Crushing Colors - Tami Fischer - E-Book + Hörbuch
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Crushing Colors Hörbuch

Tami Fischer

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Beschreibung

Eine impulsive Wette und unerwartetes Herzklopfen: In »Crushing Colors«, dem 5. und letzten New-Adult-Roman der erfolgreichen »Fletcher University«-Reihe von Bestseller-Autorin Tami Fischer, treffen die Erzfeinde Summer & Brigham aufeinander – was ganz anders läuft als von beiden gedacht … Summer Andrews genießt ihr Leben in vollen Zügen, vor allem die vielen Partys und Dates. Doch es gibt eine Sache, über die sie nicht spricht: Sie war noch nie verliebt und fragt sich allmählich, ob sie dazu überhaupt in der Lage ist. Als über die Feiertage all ihre Freundinnen verreisen und Summer ausgerechnet mit Brigham, ihrem nervtötenden Nachbarn, allein zurückbleibt, kommt es zwischen ihr und dem Frauenhelden zu einer brisanten Wette.  Von diesem Moment an fliegen zwischen Summer und Brig nicht mehr nur die Fetzen; es beginnt auch gewaltig zwischen ihnen zu knistern. Besonders, als überraschender Besuch vor Summers Tür steht und dadurch ihre komplette Welt auf den Kopf gestellt wird … In »Crushing Colors« öffnet die Fletcher University ein letztes Mal ihre Tore. Eine Freundes-Clique, die man beim Lesen sofort ins Herz schließt, funkensprühende Flirts, Romantik und die Suche nach sich selbst und der großen Liebe – all das machen die College-Liebesromane der Bestseller-Reihe von Tami Fischer aus.  »Ein absolutes New-Adult-Highlight, das ich auf jeden Fall nochmal lesen werde.« Seitenträumer (Blog) über »Moving Mountains«  Die Liebesromane der »Fletcher University«-Reihe sind in folgender Reihenfolge erschienen: Jeder Band ist auch unabhängig von den anderen lesbar. - Burning Bridges (Ella & Ches) - Sinking Ships (Carla & Mitchell) - Hiding Hurricanes (Lenny & Creed) - Moving Mountains (Savannah & Maxx) - Crushing Colors (Summer & Brigham)

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Zeit:14 Std. 9 min

Sprecher:Rebecca Veil

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Tami Fischer

Crushing Colors

Roman

Knaur eBooks

Über dieses Buch

Eine impulsive Wette und Herzklopfen wider Willen

Summer genießt ihr Leben in vollen Zügen, vor allem die vielen Partys und Dates. Doch es gibt eine Sache, über die sie nicht spricht: Sie war noch nie verliebt und fragt sich allmählich, ob sie dazu überhaupt in der Lage ist. Als über Thanksgiving all ihre Freundinnen verreisen und Summer ausgerechnet mit Brigham, ihrem nervtötenden Nachbarn, allein zurückbleibt, kommt es zwischen ihr und dem Frauenhelden zu einer brisanten Wette. 

Von diesem Moment an fliegen zwischen Summer und Brig nicht mehr nur die Fetzen, es beginnt auch gewaltig zwischen ihnen zu knistern. Doch dann steht überraschender Besuch vor Summers Tür, und ihre komplette Welt wird auf den Kopf gestellt …

Inhaltsübersicht

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Epilog

Playlist

Danksagung

Für meine Eltern, Leyla, Mona, Nina und Michelle.

 

 

 

Für alle, die das Gefühl haben, nicht genug und gleichzeitig »zu viel« zu sein.

Zu leise, zu laut, zu klein, zu groß, zu normal, zu anders, zu dünn, zu kurvig …

 

Ihr seid genau richtig.

Und ihr seid es wert, geliebt zu werden.

Kapitel 1

Wenn ich eins über die Jahre gelernt hatte, dann, dass Intimwaxing dabei half, schlechte alltägliche Erlebnisse besser dastehen zu lassen. Lauwarmes Lieferessen, das eine Stunde zu spät kommt? Verspannter Nacken? Ein eingerissener Fingernagel? Brühend heißes Wachs auf der Vulva schafft es immer, diese Erlebnisse in den Schatten zu stellen.

Das dachte ich zumindest. Mein heutiges Date hatte meine Meinung geändert und bewies mir, dass es sehr wohl Dinge gab, die unangenehmer waren. Und das, obwohl Tyler und ich schon ein paarmal miteinander geschlafen hatten – zuletzt an Halloween vor ein paar Tagen – und der Sex nicht schlecht gewesen war. Ihn zu daten war jedoch vollkommen anders und unerwartet furchtbar. Der wahr gewordene Albtraum. Eine muffige Fünfer-WG von unordentlichen Footballspielern? Check. Eine verdreckte Küche, in der es weder einen sauberen Teller noch Besteck gab, an dem keine getrockneten Essensreste klebten, obwohl alles in Schubladen und Schränken verstaut war? Check. Ein Kerl, der den ganzen Abend nur mit meinen Brüsten sprach und unangebrachte Kommentare machte, die er als Humor verpackte? Check, check, check, check. Tyler war vielleicht heiß, aber das war es mir nicht wert. Dabei hatte ich mich auf den heutigen Abend gefreut. Ich hatte wirklich geglaubt, dass er mich kennenlernen wollte. Textnachrichten, passabler Sex und ein richtiges Date waren wohl nach wie vor drei vollkommen unterschiedliche Dinge, die unterschiedliche Seiten einer Persönlichkeit zum Vorschein brachten.

Ich beeilte mich, in meinen Wintermantel zu schlüpfen, und wickelte mir den dicken Schal um – nur ganz zufällig bedeckte er dabei mein halbes Gesicht. Das beste Anti-Abschiedskuss-Schutzschild, das mir auf die Schnelle eingefallen war. »Danke für das Essen, Ty«, sagte ich lächelnd. »Es war ein netter Abend.« Zumindest für ihn.

Tyler erwiderte mein Lächeln so strahlend wie ein aufgeweckter Welpe – ein schnuckeliger Welpe mit Dreitagebart, dunklen Haaren und kantigem Kiefer – und folgte mir zur Wohnungstür, während ich meine Handtasche schulterte. Oh, schick. Neben der Tür hing ein drei Jahre alter Kalender mit halbnackten Frauen drauf. Der war mir vorhin noch gar nicht aufgefallen.

»Und du bist sicher, dass du schon gehen willst, Summer? Wir könnten uns auf meinem Laptop noch irgendeine Serie ansehen und kuscheln oder so.«

Ich drehte mich zu ihm um und runzelte die Stirn. Nicht weniger plump wäre es gewesen, hätte er einfach gefragt, ob ich nicht noch Lust auf eine schnelle Nummer hätte. Tyler war wirklich süß. Welpen-süß. Er war einen halben Kopf kleiner als ich, aber das war nichts, was ich nicht schon kannte. Die meisten Leute waren ein wenig kleiner als ich. Bei meinen ein Meter fünfundachtzig war das auch nicht anders zu erwarten. Aber sein Verhalten heute Abend hatte alles kaputt gemacht, und ich hatte keine Lust, beide Augen zuzudrücken und wegzuhören, nur um eine gute Zeit zu haben. Ich war nicht verklemmt, wenn ich nicht über Witze lachen wollte, die auf Kosten meines ganzen Geschlechts gingen. Er war einfach nur ein Arschloch. Ein Arschloch, der diese Tatsache für eine gewisse Zeit ziemlich gut hatte verstecken können.

Ich schlug hinter meinem Schal-Schutzschild einen freundlichen Tonfall an. »Ich bin mir sicher, Ty. Aber danke für die Einladung.«

Wir verabschiedeten uns mit einer kurzen Umarmung. Dann drehte ich mich um und eilte durch den schmalen, kalten Hausflur. Was für eine Zeitverschwendung! Mir hätte klar gewesen sein sollen, dass das Date in die Hose gehen würde. Spätestens in der Sekunde, als Tyler spaßeshalber »Ab in die Küche, Weib!« gerufen hatte. Höchste Zeit, dieses Date in eine imaginäre Box zu packen und sie mit einem »So schnell wie möglich vergessen«-Siegel zu versehen.

Draußen erwarteten mich ein tiefschwarzer Himmel und stechend kalte trockene Luft, die nach Winter und Kaminfeuer roch. Ich verzog das Gesicht und schüttelte mich, während ich zu meinem Auto eilte. Die schmalen Bäume, die in ganz Fletcher die Straßen säumten, waren kahl. Trostlos. Braune, zertretene Blätter lagen auf den Gehwegen und wurden von warmen Lichtkegeln der Laternen beleuchtet. Kaum zu glauben, dass wir seit ein paar Tagen schon November hatten. Dieses Jahr war rasend schnell an mir vorbeigezogen. Und ich hatte mich immer noch nicht verliebt, hatte immer noch einen Dating-Reinfall nach dem anderen und war deshalb noch immer frustriert. Verflucht, wann hatte ich aufgehört, ein glücklicher Single zu sein? Wieso war ich überhaupt auf die absurde Idee gekommen, auf Dates gehen zu wollen? Mein ganzes Leben war ich auch gut ohne ernsthafte Dates ausgekommen. Aber nein, Summer Andrews hatte ja nicht schon genug Probleme und wollte sich auch das auf die Karte schreiben.

Ich setzte mich in mein Auto, schmiss die Handtasche auf den Beifahrersitz und zückte mein Handy. Ich hielt es vor mich und startete einen Videoanruf. Bevor ich in meinem Hirn die imaginäre Box mit dem Date verstaute, musste ich mich ein einziges Mal noch bei meinen Freundinnen auskotzen. Sie alle kannten Tyler, weil er genau wie wir an der Fletcher University studierte und oft die gleichen Partys wie wir besuchte.

Savannah war die Erste, die abhob. »Hey!«, sagte sie strahlend und richtete sich im verpixelten Video die Brille. Dann wackelte alles, vermutlich weil sie von irgendwo aufstand.

»Hi, Savy«, sagte ich und lächelte. »Was machst du grade? Hast du Zeit?«

Savannah war eine meiner ältesten Freundinnen. Sie, Ella und ich – wir waren ein unschlagbares Trio seit der Schulzeit. Von allen Menschen auf der Welt kannten die beiden mich am besten und andersherum.

»Maxx holt mich gleich ab, aber ein paar Minuten hab ich bestimmt noch. Carla, komm her!«, rief sie so laut, dass ich zusammenzuckte. »Summer ist dran!«

»Hab schon gesehen!«, erklang Carlas Stimme aus dem Hintergrund.

Carla und Ella nahmen den Anruf im gleichen Moment an, und ihre Videos erschienen auf meinem Handy. Carla gehörte ebenfalls zu meinen engsten Freundinnen, und wir kannten uns schon seit der Middleschool. Sie und Lenny – auch wenn die beiden erst im vergangenen Jahr Teil unserer eingeschworenen Truppe geworden waren.

»Hola«, sagte Carla mit unordentlichem Dutt auf dem Kopf und schob sich irgendetwas in den Mund. »Ich koche grade, deshalb kann ich nicht lange. Was gibt es?«

»Wie war dein Date?«, fragte Ella, mit der Kamera viel zu nah an ihrem Gesicht. Lenny drückte den Anruf weg. Vermutlich, weil sie auf der Arbeit war. Es war immerhin schon nach neun.

Ich atmete erleichtert auf, weil ich endlich mit meinen Freundinnen sprechen konnte, und ließ mich in der eisigen Dunkelheit tiefer in den Fahrersitz sinken. Egal, was war, meine Freundinnen waren immer da. Der Gedanke war mehr als tröstend, und er erfüllte mich mit Wärme.

»Es war grauenhaft«, begann ich und verzog das Gesicht. »Tyler war einfach … unausstehlich. In der Vergangenheit war er so anders! Als hätte er zwei Persönlichkeiten. Ich glaube, er hat sich selbst für einen charmanten Stand-up-Comedian gehalten. Er hat zwei Blondinenwitze gerissen, einen Kommentar über meine Größe abgelassen und dann im unpassendsten Moment überhaupt versucht, mich zu küssen. Von der schmuddeligen Wohnung will ich gar nicht erst anfangen. Echt, jedes Klischee über Footballer-WGs konnte ich abhaken.«

Ella verzog ebenfalls das Gesicht. »Das klingt ja furchtbar.«

»Autsch«, sagte Savannah und lächelte schief. Carla schüttelte nur den Kopf. »Männer. Die können einem gestohlen bleiben.«

»Hey!«, erklang Mitchells Stimme aus dem Hintergrund. »Was soll das denn heißen?«

Carla drehte sich von der Kamera weg. »Heul nicht rum! Selbst dran schuld, wenn du Gespräche belauschst!«

»Sav und du seid beide in diesem Videocall, an zwei Orten in dieser kleinen Wohnung. Wie sollte ich da nicht zuhören?«

»Wo bist du jetzt, Summer?«, fragte Savannah. »Es ist so dunkel bei dir.«

»Ich sitze im Auto«, sagte ich und schüttelte mich, weil mir die Kälte allmählich unter den Mantel kroch. »Hab die Flucht ergriffen. Mal wieder. Und verdammt, es ist kalt. Hat jemand spontan Lust, noch einen Film zu sehen? Oder Trash-TV? Ich könnte ein wenig Gesellschaft gebrauchen.«

»Ich würde gern, aber ich kann nicht«, sagte Ella mit schuldbewusster Miene. »Ich habe Ches versprochen, dass wir den Abend heute zu zweit verbringen.«

»Ich bin mit Maxx verabredet«, sagte Savannah im gleichen entschuldigenden Tonfall. »Wir gehen zur Spätvorstellung ins Kino. A-aber vielleicht könntest du ja mitkommen! Wir können uns den Film auch zu dritt ansehen!«

Kurz überlegte ich und zog es in Erwägung. Dann überkam mich ein flaues Gefühl. Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ist schon okay. Schlimmer als ein schlechtes Date zu haben, ist, das dritte Rad bei einem guten Date zu sein.« Ich kleisterte mir ein Lächeln aufs Gesicht, aber mein Herz wurde schwer.

»Ay, du kannst Mitchells und mein drittes Rad sein. Wir hängen heute Abend nur ab«, sagte Carla und zuckte mit den Schultern. »Ich musste mir alle Marvel-Filme mit Mitch ansehen. Jetzt muss er mit mir alle hundertdreiundzwanzig Folgen meiner Lieblingstelenovela schauen. Falls du Betty in New York noch nicht gesehen hast, wir starten in ungefähr einer halben Stunde mit der ersten Folge.«

»Danke für das Angebot, aber ich hab die Serie letzte Woche erst beendet«, erwiderte ich und seufzte erneut. »Na gut. Dann schaue ich mir irgendetwas an und gehe zeitig ins Bett. Ist vielleicht auch besser so.«

»Tut mir leid, dass das Date so furchtbar war«, sagte Savannah. »Ich drücke fest die Daumen, dass das nächste Date besser laufen wird.«

»Danke, Savy. Lieb von dir.«

Wir verabschiedeten uns alle, ehe ich auflegte und mein Handy zurück in die Handtasche stopfte.

Ziellos blickte ich durch die Windschutzscheibe auf die beleuchtete, ruhige Seitenstraße vor mir. Erst kurz nach neun. Theoretisch konnte ich irgendwohin fahren, ein paar Leute anrufen und den Abend mit ihnen verbringen. In genug Party-Gruppenchats war ich zumindest. Bestimmt würde sich auch irgendwer finden, der Lust hatte, die restliche Nacht mit mir zu verbringen. Aber wenn ich es genau nahm, hatte ich keine Lust darauf. Ich hatte weder Lust auf Party, auf einen Aufriss, auf Cocktails oder die Gesellschaft von Menschen, die mich weniger gut kannten als meine besten Freundinnen. Ich würde nicht behaupten, dass ich mich von ihnen vernachlässigt fühlte, jetzt, wo jede von ihnen vergeben war. Wir verbrachten nach wie vor jede Menge Zeit zusammen und trafen uns regelmäßig. Nicht nur untereinander, sondern auch als ganze Truppe – diese bestand aus Ella, Savannah, Carla und Lenny sowie Mitchell, Todrick, Ches, Creed, Maxx und meiner Wenigkeit. Ein ziemlich großer Haufen. Und obwohl wir so viele waren, fehlte mir die Spontaneität. Man sollte meinen, bei so vielen Personen würde sich immer jemand finden, der etwas unternehmen wollte. Mehr Abende, die man vorher nicht schon minutiös geplant hatte. Es war vollkommen verständlich, dass sich die Freizeitgestaltung in einer festen Beziehung änderte, vor allem, wenn man so verliebt war wie Ella in Ches oder Savannah in Maxx. Oder auch Carla und Mitchell und Lenny und Creed. So viele Paare! Sie alle waren so widerlich süß, dass man allein schon vom Zusehen ein Loch im Zahn bekam. Deshalb behielt ich diese Gedanken auch für mich. Die meisten von ihnen trafen sich zwar regelmäßig auf ein paar Drinks im Leo’s, aber ich konnte den Laden nicht ausstehen. Das war zwar schon immer so gewesen, aber vorher hatte es mehr Spieleabende, mehr Unternehmungen und so was gegeben. Somit war es meine eigene Schuld, dass ich das verpasste, also durfte ich mich eigentlich gar nicht beschweren. Ich hatte oft Verabredungen oder ging auf Partys, während sie in dieser rustikalen Rocker-Bar auf der North Side von Fletcher herumhingen. Manchmal blieb ich auch einfach zu Hause und verbrachte den Abend faul auf der Couch, sah mir Dating-Reality-Shows an und stopfte Snacks in mich hinein. Das war auch nicht zu verachten. Wenigstens besuchten wir fast alle die gleiche Universität. Und dann waren da auch noch unsere Spieleabende. Meistens spielten wir Brettspiele, aßen Pizza und tranken ein wenig was. Oder wir sahen uns Filme an, auch wenn eine so große Gruppe dafür meistens zu unruhig und zu laut war. Die Spieleabende waren so was wie ein Ritual, eine Tradition, und ich war dankbar, dass sie nicht in Vergessenheit geraten waren. Es war also nicht wirklich so, dass ich meine Freunde nicht mehr zu Gesicht bekam. Es war nur … anders. Die Dinge veränderten sich. In mancher Hinsicht war das okay. In anderer tat es aber auch weh.

Ich startete den Motor und beförderte meinen alten Wagen auf die Straße. Es herrschte kaum Verkehr. Tyler wohnte in einer Gegend, die eine ziemlich beschissene Anbindung zur Fletcher University hatte, dafür aber günstig war. Fletcher war zwar keine Milliardenmetropole, aber auch kein Dorf. Es war nicht einfach, hier eine Ecke zu finden, die selbst mit dem Auto eine unvorteilhafte Verbindung zum Campus darstellte. Tyler hatte es allerdings geschafft. Und ab zurück in die Verdrängungsbox mit dir, Ty. Auf Nimmerwiedersehen!

Die Fahrt nach Hause dauerte nicht lange. Der Wohnkomplex, in dem ich wohnte, lag am Coldwater River und neben einem Parkplatz, der von einer großen alten Trauerweide geziert wurde. Es hätte kaum besser kommen können, als Ella vor fast einem Jahr ebenfalls ins Haus gezogen war. Ich meine, im gleichen Haus zu wohnen wie eine meiner besten Freundinnen? Das war die Erfüllung eines Jugendtraumes schlechthin.

In meiner kleinen Wohnung wurde ich von Stille und Dunkelheit in Empfang genommen. Wie immer. Ich knipste die Lampe auf dem Beistelltisch in der schmalen Diele an und schälte mich aus Mantel und Schal. Die Schuhe beförderte ich unachtsam in eine Ecke und schlurfte anschließend geradewegs in meine leuchtend pinke Küche. Wirklich alles darin war pink und rosa – von den Schränken, der Arbeitsplatte über die Geräte bis hin zu den Bildern an der Wand und den Geschirrtüchern. Jeder, der meine Wohnung zum ersten Mal betrat, wurde von der kleinen Küche umgehauen, weil sie in ihrer Übertriebenheit so provokant war – dabei hatte ich nur das Beste draus gemacht, weil meine Eltern mich zum Einzug mit ihr überrascht hatten. Und ich war wirklich, wirklich überrascht gewesen. Ziemlich sprachlos, um genau zu sein. Meine Barbie-Girl-Phase war kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag vorbei gewesen, nur hatten meine Eltern das nicht auf dem Schirm gehabt. Man konnte es ihnen nicht verübeln, immerhin war im Leben meines Teenie-Ichs alles pink gewesen. Ich hatte mir meine ohnehin schon blonden Haare ständig weißblond gefärbt und leider Gottes alles mit glitzernden Anhängern, Playboybunnys und HelloKitty versehen. Die Bilder von damals waren beispiellos unangenehm. Vom viel zu dunklen Make-up wollte ich gar nicht erst anfangen.

Mittlerweile war die Küche mein Lieblingsraum in der Wohnung, obwohl ich sie anfänglich so furchtbar fand. Es war ein leuchtender, greller Kontrast zum Rest, denn das Wohnzimmer war – bis auf das blaue Chesterfieldsofa – ausschließlich in ruhigen, hellen Naturtönen gehalten, mit viel Holz, Rattan und Rauchglas, aber auch Trockenblumen und eingerahmten Schwarz-Weiß-Fotografien von meinen Freunden und mir.

Ich schenkte mir ein Glas Rotwein ein und kuschelte mich anschließend mit ein paar Snacks auf das Sofa. Zum trillionsten Mal begann ich The Big Bang Theory, obwohl ich einige Folgen bereits mitsprechen konnte. Ich nahm einen tiefen Schluck aus dem Weinglas, aß ein paar Chips und sprühte mir den Sprühkäse mit Cheddar-Aroma geradewegs in den Mund. Dabei scrollte ich durch meine Dating-Apps und die vielen ungelesenen Textnachrichten auf meinem Handy. Einladungen zu Partys. Meldungen, dass dieser oder jener DJ auflegte. Manche fragten nach zweiten, dritten oder vierten Dates. Ein paar freizügige Bilder waren auch eingetrudelt sowie ein paar Anmachsprüche. Allie, eine Kommilitonin, und auch Dustin, ein Mitglied des Schwimmteams, fragten ziemlich unverblümt, ob ich heute Nacht Lust auf Gesellschaft hatte. Doch ich schrieb niemandem zurück und warf das Handy neben mich auf das blaue Polster.

Tiefe Frustration fraß sich durch meine Brust. Ich machte den Fernseher lauter und stopfte mir ein Twinkie in den Mund – ein weiches süßes Küchlein, gefüllt mit Marshmallow-Creme, das ganz bestimmt die Antwort des Universums auf Glückseligkeit ist.

Doch nicht einmal Staffel sieben von Big Bang konnte meine Laune heben. Wieso machte ich mir überhaupt die Mühe, auf Dates zu gehen? Wieso ließ ich diese Frustration zu? Was war los mit meinem Hirn? Der Spaß, der zwanglose Sex, die harmlosen Flirts und aufregenden Begegnungen: Das alles hatte mir immer vollkommen gelangt. Immer schon! Ich gehörte nicht zu den Menschen, die davon überzeugt waren, dass Singles sich nur etwas vormachten und man nur glücklich sein konnte, wenn man in einer Beziehung war. Ich gehörte zu den Menschen, die davon überzeugt waren, dass jede Form von Liebe einen erfüllen konnte, nicht nur jene romantischer Art. Auch Freundschaft – vor allem Freundschaft – konnte ausreichen, um ein erfülltes Leben zu haben. Ab und zu unkomplizierter Sex oder kleine Affären waren für mich nur die Kirsche auf einem verdammt großen Eisbecher samt Schlagsahne. Ich brauchte keine romantische Liebe. Kannte sie ehrlich gesagt auch gar nicht, und deshalb hatte ich nie danach gesucht. Doch die Sehnsucht hatte sich das ganze Jahr über langsam aufgebaut, schleichend und unauffällig. Und plötzlich war sie volle Kanne da gewesen, wie ein ausbrechender Lippenherpes. Es musste daran liegen, dass nun alle meine Freundinnen und Freunde Hals über Kopf verliebt waren. Andauernd war ich von Menschen umgeben, die süchtig nacheinander waren, stumm miteinander kommunizierten und ständig dafür sorgen mussten, dass sie sich berührten. Selbst wenn es nur eine Hand war, die die andere streifte. Es ging um Nähe und Herzklopfen. Vielleicht war ich deshalb in den letzten Monaten immer mehr ins Grübeln gekommen. Ob ich nicht selbst mal versuchen sollte, jemanden kennenzulernen. Nicht, um eine Beziehung zu haben – auch wenn ich die Vorstellung nicht grundsätzlich ablehnte –, sondern um zu wissen, wie es sich anfühlte. Bisher war mir allerdings noch kein Mensch über den Weg gelaufen, der diese Art von Gefühlen in mir auslösen konnte. Ich kuschelte nicht mit meinen One-Night-Stands. Und ich hatte auch nicht das Bedürfnis, sie zu berühren, außer es war sexueller Natur. Die einzigen Personen, die ich gerne umarmte, waren meine Freundinnen.

Ich lehnte mich tiefer in mein tiefblaues Sofa und sah dabei zu, wie Howard Wolowitz kurz davorstand, wegen seiner kreischenden Mutter die Nerven zu verlieren. Ich sprühte Käse auf ein scharfes Käsebällchen und schob es mir in den Mund. Salzig, würzig, cremig und knusprig. Wieso konnte das Leben nicht so unkompliziert und angenehm sein wie ein Haufen Snacks?

Gerade als ich erneut in die Tüte mit den Käsebällchen griff, vibrierte mein Handy. Lustlos klopfte ich meine Finger ab und entsperrte es.

Mein Herz machte einen Satz, und unwillkürlich spannte ich mich an.

Die Nachricht war von meinem Dad.

In meiner Brust wurde es eng, und ein drückender, wirrer Strudel aus gleichermaßen Widerwillen und Freude erfasste mich. Dad. Ich wollte nichts von ihm hören, am liebsten nie wieder. Gleichzeitig durchfuhr mich jedoch auch Wärme. Vermissen. Er hatte mir geschrieben!

Nicht nur das, er hatte sogar ein Foto geschickt. Sein gerötetes vertrautes Gesicht strahlte in die Kamera, und im Hintergrund war das Stiefmonster zu sehen. Delia stand am Herd und trug ihre leuchtend pinke Kochschürze mit der Aufschrift »Mein Timer ist der Rauchmelder! LOL!«. Zum Bild schrieb mein Dad:

Hallo, Liebling! Bei uns gibt es heute Coq au Vin. Was gab es bei dir? Steht unser Skype-Date für morgen?

Grüße und Küsschen.

PS: Naaa, kommt dir die Schürze bekannt vor?

Ich zog eine Grimasse und schüttelte den Kopf. Und ob mir die hässliche Schürze bekannt vorkam. Delia hatte mir die gleiche geschickt, obwohl ich ihr zuvor bei unserem Videocall – eigentlich dem Videocall von meinem Dad und mir – versichert hatte, dass ich bereits eine Kochschürze besaß und keine neue benötigte. Es war ihr genauso egal gewesen, wie mit einem verheirateten Mann zu vögeln, was im vergangenen Jahr unsere Familie zerstört hatte. Nein, nicht nur zerstört. Diese Affäre hatte mir meine Familie weggenommen. Mein fremd gehender verlogener Vater war zu Delia nach Texas gezogen, und meine Mom war schon seit über einem Jahr auf ihrer Yoga-Selbstfindungs-Heilungs-Reise irgendwo in Asien. Ohne Handy. Ohne Adresse. Von jetzt auf gleich war ich plötzlich allein gewesen. Irgendwie hatte ich den Moment verpasst, reinen Tisch mit meinem Dad zu machen, vielleicht weil der Schock noch immer so verflucht tief saß. Ich hatte das getan, was ich immer tat: hatte es verdrängt. Und seitdem taten wir so, als wäre alles in bester Ordnung, während unterschwellig stets Lava zu brodeln schien – zumindest für mich.

Ich scrollte durch meine Fotogalerie, bis ich das richtige Bild gefunden hatte: ein Selfie, auf welchem ich in der Küche stand, die grässliche Schürze trug und einen wie immer knallroten Kussmund in Richtung Kamera machte. Ich schickte meinem Dad das Bild und schrieb dazu:

Hey, Dad. Lasst es euch schmecken. Bei mir gab es heute

Ich hielt inne und überlegte kurz. Was klang besser und vorzeigbarer als das Zeug, das ich mir gerade reinstopfte?

Ah. Das war es.

Bei mir gab es heute einen Taco-Salat und zum Nachtisch einen Smoothie. Unser Date morgen steht.

Hab dich lieb. Habt noch einen schönen Abend.

Schnell legte ich das Handy weg und spülte den bitteren Geschmack der Lüge mit einem gehörigen Schluck Rotwein weg. Einfach verdrängen. Ignorieren, dass diese Nachricht überhaupt gekommen war. Die Nachricht und die Tatsache, dass mein verlogener Vater nach wie vor so tat, als würde nichts als Friede, Freude, Eierkuchen zwischen uns herrschen. Und die Tatsache verdrängen, dass ich ihn unendlich vermisste und mir nichts sehnlicher wünschte, als bei ihm zu sein. Wenn es etwas gab, worin ich ein Profi war, dann war es das: unangenehme Dinge in imaginäre Boxen packen, sie fest verschließen und mit einem festen Tritt in die dunkelste staubige Ecke meines Hirns befördern. Galt das schon als Talent? Ich hoffte es zumindest.

Gerade wollte ich mir einen weiteren Twinkie aus der Packung holen, als plötzlich von nebenan ein rhythmisches Hämmern zu hören war. Es war so stark, dass die eingerahmten Schwarz-Weiß-Fotografien an der Wand zitterten, fast so, als würde jemand versuchen, ein Loch in mein Wohnzimmer zu schlagen.

Und wer dieses Geräusch mal wieder auslöste, war ganz unmissverständlich:

Brigham.

Dieser. Verdammte. Nachbar.

Ich knirschte mit den Zähnen. Nicht einmal einen Abend der Ruhe und des Friedens gönnte er mir. Nicht einen!

Ich sprang vom Sofa auf, rauschte in die Diele, riss die Wohnungstür auf und hämmerte wie wild an seine, in einer Hand noch immer mein fast leeres Rotweinglas. Dafür musste ich mich nicht einmal großartig in Bewegung setzen, denn unsere Türen lagen Eck an Eck.

»Schieb dein Bett von der Wand weg, Arschloch!«, rief ich, was laut durch den Flur hallte – und ihn hoffentlich erreichte. Dann drehte ich mich wieder um, knallte die Tür hinter mir zu und trank energisch meinen Wein aus, ehe ich mir in der Küche ein zweites Glas einschenkte. Es war nicht auszuhalten, neben diesem Aufreißer zu wohnen. Die absolute Nervensäge! Entweder er spielte laute Musik, veranstaltete irgendwelche handwerklichen Experimente, die mir die Samstagmorgende versauten, oder vögelte am laufenden Band, woran er mich jedes Mal unfreiwillig teilhaben ließ. Von allen schlimmen Nachbarn der Welt hätte ich ihm am liebsten eine Siegermedaille um den Hals gelegt. Nur um ihn anschließend mit ihr zu erwürgen.

Statt einer Mordwaffe schnappte ich mir jedoch nur einen Kugelschreiber und einen Block mit Post-its.

Hi!

Du bekommst einen Keks von mir, wenn du aufhörst, mir den letzten Nerv zu rauben. :)

Ja, der Smiley ist in der Tat passiv-aggressiver Natur und keine Freundlichkeit.

Küsschen,

deine Nachbarin

Das Rumgebumse von nebenan hörte glücklicherweise auf.

Ich trat noch einmal in den Hausflur und pappte das Post-it an seine Tür.

Als ich schließlich wieder auf meinem Sofa saß, war meine Laune noch mehr im Keller als ohnehin schon. Und das änderte sich auch nicht, als ich meine Verdrängungskünste zum Einsatz brachte.

Die einzige Genugtuung, die ich mir verschaffen konnte – und die zugegebenermaßen etwas kindisch war –, war das Hochdrehen meiner Fernsehlautstärke. Damit konnte ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Meine Gedanken wurden übertönt. Und mein Arschlochnachbar bekam seine eigene Medizin zu schmecken.

Kapitel 2

Wie lange brauchst du noch?«, erklang Ellas Stimme aus meinem Wohnzimmer.

»Bin gleich fertig!«, rief ich zurück und unterdrückte ein Gähnen. Es war Montagmorgen, und ich stand sterbensmüde im Badezimmer. Mit einem erneuten Gähnen zog ich mir das breite Band meines Bademantels aus den Haaren. Ich hatte es vor dem Zubettgehen hineingeflochten, und nun flossen mir meine sonst glatten brustlangen blonden Haare in voluminösen Wellen über die Schultern. Müde. Bett. Weiterschlafen. Ich brauchte dringend Koffein. Es war ein Wunder, dass ich es überhaupt aus dem Bett geschafft hatte.

»Haben wir noch Zeit, um uns etwas im Campuscafé zu kaufen?«, rief ich, während ich mir kleine goldene Ohrringe durch die Ohrlöcher schob. Wenn es hochkam, hatte ich vielleicht wie lange geschlafen? Fünf Stunden? Das konnte hinkommen. Und das nur wegen dieser Nervensäge nebenan.

»Wenn du in fünf Minuten fertig bist, könnten wir das noch schaffen. Aber Professor Gibson wird mir vermutlich den Hals umdrehen, wenn ich schon wieder zu spät in seine Vorlesung komme.«

Ich lächelte schwach. »Ich beeile mich, versprochen.« Ich hatte mein Bestes getan, um meine Augenringe zu verstecken, doch weder die kalten Teelöffel noch diese blöde teure Augencreme halfen gegen die Schatten.

Ich trug meinen knallroten Lippenstift auf, den ich praktisch jeden Tag trug, und verpasste mir einen Spritzer Parfum. Arschlochnachbar hatte mir offiziell das Wochenende verdorben. Gestern hatte er zwar nicht am laufenden Band gevögelt, aber irgendeinen anderen Krach veranstaltet. Die Götter allein wussten, was mit ihm nicht stimmte. Diese Nacht war jedenfalls die letzte gewesen, in der Brigham Bugley mir den Schlaf geraubt hatte. Ich hatte ein für alle Mal genug.

Ein letztes Mal überprüfte ich mein Make-up, dann schaltete ich das Licht am Spiegel aus und eilte aus dem Badezimmer.

»Wow, du trägst ja eine Hose«, sagte Ella so verblüfft, dass ich grinsen musste. Sie erhob sich vom Sofa. Die dunkelblonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst, und sie trug Leggins und einen grauen Pullover der Fletcher University.

»Irgendwie war mir heute danach«, erwiderte ich bloß und zuckte mit den Schultern. Normalerweise zog ich Kleider und Röcke vor, weil sie viel besser kaschieren konnten, dass ich trotz meiner eins fünfundachtzig definitiv keine Modelmaße hatte. Doch mein neuer Pullover war eine echte Seltenheit: Die weiche graue Baumwolle reichte mir über den Hintern, ohne unförmig auszusehen oder seltsam anzuliegen.

»Bin sofort so weit«, versprach ich und holte aus meiner kleinen Handwerksschublade im Schlafzimmer einen Hammer heraus sowie einen Nagel. Wie auch gestern Morgen schon lief ich damit zurück ins Wohnzimmer und stellte mich zwischen die Kommode, auf der mein Fernseher stand, und meinen kleinen Gummibaum.

Ungefähr hier musste sich sein Schlafzimmer befinden, und hier steckte auch schon ein anderer Nagel bis zum Kopf in der Wand.

Ich platzierte den Nagel und hämmerte anschließend wie wild drauflos.

»Heilige Scheiße, Summer, was machst du da?!«, fragte Ella entgeistert. »Hattest du schon Kaffee? Ist dein Hirn schon funktionsfähig, oder hast du gerade einen Aussetzer?«

Ohne mit dem Hämmern aufzuhören, obwohl der Nagel längst in der Wand war, grinste ich sie diabolisch an. »Das ist nur ein wenig Rache.«

Sie prustete lauthals los. Ich stimmte mit ein und legte den Hammer beiseite.

»Ich kann nicht glauben, dass dieser Krieg zwischen dir und Brig immer noch nicht aufgehört hat. Unterhaltet euch endlich mal! Lernt euch kennen! Dann wirst du ihn bestimmt mögen. Vielleicht würdest du ihn sogar daten wollen.«

Ich schnappte nach Luft. »Igitt«, sagte ich und schüttelte mich entsetzt. »Bevor das passiert, würde ich eher Tyler daten. Oder sogar heiraten.«

Sie verdrehte die Augen und zog ihren Parka an. »Ihr kennt euch ja gar nicht wirklich. Brig ist echt witzig. Und cool. Ich glaube, ihr würdet euch gut verstehen. Er ist außerdem total dein Typ, ich kenne deinen Geschmack.«

Ich verdrehte ebenfalls die Augen und schüttelte mit einem belustigten Grunzen den Kopf. Leider Gottes war Brigham Bugley nicht nur mein Nachbar. Irgendwie war er gerade auch dabei, meine Freundesgruppe zu infiltrieren. Es hatte mit Carla angefangen, weil er wie auch sie als Barkeeper im Leo’s arbeitete. So hatte er den Rest der Truppe kennengelernt, und irgendwie waren er und Todrick zu Seelenverwandten geworden. Todrick war Mitchells bester Freund, und der wiederum war Savannahs großer Bruder und mit Carla zusammen …

Es war wie eine Kettenreaktion, die dazu geführt hatte, dass er nun ständig mit allen abhing. Trotzdem waren unsere Universen aus irgendeinem Grund lange Zeit nie miteinander kollidiert. Wir waren uns nie begegnet, obwohl wir Tür an Tür wohnten und er mit den anderen befreundet war. Nur indirekt hatte ich die Bekanntschaft gemacht, denn er war von dem Augenblick an unerträglich nervig und laut gewesen, seit er dieses Jahr eingezogen war. Im Sommer dann war der Moment gekommen. Ich hatte ihn kennengelernt, war alles andere als begeistert gewesen, und Ella und Sav waren beinahe die Augen aus den Köpfen gefallen, weil keine Menschenseele gewusst hatte, dass ausgerechnet Brigham mein Arschlochnachbar war.

Klein war die Welt. Verflucht klein. Und Fletcher erst recht.

Ich schlüpfte in meine silbernen Uggboots, zog mir meinen Wintermantel über und schulterte meine schwere Handtasche. »Na dann«, sagte ich und legte mir meinen fliederfarbenen Schal um die Schultern. »Auf geht’s in die Hölle.«

Ella blieb im Flur stehen. Sie machte ein seltsames Gesicht, als ich die Tür hinter uns zuzog. »Was ist das denn?«

Überrascht drehte ich mich um. An meiner Tür klebte ein gelbes Post-it. Es war meines, wie ich feststellen musste. Das, welches ich erst am Samstag an Brighams Tür geklebt hatte. Vermutlich klebte es da schon eine ganze Weile, denn ich hatte die Wohnung gestern nicht verlassen. Unter meinen Worten stand in fein säuberlicher Schrift eine Antwort.

Liebe Lieblingsnachbarin,

unglücklicherweise mag ich keine Kekse.

Dein Hämmern heute Morgen war übrigens sehr melodisch, aber du solltest noch an deinem Rhythmus feilen. Ich werde dir bei Gelegenheit mal demonstrieren, wie sich das anständig anhört. ;)

PS: MEIN Smiley ist nicht von passiv-aggressiver Natur. Das macht nämlich Falten.

Küsschen,

dein allerliebster Lieblingsnachbar

»Von wem ist das?«, fragte Ella neugierig hinter mir. »Was steht da drauf?«

Mit knirschenden Zähnen zerknüllte ich den Zettel in der Hand und stopfte ihn in meine Manteltasche. »Nicht so wichtig. Nur eine Kriegserklärung.«

Er wollte Krieg? Den würde er bekommen.

 

Es war ein grauer, wolkenverhangener Montag. Die ganze Welt sah karg und deprimierend aus. Für meine sommerliebende Seele war diese Jahreszeit erst recht bedrückend. Während meiner Vorlesungen und Seminare schlief ich fast ein. Bei Management und Marketing, Agrarpolitik und besonders in der Immunologie-Vorlesung von Professor Green. Es war nicht einmal so, dass speziell der heutige Stundenplan nur ein notwendiges Übel wäre, um das Ökotrophologie-Studium – Ernährungswissenschaften – durchzustehen. Nein, das hier gehörte zum Kern des Studiums. Genau um diesen Mist ging es.

Und doch langweilte ich mich zu Tode.

Als Professor Greens Vorlesung endlich vorbei war, war ich die Erste, die aus dem Hörsaal floh. Ich drückte die schwere große Eingangstür von Hamilton Hall auf und tauschte die warme Luft gegen eisigen, drückenden Wind. Jetzt fehlte nur noch das Biotechnologie-Seminar, und dieser furchtbare Tag würde endlich besser werden – weit weg vom Campus. Ich konnte den heutigen Spieleabend kaum erwarten. Er war mein Lichtblick. Ich konnte es sogar kaum abwarten, meinen Frust gleich in zerkochten Käsemakkaroni oder ungesalzenem und viel zu fettigem Ofengemüse zu ertränken. Du hast es fast geschafft. Bald ist der Unitag rum.

Und dabei war heute gerade mal Montag.

Mit hochgezogenen Schultern eilte ich die breiten, alten Steinstufen hinunter und schob mich an anderen Studierenden vorbei, um den gepflasterten Weg zwischen ordentlich gemähten Rasenflächen zu betreten. Ich grüßte ein paar Leute und steuerte ansonsten sehr konsequent die Cafeteria an. Riesige knorrige Bäume ragten über mir in den Himmel hinauf, mit Ästen, die schon fast kahl waren. Die Fletcher University gehörte zwar nicht zur Ivy League, aber war nichtsdestotrotz die zweitbeste Universität des Bundesstaates. Ich sollte mich glücklicher und dankbarer schätzen, hier zu sein und eine solche Ausbildung zu genießen. Zumal der Campus mit seinen pompösen alten Gebäuden bekannt für seine großartige Architektur war. Ich liebte schöne Architektur. Und die Fletcher University war wirklich wunderschön. Manche der Steinbauten waren mit Efeu überwuchert, andere wiederum strotzten vor Modernität, mit viel Glas und Metall. Der Campus war riesig, wie eine kleine Stadt in der Stadt. Ich erinnerte mich noch gut daran, wie Ella, Savannah und ich uns im ersten Semester ständig verlaufen hatten. Aber anstatt mich glücklich zu schätzen, fühlte ich mich jeden Morgen furchtbar. Ich war hier fehl am Platz. Und das Schlimmste an der Sache? Ich hatte fast das ganze Studium gebraucht, um das zu erkennen. Dabei hatte ich es jetzt, im finalen vierten Jahr, fast geschafft. Es wäre absurd, es nicht durchzuziehen. Doch … alles, was ich wollte, war, meine Tasche zu packen und hier sofort zu verschwinden. Es kostete mich alles an Kraft, jeden Morgen aus dem Bett zu klettern und herzukommen. Und dabei war ich selbst dran schuld, dass dieser wunderschöne Ort nichts als Bauchschmerzen in mir auslöste, denn ich hätte mich vor ein paar Jahren noch problemlos umorientieren können. Doch jetzt? Jetzt war es zu spät. Jetzt war ich schon so kurz vor der Ziellinie.

In der Cafeteria war es schön warm und ein wenig stickig. Die Luft war von einem Chor aus Stimmen erfüllt, und obwohl ich mich beeilt hatte, war es bereits ziemlich voll. Ich suchte mit den Augen die Gesichter ab, bis ich schließlich zwei vertraute Gestalten in der Schlange zur Essensausgabe ausfindig machte. Mit einem erleichterten Lächeln lief ich zu Ella und Carla und stellte mich zu ihnen. »Ich schwöre es euch, für einen kurzen Moment war ich der festen Überzeugung, dass schon Freitag ist. Ich bin total bereit fürs Wochenende.«

Carla musterte mich eingehend. Sie trug zu ihren Jeans Chelseaboots mit schwindelerregend hohen Absätzen – mit denen sie trotzdem noch kleiner war als ich.

»Du hast echt dunkle Augenringe, Andrews«, sagte sie unverblümt und schob sich eine Haarsträhne ihres dunklen langen Haares aus dem Gesicht, die ihr aus dem zerzausten Pferdeschwanz gerutscht war. »Wieder nicht gut geschlafen?«

Wehleidig verzog ich das Gesicht. »Seit die Nervensäge neben mir wohnt, schlafe ich nur noch schlecht.«

»Irgendwann springt ihr euch noch an die Kehle«, sagte Ella belustigt, nahm sich einen Salat, Käsemakkaroni und einen Schokopudding. Carla und ich taten es ihr gleich, und wir liefen zu dem großen runden Tisch, an welchem sie bereits ihre Taschen und Jacken abgelegt hatten. Mitchell und Todrick saßen ebenfalls dort, langten ordentlich zu und unterhielten sich über irgendetwas. Wie auch Ella trugen sie heute beide Collegepullover der Fletcher University und sahen aus, als kämen sie geradewegs von der Sportanlage. Was auch gut möglich war, immerhin war Mitchell unser Starschwimmer, und Todrick war Defensive End des Footballteams.

»Ich hätte nichts dagegen, mit ihm in den Ring zu steigen. Dann würde er total die Abreibung bekommen, und die hat er nötig«, sagte ich schulterzuckend und setzte mich neben Todrick. Böse lächelte ich in mich hinein und ließ das Tablett klappernd vor mich auf den Tisch fallen. »Ich würde haushoch gewinnen, das ist ja wohl klar.«

»Gegen wen?«, fragte Mitchell neugierig und schob sich eine voll beladene Gabel in den Mund. Sein hellbraunes Haar hing ihm zerzaust in die Stirn, und seine sommersprossigen Wangen waren von der Novemberkälte gerötet. Carla setzte sich neben ihn und schob ihm ihren Schokopudding zu. »Gegen Brigham.«

Todricks Miene erhellte sich schon allein bei der Erwähnung seines neuen Seelenverwandten. Es war mir unbegreiflich, weshalb ausgerechnet Todd so einen Narren an Arschlochnachbar gefressen hatte. Vielleicht war es der Sport. Oder es waren die Frauen. Er war immerhin selbst ein ziemlicher Frauenheld.

Kauend runzelte Mitchell die Stirn. »Gegen Brig? In den Ring steigen? Was hab ich schon wieder verpasst?«

Ella machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ach, ist nur das Übliche.«

Wir begannen ebenfalls zu essen – die Käsemakkaroni schmeckten leider genauso, wie sie aussahen. Todrick warf mir einen Seitenblick zu, ehe ein Grinsen an seinen Mundwinkeln zupfte. »Darf ich dabei sein, wenn ihr gegeneinander antretet? Oder wird es eher ein Ringen von der privaten Sorte?« Er wackelte mit den Augenbrauen.

»Halt die Klappe, Todd«, grollte ich und stieß ihm mit dem Ellbogen in die Seite, was den großen Kerl kichern ließ. Ich machte ein finsteres Gesicht. »Ich würde lieber den Rest meines Lebens enthaltsam bleiben, als die Nervensäge auch nur mit einer Kneifzange anzufassen.«

»Jetzt übertreibst du aber«, sagte Carla und verdrehte die Augen. »Brig ist heiß.«

Das ließ Mitchell mit gerunzelter Stirn aufblicken. Carla bedachte ihren Freund jedoch nur mit einem spöttischen Blick. »Ay, was denn? Findest du nicht?«

»Äh, ich persönlich würde nicht unbedingt das Wort heiß benutzen«, lenkte Mitchell zögerlich ein. »Aber ja, du hast schon recht. Er ist ein Schönling.«

»Doch, ich würde schon heiß sagen«, sagte Todrick kauend und wischte sich mit dem Handrücken über den Mundwinkel. »Wäre ich nicht hetero, würde ich ihn sofort heiraten.«

»Was machen wir eigentlich an Thanksgiving?«, fragte ich laut und nachdrücklich und lächelte unschuldig. Wenn ein Themenwechsel nötig war, dann jetzt. »Vielleicht nicht unbedingt direkt an Thanksgiving, aber an den restlichen Tagen der freien Woche. Können wir bitte irgendwo tanzen gehen? Wir waren schon so lange nicht mehr in Clubs. Und bitte verschont mich mit dem Leo’s.«

»Ich muss arbeiten«, sagte Carla. »Weil wir die ganze Woche freihaben, habe ich Leo gesagt, dass er mich für jeden Abend eintragen kann.«

»Training«, sagte Mitchell mit einem entschuldigenden schiefen Lächeln. »Und da ist noch eine Hausarbeit für Webbers Kurs, mit der ich noch nicht besonders weit bin. Ich denke nicht, dass ich es mir leisten kann, feiern zu gehen.«

Todrick schüttelte sich. »Mann, diese Hausarbeit hat mir gerade noch gefehlt.«

»Vergiss nicht das Training und Coach Sackgesicht«, warf Mitchell ein, was ihm jedoch nur eine noch verdrossenere Miene von seinem besten Freund bescherte.

Ella schenkte mir ein schuldiges Lächeln. »Tut mir so leid, Summer, aber wir fahren nach Maine. Also … Ches und ich hatten uns überlegt, dass es schön wäre, wenn wir die Feiertage mit seinen Eltern verbringen. Sie hatten ja so lange nichts von den Jungs. Also von Ches, Creed und vor allem von Maxx.«

Auf halben Weg zu meinem Mund hielt ich mit der Gabel inne. »Warte«, sagte ich langsam. »Ihr fliegt nach Maine?«

»Du hast es ihr schon erzählt?«, erklang eine hohe Stimme hinter mir. Ich drehte den Kopf in der Sekunde, als Savannah sich mit einem voll beladenen Essenstablett auf den freien Platz zu meiner Linken setzte. Die goldene Nerdbrille hing ihr tief auf der Nase, und wie auch bei Mitchell, ihrem großen Bruder, waren ihre Wangen von Sommersprossen und einer winterlichen Röte bedeckt. Sie stellte das Tablett ab und umarmte mich von der Seite. »Wir haben es gerade erst beschlossen. Lenny hat gestern Abend erst zugesagt, und ich habe mich erst nicht getraut, meine Eltern zu fragen, ob es für sie in Ordnung ist, wenn ich dieses Jahr an Thanksgiving nicht da bin, aber dann bin ich über meinen Schatten gesprungen, u-und ich konnte eine Kollegin im Kino fragen, ob sie meine Schichten übernehmen kann!« Die Worte sprudelten regelrecht aus ihr heraus. Sie setzte sich wieder aufrecht hin und lächelte, als wäre sie geradewegs bei einem Verbrechen ertappt worden.

Ich blinzelte sie an. Dann blickte ich von ihr zu Ella, die ebenfalls schuldig aussah. »Ihr fahrt alle weg?«, fragte ich noch einmal. Es dauerte einen ganzen Moment, bis es gänzlich zu mir durchsickerte. Und die Erkenntnis war bleischwer. Sie nistete sich in meinem Bauch ein und ließ ihn verknoten. Sie alle würden weg sein. Sie … alle würden mich zurücklassen.

»Okay«, sagte ich und presste die Lippen zusammen. In meiner Brust wurde es unerträglich eng. »Ella, Sav, ihr fahrt zusammen mit Maxx und Ches nach Maine, dazu noch Lenny und Creed. Carla wird jeden Tag arbeiten, Mitch und Todd haben Training und müssen eine Hausarbeit schreiben. Das heißt dann wohl, dass ich die Woche alleine zu Hause bleiben werde.« Mechanisch aß ich eine weitere Gabel voll klebriger, lauwarmer Makkaroni. Sie hatten zuvor schon nicht umwerfend geschmeckt, jetzt fühlten sie sich in meinem Mund klumpig und fehl am Platz an.

»Du könntest ja mitkommen!«, schlug Ella lächelnd vor. »Das wollten wir dich so oder so noch fragen.«

Oho, schoss es mir durch den Kopf. Es gibt also jetzt ein Wir und ein Ich. Es durchschnitt mir geradewegs das Herz, und ich atmete tief durch, weil die Heftigkeit überwältigend war. Ich wollte nicht eifersüchtig sein. Doch jetzt fühlte ich mich plötzlich außen vor. Ich spürte, wie ich … nicht länger dazugehörte. Wie eine Ausgestoßene.

»Genau, komm mit!«, sagte Savannah begeistert und strahlte mich an, während sie in ihrem Schokopudding herumrührte. »Dann könnten wir trotzdem zusammen Thanksgiving feiern! Es wird ein voller Tisch, aber Mrs. Williams wird es bestimmt nichts ausmachen. Das wäre so schön! Dann wären wir alle in Maine, und du könntest den süßen Hund von Maxx’ und Chesters Eltern kennenlernen. Mr. Rowdy! Du weißt schon, der von den Bildern, die ich dir mal geschickt habe.«

Ich versuchte zu lächeln, aber so recht wollte es mir nicht gelingen. Kurz huschte mein Blick zu Todrick – immerhin waren wir beide die Einzigen, die nicht zu dieser neuen riesigen Patchworkfamilie gehörten. Er war jedoch ganz mit seinem Mittagessen beschäftigt und bemerkte meinen Blick nicht einmal. Es kümmerte ihn gar nicht.

Verdräng es einfach. Ab in eine imaginäre Box damit, zuhämmern und hinfort mit ihr in die hintersten, staubigsten und dunkelsten Ecken deines Hirns!

»Ist schon in Ordnung«, sagte ich an Sav und Ella gewandt und ließ meine Schultern sinken. Entspann dich. Alles ist in bester Ordnung. Es ist nichts dabei. Eifersucht ist unreif und hässlich. Eifersüchtige Menschen sind unsympathisch und bitter. Das bist du nicht, da stehst du drüber. Ich wollte meine Freundinnen nicht merken lassen, wie tief es mich traf, deshalb lächelte ich sie an. »Ich wollte sowieso mal wieder ein wenig Zeit für mich haben. Das kommt mir ganz gelegen. Bei Nordstrom und Sephora ist außerdem gerade Sale.«

»Das ist nicht nur so dahergesagt, Summer, es wäre wirklich schön, wenn du mitkommst«, sagte Ella mit weicher Miene. »Maine wird dir gefallen, da bin ich mir total sicher.«

Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. Allein der Gedanke, eine Woche lang an einem Ort zu sein, an den ich nicht hingehörte, widerstrebte mir. Und dann auch noch als fünftes Rad am Wagen. An den Feiertagen. »Ein andermal«, beharrte ich. »Vielleicht, wenn es etwas wärmer geworden ist. Bestimmt liegt in Maine schon Schnee. Brr. Ehrlich, es macht mir überhaupt nichts aus, die Thanksgiving-Woche allein zu sein. Ich betreibe einfach Selfcare, schaue mir etwas an, was noch auf meiner Watchlist steht, und gönne mir irgendwas Schönes.«

»Was ist mit deinen Eltern?«, fragte Carla. »Wieso fährst du nicht zu ihnen?«

Der Knoten in meinem Bauch wurde härter. Ignorier es einfach.

»Meine Mom ist immer noch auf ihrer komischen Eat-Pray-Love-Reise. Und mein Dad und Delia haben mich schon gefragt, aber …«

Savannah zog eine Grimasse. »Du und Delia werdet wohl nie das Kriegsbeil begraben, was?«

Diesmal war mein Lachen echt, und ich schraubte meine Wasserflasche auf. Allein die Frage ließ brennende, hilflose Wut in mir aufkochen. So lodernd, dass mein Hals, meine Ohren und mein Gesicht heiß prickelten. Doch ich schluckte die Wut hinunter. Es war nicht Savannahs Schuld. Sie wusste, dass ich Dads neue Frau nicht mochte, aber sie wusste nicht, wie wütend ich immer noch war. Auf meinen Dad. Auf sie … diesen Eindringling, der einfach wie eine Flutwelle in unsere Familie gerauscht war und sie gemeinsam mit meinem Dad zerstört hatte. Sav wusste nicht, wie offen diese Wunde noch war. »Nope. Nicht in einer Millionen Jahren.«

»Du hast es irgendwie mit Kriegsbeilen«, bemerkte Mitchell mit einem schiefen Lächeln.

»Ich kann nichts dafür!«, sagte ich verteidigend. »Ich kann nichts dafür, dass Delia und mein Dad skrupellos und herzlos sind, und ich kann nichts dafür, dass mich manche Menschen, wie Arschlochnachbar, zur Weißglut treiben und unbedingt eine Schlammschlacht anfangen wollen.«

Wäre meine Mom nicht auf ihrer heilenden Reise, hätte ich die freien Tage und Thanksgiving bei ihr verbracht. Ich hätte in meinem alten Jugendzimmer schlafen können, wir hätten zusammen gekocht, sie den Nachtisch, ich die Hauptspeise. Ich vermisste sie mit einem Mal so sehr, dass ich kaum atmen konnte. Sie war nun schon so lange fort. Sie hatte sogar ihre Social-Media-Kanäle gelöscht und ihr Handy verkauft. Sehr radikal – aber sie war schon immer ziemlich flippig und impulsiv gewesen. Jeden Monat erhielt ich einen Brief von ihr. Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass ich jemals eine Brieffreundin haben würde, und noch weniger, dass es meine eigene Mom sein würde, aber jetzt war es so. Ich hatte mich damit abgefunden. Das redete ich mir zumindest ein. Auch damit, dass es kein Austausch war, sondern bloß Lebenszeichen von ihr. Sie war nie lange an einem Ort, demnach konnte ich ihr auf die Briefe nicht antworten. Es war unmöglich, sie zu erreichen, was mir auf so vielen Ebenen Sorgen bereitete. Aber nun gut. Eine weitere Sache auf meiner Liste an Dingen, die mir gegen den Strich gingen, die ich aber nicht ändern konnte. Eine weitere Sache, die ich so oft wie möglich verdrängte, auch wenn sie ständig unkontrolliert hochkochte.

»Ich habe meinem Dad erzählt, dass ich mit Unikram beschäftigt bin und deshalb Thanksgiving nicht mit ihm feiern kann«, gab ich zu. »Ich habe wirklich keine Lust, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und Delia ist schon über Skype kaum auszuhalten. Ich will sie wirklich nicht auch noch offline ertragen müssen.«

»Verständlich«, sagte Savannah mitfühlend. »Tut mir leid, dass ich es angesprochen habe.«

»Schon okay. Cookie«, fügte ich hinzu und lächelte in die Runde. »Reden wir über etwas anderes.«

Cookie war unser Safeword. Wir hatten es unter uns Freundinnen schon vor Längerem eingeführt. Es signalisierte den anderen, dass ein Punkt erreicht war, an dem man besser nicht mehr nachhaken, geschweige denn bei dem Thema bleiben sollte.

Ella nickte und lenkte das Gespräch auf unseren heutigen Spieleabend. Ich war ihr mehr als dankbar dafür. Ich hörte meinen Freunden eine Weile zu. Versuchte, zu lächeln und dann und wann einen Kommentar einzuwerfen. Aber der Schock über die Thanksgiving-Ankündigung saß noch zu tief.

Deshalb stand ich mit meinem Tablett auf und tischte ihnen eine Ausrede auf. Klo. Ein Telefonat.

Dann beeilte ich mich, so schnell wie möglich aus der Cafeteria zu gelangen.

Sosehr ich das kalte Wetter auch hasste, es tat unglaublich gut, die eisige Luft in meine Lunge strömen zu lassen und zu spüren, wie ein leichter Wind mein glühendes Gesicht und meine feuchte Stirn abkühlte.

Das alles war ein stinkender ekliger Haufen Mist. Normalerweise war ich nicht sonderlich zartbesaitet, aber dieses Gefühl des Ausgeschlossenwerdens, dieses Gefühl, nicht dazuzugehören, auch wenn es mit größter Sicherheit irrational war, tat weh. Mehr noch. Es stocherte in einer Wunde, von der ich nicht geglaubt hatte, sie zu besitzen.

Kapitel 3

Liebling!«, ertönte die Stimme meines Vaters, noch bevor sein verpixeltes Bild auf meinem Laptop zu sehen war. In diesem Eck der Bibliothek, ganz besonders in diesem Lernraum, war das WLAN mies. Man musste ganz schön Glück haben mit der Verbindung, besonders bei Videocalls. Das war auch der Grund, warum ich diesen Raum jedes Mal für die Videocalls mit meinem Dad wählte. So hatte ich immer eine Ausrede parat, um das Gespräch zu beenden.

Die Internetverbindung war heute allerdings gnädig mit uns, und ich sah sein Bild kurz darauf scharf. Er lächelte, erfreut darüber, mich zu sehen. Mit seinem grau melierten, dichten blonden Haar und den vielen Lachfalten um seine leuchtend blauen Augen herum sah er noch genauso aus wie der Dad von früher. Der gleiche Dad, von dem ich letztes Jahr noch geglaubt hatte, er wäre mein bester Freund. Eine treue Seele, die mir oder Mom niemals ins Gesicht lügen würde.

Ich lächelte in die integrierte Webcam des Laptops und verschränkte die Arme vor mir auf dem abgenutzten Holztisch. »Hi, Dad. Was machst du gerade? Ich bin etwas früh dran, störe ich?«

»Ganz im Gegenteil, ich wollte dich auch gerade anrufen.«

Ich wollte nicht mit ihm sprechen, geschweige denn ihn sehen. Ich schaffte es allerdings nicht, ihm wehzutun, indem ich ihm das sagte. Jedes Mal, wenn ich sein warmes, liebevolles Gesicht sah, brach es mir selbst das Herz. Die Wut war von hilfloser Natur wie jene, die man verspürte, wenn man versuchte, im Traum zu rennen und einfach nicht vom Fleck kam. Familie konnte so was von kompliziert sein. Wie sollte man schon vernünftig erklären, es zu hassen, mit dem eigenen Vater zu sprechen, während man ihn zeitgleich unendlich vermisste und liebte? Unmöglich. Aber solange Delia nicht im Haus war und ich mit meinem Dad sprach, konnte ich mir zumindest während dieser kurzen Gespräche vormachen, es wäre noch immer alles wie früher.

»Wie geht es dir, Desi? Wie läuft das Studium?«, fragte er wie jedes Mal. Desi war ein alter Spitzname aus Kindertagen. Nur mein Dad nannte mich noch so, Mom hatte schon vor Jahren damit aufgehört.

Ich erzählte ihm ein wenig von den Tagen, seit wir uns nicht mehr per Video gesprochen hatten. Auch wenn das nicht ganz richtig war. Um es genau zu nehmen, tischte ich ihm mal wieder eine Lüge nach der anderen auf. Dass das Studium großartig lief und ich der totale Streber war. Mit jedem weiteren Wort fühlte ich mich miserabler und erleichterter zugleich. Wenn ich so tat, als hätte ich alles unter Kontrolle, dann würde es vielleicht auch so kommen. Manifestieren und so. Gesetz der Anziehung? Irgendwas davon würde hoffentlich funktionieren.

»Ach, Summer«, sagte Dad mit einem zufriedenen Seufzen und lächelte voller Wärme. »Ich bin so stolz auf dich. Du wirst die ganze Welt erobern, wenn du erst mal deinen Abschluss hast. Du rockst, ehrlich. Auch dass du bei den Prüfungen dieses Jahr so gut abgeschnitten hast. Das ist großartig!«

Das Lächeln auf meinen Lippen war aus Eis. Ich presste meine Hände so fest auf die Tischplatte, dass es in den Muskeln meiner Unterarme schmerzlich zog. Die Prüfungen? Ich hatte sie mit Ach und Krach, sehr viel Tränen und sehr viel Verzweiflung bestanden.

»Wie du immer sagst, Dad: Das Studium ist scheißteuer, und es soll sich auszahlen, nicht?«

Er lachte. »Ganz genau.«

Ich lenkte das Gespräch so unauffällig, dafür aber so schnell wie möglich in eine andere Richtung. Ich brachte meinen Dad dazu, von sich zu erzählen. Er sprach über Delia, über die Renovierungsarbeiten in ihrem neuen Haus und über seine neue Lieblingsshow auf Netflix – irgendwas mit Agenten und Rumgeballer. Ich hatte geglaubt, ich hätte ihn mit dem Erklären der Handlung so weit abgelenkt, dass er das Thema nicht mehr auf gefährlichere Gefilde lenken würde, doch da hatte ich mich geirrt. Im nächsten Moment fragte er nämlich:

»Bist du sicher, dass du über Thanksgiving nicht kommen kannst? Delia und ich würden uns wirklich freuen, wenn du uns endlich mal besuchen würdest. Wir haben das Gästezimmer für dich hergerichtet für den Fall, dass du dein eigenes Zimmer daraus machen und dann und wann in den Semesterferien zu uns kommen möchtest.« Hoffnungsvoll lächelte er mich an. »Na, was denkst du?«

Mein Herz krampfte sich zusammen. Nein!, wollte ich schreien. Ich wollte aufstehen und das nächstbeste Buch gegen die Wand schleudern. Du hast meiner Mutter das Herz gebrochen und mir gleich mit. Scher dich gefälligst zum Teufel!

Ich schluckte hart, was gegen die Trockenheit in meiner Kehle allerdings nur wenig ausrichtete. Wieso war er vor dieser ganzen Sache nur so ein toller Dad gewesen? Das sorgte nun nämlich dafür, dass sich meine plötzliche beißende Wut mit Verzweiflung und Schmerz vermischte. Mit Trauer. Doch auch mit Sehnsucht. Ich vermisste ihn. In jeder anderen Lebenssituation trug ich mein Herz auf der Zunge, aber bei meinen Eltern? Da verknotete sie sich regelrecht.

»Ich kann nicht«, sagte ich nach einem kurzen Augenblick. Und zu meinem Schock war meine Stimme erschreckend heiser. Reiß dich zusammen! »Tut mir leid, Dad. Ich kann nicht kommen.«

Die Enttäuschung auf seinem Gesicht war wie ein Faustschlag in den Magen. Nein, das hat er verdient. Er ist ein familienzerstörendes Arschloch. Hastig sprach ich weiter, bevor er fragen konnte. »I-ich muss mit einem Kommilitonen eine Hausarbeit schreiben, und dafür müssen wir dauernd in die Bibliothek. Könnte auch funktionieren, wenn ich nicht hier wäre, aber ich möchte die bestmögliche Note dafür bekommen, weil sie extrem wichtig ist. Deshalb … deshalb kann ich an Thanksgiving nicht kommen. Aber vielleicht klappt es in den nächsten Semesterferien!« Ich schenkte ihm ein Strahlen und verengte dabei die Augen, um es echter wirken zu lassen.

»Na gut.« Er stieß ein Seufzen aus. Er versuchte, es zu verbergen, doch er wirkte niedergeschlagen. Und das ging geradewegs auf mich über.

Wir sprachen noch ein Weile über Belangloses, über das Wetter, Politik und den Tod seines Lieblingssängers, der erst vor einer Woche überall die Schlagzeile gewesen war. Dann verabschiedeten wir uns schließlich, ich klappte vernehmlich den Laptop zu und sank gegen die harte Lehne des Holzstuhls.

Eine Weile saß ich unbewegt da. Starrte ins Nichts. In meinem Kopf wurde es ziemlich laut, und Dutzende Gedanken wirbelten umher. Die meisten von ihnen ertränkten mich in Schuldgefühlen.

Nicht mehr dran denken, einfach verdrängen, einfach vergessen. Ich bin stark.

Ein Schluchzen entwich mir. In meiner Brust begannen die erdrückenden Gefühle überzukochen, und in meinen Ohren rauschte es laut. Nein! Vergiss es! Nicht heulen, nicht wegen Dad, nach allem, was er getan hat! Meine Unterlippe zuckte unkontrolliert. Erst war es nur das. Dann schluchzte ich wieder und wieder und … verlor den Kampf. Ich vergrub das Gesicht in den Händen, als könnte ich so jede Träne und jeden Schluchzer auffangen.

Seit so vielen Monaten machte ich ihm schon etwas vor. So lange schon belog ich ihn und gab vor, jemand zu sein, der ich nicht war. Eine Summer Andrews, die ihre Familie stolz machte, sich selbst stolz machte und ihr Leben in die Hand nahm. Es im Griff hatte. Obwohl das alles gar nicht der Fall war. Ich drückte mein Studium gerade so durch, obwohl es mich nicht nur zutiefst unglücklich machte, sondern auch noch regelmäßig in die Verzweiflung trieb. Manchmal weinte ich, einfach so, weil allein der Gedanke, am nächsten Tag wieder an den Campus der Fletcher University zu müssen, so unerträglich war.

Ich war eine Betrügerin. War ich dadurch nicht mindestens genauso schäbig wie er?

Und dann war da noch diese Angst. Diese unbeschreibliche Angst, auch nur in Erwägung zu ziehen, meinem Dad die Wahrheit zu sagen und das Studium tatsächlich abzubrechen. Denn dann würde ich alles verlieren: meinen Dad und eine Zukunftsperspektive. Es fühlte sich an, als würde ich auf einem Seil balancieren, unter mir ein tiefer Abgrund. Im Balancieren war ich noch nie sonderlich gut gewesen. Und egal, wie ich es drehte oder wendete, egal, in welche Richtung. Früher oder später würde ich fallen.

 

Am Abend parkte ich mein Auto vor dem großen Haus der Moores – Savannahs und Mitchells Eltern. Ich verpasste mir vor dem Aussteigen noch einen Spritzer Parfum und zog meinen roten Lippenstift nach. Obwohl es erst sieben Uhr war, war es so stockdunkel, als wäre es mitten in der Nacht. Und verdammt kalt war es auch. Mein Heulanfall in der Bibliothek – der wirklich untypisch für mich gewesen war – hatte dem gesamten restlichen Tag einen Dämpfer verpasst. Mein Gesicht fühlte sich irgendwie immer noch ein wenig aufgedunsen an, obwohl ich mich vom kalten Wind ordentlich hatte abkühlen lassen. Aber das sollte nicht länger eine Rolle spielen. Wer hatte während seines Studiums denn nicht ab und an einen kleinen Breakdown in der Bibliothek? Gehörte das nicht irgendwie zum ganzen Unierlebnis dazu?

Für heute Abend waren Spaß und eine gute Zeit angesagt, und das würde ich mir nicht vermiesen lassen. Am allerwenigsten von mir selbst. Ich hatte mir mit dem Lockenstab Wellen in die Haare gezaubert und mein Lieblingskleid angezogen. Ein enges efeugrünes Samtkleid. Dazu eine halb durchsichtige schwarze Nylonstrumpfhose und schwarze kniehohe Stiefel. Nicht das beste Outfit für einen eisigen Novemberabend, aber bis zum Poolhaus, wo wie so oft der Spieleabend stattfand, war es nicht weit, und mein Wintermantel hielt einigermaßen warm.

Ich schulterte meine Handtasche, in der zwei Weinflaschen klirrten, und lief durch das Tor. Die riesigen Glasfenster waren allesamt mit weißen Vorhängen versehen, sodass der dunkle Garten in ein weiches, warmes Licht getränkt wurde. Ich erahnte Musik.

Sie brach über mich herein, genauso wie die Stimmen meiner Freunde, als ich die Tür aufriss und eintrat.

»Hi!«, rief ich grinsend in die Runde und schloss schnell hinter mir die Tür, um die Kälte nicht hereinzulassen.

»Summer!« Savannah krabbelte in ihrem knielangen dicken Wollkleid von der weißen Wohnlandschaft und fiel mir geradewegs in die Arme, als hätten wir uns Monate lang nicht gesehen – dabei lag das Mittagessen in der Cafeteria nur ein paar Stunden zurück. Aber so war Savy. Wie ein menschlicher Sonnenstrahl.

»Du riechst gut!«, sagte sie freiheraus und löste sich von mir. »Ella und ich brauchen deine Stimme. Wenn du dich entscheiden müsstest, nimmst du Timothée Chalamet oder Tom Holland?«

»Sie nimmt Tom Holland!«, rief Ella vom Sofa aus, welches fast den ganzen Raum einnahm, bevor ich zu einer Antwort ansetzen konnte. Sie schob sich etwas in den Mund, was wie ein Erdnussflip aussah, und tanzte im Sitzen zu einem Song, der durch die Boxen dröhnte. »Ist doch klar. Damit hast du gewonnen, Savy, herzlichen Glückwunsch.«

Ich lächelte meine Freundinnen verwirrt an und zog meinen Mantel aus. »Keine Ahnung, um was es geht«, sagte ich, trat zur Couch und ließ mich neben Ella fallen. Kurz überlegte ich. »Aber wenn ich mich zwischen Timothée Chalamet und Tom Holland entscheiden müsste, würde ich, glaube ich, Timothée nehmen.«

»Was?« Sav verzog enttäuscht das Gesicht, und Ella reckte jubelnd die Faust in die Luft. »Aber wieso denn? Was ist mit Spiderman?«

»Du weißt, dass ich kein Fan von Superheldenzeugs bin. Und Timothée Chalamet ist einfach total ästhetisch.«

Ich nahm mir etwas von Ellas Erdnussflips und schob sie mir in den Mund, wohl darauf bedacht, nicht zu krümeln. Das Sofa – oder wie Carla immer sagte, der Marshmallow-Haufen – war fast gänzlich mit Decken jeder Art bedeckt. Damit Mrs. Moore auch ja keinen Tobsuchtsanfall bekam, sollte die teure Maßanfertigung einen Fleck abbekommen. Carla hatte darüber gelacht, aber wenn ich ehrlich war, verstand ich diesen Punkt als Interior-Liebhaberin ziemlich gut. Weiße Textilien waren absolut heilig.

Gegenüber vom hufeisenförmigen Sofa hing ein Flachbildfernseher, und überall im Raum waren Boxen in der Decke integriert, genauso wie Halogenspots. Irgendwie war es eine Angewohnheit von mir, Räume genauestens zu scannen. Selbst wenn ich sie schon kannte. Das war mein Ding. Fast schon ein Hobby, konnte man wohl sagen, wenn ausartendes Interesse an Möbeln und Einrichtung überhaupt als Hobby galt.

Ein Song von Zara Larsson startete als Nächstes, und auf dem großen Fernseher knisterte ein virtuelles Kaminfeuer.

»Hey, wo sind eigentlich die anderen?«, fragte ich kauend. Es war mir alles andere als entgangen, dass auf der anderen Seite der Wohnlandschaft einige Jacken lagen.

»Küche«, sagte Ella nur kauend und schob sich mehr Flips in den Mund. »Aber Carla, Lenny und Todrick kommen noch nach.«

»Sehr gut. Sie haben bestimmt nichts dagegen, wenn wir schon mal ohne sie anstoßen.«

»Auf was denn anstoßen?«, fragte Savannah.