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eine spannende Liebesgeschichte. Obwohl der Staat vorschreibt, dass jeder mit 60 die Welt verlassen muss, taucht plötzlich der 100jährige A. auf. Eine Sensation, da es keine so alten Menschen mehr gibt.
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Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Peter Axel Knipp
Das ungesetzlich lange Leben des A.
Wie niemand älter als 60 werden durfte
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Impressum neobooks
Geschrieben 1994 - 1999
Das angeblich schaurigste aller Übel,
der Tod, hat für uns keine Bedeutung;
denn solange wir noch da sind, ist der
Tod nicht da; stellt sich aber der Tod
ein, so sind wir nicht mehr da.
Er hat also weder für die Lebenden
Bedeutung noch für die Abgeschiedenen,
denn auf jene bezieht er sich nicht,
diese aber sind nicht mehr da.
Epikur
1
Er hörte den Lärm der Strasse, das Vorbeirauschen überholender Autos, den dumpfen Motorenklang der Lastwagen, das Aufheulen von Motorrädern. Er spürte, wenn Nick bremste, beschleunigte oder hielt. Hin und wieder schaute Irene durch ein kleines Schiebefenster in den hell erleuchteten Frachtraum und fragte, ob alles o.k. sei. Er streckte den Daumen in die Höhe. Es war alles o.k.
Zweimal tankten sie Strom, und Nick und Irene wechselten sich beim Fahren ab.
Die Monotonie der wiederkehrenden Geräusche und die Hitze im Wagen betäubten den Greis. Er fiel in einen Halbschlaf, in dem es ihm so vorkam, als reiste er wie vor langer Zeit im Transrapid in diese oder jene Richtung. Irgendwann musste der furchtbare Aufprall kommen, die Explosion, die ihn und alle anderen ums Leben brachte. Oder war sie längst erfolgt? Hatte er damals nicht doch in jenem Unglückszug gesessen und alles, was seitdem passiert war, nur geträumt? Aber wie sollte er von Menschen träumen, die es damals noch gar nicht gegeben hatte? Wie konnten ihm Gesichter vertraut sein, die er nie gesehen hatte? Es war unmöglich, Ordnung in das Geschehen zu bringen. Er war auf dem Weg zu Irina. Das wusste er. Das beruhigte ihn.
Der Wagen hielt. Nick öffnete die hintere Tür. „Schläfst du, Gran’pa?“
„Ich weiss nicht. Was ist los?“
„Wir sind bald da“, sagte Nick. „Du musst das letzte Stück im Schaukelstuhl sitzen. Beim Ausladen muss alles sehr schnell gehen.“
„Deshalb wollen wir uns jetzt schon von dir verabschieden“, sagte Irene.
Sie halfen dem langsam zu sich kommenden Niclas aus der Koje in den Stuhl.
„Wo sind wir?“ fragte er.
„Kurz vor der Stadt. Hinter einer Scheune. Ein sicherer Platz.“
Sie breiteten eine Wolldecke über seine Knie und rückten die Tasche zurecht.
Niclas nahm seine Armbanduhr ab, eine ältere Breitling Navitimer, die er seit vielen Jahren trug. Er gab sie Nick. „Ich brauche keine Uhr mehr.“
Der junge Mann umarmte ihn. „Du machst mir eine grosse Freude damit, Gran’pa. Es ist nicht gerade menschenwürdig, wie wir dich hier behandeln müssen. Wir würden dir lieber auf andere Art und Weise Lebewohl sagen.“
„Ich weiss. Ihr habt das System nicht gemacht.“
Er zog Irene an sich.
„Pass auf dich auf, mein Mädchen. Und jetzt wollen wir die Sache hinter uns bringen.“
Für das letzte Stück der Fahrt überklebten die Zwillinge die Firmenaufschrift des Wagens mit neutraler Folie. Sie fuhren langsam, um ihren Passagier im Schaukelstuhl nicht ins Schleudern zu bringen. Eine halbe Stunde vielleicht, dann hielten sie wieder. Öffneten die Hecktür, hoben den Stuhl mit ihrem Urgrossvater heraus, stellten die Tasche neben ihn, legten den Briefbogen auf die Wolldecke, sagten ein letztes Adieu, schlossen die Tür und fuhren schnell davon.
Er sass unter einer hellen Strassenlampe unweit eines grossen Gebäudes. Das musste es sein. Nirgendwo war ein Mensch zu sehen. Nicht einmal ein Auto kam vorbei. Der Himmel war noch tiefdunkel, aber die Sterne waren wegen der Strassenbeleuchtung schlecht zu erkennen. Hatte er nicht einmal zu Ender gesagt, sie sollten sich wegen des Termintod-Systems Rat bei den Eskimos holen, die Erfahrung darin hatten, ihre Alten auszusetzen. Jetzt fühlte er sich selbst so, als triebe er auf einer Eisscholle durch ein Niemandsland. Nur die Temperatur war angenehm. Eine warme Sommernacht. Den Sonnenaufgang würde er sicher noch erleben. Über dieser Stadt, mit der ihn so vieles verband. In welchem Stadtteil befand er sich überhaupt? War es wichtig, das zu wissen. Bestimmt nicht.
Der Greis wird gegen Morgen von einer Polizeistreife entdeckt. Er sitzt unter einer hellen Strassenlampe, nur wenige Meter ausserhalb des elektronischen Überwachungsbereichs, in einem Schaukelstuhl, wie sie gerade wieder in Mode gekommen sind, bewegt sich leicht hin und her und lächelt den Beamten freundlich zu.
Sie fragen ihn nach seinem Namen, und woher er kommt, erhalten jedoch keine Antwort. Die Kleidung des Alten, soweit sichtbar, ist adrett, stammt aber aus einer modisch weit zurückliegenden Epoche. Neben ihm steht eine museale Reisetasche. Über die Beine des Greises ist eine Wolldecke gebreitet, auf der ein zusammengefalteter Briefbogen liegt. Einer der Beamten nimmt ihn an sich und öffnet ihn. In unpersönlicher Computerschrift heisst es darin: Dieser Mann ist unser Urgrossvater. Er ist einhundert Jahre alt. Bis auf ein paar unbedeutende Altersbeschwerden (Einzelheiten siehe Seitentasche) ist sein körperlicher Zustand bemerkenswert gut. Sein Wahrnehmungsvermögen ist intakt. Er wird aber mit niemandem sprechen. Es war sein ausdrücklicher Wunsch, vor dieser Termintod-Behörde ausgesetzt und darin gelöscht zu werden. Wir hoffen, das geschieht in einem würdigen Rahmen. Im Geist sind wir bei ihm, wenn er sein ungebührlich langes Leben beendet. Wir lieben ihn sehr und sind stolz auf ihn! Nennen Sie ihn Adam.
Der Beamte muss das ein paar Mal laut lesen, um den Sinn der einfachen Worte zu begreifen. Beide Polizisten haben noch nie einen leibhaftigen Menschen gesehen, der viel älter als sechzig ist, geschweige denn einen, der aus dem vorigen Jahrhundert, ja aus dem vorigen Jahrtausend stammt.
Der Alte wippt in seinem Schaukelstuhl hin und her und lächelt wissend. Einer der Polizisten bleibt bei ihm, der mit dem Brief läuft zum nahen Haupttor, das streng bewacht wird, und verlangt, den Leiter des Nachtdienstes sprechen. Es dauert ein paar Minuten, bis ein Arzt kommt. Der Polizist zeigt ihm das Schreiben und erklärt den Sachverhalt.
„Ein Hundertjähriger!?“
Die Stimme des Arztes schwankt zwischen Triumph und Skepsis.
„Auf jeden Fall muss der Mann sofort von der Strasse weg. Bevor es hell wird und die ersten Passanten kommen. Sie und Ihren Kollegen muss ich bitten, sich zur Verfügung zu halten, bis unsere Führungsspitze eingetroffen ist. Absolutes Schweigen über Ihre Entdeckung setzen wir voraus.“
Der Polizist, der sich der Ungeheuerlichkeit des Falles bewusst ist, salutiert und geht an den Fundort zurück.
Der Arzt ruft seinen Vorgesetzten, Professor Sense, den medizinischen Leiter der Termintod – Behörde, und Dr.Cristof Hool, den geschäftsführenden Direktor der Verwaltung an.
Für Dr.Hool kam dieser Anruf im denkbar unpassendsten Augenblick. Er hatte in dieser Nacht seit Wochen wieder einmal Sex mit Martine DeJolliet. Den besten ihres Lebens, wie sie sich wiederholt zustöhnten. Noch nie während ihrer langen Partnerschaft waren sie in eine derartige Ekstase geraten. Stundenlang schienen sie ihrem normalen Bewusstsein entzogen zu sein.
Auslöser dafür war nicht eine überraschend entdeckte Leidenschaft, sondern eine der beiden Ampullen, die Cristof Hool von einem Sterbekongress in Tokio mitgebracht hatte. Ein japanischer Kollege hatte sie ihm dort mit der Bemerkung zugesteckt, die Japaner wirkten zwar nicht gerade sexy, verfügten aber seit Jahr – hunderten über stimulierende Mittel und Techniken, von denen die sexualisierte westliche Gesellschaft nicht einmal träumte.
Hool hatte die neckisch verpackten Ampullen artig entgegengenommen und dann vergessen. Seine Beziehung zu Martine DeJolliet steckte einmal mehr in einer Krise jenseits aller japanischen Sexpraktiken.
An dem Abend jedoch, als der Lieferwagen aus dem Norden mit seiner mysteriösen Fracht auf die Stadt zusteuerte, hatten Dr.Hool und Frau DeJolliet in einer versöhnlichen Phase in Becks Gourmet Forum diniert. Hool trug den selben Anzug wie auf dem Kongress in Tokio. Es sollte wohl so sein, dass er in einer der kleinen Innentaschen des Jacketts die beiden Ampullen wiederfand. Schaden kann es kaum, dachte er und verteilte den Inhalt einer Ampulle im restlichen Wein, während Martine ihn kurz allein liess.
Er hatte die Japaner unterschätzt. Die Wirkung trat plötzlich ein und überwältigte sie. Im Fond von Hools Geschäftswagen, der ihm als Leiter einer Termintod-Behörde zustand. Samt einem Bodyguard-Chauffeur. Der wunderte sich, was da auf einmal hinter ihm vorging. Ausgerechnet dieses wohlerzogene, überaus korrekte Paar, das er schon so oft chauffiert hatte, und das beharrlich glaubte, die Behörde wisse nichts von ihrer Beziehung.
Das Fahrleitsystem war nach Mitternacht aus – geschaltet, und er beschleunigte.
Hool residierte in einem noblen Viertel. Der Chauffeur brachte den Wagen unmittelbar vor dem Lift in der Tiefgarage zum Stehen. Verzichtete diskret darauf, wie üblich den Schlag zu öffnen. Bemerkte nur, dass Hool beim Aussteigen oben herum kaum noch bekleidet war und fast die Hose verlor. Madame DeJolliet entschwand ohne Kostümjacke, mit offener Bluse und hochgeschobenem Rock. Sie verlor einen Schuh.
Der Sicherheitsbeamte im Foyer sah das enthemmte Paar zu spät auf dem Bildschirm der Liftüberwachung.
Als der Chauffeur mit den eingesammelten Kleidungsstücken kam, spulten sie die Sequenz noch einmal zurück. Aus Gründen der Sicherheit, wie sie betonten. Da war das Paar längst ein paar Sequenzen weiter. Unüberwacht.
Selbst in den Augenblicken wildester Lust und orgastischer Benommenheit, als Martine DeJolliet wimmerte, das könne doch nicht mit rechten Dingen zugehen, verschwieg Cristof Hool die japanische Ampulle. Dies aus einer erigierenden Hoffnung heraus, die er im Normal-zustand notabene aufgegeben hatte.
Gegen Morgen, als Martine DeJolliet zu einem weiteren Ritt ansetzte, begann die kleine, rote Lampe an der Decke von Hools Schlafzimmer zu flackern und ein dezentes Pfeifen überlagerte die Geräusche der Lust. Gleichzeitig klingelte das Telefon.
„Geh nicht ran“, beschwor sie ihn, „nein, nein, nein!“
„Du weißt am besten, dass ich rangehen muss“, sagte er und warf sie so behutsam wie möglich ab.
„Ich muss sofort los!“ ruft er aus sicherer Entfernung. „Vor der Verwaltung ist ein Hundertjähriger aufgetaucht.“
„Hundert? Wieso hundert? Das gibt’s doch gar nicht mehr“, schnurrt sie aus den Kissen heraus.
„Ausgerechnet bei uns“, flucht er.
„Vergiss nicht zu duschen“, mahnt sie. „Deinen Beischlafduft wird der Hundertjährige auf keinen Fall überleben.“
Vor der Behörde ist inzwischen ein Hubwagen mit einer breiten Plattform vorgefahren. Als der Fahrer und die beiden Polizisten den Schaukelstuhl mit dem Greis darin auf die Plattform heben wollen, winkt der Hundert – jährige ab. Er erhebt sich, faltet die Wolldecke ordentlich zusammen und gibt durch Zeichen zu verstehen, man könne den Stuhl und die Tasche aufladen. Er selbst geht hinter dem Wagen her, ein wenig staksig, doch so sicher, dass ihn niemand stützen muss. Einmal bleibt er stehen und zeigt auf eine Lücke zwischen den Häusern, durch die man ein grandioses Morgenrot sehen kann. Dabei summt er etwas vor sich hin. Die einzigen Töne, die er bis jetzt von sich gegeben hat.
Drinnen wird die kleine Prozession von dem diensthabenden Arzt empfangen, der nicht so recht weiss, was er mit dem Hundertjährigen anfangen soll. Richtlinien für solche Fälle sind ihm nicht bekannt. Er hält es für das Beste, den Fund und seine Finder in das Vorzimmer von Dr. Sense zu bringen. Dort setzt der Greis sich wieder in den Schaukelstuhl und beginnt zu wippen. Die Polizisten haben ihre Mützen abgenommen und die Uniformjacken geöffnet. Es ist schwül, und der Fund, den sie da gemacht haben, bringt sie zusätzlich ins Schwitzen.
Professor Sense, der von einem auswärtigen Golfturnier kommt, und der frisch geduschte Dr. Hool treffen gleichzeitig ein. Sie fahren mit dem Lift in den obersten Stock hinauf, in den aufwendig gesicherten Bereich der Geschäftsleitung. In Senses Vorzimmer treffen sie auf die konsterniert herumstehende Gruppe, zu der sich inzwischen ein zufällig im Haus anwesender Spezialist der Altersfahndung gesellt hat. Die Herren tauschen kurze Morgengrüsse aus. Das Objekt ihres frühen Zusammentreffens, der Hundertjährige, hat aufgehört zu schaukeln und schaut träumerisch durch die Glasfassade auf das Morgenrot, das über der Stadt zu zerfliessen beginnt.
Der Brief wird herumgereicht. Dr.Hool dreht ihn ein paar Mal hin und her und hält ihn gegen das Licht.
„Glauben Sie wirklich, dass der Mann hundert ist?“ fragt einer der Polizisten, dem diese magische Zahl wichtiger als alles andere zu sein scheint.
„Wir werden sehen“, sagt Professor Sense.
„Er beantwortet keine unserer Fragen“, meldet der nachtdiensthabende Arzt.
„Vielleicht ist er stumm“, gibt der andere Polizist zu bedenken.
„Im Brief steht, er wird mit niemandem sprechen. Das deute ich so, dass er sprechen kann, aber es nicht tun wird“, erläutert Dr.Hool.
„Ich glaube, wir können die Beamten gehen lassen“, sagt Dr. Sense.
Er bedankt sich für ihre Umsicht und schärft ihnen noch einmal ein, zunächst mit niemandem über den Fall zu sprechen.
„Aber wir müssen ein Protokoll anfertigen“, sagt einer der Polizisten.
„Wir werden das mit Ihren Vorgesetzten regeln“, verspricht Dr.Hool und lässt sich die Namen der Beamten geben.
Als sie den Raum verlassen, hebt der Hundert-jährige jovial die Hand zum Abschied.
Die Sachverständigen sind mit dem Greis unter sich.
Dr.Sense betrachtet ihn mit unverhohlenem medizinischen Interesse, so als läge Adam schon auf dem Seziertisch. Dr.Hool ist mehr an der Identität des Findlings interessiert. Zusammen mit dem Altersfahnder breitet er den Inhalt der Reisetasche auf einem Konferenztisch aus. Es sind nur wenige Habseligkeiten. Jemand der zum Sterben kommt, bringt nicht viel mit. Auffallend ist allein ein Mini-Discman mit einer CD darin, wie man sie vor achtzig, neunzig Jahren hatte. Heute schiebt man sich fast unsichtbare Knöpfe in die Ohren, auf denen der Inhalt tausender CD’s gespeichert ist.
Der Altersfahnder nimmt sich des vorsintflutlichen Gerätes an, um es auf etwaige Identitätsbeweise analysieren zu lassen. Natürlich hat der Greis keine persönlichen Dokumente bei sich, kein Geld, kein Foto, keine Etiketten in der Kleidung.
Auf dem erwähnten Papier in der Seitentasche werden ein paar liebevolle Anmerkungen gemacht zu dem, was Adam gerne isst, trinkt und tut. Auch werden ein paar Hinweise auf historische Altersbeschwerden gegeben wie leichte Arthrose, Hypothermie, gelegentliche Verstopfung und ein paar unbedeutende Verschleisserscheinungen. Die Bemerkungen sind laienhaft, doch es verwundert, dass sie überhaupt gemacht werden. Wen könnten Gewohnheiten und Gebrechen eines Todeskandidaten noch interessieren?
Professor Sense, der im Gegensatz zu seinem schnittigen Namen, über ein hohes Mass von Einfühlung, ja, fast Zartgefühl verfügt, versucht noch einmal, dem Greis ein Wort, einen Laut, ein Nicken oder Kopfschütteln auf seine Frage zu entlocken. Vergeblich. Adam, wie ihn nun schon alle nennen, lächelt nur. Er lächelt keineswegs wie ein Tattergreis oder wie ein Geistesgestörter, sondern verständnisvoll verschmitzt als wolle er andeuten, wie gut er ihr Dilemma versteht.
Der Professor und Dr.Hool ziehen sich schliesslich zu einem Gespräch unter vier Augen in Senses Arbeitszimmer zurück. Den Greis lassen sie in der Obhut des diensthabenden Arztes.
Der Altersfahnder hat den Discman aufgesetzt und hört sich die CD an.
Es ist fünf Uhr morgens, ein Sonntag. Die Stadt beginnt zu erwachen.
Die beiden Chefbeamten der Termintod-Behörde, kurz TT-Behörde, sitzen sich an Senses Schreibtisch gegenüber. Der aufziehende Tag füllt den Raum mit einem mystischen Licht, als habe die Ratlosigkeit der Herren Farbe bekommen.
„Dieser Adam stammt mit Sicherheit nicht aus unserem Exitkreis“, sagt Dr.Hool, als wolle er seine Hände frühzeitig in Unschuld waschen. „Statistiken belegen, dass solche Aussetzungen fast immer weit ab der zuständigen Exitkreise erfolgen.“
Professor Sense pflichtet dem Bei. „Aber wenn sie nicht innerhalb weniger Tage herausfinden, wo der Mann hingehört, muss er bei uns als Namenloser gelöscht werden.“
Löschen bedeutet im Fachjargon der Behörde einschläfern, liquidieren, töten.
„Ein Hundertjähriger ist kein alltäglicher Fund, Hool. Der Mann hat seine Exitfrist um vierzig Jahre überschritten, vier Jahrzehnte! Haben sie seine Zähne gesehen?“
„Zumindest von den vorderen nehme ich an, es sind seine eigenen, in bestem Zustand“, antwortet Hool.
„Seine ganze Verfassung macht auf den ersten Blick einen gepflegten Eindruck“, sagt Sense. „Was beweist, dass er nicht in einer Höhle gehaust hat. Er muss umsichtige Helfer gehabt haben. Das beunruhigt mich.“
„Mich auch“, stimmt Hool zu. „Er könnte das Symbol einer neuen Protestbewegung sein. Obwohl ich in meinem Exitkreis für die Einhaltung der Löschfristen garantieren kann“, fügt er schnell hinzu.
„Wir haben zwei Möglichkeiten“, sagt Professor Sense nach einigem Nachdenken. „Wir können ihn innerhalb von drei Tagen löschen und die Angelegenheit stillschweigend als erledigt betrachten oder wir müssen das Gremium einberufen.“
Dr.Hool überlegt. „In diesem Fall bin ich für die Einberufung des Gremiums. Wenn Adam zweiundsechzig wäre, meinetwegen auch fünfundsechzig... aber hundert, das ist eine Provokation. Glauben Sie, dass er wirklich so alt ist?“
„Meine gerontologischen Erfahrungen sind nicht gerade ausgeprägt“, erwidert der Professor. „Aber ich vertraue dem Begleitbrief. Adam ist vielleicht sogar etwas über hundert. Um der Altersfahndung ein zusätzliches Schnippchen zu schlagen.“
Dr.Hool hört den Begriff Schnippchen schlagen in diesem Zusammenhang ungern. Er gilt als einer der konsequentesten Leiter aller TT-Behörden und ist IMSO, ein internationales Mitglied der System-Organisation. In seinem Exitbereich werden die wenigsten Unregelmässigkeiten registriert.
„Also überlasse ich es Ihnen, das Gremium einzuberufen und werde mich um Adam kümmern“, sagt Professor Sense. Sein Studienobjekt wird ihm unter diesen Umständen eine Zeitlang erhalten bleiben. Die beiden Herren besprechen noch ein paar Einzelheiten und rufen dann den Altersfahnder herein, um zu erfahren, ob es auf der CD irgendwelche brauchbaren Hinweise gibt.
„Viel Musik, uralte Lieder“, erklärt der Mann „und dazwischen immer wieder Stimmen in verschiedenen Sprachen, die offensichtlich von Adam Abschied nehmen. Männliche und weibliche. Einige sind gefasst und bewundernd, andere fast tränenerstickt. Namen, Orte und sonstige zweckdienliche Hinweise sind herausgeschnitten. Ich habe noch nicht alles gehört, aber es müssen viele Leute sein, die über das illegale Weiterleben dieses Mannes Bescheid wussten. Dass er nicht Adam heisst, dürfte klar sein.“
„Bestimmte Akzente in den Stimmen der Deutsch sprechenden?“ fragt Hool.
„Keine Auffälligkeiten“, antwortet der Altersfahnder. „Soll ich den Fall offiziell übernehmen?“
„Nicht vorrangig. Warten wir ab, bis das Gremium getagt hat. Stellen Sie die Sachen des Mannes bis dahin sicher.
Ich werde ihn nach einer vorgängigen Untersuchung im Sondertrakt unterbringen“, entscheidet Professor Sense.
Die Herren begeben sich wieder ins Vorzimmer. Adam sitzt regungslos in seinem Schaukelstuhl und bewundert durch die breite Fensterfront den neuen Tag. Im Begleitschreiben heisst es zu dem, was er gerne tut: Er kann stundenlang zuschauen, wie es hell oder dunkel wird. Wie sich die Farbe des Himmels verändert, die Formen der Wolken, die Nuancen des Lichts.
Professor Sense beugt sich zu ihm hinunter und fragt ihn, ob er sich zuerst ein wenig ausruhen wolle oder fit genug für eine kurze medizinische Untersuchung sei. Er hofft inständig, dem Greis möge eine Antwort entschlüpfen. Doch Adam erhebt sich wortlos, faltet die Wolldecke, die er wieder über seine Knie gebreitet hat, zusammen, nimmt einen Trainingsanzug aus seiner wieder gepackten Tasche und geht auf die Tür zu. Professor Sense deutet das als Zustimmung zur Untersuchung. Er und der diensthabende Arzt begleiten ihren ungewöhnlichen Patienten in die nahen Praxisräume. Dort legt Adam unaufgefordert seine Kleidung ab. Er trägt einen teuren Anzug mit Weste, der seit gut vierzig Jahren aus der Mode aber gerade wieder im Kommen ist. Seinen Schuhen sieht man an, wie selten er in ihnen gelaufen ist. Seine Unterwäsche ist makellos sauber. Er riecht nicht wie ein alter Mann nach Schweiss und nahender Putrezens, sondern nach einer jener neuen Bodylotions mit Langzeitduft, mit der er sich von Kopf bis Fuss eingerieben haben muss. Sein Körper aber, und darüber kann nichts hinwegtäuschen, ist der eines uralten Menschen, ein verwelkender, verdorrter Leib, der dem Leben nur noch einen tristen Unterschlupf gewährt. Für Professor Sense und eine Nachtschwester, die ihm zur Hand geht, eine aussergewöhnliche, bedrückende Erfahrung.
Sense hat während seines Studiums einmal einen achtzigjährigen Chinesen untersuchen dürfen, aber hundertjährige menschliche Gebilde wie Adam sind ihm fremd wie lebendige Dinosaurier. Der Professor beschränkt sich auf eine kurze Kontrolle seines extraordinären Patienten. Blutdruck, Auskulation, ein paar Reflexe, eine erste Blutentnahme. Umfangreichere Check-ups wird er in den nächsten Tagen durchführen, je nach Entscheid des Gremiums vor einem grösseren Auditorium. Adams Zustand gibt keinen unmittelbaren Anlass zur Besorgnis. Im Gegenteil.
„Sie scheinen wirklich in guter Verfassung zu sein“, sagt Professor Sense. „Warum sprechen sie nicht mit uns?“
Der Greis legt seinen Finger auf die Lippen und verhüllt seinen hageren Körper ohne Hilfe mit dem Trainingsanzug. Er sieht darin aus, als warte er auf den Start zu einem Senioren – Marathon.
Professor Sense reicht ihm die Hand, die Adam höflich unter Andeutung einer leichten Verbeugung ergreift. Offensichtlich ermüdet von der Untersuchung und der Prozedur des Aus- und Anziehens lässt er sich nun doch in einen Rollstuhl setzen und von der Schwester in den nahen Sondertrakt fahren. Im Sondertrakt, der direkt der verwaltungstechnischen und medizinischen Leitung der TT-Behörde untersteht, werden ungeklärte Fälle einquartiert. Selten mehr als ein halbes Dutzend gleichzeitig. Die Räumlichkeiten sind wie Junior-Suiten in guten Hotels eingerichtet, behaglich und funktionell.
Adam erhebt sich aus dem Rollstuhl und gibt der Schwester durch eine wippende Bewegung zu verstehen, dass er seinen Schaukelstuhl wiederhaben möchte. Sie muss ein paar Telefonate führen, denn der Stuhl ist zur Untersuchung seiner Herkunft bereits in der Alterfahndung gelandet. Dr.Hool persönlich ordnet schliesslich an, dem Hundertjährigen den Stuhl sofort zurückzugeben.
Sobald das urtümliche Möbel im Schlafzimmer vor der Fensterfront steht, lässt Adam sich zu Bett bringen. Als die Schwester die Vorhänge zuziehen will, winkt er ab. Er möchte vom Bett aus sehen, wie der Tag heller und heller wird und dann im vollen Licht ein wenig nachdenken. Die Schwester fragt ihn, ob er etwas zu essen oder trinken haben möchte. Doch er beachtet sie nicht mehr. Sein Blick folgt einem Flugzeug am Himmel, das manchmal in der Sonne glitzert. Die Schwester überprüft die Kameras, mit denen sich in der Überwachungszentrale jede Bewegung der fraglichen Exitisten in ihren Räumlichkeiten registrieren lassen.
Exitist ist jemand, der kurz vor seiner Löschung, das heisst vor seinem Exitus steht. Bei einem fraglichen Exitisten ist der Termin dafür noch nicht geklärt.
Adam hat sich mit diesem Vokabular nie anfreunden können. Er lebt, oder er ist tot. Es gibt für ihn keine Stufe dazwischen und folglich auch keinen Namen dafür. Das Flugzeug verschwindet, und er schliesst die Augen.
2
Er liebt dieses Dahindämmern im Licht. In der verschleierten Helligkeit, die durch die Lider drängt, sieht der die deutlichsten Bilder, erinnert sich am genausten an fernes Geschehen.
Manchmal gelingt es ihm sogar, verloren geglaubte Zusammenhänge wiederzufinden. Völlige Dunkelheit verwirrt ihn. Zerreist alles Gewesene in diffuse Bruchstücke. Er muss Licht um sich haben. Am liebsten die mittägliche Helle eines sonnigen Sommertags. Er fragt sich zuweilen, ob der Tod das endgültige Dunkel bedeutet oder Übergang in jenes fantastische Leuchten, von dem zurückgekehrte Totgesagte
berichten. Bald wir er es wissen. Lange dauern kann es nicht mehr. Selbst wenn sie ihn noch eine Zeitlang leben lassen.
Nick und Irene sind jetzt schon weit weg. Auf dem Rückweg in den Norden. Sie hatten hinten im Lieferwagen extra eine helle Lampe für ihn installiert und es ihm in einer Art Koje so bequem wie möglich gemacht. Trotzdem war die weite Fahrt anstrengend gewesen. Nicht körperlich, sondern weil er Angst um die Zwillinge gehabt hatte. Sie hätten in einen Unfall verwickelt werden oder in eine Kontrolle geraten können. Einen Hundertjährigen quer durchs Land zu transportieren ist weit aus gefährlicher als eine Horde von Schwerverbrechern zu begünstigen. Es stehen hohe Strafen darauf. Und neben den Zwillingen wären noch ein paar andere in die Sache verwickelt worden, vor allem Andrea. Und mit ihr das ganze Unternehmen. Er hofft, dass die Altersfahnder nichts herausfinden. Wer er ist. Wer in hierher gebracht hat. Wer ihm geholfen hat, über vierzig Jahre lang illegal zu leben. Gerade das ist seine Chance. Sie werden nicht nach jemandem suchen, der seit über vierzig Jahren offiziell tot ist. Wenn sie überhaupt suchen. Vielleicht löschen sie ihn schon, bevor das Morgenrot verglüht ist. Bevor aus seinem Auftauchen eine Sensation wird. Anderseits scheint dieser Professor ein Interesse an ihm zu haben. Das steht ihm ins Gesicht geschrieben. Wer hat in diesen Breiten heute noch die Gelegenheit, sich wissenschaftlich mit einem Hundertjährigen zu beschäftigen? Experimente mit ihm zu machen? Ihn zu studieren? Andrea und die Zwillinge hatten ihn gewarnt, dass er damit rechnen müsse.
Ist er überhaupt hundert? Mit der Zuordnung präziser Jahreszahlen zu bestimmten Ereignissen hat er zuweilen Mühe. Das ist eindeutig eine Folge des Alters, der Isolation und des zunehmenden Desinteresses an einer Zeitrechnung, die ihn überholt hat.
Doch, er ist hundert. Er ist 1981 geboren worden, an einem sehr heissen Julisonntag, wie seine Mutter immer erzählt hat. Und jetzt schreibt man 2084. Auf einem elektronischen Kalender im Sprechzimmer des Professors hat er diese Zahl genau gesehen. Er ist also über hundert. Er setzt die Tradition der alten Männer in der Beck’schen Familie fort. Sein Grossvater hat fast das ganze vorige Jahrhundert, das so genannte Zwanzigste, durchlebt und sein Vater ist auch über achtzig geworden.
So etwas gibt es nun nicht mehr. Die Lebenszeit ist beschränkt worden. Fast alle, die nach ihm kamen, hat er überlebt. Nur Nick und Irene, seine Urenkel, nicht, und Andrea, die das Unternehmen führt. Er hat denen, die gegangen sind, gehen mussten, nicht einmal ein letztes Geleit geben können, weil es ihn offiziell nicht mehr gab, nicht geben durfte.
Wie oft hat er sich gefragt, ob das, was er da gemacht hatte, sinnvoll war. Die Antwort hatte er nie gefunden. Andere haben versucht, sie ihm zu geben. Doch die wirklich wichtigen Fragen zum Leben können nie von anderen beantwortet werden. Der einzig faktische Einfluss, den andere auf ein Leben nehmen können, ist der, dass sie es beenden, löschen, um den gebräuchlichen Terminus technicus zu verwenden. Das wird auch ihm nun widerfahren. Durch Leute, die nichts von ihm wissen, die nicht einmal seinen Namen kennen. Für die sein hohes Alter unglaublich faszinierend und furchterregend zugleich ist. Die er mit seinem Auftauchen in arge Verlegenheit gebracht hat.
Seine Armbanduhr, eine alte Breitling Navitimer, hat er Nick beim Abschied geschenkt. Der Junge hatte schon immer ein Auge darauf geworfen. Er selbst, den Irene sinnigerweise Adam getauft hat, braucht keine Uhr mehr. Zeit spielt für ihn keine Rolle mehr.
Er muss geschlafen haben, denn als er aufwacht, hat die Sonne ihren Zenit erreicht. Das spürt er. Nick und Irene müssen um diese Stunde zu Hause sein. Die Zwillinge sind trotz ihrer Jugend sehr umsichtig. Er kann sich nicht denken, dass sie einen Fehler gemacht haben. Lieferwagen der Firma Beck sind im ganzen Land bekannt und sind aufgrund der Verkehrsentflechtung, oder wie sie das genannt haben, vor allem nachts unterwegs.
Irene, die sich trotz ihres Studiums in den letzten Jahren meisten um ihn gekümmert hat, wird das Penthaus nun für sich allein haben. Aus seinem Zimmer wird sie ein Hobby-Labor machen. Seine persönlichen Sachen haben sie entsorgt. Viel war es ohnehin nicht mehr. Seit seinem offiziellen Tod vor über vierzig Jahren ist kaum noch etwas für ihn angeschafft worden. Gelegentlich etwas Unterwäsche, eine neue Zahnbürste, ein paar Flanellhemden, wie er sie gerne trägt. Dinge, die in jeden Abfallsack passten.
Und unzählige Bücher natürlich. Aber die lassen sich ihm nicht zuordnen. Zum Lesen hat ihm bis jetzt eine einfache Lupenbrille genügt, wie man sie an jeder Ecke kaufen kann. Obwohl sie nicht geglaubt haben, dass er noch einmal etwas lesen müsse, hat Andrea ihm die Brille eingepackt. Sie ist bei den Sachen in seiner Tasche. Er muss die Sachen, die sie einfach auf dem Tisch ausgebreitet haben, wiederhaben. Vor allem die Brille, den Discman mit den Liedern und Stimmen und sein Necessaire.
Er verspürt Hunger. Um diese Zeit hat er gewöhnlich sein Mittagessen bekommen.
Eine leichte Gemüsesuppe, einen Risotto oder Fisch mit jungen Butterkartoffeln
„Solange sie dich leben lassen“, hat Nick gesagt, „werden sie dir auch was zu essen geben. Sie sind in diesen Dingen sehr korrekt.“
Also, er lebt noch und er hat Hunger. Am besten kümmert er sich selbst darum.
Das Aufstehen bereitet ihm kaum Schwierigkeiten, zumal die Betten niedrig sind. Es geht nur etwas langsam. Die leichten Schuhe, die er angehabt hat, sind auch nicht mehr da. Er trägt den Trainingsanzug und Strümpfe.
Kaum hat er ein paar Schritte gemacht, klopft es. Eine Dame tritt ein. Keine Schwester oder irgendeine Bedienstete, sondern eine Dame. Er weiss, wie Damen aussehen und wie sie auftreten. Sie haben in seinen Geschäften gekauft und er hat in ihren Häusern verkehrt. Ausserdem erinnert sie ihn an seine Mutter, die auch eine Dame gewesen war. Die Gesellschaft mag sich ändern, aber Damen bleiben Damen.
Es ist ihm peinlich, dass er ungekämmt und auf Strümpfen herumläuft. Sie erinnert ihn auch ein wenig an Andrea, vom Alter her. In Frauen müssen ganz bestimmte Merkmale zusammenkommen, um sie über ihre Artgenossinnen hinauszuheben.
„Mein Name ist Martine DeJolliet. Ich bin gewissermassen die gute Fee des Hauses“, erklärt sie und kommt mit gewinnendem Lächeln auf ihn zu. Sie macht das sehr geschickt. Beinahe hätte er sich als Niclas Beck vorgestellt. Doch er bringt es fertig zu schweigen und ihre Hand nur kurz zu berühren.
„Was kann ich für Sie tun?“ fragt Frau DeJolliet. Ihre Stimme ist so flattierend, das er gerne antworten möchte. Sie weiss das. Die Liebesspiele der vergangenen Nacht verleihen ihr eine reizvolle Ausstrahlung.
Es ist ihm peinlich wie ein Idiot die Bewegung des Essens vor ihr zu machen. Er geht zu dem kleinen Schreibtisch hinüber, auf dem, wie in jedem guten Hotel, eine Korrespondenzmappe liegt. Ohne seine Brille verschwimmen die weissen Briefbögen zu grenzenlosen Flächen. Stehend schreibt er in Französisch mitten hinein.
1. Ich bitte um etwas Leichtes zu essen.
2. Ich möchte meine Sachen wiederhaben!
Selbst so geschrieben ist seine Schrift akkurat aber eigenwillig.
Frau DeJolliet nimmt den Bogen an sich..
„Ich bin überzeugt, Sie hätten mir das auch mündlich mitteilen können, Monsieur“, sagt sie nachsichtig in Französisch. „Wir werden in nächster Zeit öfter miteinander zu tun haben. Vielleicht finden sie doch ein paar Worte für mich.“
Er lässt weder Zustimmung noch Ablehnung erkennen und begleitet sie höflich zur Tür.
„Ich muss Sie leider einschliessen“, sagt sie. „Wenn Sie etwas benötigen, drücken Sie auf einen der roten Knöpfe.“
Er deutet auf das Blatt Papier in ihrer Hand.
„Ich werde mich darum kümmern“, sagt sie.
Niclas Beck, alias Adam, setzt sich in seinen Schaukelstuhl an der Fensterfront und blickt über die Dächer der Stadt. In der Ferne kann er die Türme der Frauenkirche erkennen. In unmittelbarer Nähe der Kirche haben sie eine grosse Filiale. Die grösste und älteste neben dem Hauptgeschäft. Sein Grossvater hat sie vor über einhundertundfünfzig Jahren gegründet. Unvorstellbar, dass es sie noch gibt. In einer Zeit, in der nichts mehr von Bestand ist. Er selbst hat ein Jahr seines Praktikums dort absolviert. Das Jahr, in dem er Marion kennen gelernt hat. Das war ein gutes Jahr gewesen. Das beste mit ihr. Aber er hatte diese Stadt nicht deshalb für sein Ende gewählt. Das hatte auch einen anderen Grund. Wenn man so weit zurückblickte, ragten nur wenige Gipfel aus dem Nebel des Lebens heraus.
Was hatte diese Dame damit gemeint, wir werden in nächster Zeit öfter miteinander zu tun haben? Wie lange wollten sie ihn denn noch leben lassen?
„Mit ein paar Tagen musst du schon rechnen“, hatte Irene gesagt. „Du bist wie ein Wesen von einem anderen Planeten für sie. Das werden sie nicht unbesehen verschwinden lassen. Sie werden versuchen herauszufinden, wer du bist. Aber sie werden keine Gewalt anwenden. Wenn wir das befürchten müssten, würden wir dich nicht zu ihnen bringen.“
Auch Andrea hatte dem beigepflichtet. Eigentlich hatte er in dieser Stadt immer Glück gehabt. Und doch war ein grosses Unglück mit ihr verbunden gewesen. Warum war das damals so gekommen? Die Ereignisse verschwimmen wie die Dächer, über die er blickt.
Es klopft wieder, und das Türschloss klickt. Frau DeJolliet persönlich schiebt einen Servierwagen herein. Eine Tätigkeit, die nicht zu ihr passt. Sie bringt eine appetitliche Nudelsuppe und einen Salatteller. Auch seine Tasche hat sie bei sich.
„Ein paar Sachen haben wir noch behalten müssen“, sagt sie. „Aber das, was Sie sicher dringend brauchen, ist drin. Auf jeden Fall Ihre Brille.“
Er kann sehen, wie sie ein Wort des Dankes von ihm erwartet. Doch er legt nur seine welke Hand auf ihre Finger und nickt.
„Der Professor wird sie später zu einer Untersuchung holen lassen“, sagt sie.
Er rümpft die Nase, und Frau DeJolliet muss lachen. Es scheint sich eine Art wortloses Verständnis zwischen ihnen anzubahnen.
Die Nudelsuppe schmeckt, die Salatsauce ist zu wenig pikant.
Vielleicht wird ihn der Professor während der angeblichen Untersuchung löschen. Dann wäre dies seine Henkersmahlzeit. Nicht gerade das, was der grösste Feinkosthändler des Landes verdient hat. Wenn seine eigenen Essgewohnheiten auch immer sehr bescheiden gewesen sind.
Er kramt die Brille aus der Tasche und blättert mit der Fernbedienung in ein paar Zeitungen, die sich auf der grossen Telewand seiten- oder artikelweise abrufen lassen. Er hat das Tagesgeschehen gewohnheitsmässig verfolgt und festgestellt, dass nicht nur die Zeitgeschichte, sondern Geschichte überhaupt etwas unglaublich Zähflüssiges ist, aus dem hier und da, Geysiren gleich Überraschungen hervorsprudeln. Die Konflikte, die es gab, als er noch Schüler war, gibt es noch immer. Auf dem Balkan, im Nahen Osten, im fernen Kaukasien, im abgeschriebenen Afrika, in den Bananenrepubliken. Lohnte es sich, so etwas mit ins Jenseits zu nehmen? In den Ländern mit Lebenszeitbegrenzung ist wenigstens die Wirtschaft einigermassen stabil. Zu einem hohen Preis.
3
Um diese Stunde hat Dr.Hool alle Mitglieder des Gremiums verständigt. Das Ministerium in Berlin und die Behörde in Brüssel sind automatisch einbezogen. Das Gremium kommt regelmässig zu Video-Koferenzen, doch nur periodisch in persona zusammen. Seine Hautaufgabe ist es, über Anträge auf Lebensverlängerung zu entscheiden. Mit Fällen wie unbefugter Lebensalterüberschreitung befasst es sich selten. Gewöhnlich nur dann, wenn diese Fälle verschwörerischen Charakter haben könnten. Ansonsten unterliegen derartige Rechtsbrüche der Gerichtsbarkeit der regionalen, allenfalls der nationalen Behörden. Das Auftauchen eines Hundertjährigen jedoch, der noch dazu demonstrativ vor einer ihrer führenden Instanzen ausgesetzt wird, ist ein Sonderfall.
Die allmächtigen Damen und Herren beschliessen persönlich anzureisen. Es gibt einige Schwierigkeiten mit der Festlegung eines allseits passenden Termins. Schliesslich einigt man sich auf den ersten Samstag des folgenden Monats. Nicht zuletzt deshalb, weil an diesem Tag in der Stadt zwei unterhaltsame Ereignisse stattfinden. Ein Spitzenfussballspiel der Europa-Liga, an dem einige der Herren interessiert sind, und ein Fashion Happening, zu dem die bekanntesten Modeschöpfer einladen. Ein Leckerbissen für die Damen des TT-Gremiums.
Dr. Hool wird den Besuch dieser Spektakel organisieren. Man rät ihm im übrigen, seinen hundertjährigen Adam bis dahin in gute Obhut zu nehmen, allenfalls ein paar unauffällige Recherchen zu betreiben und sich die Medien vom Hals zu halten.
Letzteres, weiss Dr.Hool, wird am schwierigsten sein. Der Kreis derer, die seinen dreimal verfluchten Gast zu Gesicht bekommen haben, ist bereits gross. Er wird diese Leute noch einmal zusammenrufen müssen und ihnen unter Androhung empfindlicher Disziplinarstrafen Schweigepflicht auferlegen. Sollten allerdings die, die Adam ausgesetzt haben, die Medien verständigen, ist er machtlos. Er kann sich dann bestenfalls dumm stellen.
Gegen Mittag lässt er den Leiter der Altersfahndung und den Beamten rufen, der schon am frühen Morgen zugegen war. Die beiden Herren sind nicht untätig gewesen. Sie haben im Rahmen des Erlaubten ihre Fühler ausgestreckt, ohne auf brauchbare Indizien gestossen zu sein. Jedes Wort, jedes Lied, jedes Geräusch von der inzwischen auf modernste Tonträger überspielten CD haben sie auf die Goldwaage gelegt. Es ist immer von Abschied und Erinnerung die Rede, von unfassbaren Begriffen wie Liebe, Leidenschaft und Tod. Es sind männliche und weibliche Stimmen von jüngeren und älteren Menschen. Bemerkenswert ist, dass in verschiedenen Sprachen gesprochen wird. Deutsch überwiegt. Französisch, Russisch und Englisch hört man seltener. Auch ein spanisches Gedicht wird rezitiert. Und ein junger Mann hatte die Frechheit, einen Knittelvers zu zitieren:
Hallo, lieber Grosspapa
Sind wir gelöscht, bist du noch da.
Wir wären nicht verwundert,
Würdest du zweihundert.
Hool ist ausser sich. „Alles geplant, alles von langer Hand geplant!“
Die Alterfahnder haben die fremdsprachlichen Texte bereits übersetzen lassen.
Obwohl nichts von dem, was gesagt wird, nach einer Verschwörung klingt, sondern sehr persönlichen Charakter hat, wittert Dr.Hool ein Komplott. Sein Ehrgeiz, sich zu profilieren, ist bekannt. Er glaubt aus den Texten verschlüsselte Botschaften herauszuhören, unterschiebt den harmlosesten Formulierungen konspirative Absichten. Der Leiter der Alterfahndung dagegen glaubt, dass es sich um einen Einzelfall handelt, bei dem es einer Gruppe von Leuten mit viel Geschick gelungen ist, die Exitfrist ihres Vaters, Grossvaters, Urgrossvaters, Gatten, Liebhaber und Freundes oder was Adam sonst noch war und ist, um unerhörte vierzig Jahre zu verlängern. Das sei zwar ein krimineller Akt, wie sie immer wieder vorkämen, aber als Fahnder könne er dem Greis eine gewisse Achtung nicht absprechen.
„Lassen Sie das bloss niemanden ausser uns hören“, sagt Dr.Hool streng. „Was glauben Sie, wie wir dastehen, wenn plötzlich ein paar weitere Hundertjährige vor unseren Toren auftauchen.“
„Ein kleiner Elektroschock, und wir wüssten, wer er ist“, witzelt der Fahnder, der schon morgens zugegen war.
Dr.Hool überhört das. Gewalt ist in ihrer Behörde verpönt, wenn auch gelegentlich nicht unvermeidbar. Sie löschen Leben dem Gesetz entsprechend, aber sie quälen niemanden. Dem Greis auch nur das Geringste anzutun wäre schlimmer, als ihm Achtung entgegenzubringen.
„Ich werde Frau DeJolliet auf ihn ansetzen“, sagt Dr.Hool. „Sie ist geschickt, spricht mehrere Sprachen und hat schon einige Fälle für uns gelöst.“
Die Fahnder halten das für eine gute Idee. So gerne sie sich den Ruhm der Aufklärung des Falles an ihre Fahnen heften würden, so erleichtert sind sie, nicht unter Druck gesetzt zu werden.
Dr.Hool entlässt sie und bittet Frau DeJolliet zu sich. Als Hausdame muss sie ohnehin eingeweiht werden. Die Betreuung der ungeklärten Fälle im Sondertrakt ist nur eine ihrer Nebenaufgaben. In erster Linie ist sie mit ihrem Stab von Mitarbeitern für den einwandfreien Zustand der Sterbezimmer verantwortlich. Selbst wenn sie in seinem oder ihrem Büro allein sind, siezen sie sich.
Er muss ihr nicht lange erklären, um was es geht.
„Bis zur Sitzung des Gremiums in drei Wochen, sollten wir wissen, wer Adam ist. Möglichst mit allen Hintergrundinformationen. Ich bin überzeugt, dass wir in ein Wespennest stechen.“
Frau DeJolliet weiss, wie sehr Cristof Hool zu Übertreibungen neigt. Sie weiss, wie sehr er darauf wartet, in seinem von formellen Sterben geprägten Tagesgeschäft auf ein aussergewöhnliches Ereignis zu stossen. Ein Ereignis, das ihn der sehnlichst angestrebten Karriere im Ministerium einen Schritt näher bringt. Er wird demnächst vierzig und hat nicht mehr viel Zeit
„Ich werde mich dieses Adams annehmen“, verspricht sie. „Unser Problem ist, dass wir alle keine praktische Erfahrung im Umgang mit alten Menschen haben. Die Diskussion um die Einrichtung von ein paar Altersinstituten zu Studien und Übungszwecken sollte unbedingt wieder aufgenommen werden. Auch die Mediziner würden das begrüssen.“
Frau DeJolliet und Dr.Hool sprechen häufig über dieses Thema. Es verfolgt sie bis in ihre intimsten Augenblicke. Nur in der vergangenen Nacht ist es nicht zur Sprache gekommen. Die japanische Ampulle hatte eine sprachlose Geräuschkulisse erzeugt.
Frau DeJolliet geht in ihr Büro zurück. Dieser Hundertjährige! Dem es irgendwie gelungen ist, die minuziöse Lebensalterüberwachung mit ihren pedantischen Mechanismen vier Jahrzehnte lang zu narren. Vielleicht ist er Russe, wo das System wegen der von selbst immer geringer werdenden Lebenserwartung undiskutabel ist. Aber wieso sollte sich ein Russe in einer deutschen TT-Behörde löschen lassen? Das macht keinen Sinn. Wenn sie diesen Adam zum Sprechen bringen könnte, würde sie ein lebendiges Geschichtsbuch aufschlagen. Er muss die Entstehung des Termintod-Systems von Anfang an miterlebt haben, in all seinen Phasen. Sie studiert die mageren Unterlagen, die sie über ihn bekommen hat, und macht sich ein paar Notizen. Dann geht sie in den Kontrollraum, von dem aus die Sterbezimmer und die Suiten des Sondertrakts visuell überwacht werden können.
In den Sterbezimmern geschieht das Übliche. Die Auslastung ist unterdurchschnittlich. Im Sondertrakt gibt es ausser Adam zur Zeit keinen ungeklärten Fall. Auf dem Bildschirm seines Schlafzimmers sieht sie gerade, wie er aufsteht. Dafür, dass er hundert ist, sind seine Bewegungen erstaunlich normal. Mancher Sechzigjährige kommt wesentlich schlechter aus dem Bett. Er scheint etwas zu suchen. Das gibt ihr Gelegenheit zu einem ersten behutsamen Kontakt. Nicht umsonst ist sie Hausdame in dieser Behörde. Mit ihrem diskreten, kultivierten Auftreten gewinnt sie stets Vertrauen und Achtung. Auch der Greis, den sie nach kurzem Klopfen überrascht, betrachtet sie nicht wie eine der alltäglichen Betreuerinnen. Er scheint sogar ein wenig Haltung anzunehmen. Fast hätte er auf ihre Vorstellung geantwortet. Doch dann hält er sich diszipliniert an sein Schweigen. Sie ist überzeugt, dass er nicht stumm ist. Zweimal berührt sie seine Hand. Es ist fast die Hand einer Mumie. Aber sie ist warm, und Frau DeJolliet empfindet die Berührung nicht als degoutant. In seinen Augen glaubt sie eine gewisse Noblesse zu erkennen. Er versteht ihre Sprache. Seine französische Notiz ist fehlerfrei, seine Handschrift nur deshalb etwas unordentlich, weil er seine Brille vermisst. Sie kümmert sich darum.
Da Russisch nicht zu den Sprachen gehört, die Frau DeJolliet beherrscht, es in Adams Tondokument jedoch russische Passagen gibt, hat sie den Einfall, ihm eine spezielle Nachtwache zuzuteilen: Natascha Boikow, eine junge russischstämmige Studentin. Natascha studiert Chinesisch und Geschichte. Während der Semesterferien arbeitet sie gelegentlich als Nachtwache in der TT-Behörde. Nur ganz wenigen ausgesuchten Studentinnen wird das zugestanden.
Natascha ist trotz ihrer dreiundzwanzig Jahre sehr besonnen und zuverlässig. Frau DeJolliet kennt die Familie. Geschäftsleute, die schon in der dritten Generation in Deutschland leben, die Landessprache perfekt beherrschen, innerhalb ihrer vier Wände jedoch beharrlich Russisch sprechen.
Dr.Hool und Professor Sense stimmen dieser Nachtwache zu. Hool hält es sogar für eine ausgezeichnete Idee, nachts eine vertrauenswürdige Person in Adam Suite zu postieren. Ein Hundertjähriger kann plötzlich Beschwerden bekommen, die von der Videoüberwachung übersehen werden. Vielleicht spricht er auch im Schlaf und gibt ungewollt Hinweise auf seine Identität. Dass diese Natascha über ihren Sondereinsatz plaudert, kann ausgeschlossen werden. Sie gilt als korrekt und verschwiegen.
„Ein Hundertjähriger und eine Zwanzigjährige“, sinniert Dr.Hool. „Hoffentlich fürchtet sie sich nicht vor ihm. So mutterseelenallein mit ihm in der Nacht.“
„Er wird sie kaum in sein Bett zerren“, sagt Frau DeJolliet augenzwinkernd.
Wie immer, wenn sie mit diesem Augenzwinkern vom Bett spricht, wird Hool sinnlich. Besonders heute.
„Verspüren Hundertjährige überhaupt noch sexuelle Begehrlichkeit?“ fragt er.
„Ich habe keine Ahnung“, sagt Frau DeJolliet. „Ich war noch nie mit einem Hundertjährigen liiert. Ich weiss nur, wie die Männer bis vierzig sind.“
Sie schlägt die Beine übereinander und lässt den Rock ein wenig hoch rutschen.
Dr.Hool vergisst seinen problematischen Findling. Er denkt an die zweite japanische Ampulle.
Frau DeJolliet lässt es sich nicht nehmen, Adam am Nachmittag in den medizinischen Trakt zu Professor Sense zu begleiten. Den Rollstuhl, den sie mitgebracht hat, schiebt er beiseite. Stattdessen bietet er ihr mit steifer Galanterie seinen Arm.
„Vous êtes un charmeur“, lächelt sie und hakt sie bei ihm ein.
Kein Mensch würde ihr glauben, dass sie am Arm eines Hundertjährigen durch die TT-Behörde spaziert ist. Noch einmal versucht sie, dem Charmeur ein Wort zu entlocken, doch hier hört sein Entgegenkommen auf.
Professor Senses Untersuchung ist diesmal wesentlich gründlicher als am Morgen. Trotz seines behutsamen Vorgehens sieht man ihm an, dass er Adam am liebsten schon jetzt in seine Einzelteile zerlegen würde, was er auf jeden Fall tun wird, wenn der Greis gelöscht worden ist. Mit einem MEG-Scanner der neusten Generation dringt er in das arbeitende Gehirn des Greises ein. So exakt die Bilder der Gehirnaktivitäten auch sind, von dem, was Adam denkt, erfährt Professor Sense nicht das Geringste. Allerdings kann er feststellen, dass der Alte, medizinisch gesehen, keineswegs stumm ist. Er macht unter anderem einen Sehtest mit ihm, bei dem die Testperson in kurzen Worten mitteilen muss, was sie noch oder nicht mehr erkennt. Aber auch hierbei hat der Professor kein Glück. Adam verständigt sich mittels raffinierter Zeichen mit ihm. Sense gibt auf. Das Sehvermögen seines Patienten ist übrigens noch überdurchschnittlich gut. Die beiden Herren trennen sich einvernehmlich.
Wiederum erschöpft von der Untersuchung lässt Adam sich in seine Suite zurückfahren. Frau DeJolliet ist diesmal nicht in der Nähe. Sie wird im Sterbezimmer zwölf gebraucht, wo es einen unliebsamen Zwischenfall gegeben hat. Die Angehörigen eines Exitisten haben einen der Ärzte überwältigt und versucht, ihm selbst die letale Spritze zu setzen. Beim Gerangel mit dem Sicherheitsdienst ist einiges im Zimmer zu Bruch gegangen. Die Angehörigen sind in polizeilichen Gewahrsam genommen worden. Der Exitist muss in einem anderen Zimmer gelöscht werden. Solche Vorfälle gibt es in allen TT-Behörden. Die Statistik zeigt, dass hier bei ihnen der Föhn eine gewisse Rolle spielt.
Niclas Beck, alias Adam, macht es sich in seinem Schaukelstuhl bequem. Der Blick über die Dächer der Stadt, über denen die Helligkeit schwindet, ist ihm schon vertraut. Er lebt noch. Sie haben ihn nicht gleich am ersten Tag gelöscht. Und nach allem, was er aufgeschnappt hat, werden sie es auch in den nächsten Tagen nicht tun. Sie betrachten ihn als eine Art Fossil, an dem sie eine Zeitlang herumstudieren werden. Vielleicht wird er sich selbst vor ihnen in die ewige Sicherheit bringen müssen.
Neben den Türmen der Frauenkirche sind es plötzlich die Silhouetten anderer Gebäude über dem Meer der Dächer, an deren Namen er sich erinnert.
Am Tag zuvor sind sie um diese Zeit schon unterwegs gewesen. Oder war das schon vorgestern? Die Zeit! Er hat einfach die Kontrolle über sie verloren. Müssten sie ihm nicht etwas zu essen bringen? Er könnte auf einen der roten Knöpfe drücken. Doch er ist müde und dämmert mit dem Tag in einen traumlosen Schlaf.
4
„Das ist er“, sagt Frau DeJolliet.
Es ist noch hell genug, um ihn auf dem Monitor im Kontrollraum in seinem Schaukelstuhl zu erkennen.
Frau DeJolliet, nachhaltig erregt von dem Zwischenfall im Sterbezimmer zwölf, hat Natascha auf einundzwanzig Uhr bestellt. Die junge Frau ist wie immer eine halbe Stunde vorher da.
„Er scheint zu schlafen“, sagt sie.
Die Hausdame hat ihr das Wichtigste bereits erklärt. Lückenlose Überwachung des Exitisten bis morgens um sechs. Nein, unmittelbar neben seinem Bett muss sie nicht sitzen. Es genügt, wenn sie die Tür zum Salon offen lässt und regelmässig nach ihm schaut. Selbstverständlich kann sie lesen und lernen, aber beim geringsten Flüstern des Alten, bei Unregelmässigkeiten seiner Atmung oder anderen Auffälligkeiten muss sie sofort zur Stelle sein. Die diensthabenden Ärzte sind unterrichtet. Frau DeJolliet ist über ihr Handy jederzeit erreichbar.
„Sie machen das ja nicht zum ersten Mal, Natascha.“
„Und Sie glauben nicht, dass er mit mir sprechen wird?“
„Kaum“, sagt Frau DeJolliet. „Für den Fall, dass er es doch tut, gebe ich Ihnen ein hochempfindliches Aufnahmegerät, dass Sie sofort einschalten müssen. Ansonsten genügt das übliche kurze Protokoll am Morgen. Und jetzt werde ich Sie ihm vorstellen.“
Die beiden Frauen gehen in den Sondertrakt. Natascha wirkt reifer und aufmerksamer als eine gewöhnlich Dreiundzwanzigjährige. Ihr feines, schmales Gesicht mit den geschwungenen Backenknochen verrät ihre slawische Herkunft. Ihr Haar, das sie mit einer aparten Spange zu einem Rossschwanz zusammengebunden hat, ist über dem weissen Kittel, den sie tragen muss, sehr dunkel.
Als Frau DeJolliet ihr mitgeteilt hat, sie solle bei einem Hundertjährigen Nachtwache halten, ist die Überraschung in Nataschas tiefbraunen Augen kaum erkennbar gewesen. „Ein lebendiger Zeitzeuge aus dem vorigen Jahrtausend“, hat sie nur gesagt. Innerlich jedoch ist sie sehr gespannt. Das ist kein normaler Auftrag. Obwohl sie schon einige ungewöhnliche Nachtwachen hinter sich hat, fühlt sie, dass sie jetzt in eine einzigartige Situation geraten wird. Ausser mit Frau DeJolliet darf sie mit niemandem darüber sprechen. Das stimmt sie bedenklich.
Leise betreten sie die Suite. Während Frau DeJolliet im Schlafzimmer nach dem Rechten sieht, tritt Natascha an den Schaukelstuhl heran und betrachtet den Greis, der ganz in sich zusammengesunken ist, wie eine schlaffe Stoffpuppe. Sie empfindet keinen „Horror“, wie die jungen Leute in ihren Kreisen zu sagen pflegen, noch irgendeine Art von Abscheu. Sie ist fasziniert, wie andere es beim Anblick einer zweitausendjährigen Mumie sein mögen. Hier sitzen hundert Jahre, die noch atmen, keine leeren Augenhöhlen, mit Binden zusammengehaltene Glieder. Lebendige hundert Jahre.
Sie will sich gerade zu dem Alten hinabbeugen, um ihn näher zu betrachten, als er sich aufrichtet und die Augen öffnet. Und dann geschieht etwas, womit sie am allerwenigsten gerechnet hat.
Er flüstert ganz deutlich: “Irina, warum bist du hier?“ und streckt die Hand nach ihr aus.
Sie ergreift sie, ist verwirrt, und der Greis, der nun erst richtig zu sich kommt, merkt wohl, dass er einen Fehler gemacht hat. Natürlich müsste sie umgehend Frau DeJolliet herbeirufen. Doch etwas in ihr sträubt sich dagegen, lähmt ihr Pflichtbewusstsein und ihr Gewissen.
Adam drückt beschwörend ihre Hand und schüttelt den Kopf.
Frau DeJolliet kommt aus dem Schlafzimmer.
„Wie ich sehe, habt ihr euch schon miteinander bekannt gemacht“, sagt sie. „Das ist Natascha Boikow, die nachts in Ihrer Nähe bleiben wird. Sie studiert Chinesisch und Geschichte. Wenn Sie etwas brauchen, machen Sie sich bemerkbar.“
Adam hält noch immer die Hand der Studentin, als wolle er sie dadurch am Sprechen hindern.
„Und jetzt werde ich Sie ins Bett bringen“, fährt die Hausdame fort.
Der Greis lässt endlich die Hand los, erhebt sich und winkt energisch ab, was wohl heissen soll, dass er niemanden braucht, der ihm ins Bett helfen muss. Er setzt die Brille auf und geht an den Schreibtisch.
Un verre de vin rouge et un peu de fromage à pâte molle s.v.p. Ein Glas Rotwein und ein wenig Weichkäse bitte, schreibt er auf den Block.
„Sie sehen, er verkehrt nur schriftlich mit uns“, sagt Frau DeJolliet zu Natascha.
Die junge Frau schweigt.
„Natascha wird Ihnen das Gewünschte bringen. Wir sehen uns morgen wieder. Schlafen Sie gut, Sie eigenwilliger Schweiger“, sagt Frau DeJolliet ohne Groll.
Adam deutet eine Verbeugung an.
Als Natascha zurückkommt, sitzt er wieder in seinem Schaukelstuhl. Sie rückt ein Tischchen heran und stellt das Tablett mit einem Glas Rotwein, drei Käsesorten und etwas Brot darauf.
„Danke“, sagt der Greis.
Seine Stimme ist klar aber gedämpft.
Es ist fast dunkel im Raum. Nur die Helligkeit über der Stadt, die durch die Glasfassade sickert, taucht alles in ein diffuses Licht.
Die junge Frau setzt sich mit ihrem Studienmaterial an den Schreibtisch, ohne die Lampe anzumachen. Frau DeJolliet hat die Videoüberwachung für den ganzen Sondertrakt ausschalten lassen.
„Allein für Adam und Sie, können wir uns diesen Aufwand sparen“, hat sie gesagt.
Frau DeJolliet vertraut ihr rückhaltlos, aber Natascha hat ihr nichts von Adams Worten verraten, und sie wird auch dieses `danke` nicht protokollieren. Der alte Mann wird nicht mehr lange leben. Wenn er seine letzten Worte an sie, Natascha , richtet, muss das eine sehr persönliche Bedeutung haben. Ein Vertrauensbeweis, der mindestens so hoch einzuschätzen ist wie der von Frau DeJolliet
Irina hat er sie genannt. Ein russischer Vorname wie der ihre.
„Ich werde während der Nacht ein wenig arbeiten. Hoffentlich stört Sie das nicht“, sagt sie.
„Überhaupt nicht“, antwortet er, sich aus dem Schaukelstuhl erhebend.
Das Aufnahmegerät! Eigentlich müsste sie es jetzt einschalten. Doch ihre Finger sind wie gelähmt. Noch hat er kein wichtiges Wort verloren. Sie hört ihn im Badezimmer hantieren. Als er herauskommt, hat sie ein paar Lampen angemacht und die grossen Vorhänge vor der Glaswand zugezogen. Wortlos geht er ins Bett.
„Kann ich noch etwas für Sie tun?“ fragt sie von der Tür her.
„Ja. Bitte öffnen Sie die Vorhänge im Schlafzimmer wieder.“
Sie drückt einen Knopf und die Vorhänge laufen lautlos auseinander. „Gute Nacht“, sagt sie.
Er antwortet nicht.
Sie lässt die Tür zum Salon auf und setzt sich wieder an den Schreibtisch, um sich mit den Zeichen der modernen chinesischen Kursivschrift zu beschäftigen. Es ist eine Zeitlang sehr still, und sie glaubt, dass Adam eingeschlafen ist. Umso mehr erschrickt sie, als sie plötzlich seine Stimme hört.
„Wie alt bist du, Irina?“
Er kann sie im Licht am Schreibtisch sehen, aber sie ihn kaum.
„Dreiundzwanzig“, antwortet sie.
„Welches Sternzeichen?“
„Steinbock. Ich bin ein Sylvesterkind.“
„Seltsam“, sagt er. „Ich versuche gerade, mich an Sylvester 1999 zu erinnern. An die Jahrtausendwende.“
„Das ist lange her. Es muss ein grosses Fest gewesen sein“, bemerkt sie.
„Das war es.“
Seine Stimme kommt versonnen, aber gut verständlich aus dem Nebenzimmer.
„Und Sie können sich daran erinnern?“ fragt Natascha sich erhebend.
„Nicht an alles. Ich war damals achtzehn. Etwas jünger als du. Für unsere Familie war es ein ganz besonderes Fest. Ein historisches Fest...
An diesem letzten Tag des zweiten Jahrtausends weihte die Familie Beck ihr neues Haus ein. Die Bezeichnung Haus stimmte nur bedingt. Es war ein ansehnliches, modernes Gebäude in bester Stadtlage. Acht Etagen und ein Penthaus, umgeben von weitläufigen Dachterrassen. Auf einer Seite konnte man einen Teil des riesigen Hafens sehen und ein Stück des Flusses, auf dem die Überseeschiffe hereinkamen und hinausfuhren. Die Feinkost-Verkaufsräume im ersten und das Gourmet Forum, das Feinschmecker-Restaurant, im zweiten Stock erinnerten mit ihrem exotischen Duft und dem Angebot fremdländischer Spezialitäten an ferne, geheimnisvolle Märkte. Nur dass sie peinlich sauber, dezent und bestens organisiert waren.
Vom dritten bis zum sechsten Stock war die Verwaltung des Unternehmens zusammengelegt worden. Die zentrale Computeranlage galt als das aktuellste, was in Sachen Datenverarbeitung zu haben war. In den Büros des Unternehmens manifestierten sich Erfolg und Solidität des Unternehmens. Nirgendwo Prunk, aber überall das Beste.
Die Zweiklassen-Gesellschaft, die immer offensichtlicher wurde, hatte das Haus Beck unbeschadet gelassen. Im Gegenteil. Die Besitzenden hatten Becks Feinkost zu einem Element ihres Lebensstils erkoren.
