D I P - Peter Axel Knipp - E-Book

D I P E-Book

Peter Axel Knipp

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Beschreibung

Der akribisch geplante Ausstieg führt den Familienvater Carl Holder nicht auf eine Insel unter Palmen, sondern in die Konsumwelt eines riesigen Warenzentrums. Carl Holder, Familienvater und wohldotierter Angestellter, kommt eines Abends vom Joggen nicht zurück. Von langer Hand vorbereitet, nistet er sich in einem riesigen Warenverteilzentrum am Rand der Stadt, einem wahren Moloch des Konsums, ein. Sein Motiv für das Unter- und Eintauchen, für den Dip, bleibt unbestimmt. Gut eineinhalb Jahre lang ist Holder das Phantom des Zentrums. Er schwingt sich insgeheim zum Herrscher über den Moloch auf. Gelegentlich bricht er inkognito aus seiner Isolation aus: Er verliebt sich in eine faszinierende Frau, beerbt unbeabsichtigt zwei alte Damen, unternimmt Ausflüge in die Stadt. Doch stets kehrt er in sein heimliches Reich zurück. Holder genießt seine neue Identität, sein neues Leben im Schlaraffenland. Und doch begreift er bald, daß sich die eigene Lebensgeschichte nicht abschneiden, nicht verdrängen läßt. Zu groß ist das Verlangen nach sozialen Kontakten, zu wichtig sind die Familienbande. Deshalb gibt er schliesslich seine selbstgewählte Abgeschiedenheit auf. Oder ist es am Ende doch der Moloch, der sich des ungebetenen Gastes entledigt'?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 860

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Peter Axel Knipp, Natalie Caccese

D I P

Untergetaucht

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1 Kapitel

2 Kapitel

3 Kapitel

4 Kapitel

5 Kapitel

6 Kapitel

7 Kapitel

8 Kapitel

9 Kapitel

10 Kapitel

11 Kapitel

12 Kapitel

13 Kapitel

14 Kapitel

15 Kapitel

16 Kapitel

17 Kapitel

18 Kapitel

19 Kapitel

20 Kapitel

22 Kapitel

23 Kapitel

24 Kapitel

25 Kapitel

26 Kapitel

27 Kapitel

28 Kapitel

29 Kapitel

30 Kapitel

31 Kapitel

32 Kapitel

33 Kapitel

34 Kapitel

35 Kapitel

36 Kapitel

37 Kapitel

38 Kapitel

39 Kapitel

40 Kapitel

41 Kapitel

42 Kapitel

43 Kapitel

44 Kapitel

45 Kapitel

46 Kapitel

47 Kapitel

48 Kapitel

49 Kapitel

49 Kapitel

50 Kapitel

51 Kapitel

52 Kapitel

Impressum neobooks

1 Kapitel

DIP

Roman von Peter Axel Knipp

Am ersten Jahrestag seines Verschwindens wurde die Suche nach ihm stillschweigend eingestellt. Die Akte wurde beiseite gelegt. Zwar würde man neuen Spuren und Hinweisen nachgehen müssen, aber niemand glaubte mehr ernsthaft daran, daß Holder je wieder auftauchte. Die Kurzlebigkeit von Mensch und Ding hatten ihn so schnell in Vergessenheit geraten lassen wie zehntausend Hungertote in Afrika oder eine Massenkarambolage auf einer Autobahn.

Frau Holder hatte in diesen Tagen zum ersten Mal dem Drängen ihres Verehrers nachgegeben und mit ihm geschlafen. Dabei hatte sie so viel Genuß und so wenige Gewissensbisse verspürt, daß ihr inmitten höchster Lust die Endgültigkeit klar wurde, mit der Carl Holder aus ihrem Leben geschieden war.

Tochter Bettina, inzwischen vierzehn geworden, hatte über eine erste verzehrende Liebe und ein poppiges Mofa, das Holder noch bestellt und seltsamerweise im Voraus bezahlt hatte, den Vater aus ihrem Gedächtnis gestrichen.

Nur der elfjährige Tim, ein verschlossener, scharf beobachten-der Junge, schien viel über seinen verschwundenen Vater nachzudenken. Gelegentlich machte er irritierende Bemerkungen über ihn. An einem Herbstsonntag, als anläßlich einer Familienfeier ein Großteil der Verwandtschaft bei Kaffee und Kuchen geflüsterte Vermutungen über Holder anstellte, sagte der Junge in einer Flüsterpause plötzlich laut und vernehmlich: „Ich weiß, wo er ist.“

Das klang so bestimmt, daß alle ihre Kuchengabeln hinlegten und den Jungen anstarrten. Großvater Holder, ein Materialist in jeder Hinsicht, versprach Tim ein neues Skateboard, wenn er sein Geheimnis preisgäbe. Aber Tim hatte sich längst wieder seinem Apfelkuchen zugewandt und verlor kein weiteres Wort. Selbst dann nicht, als seine Schwester ihn einen ätzenden Wichtigtuer nannte. Erst auf ein beschwichtigendes Abwinken von Frau Holder hin nahmen alle ihre Kuchengabeln wieder auf und begannen noch heftiger zu flüstern.

Ein anderes Mal weckte der Junge das Haus mitten in der Nacht durch einen fürchterlichen Schrei auf. „Papa, Papa, warte, nimm mich mit!“ Das „mit“ war langgezogen und schien nicht enden zu wollen. Als Frau Holder ins Zimmer stürzte, stand Tim am Fenster, hatte sein Gesicht an die Scheibe gepresst und begann zu schluchzen.

In der spärlich beleuchteten Straße, in der die ersten Schneeflocken tanzten, war nichts zu sehen. Nur Kampes Auto parkte schräg auf der Fahrbahn.

„Hast du geträumt?“ fragte sie.

Tim schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn gesehen.“Das war alles, was sie aus ihm herausbekam. Eine Zeitlang saß sie auf der Kante seines Bettes, hielt seine Hand und versuchte sich zu erinnern, wie es gewesen war, wenn Holder ihnen von der Straße aus zugewunken hatte, beim Weggehen oder Wiederkommen. Aber das Bild wollte keine Gestalt annehmen, Vielleicht weil sie es nie wirklich in sich aufgenommen hatte oder einfach zu schlaftrunken war.

Ihre Nachbarin, eine dieser Frauen für alle Lebenslagen, riet ihr, mit Tim einen Psychiater aufzusuchen, weil der Junge das Verschwinden seines Vaters offensichtlich nicht verarbeiten könne. Praktisch wie sie war, hielt Frau Holder es für unwahr-scheinlich, daß ein Psychiater etwas zur Verarbeitung des plötzlichen Verschwindens eines bis dahin treusorgenden Ehemannes und Vaters beitragen könne. Sie hatte sich für den Rat bedankt, aber nichts unternommen.

Am Abend dieses ersten Jahrestages seines Verschwindens saß sie mit den Kindern in dem kleinen Wintergarten, den Holder eigenhändig in wochenlanger Arbeit und unter Erfüllung schikanöser behördlicher Auflagen an das Wohnzimmer angebaut hatte.

Sie sprachen kaum miteinander. Jeder, selbst die flatterhafte Bettina, versetzte sich an den Abend vor einem Jahr zurück. Damals hatte es schon tagelang vorher geregnet und geschneit. Für die Jahreszeit, kurz nach Frühlingsanfang, war das Wetter nicht außergewöhnlich und kaum bemerkenswert gewesen. Im Zusammenhang mit den Ereignissen aber hatten die tiefhängenden Wolken, die gespenstischen Nebelschwaden und die durchdringende feuchte Kälte eine unvergessliche Bedeutung für sie bekommen.

Daß Holder schon um vier nach Hause gekommen war, hatte sie nicht gewundert. Wenn er Termine bei auswärtigen Kunden wahrgenommen hatte, war er oft früher heimgekommen. Er wolle, wie er dann immer sagte, im Büro keine späte Präsenz heucheln. Meistens hatte er sich umgezogen, hatte sich hier und dort im Haus zu schaffen gemacht und ihnen, deren Nachmittage ohne ihn geplant waren, im Weg gestanden. Das war an diesem Märztag nicht anders gewesen. Und doch hatte es ein paar Kleinigkeiten gegeben, die erst viel später beachtlich wurden, wenn auch ohne Einfluss auf die Lösung des Rätsels. So hatte er plötzlich Bettina den Arm um die Schultern gelegt und sie leicht auf die Wange geküsst. Das hatte er seit Jahren nicht getan, und es war ihr fast peinlich gewesen. Trotzdem hatte sie, einer inneren Stimme folgend, stillgehalten und ihn nicht weggedrängt Wie Freund Raffi, der morgens in der Schule ähnliches versucht hatte.

Tim hatte er gefragt, ob der Sattel seines Lieblingsfahrrads noch die richtige Höhe habe. „Schließlich wächst du schnell und wirst schon bald mit den Knien an die Lenkstange stoßen.“

„Es ist alles o.k., Papa“, hatte der Junge geantwortet. „Wenn der Sattel nicht mehr hoch genug ist, sag’ ich es dir.“

Holder hatte ihm die Hand auf den Kopf gelegt. „Und wenn ich dann nicht da bin?“ Eine Antwort hatte er auf diese halbe Frage, halbe Feststellung nicht erwartet, und Tim hatte ihm auch keine gegeben. Er hatte nur gedacht, daß Größerwerden so schnell doch nun auch nicht geht und daß man nicht eines schönen Morgens mit den Knien an den Lenker stößt. Das merkte man doch langsam. Länger als eine Woche war Papa nie auf einer Geschäftsreise.

Was Holder während der drei Stunden im Haus wirklich gemacht hatte, wusste nachher niemand genau zu sagen. Die beiden Polizeiinspektoren, ‘echte Zivilbullen‘ wie Bettina respektlos bemerkte, die sich am nächsten Tag gemeldet hatten, wären für jeden ernsthaften Hinweis, vom Arm-um-die Schulter und Hand-auf-den-Kopf-Legen abgesehen, dankbar gewesen. Aber weder das Haus, noch die Verhältnisse, noch die Holders selbst hatten brauchbare Hinweise liefern können.

Frau Holder, die ehrenamtlich in der Schulpflege tätig war, hatte an diesem Nachmittag an einem Referat gearbeitet, das sie in einer bevorstehenden Elternversammlung halten sollte. Sie hatte sich dazu in ein kleines, nachträglich ausgebautes Dachzimmer zurückgezogen und sich nicht um ihren Mann gekümmert. Wie leider so oft, hatte sie sich in den nächsten Tagen vorgeworfen.

Holder war kurz zu ihr heraufgekommen. Er hatte sich auf dem Sitzkissen neben der Tür niedergelassen. „So direkt unter dem Dach eines Hauses“, hatte er gesagt, „ist es am gemütlichsten. Da hat man ein unerklärliches Gefühl von Ruhe und Geborgenheit.“

„Deshalb hättest du diesen Raum schon vor Jahren ausbauen sollen“, hatte sie vorwurfsvoll und ohne sich umzudrehen geantwortet. Holder hatte noch etwas gesagt, das sie nicht verstanden hatte und war dann wieder nach unten gegangen.

Wie leise er eine Tür schließen kann‘, hatte sie noch gedacht.

Abends verpflegten sie sich meistens ambulant. Das hatten sie nach Holders Verschwinden beibehalten. Jeder nahm aus dem gut gefüllten Kühlschrank, was ihm gerade passte. Auch heute liefen sie ein paarmal hin und her, aber sie setzten sich mit ihren Joghurts und Sandwiches nicht wie sonst vor den Fernseher, sondern rückten in dem kleinen Wintergarten eng zusammen, als hätten sie Angst, es ginge noch jemand von ihnen verloren.

Das Wetter war ganz anders als vor einem Jahr. Nach einer Reihe von milden, gegen Mittag fast heißen Tagen, endete dieser wie ein Hochsommertag. Zum ersten Mal nach dem Winter konnte sich die abendliche Kühle nicht durchsetzen. Sie hatten die Schiebetüren des Wintergartens weit geöffnet und genossen die von Blütendüften erfüllte Wärme. Ihr Haus, das letzte von sieben Reihenhäusern, lag leicht erhöht. Zwischen tieferliegenden Häusern und Bäumen hindurch konnten sie einen Ausschnitt des weiten Tals überblicken, den Fluß in der Ferne, ein Stück der stark befahrenen Autobahn und daneben die nicht minder frequentierte Bahnlinie. An diesen Verkehrs-adern zogen sich kilometerweit Lagerhäuser, Fabriken und Raffinerien hin. Eine verwirrende Ansammlung von Gebäuden aller Größen, Formen und Graufarben. Bei Südwind, oft aber auch bei absoluter Windstille, roch es nach Chemie, nach Autoabgasen und geröstetem Kaffee. Sie hatten sich daran genauso gewöhnt wie an das ferne, monotone Rauschen von der Autobahn her, das Rollen der Züge, von denen besonders in Nächten, bevor es Regen gab, jedes Rad zu hören war, und an das plötzliche, alles übertönende Zischen, wenn die Chemie umsatzfördernden Dampf abließ. „Unmittelbarer kann man die Zivilisation gar nicht erleben“, hatte Holder immer zu scherzen gepflegt.

„Nun ist er schon ein ganzes Jahr lang verschwunden“, sagte Bettina zwischen zwei Löffeln Joghurt mehr zu sich selbst als zu ihrer Mutter und Tim.

Etwa um diese Stunde hatte er das Haus verlassen. Die Lichter, die jetzt überall im Tal angingen, hatte man damals wegen des diesigen Wetters nicht sehen können. Man hatte überhaupt nicht weiter als fünfzig Meter sehen können. Frau Holder war noch in der Dachstube gewesen und die Kinder in ihren Zimmern, als Holder ihnen von unten zugerufen hatte, er gehe joggen. Das tat er zwei-, dreimal die Woche bei jedem Wetter, obwohl er weder Hypertonie, Hypotonie, einen erhöhten Cholesterinspiegel oder sonst etwas hatte. Er hatte es ganz einfach für einen guten Ausgleich zum Sitzen gehalten. Manch-mal war Tim mitgelaufen. An jenem Abend jedoch war er nur aus seinem Zimmer herausgetreten und hatte den Vater, der das Haus gerade verlassen wollte, die Treppe hinunter gewarnt: „Du wirst doch ganz naß“, und mit Anspielung auf den bei diesem Wetter kaum erkennbaren grauen Jogginganzug mit den blauen Streifen hatte er noch gerufen: «Außerdem wirst du in dem Kostüm über den Haufen gefahren. Das hatte er von seiner Mutter gehört, die dem Jogging wenig abgewinnen konnte.

„Ich werde die Katzenaugen anlegen“, hatte Holder zurück-gerufen und die Haustür hinter sich zugezogen.

So hatten sie nachher nicht einmal sagen können, ob er sich nach links oder rechts gewandt hatte. Sicher war nur, daß er die Katzenaugen nicht angelegt hatte, denn sie hatten die beiden, an einem selbstgebastelten Gummigürtel befestigten Fahr-radrückstrahler, schon bald in der Garage gefunden.

Zunächst waren die Zurückgebliebenen mit ihren Beschäftigungen fortgefahren. Frau Holder hatte den Schluß ihres Referats entschärft, Bettina hatte zum x-ten Mal eine CD von Michael Jackson in sich hineingedreht, und Tim hatte an seinem Lego-schiff weitergebaut. Gegen halb Acht hatten sie sich in der Küche versammelt und ihr individuelles Abendbrot gefaßt. Frau Holder hatte wenig Appetit gehabt, weil sie mit dem Schluß ihres Referats haderte.

Daß Holder noch nicht zurück war, hatte sie nicht weiter gewundert, zumal sie nicht einmal genau wußten, wie lange er schon weg war.

Erst eine halbe Stunde später, kurz vor Beginn der Abend-nachrichten im Fernsehen, die Holder regelmäßig anschaute, hatte Tim bemerkt: „Papa bleibt heute aber lange weg.“ „Und das bei diesem Wetter“, hatte Frau Holder hinzugefügt.

Eine weitere halbe Stunde später hatten sie angefangen, sich Sorgen zu machen. Sie hatten festgestellt, daß sein Auto in der Garage stand und sein Portemonnaie im Schreibtischkasten lag. Also war er kaum irgendwo eingekehrt, was auch nicht seinen Gewohnheiten entsprochen hätte. Tim hatte vor-geschlagen, die Strecke, die Vater gewöhnlich lief und die er bestens kannte, abzufahren. Frau Holder hatte die Idee gut gefunden, schon weil sie etwas tun konnten, und sie hatten den Wagen aus der Garage geholt. Im zweiten Gang hatten sie die Runde um das bürgerliche Vorstadtviertel gemacht, ein paar Kilometer durch ordentliche Straßen, mit ordentlichen Mehrfamilienhäusern, sauberen Einfamilienhäusern mit gepflegten Gärten, modernen Reihenhäusern, deren Fenster erleuchtet waren, und mit einer Kirche, die wie eine Turnhalle aussah. Aber gesehen hatten sie gar nichts, weder, wie Tim insgeheim vermutete, den angefahrenen Vater, der irgendwo am Straßenrand lag, noch einen anderen Jogger, den man nach ihm hätte fragen können. Der Regen war inzwischen wieder mit dicken Schneeflocken vermischt gewesen, und nicht einmal die obligate Herrchen-Hund-Kombination hatte sich blicken lassen.

Zu Hause hatte Bettina das Telefon gehütet und auf eigene Faust ein paar Nachbarn angerufen. Niemand hatte Holder vorbeijoggen sehen, nirgendwo hatte er sich gemeldet.

Unversehens begann Angst in ihnen aufzusteigen. Holder war gekidnappt, erschlagen oder verschleppt worden. Es mußten ja nicht immer, wie in einschlägigen Fernsehsendungen, Teenager sein, die verschwanden und ermordet von einem Jogger aufgefunden wurden. Auch Jogger konnten Opfer sein. Durch Bemerkungen wie diese hatten sie sich gegenseitig in Panik versetzt.

Dann hatte Frau Holder ihren Schwiegervater angerufen, der auf der anderen Seite der Stadt wohnte. Es war inzwischen zehn Uhr geworden. Großvater Holder hatte als erstes vermutet, sein Sohn sei noch einmal ins Büro gegangen, um dort etwas aufzuarbeiten, aber das in Erwägung zu ziehen, hatte die Familie einstimmig abgelehnt. Das Büro lag über zehn Kilometer entfernt, und jemand, der dort um Vier Uhr nachmittags keine späte Präsenz heucheln wollte, würde sicher nicht abends um acht durch Schneeregen dorthin laufen. Großvater Holder hatte darauf versprochen, um Mitternacht das zuständige Polizei-revier zu informieren. Bis dahin sollte man aber noch warten. Also hatten sie, müde werdend, weiter gewartet. Tim war ein paarmal unter das kleine Vordach über der Haustür getreten und hatte in den schmalen Vorgarten und die trübe Straße ge-blickt. Er hatte nicht den Mut aufgebracht, die paar Stufen der Eingangstreppe hinabzusteigen.

Die Polizei, von Holders Vater um Mitternacht aufgeschreckt, hatte von einem typischen Fall gesprochen und eine erschreckend hohe Anzahl derart Verschwindender genannt. Das waren die weltweit bekannten Typen, die nur ein Päckchen Zigaretten oder eine Flasche Bier holen wollten und nie wiederkamen.

„Mein Sohn raucht nicht und hat immer drei Kästen Bier im Keller stehen“, hatte Großvater Holder gewettert. „Ich erwarte, daß Sie sofort etwas unternehmen!“

Aber in dieser Nacht war gar nichts mehr geschehen, außer daß die Besatzung eines Streifenwagens, die in der Gegend patrouillierte, Anweisung erhalten hatte, nach einem Jogger in einem grauen Trainingsanzug Ausschau zu halten.

„Der“, hatte der Polizist am Steuer zu seinem Kollegen gesagt, „liegt doch längst bei seiner Freundin im Bett.“

Am nächsten Morgen, einem Samstag, hatte ein besänftigender Westwind geweht und sich an die Vertreibung des unfreundlichen Wetters gemacht. Während die Kinder, einer über Glück und Unglück und selbst über verschwundene Väter erhabenen Natur folgend, recht gut geschlafen hatten, war Frau Holder von Selbstvorwürfen und unschönen Visionen geplagt worden. Sie hatte sich angekleidet auf die Couch im Wohnzimmer gelegt, das Telefon neben sich, war ein paarmal eingenickt und genauso oft durch irgendwelche unbedeutenden Geräusche wieder aufgeschreckt worden.

Schon um sechs, als sich die Nacht zum Gehen und der Tag zum Schönwerden entschlossen, hatte Großvater Holder angerufen. Ob Carl denn nun wieder da sei? Unter Tränen der Erschöpfung hatte Frau Holder verneinen müssen.

„Ich werde zur Polizei gehen und dann zu euch kommen“, hatte der alte Herr kurz und bündig gemeldet.

Frau Holders Bemerkung, daß er doch vielleicht zuerst zu ihnen kommen solle, hatte er gar nicht mehr abgewartet. Als ehe-maliger Offizier pflegte er kurzentschlossen zu entscheiden. Reihenfolgen waren da nur hinderlich.

Um halb acht, als die Kinder ohne Einwände zur Schule gegangen waren, schließlich wollte Bettina ihren Freund Raffi sehen, und Tim hatte einen ersten beruhigenden Traum über den Verbleib seines Vaters gehabt, war Frau Kampe, die Nachbarin von nebenan, herübergekommen. Sie hatte schon eine Zeitlang hinter den halbhohen Gardinen ihres Küchen-fensters gelauert und auf eine Entwicklung gehofft, die unmittelbare, nicht nur medienvermittelte Spannung in ihr langweiliges Vorstadtleben bringen würde.

Die beiden Frauen hatten Kaffee miteinander getrunken und sich, bis Großvater Holder eintraf, allen nur möglichen Ver-mutungen hingegeben, wobei Frau Kampe Szenarien entworfen hatte, die so weit jenseits von Trost und Trauer gelegen hatten, daß Frau Holder den Strom ihrer Gefühle wider Willen in einen Stausee des Erstaunens geleitet hatte. Bevor der überge-schwappt war, hatte Großvater Holder das Regiment über-nommen. Die Entwicklung hatte militärische Züge bekommen. Frau Kampe war gegangen.

Dafür waren gegen Mittag, fast gleichzeitig mit den heim-kehrenden Kindern, die beiden Polizeiinspektoren eingetroffen. Unauffällige Männer, die zunächst in enttäuschender Manier ein paar Fragen gestellt hatten, Fragen, die jedem erfahrenen TV-Krimizuschauer absolut nichtssagend vorkommen mußten. Erst allmählich, im Verlauf des immer sonniger und strahlender werdenden Mittags, hatte sich gezeigt, wie geschickt sie Carl Holder, sein Bild, seine Umgebung, seine Lebensweise zusammengesetzt hatten. Zwischendurch hatten sie gebeten, das Haus vom Keller bis zum Dachboden anschauen zu dürfen und waren sogar in den noch feuchten Garten hinausgegangen. Daß Holders Auto da war, sein Aktenkoffer, seine komplette Garderobe, bis auf den grauen Jogginganzug mit den blauen Streifen, sein Portemonnaie, seine Konto- und Kreditkarten, sein Hausschlüssel, hatte sie wenig interessiert, wohl aber, daß weder sein Reisepaß noch sein Führerschein auffindbar waren. Offensichtlich wichtig war ihnen auch zu hören, daß Holder viel auf Reisen gewesen war, im In- und Ausland, worüber sie bei seiner Firma weitere Informationen einzuholen gedachten. Auch die Frage nach eventuellen außerehelichen Beziehungen von Holder war gestellt worden, dies nachdem Tim und Bettina aus dem Zimmer geschickt worden waren. Frau Holder hatte diese Frage nach den mitfühlenden Szenarien-Entwürfen von Frau Kampe erwartet und hatte wahrheitsgemäß erklären können, daß ihr da wirklich nichts bekannt sei, obwohl sie sich einge-stehen mußte, sich wenig für Holders Geschäftsreisen interessiert zu haben, ausgenommen die Reisen, auf die er sie mitgenommen hatte.

Nach anderthalb Stunden hatten die Beamten sich höflich, aber noch immer ohne erkennbares Engagement, dafür unter Hinterlassung eines schwelenden Mißtrauens, verabschiedet.

„Die werden ihn sowieso nicht finden“’ hatte Großvater Holder gesagt und eine Geste gemacht, als sei es besser, die Armee in die Suche einzubeziehen-

In der Tat war es den Holders so vorgekommen, als sei das Verschwinden Carls von den Polizeiinspektoren nur sorgfältig registriert, die Suche aber nie eingeleitet worden. Ihre Ahnungslosigkeit vom Lauf großer Maschinerien, vom kaum wahrnehmbaren Ineinandergreifen unzähliger Rädchen, von dateischwangeren Computern, tickenden, summenden und klingelnden Telegeräten hatte ihnen schon im Anfangsstadium der Suche das Gefühl gegeben, der Verbleib von Holder interessiere in Wahrheit niemand.

Am Montagabend, kurz vor den von Holder so geschätzten Abendnachrichten, war, nicht ohne massive Intervention von Großvater Holder, seine Vermißtenmeldung im regionalen Fernsehen ausgestrahlt worden. Carl Holder, zweiundvierzig, grauer Jogginganzug, blaue Streifen, Schuhmarke unbekannt, keine Anzeichen geistiger Verwirrung, die und die Strecke, sachdienliche Hinweise… .

“Affengeil,“ hatte Bettina ehrfurchtsvoll gesagt, als Holders Konterfei, ein Bild älteren Datums, auf der Mattscheibe erschienen war. Dabei hatte Holders Aussehen dem zeitge-mäßen Adjektiv kaum entsprochen. Ein freundliches Gesicht, das, wäre es fünf Sekunden länger zu sehen gewesen, eine hintergründige Verschmitztheit preisgegeben hätte, über der Stirn gelichtetes Haar, ein schiefstehender oberer Schneidezahn, leider allzu deutlich sichtbar, das war’s auch schon gewesen.

Die Maschinerie war daraufhin mit einer Flut nutzloser Hinweise gefüttert worden. So wollte ein gerade aus Rom zurück-gekehrter Pilger den Verschwundenen auf dem Petersplatz gesehen haben, sogar in dem beschriebenen Jogginganzug. Das übliche. Frau Holder war mit diversen Anrufen belästigt worden, von Privatdetektiven, Pendlern, Hellsehern und anderen Scharlatanen, die Holder noch vor Ostern in den Schoß der Familie zurückbringen wollten, und von ein paar potenten Witwentröstern, die sich weniger auf den Schoß der Familie als auf den von Frau Holder exklusiv bezogen. Dabei hatte ihr in jenen Tagen der Kopf wirklich nicht danach gestanden.

Mit der Vermißtenmeldung war das Verschwinden Holders konkret geworden, ja es hatte wahrscheinlich schon seinen Höhepunkt erreicht, denn danach begannen die Kurven der Angst, Verwirrung und Ungewißheit merklich abzuflachen, obwohl es noch eine Menge ärgerlicher Höhepunkte mit Holders Arbeitgeber, seinen Banken und Versicherungen und den Behörden gegeben hatte.

An all das aber wollten sie sich an diesem lauen Frühlingsabend nicht erinnern. Längst war der Tag hinter der westlichen Ebene versunken’ hatte die Lichtglocke über der Stadt den Kampf mit der Nacht aufgenommen. Sie tranken koffeinfreien Kaffee, den auch Tim gern hatte, und naschten trockenes Gebäck.

Frau Holder versuchte den Kindern vorsichtig klarzumachen, daß sie das Haus behalten könnten, wenn Herr Pabst, geschiedener und gut verdienender Chemiker, der sie geistig und körperlich zu neuem Leben erweckte, bei ihnen einzöge.

“Und was ist, wenn Papa wiederkommt“, fragte Tim.

“Ich kann nicht ewig auf ihn warten“, wandte Frau Holder leise ein.

„Ein Jahr ist doch nicht ewig“, sagte der Junge.

Bettina grinste allwissend vor sich hin. Vielleicht ist es wirklich noch zu früh, dachte Frau Holder, und sie sprachen nicht weiter über Pabst.

Sie hatte den Wiedereinstieg als Sekretärin besser geschafft als erwartet und hatte mit Hilfe von Holders hinterlassener Bar-schaft sowie gelegentlichen Zuwendungen ihrer Eltern und Großvater Holders das Haus bisher halten können. Die ständig steigenden Unkosten würden ihr das aber nicht mehr lange erlauben. Da war ein Untermieter wie Pabst, mit dem sie Bett, Tisch und Zinsen teilen konnte, wie von Gott gesandt. Und liebenswert fand sie ihn auch.

Die Lichter am Abend waren das Schönste. Sie gaben der Landschaft eine Harmonie, die ihr am Tag fremd war. Gnädig verdeckte die Dunkelheit jene Ansammlung von Industrie- und Gewerbekästen, die trostlosen Straßen und Zufahrten dazwischen, unordentliche Höfe, das Auf und Ab unendlicher Rohrleitungen, schreiende Reklamen und leblose Glaswände. Nur die Lichter waren da, große und kleine Lampen in allen Farben, die schnurgeraden Reihen der Straßenbeleuchtungen, die Bänder schnell dahineilender Personenzüge, die flackernden Leuchten in den Raffinerien, die gelbroten Lichtketten auf der Autobahn und die unzähligen erleuchteten Fenster, in der Nähe noch erkennbar, in der Ferne immer kleiner und geheimnisvoller werdend.

“Bei jedem Licht kann man sich was denken“, sagte Tim. „Manchmal stimmt es und manchmal nicht.“

„Es ist gut, daß man wenigstens im Dunkeln nicht mehr alles sehen kann», ergänzte Frau Holder etwas elegisch.

Das schloß auch den Mann ein, der in einem neuen, modischen Liegestuhl auf dem höchsten Dach eines riesigen Lagerhauskomplexes saß und an den Lichtern genauso viel Gefallen fand wie sie.

Er trug einen roten Jogginganzug, weil er den grauen mit den blauen Strafen längst weggeworfen hatte.

2 Kapitel

Auch er erinnerte sich an diesem Abend an den Tag vor einem Jahr. Es ging ihm gut. Neben ihm, auf dem kiesbedeckten Boden des Flachdaches, standen ein paar Flaschen Champagner Rosé und ein Korb mit bunten Ostereiern. In der Hand hielt er ein langstieliges Glas und auf den Knien balancierte er eine Dose ausgesuchter Party-Snacks. Sein Blick wanderte über den nördlichen Hang. Immer wieder starrte er auf eine Stelle, an der eine unauffällige Straßenbeleuchtung in leichtem Bogen in eine hellere Lichterkette mündete. Da würden sie jetzt vielleicht sitzen. Daß sie noch dort wohnten, wußte er. Im Tageslicht konnte er mit dem Fernglas eine Ecke des Hauses, den Dachstock und das Dach des Wintergartens erkennen.

»Ein Jahr«’ sagte er zu sich selbst, „ein Jahr“’ und über sein Gesicht huschte jenes verschmitzte Lächeln, das denen, die ihn nun kaum noch suchen würden, verborgen geblieben war.

Er hatte den Freitag Ende März gewählt, weil alles so normal und das Wetter günstig gewesen war. Wenn Tim mit ihm gelaufen wäre, hätte er es verschoben, doch der Junge hatte an einem Legoschiff gebaut und nicht einmal gefragt, ob er mitkommen könne. Holder hatte die Vorbereitungen zu dem Dip, wie er sein Unternehmen nannte, schon lange vorher abgeschlossen. Es wäre ihm nicht auf einen Tag, nicht einmal auf eine Woche oder einen Monat angekommen. Aber das Wetter hatte nebligtrüb sein müssen, die Straßen möglichst leer und die Stimmung zuhause ausgeglichen, denn er hatte den Dip nicht in einem Augenblick des Ärgers oder Unfriedens antreten wollen. Nach einem Besuch bei einem Kunden ganz in der Nähe war er früh nach Hause gekommen. Er hatte gewußt, daß sie am Nachmittag kaum Notiz von ihm nahmen. Sie waren mit sich selbst beschäftigt gewesen. Er hatte die Tür zu Bettinas Zimmer geöffnet, dessen Boden wie immer übersät gewesen war mit Kleidungsstücken, Schulheften und Jugendzeitschriften, die wie Pornohefte aussahen. Bettina hatte ihn nicht bemerkt. Sie hatte an ihrem kleinen Schreibtisch gesessen, mit den Füßen gewippt, ihren zwischen Hörmuscheln eingeklemmten Kopf hin und her bewegt und gleichzeitig einen Winkelmesser gedreht. Er hatte sich mehr als einmal gewundert, wie sie diese gegenläufigen Bewegungen zum Wohl der Geometrie koordinierte, denn in Geometrie hatte sie immer gute Noten gehabt. Bettina würde bald vierzehn werden. Er hatte in der Zweiradhandlung an der Brücke ein poppiges Mofa gekauft, das an ihrem Geburtstag geliefert werden sollte, ein Tag, an dem er nicht mehr da sein würde. Er hatte die Tür ihres Zimmers geschlossen und war ins Schlafzimmer gegangen. Dort hatte er eine Zeitlang auf dem lieblos gemachten Bett gesessen. Das Schlafzimmer hatte er nie gemocht, ein zu klein geratener Raum, überladen mit einem floßähnlichen französischen Bett, zwei großen viertürigen Möbelmarktschränken und einem unförmigen Frisiertisch.

Er war sich sicher, daß solche Zimmer Brutstätten der Frustration waren, weil in ihnen wie nirgendwo sonst das Zusammenleben von Menschen täglich auf den Punkt gebracht wurde, mit oder ohne Sex. In Gedanken darüber versunken hatte er sich umgezogen. Sie hatten ihn oft wegen seines Ordnungssinns gehänselt und bewundert. Wie kein anderer konnte er Sachen, ob Geschirr, Kleidung, Bücher oder Lebensmittel millimetergenau und allseits sichtbar in Schränken unterbringen. Das hatte er auch diesmal bewiesen. Seine Garderobe würden sie auf einen Blick erfassen und mühelos feststellen können, daß nichts fehlte außer dem grauen Trainingsanzug, ein Paar Baseballsocken und den bequemen Phönix Laufschuhen, die fast so alt waren wie Tim. Den Passepartout und die flache, handliche Akkutaschenlampe, die er in die Hosentasche steckte, hatten sie sowieso nie gesehen.

Als er beim Verlassen des Schlafzimmers auf das Bett zurückgeblickt hatte, waren in Sekundenschnelle ein paar Bilder vor seinen Augen aufgetaucht: Sonja, wie sie auf dem rechten Ellbogen ruhte und mit der Linken eine Nachtcreme ins Gesicht strich, wie sie nackt und spreizbeinig auf der Bettkante kniete und er sie im Stehen von hinten nahm, wie sie sich morgens aufsetzte, in den Spiegel auf der Schranktür schaute und ihr rötlichblondes Haar zurückwarf. Und doch war es ihm so gewesen, als habe er nie in diesem Bett gelegen, als habe er nicht über viertausend Nächte darin verbracht, schlafend, träumend, wachend, liebend, schwitzend, hustend, flüsternd, grübelnd.

Er war in den Keller hinuntergestiegen und hatte sich dort zu schaffen gemacht, hatte die Einstellung der Ölheizung und den Inhalt des Tanks überprüft, hatte nachgeschaut, ob die Fahrräder aufgepumpt und auch sonst in Ordnung waren, und hatte die Kästen mit den Getränken, mit seinem Bier, dem Mineralwasser und den Limonaden so gerückt, daß die vollen vornan standen. Der Keller war immer sein Reich gewesen und hatte vor Ordnung gestrotzt.

In der Garage war er, obwohl er alle Überlegungen bis zum Schmerz angestellt hatte, noch einmal in Zweifel geraten. Sollte er den Führerschein mitnehmen oder nicht. Wahrscheinlich wußten sie nicht einmal, daß er ihn in der abgegriffenen schwarzen Mappe im Handschuhfach aufbewahrte. Wenn professionelle Fahnder aber weder Reisepaß noch Führerschein fanden, konnte das ein Hinweis auf ein geplantes Verschwinden sein, und sie würden ihn außerhalb der Region vermuten.

Über die Rolle von Autos bei seinem Dip hatte er sich nie klar werden können. Er hatte sich zwar sagen müssen, daß er auf keinen Fall Auto fahren, daß seine Mobilität eine ganz andere sein werde, aber wenn man so lange und intensiv mit einem Auto gelebt hat, war es unvorstellbar gewesen, daß man nie wieder eines fahren würde. Schon deshalb war es besser, den Führerschein in der Gesäßtasche mitzunehmen.

Vor der Küche war ihm Bettina begegnet, etwas benommen von Geraden, Punkten und Winkeln und der ungeometrischen Musik des Mister Jackson. Er hatte plötzlich das kleine Mädchen in ihr wiedergesehen, das so gerne Fangen mit ihm gespielt hatte und quietschend von einem Zimmer ins andere gerannt war. Spontan hatte er sie an sich gezogen und ihr einen flüchtigen Kuß auf die Wange gegeben, und er war sehr erstaunt gewesen, daß sie ihn nicht weggeschoben hatte, wie sie es sonst zu tun pflegte, wenn man sich ihr nur näherte.

Dann war er zu Sonja in die Dachstube hinaufgegangen. Er hatte vorausgesehen’ daß es nicht zu einem Gespräch mit ihr kommen würde. Sie hatte an einem Referat mit dem Titel >Lehrplan und Elternverantwortung< gearbeitet, in dem sie immer wieder steckengeblieben war, vor allem im Schlußteil. Sie hatte sich nicht einmal nach ihm umgedreht. Er hatte schweigend ihr halblanges, streng zurückgekämmtes Haar und ihren geraden Rücken betrachtet und sich ihr schönes Gesicht vorgestellt, dessen Ernst und Abwesenheit ihn oft auf das eifersüchtig gemacht hatten, was sie mit großer Konzentration tat oder dachte. Für einen Augenblick hatte er sich auf dem Sitzkissen neben der Tür niedergelassen. Von allen Räumen im Haus war ihm diese Dachstube am liebsten gewesen. Nicht nur, weil er sie selbst mit viel Geschick und Liebe ausgebaut hatte, sondern weil ihm schon als Kind Dachböden und abgeschrägte Zimmer Geborgenheit vermittelt hatten. Er hatte eine Bemerkung darüber gemacht, die Sonja mit dem Vorwurf, er hätte diesen Raum schon vor Jahren ausbauen sollen, beantwortet hatte.

So gesehen hatte sie recht gehabt, aber als sie zwölf Jahre zuvor in das Haus eingezogen waren, hatte er weder Zeit noch Geld zum Ausbau des Dachbodens gehabt. „Ich habe immer getan, was ich konnte“, hatte er gesagt und den Raum leise verlassen. In der Tür hatte er noch einmal zurückgeblickt und sich gefragt, ob er je wieder den Arm um seine Frau legen werde. Dann war er nach unten gegangen.

In der Küche hatte er ein Glas Ice Tea getrunken und mit einem Messer eine Schraube der Backofentür festgedreht. Tim war heruntergekommen, um ein paar Zahnstocher zu holen, die er beim Bau des Schiffes brauchte. Holder hatte ihn gefragt, ob der Sattel seines Lieblingsfahrrads noch die richtige Höhe habe, denn als er das Rad im Keller angeschaut hatte, war ihm der Sattel für den schnell wachsenden Jungen zu niedrig vorgekommen. Aber Tim hatte ihn in seiner ruhigen, auch den Eltern gegenüber nie abschätzigen Art beruhigt.

„Es ist alles o.k., Papa“’ hatte er gemeint. „Wenn der Sattel nicht mehr hoch genug ist, sag’ ich es dir.“

Er hatte dem Jungen die Hand auf den Kopf gelegt und beinahe unvorsichtig bemerkt: „Und wenn ich dann nicht mehr da bin?“

Doch Tim war wohl in Gedanken bei seinem Legoschiff gewesen und mit den Zahnstochern in der Hand nach oben gelaufen.

Er selbst war in der Küche geblieben, hatte das Radio auf dem Fensterbrett eingeschaltet und auf und ab gehend leisen Liedern gelauscht. Zum letzten Mal hatte er versucht, das Motiv für den Dip zu finden. Er hatte den Schritt, den er in wenigen Minuten tun würde, die Tat, die er begehen würde, lange und gründlich vorbereitet, aber ein klarer Beweggrund dafür, über den er sich selbst hätte Rechnung ablegen können, hatte ihm immer gefehlt.

Wenn jemand unter größten Mühen, unter Lebensgefahr einen hohen Berg besteigt, tut er das, so heißt es, weil der Berg da ist. Ein vernünftiges, überzeugendes, zwingendes Motiv gibt es nicht dafür. Er wollte keinen hohen Berg besteigen, kein fernes Meer befahren und keine Wüste durchqueren, aber er hatte sich immer wieder sagen müssen, daß er mit denen, die das taten, etwas gemeinsam hatte.

Beim Zeitzeichen um neunzehn Uhr hatte er das Radio abgestellt und das Licht in der Küche gelöscht. Vom Fuß der Treppe aus hatte er nach oben gerufen: „Ich gehe joggen.“ Die Frauen hatten sich nicht gerührt, aber der Junge war aus seinem Zimmer getreten und hatte zurückgerufen: „Du wirst doch ganz naß. Außerdem wirst du in dem Kostüm über den Haufen gefahren.“ Das mußte er von seiner Mutter gehört haben. Holder hatte die Haustür schon in der Hand gehabt. „Ich werde die Katzenaugen anlegen“, hatte er den Jungen beruhigt. Dann hatte er die Tür zugezogen, war langsam die paar Treppenstufen hinunter zur Straße vorgegangen und hatte sich, einen leichten Trab beginnend, nach rechts gewandt.

3 Kapitel

Er lief den Rinnstein entlang. Seine Schuhe waren nach wenigen Metern vom Schneeregenwasser völlig durchnässt. Kurz bevor die in einem Bogen verlaufende Wohnstraße in eine Hauptstraße mündete, kletterte er rechts über ein Gitter in ein flaches, sauber in Stein gefaßtes Bachbett, in dem er vorsichtig weiterlief. Links und rechts waren Maschendrahtzäune, hinter denen Gärten und Einfamilienhäuser lagen. Einmal blieb er in dem knöcheltiefen Wasser stehen. Durch Sträucher hindurch konnte er in eine Küche schauen, in der eine aufgeregt gestiku-lierende Frau und ein Mann im Unterhemd einen häuslichen Streit austrugen. Er kannte den Mann, hatte aber nicht gewußt, daß er in seiner Nähe wohnte. Vor Jahren hatte er diesem Dr. Sander gegenübergesessen und sich über seine arrogante, dümmliche Selbstherrlichkeit geärgert. Genaugenommen wäre ihm ohne das damalige Gespräch und das Mandat, das daraus entstanden war, kaum die Idee zu dem Dip gekommen. Seltsam, wie Lebenskreise sich berührten.

Die Begegnung hatte ihn überrascht und belustigt, und er wollte sie als Omen betrachten.

An der nächsten Querstraße, unter der das Bachbett in einer Röhre verschwand, kletterte er wieder über ein Gitter hinaus und lief in wasserschwappenden Schuhen auf dem Gehweg weiter. Auch der beste Hund, sollten sie ihn Wirklich mit Hunden suchen, Würde seine Spur nicht Wiederfinden.

Er überquerte die Hauptstraße, die um diese Zeit nicht mehr belebt war, in einem Augenblick, in dem sie ganz ruhig dalag. Diese Straße führte gut einen Kilometer weiter unten über die Autobahn. Über die Brücke mußte er hinüber. Auf einsamen Nebenstraßen und Gehwegen laufend näherte er sich der Brücke. Der Regen begann sich mit Schnee zu vermischen, mit großen, weichen Flocken, die er beim Atmen durch den offenen Mund auf der Zunge und den Lippen spürte. Immer noch sah er den Mann im Unterhemd vor sich, im bläulichen Licht der Küche, die dümmliche Selbstherrlichkeit auf seinem Gesicht mit Zorn vermischt, die Finger nicht Wie damals in arroganter Ungeduld auf eine Schreibtischplatte trommelnd, sondern drohend und diktierend durch die Luft Wirbelnd.

Er erreichte die Brücke auf einem Pfad oberhalb der Autobahn. Hohes Gebüsch trennte ihn von den Fahrbahnen. Die Autos waren nur zu hören, ein ständig auf und abschwellendes Zischen auf dem nassen Untergrund.

Die Brücke war lang. Dort, wo der Pfad an sie heranführte, hatte Holder einen alten Regenschirm versteckt. Den Schirm schräg vor sich haltend ging er normalen Schrittes über die Brücke. Ein paar Autos kamen ihm entgegen, Leute die spät von der Arbeit heimkehrten, die auf keinen Fall einen Jogger gesehen hatten, bestenfalls einen bedauernswerten Fußgänger mit Regenschirm, der bei dem Sauwetter irgend wohin mußte.

Auf der anderen Seite verließ er die Hauptstraße kurz hinter dem Zweiradgeschäft, in dem er Bettinas Mofa bestellt hatte, und tauchte im Industrie- und Gewerbeviertel Ost unter. Hier gab es nur noch vereinzelte Wohnhäuser, Überbleibsel aus einer Zeit, da Gewerbe und Industrie noch überschaubar gewesen waren und die Autobahn noch nicht existiert hatte. Zwischen den Häusern hatten sich damals große, leere Flächen ausgedehnt. Jetzt war es eng hier. Mauer an Mauer, Zaun an Zaun, kaum noch Grün, kaum noch Erde, nur Beton, Eisen, Glas, Asphalt. Die einzigen leeren Flächen waren Parkplätze, die um diese Stunde verlassen dalagen und doch wie überfüllt aussahen. Holder hielt den Schirm noch immer schräg vor sich. Beinahe wäre er in ein Auto gelaufen, das schnell und ohne sich um Fußgänger zu kümmern aus einer Werksausfahrt herausschoß. Der Fahrer bemerkte ihn nicht einmal.

Ein paar Straßen noch, ein paar Richtungsänderungen. Jedes Tor, jede Fassade, jede Ecke waren ihm vertraut. Endlich sah er die Schlosserei vor sich, ein älterer Betrieb, der sich auf die Herstellung von Briefkästen spezialisiert hatte. In der Werkstatt brannte kein Licht mehr. Im Schutz einer seitlichen Begrenzungsmauer lief Holder über den schlecht aufgeräumten Hof bis zur Rückseite des Grundstücks. Den Schirm warf er in einen großen Abfallcontainer. Auch hinten verlief eine mannshohe Begrenzungsmauer, an der aufgeschichtet Paletten und Kisten lagen. Mühelos kletterte er auf die Mauer hinauf, schaute sich noch einmal kurz um und sprang auf der anderen Seite hinunter.

Er befand sich auf dem Gelände des ISCOP-Lager- und Verteilerzentrums Süd, kurz LVZ Süd genannt. Vor ihm türmten sich bunte Stapel leerer Getränkekisten auf, deren Konturen im Halbdunkel bizarr und fantastisch anmuteten. Ein Labyrinth, durch das er sich, engen Gängen folgend, hindurchtastete. In den Säulen aus Kästen tropfte das Regenwasser herab, und es roch nach abgestandenem Bier. Er brauchte fast zehn Minuten, bis er den Irrgarten durchquert hatte, dann lag ein langer, schlecht beleuchteter Hof vor ihm. Linkerhand konnte er im stärker werdenden Schneetreiben gerade noch den Holzbau erkennen, das älteste Gebäude auf dem ganzen Areal, ein Relikt aus dem vorigen Jahrhundert, als die Vorfahren der alten Damen auf dem Gelände ein Handelskontor betrieben hatten. Der Holzbau war die Leichenhalle des LVZ Süd. Ausgemusterte Transportfahrzeuge, Verpackungen und Abfüllanlagen, Gebinde, Treppengeländer, Packtische, Büromöbel und anderes totes Inventar wurde hier bis zur Verschrottung aufgebahrt. Das Gebäude hätte zur Erweiterung des Zuckerbaus schon ein paarmal abgerissen werden sollen, aber selbst die eifrigsten der vielen neuen Besen hatten da im Kehren innegehalten und die Leichenhalle an ihrem Platz gelassen. Unweigerlich fallen würde sie dann, wenn das Schlößchen der alten Damen fallen würde, und das wiederum würde nur fallen, wenn die alten Damen stürben. Aber das taten sie nicht. Diese Geschichte hatte Holder immer fasziniert, und er rekapitulierte sie in wenigen Zügen, während er das Wasser aus den Schuhen trat. In der Fahrzeugreparaturwerkstatt, die rechts von ihm lag, wurde noch gearbeitet. Das hatte er erwartet, denn dort machten sie die meisten Überstunden. Er wußte, daß sie selten aus ihrer Höhle herauskamen und daß sie durch die hochliegenden Fenster nicht in den Hof hinausschauen konnten. Also lief er unbekümmert an der Werkstatt vorbei an den mächtigen Gebäudekomplex heran, dessen Ausmaße in der Dunkelheit nicht annähernd auszumachen waren.

Über eine Art Schwimmbadleiter klomm er auf eine Rampe direkt vor eine kleine Tür. Selbst der Schlüssel in der Hosentasche fühlte sich nach dem langen Lauf durch Schnee und Regen feucht an. Auf- und Zuschließen waren fast eins. Kein Laut war zu hören gewesen. Vor Nässe zitternd stand er in einer Ladestation für Gabelstapler. Kontrollämpchen gaben dem Raum ein mattes Licht. Er zog Schuhe und Socken aus, nahm ein paar Putzlumpen aus der Schublade einer Werkbank und trocknete sich die Füße ab. Die Schuhe in der Hand haltend durchquerte er den Wareneingangsbereich für Lebensmittel. Die großen Rolltore waren geschlossen, und vom Hof fiel kein Licht herein. Mit Hilfe der Taschenlampe suchte er den Weg zu einem Personenlift in der äußersten Ecke der Halle. Am Freitagabend standen hier nur wenige Paletten mit Waren, die noch versorgt werden mußten. Holder wußte, wie es tagsüber zuging, wenn ein Lastzug nach dem anderen entladen wurde, wenn die Stapler zwischen Rampe und Warenlift hin und her manövrierten und die Halle erfüllt war von Rufen und Flüchen.

Der Personenlift, der an der Grenze zwischen alten und neuen Gebäuden eingebaut und allen Niveauunterschieden angepaßt war, bediente ein Dutzend verschiedener Ebenen. Wie kein anderer Lift veranschaulichte er das Ergebnis einer Wirren Baupolitik, weshalb man ihn den Idiotenlift getauft hatte. Holder nahm ihn bis zur siebten Ebene, bis zum Produktions- und Abfüllbereich Kräuter und Gewürze. Als er die Lifttür dort öffnete schlug ihm ein betäubender, exotischer Geruch entgegen, eine Mischung aus Pfeffer, Muskatnuß, Paprika und Ingwer, aus Dill, Rosmarin und Majoran. In der Dunkelheit und der Wärme, die hier oben herrschten, war der Geruch umso schwerer. Holder blieb einen Augenblick lang stehen und nahm ihn wie eine Droge in sich auf. Mit dem Sprung über die Mauer der Schlosserei hatte er einen modernen Urwald betreten, dessen Düfte an dieser Stelle Wahrscheinlich am ausgeprägtesten waren.

Die Schuhe in der Linken, die Taschenlampe in der Rechten schlich er durch andere Abteilungen, durch kurze Treppen ins Dachgeschoß des Altbaus zweiunddreißig. Die vier Altbauten, um die Jahrhundertwende als Lagerhäuser entstanden, galten noch immer als das Herz des LVZ Süd.

Ihre bahnwärts gerichteten Fassaden repräsentierten den Jugendstil wie keine anderen Fassaden in der Gegend und standen unter Denkmalschutz. Daß sich hinter ihnen klobige Betonklötze erhoben, die sie fast erdrückten, tat dem Denkmal keinen Abbruch.

In den Dachgeschossen dieser Altbauten, die alle ungleich hoch und nur durch Holztreppen und schmale Fahrrampen untereinander verbunden waren, lagerten Archivmaterial, selten benötigte Verpackungen, obsoletes Werbematerial, überzählige Gebrauchsanweisungen und Etiketten, Broschüren und andere Beilagen, die die Artikel, für die sie bestimmt gewesen waren, um Jahre überdauerten. Wie überall im LVZ Süd herrschte auch hier eine tadellose Ordnung. Regale, Paletten, Kisten alles stand ausgerichtet in Reih und Glied.

Im Dachgeschoß des Althaus einunddreißig waren auf der Bahnseite durch nachträgliches Einziehen von Ziegelmauern ein paar abschließbare Räume entstanden, die im Volksmund Toxikammern genannt wurden. Was genau und ob überhaupt giftige Substanzen in ihnen aufbewahrt wurden, wußte nur eine Handvoll Eingeweihter. Auf diese Kammern steuerte Holder zu, genauer gesagt auf den Raum, der zwischen den Rückwänden der Kammern und dem schrägen Dach gefangen war. Es war nicht einfach, in diesen Hohlraum hineinzugelangen, und Holder hatte es nur seiner ausgeprägten Neugierde und Akkuratesse zu verdanken, daß er Raum und Einstieg damals entdeckt hatte. So mußte er im höher gelegenen Dachboden des Baus zweiund-dreißig zwischen zwei Zeilen von Archivgestellen, die er als Tritte benutzte, auf die Toxikammern hinaufklettern, mußte über die Decke von drei der Kammern kriechen und sich auf die etwas niedrigere Vierte herablassen, zwischen der und dem Dach ein komfortabler Spalt klaffte, durch den er mit Hilfe einer Leiter hinter die Toxikammern klettern konnte. Als er sein Ziel erreicht und die Leiter vom Einstieg weggestellt hatte, war er trotz seiner allgemein guten Kondition etwas außer Atem.

Es war stockdunkel um ihn herum. Die drei Dachluken, durch die man auf die Eisenbahnlinie und die jenseits des Bahnkörpers liegenden Viertel schauen konnte, hatte er schon bei einem seiner ersten Vorbereitungsbesuche mit Wolldecken verdunkelt. Er knipste die Taschenlampe wieder an und ging in dem langen, knapp drei Meter breiten, auf der Dachseite abgeschrägten Gang nach hinten. Da die Heizungsrohre für die Toxikammern und für die neuen Büros im benachbarten Bau dreißig hier verliefen, war es angenehm warm. Mühelos fand er die kleine Klemmlampe, die er an einem Dachsparren befestigt hatte. Im gedämpften Licht der vierzig Watt Birne konnte er sofort erkennen, daß die wenigen Gegenstände, die er schon beschafft hatte, noch da waren und genauso lagen und standen, wie er sie plaziert hatte. Ein buntkariertes Kombischaumbett mit Daunenkissen, das modernste aus der Sport und Camping-Abteilung, ein paar Wolldecken separat, eine kleine Kaffee-maschine für zwei Tassen auf einem Bürohocker, ein Mottenschrank, in dem sich ein paar Trainingsanzüge, Overalls, Unterwäsche, T-Shirts, Socken, Pullover, Hausschuhe und Toilettensachen, aber auch Bierdosen, Mineralwasser, Konserven und etwas Geschirr befanden. Mit Sicherheit alles, was er in den ersten Stunden und Tagen benötigte. Auch die Farbstiftschachtel und der Karton, die er tief und unsichtbar unters Dach gerückt hatte, waren noch da. Sie enthielten Holders >Wertsachen< und einige Requisiten, deren Einsatz unbestimmt war.

Er zog sich um, hängte die nassen Sachen, Schuhe und Socken, den Trainingsanzug, Unterhose und ein T-Shirt aus Ibiza säuberlich über die Heizungsrohre. Nackt stand er in dem spärlichen Licht und streckte sich.

„Ab jetzt bin ich ein Phantom“, sagte er zu sich selbst und hüpfte übermütig von einem Bein aufs andere. Einen Teppich werde ich hier auch legen müssen, dachte er bei der Gelegenheit.

Nachdem er sich den Kopf trockengerieben hatte, das nächste Mal würde er einen Fön benutzen, und trockene Sachen angezogen hatte, öffnete er eine Bierdose und ließ sich auf das Schaumbett fallen. Das war geschafft. Er hatte sein Basislager, seine Kajüte, ohne Zwischenfälle erreicht. Er hatte den Ausstieg nach innen gewagt und sich in eine unbeschriebene Dimension begeben. Er würde entdecken, besteigen, durchqueren, am Rand der Gefahr wandeln, im Überfluß schwelgen, frieren und schwitzen, auf den Wellen der Unsicherheit treiben, Land sehen und es wieder verlieren. Er war Robinson Crusoe auf dieser Insel im Meer des Konsums. Die Abenteuer unserer Zeit liegen schon lange nicht mehr in der Weite der Ozeane, in den Regenwäldern Neu Guineas, in Amazonien oder im Hindukusch, sondern in den weißen Flecken auf der Landkarte der Zivilisation.

Die Bierdose festhaltend streckte er sich auf dem Lager aus und spulte den Film um zwei Jahre zurück.

4 Kapitel

Aufgrund persönlicher Beziehungen war er nach erfolgreicher Tätigkeit in renommierten Industrie- und Handelsbetrieben Unternehmensberater geworden, in einer kleineren Firma, deren Profil etwas verschwommen war. Mit hinreichender Erfahrung versehen, hatte er die Gruppe Logistik übernommen. Obwohl er sich innerlich dagegen sträubte, hatten sie jeden Auftrag angenommen, den sie bekommen konnten, ganz gleich ob sie kompetent dafür waren oder nicht. Dies trotz eines anderslautenden Leitbildes ihrer Firma. Ihr Image war dadurch nicht besser geworden, aber sie kassierten fürstliche Honorare und blieben, Wie es so beruhigend heißt, in der Gewinnzone.

Sein Chef, ein gewisser Birrbusch, der Akquisition wie ein Scherenschleifer betrieb, hatte es eines Tages fertiggebracht, bei einem Geschäftsführer der ISCOP, einem Dr. Sander, vorstellig zu werden, bei eben jenem Mann, den Holder vorher im Unterhemd mit seiner Frau streitend beobachtet hatte.

Das Gespräch war sehr unverbindlich gewesen. Birrbusch hatte in plumpen Pauschalen ihre Dienste angeboten, Holder selbst hatte ein paar fachliche Bemerkungen beigesteuert, während der Geschäftsführer seine Ungeduld nicht verborgen hatte. Die ISCOP, ein Kaufhaus und Filialgigant, war im strategischen Bereich ein paar Nummern zu groß für sie, aber sie hatten auf einen Abstauber gehofft, auf eine referenzdienliche Sachberatung.

Tatsächlich hatte wenige Wochen später ein Direktionsassistent des LVZ Süd angerufen und mitgeteilt, daß man etwas für sie habe. Holder hatte sich auf den kurzen Weg gemacht Und ein Mandat bekommen, bei dem keine Beratung, sondern ein zeitlich begrenzter Arbeitsauftrag gefragt war. Natürlich hatten sie es übernommen. Es ging darum, das Zentrum, wie das LVZ Süd von allen kurz genannt wurde, nach dem Zukauf benachbarter Liegenschaften, nach internen Um- und Ausbauten, nach Umlagerungen von Abteilungen und anderen Vorgängen vollkommen neu zu kartographieren und den Ist-Zustand der wichtigsten Warenflüsse aufzunehmen. Jede Räumlichkeit, jede Tür, jeder Lift, jede Treppe, jedes Fenster waren auf den vorhandenen Situationsplänen zu bestätigen, Veränderungen zu verdeutlichen gewesen. Eine stupide Arbeit, die jeder im Räumlichen halbwegs bewanderte Oberschüler auch hätte ausführen können.

Holder hatte das Mandat einem plötzlichen, unerklärlichen Interesse folgend selbst übernommen. Ausgerüstet mit dicken Rollen von Situationsplänen, die ihm zur Verfügung gestellt worden waren, hatte er das Areal und alle Baulichkeiten wochenlang bis in die hintersten Winkel begangen und die Pläne dem tatsächlichen Zustand angepaßt. Die Gesamtfläche, auf der gelagert, manipuliert, produziert, verwaltet und verteilt wurde, entsprach der Fläche von fünfundvierzig Fußballplätzen. Es gab kaum einen Konsumartikel, der nicht durch dieses Zentrum lief, von dem aus regionale Zentren, Kauf- und Warenhäuser, Supermärkte, Möbelhäuser, Modegeschäfte und andere Abnehmer versorgt wurden. Die Zahlen, so imposant sie waren, hatten Holder wenig imponiert, Zahlen in allen Größen und Maßen waren immer Teile seines Berufs gewesen und hatten seine Fantasie kaum je beflügelt. Und doch hatte ihn der Moloch, wie er das Zentrum für sich getauft hatte, mit jedem Tag, an dem er ihn sezierte, tiefer in seinen Bann gezogen. Er hatte angefangen, die Erkundungen auf eigene Faust zu erweitern und sich persönliche Notizen und Skizzen zu machen. Alles, was er sehen wollte, wurde ihm dank Anweisungen von ganz oben gezeigt, was er wissen wollte, wurde ihm mitgeteilt, Schlüssel wurden ihm ausgehändigt, Abläufe erklärt, Planungen für die nächsten Jahre vorgelegt. Schon bald war ihm klar geworden, daß er mit der Geographie des Zentrums besser vertraut war als irgendjemand sonst. Sie kannten alle nur ihre begrenzten Bereiche und die oft schlecht genug. Die wenigen Leute, von denen angenommen wurde, daß sie das Ganze überblickten, taten das bestenfalls vom grünen Tisch aus. Im Zentrum selbst verliefen sie sich gewöhnlich. Hatte der Moloch Holder in seinen Bann gezogen, begann Holder Macht über den Moloch zu erlangen. Ein Wechselspiel, das sich ständig steigerte. Der Moloch lockte mit immer neuen Türen, Treppen und Durchgängen, Holder entriß ihm seine Geheimnisse.

Er erinnerte sich genau an die Stunde, in der er diese Idee gehabt hatte. Es war an einem schönen Sommertag vor knapp zwei Jahren gewesen. Er hatte im sechsten Obergeschoß des Lebensmittelbaus die Hilfsbetriebe Schreinerei, Schlosserei und Elektrowerkstatt aufgenommen, war dann auf das Flachdach hinausgetreten und schließlich auf das alles überragende Häuschen des großen Warenlifts gestiegen. Der Moloch hatte ihm im wahrsten Sinne des Wortes zu Füßen gelegen. Direkt unter ihm das Lebensmittelzentrum, daneben das Textilzentrum. Auf der anderen Seite der Schienen die Kaffeerösterei und die Keksfabrik. Hinter ihm der Zuckerbau mit seinen Silos. Ganz plötzlich war ihm der Gedanke gekommen, von diesem Reich, von dem allein er eine vollständige Landkarte hatte, Besitz zu nehmen.

Wie alle Männer gegen Mitte vierzig, von Frust und Midlifecrisis gebeutelt, hatte er mehr als einmal an einen Ausstieg gedacht, aber er hatte, wie alle, die daran denken, keine konkreten Vorstellungen, sondern höchstens Traumbilder damit verbunden. Warum aber um Gottes Willen mußten es denn immer Provence und Toscana, Côte d’Azur und Mallorca, Florida und Kalifornien oder irgendwelche Weiber sein, zu oder mit denen man abhaute. Warum konnte es nicht das Lager und Verteilerzentrum Süd des ISCOP-Konzerns sein, in dem man untertauchte, wo man alles hatte, was man brauchte - zum Nulltarif. Ein riesiges Dach über dem Kopf, ein Konsumangebot par excellence, Nervenkitzel und sogar die Freiheit, wieder aufzutauchen.

War er verrückt? Er hatte sich auf dem Dach des Lifthäuschens ein paarmal um seine eigene Achse gedreht und die Arme ausgebreitet wie die Christusstatue über Rio de Janeiro. Und dann hatte er laut zu sich selbst gesagt. »Ich werde es tun.«

Dabei war ihm aufgefallen, daß er mit einem Fernglas wahrscheinlich sein Haus weit oben im Hang sehen konnte.

Als er von dem Aufbau heruntergestiegen war, hatte unten auf einer Kiste an die Wand gelehnt der alte Schreiner gesessen und Mittag gemacht. Holder hatte ihm vorher erklärt, daß er die Situationspläne des Zentrums in Ordnung bringe, und der alte Mann hatte gesagt: »Da oben gibt es nichts mehr, nur noch das Tor zum Himmel.«

»Arbeiten Sie schon lange hier?« hatte Holder gefragt.

»Seit über dreißig Jahren«’ hatte der Alte stolz geantwortet.

„Da haben Sie eine Menge Veränderungen miterlebt“, hatte Holder bemerkt.

Der Schreiner hatte genickt. „Aber wissen Sie“, hatte er gesagt, »gutes Holz ist immer gutes Holz geblieben.«

Holder hatte nicht gewagt, ihn zu fragen, was er damit meinte. Er hatte, während er ins Gebäude zurückgegangen war, einen Sinn in der Feststellung gesucht.

Nach seinem Entschluß hatte er die Augen noch offener gehalten. Er hatte sich zunutze gemacht, daß denen, die er befragte, sein Auftrag im Wortlaut kaum bekannt gewesen war, und hatte Vorwände für aufschlußreiche Erkundigungen gefunden.

So hatte er sich unauffällig mit dem Schließplan des Zentrums befaßt, mit den Sicherheitsvorkehrungen und dem Einsatz des Personals. Er hatte sein gutes Orientierungsvermögen trainiert, indem er sich die Aufgabe stellte, von einem Punkt, an dem er sich gerade befand, möglichst unbemerkt an einen anderen zu gelangen, den er sich selbst vorgab.

Dann hatte er den Hohlraum entdeckt, in dem er jetzt sein Bier trank. Auf dem Situationsplan Bau einunddreißig/fünf waren die Rückwände der Toxikammern viel zu weit nach hinten eingezeichnet, so daß hinter ihnen kein begehbarer Raum erkennbar war. Die Vorderwände waren, aus welchen Gründen auch immer, bis unters Dach hochgezogen worden, was den Überblick erschwerte. Er war der Sache auf den Grund gegangen und hatte mit einer Kletterpartie, nach der er vollkommen verstaubt gewesen war, den Einstieg gefunden. Den Situationsplan hatte er nicht berichtigt in der Gewißheit, daß niemand seine Untersuchungen überprüfen würde. Dafür hatte er im Bau dreiunddreißig die Leiter eines Elektrikers entwendet und sie über die Decken der Toxikammern, in denen selten jemand arbeitete, an den Einstieg geschafft. Der erste Schritt war getan.

Das alles hatte mehr Zeit gekostet, als für das Mandat veranschlagt gewesen war, und Holder hatte eine Reihe von Tagen zwei anderen großzügiger dotierten Mandaten, an denen er gleichzeitig arbeitete, verrechnet.

Sein Plan hatte nun schnell Gestalt angenommen und ihn so unerhört beflügelt, daß es sogar zuhause aufgefallen war. Sie hatten ihn gutgelaunt, umgänglich und verständnisvoll wie nie genannt, obwohl er sie mit jedem Schritt, den er in die eine Richtung tat, in die andere verdrängen mußte. Es hatte Momente gegeben, in denen er den Dip für ein Hirngespinst hielt, dennoch hatte er weitere Vorbereitungen getroffen. So hatte er seine abschließenden Studien im Zentrum auf den Abend verlegt und festgestellt, daß es nach Ende der Normalschicht recht ruhig zuging. In einigen Abteilungen wurde bei Bedarf bis zweiundzwanzig Uhr gearbeitet. Lastwagen wurden nur in dringenden Ausnahmefällen nach siebzehnuhrdreißig eingelassen, mußten dann noch entladen werden und das Gelände wieder verlassen. Manchmal wurden in der Nacht Güterwagen hereinrangiert, wozu ein Wachmann Tor drei öffnen mußte.

Es gab fünf Wachmänner, die ihre festgelegten Runden gingen. Sie waren im Pförtnerhaus am Haupttor stationiert, wo mindestens einer von ihnen jederzeit erreichbar sein mußte. Hunde hatten sie nicht. Das Areal war überall umzäunt, nur im alten Teil, wo es an die Schlosserei und zwei andere Kleinbetriebe stieß und wo sich das Grundstück der alten Damen im ISCOP-Besitz verkeilt hatte, war es von Mauern begrenzt.

Holder hatte gewußt, daß er im Zentrum bekannter gewesen war, als es schien. Von seiner Aufgabe her hatte er nur mit wenigen Verantwortlichen sprechen müssen, die ihm namentlich genannt worden waren, doch hatten ihn alle aufmerksam beobachtet, wenn er seine Pläne ausgebreitet und herumgeschaut hatte. Die Leute hatten ein feines Gespür für Fremde, die sich länger und mit kritischen Blicken in ihrem Arbeitsumfeld aufhielten. Sie witterten, meistens zu Recht, Veränderungen, von denen nur die wenigsten zu ihrem Vorteil waren.

Er hatte sie freundlich gegrüßt, sie hatten ihn gegrüßt, und manchmal war es zu einem Wortwechsel gekommen, doch hatte Holder mit seiner unverbindlichen, introvertierten Art niemand zu engerem Kontakt ermutigt. Erst nach seinem Entschluß, als Phantom unter ihnen zu leben, hatte er sie genauer betrachtet. Die Staplerfahrer und Sammler, die Frauen an den Gewürzmühlen und in der Eierkontrolle, die Möbelpacker und die vermummten Gestalten in den Kühlräumen, die Auszeichnerinnen zwischen den Textilbändern, die jungen Gruppenchefs mit dem wichtigen und die alten mit dem patriarchalischen Gehabe, die Mädchen in den Lagerbüros, kichernd und über die Keyboards ihrer Computer fliegend, die Putzfrauen am Abend mit enganliegenden Kopftüchern und Blicken aus fremden Welten, die Herren aus der Verwaltung, die sich gerade wieder verlaufen hatten, und die hübschen Südländerinnen in der Kaffeeverpackung, die in der sommerlichen Hitze unter ihren einheitlichen Kitteln sicher nicht mehr als ein Höschen trugen.

Pförtnern und Wachmännern gegenüber, die sein Kommen und Gehen notiert und ihm jedes Mal eine Identifikation ans Revers geheftet hatten, war er leutselig, aber bestimmt aufgetreten. Sie waren über seine Funktion unterrichtet gewesen und hatten schließlich darauf verzichtet, ihn jedes Mal in der Verwaltung anzumelden. Auch den auf ihn eingetragenen Passepartout hatte er nicht mehr nach jedem Besuch abgeben müssen.

Eines Abends hatte er einen ersten Testlauf absolviert. Er hatte in der Camping- und Freizeitabteilung im Möbelbau das Kombischaumbett genommen, eine Schaumstoffmatratze mit angeheftetem Schlafsack in einer Art Tragetasche handlich verpackt und hatte es in seine Kajüte gebracht. Dabei war er durch verschiedene Gebäude gegangen und hatte sogar, über eine Passerelle kommend, durch die Verwaltung hindurch gemußt. Ein später Buchhalter hatte ihm zugenickt, und Holder war fast enttäuscht gewesen, daß es so einfach gelaufen war.

Gegen Ende des Sommers hatte er im Zusammenhang mit einem anderen Mandat für eine Woche nach Fernost gemußt. Er war froh gewesen, von dem Dip-Gedanken wegzukommen und hatte Sonja mitgenommen. Sie hatten ein paar schöne Tage gehabt, abgesehen davon, daß Sonja den latenten Gestank in Hongkong haßte.

Auch was den Dip betraf, hatte ihn die Reise, obwohl sie ganz das Gegenteil von dem war, was er vorhatte, ein gutes Stück weitergebracht. Geschickte Hände hatten ihm ein Doppel des Passepartouts hergestellt und damit schlitzäugig ein Problem gelöst, das ihn immer wieder beschäftigt hatte.

Schon auf dem langen, nächtlichen Rückflug, Während dem Sonja erschöpft und zusammengekauert in ihrem Businessessel schlief, hatte ihn der Dip wieder gefangengenommen. Er hatte vor sich hingedöst, war treppauf und treppab gelaufen, hatte die Turbulenzen, in die das Flugzeug geriet, wie Fahrten in Personen und Warenliften empfunden und war sich, einmal kurz die Augen öffnend, in der kaum beleuchteten Flugzeugkabine schon wie in dem Gang vorgekommen, in dem er jetzt lag.

Für den Abschluß des Mandats war ein Termin im Oktober festgesetzt worden. Holder hatte nach seiner Rückkehr nicht mehr viel Zeit gehabt. Die wichtigsten Unterlagen hatte er für sich kopiert und mit privaten Notizen und Skizzen einen handlichen Guide für das Zentrum daraus gemacht. Er hatte ihn im Büro unter Verschluß aufbewahrt, hatte ihn vollständig auswendig gelernt und später vernichtet.

Auf einem Akquisitionstrip ins benachbarte Ausland hatte er in einem dubiosen Laden zwei gutsitzende Perücken, eine Brille mit leicht getönten Gläsern, einen anklebbaren Schnurrbart und einen gebrauchten Monteuroverall, auf dessen Rücken MBM Tanks + Silos stand, erworben. Er hatte diese Requisiten zusammen mit den anderen Dingen, die ihn jetzt umgaben, nach und nach in die Kajüte geschafft. Dabei hatte er die Tour mit dem zusammengelegten Mottenschrank und den Wolldecken sogar am hellichten Tag gewagt.

Die kniffligste Arbeit hatte er am letzten Abend erledigt. Er hatte eine Steckdose in seiner Kajüte installiert. Dabei kamen ihm sein handwerkliches Geschick und seine Erfahrungen vom Hausbau zugute. So hatte er eine Stromleitung im Archiv angezapft und ein Kabel durch die Dachsparren hindurch direkt in die Kajüte gezogen. Den Sicherheitsvorschriften entsprach diese Anlage kaum, aber er hatte Licht und konnte vom Radio bis zum Toaster jedes Gerät anschließen, das einem das Leben angenehmer machte.

Einem mittelfristigen Entwicklungsplan des Zentrums hatte er entnehmen können, daß im Bereich der Altbauten in den nächsten fünf Jahren keine Veränderungen geplant waren. Wenn seine Kajüte entdeckt wurde, bevor er sie bezog, gab es keine Hinweise auf ihn.

An der Schlußbesprechung, in der seine Untersuchungen kurz, aber wohlwollend diskutiert worden waren, hatten gewohnheitsgemäß sein Chef Birrbusch und überraschend der Direktor des Zentrums, ein Herr Barberg, teilgenommen. Während Birrbusch es fertiggebracht hatte, trotz der Kürze der Sitzung in einen schlafnahen Dämmerzustand zu verfallen, war Barberg schon bald vom Thema abgekommen und hatte in markanten Worten klargemacht, wie sehr das Zentrum von seinem Führungsstil geprägt wurde, wie sicher er es im Griff habe und wie abhängig der ganze Konzern von ihm sei.

Holder hatte sich gelangweilt. Die Selbstdarstellungsneurosen von Herren der mittleren Führungsebenen waren ihm in allen Variationen vertraut. Und wie sehr Barberg das Zentrum im Griff hatte, würde sich zeigen.

Birrbusch war noch einmal hellwach geworden und hatte in seiner Scherenschleifermanier versucht, einen Anschlußauftrag herauszuschinden, egal was, und sei es, Ratten in den Lagern zu fangen. Aber Barberg hatte mit einem nicht unfreundlichen >danke, meine Herren< das Mandat und alle Spekulationen, einschließlich Rattenfangen, beendet.

Holder hatte seinem Kontaktmann, dem Assistenten von Barberg, alle Unterlagen und die Schlüssel zurückgegeben und war durch entsprechende Löschungen in den Kontrollblättern entlastet worden. Er hatte beschlossen bis zum Beginn des Dip ein bis zwei Jahre verstreichen zu lassen. >Vielleicht<, hatte er sich insgeheim gesagt, >Verflüchtigt sich die Idee mit dem Abschluß des Mandats. <Aber das Gegenteil war der Fall gewesen. Der Moloch hatte ihn nicht mehr losgelassen.

Kurz vor Weihnachten hatte er ihm einen ersten heimlichen Besuch abgestattet, an einem Abend, an dem Sonja mit den Kindern zu einem Schülerkonzert gegangen war. Er hatte den gleichen Weg gewählt wie heute, über die Mauer der Schlosserei, durch die Ladestation, von der Wareneingangshalle mit dem Idiotenlift in die Gewürzabteilung und von dort in seine Kajüte. Es war ein sehr dunkler, trockener Abend gewesen. Er war mit dem Auto bis in die Nähe der Schlosserei gefahren, und er hatte normale Kleidung, einen Trenchcoat und sogar eine Krawatte getragen. Das war sein Glück gewesen, denn als er auf dem Rückweg im Wareneingang die Lifttür geöffnet hatte, war es dort hell gewesen. Nur Wenige Meter entfernt hatte der Leiter des Wareneingangs eine Lieferung ausländischer Konserven kontrolliert.

Geistesgegenwärtig war Holder auf ihn zugegangen und hatte ihm die Hand gegeben.

»Auch noch nicht fertig?«

»Und Sie? Suchen Sie noch immer versteckte Quadratmeter?« hatte der andere gefragt, über die plötzliche Gesellschaft mehr erfreut als erstaunt.

„Ich habe nur etwas überprüft“, hatte Holder erklärt und sich den Staub vom Mantel geklopft.

Sie hatten sich eine Viertelstunde lang über die hohen Fehlerquoten bei den Anlieferungen und über das Weihnachtsgeschäft unterhalten. Holder hatte seine Nervosität geschickt überspielt. Er war erst ruhiger geworden, als er merkte, daß der andere keinen Argwohn hegte und vom Ende des Mandats im Oktober nichts zu wissen schien.

Sie hatten einander ein frohes Fest gewünscht, und Holder war in einer plausiblen Richtung verschwunden. Die Begegnung hatte ihm klargemacht, wie sorgfältig er von nun an seine Bewegungen im Zentrum ausführen mußte und wie naiv es war zu glauben, er könne hier wie unter einer Tarnkappe herumlaufen. Auch hatte er beschlossen, den Moloch wirklich ein Jahr lang nicht mehr aufzusuchen. Das hatte er eingehalten, aber aus dem Kopf gegangen war ihm der Dip in diesem Jahr nicht.