nimmt sie den Leser mit auf die Reise in die komplexe Welt der menschlichen Psyche und der Psychologie.

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Seitenzahl: 434

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Toni Field

Liebe mit Siegel

Ein Roman

Copyright © 2018 Toni Field, Schleswig-Holstein

1. Auflage

Umschlaggestaltung: Tim Radke, Julia Lutter, Toni Field,

Satz und Layout: Toni Field

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-7469-9873-2 (Paperback)

ISBN: 978-3-7469-9874-9 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung. Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

»Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst,

sondern die Entscheidung,

etwas trotz der Angst zu machen.«

(Anonym)

Für meine beiden liebsten Männer

in meinem Leben

Prolog

Hallo Leo!

Ich hab nachgedacht ...

Ich kann das nicht mehr! Ich hab mich wirklich bemüht, aber … meine Gefühle sind mir zu sehr im Weg. Ich hab etwas länger gebraucht, um das für mich klarzukriegen.

Wir haben gesagt, dass wir akzeptieren, wenn einer von uns irgendwann sagt, dass es nicht mehr geht.

Es geht nicht mehr, Leo. Es tut zu weh. Die ständige Hoffnung zermürbt mich. Ich … Ich hab eine Entscheidung getroffen. Ich … ich werde mich aus deinem Leben zurückziehen, Leo. Ich brauche den Schnitt. Bitte versteh, dass ich keinen Kontakt mehr möchte. Ich muss dich aus meinem Herzen kriegen, um nach vorne gucken zu können …

Bitte versuch nicht, Kontakt zu mir aufzunehmen. Akzeptier meine Entscheidung. Das haben wir uns damals versprochen. Bitte …!

Es tut mir leid! Ehrlich!

Leb wohl, Leo. Und pass auf dich auf!

Mit zittriger Hand ließ Clara die Aufnahmetaste auf ihrem Handytouchscreen los. Aufgewühlt starrte sie auf das Display und wartete darauf, dass die Sprachnachricht an Leo übertragen wurde. Anschließend öffnete sie zögerlich sein WhatsApp-Profil und rief im Menü die Option »blockieren« auf. Eine Träne lief ihr über die Wange, als sie die Aktion mit pochendem Herz bestätigte. Ein letztes Mal schaute sie sich sein Foto an und streichelte zärtlich über sein Gesicht. Dann löschte sie Leos Kontakt aus ihrem Adressbuch.

Sie hatte sich diesen Schritt gut überlegt. Sie wusste, dass sie das Richtige tat, denn alles andere hätte sie nur noch mehr gequält. Sie musste endlich nach vorne schauen.

Als sie fertig war, Leo auch auf sämtlichen Social Media Netzwerken zu blockieren oder zu löschen, ließ sie ihr Handy entkräftet auf den Beifahrersitz fallen. Sie umfasste mit den Händen das Lenkrad und legte ihren Kopf darauf ab. Sie war erschöpft. Erst jetzt spürte sie die Anstrengung der vergangenen Wochen wie riesige Felsbrocken auf sich lasten. Sie hatte das Gefühl, Bleigewichte am ganzen Körper zu tragen, die sie komplett bewegungslos machten.

Eine Viertelstunde lang saß sie so da und weinte bitterlich. Ihr ganzer Schmerz spiegelte sich in jeder einzelnen Träne wieder, die zu wahren Sturzbächen vereint aus ihr herausschossen. Sie befürchtete schon, nie wieder aufhören zu können, als sich das milde Gefühl der Erleichterung einstellte. Vielleicht gab es ja doch noch Hoffnung, dass irgendwann dieser unendlich tiefe Schmerz nachlassen würde. Und wenn es nur für einen winzigen Moment wäre.

Sieben Monate vorher

Kapitel 1

»In drei Wochen? Hast du 'nen Knall?«, zischte Bea entrüstet in ihr Handy. »Ich bin deine beste Freundin!«

»Ich weiß, Bea. Aber früher habe ich wirklich keine Zeit.«, versuchte Clara sie zu beschwichtigen. »Ich hab gerade echt viel um die Ohren.«

»Das hast du immer, meine Liebe. Dieses Argument lasse ich nicht gelten. Weißt du überhaupt noch, wie sich »Leben« anfühlt?« So leicht ließ sich Bea nicht abwimmeln. »Ich werde am Samstag vorbeikommen. Ob du Zeit hast, oder nicht.«

»Aber, ich habe ...«

»Das ist mir egal. Du wirst Kim fragen, ob sie auf Jonas aufpassen kann und dann werden wir zwei mal wieder richtig schön ausgehen! Keine Widerrede!«

Beas Stimme war resolut und Clara wusste, dass sie keine Chance hatte.

»Ich muss gucken, was sich machen lässt. Ich kann dir nichts versprechen. Ich …«

Es klopfte an Claras Bürotür. Es war Frau Schuster, die Sekretärin, die ihren Kopf vorsichtig durch die Tür steckte.

»Herr Martens ist da!«, sagte sie leise, als sie Clara telefonieren sah.

Clara nickte ihr zu und bedeutete ihr mit den Händen, dass sie noch zwei Minuten bräuchte. Daraufhin zog sich Frau Schuster leise zurück.

»Ich muss Schluss machen, Bea. Mein nächster Termin wartet«, wendete sie sich wieder ihrer Freundin zu.

»Pass auf dich auf, meine Liebe. Und denk an Samstagabend. Ich bin um acht Uhr bei dir!«

Damit beendete Bea das Gespräch und legte auf. Seufzend ließ sich Clara auf ihren Stuhl zurückfallen. Es stimmte, was Bea sagte. Sie hatten sich in letzter Zeit wirklich kaum gesehen. Und ausgegangen war Clara auch schon lange nicht mehr. Sie fand einfach keine Zeit dafür. Ihr Sohn Jonas war neun und lebte bei ihr, während sich sein Vater immer mehr aus der Verantwortung zog, seitdem er eine neue Familie gegründet hatte. Das war auch der Grund, weshalb Clara vor gut einem Jahr beschloss, mit Jonas nach Lübeck zu ziehen. Ihr Chef warb schon länger bei ihr darum, die psychologische Gesamtleitung des Psychotherapeuticums zu übernehmen. Als sie sich auf Teilzeit einigen konnten, sagte Clara ihm zu. Das verschaffte ihr mehr Flexibilität, insbesondere in der Betreuung von Jonas.

Die erste Zeit hatte sich Jonas in der neuen Umgebung schwergetan. Doch dank der Schule und des kinderreichen Wohnviertels, in das sie gezogen waren, hatte er schnell Freunde gefunden. Mittlerweile war von der anfänglichen Wehmut nichts mehr zu spüren. Für Clara war das eine enorme Erleichterung. Als alleinerziehende Mutter hatte sie oft ein schlechtes Gewissen, ob sie ihrem Sohn in all seinen Bedürfnissen auch gerecht wurde.

Sie rieb sich mit beiden Händen über das müde Gesicht. Sie konnte Herrn Martens nicht länger warten lassen. Er war der Leiter einer Stiftung, von der Clara sich für ihr Projekt Zuschüsse erhoffte. Das Psychotherapeuticum hielt verschiedene stationäre und ambulante Angebote für psychisch erkrankte Menschen bereit. Es war bundesweit für innovative Behandlungsmethoden bekannt und galt als Vorreiter für den systemischen Ansatz in der Arbeit mit dem Klientel. Ihr Projekt war gewagt. Deshalb musste sie gute Überzeugungsarbeit leisten, damit sie die Finanzierung über die Stiftung hinbekam. Die Mitarbeiter standen schon länger in den Startlöchern, denn eigentlich sollte es in wenigen Wochen losgehen. Dadurch jedoch, dass ein großer Investor kurzfristig abgesprungen war, stand die Finanzierung wieder auf der Kippe. Die Stiftung war ihre letzte Chance, wenn sie den Starttermin halten wollten. Alles hing nun von diesem Gespräch und Claras Überzeugungskraft ab.

Clara atmete tief durch. Sie war aufgeregt. Herr Martens galt als harter Brocken. Umso wichtiger war es, konzentriert in das Gespräch zu gehen. Ein letztes Mal überflog sie ihre Unterlagen, bevor sie zielsicher und selbstbewusst nach nebenan ins Besprechungszimmer ging.

Als sie die Tür öffnete, war sie überrascht. Bislang hatte sie immer nur mit Herrn Martens telefoniert. In Claras Vorstellung war er ein Mann Mitte sechzig, der sich zum Ende seines Berufslebens noch einmal sozial engagieren wollte, um vor sich oder anderen sagen zu können, Gutes in seinem Leben getan zu haben. Stattdessen streckte ihr ein junger Mann die Hand entgegen, der nicht viel älter als sie selbst zu sein schien. Freundlich lächelte er sie an.

»Frau Matthiesen, schön Sie endlich persönlich kennenzulernen!«, begrüßte er sie aufgeschlossen.

»Guten Tag, Herr Martens!«, entgegnete Clara immer noch etwas verwirrt.

Zögerlich reichte sie ihm die Hand, ohne ihr Erstaunen großartig zu verbergen.

Herr Martens musste schmunzeln.

»Sie schauen so verdattert. Ist alles in Ordnung?«

»Ehrlich gesagt habe ich nicht damit gerechnet, dass Sie so jung sind!«

Herr Martens lachte. Er fand Clara erfrischend.

»Meine Vorstellung von Menschen, die in einer Stiftung arbeiten, waren wohl etwas vorurteilsbehaftet, muss ich gestehen!«

Sie hob entschuldigend die Schultern und setzte sich auf den freien Stuhl. Frau Schuster hatte den Tisch mit Kaffee und einem Teller mit Keksen eingedeckt.

»Sehen Sie, so habe ich das Überraschungsmoment immer auf meiner Seite.«

Er lehnte sich etwas vor. »Damit verschaffe ich mir meistens einen Vorteil bei den Verhandlungen.« Zwinkernd lehnte er sich wieder zurück.

»Na, das werden wir ja sehen!«, antwortete Clara taff. So leicht ließ sie sich nicht ins Bockshorn jagen. »Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass Sie freiwillig Ihr Stiftungsgeld investieren wollen, wenn Sie die Einzelheiten zu unserem Konzept gehört haben.«

Herr Martens lächelte. Ihre Schlagfertigkeit gefiel ihm. Und nicht nur die.

»Ich habe mir schon sagen lassen, dass Sie keine leichte Verhandlungspartnerin sind!«

Damit leitete er zum geschäftlichen Teil über.

In den darauffolgenden Minuten konzentrierte er sich auf die Vorstellung des Projektes. Dabei ertappte er sich, wie er immer wieder gedanklich abschweifte, um Clara zu mustern. Ihm gefiel diese offene und ehrliche Art, die nichts Aufgesetztes hatte. Es unterstrich die natürliche Ausstrahlung, die von ihr ausging. Er konnte seinen Blick nicht von ihrem langen, braungelockten Haar lassen, das die weichen Konturen ihres Gesichtes umrahmte. Es ließ ihre strahlend blauen Augen deutlich zur Geltung kommen. Er war fasziniert von dieser Frau, das konnte er nicht leugnen. Anstatt ihn mit leeren Phrasen und aufdringlichen Appellen an seine Menschlichkeit zu langweilen, bestach diese Frau auch noch mit überzeugenden Argumenten. Sie legte genauso ehrlich, wie sie ohne Scham ihre Verwunderung über sein Alter aussprach, die Schwachstellen des Projektes offen.

Bei ihrem Vorhaben ging es um eine ambulante Maßnahme für Menschen mit Wahnvorstellungen, die sich in komplexen und für andere Menschen oft unverständlichen Verhaltensweisen äußern. Anders als andere Behandlungsansätze bei diesem Störungsbild war dieser systemisch ausgerichtet. Clara und ihr Team gingen bei ihrem Behandlungsansatz davon aus, dass dieses Verhalten in bestimmten Situationen und Beziehungskonstellationen stärker oder schwächer auftrat. Daher wurden bei der Auswahl der Projektteilnehmer ausschließlich diejenigen berücksichtigt, bei denen sich die Familienmitglieder verpflichteten, mitzuwirken. Nur so konnten die aufrechterhaltenden Bedingungen und Beziehungsgeflechte aufgedeckt werden, unter denen die Wahnvorstellungen auftraten und den Patienten und deren Familienangehörigen eine optimale Behandlung zukommen. Clara hatte es geschafft, für das Projekt eine wissenschaftliche Begleitung durch drei Universitäten zu gewinnen. Die psychologischen oder medizinischen Fakultäten der Universitäten Hamburg, Zürich und Heidelberg waren Kooperationspartner. Darauf war sie besonders stolz.

Herr Martens hörte aufmerksam zu. Da es kaum Forschung auf diesem Gebiet gab, die den Erfolg dieses Projektes absichern konnte, war es gewagt, darin zu investieren. Jedoch lag die Durchführung des Projektes durch die Anbindung an eine wissenschaftliche Begleitung im Interesse mehrerer Institutionen.

Er verhandelte hart mit ihr. Aber Frau Matthiesen ließ sich von ihm nicht in die Enge treiben. Seine kritischen Nachfragen hörte sie sich in Ruhe an. Sie wägte seine Einwände gut ab und gab ihm das Gefühl, diese ernstzunehmen. Einige Argumente konnte sie entkräften, während sie andere als durchaus berechtigt stehen ließ, um sie im Verlaufe der weiteren Projektplanung zu berücksichtigen.

Nach eineinhalb Stunden hatte Clara ihre beantragte Summe aus seinen Stiftungsgeldern bewilligt. Erfreut über dieses Ergebnis begleitete sie Herrn Martens zur Tür.

»Ich danke Ihnen, Herr Martens. Das Gespräch mit Ihnen war sehr bereichernd. Also, nicht nur finanziell!«, schob sie schnell hinterher und musste selber ob der Zweideutigkeit ihrer Aussage lachen.

»Sie sind sehr erfrischend, Frau Matthiesen. Ich bin gespannt, wie Ihr Projekt anläuft. Berichten Sie zwischendurch mal.«

Er streckte ihr lachend die Hand entgegen.

»Das werde ich gerne tun. Sie dürfen selbstverständlich jederzeit vor Ort vorbeischauen und sich ein eigenes Bild machen. Kommen sie jedoch lieber als Kooperationspartner und nicht als Patient! Das wäre mir persönlich ein großes Anliegen.«

»Wollen Sie damit sagen, dass Sie doch nicht von Ihrem Konzept überzeugt sind? Oder weshalb sollte ich es vermeiden, als Patient von Ihrem Vorhaben zu profitieren?«, scherzte er zwinkernd. Clara lachte.

»Ich habe eher die Befürchtung, dass uns Ihre Gelder wieder entzogen werden, wenn Ihre Gesellschafter mitbekommen, dass Sie mit der Diagnose einer schwerwiegenden Persönlichkeitsstörung hier eingewiesen werden.«

»Und ich dachte schon, es ginge Ihnen um mich als Mensch!«

Er zwinkerte ihr erneut zu und drückte noch einmal ihre Hand.

»Haben Sie vielen Dank, Frau Matthiesen. Es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen.«

Sie tauschten zum Abschied ein paar letzte Höflichkeiten aus, bevor Clara die Tür hinter ihm schloss und zurück ins Büro ging. Es dauerte keine Minute, bis ihre Sekretärin neugierig die Nase durch den Türspalt steckte.

»Und?? Wie war es? Haben wir die Fördergelder?«

Clara merkte ihr an, dass sie aufgeregt war. Dieses Projekt war ein wichtiger Meilenstein im Ausbau der Angebotspalette des Psychotherapeuticums. Die Geschäftsführung hatte hohe Erwartungen an Clara, diesen Schritt gut auf die Beine gestellt zu bekommen.

Clara streckte den Daumen in die Höhe.

»Mensch, Frau Matthiesen, ich fass es nicht. Das ist ja der absolute Wahnsinn. Wie haben Sie das hinbekommen?! Es hat hier keiner wirklich damit gerechnet, dass Sie bei Herrn Martens Erfolg haben werden!«

Die Überschwänglichkeit von Frau Schuster machte Clara verlegen. Sie konnte nur schwer mit Lob umgehen. Sie mochte es lieber, wenn sie einfach nur ihre Arbeit machen konnte.

»Es hat ja geklappt. Wahrscheinlich hatte Herr Martens heute einen guten Tag!«, versuchte sie, Ihre Leistung abzuschwächen. Je wortkarger sie blieb, um so eher erhoffte sie sich, Frau Schuster wieder loszuwerden. Es funktionierte. Die Sekretärin verließ ohne weiteres Nachbohren ihr Büro, jedoch verriet das aufgeregte Gekreische vor ihrer Tür, dass einige Mitarbeiter angespannt auf das Ergebnis gewartet hatten.

Clara musste schmunzeln. Sie freute sich ja selber über diesen Erfolg, wollte jedoch kein großes Aufheben darum machen.

Munter wandte sie sich den Unterlagen auf ihrem Schreibtisch zu. Der verhasste Papierkram, der dort auf sie wartete, ging ihr heute leicht von der Hand. Fröhlich setzte sie eine Unterschrift nach der anderen auf die Schriftstücke, die sie abzeichnen musste, und packte dann ihre Sachen zusammen. Sie musste los, da sie an drei Nachmittagen die Woche für Patienten eines Allgemeinmediziners Psychotherapie in dessen Praxis anbot. Sie liebte diese Arbeit. Es war ein schöner Ausgleich zu ihrer Leitungstätigkeit, bei der sie weit weg von den Patienten war. Außerdem war sie finanziell auf diese zusätzlichen Einnahmen angewiesen.

Sie verließ das Psychotherapeuticum durch den Hinterausgang, der direkt zum Parkplatz führte. Auf dem Weg zu ihrem Auto kontrollierte sie die eingegangenen Nachrichten auf ihrem Handy. Drei Whats-Apps von Bea, die sie noch einmal daran erinnerte, dass sie keine Ausreden für eine Absage am Samstag akzeptieren würde. Eine Messenger-Nachricht von ihrem Bekannten David, der anfragte, ob sie sich mal wieder treffen wollten. Eine SMS von Finns Mama, die Jonas gerne heute zum Spielen mit aus der Nachmittagsbetreuung nehmen wollte. Schlussendlich noch drei Anrufe in Abwesenheit, wovon Clara zwei Nummern nicht zuordnen konnte. Sie schrieb Finns Mutter zurück, dass sie Jonas um 18 Uhr abholen käme. Dann antwortete sie David, dass sie für ein Treffen in nächster Zeit zu sehr eingespannt sei.

Anschließend stieg sie in ihr Auto und fuhr zügig los. Obwohl es erst kurz vor zwei war, kam sie nur schleppend voran. Die Praxis lag am anderen Ende der Stadt. Ein unberechenbarer Zeitfaktor, da die Hansestadt Lübeck derzeit nichts Besseres zu tun hatte, als alles Geld in die Sanierung von sämtlichen Brücken und Straßen im Stadtgebiet zu stecken. Der Unmut der Bewohner wurde täglich größer, während die Stadtplaner bei der Koordination der Baustellen ganz offensichtlich schliefen. So war mittlerweile zu keiner Tages- und Nachtzeit mehr ein Durchkommen durch die Stadt möglich.

Gerade rechtzeitig zum ersten Termin erreichte Clara die Praxis. Sie hastete hinein und sah durch die Glastüre vom Wartezimmer schon ihre erste Patientin sitzen.

»Puh, so gerade eben geschafft!«, dachte sie, während sie ihre Sachen in einem Spint hinter dem Empfangstresen verstaute.

»Moin, Clara. Da bist du ja!«, begrüßte die Sprechstundenhilfe Nadine sie mit einem freundlichen Lächeln. Clara mochte Nadine. Sie war eine lebensfrohe, junge Frau, die die Praxis gut im Griff hatte.

»Du siehst müde aus, meine Liebe!« Sie überreichte ihr zwei Akten und schaute Clara besorgt an.

»Ja, im Moment kommt einiges zusammen. Aber es geht schon.«

»Du hast heute zwei neue Patienten!« Nadine deutete mit dem Kopf auf die Akten in Claras Hand. »Einmal Frau Schwartz und dann Herrn Wilhelm. Bei Herrn Wilhelm bittet Markus darum, dass du einmal schaust, ob eine Klinikeinweisung sinnvoll ist. Herr Wilhelm kommt um sechzehn Uhr dreißig. Wenn du anschließend noch einen Moment Zeit hast, würde Markus gerne kurz deine Einschätzung haben wollen.«

Markus Stüber war der Arzt, für den Clara arbeitete. Sie mochte ihn sehr, nicht zuletzt deshalb, weil er seinen Patienten die bestmögliche Behandlung zukommen lassen wollte. Dabei legte er großen Wert auf ihr Urteil.

»Klar. Das können wir machen!«, antwortete Clara. »Ich muss nur Jonas rechtzeitig bei seinem Freund abholen. Kannst du ein Zeitfenster zwischen siebzehn Uhr zwanzig und siebzehn Uhr dreißig bei Markus blocken oder ist das schwierig?«

Nadine schaute in den Kalender.

»Das machen wir einfach möglich!«, zwinkerte sie ihr zu. Sie schob mit der Maus ein paar Patiententermine am Computer hin und her und streckte den Daumen nach oben.

»Danke!«, antwortete Clara. Es war nicht selbstverständlich für sie, dass alle in dieser Praxis Rücksicht auf ihre Situation nahmen. Hier versuchte jeder zu verhindern, dass ihr streng durchorganisierter Tagesablauf durcheinandergeriet. Sie schenkte Nadine ein dankbares Lächeln und holte sich auf dem Weg ins Behandlungszimmer den Inhalt ihres letzten Gespräches mit Frau Petersen ins Gedächtnis.

Kapitel 2

»Mama, meinst du, wir werden auch irgendwann wieder ein Haus mit Garten haben, so wie Finn und seine Eltern? Oder so wie Papa?«

Jonas schlüpfte gerade unter die Bettdecke und schaute Clara hoffnungsvoll an. Zuvor hatte er ihr aufgeregt von der Schatzsuche in Finns Garten erzählt, die die beiden Jungs nachmittags veranstaltet hatten. Es war nur so aus ihm herausgesprudelt, und sie freute sich, dass er einen so tollen Nachmittag verbracht hatte. Genau wie Jonas war Finn erst vor kurzem mit seinen Eltern nach Lübeck gezogen. Die zwei waren von der ersten Minute an unzertrennlich. Vielleicht war es das, was die beiden verband: das Laster, für alle anderen »die Neuen« zu sein.

Clara lächelte und strubbelte ihm durch sein viel zu langes Haar. Sie musste unbedingt mit ihm zum Friseur. Doch sie fand einfach keine Zeit dafür.

»Wer weiß, mein Schatz. Bis dahin kannst du mit Finn in unserem großen Hof spielen. Überleg mal, wer hat schon einen so großen Garten, wie wir hier mit unserem Hinterhof? Und dann noch die vielen anderen Kinder, mit denen man dort spielen kann.«

»Ja, stimmt schon!«, wägte Jonas langsam ab. »Aber der Garten bei Papa ist auch klasse. Den mag ich sogar ein bisschen lieber als unseren Hof.«

»Das ist auch in Ordnung, mein Schatz!«

Clara deckte ihn bis unters Kinn zu, ganz so, wie er es am liebsten mochte. Es versetzte ihr jedes Mal einen Stich, wenn sie merkte, dass sich Jonas nach Dingen sehnte, die sie ihm nicht bieten konnte. Da sie keinen Streit mit Jonas Vater anfangen wollte, hatte sie großzügig auf Unterhalt verzichtet. Sie wollte unabhängig sein, nicht das Gefühl haben, ihm zu Dank verpflichtet zu sein. Sie wusste, dass das quatsch war, denn rechtlich stand ihr der Unterhalt zu. Doch für Clara war es eine Kopfsache. Sie würde sich emotional abhängig fühlen, und damit war sie noch nie klargekommen.

»So, jetzt wird geschlafen, Monsieur. Morgen ist wieder ein langer Tag, an dem du viel erleben wirst.«

Sie küsste ihn liebevoll auf die Stirn.

»Kann Finn morgen zu uns kommen oder musst du wieder so lange arbeiten?«

In Jonas Stimme lag eine Mischung aus Hoffnung und Vorwurf. Clara seufzte. Bei dem Gedanken an ihren Schreibtisch im Psychotherapeuticum musste sie ihn eigentlich enttäuschen. Doch das brachte sie nicht fertig.

»Ja, das können wir machen. Wenn Finn Zeit hat, kann er nach der Schule mit zu uns kommen.«

Jonas umarmte Clara stürmisch.

»Yes! Du bist die beste Mama der Welt!«

Sofort wurde Clara warm ums Herz. Vergessen war der Gedanke an die Akten auf ihrem Schreibtisch. Stattdessen breitete sich die ganze Wärme der kindlichen Liebe ihres Sohnes in ihrem Herzen aus. Sie nahm ihn noch einmal fest in den Arm und mahnte dann zum Schlafen. Anschließend löschte sie das Licht und ließ die Tür vom Kinderzimmer einen Spalt offen. Sie ging nebenan ins Wohnzimmer, zündete sich eine Kerze an, holte aus der Küche einen Rotwein und dimmte das Licht vom Deckenfluter. Erschöpft ließ sie sich auf ihr Sofa fallen. Jetzt erst merkte sie, wie kräftezehrend die letzte Zeit für sie war. Seit der Zusage der Stiftungsgelder gab es jede Menge zu tun. Die Teilnehmer mussten informiert, die Abläufe mit den Mitarbeitern besprochen und letzte Koordinierungsgespräche mit den Universitäten geführt werden. Oftmals saß Clara bis spät in die Nacht daheim vor ihrem Rechner, um die vielen Kleinigkeiten abzuarbeiten, die es vor dem Start des Projektes noch zu bewältigen gab. Heute war der erste Abend, an dem sie nicht arbeitete. Es war alles vorbereitet, denn morgen sollte es losgehen. Zeit zum Durchatmen.

Während sie sich ein Glas Wein einschenkte, klopfte es an der Wohnungstür. Clara stand auf. Das konnte eigentlich nur Alex sein. Der Blick durch den Türspion verriet ihr, dass sie Recht behalten sollte. Alex wohnte ein Stockwerk unter ihnen, zusammen mit seiner dreizehnjährigen Tochter Kim. Als sie einzog, waren die beiden Claras erster Kontakt im Haus. Der klassische »Haben Sie mal Zucker für mich?«-Fall. Seitdem hatte sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen ihnen entwickelt. Es verband sie nicht nur derselbe Beruf, sondern auch das Los der Alleinerziehenden ohne Familienangehörige in der Nähe. Kim und Jonas entwickelten schnell einen guten Draht zueinander, und so verdiente sich Kim ab und zu mit Babysitten ein paar Euros dazu. Im Gegenzug stand Clara als Anlaufstelle für Kim zur Verfügung, wenn Alex in der Klinik Dienst hatte.

Clara freute sich, Alex zu sehen.

»Hey. Ich wollte dir den hier zurückbringen«, begrüßte er sie. Er hielt einen Dosenöffner in die Höhe, den Clara ihm vor einigen Tagen ausgeliehen hatte.

»Komm doch rein. Ich hab gerade einen Wein aufgemacht. Möchtest du auch ein Glas?« Sie trat beiseite. Alex zögerte nicht lange, sondern folgte ihr ins Wohnzimmer.

»Gerne!« Er schaute sich um, während Clara ein zweites Weinglas aus dem Wohnzimmerbuffet holte.

»Hast du umgeräumt?«, fragte er. »Irgendwie sieht es anders aus.«

»Nein, umgeräumt nicht. Aber ich hab am Wochenende die eine Wand grau gestrichen.«

Clara schenkte ihm Wein ein und setzte sich dann mit angewinkelten Knien aufs Sofa. Alex nahm neben ihr Platz.

»Sieht gut aus!«, bemerkte er, bevor sie anstießen.

»Danke! Und wie läuft’s bei dir so? Hast du nicht gerade Urlaub?«

»Nächste Woche erst! Diese Woche muss ich noch arbeiten!«, korrigierte Alex sie. »Ich bin heilfroh, wenn Freitag ist!«

»So schlimm?«

»Ach, es ist einfach viel zurzeit. Vom Sommerloch habe ich bislang noch nicht wirklich etwas bemerkt.«

Clara nickte zustimmend. Auch sie wartete bislang vergeblich darauf.

»Und? Was hast du vor in deinem Urlaub?«, hakte sie nach.

Alex zuckte mit den Achseln.

»Nichts Bestimmtes. Ein paar Touren mit dem Mountainbike und ansonsten, ausspannen!«

»Ja, das könnte ich auch mal wieder gebrauchen«, seufzte Clara gedankenverloren und nahm einen großen Schluck von ihrem Wein.

»Sorgen mit deinem Projekt?«

»Nein, im Gegenteil. Vor drei Wochen habe ich die Zusage von der Stiftung bekommen. Morgen geht’s los!«, erzählte sie stolz.

»Gratulation! Das grenzt ja an ein Wunder. Du hast es tatsächlich geschafft, diesen Herrn Martens von dem Projekt zu überzeugen?«

Alex war beeindruckt, wusste er selber nur zu gut, wie schwierig es war, Gelder zu akquirieren und die richtigen Leute zu gewinnen.

»Ja, ich bin wirklich erleichtert. Wir standen ja die ganze Zeit schon in den Startlöchern und haben nur noch auf die Finanzierung warten müssen. Nun können wir endlich loslegen!«

»Glückwunsch!«

Er stieß mit ihr an.

»Und bei dir? Gibt es Neuigkeiten bezüglich deiner eigenen Praxis?«, forschte sie nach.

Alex arbeitete in einer Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Seit einigen Wochen war er intensiv dabei, sich um einen Kassensitz in Lübeck zu bewerben. Er wollte seine eigene Psychotherapiepraxis eröffnen, da es ihn zunehmend störte, seine Patienten nur während des Klinikaufenthaltes zu betreuen. Er wollte endlich einmal die Früchte seiner Arbeit ernten, indem er sie durch einen ganzen Therapieprozess begleitete.

»Naja, Lübeck ist ein begehrtes Pflaster. Ich schau mich in diversen Foren um, ob jemand seine Praxis aufgeben möchte. Doch wenn die Info stimmt, die ich letzte Woche bekommen habe, dann stehe ich mittlerweile ganz oben auf der Warteliste für einen Kassensitz. Schauen wir mal!«

»Ach, ich hätte auch gern eine eigene Praxis!«, geriet Clara ins Schwärmen.

»Wer weiß, vielleicht steigst du ja später bei mir mit ein?«

Er zwinkerte ihr zu.

»Das stell' dir mal vor! Wir beide eine gemeinsame Praxis!« Clara kicherte. »Du haust deinen Patienten die schonungslose Wahrheit um die Ohren und ich bau sie anschließend wieder auf!«

Sie mussten beide lachen.

»Good Cop, bad Cop! Warum nicht? Wäre mal ein neues Therapiekonzept!«, gluckste Alex.

Eine Weile hingen beide ihren Gedanken nach.

»Übrigens«, begann Alex und schenkte sich vom Wein nach, »ich soll dir von Kim ausrichten, dass sie Samstag gerne kommt. Sie lässt fragen, ob sie Übernachtungszeug mitbringen soll, falls es später wird.«

Clara ignorierte Alex neckenden Unterton geflissentlich.

»Ich denke nicht, dass es sehr spät werden wird!«

Sie schaute ihn mahnend an, denn sie ahnte schon, dass er ihr Falsches unterstellen könnte.

»Was hast du denn vor?«, forschte er prompt nach. »Etwa ein Date?«

Clara lachte.

»Date?? Nein! … Nein …!«

Alex bemerkte, dass sich Claras Blick veränderte. Er war besorgt. Er konnte sich noch gut erinnern, wie er nach dem plötzlichen Verschwinden der Mutter seiner Tochter gelitten hatte. Viel zu lange war er der Hoffnung hinterhergelaufen, dass sie wiederkommen würde. Das war der Grund, weshalb er über viele Jahre keine neue Beziehung eingegangen war, sondern sich maximal mit kurzen Affären oder One-Night-Stands vergnügt hatte.

»Warum nicht? Würde dir gut stehen!«, versuchte er es auf die scherzhafte Tour.

»Das ist ja lieb, dass du dich um mein nicht vorhandenes Liebesleben sorgst!«, schmunzelte sie. »Wie sieht‘s denn in der Hinsicht bei dir aus? Tut sich da was?«

Nur zu gerne wollte sie diesen Kelch an ihn zurückgeben.

Alex schüttelte den Kopf.

»Keine potenzielle Kandidatin in Sicht! Weder Zeit noch Geld, um da hinein zu investieren!« Er prostete ihr zu.

»Na dann, auf die Liebe und darauf, dass sie uns irgendwann ereilt!«, erhob Clara das Glas. Sie nahm einen großen Schluck und ließ den fruchtigen Geschmack ihre Kehle hinunterlaufen. Sie merkte, wie der Wein ihr langsam zu Kopf stieg und ihre Zunge lockerer wurde.

»Und was ist mit Anna? Ich habe bis heute nicht kapiert, warum du mit ihr Schluss gemacht hast!«, schoss es aus ihr heraus.

Anna war Alex letzte Freundin. Clara kannte sie nicht näher, sondern hatte sie nur ein paar Mal mit Alex zusammen gesehen.

»Irgendwie hat es nicht gepasst. Vielleicht war es unser Beruf. Stell dir vor, wir beide wären zusammen. Das würde vermutlich auch nicht gutgehen.«

Clara wurde nachdenklich. Gedanklich wägte sie ihre Antwort ab.

»Früher hab ich immer gesagt, dass das Beste, was mir passieren könnte, ein Kollege sei. Da wäre wenigstens garantiert, dass er in der Ausbildung seine eigenen Dachschäden aufgearbeitet hätte.«

Sie schaute Alex schmunzelnd an. Doch dann wurde sie wieder ernst.

»Vermutlich bin ich zu anspruchsvoll geworden.« Sie spielt am Rand ihres Weinglases. »Lieber bleibe ich allein, als wieder jemanden an meine Seite zu lassen, der erst mal lernen muss, mit sich selber klarzukommen.«

Alex musterte sie eindringlich. Er versuchte in ihren Augen abzulesen, was genau hinter dieser Aussage stand.

»Hübsch gesagt!«, entgegnete er schließlich. »Und was ist es wirklich?«

Clara wich seinem Blick aus. Sie mochte es nicht, wenn Alex sie durchschaute. Dabei war ihr klar, dass das allein sein Job schon mit sich brachte.

»Wovor hast du Angst?«, bohrte er weiter.

Clara rutschte unruhig auf dem Sofa hin und her. Sie wusste, dass er nicht locker lassen würde, bis sie ihm eine Antwort gegeben hatte. Aus dem anfänglich losen nachbarschaftlichen Kontakt hatte sich schnell eine gegenseitige Sympathie entwickelt. Und auch wenn sich beide nicht vorstellen konnten, miteinander anzubandeln, so fühlten sie eine tiefe, freundschaftliche Verbundenheit zueinander. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Hey!«, stieß Alex einfühlsam hervor. »Da hab ich wohl einen wunden Punkt getroffen, was?«

Er rutschte näher an Clara heran und legte ihr tröstend seine Hand auf die Schulter. »Entschuldige bitte!«

Sie nahm sich ein Taschentuch und schnäuzte sich die Nase. Alex ließ ihr die Zeit, um sich wieder zu fangen. Dann schaute er sie auffordernd an. Die Gelegenheit zum Ausweichen wollte er ihr nicht geben.

»Ich habe es immer damit begründet, dass ich einfach keine Zeit für eine neue Partnerschaft habe«, fing Clara an zu erzählen. Sie suchte nach den richtigen Worten. Es fiel ihr schwer, ihr Innerstes preiszugeben. Zu gerne versteckte sie sich hinter rationalen Argumenten. Die meisten Leute konnte sie damit täuschen. Doch Alex ließ sich damit nicht abspeisen.

»In Wirklichkeit …«, sie stockte. Sie schaffte es nicht, es auszusprechen.

»… hast du Angst, wieder jemanden nah an dich heranzulassen und verletzt zu werden!«, beendete Alex betroffen den Satz für sie.

Clara nickte. Für einen Moment schwiegen sie. Dabei ließ Alex sie nicht aus den Augen.

»Was ist passiert?«, hakte er nach.

Es dauerte eine Weile, bis Clara mit brüchiger Stimme antwortete.

»Ich bin nicht gut in Gefühlsdingen. Ich tue mich schwer, meine Bedürfnisse in einer Beziehung klar zu äußern. Oder meine Gefühle zu zeigen. Dabei stelle ich mich oft sehr ungeschickt an.«

Wieder hielt sie inne.

»Was ist passiert?«, wiederholte Alex seine Frage, denn er wusste, dass dies nicht die Antwort sein konnte.

Clara seufzte. Sie suchte nach den richtigen Worten.

»Ich habe damit einem Mann sehr vor den Kopf gestoßen. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich mich ganz und gar auf jemanden eingelassen. Ohne Netz und doppelten Boden. Ich habe ihn bedingungslos geliebt. Und war selber überfordert damit. Er hat mein doppeldeutiges Verhalten nicht verstanden. Er konnte es nicht verstehen. Wie auch?« Ihre Frage klang wie eine Selbstanklage.

Sie machte eine Pause. Sie musste es schaffen, den aufkommenden Schwall Tränen zurückzudrängen, denn sie wollte sich vor Alex nicht die Blöße geben.

»Er hat mich verlassen. Oder ich habe ihn weggestoßen. So hat er es empfunden. Aus seiner Sicht musste es so aussehen. In einer Situation, wo ich ihn am nötigsten brauchte und er wirklich fürsorglich für mich da war, habe ich ihn so sehr vor den Kopf gestoßen, dass er jeden weiteren Kontakt, jeden Versuch, mich ihm zu erklären, abgewehrt hat. Ich habe ihn zu sehr verletzt. Er konnte nicht anders, aus reinem Selbstschutz.«

Sie schwiegen. Alex wusste, dass es keinen Sinn hatte, nachzufragen, was sie mit einigen Andeutungen meinte. Er kannte Clara gut genug, um zu wissen, dass sie sich dann möglicherweise nur wieder verschließen würde. Er war ja schon überrascht, dass sie überhaupt so offen war und ihm von ihrer Vergangenheit erzählte.

»Ich kann ihn verstehen!«, schob Clara nach einer Weile hinterher.

»Bist du da nicht etwas sehr streng mit dir selbst? Es gehören immer zwei dazu!«, entgegnete Alex.

»Ja, sicherlich!«, lenkte Clara ein. »Aber unsere Beziehung war zu jung, als dass wir die Verhaltensweisen des Anderen immer hätten richtig deuten können. Ich war einfach zu unbeholfen in meinen Versuchen, mit ihm über mein Innerstes zu reden. Zum ersten Mal habe ich mich meinen Gefühlen hingegeben und war überfordert damit, wie stark sie waren. Sie waren … so unkontrollierbar. Etwas, was ich zuvor nicht kannte, etwas, das mir wohl in dem Moment einfach nur Angst machte. Und weil sie so stark waren, fand ich keine Worte für sie.«

»Was hättest du dir denn von ihm gewünscht?«

Clara überlegte lange, bevor sie antwortete.

»Vielleicht Möglichkeiten gezeigt zu bekommen, wie ich meine inneren Dialoge, meine Gefühle, hätte ausdrücken können. Er konnte das wirklich gut. Ich habe ihn dafür bewundert, wie leicht ihm das fiel. Er fand immer die richtigen Worte. Ganz anders als ich.«

Sie stockte.

»Er warf mir bei der Trennung vor, dass ich in einem totalen Gefühlschaos leben würde, das für niemanden zumutbar sei. So gesehen hatte er recht. Mit ihm zusammen war es so. Es war alles neu für mich: meine Gefühle für ihn, mich hingeben zu wollen, all das eben. Ich hatte das Gefühl, es bei ihm zu können, dass er stark genug für mich sei, auch auszuhalten, dass die Anfänge holprig sein würden. Ich musste es doch erst lernen. Ich hatte gehofft, dass er mir dabei helfen könnte. Es waren meine ersten Gehversuche, und das hat wohl auch ihn überfordert. Vielleicht hatten wir gegenseitig zu hohe Erwartungen aneinander.«

Die Traurigkeit überkam sie erneut.

»Noch nie tat mir eine Trennung so weh! Nie zuvor habe ich mich so verwundbar gemacht. Ich möchte diesen Schmerz nie wieder erleben. Das ist es, wovor ich Angst habe!«

Sie schaute ihn niedergeschlagen an, während eine Träne ihre Wange herunterlief. Alex seufzte mitfühlend und nahm sie fest in den Arm.

»Dich jetzt wieder zu verschließen, macht diese Erfahrung auch nicht wett. Lass nicht zu, dass dein Kopf zum Wächter deiner Gefühle wird. Zur Liebe gehört es dazu, sich verletzlich zu machen. Und damit auch der Schmerz. Und es gehört dazu, auch mal Fehler zu machen sowie ein Partner, der dir zuhört und Verständnis für dich aufbringen kann, gerade, wenn du dich aus deiner Sicht besonders verwundbar machst.«

»Naja, irgendwann ist jedes Verständnis auch mal aufgebraucht. Scheinbar war er an diesem Punkt angelangt. Das musste ich respektieren.«

»Ich weiß zu wenig über die ganzen Hintergründe. Doch dich selber auf diese Art und Weise fertigzumachen, ist niemals, in keinem mir denkbaren Fall, berechtigt.«

Clara zuckte müde mit den Schultern und wischte sich die Tränen weg.

»Wir sind nur nicht mehr in dem Alter, wo wir darauf warten wollen, dass der Partner irgendwann die Entwicklung dorthin schafft, von wo aus ich gerne in einer Beziehung starten würde.«

»Die Entwicklung dorthin hast du doch schon längst gemacht. Er hätte dich nur ein wenig darin unterstützen müssen, die letzten Schritte der Umsetzung leichter hinzubekommen.«

Alex schaute sie an. Ihre Verletzlichkeit spiegelte sich in ihrer ganzen Körperhaltung wider. Zusammengekauert saß sie auf dem Sofa und sah wie ein Häuflein Elend aus.

»Es tut mir so leid, Clara, dass du diese Erfahrung machen musstest«, versuchte er sie zu trösten.

»Ja. Ich wünschte, ich hätte ihm das damals alles erklären können. Vielleicht hätte es nichts geändert, aber vielleicht hätte ich auch die Tür noch einmal öffnen können. Wer weiß das schon?«

»Richtig, wer weiß das schon. Es bringt also nichts, sich darüber Gedanken zu machen. Das nächste Mal wirst du früher merken, was mit dir los ist. Vielleicht wirst du dich dann gar nicht mitteilen müssen, weil du jemanden an deiner Seite hast, der das erkennt. Auch so etwas gibt es. Jetzt ist es an der Zeit, nach vorne zu blicken. Du bist zu jung, um für immer Single zu bleiben!« Er stupste sie an und legte bewusst ein wenig Leichtigkeit in seine Worte. »Also fang an, deine Mauern abzubauen und der Liebe noch einmal eine Chance zu geben.«

Clara nickte.

»Ja, vermutlich hast du recht. Wäre nur mein Herz nicht immer noch von ihm besetzt …!«

Mit einem tiefen Seufzer schaute sie Alex an, der mitfühlend lächelte. All dies kam ihm so vertraut vor.

»Dann wird es um so mehr Zeit, dass du endlich mit ihm abschließt und am Samstag einen schönen Abend verbringst. Du hast mir übrigens immer noch nicht erzählt, was du machst!«, wechselte er bewusst das Thema. Clara lächelte ihm dankbar zu. Sie schätzte seine Gabe, das Gespräch in seichtere Gewässer zu führen, ohne das vorherige Thema bedeutungslos erscheinen zu lassen.

Als Alex eine Stunde später ihre Wohnung verließ, ging es Clara wieder besser. Trotz der aufgewühlten Gefühle verspürte sie eine Erleichterung. Gleichzeitig bedauerte sie, dass sie Mark damals nicht erklären konnte, was mit ihr los war. Als sie ihn wegschickte, hatte sie sich eigentlich nichts sehnlicher gewünscht, als in den Arm genommen zu werden. Sie hätte so gerne von ihm gehört, dass alles okay sei und sie das gemeinsam schaffen würden. Stattdessen verfiel sie in ihre alte Gewohnheit, mit diesem gerade aufkommenden Gefühlsschwall alleine klarkommen zu wollen. Die Verletzungen, die sie sich anschließend gegenseitig zufügten, dienten mehr dazu, den emotionalen Abstand herzustellen, um sich vom Anderen besser lösen zu können. Bei vielen Klienten konnte Clara beobachten, dass Wut und Enttäuschung es leichter machten, die Beziehung abzuwerten und dadurch einen vermeintlich besseren Umgang mit dem Schmerz zu finden. Was wäre wohl gewesen, wenn sie es geschafft hätten, darüber zu sprechen, ohne den Anderen durch Beleidigungen, Vorwürfe und Schuldzuweisungen auf Abstand zu halten? Es war wohl für sie beide zu gefährlich. Die Verletzungen waren zu groß, als dass so ein Gespräch auch nur einem von ihnen möglich war.

Clara stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie dachte an die Lebenssituation, in der sie damals steckte. Doch der Erinnerung an diesen Schmerz wollte sie sich heute nicht mehr aussetzen. Sie löschte das Licht im Wohnzimmer und ging ins Bett. Sie musste die Vergangenheit loslassen. Bis sie in einen traumlosen Schlaf fiel, hatte sie noch keine Idee, wie ihr das gelingen konnte.

Kapitel 3

»Ach, mein lieber Sohn, ich will dir doch nicht immer zur Last fallen!«

»Das tust du nicht, Mutter. Glaub mir!« Er machte die Beifahrertür zu. Als er auf der Fahrerseite einstieg, fiel ihm ein, dass er die Krankenkassenkarte seiner Mutter in der Küche liegen lassen hatte. Er stieg wieder aus und erklärte ihr, dass er noch etwas holen müsse. In der Küche fand er die Karte auf dem Tresen, der diesen Bereich vom Esszimmer trennte. Für einen Moment hielt er inne. Durch das Fenster fielen warme Sonnenstrahlen, die das Zimmer in ein goldenes Licht tauchten. Er setzte sich auf den Barhocker vor dem Küchentresen, schloss die Augen und atmete einmal tief durch.

Die letzten Wochen waren anstrengend gewesen. Der Ärger mit seiner Exfrau um den gemeinsamen Sohn, der Stress auf der Arbeit und zu guter Letzt die Sorgen um den Gesundheitszustand seiner Mutter, setzten ihm enorm zu. Damit, dass er seine Beziehung vor zwei Monaten beendet hatte, konnte er sich noch gar nicht weiter auseinandersetzen. Ihm fehlten Zeit und Muße dazu. Doch in den letzten Tagen überkam ihn häufig ein Gefühl der Traurigkeit, gepaart mit Momenten der Einsamkeit, die er nicht mehr ignorieren konnte.

Sonnenstrahlen fielen auf seine Haut. Die Wärme, die sie an diesen Stellen erzeugte, breitete sich in seinem ganzen Körper aus. Er hörte die Küchenuhr im Hintergrund leise ticken. Ein paar Holzdielen vom Fußboden knarzten. Ein Hauch Kaffeeduft vom Frühstück lag noch im Raum, der sich wohlig in seiner Nase ausbreitete. In diesem Moment durchströmte ihn ein Gefühl von Frieden und Glückseligkeit.

Als er eine Autotür zuschlagen hörte, fand er zurück in die Realität. Zu gerne hätte er den Termin mit seiner Mutter schon hinter sich. Seitdem es ihr wieder schlechter ging, war sein Leben nicht gerade einfacher geworden. Er konnte sie nur noch selten alleine lassen, ein normales Gespräch mit ihr war fast unmöglich geworden. In der Zeitung hatte er von dem Behandlungsangebot gelesen, das auf die Erkrankung seiner Mutter zugeschnitten war. Es schien nicht einfach, seine Mutter dort unterzubringen. Im Vorgespräch wurde ihnen gesagt, dass es ein Auswahlverfahren geben würde, da sich so viele Teilnehmer gemeldet hätten. Um so erleichterter war er, als er schon zwei Wochen später die Zusage bekam. Das würde ihn sehr entlasten.

Zügig verließ er das Haus. Er setzt seine Mutter, die wieder ausgestiegen war, um nach ihm zu suchen, zurück ins Auto. Dann stieg auch er ein und fuhr schwungvoll vom Grundstück. Er wollte nicht zu spät kommen.

Kapitel 4

Clara parkte ihr Auto vor dem Psychotherapeuticum und balancierte einen Stapel Papiere, drei Packungen Servietten, eine Packung Kaffee und drei Liter Milch auf ihren Armen in Richtung Eingang. Sie musste sich beeilen. Heute startete das Projekt. Während die Patienten ihren Gruppen zugeteilt wurden, hatte ihr Chef eine Eröffnungsfeier organisiert. Dafür hatte Clara ein paar letzte Kleinigkeiten besorgt.

Als sie schwungvoll um die Hausecke bog, sah sie zu spät die beiden Personen, die auf Kollisionskurs mit ihr waren. Sie schaffte es nicht rechtzeitig, auszuweichen. So prallte sie mit nur leicht abgebremster Wucht auf einen Mann, der eine ältere Frau blitzartig losließ, um sie aufzufangen.

»Na, das ist ja gerade noch einmal gut gegangen!«, hörte sie eine sympathische Stimme sagen. In der Tat war nix passiert, lediglich die Packung Kaffee war von ihrem Stapel gerutscht. Der Mann hob sie auf und legte sie zurück auf ihr Türmchen.

»Tut mir leid. Ich bin manchmal einfach zu schwungvoll! Haben Sie vielen Dank für Ihr beherztes Zugreifen!«, entschuldigte sich Clara mit einem gehetzten Lächeln. Sie wollte schon weitergehen, als ihr der Mann etwas nachrief.

»Ach, entschuldigen Sie. Könnten Sie uns sagen, wo wir Frau Richter finden?«

Clara drehte sich um.

»Sind Sie Teilnehmer des Projektes »Perspektive Plus«?«

»Ja. Ich bringe meine Mutter hin. Wir sind spät dran und ich weiß nicht, wo wir hin müssen«, erklärte der Mann.

»Kommen Sie mit, ich begleite Sie ein Stück!«

Clara wartete, bis der Mann mit der älteren Dame auf ihrer Höhe war. Dann ging sie zügig weiter. Als sie im Gebäude waren, brachte sie die beiden zum Fahrstuhl.

»Wenn Sie in den dritten Stock fahren, ist es rechts den Gang entlang, Zimmer 306«, erklärte sie ihnen den Weg.

»Haben Sie vielen Dank, Frau…?«, der Mann machte eine Pause und schaute sie fragend an.

»Matthiesen!«, erwiderte Clara.

»Frau Matthiesen. Brauchen Sie noch Hilfe, oder gehört Jonglage zu Ihrem Job?«, fragte er augenzwinkernd.

Clara war zu perplex, um auf diesen Scherz einzugehen. Außerdem war sie angespannt.

»Danke, es geht schon!«, entgegnete sie daher wortkarg. Sie hatte schon genug kostbare Zeit verloren. Schnell stieg sie die Treppen hinauf. Sie wusste, dass ihr Chef nervös wurde, wenn nicht alles mit genügend Puffer für Eventualitäten bereit war. Und da sowohl der Bürgermeister als auch die Presse geladen waren, sollte sie lieber einen Zahn zulegen, bevor Herr Stürmer ganz und gar die Nerven verlor.

»Da sind Sie ja endlich, Frau Matthiesen!«, begrüßte er sie aufgeregt. Als Geschäftsführer fühlte er sich persönlich dafür verantwortlich, dass diese Veranstaltung ein Erfolg wurde.

Die Tische im Konferenzsaal waren bereits beiseitegestellt. Stattdessen zierten Stehtische die eine Hälfte des Raumes. Auf ihnen standen kleine Schälchen mit Knabbereien. Unter der Fensterfront war das Buffet aufgebaut, das es nach den verschiedenen Festreden geben sollte. Clara gab Frau Schuster ihre Einkäufe und rückte ihr Jackett zurecht. Sie war nervös. Solche Veranstaltungen waren nichts für sie. Sie hielt sich lieber im Hintergrund, anstatt im Rampenlicht zu stehen. Sie mochte es nicht, die volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch diesmal ließ es sich nicht vermeiden. In ihrer Position gehörten solche Auftritte dazu.

»Auf in den Kampf!«, spornte sie sich an, als alle Gäste versammelt waren, und trat aufgeregt ans Rednerpult.

Nervös hieß sie die Leute herzlich willkommen. Anschließend erzählte sie kurz etwas zur neu eröffneten Abteilung und den Arbeitsschwerpunkten des Projektes, das dort stattfinden sollte. Dann übergab sie das Wort an Herrn Stürmer. Sie wollte sich gerade in den hinteren Teil des Raumes zurückziehen, als er sie freundlich zurückpfiff.

»Nein, nein, Frau Matthiesen, bleiben Sie mal schön hier. Rennen Sie nicht gleich davon!«, hielt Herr Stürmer sie von ihrem Vorhaben ab. Clara blieb stehen und setzte ein professionelles Lächeln auf.

»Unsere gute Frau Matthiesen mag es nämlich gar nicht, wenn Sie zu sehr im Mittelpunkt steht«, richtete er seine weiteren Worte ans Publikum. Er merkte nicht, dass er Clara damit in Verlegenheit brachte. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken, als sich ihre Wangen zartrosa verfärbten. Schnell blickte sie zu Boden, in der Hoffnung, dass die Anwesenden es nicht mitbekommen würden.

»Dabei stünden wir alle nicht hier, wenn es nicht den beherzten und so unermüdlichen Einsatz von unserer guten Frau Matthiesen gegeben hätte, meine Damen und Herren!«, fuhr Herr Stürmer fort. Er genoss es, dort vorne zu stehen, etwas, das Clara nicht nachvollziehen konnte. Fast beneidete sie ihn ein bisschen darum. Es wäre sicherlich vieles leichter für sie, wenn sie damit genauso wenig Probleme hätte wie er.

Nach den Worten von Claras Chef schlossen sich drei weitere Reden an. Alle waren sie voll des Lobes auf das, was Clara geschaffen hatte. Sogar der Bürgermeister rühmte ihr hohes Engagement und hob die Bedeutung dieses Projektes für die Stadt Lübeck hervor.

Als endlich alle Redner gesprochen hatten und Clara um mehrere Blumensträuße reicher war, atmete sie auf. Jetzt musste sie nur noch die persönlichen Glückwünsche und Zusprüche der Gäste überstehen, dann hätte sie es geschafft. Gerade wollte sie sich ein Glas Sekt nehmen, als sie von hinten angesprochen wurde.

»Gratulation, Frau Matthiesen. Ihr Projekt läuft gut an. Sie genießen eine hohe Anerkennung in ihren Kreisen!«

Clara drehte sich um.

»Herr Martens!«, freute sie sich sichtlich. Tatsächlich war sie froh, ihn hier zu sehen. »Schön, dass Sie es doch noch geschafft haben. Ich dachte, Sie hätten einen wichtigen Termin?«

Ihre Sekretärin hatte Clara vor drei Tagen darüber informiert, dass Herr Martens telefonisch abgesagt hatte. Um so verwunderter war sie, dass er nun vor ihr stand.

»Ich wollte Ihnen zumindest kurz persönlich gratulieren. Naja, und mir noch ein paar Schnittchen abholen!«, schob er scherzend nach.

Clara lachte.

»Das freut mich aber, Herr Martens! Einen solchen Anlass auszusparen, wäre auch nicht Ihre Art!« feixte sie. Sie reichte ihm ein Glas Sekt mit O-Saft.

Wieder war er fasziniert von der Frische und Spritzigkeit dieser Frau. Ihre Zurückhaltung, die er heute vor all den Menschen erlebte, schien gar nicht dazu zu passen.

»So ganz ihr Ding ist das nicht, im Rampenlicht zu stehen, was? Man hat Ihnen angemerkt, wie unwohl Sie sich gefühlt haben!«, überging er die Bemerkung. Er zwinkerte ihr fröhlich zu.

»Der ganze mir zugetragene Dank gilt in erster Linie Ihnen. Ohne Sie hätten wir dieses Projekt nie starten und diese Abteilung von uns nie ausweiten können.«

»Nicht so bescheiden, Frau Matthiesen. Ihren exakten Ausarbeitungen, Ihren fundierten Vorarbeiten und vor allem Ihrer überzeugenden Promotion des Projektes ist es zuzuschreiben, dass wir heute alle hier stehen! Die beste Idee taugt nichts, wenn sie nicht gut ausgearbeitet ist.«

»Okay, okay!«, lenkte Clara ein. »Ich will mich nicht mit Ihnen streiten. Sie mögen ja recht haben. Doch ich bin mir sicher, dass das nicht an mir lag. Andere Menschen hätten das genauso hinbekommen. Daher ist mir das überschwängliche Lob der ganzen Redner etwas zu viel des Guten.«

Sie reichte ihm die Schnittchenplatte.

»Wenn Sie schon nur deshalb hier sind, dann greifen Sie mal ordentlich zu, Herr Martens!«, scherzte sie.

Er musste lachen. Diese Frau war unglaublich. Schon lange wurde er nicht mehr so sehr in den Bann eines Menschen gezogen, wie von dieser Frau Matthiesen. Sein Job brachte es mit sich, dass er mit kühlem Kopf, sachlich und emotional distanziert, an Dinge und Menschen heranging. Dazu ging es um zu viel Geld, als dass er sich ausschließlich von Emotionen leiten oder sich von Menschen hinreißen lassen durfte.

»Ich hätte etwas verpasst, wenn ich mir Ihre charmante Art entgehen lassen hätte, Frau Matthiesen!«, konterte er, bevor er nach einem Schnittchen griff.

Clara lachte.

»Dann ist es ja gut, dass Sie sich doch noch entschieden haben, vorbeizuschauen. Meinen Charme versprühe ich nicht jeden Tag.«

»Hoffentlich auch nicht bei jedem Menschen!«, flachste er.

»Auch das nicht. Sie haben also einen guten Tag erwischt!«

Clara biss sich innerlich auf die Zunge. Was tat sie hier? Flirtete sie etwa mit Herrn Martens? Sie musste aufhören damit. Er war ihr Hauptgeldgeber für das Projekt. Sie musste unbedingt schauen, dass sie wieder einen angemessenen Umgang mit ihm fand.

»Entschuldigen Sie, Herr Martens, das war unpassend!«, ruderte Sie zurück und hoffte, dass sie ihm nicht zu nahe getreten war. Doch Herr Martens lachte beseelt.

»Dafür müssen Sie sich doch nicht entschuldigen, Frau Matthiesen. Ich habe Ihre Aussage so gedeutet, dass ich mich glücklich schätzen darf, Ihrem Charme erlegen sein zu dürfen, wenn Sie ihn bei mir auspacken.«

Clara errötete. Herr Martens sah lächelnd darüber hinweg.

Sie tauschten noch ein paar Sätze miteinander aus, bis Clara von anderen Gästen in Beschlag genommen wurde. Immer wieder wanderte ihr Blick in seine Richtung. Sie bekam mit, dass ihr Chef auf Herrn Martens zuging, ihn beiseite nahm und mit ihm sprach. Erst, als sich Herr Martens und ihr Blick trafen, merkte sie, dass sie ihn die ganze Zeit angestarrt hatte. Schnell schaute sie weg.

»Reiß dich zusammen!«, mahnte sie sich selbst und wandte sich wieder ganz ihrem Gesprächspartner zu, der hoffentlich nicht bemerkt hatte, dass sie mit ihren Gedanken ganz woanders war.

Eine Viertelstunde später sah sie, dass sich Herr Martens von den verschiedenen Vertretern aus Politik und Stadtrat verabschiedete. Zu gerne hätte sie ihm noch einmal persönlich die Hand geschüttelt, doch der Bürgermeister hatte sie gerade in ein Gespräch verwickelt, das sie unmöglich abbrechen konnte. Auch Herr Martens erkannte, dass sie unabkömmlich war. Er winkte ihr zum Abschied noch einmal freundlich zu. Dann verließ er den Saal. Ihr blieb nichts anderes übrig, als bedauernd hinter ihm herzuschauen, wie er den Gang entlang zum Fahrstuhl ging, diesen links liegen ließ und die Tür zum Treppenhaus öffnete.

Sie mahnte sich innerlich zur Raison. Was war nur los mit ihr? Sie war doch sonst nicht so emotional. Scheinbar hatte das Gespräch mit Alex vom Vortag mehr in ihr gearbeitet, als ihr lieb war. Als sie gestern Abend ins Bett ging, spürte sie nach langer Zeit mal wieder diesen Funken Sehnsucht nach einer Schulter zum Anlehnen. Eigentlich hatte sie das Gefühl der Einsamkeit gut im Griff. Es hatte sich lange nicht mehr gemeldet. Clara war glücklich mit ihrem Leben. Sie hatte sich darin eingerichtet. Sowohl die Abläufe mit Jonas als auch die auf der Arbeit waren gut aufeinander abgestimmt. Daran etwas zu ändern, machte keinen Sinn. Es würde nur alles wieder durcheinanderbringen, was sie mühselig in ihrem Leben als Routinen etabliert hatte.

Eineinhalb Stunden später, als alle Gäste weg waren, räumte sie mit Frau Schuster die letzten Gläser in die Küche.

»Sie müssen wirklich nicht mit anpacken, Frau Matthiesen!«, erklärte Frau Schuster ihr zum wiederholten Male. Clara schaute auf die Uhr. Es war schon spät. Sie hatte Jonas versprochen, ihn heute früher aus der Betreuung abzuholen. Außerdem sollte Finn gleich von dort aus mit zu ihnen kommen.

»Vielen Dank, Frau Schuster. Dann überlasse ich Ihnen den Rest und werde für heute Feierabend machen«, beschloss sie. Auf dem Weg in ihr Büro ließ sie den Vormittag noch einmal Revue passieren. Alle waren sehr aufgeschlossen dem Projekt gegenüber. Trotz des mutigen, weil so noch nirgends dagewesenen Konzeptes gab es kaum Vorbehalte. Darüber freute sie sich am meisten. Das Gespräch mit Herrn Martens kam ihr wieder in den Sinn. Was hatte er gesagt? »Die beste Idee taugt nix, wenn sie nicht gut ausgearbeitet ist.« Clara hatte viel Zeit in die Ausarbeitung gesteckt. Von der ersten Idee bis zur Umsetzung hatte es fast zwei Jahre gedauert. Sie konnte stolz darauf sein, was sie geschafft hatte. Zufrieden packte sie ihre Sachen zusammen.

Bevor sie das Psychotherapeuticum verließ, klopfte sie noch einmal bei ihrem Chef an die Tür. Sie wollte sich bei ihm bedanken.

»Ach, Frau Matthiesen. Kommen Sie doch bitte kurz herein und setzen Sie sich einen Moment!«

»Wenn es wirklich schnell geht, Herr Stürmer. Ich habe meinem Sohn versprochen, ihn heute früher abzuholen. Dieses Versprechen möchte ich gerne einhalten.«

»Jaja, keine Sorge, Frau Matthiesen. Ich halte Sie nicht lange auf. Ich wollte Ihnen nur noch einmal herzlich für Ihren engagierten Einsatz und Ihre hohe Motivation für unsere Einrichtung danken. Eine bessere Wahl, als Sie in die Leitungsebene zu holen, konnten wir nicht fällen, Frau Matthiesen.«

»Herr Stürmer, Sie wissen, wie viel mir an dem Projekt liegt. Auch, wenn ich selber nicht aktiv an der Behandlung der Patienten beteiligt sein kann. Es war mir ein persönliches Anliegen.«

Sie lächelte freundlich.

»Ja, das weiß ich, Frau Matthiesen. Durch dieses Engagement von Ihnen haben wir die Anschlussfinanzierung heute sichern können.«

Clara schaute ihn entgeistert an. Hatte sie richtig gehört? Über die Stiftung war das Projekt für zwei Jahre finanziert. Über die Anschlussfinanzierung musste sie sich noch Gedanken machen. Zwar hatte sie mit Politik und Stadt schon erste Gespräche geführt, aber diese standen erst am Anfang.

»Ja, Sie haben richtig gehört. Der Ministeriumsvertreter hat mir die Weiterfinanzierung zugesichert, wenn die Abteilung ein drittes Jahr von uns finanziert und das Projekt danach erfolgreich weitergeführt wird. Ich habe mit Herrn Martens gesprochen, ob er sich vorstellen könne, uns auch ein weiteres Jahr mit seinen Stiftungsgeldern zu unterstützen. Er gab mir vorbehaltlich der Ergebnisse der ersten Zwischenbilanzen eine mündliche Zusage.«

Clara war sprachlos. Sie brauchte einen Moment, bis sie die Information ihres Chefs verarbeitet hatte.

»Aber … das … das ist ja der Wahnsinn. Wissen Sie, was Sie da gerade sagen, Herr Stürmer?«, stotterte sie begeistert. Sie konnte noch nicht glauben, was sie gerade gehört hatte.

Herr Stürmer lachte und drückte fest ihren Oberarm.

»Ich dachte mir, dass Sie das freut, Frau Matthiesen!« Er