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Ob OneCoin, TrumpCoin oder Plus Token: In der Kryptowelt gelten scheinbar keine Regeln und Aufklärung darüber tut not. Krypto-Expertin Erica Stanford deckt die schockierendsten Betrügereien aus der Welt der Kryptowährungen auf. Millionen Menschen sind mittlerweile davon betroffen. Exklusive Interviews und Kommentare zahlreicher Schlüsselpersonen, die aktiv gegen die größten Kryptobetrügereien ermittelt haben, gewähren einen faszinierenden Einblick in die Abgründe des Krypto-Universums. Stanford entschlüsselt das System hinter diesen Skandalen, erklärt aber auch die Kryptotechnologie, die das Potenzial hat, das Bankwesen und unsere Welt zum Besseren zu verändern. Ein Plädoyer für den eigenverantwortlichen Umgang mit den Chancen und Risiken der Kryptowährungen!
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Seitenzahl: 342
Veröffentlichungsjahr: 2022
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ERICA STANFORD
DIE MASCHEN DERKRYPTOBETRÜGERUND WIE SIE SICHDAGEGEN SCHÜTZEN
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
Crypto Wars: Faked deaths, missing billions and industry disruption bei Kogan Page
ISBN 978-1-3986-0069-0
Copyright der Originalausgabe 2021:
Copyright © Erica Stanford, 2021.
Cover Copyright © 2021 Kogan Page Ltd.
This translation of Crypto Wars is published by arrangement with Kogan Page.
All rights reserved.
Copyright der deutschen Ausgabe 2022:
© Börsenmedien AG, Kulmbach
Übersetzung: Egbert Neumüller
Gestaltung Cover: Oscar Spigolon
Gestaltung, Satz und Herstellung: Timo Boethelt
Lektorat: Sebastian Politz
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-86470-830-5
eISBN 978-3-86470-831-2
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Einführung
1.Der Wilde Westen: Scherz- und Schwindelprojekte, die trotzdem Millionen beschafften
Wertlose digitale Nachahmer-Token
Die Wundertechnologie
Die große Blase
Eine neue Methode der Mittelbeschaffung
Kreative Einstellungen
Die verschiedenen Arten betrügerischer Angebote
Gelegenheiten für Opportunisten
Sex, Dating, Familien, Sand, Wein und Gebete
Wie man Werbung für einen Schwindel macht
Kopfgeldjäger
Marketing: Die Bösen, die Schlimmeren und die Hässlichen
Schade, leider Pech gehabt
ICOs: Das große Ökosystem-Chaos
Tote Coins
„Instant legit bitcoin doubler“
Es gibt Hoffnung!
2.Krypto-Exit-Scams
Der 50-Millionen-Dollar-Streich
Mit dem Geld verduften
Auberginen und sonstiges Gemüse
Der vielleicht offenkundigste Exit-Scam von allen
Danke, tut uns leid
Die Kunst, sich hinter technischen Fehlern zu verstecken
Die Neuerfindung des globalen Finanzsystems
Die Fähigkeit, die Zukunft vorherzusagen, und andere Warnsignale
Einkaufen mit Anlegergeldern
Das Spiel mit der Hoffnung
3.OneCoin: Die vermisste Kryptoqueen
Der Anfang
Das Ende
Die (vermisste) Kryptoqueen
Dazwischen: Verkaufen, verkaufen, verkaufen und reich, reich, reich werden
Trau Google nicht!
Keine Möglichkeit, auszusteigen
Große, blinkende Warnlampen
Wirtschaftlich unmöglich und unglaubwürdig
What Dreams May Come
Eine Geldpyramide
Der süße Duft des Geldes
Der Glaube an das Geld
Fifty Levels of Grey
Ein Lernangebot: Geklaute PDFs und noch ein paar ökonomische Wunderdinge
Der reichste Mann der Welt
Hyperinflation
Die vermisste Kryptowährung
Plastische Chirurgie bringt alles in Ordnung
Wo ist das Geld hingekommen?
Spione der Liebe
Die falsche Kryptoqueen
Und weg ist sie, mit dem Geld über alle Berge
Der Schwindel geht weiter
4.BitConnect: Das doppelte Schneeballsystem und der trügerische, unschlagbare Trading-Bot
Belanglosigkeiten, Phrasen und wieder eine neue Kryptowährung
95.751,58-mal so reich wie Jeff Bezos
Reality-Check
Buchstäblich weder Nutzen noch Wert
Die große Pyramide
Werbung für den Schwindel
Supersportwagen, Diskokugeln, schreckliche Musik und schlechter Gesang. Was konnte da noch schiefgehen?
Noch mehr Warnsignale
Der Klang der Alarmglocken
Ein großes rotes Blutbad
Der doppelte Schneeball: Zwei Schwindel zum Preis von einem
Bitconnect 3, denn zwei Betrügereien sind nicht genug
Die letzte Verwicklung der Geschichte: Die entführten Entführer
5.Sorry, sind dann mal weg: Der 17-Milliarden-Dollar-Exit-Scam
Die Entstehung eines Betrugs
Es muss ja gut sein, denn schließlich ist es ein Modewort
Trading-Hunde
Große Versprechungen
Saftige Zahlen und kreatives Marketing
Verborgene kryptische Mitteilungen
Und wo ist das Geld jetzt?
Klappe, die Zweite: Die Milliarden-Dollar-Kopie des Betrugs
6.Ein vorgetäuschter Tod, fehlende Millionen und Exhumierungsanträge
Ein lächelnder Mann
Pizza mag jeder
Von Hackern umzingelt
#luxurytravel
Ist er wirklich gestorben?
Ein größeres Verwahrungsproblem
Die Strafverfolgungsbehörden schreiten ein – oder versuchen es wenigstens
Die Investoren schreiten ein
Der Verdacht wächst. Wo ist Gerry?
Der heimliche kriminelle Gründer
Betrugsübungen
Professionelle Geldwäsche
Wie konnte Kanadas größte Kryptobörse unter den wachsamen Augen der Strafverfolgungsbehörden so weit kommen?
Das Geld war bereits weg
Wo ist das Geld hingekommen?
Glücksspiel mit dem Geld anderer Leute
Wir müssen die Leiche exhumieren!
Ein altmodischer Betrug, in moderne Technologie verpackt
7.Mt.Gox: Hacks, abfließende Milliarden und ein nicht zugelassener Trading-Bot
Und weg war es
Karten oder Coins
Ein Hack nach dem anderen
Fehler, Bugs und Bitcoin-Verluste
Das Gesetz schreitet ein
Das Geld versiegt
Das Bitcoin-Leck
Wo ist unser Geld?
Das größte Rätsel der Welt
Der Abschied vom Mt.Gox-Geld: Genial-kriminelle Geldwäsche
Ein Bot namens Willy und ein Bot namens Markus
Festnahmen, Geldwäsche, Klagen, weitere laufende Verfahren und vergeudetes Vermögen
Die letzte Wendung der unvollendeten Geschichte
8.Das Schürfen von Kryptowährungen: Aus heißer Luft wird nichts geschaffen
Leicht verdientes Geld – zusehen, wie der Profit hereinströmt
Die 722-Millionen-Dollar-Notenpresse
Ein traumhaftes Leben
Das Anarchisten-Resort
Geld drucken: Das Huhn, das goldene Eier legt
Schwammige Zahlen, ahnungslose Führungskräfte und Falschaussagen
Das Zahlenspiel
Die auf magische Weise fehlenden Schürfanlagen
Kaum mehr als Wasser
Der Bankrott eines Systems, das „für den Bankrott zu groß“ war
9.Marktmanipulation: „Pump and dump“ in der Kryptowelt
Nadeln und Heuhaufen
Die Kunst des sozialen Betrugs
„Pump and dump“-Gruppen
Prominente waren mit von der Partie
John McAfee
Lernen, wie man Märkte manipuliert
Das nächste große Investment
Der 2-Milliarden-Dollar-Tweet
Eine Menge Tweets
Aus und vorbei
10.Krypto fürs Volk
Venezuela: Die Frage nach der Henne oder dem Ei
Absturz in die Kryptowährung
Im Anfang
Eine Finanzrevolution
Der Weg zur allgemeinen Einführung
Plastik und die Ozeane: Eine glückliche Geschichte
Endnoten
Laut einem alten Sprichwort ist etwas, das wie eine Ente aussieht, wie eine Ente schwimmt und wie eine Ente quakt, im Allgemeinen eine Ente – oder zumindest ein Tier mit entenähnlichen Merkmalen. Das Ökosystem der digitalen Kryptowährungen, das auf seinem Höhepunkt zu einer Bewertung von 1,8 Billionen Dollar anschwoll, ist hingegen ein bisschen wie der Wilde Westen. Die Regulierung der Kryptowährungen hält mit dem Tempo der Technologie und der Innovationen nicht Schritt und zumindest in den letzten Jahren war sie sehr mangelhaft oder gar nicht vorhanden. So entstand in aller Öffentlichkeit eine Unterwelt, in der sich die Mafia, das organisierte Verbrechen, Spione, Hacker, Opportunisten und Schwindler miteinander verflochten. In dieser Welt der Betrügereien, Hackerangriffe, Diebstähle, Entführungen, Erpressungen und Vermissten waren Schneeballsysteme im Volumen von Milliarden Dollar an der Tagesordnung, und die Chancen, dass sich ein Projekt mit dem Geld, das es gerade beschafft hatte, aus dem Staub machen würde oder nicht, standen fifty-fifty.
In der Kryptowelt, in der es leider viel mehr Betrugsfälle gibt als in den meisten anderen Branchen, führt der Ententest zu ganz anderen Ergebnissen. Bekannt ist der Tweet von Charlie Lee, in dem es sinngemäß hieß: Wenn etwas wie eine Ente aussieht, wie eine Ente schwimmt und wie eine Ente quakt, dann ist es ein Schneeballsystem.1 Und die Betrügereien im Kryptobereich hören nicht auf.
Ich hatte Jamie Bartlett, Forscher, Ermittler und Moderator der viralen Podcast-Reihe „The Missing Cryptoqueen“ der BBC, im Dezember 2019 zum Weihnachtsessen der Mitglieder unseres Crypto Curry Club eingeladen. Das war auf dem Höhepunkt der Popularität der Serie, und die ganze Welt schaltete sich ein, um die neueste Folge der Suche nach der großartigen Ruja Ignatova zu hören, der verschwundenen Gründerin des vier bis 15 Milliarden Dollar schweren Schneeballsystems OneCoin. Ruja wurde vermisst und seit zwei Jahren vom FBI gesucht.
Sie hatte erfahren, dass sie vom FBI gesucht wurde – wahrscheinlich aufgrund einer Story über unerwiderte Liebe, Spionage und organisiertes Verbrechen –, und ward seither nicht mehr gesehen. Und da sie vermutlich über mindestens eine halbe Milliarde Dollar verfügte und eine Vorliebe für plastische Chirurgie besaß, konnte sie sich überall versteckt halten. Es war eine moderne Echtzeitversion des klassischen Krimis nach dem Motto „Wo steckt sie?“. Als Jamie die Geschichte erzählte, konnte man vor Spannung die Luft im Zimmer schneiden. Er erzählte uns unter Beachtung der Chatham-Haus-Regel alles und beantwortete unsere Fragen. Das hieß, dass alles, was in diesem Zimmergesprochen wurde, nirgendwo wiederholt würde, sodass wir offen sprechen konnten. Über Stunden teilte uns Jamie mit, was er wusste, und er erzählte uns eine Story nach der anderen über die finstersten Erkenntnisse, die er und sein Team gewonnen hatten.
Nach diesem Ereignis gelangten immer mehr Geschichten über Verbrechen, Schwindel und Betrug an die Öffentlichkeit. Manche unserer Mitglieder – die allesamt auf unterschiedliche Weise Krypto-Experten sind – wussten über andere Fälle von Kryptobetrug mehr, als sie öffentlich preisgegeben hatten. Einige dieser Betrugsfälle waren schon wieder Vergangenheit, aber die meisten liefen noch; immer noch zogen sie ganz normalen Menschen aktiv Milliarden Dollar aus den Taschen und machten dabei auf den gleichen Suchmaschinen und Social-Media-Plattformen Werbung, die Sie und ich jeden Tag benutzen.
Ich begann, mit diesen Menschen zu sprechen, um mehr zu erfahren. Viele von ihnen hatten in den Jahren, in denen sie im Kryptobereich gearbeitet und dort Nachforschungen angestellt hatten, über manche dieser finsteren Betrügereien mehr herausgefunden, als für irgendjemanden gut ist. Mehrere von ihnen hatten Morddrohungen erhalten, noch mehr waren wegen ihres dank ihrer Nachforschungen erlangten Wissens online eingeschüchtert worden. Diese Menschen wollten sich daher nicht mehr öffentlich äußern – das war ihnen das Risiko nicht wert. Aber sie teilten kleine Bruchstücke über das mit, was hinter den Kulissen wirklich vor sich geht, weit weg von der glatten, glänzenden Werbung der größten Kryptobetrüger. Mir reichte das, um einen genaueren Blick auf einige dieser Betrugsfälle zu werfen und Zugang zu einigen der Chatrooms und Gruppen zu erhalten, die nach wie vor Menschen auf der ganzen Welt – und einander gegenseitig – betrügen; ich wollte sehen, was da wirklich vorging.
Nach dem Bitcoin wurden aus dem Nichts Tausende weitere Kryptowährungen geschaffen. Es war einfach zu leicht. Jedermann konnte mit wenig Aufwand und Geld eine neue Kryptowährung erschaffen. Ein Projekt nach dem anderen wurde mittels einer neuen Methode der Geldbeschaffung für Kryptowährungen lanciert, die man als „Initial Coin Offering“, abgekürzt ICO [werbewirksam analog zu der angelsächsischen Abkürzung IPO für einen Börsengang, Initial Public Offering, gebildet, Anmerkung des Übersetzers], bezeichnet. Die Namen, die sich diese Projekte gaben, reichten von Jesus Coin und SexCoin über PotCoin und TrumpCoin bis Catcoin, und es gab buchstäblich alles dazwischen.
Dieser Hype und die damit verbundene Hoffnung, schnell reich zu werden, speisten eine Blase, die sich auf dem Höhepunkt auf mehr als 1,8 Billionen Dollar belief und Tausende verschiedene Kryptowährungsprojekte beinhaltete. Der Wert der meisten ICOs in der wirklichen Welt war gleich null, die Anzahl ihrer Anwendungsfälle ebenfalls.
Ebenso wie bei der Dotcom-Blase und allen anderen Blasen der Geschichte wurden wild schwankende, riesige Gewinne erzielt, obwohl das größtenteils absolut keinen Sinn ergab. Die Menschen sahen, wie viel Geld diejenigen verdient hatten, die frühzeitig in Bitcoin und die ersten anderen Kryptowährungen investiert hatten, und sie wollten eben auch einen Anteil davon haben. In dieser verrückten Zeit wurde mit Geld um sich geworfen, gehackt, geschwindelt, es wurden wilde Behauptungen aufgestellt und Versprechungen gemacht, auf deren Erfüllung keinerlei Hoffnung bestand. Die Strafverfolgungsbehörden gingen bald dazu über, mehr als 98 Prozent der Krypto-ICO-Projekte als betrügerisch oder gescheitert oder aber als Projekte zu betrachten, die das Geld ihrer Investoren verloren hatten.2 Nach einer Weile verschwammen die meisten dieser Projekte zu einem einzigen und verloren sich in dem Hype der Krypto- und ICO-Blase der Jahre vor 2018.
Nicht alle diese Projekte werden vergessen werden. Manche stachen heraus und schienen äußerst aufregend zu sein. Sie veranstalteten die wildesten Partys und spendierten ihren Investoren Fahrten auf luxuriösen Privatjachten. Diese Projekte tauchten aus dem Nichts auf, und doch beschafften sie das meiste Geld – oft Milliarden Dollar – und hatten die größte Gefolgschaft.
Die Menschen, die hinter diesen Projekten standen, waren nicht unbedingt intelligent, gut aussehend, schön, eloquent oder charmant, und sie besaßen nicht immer eine hervorstechende Eigenschaft, die erklärt hätte, weshalb sich die Menschen zu ihnen hingezogen fühlten. Manche dieser Projekte – das war sogar ein gemeinsamer Charakterzug vieler Betrügereien – konnten überhaupt keine Menschen vorweisen, die sie leiteten, sondern liefen vollständig anonym ab. Und doch stürzten sich die Menschen hinein und gaben ihnen alles, was sie hatten. Sie wollten dazugehören.
Die in diesem Buch beschriebenen Betrugsmaschen beeinträchtigten das Leben von Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Millionen Menschen fielen auf sie herein und verloren damit Milliarden Dollar. Es gibt zahllose Horrorgeschichten von Menschen, die ihr gesamtes Erspartes verloren, die Ersparnisse ihrer Eltern, Familien und Freunde; von älteren Menschen, die wieder arbeiten gehen mussten, weil sie durch diese Betrügereien alles verloren hatten; von Selbstmorden und zerstörten Leben. Auf der anderen Seite stehen die Diamanten, die Autos, die Jachten, die Villen und der glamouröse Lebensstil, den diejenigen pflegten, die diese Betrugsmaschen durchführten und für sie warben.
Solche Betrügereien laufen auch heute noch. Manche sind die gleichen, die in diesem Buch erwähnt werden, andere sind fast exakte Kopien davon, die in manchen Fällen sogar von den gleichen Menschen durchgeführt wurden. Heute sind auf allen Browser- und Social-Media-Plattformen betrügerische Gruppen unterwegs. Was wirklich in der Unterwelt der größten Kryptobetrüger vor sich geht, wäre fast unmöglich zu glauben, wenn es nicht wahr wäre.
Kryptobetrüger schädigen nicht nur die Krypto-Anleger. Sie ziehen weiterhin ganz normalen Menschen auf der ganzen Welt das Geld aus den Taschen. Man ist gegen Betrug nicht gefeit. Nicht immer steht auf einem Schwindel fett „Schwindel“ geschrieben, zumindest nicht auf den ersten Blick. Auf manchen aber schon. Manche sind schlecht gemacht und voller Fehler, sodass fast jeder sie klar als Betrug erkennt. Andere haben ein gutes Marketing, schicke Websites und beschäftigen die besten und überzeugendsten Vertriebsleute, die man für Geld bekommt. Wie dieses Buch zeigen wird, kann es erschreckend leicht sein, auf sie hereinzufallen.
In diesem Buch begeben wir uns mit einigen der größten Betrugsfälle nicht nur der Kryptowelt, sondern der jüngeren Geschichte auf Achterbahnfahrt – Betrugsmaschen, die ganze Kommunen und Länder erschüttert haben. Wir werden tief in die Anatomie des Betrugs eintauchen, wie er entsteht, warum so viele Menschen so tief hineingeraten sind und wieso es anderen Menschen gelingt, genau im richtigen Augenblick auszusteigen, bevor das Ganze wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt.
Wenn Sie das Buch bis zum Schluss lesen, bekommen Sie Antworten auf folgende Fragen:
Warum sind manche Betrügereien in so großem Maßstab erfolgreich, während andere scheitern?
Woran merkt man, ob etwas gut oder zu gut ist, um wahr zu sein? Wo liegt der Unterschied?
Warum fallen manche Menschen auf solche Betrügereien herein?
Was ist an manchen Betrugsmaschen dran, dass Menschen ihnen alles anvertrauen, was sie haben, obwohl es doch allerlei Alternativen gibt, was sie mit ihrem Geld anfangen könnten?
Wie kommt es, dass Menschen nicht merkten, dass es sich um einen Betrug handelte, bis dieser aufflog? Wieso investieren manche Menschen weiterhin in solche Betrugsmaschen und unterstützen sie noch, nachdem diese Betrugsmaschen aufgeflogen sind und strafrechtlich verfolgt werden? Wieso reichen die Tentakel dieser Betrügereien so tief?
Wieso und woran merken andere Menschen – nur wenige –, wenn sie von einem Projekt hören oder eines sehen, innerhalb von Sekunden instinktiv, dass es sich um eine Betrugsmasche handelt?
Wie kann man lernen, zur Gruppe derjenigen zu gehören, die solchen Betrügereien nicht zum Opfer fallen, sondern sie im Nu klar durchschauen?
Ich möchte klarstellen, dass es in diesem Buch nicht nur um Betrug geht und dass in der Welt der Kryptowährungen nicht alles so schwarz und weiß ist wie „Betrug“ und „kein Betrug“. Die traditionelle Finanzindustrie scheint sich in manchen Fällen nach Kräften zu bemühen, es Unternehmen, die legitime Kryptowährungsunternehmen sein dürften, schwer zu machen, ins Bankgeschäft hineinzukommen oder so zu operieren, wie sie es gern möchten. Mehr als nur ein Krypto-Unternehmen ist dem traditionellen Bankwesen oder anderen Faktoren zum Opfer gefallen, die außerhalb seiner Kontrolle lagen. Außerdem ändert sich die Kryptoszene so schnell, dass manche Menschen, die sich von kleinen Start-ups anstellen ließen, schon bald überfordert waren, als der Bitcoin-Kurs nach oben schnellte (und wieder abstürzte) und sich die Nachfrage nach Kryptowährungen in die Höhe schraubte.
Manche Kapitel dieses Buches präsentieren eindeutige Betrugsfälle, die von Anfang an betrügerische Systeme oder offenkundige Schneeballsysteme waren. Andere sind eher nebulös; möglicherweise haben sich Umstände oder Absichten geändert, und die Legitimität und die Absichten des Projekts wurden im Laufe der Zeit immer trüber. Bei anderen glaube ich, dass sie keineswegs Betrugsmaschen waren – oder zumindest nicht so gedacht waren, sondern vielleicht eher eine Abfolge unglücklicher Ereignisse und einiger schlechter Entscheidungen sowie einiger sehr schlechter Entscheidungen und einiger Fehler. Ich glaube, manche Kryptoprojekte waren ebenso sehr Opfer des mangelnden Zugangs zum traditionellen Bankenbetrieb wie bewusste, absichtliche Rechtsverletzungen – und auf jeden Fall fehlt es in manchen Fällen an Verständnis und Klarheit.
Die gleichen Arten von Betrügereien mit tollem Marketing, großen Versprechungen und hohen anfänglichen Auszahlungen gibt es in fast allen Branchen dieser Welt, nicht nur bei Kryptowährungen. Wenn das vorliegende Buch auch nur einen Menschen davor bewahren kann, sein Geld wegen eines solchen Betrugs zu verlieren – ob Kryptowährung oder nicht –, hat es etwas Gutes bewirkt.
Positiv gesehen sind Kryptowährungen eine revolutionäre Technologie mit Folgen, die das Leben von Milliarden Menschen buchstäblich verändern. Die Macht der Kryptotechnologie ist unglaublich und wird noch lange weiterwirken, wenn die Betrügereien schon ein historisches Fragment sein werden. Das letzte Kapitel, „Krypto fürs Volk“, wird einen winzigen Lichtschimmer auf das überwältigende Potenzial werfen, das Kryptowährungen für die ökonomische Befreiung von Milliarden der ärmsten Menschen der Welt bergen, die vom traditionellen Finanzsystem im Grunde ignoriert und sogar ausgebeutet werden, und für die politische Freiheit von noch viel mehr Menschen.
Es versteht sich von selbst, dass sich bei den Kryptowährungen die Dinge schnell ändern und dass die Herausgabe eines Buches viel Zeit (und eine Menge Arbeit!) braucht. Was hier geschrieben steht, ist ein aktueller Bericht nach unserem besten Wissen zum Zeitpunkt des Verfassens – aber zum Zeitpunkt, in dem Sie das Buch lesen, werden sich mit Sicherheit einige Dinge geändert haben. Ich hoffe, Sie werden das Buch genießen!
Die ersten Kryptowährungen brachten echte technologische Neuerungen hervor und verzeichneten wilde Kurszuwächse. Die allerersten Kryptowährungen, unter anderem Bitcoin und Ethereum, bescherten ihren frühzeitigen Investoren Renditen, die in keinem anderen Bereich möglich oder gar vorstellbar wären – bis zu Hunderttausende Prozent.
Der Bitcoin – die erste und bedeutendste Kryptowährung – hatte seine Höhen und Tiefen, legte aber im Laufe der Jahre erheblich an Wert zu und wurde zunehmend verwendet. Anfang 2017 war sein Wert von einem Bruchteil eines Cent bei seinem Start im Jahr 2009 auf mehr als tausend Dollar gestiegen.1 Die Menschen sahen die beispiellosen Reichtümer, welche die Anleger damit verdienten, und wollten die gleichen Renditen.
Die Verlockungen des leicht verdienten Geldes und der Chance, schnell reich zu werden, sind immer groß. Mehreren Tausend Menschen reichte es nicht, in bereits existierende Kryptowährungen zu investieren. Viele sahen den schnellsten Weg, zu Geld zu kommen, darin, ihre eigene Kryptowährung zu erschaffen, und in jenen Jahren gab es noch nicht sehr viele Hindernisse, die sie davon abhielten.
Ab dem Jahr 2016 war es schlicht zu einfach, eine neue Kryptowährung zu lancieren. Nicht nur war der Programmcode „open source“, was bedeutete, dass jemand anders (in diesem Fall die talentierten Entwickler der bereits existierenden Blockchain-Protokolle, auf denen Kryptowährungen aufbauen) die harte Arbeit geleistet hatte, inzwischen aber genug Pseudo-Experten verfügbar waren, die man einstellen und die Aufgabe im Namen des Unternehmens erfüllen lassen konnte. Das hieß, dass jedes Projekt, das von dem Krypto-Hype und dem Kryptowohlstand dadurch profitieren wollte, dass es eine eigene Kryptowährung auflegte, nicht einmal das Geringste darüber oder über die Funktionsweise der Technologie zu wissen brauchte. Man konnte so etwas einfach auslagern und jemandem dafür, dass er es erledigte, eine winzige Geldsumme bezahlen – häufig über eine Online-Vermittlungsplattform.
Wenn man eine neue Kryptowährung nur gründete, um eine zu haben, und nicht um die Innovation voranzutreiben, bedeutete das im Prinzip, dass man existierenden Programmcode kopierte und ein paar kleine Veränderungen daran vornahm – und manchmal nicht einmal das. Mehr als nur ein Projekt kopierte buchstäblich Wort für Wort den Programmcode, den schriftlichen Content und das Whitepaper eines anderen Unternehmens und änderte in seiner Werbung außer dem Unternehmensnamen nichts.2
Jedes Jahr wurden Tausende neue Kryptowährungen aus dem Nichts geschaffen, und jede versprach, größer und besser zu sein als die vorherige. Anders als Bitcoin, wo akribische Überlegungen, detaillierte Sorgfalt und Testläufe in die Prüfung des Programmcodes und des Konzepts eingeflossen waren, mit deren Hilfe die bis heute weltweit dominierende Kryptowährung geschaffen wurde, wurden die meisten neueren Kryptowährungen, die ab dem Jahr 2016 auftauchten, ohne Anwendungsfall, ohne Wert und ohne Neuerungen geschaffen. Die meisten neuen Kryptowährungen boten keinerlei Nutzen außer ihrem Beitrag zu der Kryptoblase, die gerade durchstartete. Es ist bereits eine starke Behauptung, sie überhaupt als Kryptowährungen oder als digitale Währungen zu bezeichnen. Die meisten kamen nie so weit, dass sie verwendet wurden, um irgendetwas zu bezahlen, vermarkteten ihre Token aber trotzdem als Zahlungsmittel. Die meisten neuen Projekte schufen nicht deshalb Kryptowährungen, weil der Besitz einer Kryptowährung ein wesentlicher Teil ihres Vorhabens oder ein notwendiges Zahlungsmittel gewesen wäre, sondern weil eine solche Lancierung für eine kurze Weile eine leichte Möglichkeit für die Gründer war, sich Geld zu beschaffen, ohne dass Fragen gestellt wurden. Und so hob die Blase ab, die sich um das neueste Schlagwort bildete: ICO, also „Initial Coin Offering“.
Anfang 2017 hörten viele Menschen zum ersten Mal von der Blockchain-Technologie. Die Blockchain – eine dezentrale und wohl sicherere Art, Daten zu speichern und Informationen sowie Geld zu übertragen – gab es schon seit der Erfindung des Bitcoin (und ähnliche Konzepte hatte es schon lange davor gegeben), aber nun begannen Unternehmen sie zu nutzen oder zumindest herauszufinden, wie und ob sie diese Technologie nutzen sollten.
Die Technologie der Blockchain verändert für Branchen auf der ganzen Welt die Spielregeln, sie bietet Transparenz und Rechenschaft auf einer ganz neuen Ebene, aber sie ist eine neue Technologie, die sich immer noch schnell weiterentwickelt. Nur wurde sie in den Jahren 2017 und 2018 ein bisschen hochgespielt. Sie wurde nicht nur als neue Technologie gepriesen, sondern auch als Wundertechnologie für die Lösung aller Probleme. Die Blockchain, so wurde versprochen, werde alle existierenden Branchen revolutionieren. Branchen und Märkte, die seit Jahrhunderten existiert hatten und Billionen Dollar wert waren, würden gestört, einstürzen und auf den Kopf gestellt werden. Banken würden zusammenbrechen, und alle Branchen von Einzelhandel bis Religion, von Immobilien bis Zahnmedizin, von Pornografie bis Partnervermittlung würden über die Blockchain laufen. Es wurden große Behauptungen aufgestellt, und viele glaubten buchstäblich, die etablierten Akteure – Giganten wie Ebay, Amazon oder Google – würden durch die neue Welle der auf der Blockchain basierenden Start-ups ersetzt, die versprachen, sie würden die Welt verändern, bloß weil sie die Blockchain nutzten, oder zumindest behaupteten, dies zu tun.
Das war das Umfeld, in dem die Initial Coin Offerings über die wildesten Träume der Gründer hinaus hochgespielt und populär gemacht wurden. Die ICOs reimten sich zusammen, ihre Start-ups – häufig nicht viel mehr als Einmannveranstaltungen – würden die Funktionsweise ganzer Industrien verändern, alles müsste sich auf die Blockchain verlegen und alles würde, egal ob es bereits auf herkömmliche Weise möglich war, mit konventionellen Mitteln zu bezahlen, mit Kryptowährungen bezahlt werden. Die Menschen glaubten das, sie sogen diese Behauptungen in sich auf und steckten Milliarden und Abermilliarden Dollar in diese Projekte – Geld, das größtenteils nie wieder auftauchte.
Im Jahr 2017 entluden sich die ohnehin schon extrem volatilen Kryptomärkte in einer gigantischen, übermäßig aufgeblähten Blase. Märkte, die schon für Tricks, Diebstähle und Geldwäsche berüchtigt waren, stiegen noch tiefer hinab in einen Wilden Westen, der bekannt für Betrügereien, Schneeballsysteme, marode Infrastruktur und Tausende von Scherzprojekten war, die Milliarden Dollar einbrachten und ganze Märkte dominierten und verzerrten.
Diese Blase wurde vor allem durch Initial Coin Offerings angestachelt, eine verhältnismäßig neue Art, mithilfe von Kryptowährungen Kapital zu beschaffen. ICOs ermöglichten es Unternehmen, aus dem Nichts Token zu generieren und zu verkaufen, anstatt Aktien zu emittieren. Für die Unternehmen war das toll; sie konnten sich Geld beschaffen, ohne dafür Eigenkapital aufwenden zu müssen, ohne viel Papierkrieg, und das mit der Leichtigkeit eines unregulierten Marktes, an dem so gut wie alles erlaubt war. Im Endeffekt boten ICOs neu gegründeten Unternehmen eine Möglichkeit, sich unreguliert enorme Geldsummen zu beschaffen. Dafür brauchten sie nicht den Aufwand zu betreiben, zunächst ein Produkt zu kreieren oder gegenüber irgendjemandem Rechenschaft abzulegen. Um ein ICO auf die Beine zu stellen, brauchte ein Unternehmen kaum etwas zu tun, außer dass es auf irgendeiner Plattform einen Freiberufler auftrieb, der eine Website erstellte, und dass es seine Token auf einer Handvoll an die Kryptowelt gerichteten Plattformen zum Verkauf anbot.
ICOs brachten in jeglichem Sinne „dummes Geld“ ein. Unter normalen Umständen kann es einem Start-up schwerfallen, überhaupt Geld zu beschaffen – was dem Markt eine weitere verlorene Investition oder eine weitere unvermeidliche Insolvenz erspart, weil viele geplante Projekte dann doch nicht so gut sind. Selbst die besten Startups ermitteln von jeher ihren konkreten Bedarf und ihre laufenden Kosten und schauen, dass sie nur so viel Geld beschaffen, wie sie für etwa ein Jahr Geschäftsbetrieb brauchen, vielleicht ein paar Hunderttausend Dollar. Denn ihnen ist völlig klar, dass sie umso mehr Eigenkapital aufwenden müssen, je mehr Geld sie sich beschaffen. Bei den ICOs gab es keine derartigen Beschränkungen. Die Projekte brachten Millionen Dollar ein, einige brachten Dutzende, dann Hunderte Millionen und einige sogar Milliarden Dollar ein. Die überwiegende Mehrzahl der Projekte, die solche immensen Summen beschafften, konnte im Gegenzug bislang sehr wenig vorweisen; viele waren offenkundiger Schwindel.
Nicht alle ICOs waren betrügerisch, aus manchen sind fantastische Unternehmen und Innovationen geworden. Im Mai 2017 lancierte ein neuer (und sehr guter!) Internetbrowser sein ICO. Das ICO von Brave war innerhalb von 30 Sekunden vollständig gezeichnet. Brave brachte 35 Millionen Dollar3 ein und macht seither tolle Sachen. Mitte 2017 war es in der Kryptoszene nicht mehr ungewöhnlich, dass ein Projekt einen solchen Betrag einbrachte. Die neuen ICO-Projekte schossen zu Tausenden aus dem Boden und beschafften innerhalb von Minuten oder Stunden Millionen oder zig Millionen Dollar. Brave war bloß etwas schneller als der Durchschnitt. Im Monat danach erschien ein neues Start-up gewissermaßen aus dem Nichts und beschaffte innerhalb von drei Stunden 153 Millionen Dollar. Der Wert dieses ICOs namens Bancor ist inzwischen abgestürzt und das Projekt ist nun mit rechtlichen Schritten konfrontiert, aber auch dieser hohe Betrag war nichts Ungewöhnliches.4 Von Juni 2017 bis Juni 2018 beschaffte ein bis dahin unbekanntes Blockchain-Unternehmen mithilfe des ICO-Formats vier Milliarden Dollar, und bis zum heutigen Tag ist vielen nicht recht klar, was es mit dem ganzen Geld angefangen hat.5
Es war die Zeit des schnellen Geldes. Die ICOs brachten eine neue Art der Kapitalbeschaffung in die Welt. Sie wurden von den frühen Krypto-Enthusiasten als Möglichkeit erdacht, Kapital zu beschaffen, ohne von Drittparteien abhängig zu sein oder von Dritten eingeschränkt zu werden. Doch was als unschuldiger Finanzierungsmechanismus angefangen hatte, lief schon bald aus dem Ruder. Anders als für Börsengänge – IPOs – waren für ICOs keine Rechtsanwälte erforderlich (oder zumindest wussten die Unternehmen nicht, dass sie notwendig gewesen wären), und sie unterlagen keiner Genehmigung durch Regulierungsbehörden. Genauer gesagt entschieden sich viele ICOs dafür, dies zu missachten, und versuchten stattdessen, die Regulierungen zu umgehen; viele von ihnen werden jetzt davon eingeholt.
Um eine Finanzierung zu bekommen, sei es von Banken, durch Darlehen, durch „Start-up Accelerators“, Freunde und Verwandte, Wagniskapitalgeber oder Investoren, braucht man nicht nur eine gute Idee, sondern auch ein nachweislich gutes Geschäftsmodell, ein Team und die Kompetenz, alles abzuwickeln. Kurz gesagt muss man dafür Menschen überzeugen, die einen entweder kennen oder die sich mit dem, was sie tun, auskennen, damit sie für einen Geld riskieren. Und dann muss man einen gewissen Arbeitsaufwand für Verträge und Vorschriften treiben, um das Projekt durchzuführen. Die ICOs umgingen das alles. Sie hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit Crowdfunding, allerdings ohne die üblichen Prüfungen und den üblichen Papierkram. Die Mittel wurden in Kryptowährung beschafft, meistens, aber nicht immer, in Ethereum, derjenigen digitalen Währung für die Blockchain-Plattform, auf der die meisten aufgebaut waren. Die Ära der Krypto-ICOs war ein Wilder Westen, in dem aus dem Nichts Tausende von prinzipienlosen Projekten in einen unregulierten Raum voller Hoffnung und Hype befördert wurden; mit Geld wurde dort nur so um sich geschmissen, Tricksereien und Schwindeleien sowie unrealistische wilde Versprechungen waren eher die Regel als die Ausnahme.
Die ICOs waren – für manche in der Praxis, für viele andere in der Theorie – eine Chance, schnell reich zu werden, und sie boten ihren Gründern die Chance, möglicherweise die gleichen Renditen zu erzielen wie die frühen Krypto-Investoren. Manchen Gründern ging es tatsächlich nur um das Geld. Von einem ist bekannt, dass er 98 Prozent seiner ICO-Token hielt und somit ein irrsinniges Monopol auf den Markt hatte, den er geschaffen hatte. Wie es scheint, stellten seine Investoren das überwiegend nicht infrage. Dieses extrem hochgespielte ICO, Veritaseum, schaffte es dennoch, eine bemerkenswerte Anzahl hektischer Kaufaktivitäten zu bewirken; nachdem es durch das ICO 15 Millionen Dollar beschafft hatte, trieb der fieberhafte Handel seinen gesamten Marktwert auf einen Spitzenwert von 381 Millionen Dollar.6 Inzwischen hat sich der Gründer mit der Vollstreckungsabteilung der Börsenaufsicht SEC (= Securities and Exchange Commission) wegen des illegalen ICOs auf einen Vergleich geeinigt.7
Unter normalen Umständen hätten sich vielleicht mehr Menschen gefragt, ob das wirklich ein sicherer Ort sei, um ihr Geld anzulegen, aber die Jahre 2017 und 2018 waren wirklich der Wilde Westen der Kryptowährungen. Alles war erlaubt, und für eine Weile strömte das Geld nur so herein.
Die Initial Coin Offerings waren das neue große Ding. Sie waren die neue, leichte Art, Geld zu beschaffen, und sie versetzten Start-ups in die Lage, sich mehr Geld beschaffen zu können, als diese es mit anderen Mitteln je geschafft hätten. Die Kryptoszene fand Gefallen daran. Die ICOs brachten den Gründern Milliarden Dollar ein. Von 2016 bis 2018 expandierte der Markt im Rekordtempo und trieb den aufkeimenden Markt für Kryptowährungen auf einen Wert von 800 Milliarden Dollar – bis dann alles stoppte und in den freien Fall überging. Der nun folgende Crash radierte rund 600 Milliarden Dollar aus, Regulierungen wurden eingeführt, Gründer festgenommen und ein Betrug nach dem anderen aufgedeckt. Nicht einmal zwei Jahre, nachdem die hauptsächliche ICO-Blase begonnen hatte, wurden 81 Prozent der ICOs zu Betrügereien erklärt und 92 Prozent hatten entweder das gesamte Geld ihrer Investoren oder den größten Teil davon verloren.8
Das Problem an den ICOs war, dass sie so einfach und so kostengünstig realisiert werden konnten. Jeder konnte eines lancieren, ohne sich irgendwie mit Technologie oder Betriebswirtschaft auszukennen oder jemanden zu haben, der den einfachsten gesunden Menschenverstand oder Unterstützung beisteuerte. Die Lancierung eines ICOs kostete lediglich ein paar Hundert bis ein paar Tausend Dollar, je nachdem, ob die Gründer Freiberufler einsetzten, die auf fiverr.com und anderen Vermittlungs-Websites Schlange standen, oder ob sie die horrenden Gebühren der spezialisierten ICO-Marketingagenturen bezahlten, die aus dem Boden schossen. Alles, was man für ein ICO brauchte, konnte man sich bei irgendjemandem abschauen oder an irgendjemanden auslagern. Ein ICO um des ICOs willen zu organisieren war einfach. Mit ein paar Änderungen, die an ein oder zwei Freiberufler vergeben wurden, konnten ICOs beschließen, wie viele Token sie erstellen würden und zu welchem Preis sie sie verkaufen würden. Sie konnten eine einfache Website nach Schema F erstellen lassen, ihrer neuen Kryptowährung einen Namen geben, die Token auf einer der vielen Token-Plattformen zum Verkauf ausschreiben – und im Nu hatten sie eine Notenpresse, in die andere Menschen ihr Geld hineinsteckten.
Auf LinkedIn, Freiberufler-Plattformen und Gig-Work-Websites wimmelte es plötzlich vor ICO-Experten und ICO-Auftragsarbeitern, die nicht mehr Sachkenntnis als jeder andere besaßen, aber bereit waren, ICO-Teams zu bilden. Viele dieser neuen „Experten“ für ICOs waren sogar bereit, sich mit den Token der Projekte anstatt mit dem gesetzlichen Zahlungsmittel (der Fiatwährung) bezahlen zu lassen, weil sie so verblendet oder so optimistisch waren, zu hoffen, die Token würden bald in die Höhe schießen und dort bleiben.
Für einen fünf- oder sechsstelligen Dollarbetrag konnte sich jeder eine ICO-Website bauen, ein Logo erstellen und ein Whitepaper schreiben lassen, in dem erklärt wurde, was der Zweck des Unternehmens sei; und außerdem die Tokenomics (das finanzielle und das technische Modell – etwas, das eigentlich ein zentrales Element sein sollte) und die Werbung über soziale Medien erledigen lassen. Manche ICOs gingen mit der Werbung für ihre Token-Verkäufe ein bisschen weiter und bezahlten Auftragnehmern fünf oder zehn Dollar dafür, dass sie Videos drehten oder (gefälschte) Rezensionen beziehungsweise Erfahrungsberichte zu den Projekten schrieben, in denen sie beschrieben, wie gut die Projekte seien, und so taten, als wären sie glückliche Kunden. Manche wurden noch kreativer, sie bezahlten Auftragnehmer dafür, dass sie sich den Namen des ICOs auf den Leib schreiben ließen9, oder sie verschafften den Menschen, die ihre Teams bildeten, gefälschte Profile – alles zu Werbezwecken, um mehr Token zu verkaufen.
In einer idealen Welt wäre es natürlich so, dass die ICO-Teams selbst ihr Finanzmodell ausarbeiten und das technische Whitepaper erstellen würden, das ihre Projekte beschreibt, und im Idealfall würden sie auch den Content ihrer Websites selbst schreiben. Im Idealfall würden die Teams aus echten Menschen bestehen, die wirklich an dem Projekt arbeiten, und nicht aus gefälschten Profilen, die die Namen, LinkedIn-Profile und Fotos von arglosen Menschen beinhalten, die häufig gar keine Ahnung hatten, was das ICO war, manchmal nicht einmal, dass sie auf einmal angeblich dazugehörten! Aber in der Krypto-ICO-Manie umgingen viele Projekte solche hehren Ambitionen im Namen des schnellen Gewinns mit minimaler Vorlaufzeit und minimalen finanziellen Investitionen.
Wenn das Ziel nur darin bestand, naive und hoffnungsvolle Anleger zu täuschen, ließen sich ICO-Teams sehr schnell zusammenstellen. Häufig war es den Projekten im Grunde egal, wen sie engagierten oder ob die Namen und Fotos ihres Teams zu echten Menschen oder gar zu Fachleuten auf ihrem Gebiet gehörten. Im Jahr 2017 wandte sich ein ICO über LinkedIn an mich und fragte mich, ob ich eine Menge seiner Token im Wert von 2.500 Dollar annehmen würde und im Austausch seine juristische Sachverständige sein wolle. Als ich antwortete, ich hätte überhaupt keine Ahnung von Jura, war es diesen Leuten egal – sie wollten nur weitere LinkedIn-Profile zu ihrer Website hinzufügen. Wahrscheinlich schickten sie Massen-E-Mails an alle, aus deren Profil irgendein Interesse an Kryptowährungen hervorging, und hofften, sie würden ein Ja bekommen. Ich lehnte das ab. Immerhin war ich ein echter Mensch. Aber viele andere ICOs griffen zu noch verzweifelteren Maßnahmen. Ein asiatisches ICO zeigte das Porträt eines sehr attraktiven Teammitglieds, dessen Rolle im Rahmen des Projekts als „erfahrener Grafikdesigner mit Schwerpunkt Identitäten und Illustrationen“ lautete. Anscheinend wusste das Team, das hinter dem Projekt stand, nicht, wie berühmt der Schauspieler Ryan Gosling ist, denn ihm schien nicht klar zu sein, dass die Verwendung seines Fotos für sein ICO für ein gewisses Stirnrunzeln sorgen könnte. Und trotzdem bekam dieses ICO von 380 Investoren 830.000 Dollar.10 Andere gingen nicht so weit, Fotos von Prominenten oder Fremden zu verwenden, sondern zeigten Cartoon-Fotos und Vornamen, die genauso gut aus dem Hut gezaubert worden sein konnten, als wären es die Namen echter Teammitglieder.11
Manche ICOs waren von Anfang an eine eindeutige Betrugsmasche. Manche verrieten das sogar in den Namen ihrer Projekte. Zwei eklatante Fälle waren PonziCoin, das sich trotzdem 250.0000 Dollar beschaffte, und ScamCoin12, das Folgendes verhieß: „Das einzige ICO, bei dem Sie sicher sein können! Erhalten Sie garantiert null Prozent Rendite auf 100 Prozent ihres Investments!“ Diese seltenen und vergleichsweise ehrlichen ICOs spickten ihre Websites mit Warnungen, die so weit gingen, dass sie den Menschen sagten, sie besäßen keinen Wert oder sie seien ein Schneeballsystem, in das man nicht investieren sollte, und doch warfen ihnen Menschen Geld in den Rachen.
Ein ICO nannte sich Useless Ethereum Token – nach dem Blockchain-Protokoll Ethereum, auf dem es aufgebaut war, aber es stellte auf seiner Website klar, dass der Entwickler mit den beschafften Mitteln nichts anderes tun würde, als sich selbst ein paar technische Geräte zu kaufen, vor allem einen Flachbildfernseher. Es ist sehr gut möglich, dass Useless Ethereum Token das erste ICO war, dessen Anspruch vollkommen zutreffend war: „Das erste 100 Prozent ehrliche Ethereum-ICO.“ Der Entwickler schrieb ausdrücklich, das Projekt biete „den Anlegern offenkundig keinen Wert“, es sei definitiv nicht geprüft und sein Smart Contract sei von GitHub kopiert. Der Entwickler von Useless Ethereum Token stellte laut und deutlich klar: „Sie geben einer beliebigen Person im Internet Geld und diese kauft sich davon etwas. Ehrlich gesagt wahrscheinlich etwas Elektronisches. Vielleicht sogar einen Großbildfernseher. Ganz ernsthaft: Kaufen Sie diese Token nicht!“13 Und doch trennten sich Menschen zugunsten dieses Projekts von 40.000 Dollar.14
Andere ICOs beschritten den entgegengesetzten Weg und strebten danach, ihre voraussichtlichen Investoren dadurch von ihrem Geld zu befreien, dass sie sich etwas schwerer zu fassende Namen gaben. Sie verwendeten Namen, in denen Wörter wie „Real“, „Rich“ oder „Gold“ vorkamen, und hofften wohl, die Anleger würden ihre Namen für bare Münze nehmen. Was sie natürlich auch taten, sodass auch diese Projekte zu Geld kamen. Die meisten ICO-Projekte unternahmen jedoch kaum Anstrengungen, um die Tatsache zu verbergen, dass sie weder Sinn noch Wert boten.
Manche ICOs präsentierten sich als fantastische, allerdings unglaubhafte Projekte. Sie versprachen, sie hätten Partnerschaften mit Mastercard, Visa, Amazon oder Microsoft. Manche ICO-Start-ups behaupteten, sie hätten bereits eine riesige Kunden- und Nutzerbasis, größer als die vieler der weltgrößten Unternehmen. Sie versprachen technische Meisterleistungen, die nicht einmal Großkonzernen möglich sind, die dafür Milliarden aufwenden können und reichlich Erfahrung in solchen Dingen haben. Manche ICOs behaupteten, sie würden Menschen ohne Bankkonto Bankdienstleistungen verschaffen und den 2,5 Milliarden Menschen auf der Welt, denen die Großbanken niemals ihre Dienste angeboten haben, solche Dienste bringen. Dass die Großbanken das nicht tun, liegt zwar eher daran, dass sie keine Lust haben, den dafür erforderlichen Aufwand zu treiben und das nötige Geld aufzubringen, weil sie diesen Dienst an den Ärmsten der Welt als wirtschaftlich unrentabel betrachten, als daran, dass dies technisch nicht zu bewältigen wäre. Es wäre dennoch kein leichtes Unterfangen und für ein kleines, unbekanntes Start-up realistisch betrachtet wohl nicht machbar. Die ICO-Projekte stellten schlicht Behauptungen auf, die man nur als lächerlich bezeichnen konnte, und trotzdem glaubten ihnen die Menschen. Insgesamt trieben diese Projekte Milliarden Dollar auf.
Mit Ausnahme von ein paar geschäftlich und technologisch wirklich aufregenden Projekten durchliefen die ICOs das ganze Spektrum von prinzipien- und wertlosen Unternehmen bis hin zum offenkundigen Schwindel, und dabei berührten sie so gut wie alle Branchen dieser Welt. Ein Beispiel für ein verhältnismäßig typisches, wertloses und betrügerisches ICO war ein chinesisches Nischenprojekt, das sich auf Tee bezog. Es kreierte die Pu’Er-Coins, um Beteiligungen an Pu’Er-Tee gegen ICO-Token zu verkaufen. Natürlich funktioniert die Pu’Er-Tee-Branche seit Jahrhunderten prima und verkauft ihren speziellen Tee gegen Geld. Es besteht absolut kein Bedarf, für den Kauf oder Verkauf von Pu’Er-Tee oder davon abgesehen irgendeines anderen Tees eine Kryptowährung zu verwenden. Aber der Hype um die ICO-Blase ermunterte Opportunisten, aus ihren Löchern zu kriechen und auf allen möglichen Gebieten ihr Glück mit Betrug zu versuchen, auch in einer luxuriösen Nische des Teemarkts. Sechs Männer veranstalteten in Nobelhotels in ganz China Roadshows, wobei sie den Anlegern hohe Renditen durch den Kauf von Token versprachen, die einen Bruchteil des Pu’Er-Tees aus Yunnan im Wert von Milliarden Dollar darstellten, den sie angeblich besaßen. Innerhalb kurzer Zeit hatten sich die sechs Männer von 3.000 chinesischen Anlegern 47 Millionen Dollar beschafft. Erst danach kam heraus, dass sie nicht im Entferntesten Tee im Wert von Milliarden Dollar besaßen, wahrscheinlich nicht einmal im Wert der 47 Millionen; dass sie sich mit diesem Markt nicht auskannten und auch keine Pu’Er-Token verkauften. Die sechs Rädelsführer, die diesen Betrug zusammengebraut hatten, wurden zwar unverzüglich verhaftet, aber der Schaden für ihre Investoren war bereits entstanden – sie hatten ihr Geld verloren.15
Ein ICO namens Benebit, das so tat und so wirkte, als wäre es kein Schwindel, versammelte dank seines gesunden Marketingbudgets eine große Anhängerschaft. Das Einzige, was dem Schwindel fehlte, war ein Team. Es stellte sich heraus, dass es die Fotos seines angeblichen Teams der Website einer britischen Knabenschule entnommen hatte. Als die Menschen das herausfanden, war das Benebit-Team zwar so freundlich, die Fotos aus der Website und den sozialen Medien herauszunehmen, aber erst, nachdem es mit den rund vier Millionen Dollar durchgebrannt war, die es sich soeben beschafft hatte.16
Mehr als nur ein Hasardeur versuchte sein Glück damit, ein ICO zu organisieren, das den Namen und die Marke eines existierenden Unternehmens verwendete, wohl in der Hoffnung, er werde damit tatsächlich davonkommen. Die Anhänger von Turbulent, eines belgischen Wasserkraftanbieters, waren erfreut, dass das Unternehmen ein ICO lanciert hatte und jetzt einen eigenen Coin besaß, in den sie investieren könnten. Weniger erfreut war jedoch der CEO von Turbulent, als er davon erfuhr. In diesem Fall hatte eine einzelne russische Dame den Namen des Unternehmens genommen, Content von der Website entwendet und für die neue Kryptowährung, die sie betrügerisch verkaufen wollte, eine Website sowie eine Facebook- und eine Twitter-Site erstellt. Glücklicherweise gelang es der Frau nur, 1.000 Dollar zu ergaunern, bevor die Strafverfolgungsbehörden den Schwindel beendeten.17
Aber nicht alle ICOs waren von Anfang an betrügerisch. Manche waren lediglich gleichermaßen grenzenlos opportunistisch wie aussichtslos. Die überwiegende Mehrheit der ICOs bestand aus Menschen und kleinen, frisch gegründeten Unternehmen mit Ideen, von denen die Unternehmensinhaber irgendwie zur Überzeugung gelangt waren, diese hätten eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Geschäftsidee und besäßen Potenzial. Man schrieb das Jahr 2017, als „Blockchain“ noch ein Modewort war und die Erwähnung des Begriffs im Zusammenhang mit einem Unternehmen dessen Bewertung in die Höhe schnellen ließ. Hier noch ein Beispiel, das sich um Tee dreht, diesmal allerdings um Eistee: Die US-amerikanische Long Island Ice Tea Corp. wurde dadurch berühmt, dass sie ihren Namen in Long Blockchain Corp. änderte. Über Nacht schnellte die Aktie um 289 Prozent in die Höhe. Inzwischen ermittelt das FBI zwar wegen Insiderhandels18
