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Um die Mittagszeit eines Spätsommertages in den frühen neunziger Jahren werden auf der Piazza einer Tessiner Stadt, ein junger Architekt, Marcello, und eine junge Süditalienerin, Francesca Colanni, in aller Öffentlichkeit inmitten der vollbesetzten Strassencafés erschossen. Der Mörder, Il Caporale (der Korporal), eine dubiose Gestalt und langjähriger Freund Francescas, lässt sich widerstandslos festnehmen. Francesca stirbt in den Armen eines Mannes, mit dem sie sich zu einem Drink verabredet hatte: Terry Bunk, ein australischer Elektronik-Ingenieur, dreissig Jahre älter als sie und ihr Wohnungsnachbar. Überraschend für ihn selbst wird Bunk von der 'Hinrichtung' verschont. Er berichtet nicht nur von der dramatischen Szene auf der Piazza und ihren unmittelbaren Folgen, sondern erzählt rückblickend, wie es zu der Hinrichtung kommt. Er erzählt die Geschichte von Francesca und Caporale, vom Scheitern ihrer Beziehung und von dem Jahr, in dem sein Weg die ihren kreuzt. Ein Jahr, das auch für ihn entscheidend ist. Bunk, ein weit herumgekommener Elektronik-Spezialist, ist in Europa hängen geblieben. Ausgerechnet in der als krisenfest geltenden Schweiz, wo er noch spät geheiratet hat, wird er arbeitslos. Seine Frau bittet ihn um die Scheidung, in die er, mit genügend Lebensweisheit ausgestattet, einwilligt. Sie überlässt ihm ihre kleine Ferienwohnung in einer 'Residenza' am Luganer See. Wieder auf sich gestellt, ein Zustand, der ihm nicht fremd ist, arbeitet er ohne grossen Ehrgeiz an einem Werkbuch über Elektronik-Know-how. Er geniesst die idyllische Landschaft und lässt sich treiben. So geht er eine halbherzige Liaison mit einer vermögenden deutschen Geschäftsfrau Carlotta Hiller, ein. Sie residiert mit ihrem greisen Vater, einem ehemaligen Stabsoffizier Hitlers, und ihrem fragwürdigen Bruder Adolfo auf der anderen Seite des Sees in der italienischen Enklave Campione d'Italia, deren Telefonverzeichnis sich nach dem Krieg wie die Mitgliederliste einer deutschen Offiziersgesellschaft las. Carlotta Hiller, eine leidenschaftliche Spielerin, sitzt allabendlich an den Roulette-Tischen des Casinos von Campione. Ihr Bruder Adolfo ist in zwielichtige Geschäfte und 'connections' verwickelt, die im Tessin, in der Grenzregion zwischen der Schweiz und Italien, zwischen dem starken Franken und der (seinerzeit) schwindsüchtigen Lira gang und gäbe waren. Einer seiner Zuträger ist Caporale, wodurch sich auch Carlotta Hiller und Francesca Colanni nicht unbekannt sind. Bunk, vom anderen Ende der Welt, kommentiert dies jedoch nur beiläufig, mit australischer Gelassenheit und Distanz. Fasziniert dagegen ist er von seiner Nachbarin, der jungen Apulierin Francesca, die in der Residenz – ungerechtfertigt – den Ruf eines Callgirls hat. Nicht ganz ungewollt wird er in ihr unglückseliges Verhältnis mit dem psychopathischen Caporale, der nicht unter einem Dach mit ihr lebt, hineingezogen..
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Seitenzahl: 541
Veröffentlichungsjahr: 2023
Peter Axel Knipp, Natalie Caccese
Die Nachbarin
eine Liebesgeschichte die niemals endet
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Peter A. Knipp
Die Nachbarin
Roman
ERSTER TEIL
Eine wahre Liebesgeschichte, die endet niemals.
Philippe Dijan
Ein Jahr nach dem Doppelmord, der als die Hinrichtung auf der Piazza die Medien wochenlang beschäftigt hatte und im Gedächtnis derer, die seine Zeugen gewesen waren, unauslöschlich bleiben würde, kehrte ich ein letztes Mal in die kleine Wohnung in die Residenza La Terrazza zurück.
Silvia, meine Ex-Frau, die noch immer mit dem Juwelier in Zürich zusammenlebte , hatte endlich einen Käufer für die Wohnung gefunden. Sie hatte mich in einem ihrer hastig hingeworfenen Briefe, in denen sich die ganze Unrast ihres Lebens spiegelte, gebeten, ein paar Sachen in der Residenza abzuholen, die offensichtlich mir gehörten. Einen Schlüssel für das Apartment fände ich an ‚unserem’ alten Platz. Sie hatte ‚unserem’ geschrieben, als sei alles noch so wie früher, oder als wolle sie sagen : Das ist der Platz, den nur wir kennen. Vielleicht hätte sie nicht ‚unserem’ geschrieben, wenn sie gewusst hätte, dass auch Francesca diesen Platz gekannt hatte. Aber nun, da die Schlüssel in andere Hände übergingen, spielte das keine Rolle mehr.
Aus dem Süden kommend verliess ich die Autobahn an der letzten Ausfahrt vor der Stadt. Bissone, Melide, Campione, Morcote – das waren einmal sehr vertraute Namen gewesen, mit denen sich ein Gewebe von Erinnerungen verband, das zu berühren ich lange vermieden hatte.
Es war einer jener unvergleichlich schönen Spätsommerabende, an denen der See, noch im Licht der versinkenden Sonne, schon auf den Mond wartete, nach dessen Berührung er sich, wie Francesca einmal gesagt hatte, mehr sehnt als nach allem anderen. Langsam über den Seedamm fahrend konnte ich in der Ferne gerade noch Porto Ceresio erkennen und den wie von Menschenhand geschaffenen Einschnitt zwischen den Bergen durch den ich in Gedanken so oft in die Ebenen Oberitaliens geflohen war. Berge bedrückten mich, und ich hatte sie hier nur ertragen können, weil sich die Weite des Sees vor ihnen ausbreitete, und weil ihren weiblichen Rundungen nichts Bedrohliches anhaftete. Selbst der Monte Generoso mit ein paar seewärts gerichteten Felswänden und angedeuteten Zacken war nicht allzu ernst zu nehmen.
In Melide, wo ich abbog, hatte sich nichts verändert. Nur die Strasse hatte einen neuen Belag, der die Ortsdurchfahrt ein wenig eng erscheinen liess. Vor dem Caffè della Posta sassen die Männer, die schon immer dort gesessen hatten. Die junge Frau an der Tankstelle, mit der ich auf dem verregneten Dorffest getanzt hatte, war etwas voller geworden und hatte ihr Haar dunkel getönt. Dafür sah der Palazzo Branco unbewohnt und abweisend wie immer aus. Da ich nicht die Absicht hatte, ein weiteres Mal hierher zu kommen, würde ich nie erfahren, was mit ihm geschah.
Hinter Melide wurde die Strasse kurvig. Da hatte Lilly ihrem alten Porsche immer die Sporen gegeben. Mehr als einmal hatte ich uns an einer der blumenberankten Mauern kleben oder in einen der herrschaftlichen Gärten unterhalb der Strasse segeln sehen. Gott sei Dank war das zwei Anderen vorbehalten geblieben, die den Porsche eines Nachts gestohlen hatten und in den See damit gefahren waren, wo man sie lange nicht wiederfand.
Lilly! Sie hatte von einem Tag auf den anderen geheiratet. Keinen von denen, die sie seit Jahren umschwärmten und ihr zahllose Anträge gemacht hatten, sondern einen vorher nie gesehenen Geschäftsmann aus Bologna, der mit seinem Ferrari Testarossa quasi auf der Durchreise gewesen war. Sie hatten uns alle zur Hochzeit eingeladen, und als sie vor dem Altar standen hatte Francesca mir zugeflüstert : „Eigentlich müsste der Ferrari neben Lilly stehen, denn sie heiratet das Auto. Der Mann ist ihr völlig egal.“ Aber eine gewisse Rolle musste der Mann doch gespielt haben, denn Lilly hatte inzwischen ein Baby, ein Töchterchen, das sie Francesca getauft hatte, das nicht die geringste Aehnlichkeit mit einem Ferrari hatte.
Vor dem Hotel Villa al Lago musste ich dann wieder an Silvia denken. Dort, so werde ich später beschliessen, hat die Geschichte mit der Wohnung, ja die Geschichte überhaupt angefangen. Das war vor gut sechs Jahren gewesen. Damals hatte das Hotel noch fünf Sterne gehabt, dann war es, wie so viele Hotels in dieser Gegend, kurz hintereinander durch verschiedene profitgierige Hände gegangen und hatte einen Stern verloren. So wie es jetzt aussah, musste es einen weiteren verloren haben. Die wetterfesten Tischtücher auf der abgasgeschwängerten Frühstücksterrasse waren seinerzeit dunkelrot gewesen, hatten inzwischen aber die Farbe der Strasse angenommen. Wahrscheinlich bezogen sich die vier Sterne nur noch auf das Restaurant unten am See, in dem ich immer gut gegessen hatte. Zum ersten Mal mit Silvia, als wir noch miteinander verheiratet gewesen waren, zum letzten Mal mit Francesca, als sie ihren Entschluss gefasst hatte.
Nach ein paar weiteren Kurven tauchte rechterhand, harmonisch in den Hang gebaut, die Residenza La Terrazza auf. Eigentlich war es keine einzelne Residenz, sondern eine Ansammlung von dreissig Terrassenwohnungen, die wie breite, mehrfach gegeneinander versetzte Stufen bergan führten. Oberhalb der Wohnungen gab es ein Schwimmbad mit Liegewiese und einen Tennisplatz. Unter der Liegewiese war eine Garage für die oberen Wohnungen, zu der eine Privatstrasse hinauf führte. Die Garagen für die unteren Wohnungen waren direkt von der Seestrasse aus zugänglich. Die Wohnungen untereinander waren über Treppen und Wege aus Naturstein erreichbar.
Unser, genauer gesagt Silvias Apartment, das nur aus zwei Zimmern, Bad und Küche bestand, lag ganz unten. Seine Terrasse reichte bis auf wenige Meter an die Seestrasse heran. Deshalb hatte Silvia auch lange keinen Käufer finden können, denn die Seestrasse war während der Saison stark befahren, und es war nicht gerade ein ruhiges Plätzchen.
Ich liess den Wagen auf einem der Besucherparkplätze stehen und ging die Treppe zum ersten Zwischengang hinauf. Um diese Jahreszeit waren viele der Wohnungen noch belegt. Die Eigentümer verbrachten ihren Urlaub hier oder hatten sie als Ferienwohnungen vermietet. Es hatte in der Residenza immer nur wenige Dauerbewohner gegeben. Einen pensionierten Gerichtsbeamten, ‚Sheriff’ Ledermann und seine Frau Annie, die Silvia respektlos Lederannie getauft hatte. Die Ledermanns waren auch jetzt noch da. Sie bewohnten eine der höher gelegenen Wohnungen, residierten gewissermassen über der Residenza, wie heimliche Herrscher, vertraut mit allem, was zwischen Melide und Morcote geschah, mit allen Wohnungseigentümern in irgendeiner Weise verbunden, Sprachrohr der Verwaltung und selbsternannte Ordnungshüter von den Bootsstegen am See bis zum Waldrand über dem Schwimmbad. Damals hatte es noch andere Dauerbewohner gegeben. Ein paar nörglerische Rentnerehepaare, ein paar Deutsche, die sich mit Schwarzgeld abgesetzt hatten, und einen uralten Herrn, den man kaum zu Gesicht bekam. Er wurde allgemein der Leguan genannt, weil es in seiner Wohnung ein paar Terrarien mit Reptilien gab, die er Francesca und mir einmal gezeigt hatte. Francesca hatte ihre Panik beim Anblick der dämonischen Kriechtiere nur schwer verbergen können und nach dem Besuch beim Leguan ernsthaft erwogen aus der Residenz wegzuziehen. Der Leguan war, wie Silvia geschrieben hatte, kürzlich gestorben.
Die meisten Wohnungen standen ausserhalb der Urlaubszeit leer. Gelegentlich kamen ein paar Leute am Wochenende oder an milden Wintertagen, wenn im Norden der Nebel über dem Land hing und die Berge verschneit waren. Hier unten gab es nur selten Schnee und nie sehr lange.
Der Schlüssel lag an ‚unserem’ Platz in der Kerbe der Buschpalme. Im Schlafzimmer standen meine Kartons mit den Sachen, die ich abholen sollte. Kleinkram, wegen dem sich die weite Fahrt kaum gelohnt hatte. Aber deswegen war ich nicht gekommen. Im Wohnzimmer stand überraschend noch meine alte braune Couch, die Silvia nicht erwähnt hatte. Mitnehmen konnte ich die Couch nicht, aber ich konnte mir ein Hotel ersparen und in der Wohnung übernachten. Auf der Terrasse standen noch ein Tisch und Stühle, in der Küche und im Bad gab es Licht. Ich holte eine Wolldecke, ein Kissen und meine Reisetasche aus dem Auto und ‚zog ein’.
Zu tun gab es sonst nichts. Die Pflanzen auf der Terrasse, in langen, eingemauerten Trögen waren gut in Schuss. Eine Freundin von Silvia, die in der Nähe wohnte, kam einmal in der Woche vorbei und sah nach dem Rechten. Anfang Oktober würden die neuen Eigentümer das Apartment übernehmen und wahrscheinlich Lederannie mit der Pflege der Pflanzen betrauen. Das hatten die meisten Eigentümer gemacht, die nur ein oder zwei Mal im Jahr kamen. Was für eine Vergeudung von Wohnraum all diese Ferien- oder Zweitwohnungen waren! Viele waren in den überbordenden Achtzigern als Spekulationsobjekte gekauft worden. Heute wurde man sie, wenn überhaupt, nur mit Verlust wieder los. Auch Silvia hatte bestimmt keinen Rappen verdient. Ihr millionenschwerer Juwelier hatte sowieso immer über das unrentable Objekt gelächelt.
Das Licht begann nun auch auf der gegenüberliegenden Seeseite zu schwinden. Je schneller die Sonne sank, desto behänder kletterten die Schatten am Buckel des Monte San Giorgio und an der steilen Flanke des Monte Generoso in die Höhe. In den Dörfern zu Füssen der Berge gingen die ersten Lichter an. Ich trat an den vorderen Rand der Terrasse und warf um die abgeschrägte Trennmauer herum einen Blick auf die etwas höher liegende Nebenterrasse, die letzte der unteren Häuserreihe. Sie sah arg verwahrlost aus. Der Boden lag voll verwelkter Blätter, die der Wind, der um diese Ecke herum freies Spiel hatte, zu grösseren Haufen zusammengetrieben hatte. Die heruntergelassenen Rollläden waren grau von Staub und Autoabgasen. Überall hingen Spinnweben, in denen sich Fliegen und Käfer verfangen hatten. Im Wasser einer Plastikgiesskanne hatten sich Algen angesiedelt.
Es sah ganz so aus, als sei die Wohnung seit damals, als Francesca nicht in sie zurückgekehrt war, und ihre Familie die Rolläden heruntergelassen hatte, nie mehr bewohnt gewesen. Im Auftrag von Francescas Eltern hatte ich mich noch lange mit der Frau, der die Wohnung gehörte, eine Halsabschneiderin übelster Sorte, wegen der Mietkaution und anderer Forderungen und Gegenforderungen herumgeschlagen. Meine Schadenfreude darüber, dass sie offensichtlich keine neuen Mieter gefunden hatte, war ausgesprochen innig.
Mit zunehmender Dunkelheit erhob sich der Wunschtraum über das nie Begriffene. Ich sah plötzlich, wie sich der trostlose Platz belebte, wie Francesca aus der Tür des beleuchteten Wohnzimmers trat in einer der knappen Gilet-Blusen und Jeans-Shorts, die sie zu Hause so gerne trug, wie sie eine Melodie, die aus dem Zimmer auf die Terrasse hinausflutete, mitsummte und sich zu ihren Pflanzen niederbeugte, um leise mit ihnen zu reden. Als sie aufschaute und mich sah, sagte sie : „Hi, Terry“, und in ihrer Stimme, die so zwanglos klang, war das Geheimnis, das nur ich heraushören konnte. Sie richtete sich auf und kam auf mich zu, doch bevor ich ihren Duft einatmen konnte, zerrann das Bild, das Licht erlosch, die Rolläden schlossen sich. Ein unerwarteter Windstoss trieb das vertrocknete Laub über die verlassene Terrasse.
Ich setzte mich auf einen der Balkonstühle. Auf der anderen Seeseite, an der Punta di Poiana, bog ein Auto nach dem anderen um die Ecke. Sekundenlang flackerten ihre Scheinwerfer über das Wasser, als suchten sie mich. Dann begann die Musik zu spielen. Drüben in Brusino, kurz vor der Zollstation, gab es ein Hotel mit einer Seeterrasse, auf der an warmen Sommerabenden manchmal Tanz war. Je nachdem woher der Wind wehte, konnte man die Klänge lauter oder leiser hören. Ich war ein paar Mal dort gewesen. Mit Silvia, mit Francesca, mit Lilly und Giulietta. Wir hatten guten Merlot getrunken, waren mit Einheimischen und mit Italienern aus den Dörfern jenseits der Grenze ins Gespräch gekommen, hatten mit schwärmerischen Touristen angestossen und getanzt. Einmal war ein weinseliger Holländer auf die Mauer der Terrasse geklettert, um zu verkünden, dass er Geburtstag habe. Dabei war er rückwärts in den See gefallen. Ein paar junge Männer waren hinterher gesprungen und hatten ihn an Land gezogen. Dann hatten alle ‚Happy Birthday to you’ gesungen und es war ein richtiges Fest geworden.
Bei der Erinnerung daran hielt ich die Einsamkeit, mit der ich sonst gut zu leben verstand, nicht mehr aus. Die leere Wohnung, die leeren Terrassen bedrückten mich. Ausserdem hatte ich Hunger und Durst. Ich machte mich zu Fuss auf den Weg nach Morcote.
Auf der Seestrasse herrschte um diese Zeit noch reger Verkehr. Fussgänger waren auf der Strasse jedoch so selten wie auf australischen Landstrassen. Dabei war es, von den Autos abgesehen, ein idyllischer Spaziergang. Linkerhand zog sich der tiefer liegende See hin. Auf dem schmalen Uferstreifen gab es ein paar Häuser mit parkähnlichen Gärten, auf die man hinunterblicken konnte. Auf der anderen Strassenseite stieg der dicht bewaldete Berg steil an.
Vor dem Altersheim, wo die Strasse nach Morcote hinunter abzufallen beginnt, sassen noch ein paar der hochbetagten Insassen. Früher, wenn ich am Sonntagmorgen mit dem Fahrrad dort vorbeigekommen war, um meine Zeitung zu holen, hatte eine der alten Frauen mir immer ‚ciao, bello’ nachgerufen und einmal sogar ‚ciao, bello biondo’, Schöner Blonder. Dabei war ich schon seit längerem ziemlich ergraut und nicht mehr allzu weit vom betulichen Endspurt meines eigenen Lebens in so einem Heim oder sonst wo entfernt.
Einer der alten Männer grüsste mich und sagte, es sei ein schöner Abend. Ich blieb stehen und fragte ihn, ob ihn die vielen Autos nicht störten, die pausenlos nur wenige Meter vor ihm vorbei fuhren.
„Die Autos?“ sagte er. Nein, die Autos störten ihn nicht. In dem ein oder anderen fahre er in Gedanken ein Stückweit mit. Laufen könne er kaum noch, und es gäbe auch niemand mehr, der ihn irgendwohin mitnähme. Also fahre er einfach in den Autos davon. Besonders in denen mit den ausländischen Kennzeichen.
„Er spinnt ein bisschen“, kicherte ein anderer Alter und tippte sich an die Stirn.
Je älter sie wurden, desto weniger mochten sie sich, missgönnten einander jeden Gedanken, jede Phantasie, die sie ins Leben zurück führten. Ich wünschte ihnen eine gute Nacht und ging weiter.
Die Landschaft öffnete sich, der See wurde breiter. Der Einschnitt in den flacher werdenden Bergen hinter Porto Ceresio war jetzt gut zu erkennen. Auch die bunten Lichter auf der Seeterrasse am anderen Ufer, von wo die Tanzmusik nun ganz deutlich zu hören war. Am Geländer der kurzen Seepromenade von Morcote standen ein paar Angler. Vor den Cafés waren alle Plätze besetzt. Die Boutique, in der Silvia vor Jahren ein ausgefallenes aber viel zu teures Ensemble erstanden hatte, war noch geöffnet.
Unmittelbar vor den vielbesuchten Lauben mit ihren kleinen Geschäften und Restaurants lag das Della Torre. Seine Schiebetüren waren weit geöffnet, sodass die Tische drinnen und draussen auf dem Gehsteig eins wurden. Der korpulente Wirt stand hinter der Hammondorgel und spielte Evergreens. Das tat er immer zwischen der Aufnahme von Bestellungen. Manchmal setzte er sich auch ans Klavier, und wenn er ganz gut drauf war, blies er ein reichverziertes Alphorn, das in dieser Gegend des Landes ungewöhnlich war. Sein kriegerischer Ruf musste die reichen Mailänder, die besonders an den Wochenenden ausserhalb der Saison gern zum Essen ins Della Torre kamen, an die historischen Einfälle barbarischer Horden aus dem Norden erinnern. Aber sie liessen sich das nicht anmerken und beklatschten die volkstümlichen Darbietungen des Wirts ausgiebig.
Er hörte sofort auf zu spielen und kam auf mich zu. „Piacere, Signore“, sagte er. Sie sind lange nicht hier gewesen.“
„Über ein Jahr“, antwortete ich.
„Über ein Jahr“, wiederholte er. „Solange ist das schon her. Eine schlimme Geschichte damals. Ich erinnere mich noch gut an den Abend, an dem ich der schönen Signora und Ihnen die Küche gezeigt habe.“
„Nicht nur die Küche“, sagte ich, „auch Ihren Weinkeller.“
„Ja, das ist wahr“, lächelte er. „Ich habe noch ein paar Flaschen von dem 37er Barolo Monfortino, den wir damals getrunken haben. Wollen wir zusammen eine aufmachen?“
„Wenn Sie Zeit haben.“
„Für ein Gläschen zwischendurch reicht es immer. Ihr Tisch wird gerade frei.“
Mein Tisch. Das hörte sich an, als sei ich nach Hause gekommen. Unser Tisch. Ich hatte immer nur mit Francesca an diesem Tisch in der Ecke gesessen, nie allein oder mit jemandem anders. An verregneten Winterabenden waren wir oft die einzigen Gäste gewesen.
Ich setzte mich auf den hochlehnigen Holzstuhl, auf dem SIE gewöhnlich gesessen hatte, mit dem Blick auf das gut besetzte Lokal, durch die offenen Schiebetüren auf die Strasse und die kleine Seeterrasse hinaus.
„Parmaschinken mit Melone und eine grosse Portion unserer hausgemachten Gnocchi?“ fragte der Wirt.
„Dass Sie sich daran noch erinnern“, sagte ich.
„Die Signora hat meistens gemischten Fisch genommen“, meinte er. „Ein Paar wie Sie vergisst man nicht so schnell.“
An den Wänden hingen noch immer die vielen Clowngemälde. Clowns in allen Grössen, Farben und Stellungen. Lachend, weinend, albern und traurig, töricht und weise. Ich liess noch einmal all die Bemerkungen Revue passieren, die wir zu den Bildern gemacht hatten, an Abenden, die nicht immer lustig gewesen waren. So wenig wie die Clowns auf den Gemälden.
Das Stimmengewirr wirkte beruhigend. Hier ein Lachen, dort ein Ruf. Das Klingen von Gläsern, das Rücken von Stühlen. Es waren nicht mehr die Leute von damals, aber die Geräusche und Gerüche, die so unbegreiflich zeitlos sind. Immer nur Gegenwart, ein Hier und ein Jetzt.
Der Wirt gab mir ein Zeichen, dass er noch ein paar Takte spielen müsse. Gianni der Kellner, der zum Inventar gehörte wie das Alphorn und die alten Gerätschaften in der Küche, brachte den Parmaschinken. „Den Wein bringt der Patron persönlich“, entschuldigte er sich und schüttelte mir die Hand.
Ich konnte ihm ansehen, dass er etwas sagen oder fragen wollte. Sicher etwas, das Francesca betraf, denn sie hatte stets seine aufmerksame Bedienung gelobt. Einmal hatten wir ihn beim Pferderennen in Varese getroffen, und er hatte uns einen einträglichen Tipp gegeben. Aber schliesslich wünschte er mir nur guten Appetit und ging mit einem tief betroffenen Gesichtsausdruck davon.
Viel später, als die letzten Gäste gegangen waren und Gianni schon die Gedecke für den nächsten Tag auflegte, rief der Wirt ihn an unseren Tisch, wo der Wein zur Neige ging. „Wir trinken den letzten Schluck zum Andenken an die Signora. Du hast sie doch auch gekannt. Bring’ ein Glas mit.“
„Oh ja“, sagte der Kellner und sein Gesicht hellte sich auf. „Ich sehe sie noch manchmal dort in der Ecke sitzen. Gott sei ihr gnädig.“
Wir stiessen miteinander an und tranken den Rest des ausgezeichneten Barolo auf Francesca, die ihm auch nicht abgeneigt gewesen war.
Der Wirt begleitete mich bis vor die Tür. Es waren kaum noch Leute auf der Strasse, und es kamen auch keine Autos mehr. Auf der anderen Seeseite war der Mond dabei, über dem Monte San Giorgio zu klettern. Sein Licht breitete sich wie ein glänzendes Tuch über das Wasser, das unter seiner Berührung still und unbeweglich dalag.
„Ich hoffe, dass Sie einmal wiederkommen“, sagte der Wirt beim Abschied. „Orte und Gegenden können nichts dafür, was in ihnen passiert ist. Denken Sie daran, wie viele schöne Stunden Sie hier verbracht haben. Die Erinnerung an einen tragischen Tag wird verblassen. Ich werde immer eine Flasche von dem alten Barolo für Sie aufheben.“
„Wahrscheinlich haben Sie Recht“, sagte ich. „Aber ich brauchen sehr viel Zeit, und die haben wir beide nicht mehr.“
„Signore“, protestierte er, „ich werde das Alphorn noch in zehn Jahren blasen. Man braucht eine ziemlich gute Puste dafür. Reden Sie nicht vom Alter.“
Ich ging im Mondschein in die Residenza zurück. Vielleicht war es der Nachhall der letzten Worte des Wirts oder die Wirkung des Weins, aber ich schritt die leichte Steigung aus dem Dorf hinaus beschwingter hinauf als ich sie heruntergekommen war. Oben am Altersheim, wo niemand mehr draussen sass, legte ich sogar einen Schritt zu. Nur schnell vorbei an dieser Endstation des Lebens. Noch konnte ich selbst ein Auto steuern und war nicht darauf angewiesen, in Gedanken als blinder Passagier mitzureisen. Mein Körper funktionierte noch recht ordentlich, mein Geist war klar, wenn auch die Bewegungen ungelenker wurden und die Blätter meines Curriculum Vitae zu vergilben begannen. Und alles, was ich sah, hörte und roch, war nicht mehr neu, sondern beschwor Erinnerungen herauf, war zum Déja-vu-Erlebnis verkommen. Das war das untrüglichste und traurigste Anzeichen des Alterns. Mochte man auch noch die Puste haben, ein Alphorn zu blasen, oder die Fähigkeit, eine Steigung mit leicht wirkenden Schritten zu bezwingen.
Ich liess die Rolläden im Wohnzimmer nicht herunter, zog die alte braune Couch ans Fenster und legte mich nach kurzer Toilette hin. Eine Zeitlang konnte ich den Mond verfolgen, der zügig davon wanderte.
Bis jetzt war meine Rückkehr an diesen Ort nicht allzu bedrückend gewesen. Aber der Tag, vor dem ich mich fürchtete, war längst angebrochen. Der Tag, an dem ich auf die Piazza zurückkehren würde, obwohl ich mir geschworen hatte, dass es diesen Tag nie geben würde. In der kurzen Zeit, in der ich nach den Geschehnissen noch in der Residenza geblieben war, hatte ich notgedrungen ein paar Dinge in der Stadt erledigen müssen, hatte um die Piazza immer den grösstmöglichen Bogen gemacht. Ihrer zentralen Lage wegen war das gar nicht so einfach gewesen.
Im Laufe der Zeit, die nicht immer so heilsam ist, wie behauptet wird, war mir zumindest aufgegangen, dass ich die Bilder nicht bannen konnte, indem ich den Ort ihres Entstehens mied. Also hatte ich beschlossen, an einem Spätsommertag, wie er damals gewesen war, auf die Piazza zurückzukehren, mich an der gleichen Stelle niederzulassen, an der wir damals gesessen hatten und mich ein für alle Mal von dem Trauma zu befreien. Silvias briefliche Bitte, meine Sachen in der Residenza abzuholen, war ein zusätzlicher Grund gewesen, die Reise anzutreten.
Nun Lag ich auf dieser verblichenen Couch, die auch eine Rolle in dieser Geschichte gespielt hatte, und fiel dank der Güte des 37er Barolo Monfortino in einen kurzen, traumlosen Schlaf.
Als ich erwachte war es mir, als hörte ich durch die Wände Musik und Stimmen in Francescas ehemaliger Wohnung. Ich stand auf, öffnete den Besenschrank in der Küche, legte mein Ohr an die Wand im Badezimmer, doch es war nichts zu vernehmen. Sobald ich mich aber wieder hinlegte, kamen die Klänge zurück. Dabei hatte der alte Wein meinen Kopf klar und schmerzlos gelassen. Ich hörte deutlich Angelo Branduardi singen, dazwischen die hinterhältig dozierende Stimme von Caporale und Francescas kurzes, heftiges Aufbrausen. Ich wusste, dass sie nicht dort waren, dass sie nie wieder dort sein würden. Die Stimmen und die Musik in meinem Kopf waren nichts anderes als ein Art Audio-Fata-Morgana, eine akustische Sinnestäuschung, die verschwand, sobald ich mich aufrichtete.
Ich begann in der leeren Wohnung auf und ab zu gehen und trank eine Dose Bier, von denen ich immer ein paar in einer Kühlbox bei mir hatte. Das Apartment war nicht gross, die beiden leeren Zimmer und die längliche Küche bis zur Eingangstür mit wenigen Schritten durchmessen. Türen und Fenster zur Terrasse hielt ich der Mücken und des früh einsetzenden Autoverkehrs wegen geschlossen. Nur das mit einem Fliegenfenster versehene Küchenfenster neben dem Eingang stand offen. Ein wenig kühle Nachtluft drang herein und der spätsommerliche Duft verblühender Pflanzen, die in grosser Anzahl und Vielfalt die Wege zwischen den Häusern säumten. Es gab extra einen Gärtner, der die ganze Anlage einschliesslich des Schwimmbads und des Tennisplatzes in Ordnung hielt.
Als hinter der Bergkette hinter dem Monte Sighignola, auf dem ich den unseligen Adolfo gefunden hatte, und dem Monte Generoso ein erster Lichtstreifen den nahenden Tag ankündigte, war ich des Herumlaufens müde und legte mich wieder hin. Die Musik und die Stimmen von Caporale waren verstummt, und ich schlief bis weit in den Morgen hinein.
Wieder so ein Tag mit einem hohen blauen Himmel, der die Leichtigkeit des Seins pries, dem man nicht ansah, wie schlecht die Luft in diesen Tälern war, durch die unendlichen Autoschlangen, die sich während des ganzen Sommers auf der Nord-Süd-Achse dahinquälten, und durch die Emissionen aus der industriereichen Po-Ebene, die mit dem Südwind teils unsichtbar, teils als Dunst gen Norden reisten. Ich hörte im Walkman die Zehnuhrnachrichten, duschte und rasierte mich, verstaute die Decken und Kartons im Auto und ging noch einmal in die Wohnung zurück.
Diese Wohnung! Zuerst war sie jahrelang nichts als ein gelegentlich besuchtes Ferienapartment gewesen, einfach aber gemütlich möbliert. Dann, nach meiner Trennung von Silvia, hatte ich gut fünfzehn Monate lang in ihr gewohnt und die Einrichtung etwas verfeinert. Sie war mein Zuhause gewesen und sie war durch die Nachbarschaft zu Francesca und durch Francesca selbst zu einem ganz besonderen Platz meines Lebens geworden. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass ich sie in einem der dunkelsten Augenblicke dieses Lebens Hals über Kopf verlassen hatte. Danach hatte sie ausser Silvias Freundin kaum noch jemand betreten. Silvias Juwelier verfügte über eigene Residenzen, die wesentlich gediegener und weitläufiger waren, fernab von Strassenlärm und biederer Nachbarschaft lagen, ausserhalb der Beobachtungsweite pensionierter Gerichtsbeamter und ihrer ledernen Frauen.
Nun würden hier bald andere einziehen, arrivierte Deutsche wahrscheinlich, mit einem Mercedes oder BMW der Mittelklasse, die von all dem, was sich zwischen diesen Wänden abgespielt hatte, nichts wussten und auch mit dem feinsten Gespür, das den Deutschen sowieso abgeht, nicht die geringste Spur des Geheimnisses entdecken würden.
Ich liess die Rolläden herunter, verschloss die Tür und steckte den Schlüssel in die Kerbe der Buschpalme. Als ich zum Auto ging, machte sich Sheriff Ledermann, ganz offensichtlich um mich abzufangen, an den Briefkästen zu schaffen. Ein kleiner, wieselflinker Mann, der immer in Bewegung war. Er begrüsste mich überschwänglich und fragte, ob ich in die Residenza zurück zu ziehen gedächte. Dabei hatte er zweifellos zugeschaut, wie die Wohnung ausgeräumt worden war und wusste bestimmt, dass Silvia sie verkauft hatte.
„Ich werde demnächst nach Australien zurück gehen. Soweit weg von hier wie möglich“, sagte ich.
„Schade“, meinte er, „Sie waren ein so angenehmer Mitbewohner der Residenza, aber nach dem, was mit Ihrer Nachbarin passiert ist, kann ich Ihren Entschluss gut verstehen. Meine Frau und ich haben Frau Colanni sehr geschätzt.“
„Aber Sie haben sie für eine Hure gehalten und das sogar der Gemeindeverwaltung gegenüber geäussert“, sagte ich.
Er wurde sehr verlegen und fuhr sich ein paar Mal nervös durchs Haar. „Das bedauern wir“, sagte er. „Aber sie wissen ja, was vorher in der Wohnung los war.“
„Ich weiss. Existiert eigentlich das Minibordell in der oberen Eckwohnung noch?“
Seine Miene wurde ungemein wichtig. „Zeitweilig, leider. Wir haben keine Handhabe dagegen vorzugehen.“
„Ich wünsche Ihnen trotzdem einen angenehmen Lebensabend hier“, sagte ich. Bis zur Kurve konnte ich ihn noch im Rückspiegel dastehen sehen. Dann verschwanden er und die Residenza auf Nimmerwiedersehen.
In Melide parkte ich vor dem Café della Posta, wo zufällig ein Platz frei war. Ich trank eine Tasse Tee und ass zwei Brötchen. Am Nebentisch machten die Männer, die immer dort sassen, Lokalpolitik. Laut und gestenreich, doch ohne je aggressiv oder beleidigend zu werden. Sie tranken ihren Rotwein in kleinen Schlucken, denn der Tag war lang, und sie hatten keine Eile, ihn über die Runden zu bringen.
Um zwölf, als die Post nebenan schloss, und die beiden Beamtinnen, bei denen ich so manche Briefmarke gekauft hatte, Arm in Arm davon gingen, machte ich mich auf den Weg. Ich wollte um die gleiche Zeit wie damals auf der Piazza sein.
Die Seeuferstrasse zwischen Melide und der Stadt ist am Abend, wenn man drüben auf der anderen Seeseite die Lichter von Campione mit seinem Spielkasino und vor sich den lichterbetupften Monte Bré sieht, spektakulärer als am Tag. Aber die Aussicht an ihrem höchsten Punkt am Capo San Martino auf den Golf und die Stadt ist auch im Hellen schön.
Wie damals parkte ich den Wagen im Autosilo kurz vor der Innenstadt und ging zu Fuss weiter. Vorbei an den mit grünen Netzen verhängten Gerüsten, hinter denen das ehemalige Palasthotel renoviert und umgestaltet wurde. Ein Generationenwerk, wie es schien, denn die riesige, grünverpackte Baustelle prägte das Bild der Stadt schon seit Jahren. Dahinter, vor dem Eingang zur Via Nassa und der ausrangierten Standseilbahn hinauf zur Englischen Kirche, duckt sich die Kirche Santa Maria degli Angioli, vor der eine Gruppe von Touristen die üblichen, unnützen Erklärungen entgegen nahm. Ich war kein Freund von Kirchen und Museen und kannte den Namen dieser Kirche nur, weil ich ihn mir auf einem ‚Kulturrundgang’ gemerkt hatte, zu dem Carlotte mich überredet hatte. Carlotta, was die wohl machte?, kannte die Namen aller Kirchen, nicht nur im Tessin, sondern wenigstens in ganz Europa.
In der Via Nassa, die zur Fussgängerzone gehört, war es schattig und angenehm kühl. Die Geschäfte, darunter eine Anzahl hochkarätiger Bijouterien und Nobelboutiquen, die den luxuriösen Ruf der Strasse weit über alle Baudenkmäler der Stadt erhoben hatte, waren über Mittag geschlossen. Ein paar kleine Cafés und Souvenirshops lockerten die Phalanx der grossen Namen wohltuend auf. An der Piazetta San Carlo gab es sogar ein Billigkaufhaus, vor dessen Eingang im Angesicht prominenter Schmuck- und Modedesigns billige Bratpfannen, Unterhemden und Plastiksandalen angeboten wurden. Auf dem kleinen, modern gestalteten Platz sang ein Strassenmusikant Lieder von Bob Dylan zur Gitarre. Ein paar Leute waren stehengeblieben. Ich gesellte mich zu ihnen. Seltsam, damals hatte an dieser Stelle ein ähnlicher Typ gesungen und ich hatte ihm ein paar Minuten lang zugehört
Ich war nun fast am Ziel. Knapp einhundert Meter noch. Die Strasse, durch die ich immer gerne gegangen war, und alles in ihr, von Gianfranco Ferres sündhaft teuren Blazern bis zu den Billigbratpfannen, verlor plötzlich jegliche Bedeutung. Auf den letzten Metern bis zur Piazza, dem grossen, zentralen Platz der Stadt, wurde die Lebensuhr in mir gnadenlos um ein ganzes Jahr zurückgestellt. Meine Schritte gingen den gleichen Weg, aber es war nicht das Heute, sondern das Gestern, das arglistig, als läge es noch unbekannt vor mir, seinen Schrecken abstreifte, meinem unverstellbaren Wissen jedoch gleichzeitig zu verstehen gab, dass ich das ganze Entsetzen noch einmal durchmachen musste, um die Wunde für immer zu verschliessen... .
Francesca rief mich gegen zehn Uhr morgens aus L. an. Ihr Besuch bei dem dortigen Kunden werde länger dauern als angenommen. Ich solle sie nicht, wie abgemacht, um zwölf in ihrem Büro zum Essen abholen, sondern auf der Piazza auf sie warten. Sie werde frühestens um halb eins dort sein.
„Du weißt ja, wie das ist, Terry. Die schaffen sich teure Systeme an und kommen dann nicht damit zurecht. Und ich muss es ausbügeln.“
„Vielleicht tun sie auch nur so“, erwiderte ich. „Sie haben dich einfach gerne um sich. Vor welchem Café soll ich warten?“
„Vor dem Witwencafé oder wo du Platz findest“, sagte sie. „Möglichst in einer der vorderen Reihen und in der Sonne.“
Wenn Francesca auswärts zu tun hatte, waren solche Anrufe nicht ungewöhnlich. Einige ihrer Kunden stellten sich bestimmt dümmer an als sie waren, um Francesca noch zum Mittag- oder Abendessen einladen zu können. Aber sie nahm solche Einladungen nur an, wenn es aus geschäftlichen Gründen unvermeidbar war.
Ich machte an diesem Morgen gute Fortschritte mit meiner Arbeit, und die zusätzliche halbe Stunde kam mir gelegen. Um viertel vor zwölf rasierte ich mich und zog ein Paar weisse Jeans und ein T-Shirt an, auf dem eine originell gestaltete Windrose prangte. Immer wenn ich es trug, hatte ich das Gefühl, in alle Himmelsrichtungen gleichzeitig zu gehen.
Es war ein ganz normaler Tag. Die feuchte, tropische Hitze, die uns wochenlang geplagt hatte, war vorüber und hatte nach heftigen Gewittern einer angenehmen, trockenen Wärme Platz gemacht. In der Residenza waren viele Wohnungen noch besetzt. Von den höher gelegenen Terrassen konnte ich Stimmen und das Klappern von Geschirr hören.
Auf der Seeuferstrasse war um die Mittagszeit wenig Verkehr. Ich brauchte bis zum Autosilo nur zehn Minuten. Ohne Eile ging ich zu Fuss durch die Via Nassa und hörte auf der Piazetta San Carlo minutenlang einem Strassensänger zu, der ‚Let It Be, Let It Be’ sang. Im Weitergehen dachte ich daran, wie die Beatles zum ersten Mal bei uns in Australien gewesen waren und den Kontinent förmlich aus den Angeln gehoben hatten.
Kurz bevor die Via Nassa auf der Piazza endet, überquert sie einen kleinen Platz, der, glaub’ ich, Emilio Maraini heisst. Dort war an diesem Tag ein Blumenmarkt gewesen, dessen Überreste gerade zusammengepackt wurden. Ein kleiner, blühender Kaktus lag auf der Strasse. Ich hob ihn auf, und eine Frau sagte, ich könne ihn für einen Franken haben. Francesca hatte viele Kakteen auf dem Fensterbrett, und ein Kaktus war mein erstes Mitbringsel gewesen, damals, an dem Abend auf ihrer Terrasse.
Die Cafés rund um die Piazza, deren Tisch- und Stuhlreihen weit auf den Platz hinausdrängten, waren dicht besetzt. Verbkäuferinnen in leichter Sommerkleidung, korrekt angezogene Bankangestellte, Touristen im schlabberigen Freizeitlook, Damen vom Monte Bré, die ihre Morgeneinkäufe erledigt hatten, Zeitung lesende Herren der Stadtverwaltung, Mailänder Geschäftsleute, die mit ihren Freundinnen hier anonymer waren als auf ihrem heimischen Domplatz, Leute wie ich, die in Ferienhäusern und Apartments den Sommer totschlugen – ich arbeitete wenigstens zeitweilig – eine farbenfrohe, friedliche Menge, beschaulich und lebhaft, ausruhend der Sonne zugewandt. Gestikulierend, diskutierend, wobei Italienisch und Deutsch überwogen aber auch englische, französische und andere Wortfetzen auszumachen waren. Dazwischen die Kellnerinnen und Kellner, in den engen Durchgängen ihre Tabletts balancierend, ohne besondere Hast, der lockeren, entspannten Atmosphäre angepasst.
Ich konnte keinen freien Stuhl entdecken, geschweige denn einen freien Tisch. Es war Mittagspause, und die Leute hatten Zeit. Herumspähend blieb ich mit meinem Kaktus vor den Tischreihen des ‚Witwencafés’ stehen. Francesca hatte dieses wohl bekannteste Café am Platz so getauft, weil dort das ganze Jahr hindurch, besonders vormittags, stets eine Anzahl gut gekleidete, reiche ältere Damen anzutreffen war. „So eine musst du dir wieder anlachen“, hatte sie gesagt, nachdem Carlotta Hiller weggezogen war. „Die warten doch geradezu auf dich, Terry.“
„Ich wüsste nicht, was ich mit so einer anfangen sollte“, hatte ich erwidert. Wir hatten uns fast ein wenig verlegen angeschaut, ich hatte den Druck ihres untergehakten Armes gespürt, und dann hatten wir lachen müssen.
Das Witwencafé hob sich durch seine campariroten Tischdecken und Sitzkissen und die graziösen weissen Tische und Stühle von den weniger farbigen Ausstattungen der Konkurrenz deutlich ab. Die Kellner trugen schwarze Hosen, frische weisse Hemden und rote Westen. Einer von ihnen, Franco, sah mich und gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, dass der Ecktisch in der ersten Reihe frei werde. Ich postierte mich mit dem Kaktus in der Nähe und wartete, bis die Gäste bei Franco bezahlt hatten und sich erhoben.
Ich hatte einen Tisch in der vordersten Reihe und in der Sonne. Francescas Wunsch war erfüllt. Rückblickend betrachtet wäre es womöglich besser gewesen, wir hätten woanders gesessen, mittendrin, eingekeilt in der Menge. Aber vielleicht hätte es dann ein Massaker gegeben. Die Frage, was geschehen wäre wenn... ist sowieso die nutzloseste von allen.
Ich bestellte ein grosses Bier bei Franco und setzte mich so, dass ich den rückwärtigen Zugang zur Piazza neben der Bar Argentino im Auge behalten konnte. Von dorther musste sie kommen. Vor dem Argentino sah ich Giulietta, eine Freundin von Francesca und Lilly, mit ein paar Kollegen sitzen. Sie drehte mir den Rücken zu, und ich erkannte sie nur an ihrer ungewöhnlichen Haarspange. Ein Pärchen fragte, ob die beiden Plätze an meinem Tisch noch frei seien. Ich verneinte und stellte vorsichtshalber den Kaktus auf einen der beiden Stühle.
Franco brachte das Bier. Schwer atmend blieb er stehen. „Das ist nicht mein Tag heute“, seufzte er. „Ich habe eine Beule ins Auto gefahren, einen Hundertfrankenschein verloren, Streit mit dem Patron gehabt, und gerade sind zwei alte Damen von dem Tisch dahinten verschwunden ohne zu bezahlen. Wer weiss, was noch alles passiert. Ich hätte zu Hause bleiben sollen.“
„Vielmehr kann nicht passieren“, tröstete ich ihn.
Er schüttelte den Kopf und ging ein paar Schritte weiter.
Pünktlichkeit war eine von Francescas Tugenden. Um zwanzig vor eins tauchte sie genau dort auf, wo ich es vermutet hatte. Sie trug das weisse Kostüm, das wir in Bologna gekauft hatten, das erste und einzige Kleidungsstück, das ich ihr je geschenkt hatte. Ich sah sie manchmal mit geschlossenen Augen darin, wie sie aus der Anprobierkabine getreten war. Der Rock endete anderthalb Handbreit über dem Knie, züchtig genug, wie sie gemeint hatte, um das Kostüm auch einmal, bei einem Geschäftsbesuch tragen zu können. Dass die Fasson des Rockes ihre langen, braungebrannten Beine eher betonte als bedeckte, war indes nicht abzuleugnen. Ähnlich verhielt es sich mit dem taillierten Jäckchen, das klassisch, ja fast neutral wirkte, hätte es nicht diesen geschickt gemachten, stimulierenden Ausschnitt gehabt. Auf den Aufschlägen des Jäckchens züngelten zwei feine schwarze Schlangen.
Selbst in dieser abwechslungsreichen Gesellschaft war Francesca eine besondere Erscheinung. Gross, schlank, mit langem nachtfarbenen Haar, das ihr leicht gekräuselt über die Schultern fiel, und sehr dunklen Augen in einem fein geschnittenen Gesicht, zog sie viele Blicke auf sich. Sie machte die in mittäglichen Müssiggang verfallene Menge durch ihr blosses Erscheinen munter. Die Männer, nicht nur die Südländer, drehten sich unverhohlen und, je nachdem wie sie sassen, mit artistischen Verrenkungen nach ihr um. Ein paar vereinzelte, in diesem Milieu weniger praktizierte Pfiffe folgten ihr. Selbst die Frauen, die sie krampfhaft zu ignorieren versuchten, konnten die Augen nicht niederschlagen.
Francesca, die viele Leute durch ihre Arbeit kannte, winkte diesem und jener zu – auch Giulietta drehte sich um und winkte – und blieb ein paar Mal stehen, um kurz mit jemandem zu sprechen. Ich erhob mich, damit sie mich sehen konnte, und als wir uns den üblichen, dreifachen in die Luft gehauchten Wangenkuss gaben, hatte ich das Gefühl, mitten auf einer Freilichtbühne eine Liebesszene zu spielen. Dabei waren Francescas Duft, die Berührung mit ihr, meine Hand auf ihrer Taille, das kurze Aneinanderdrücken der Wangen, die schnelle, alles sagende Verständigung mit den Augen ganz und gar nicht für das gaffende Publikum bestimmt, das sich ohnehin keinen Reim auf uns machen konnte.
Wir setzten uns hin, und die Leute schauten wieder in ihre Kaffeetassen oder mit geschlossenen Augen in die Sonne.
„Ist der für mich?“ fragte Francesca auf den Kaktus deutend.
„Für deine Sammlung“, nickte ich.
Sie nahm ihn und stellte ihn vor sich auf den Tisch. „Er blüht“, sagte sie mit kindlicher Begeisterung. Pflanzen waren ihr ein und alles.
„Ich habe ihn am Blumenmarkt auf der Strasse gefunden.“
„Umso besser werde ich auf ihn aufpassen.“ Sie umschloss mit ihren ästhetischen Fingern meine Hand.
„Bist du fertig geworden bei dem Kunden?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Muss morgen früh noch einmal hin.“
„Warum bist du nicht dort geblieben und hast es zuende gebracht?“
„Dann hätte ich dich versetzen müssen. Ausserdem will Marcello um eins hier vorbeikommen.“
„Marcello? Das heisst, ich werde ihn offiziell kennen lernen?“
„Es wird Zeit, Terry. Er hat schon ein paar Mal nach dir gefragt.“
„Warum hast du mich nicht vorgestellt, als du neulich auf deiner Terrasse mit ihm gegessen hast?“
Sie drückte meine Hand. „Das konnte ich nicht. Wegen ihm konnte ich dich nicht rufen, verstehst du das?“
„Ja, ich verstehe das. Übrigens habe ich dich später mit ihm weggehen gesehen. Er sieht gut aus. Scheint auch vom Alter her zu dir zu passen.“
„Findest du?“ Sie blickte tief in meine Augen, als suche sie die Wahrheit meiner Äusserung darin.
„Wirklich“, sagte ich und tauchte meinerseits in ihren Augen unter, in deren sinnlichem Dunkel ich mich von Anfang an verloren hatte.
Franco der Kellner brachte unaufgefordert einen Ristretto, einen kleinen schwarzen Kaffee, den Francesca so regelmässig bestellte wie ich mein grosses Bier.
„Franco hat einen schlechten Tag heute“, erklärte ich ihr. „Sei nett zu ihm.“
Der Kellner winkte ab. „Wenn ich die Signora sehe, geht es mir sowieso gleich besser.“
„Ihr seid richtige Schlitzohren“, sagte Francesca.
Ich lehnte mich zurück und streckte die Beine aus. Francesca schlüpfte kurz aus ihren hohen Schuhen und bewegte spielerisch die eingeengten Zehen, einen nach dem anderen. Ausser ihr kannte ich niemand, der das konnte. Bei diesem Wetter trug sie keine Strümpfe, und ich kam in die Versuchung nach den tastenden Zehen zu greifen und an ihrem Bein heraufzustreichen bis an den Rand des etwas hoch gerutschten Rocks. Aber wir sassen in der ersten Reihe, ausgesprochen exponiert, und ich musste Wohlverhalten an den Tag legen. Ausserdem kam dieser Marcello. Francesco schlüpfte in ihre Schuhe zurück, und ich setzte mich wieder aufrecht hin.
„Ich habe mit meiner Vermieterin telefoniert“, sagte sie. „Ich werde die Wohnung in der Residenza zum Jahresende kündigen.
„Ist es wirklich soweit?“ Ich sprach mehr zu mir selbst als zu ihr.
„Drei Monate Kündigungsfrist“, sagte sie. „Diese alte Halsabschneiderin will mir nicht einmal den Telefonanschluss bezahlen, der auf meine Kosten installiert wurde.“
„Dann reissen wir ihn raus“, sagte ich eine Spur zu bitter. „Wir reissen alles raus, was nicht niet- und nagelfest ist.“
„Sei vernünftig, Terry“, sagte Francesca. „Wir wussten immer, dass es so kommen würde. Es hätte auch sein können, dass du wegziehst.“
„Hätte ich nie getan.“
„Mach’ keine Sprüche“, sagte sie. „Wir werden uns regelmässig sehen.“
„Wenn Marcello nichts dagegen hat.“
„Marcello ist ganz vernünftig“, sagte sie.
„Wenn es um eine Frau geht ist kein Italiener vernünftig. Schon gar nicht, wenn es um eine schöne Frau und andere Männer geht. Denk’ an den Ärger mit Caporale.“
„Il Caporale ist ein Psychopath“, sagte sie. „Übrigens hat er nie etwas gegen dich gehabt.“
„Weil wir ihn überlistet haben, Francesca. Nur deshalb nicht.“
Später habe ich mir ein paar Mal vorgeworfen, Marcello und Caporale mit dieser kurzen Unterhaltung regelrecht herbeigeredet zu haben. Aber das war natürlich Unsinn, denn als wir von ihnen sprachen, hatten sie sich längst auf den Weg gemacht, und das Schicksal nahm, wie es so einfältig heisst, seinen Lauf.
Als habe sie meine noch nicht gestellte Frage, wann ich sie überhaupt noch einmal allein sehen würde, geahnt, sagte Francesca sich zu mit herüberbeugend „Nächste Woche werde ich jeden Abend allein sein. Marcello muss verreisen. Ich lade dich einmal zum Abendessen zu mir ein. Und einmal musst du mich einladen.“
„Vielleicht auch zweima oder dreimal“, sagte ich. „Es muss für den Rest meines Lebens reichen.“
„Wie elegisch“, sagte sie, aber ihre Stimme klang etwas rau, und ich wusste, dass sie an das gleiche dachte wie ich.
Da nun jeder die Gedanken des anderen erraten hatte, schwiegen wir fast verlegen. Francesca nippte an ihrem Ristretto, ich bestellte mir ein weiteres Bier. Wir wechselten noch ein paar Worte miteinander, doch ich konnte mich später nie mehr daran erinnern, um was es gegangen war.
Umso deutlicher wurde alles von dem Augenblick an, in dem Francesca sagte : „Da kommt Marcello.“
Er kam von dort her, wo die Piazza sich zum See hin öffnet, obwohl das Wasser ein Stück entfernt ist. Ich erkannte ihn nicht sofort, denn ich hatte ihn erst zweimal gesehen. Einmal an dem Abend, an dem sie mit ihm weggegangen war, und einmal in einem Kaufhaus, wo ich sie von weitem beobachtet hatte. Ähnlich wie Francesca zog auch Marcello so manchen Blich auf sich. In einem beigen lässig doch korrekt sitzenden Leinenanzug, das gewellte Haar modisch über die Ohren zurückgekämmt, mit einem etwas melancholischen Blick und einem Dreitagebart gab er die Figur eines Mannes ab, den die meisten Frauen kurzerhand als ihren Typ bezeichnen würden, und der in jeder stilvollen Fernsehreklame Eindruck gemacht hätte. Vor dem Panorama aus See und Bergen wirkte er wie ein Modell aus einem Modekatalog. Niemand wäre verwundert gewesen, wenn eine Kamera vor ihm her gefahren wäre. Er ging langsam an den aufdringlich gelbroten Tischen und Stühlen eines Fast-Food-Restaurants vorbei, das wenig dezent die Ecke zur Seeuferstrasse verunstaltete. Noch war er zu weit entfernt, um uns auf dem belebten Platz sehen zu können, doch Francesca hatte ihre Hand bereits von meiner herunter genommen und ihr Jäckchen über dem Ansatz des Decolletés züchtig glatt gestrichen.
„Jetzt musst du dich benehmen“, sagte ich.
„Du aber auch, Terry. Ich habe meinen Nachbarn immer als einen sehr seriösen Herrn dargestellt.“
„Ich werde dieser Darstellung gerecht werden“, versprach ich.
Während Francesca den näher kommenden Marcello im Auge behielt, liess ich meinen Blick im Halbkreis über den Platz schweifen, von Giuliettas verrückter Haarspange bis zur Einmündung der Via Nassa. Mit solchen träge wandernden Blicken erwartet man kaum, etwas Besonderes zu sehen. Auch ich erwartete das nicht. Umso alarmierender war es, dass Il Caporale aus der Via Nassa kommend die Piazza betrat. Im Gegensatz zu Marcello war Il Caporale eine unauffällige Erscheinung. Er sah wie ein etwas zu klein geratener amerikanischer Marine-Infanterist aus. Seinen Spitznamen hatte er aber nicht deshalb bekommen, sondern weil er angeblich Korporal bei der italienischen Polizei gewesen war. Er trug Grau. Auch heute, an diesem warmen Tag, trug er einen dünnen grauen Rollkragenpullover und eine gleichfarbige Hose mit Bügelfalte. Sein kurzes, bürstenförmig geschnittenes Haar war sehr unitalienisch. Unter dem linken Arm, eng an den Körper gepresst, trug er eine dünne schwarze Aktenmappe.
Ich ahnte beim Auftauchen von Caporale nicht Gutes und hätte meiner inneren Stimme, die mir riet, unverzüglich mit Francesca zu verschwinden, folgen sollen. Anderseits war Il Caporale in meiner Gesellschaft immer recht umgänglich gewesen, und vielleicht gelang es mir, in aller Ruhe ein Gläschen mit ihm zu trinken, während Francesca und Marcello, der sich bestimmt nicht an einen Tisch mit ihm setzen würde, woanders hingingen.
Il Caporale hatte uns zweifellos längst gesehen, wenn nicht sogar schon eine Zeitlang beobachtet.
„Da kommt auch Caporale“, sagte ich leichthin und machte mit dem Kopf eine Bewegung in seine Richtung.
„Madonna“, flüstere Francesca unter ihrer Bräune bleich werdend. „Was will der denn hier? Siehst du die Aktenmappe?“
„Du solltest mit Marcello woanders hingehen“, schlug ich vor. „Ich übernehme Caporale.“
„Er kommt nicht deinetwegen, Terry“, sagte Francesca. In ihrer Stimme schwang unüberhörbare Angst mit.
„Kennt er Marcello?“ fragte ich.
„Nicht offiziell. Aber er hat uns bestimmt schon heimlich nachspioniert. Hoffentlich verliert Marcello nicht die Beherrschung.“
Doch soweit sollte es gar nicht mehr kommen.
Die beiden Männer gingen rechtwinklig aufeinander zu, wobei unser Tisch den Punkt bildete, in dem sich ihre Linien treffen mussten. Marcello hatte uns inzwischen entdeckt und deutet durch ein leichtes Heben der Hand einen Gruss an. Auf Caporales Gesicht lag das maskenhafte Lächeln, das er nie ablegte. „Er sieht selbst im Schlaf so aus“, hatte Francesca einmal gesagt.
Sie waren jetzt nur noch wenige Meter von unserem Tisch und voneinander entfernt. Marcello kannte Caporale nicht, soviel stand fest, denn er beachtete ihn gar nicht. Das Stimmengewirr auf der Piazza war, nachdem alle ihre Distretti, Espressi und Capucini getrunken hatten und sich in der Mittagssonne streckten, etwas abgeflaut. Auf dem grossen, feien Platz in der Mitte waren gerade in diesem Augenblick keine weiteren Fussgänger. Es war, als sei das ganze Bild mitsamt dem Ton zum Stillstand gekommen – bis auf die beiden Männer, die sich lautlos auf unseren Tisch zu bewegten.
Und dann zerrissen plötzlich zwei Schüsse die Pseudostille.
Il Caporale hatte schneller gezogen als der legendäre Wyatt Earp in seinen besten Tagen. Keinen Colt aus einem offenen Halfter, sondern eine eher unhandliche Pistole aus der unscheinbaren Aktenmappe. Es sah so aus, als sei Marcello in einen überaus mächtigen Windstoss geraten, der ihm die Haare zu Berge stehen liess und sein Gesicht verzerrte. Trotzdem tat er noch ein paar Schritte, bevor er mit einer fast anmutigen Drehung zusammenbrach.
Das alles ging so schnell, dass noch nicht einmal ein Schrei ertönt war, bevor die nächsten beiden Schüsse fielen.
Ich hatte versucht, Francesca an mich zu ziehen, doch sie war aufgesprungen und bot in ihrer Grösse und dem weissen Kostüm ein Ziel, das auch ein Sehbehinderter getroffen hätte. Und Caporale traf sie, ohne sein maskenhaftes Lächeln zu verändern. Sie stürzte zur Seite, und ich fing sie mit beiden Armen auf.
Erst jetzt, während Il Caporale die Pistole in die Aktenmappe zurück schob und nicht, wie ich befürchtet hatte, auch mich noch niederstreckte, brach das Chaos los. Die Leute an den benachbarten Tischen sprangen schreiend auf und drängten zurück. Die meisten der grazilen Tischchen und Stühle fielen dabei um. Gläser, Flaschen und Tassen zersplitterten am Boden. Einige Leute verfingen sich in den campariroten Tischdecken und fielen hin. Die Leute im Hintergrund, die nicht unmittelbare Zeugen der Hinrichtungen geworden waren, erhoben sich, um mehr zu sehen und versperrten den Zurückdrängenden den Weg. So bildete sich in dieser aus Neugierde und Angst bestimmten Entfernung ein Kreis, in dem der auf dem Pflaster liegende Marcello, der graue Caporale mit seiner tödlichen Aktenmappe und ich mit Francesca in den Armen plötzlich ganz allein waren. Vier Akteure einer Tragödie, deren Ausgang unfassbar unlogisch war.
Caporale machte keine Anstalten auch mich zu liquidieren, sondern tat im Gegenteil etwas recht Ungewöhnliches. Er trat an den Tisch, legte die Aktenmappe darauf und setzte sich auf einen der freien Stühle. „Finito, Terry“, sagte er, „fertig.“ Und dann richtete er seinen Blick auf einen fernen, imaginären Punkt, der weit hinter den Häusern der Stadt liegen musste. Er sagte kein einziges Wort mehr.
Ich schaute auf Francesca in meinen Armen und nahm nicht mehr alles wahr, was um uns herum vorging. Sie hatte die Augen geöffnet und versuchte, stossweise zu atmen. Der rote Fleck auf ihrem Kostüm wurde schnell grösser. Er hatte schon die Windrose auf meinem T-Shirt und die weissen Jeans erreicht. Es war schwer zu sagen, wo sie getroffen war. Auf jeden Fall unterhalb der Schultern. Ich bemühte mich, keine Bewegung zu machen. Ich dachte an den hübschen BH, den sie unter dem Kostüm trug, von dem ich ein Stück, das noch weiss war, erkennen konnte. Hoffentlich, dachte ich auch, sind ihre schönen Brüste unversehrt geblieben.
„Du hattest Recht, Terry, er ist verrückt“, hauchte sie.
„Ganz ruhig“, sagte ich mich dicht an ihr Ohr beugend und den unverändert lockenden Duft ihres Haars einatmend. „Ganz ruhig. Es wird gleich Hilfe kommen.“
„Marcello?“ fragte sie.
„Es ist schon jemand bei ihm“, sagte ich. Tatsächlich beugten sich zwei Männer über ihn, die sich gerade ansahen und mit den Köpfen schüttelten.
Franco der Kellner, der diesen Tag nun ganz bestimmt nie vergessen würde, hatte sich aus der lamentierenden Menge gelöst, war an unseren Tisch getreten, hatte sich mit einem mutigen Griff Caporales Aktenmappe bemächtigt und sich hinter dem abwesend Lächelnden postiert, bereit, ihn an jeder Bewegung zu hindern.
Aus einer kleinen Tür des gegenüberliegenden Rathauses kamen zwei Beamte der Stadtpolizei, die dort ihren Standort hat. Sie mussten wohl gerade beim Essen gewesen sein, denn einer von ihnen kaute noch und schloss im Laufen seinen Hosengurt. Der andere verlor seine Mütze, nach der er sich ungeschickt bückte.
Ich neigte mich wieder Francesca zu, deren Atem schwerer wurde. Sie bewegte die Lippen, und ich legte mein Ohr wieder dicht an ihren Mund.
„Terry“, wisperte sie stockend, „ich habe dir nie gesagt...“ Sie lächelte und schloss die Augen.
„Kann ich helfen? Ich bin Arzt“, sagte eine Stimme mit nordischem Akzent neben mir.
„Die Ambulanz muss jeden Augenblick hier sein“, meinte Franco der Kellner, der seine Position gerade an einen der Stadtpolizisten abtrat.
Tatsächlich hörten wir den Klang eines Martinshorns und dann einen zweiten und dritten. Alle Rettungswagen und Polizeistreifen der Stadt schienen sich auf die Piazza hin zu bewegen.
Meine Arme schliefen allmählich ein. Francesca, deren Atem in ein unregelmässiges Röcheln überging, wurde immer schwerer, obwohl sie viel Blut verlor, das meine Hose zunehmend tränkte.
Das Volk hatte sich inzwischen in seinem Zuschauerring eingerichtet. Viele Leute waren auf die Stühle gestiegen, und ein Mann hatte ein kleines Mädchen auf die Schultern genommen, um ihm frühzeitig zu zeigen, was passieren konnte, wenn ein eifersüchtiger Typ durchdrehte. Einige Leute hatten sich davon gemacht, nicht wegen der Grausamkeit des Geschehens, sondern weil die Gelegenheit zur Zechprellerei einmalig günstig war. Kein Kellner wusste mehr, wer wo gesessen hatte, und musste froh sein, wenn ihm in dem Gedränge nicht die eigene Geldtasche entwendet wurde.
Dann schlitterte der erste Wagen der Kantonspolizei auf den Platz. Er kam von der Seite, wo meine Bank war. Der Menschenring öffnete sich, und der Polizeiwagen überfuhr fast den am Boden liegenden Marcello. Die beiden Beamten stiegen aus und erfuhren von ihren Kollegen der Stadtpolizei, dass nicht ich der Täter war, sondern der, auf dessen Schultern ihre Hände ruhten. Einer der Beamten legte dem Caporale Handschellen an und fasste ihm in die Hosentaschen, wo er aber nichts zutage förderte. Il Caporale antwortete auch auf keine Frage und schien seine Identität solange wie möglich verheimlichen zu wollen. Der andere Beamte hatte inzwischen eine Decke über Marcello ausgebreitet.
Francesca wurde wie ein Felsblock in meinen Armen.
Endlich bog der Notarztwagen heulend um die Ecke. Die Polizisten drängten die näherrückende Menge energisch zurück und schufen eine Gasse. Aus dem Wagen sprangen zwei Sanitäter und eine junge Frau mit einem Arztkoffer. Sie überblickten die Szene routinemässig, wechselten ein paar Worte, und die Männer nahmen mir Francesca ab. Sie legten sie auf eine Trage. Die Ärztin schlug kurz die Decke über Marcello zurück und machte eine verneinende Geste zu den Polizisten.
Ich konnte mich kaum noch bewegen. Als ich steif aufstand, ging ob meiner blutgetränkten Kleidung ein Raunen durch die Menge.
„Sind Sie auch verletzt?“ fragte die Ärztin.
„Ich glaube nicht. Aber ich möchte mitfahren.“
„Sind Sie ihr Vater?“
„Nein. Ein Freund und Nachbar.“
„Va bene“, entschied die Frau.
„Wir brauchen ein paar Angaben von Ihnen“, sagte einer der Kantonspolizisten.
„Können wir das im Krankenhaus erledigen?“
„Meinetwegen. Wir folgen Ihnen. Es kommt sowieso Verstärkung.“
Ich fasste mit meinen blutverschmierten Fingern in die Gesässtasche und zog einen Zwanzigfrankenschein heraus, den ich Franco dem Kellner gab, der immer in der Nähe geblieben war.
„Mein Gott, Signore, das ist doch jetzt das Unwichtigste“, sagte er.
„Wenn du heute Abend abrechnest, wird es wieder das Wichtigste sein.“
Er schüttelte ungläubig den Kopf.
Bevor die Sanitäter die Tür schlossen, schaute ich noch einmal zurück. Il Caporale sass wieder auf dem Stuhl und blickte über den kleinen Kaktus hinweg auf jenen fernen, imaginären Punkt. Es war anzunehmen, dass er auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren würde.
Die Ambulanz stob heulend zum Bürgerspital hinauf. Die Ärztin und einer der Sanitäter bemühten sich um Francesca. Sie beatmeten sie und hängten sie an einen Tropf. Die Ärztin hatten ihr die Jacke geöffnet. Ich konnte von meinem Notsitz aus nichts als blutiges Rot sehen. Als ich fragte, wie es um Francesca stände, bekam ich keine Antwort. Das Blut auf meinem T-Shirt war fast eingetrocknet. Die Windrose war regelrecht ertrunken darin. Um den Gürtel herum sah ich aus, als habe jemand versucht, mich in zwei Teile zu zerschneiden. Die Ärztin machte ein paar Bemerkungen in ein Sprechfunkgerät, die ich jedoch nicht verstehen konnte. Mein Italienisch hätte für komplizierte, medizinische Begriffe sowieso nicht ausgereicht.
Der Wagen hielt vor der Notaufnahme des Krankenhauses. Ein paar Helfer nahmen die Trage, die ein ausklappbares Fahrgestell hatte, in Empfang. Für einen Augenblick konnte ich Francescas Hand drücken, die sich kühl und ledern anfühlte. Dann wurde sie im Eiltempo einen Gang entlanggeschoben, an dessen Ende sie hinter einer Tür verschwand.
Eine Schwester führte mich in einen Raum, in dem ein Tisch und ein paar Stühle standen. Während sie mich nach dem Namen der Patientin, nach ihrer Adresse und Krankenkasse fragte, kam der Polizist herein. Die Schwester fragte, ob ich sicher sei, keine Verletzung zu haben. Ich sähe ziemlich furchterregend aus. Ich tastete mich von der Brust bis zu den Knien ab, empfand aber nirgendwo einen Schmerz oder fühlte ein Loch.
„Wir schauen Sie später genauer an“, sagte die Schwester und ging.
Der Polizist blieb sitzen. Ich war froh, dass er blieb. Dass ich jetzt nicht plötzlich allein war. Er fragte mich nach meinen persönlichen Daten, und als er hörte, dass ich Australier war, sagte er, dass er schon lange einmal nach Australien wolle, und dass ich ihm, wenn all das hier vorbei sei, bei einem Bier vielleicht ein paar Tipps geben könne. Allerdings müsste ich mit meinem Pass und dem Ausländerausweis noch bei ihnen vorbei kommen. Dann fragte er mich, was auf der Piazza eigentlich passiert sei. Ich beschrieb es ihm so nüchtern und klar ich konnte und war erstaunt, wie einfach eine Zeugenaussage sein kann, wenn man persönliche Gefühle und Blickwinkel beiseite lässt.
Wer der Tote am Boden gewesen sei?
Ich wusste nur, dass er Marcello hiess und Partner in einem Architekturbüro war. Dass Francesca ihn seit einiger Zeit kannte und ihn auf der Piazza erwartet hatte.
Und der Täter? Was ich über den Täter wisse.
Über den Täter wusste ich sehr viel. Seltsamerweise aber nicht so etwas Selbstverständliches wie Namen und Adresse. Ich kannte nur seinen Spitznamen ‚Il Caporale’ oder auch nur ‚Caporale’ und seine Autonummer, was der Polizist als grosse Hilfe bezeichnete.
In welchem Verhältnis der Täter zu uns gestanden habe?
Er sei ein früherer Freund von Francesca Colanni, sagte ich.
„Gelosia? Eifersucht?“ fragte der Polizist.
„Wahrscheinlich.“
„Vielleicht hat er auch auf Sie geschossen und Sie nur nicht getroffen., sagte der Polizist. „Mitten auf der vollbesetzten Piazza. Es ist ein Wunder, dass nicht mehr passiert ist. Sie werden sich in den nächsten Tagen zur Verfügung halten müssen. Die Kollegen von der Mordkommission werden noch weitere Fragen haben und müssen ein Protokoll machen.“
„Ich bin unter meiner Adresse zu erreichen“, sagte ich. „Nur auf die Piazza will ich nie wieder.“
„Das kann ich verstehen.“ Er steckte seine Notizen in die Hemdtasche, stand auf und gab mir die Hand. „Ich hoffe, Frau Colanni kommt durch. Man wird uns benachrichtigen. Sollen wir Sie nach Hause bringen?“
„Nein. Ich werde warten.“
„Bene.“ Er salutierte und ging, drehte sich aber in der Tür noch einmal um. „Sollen wir uns mit den Angehörigen von Frau Colanni in Verbindung setzen?“
„Ich werde sie anrufen, sobald ich weiss, wie es um Francesca steht. Ich nehme an, sie werden sofort kommen.“
„Danke“, sagte er. „Wir verlassen uns darauf.“
Jetzt war ich allein. Ich trat ans Fenster, durch das ich einen unerwartet schönen Blick auf die Stadt und den See hatte. Die Harmonie dieser Landschaft hatte mich immer fasziniert, und die mörderischen Schüsse hatten sie nicht zerrissen. Irgendwo da unten stellten sie die umgekippten Tische und Stühle wieder auf, kehrten die Scherben zusammen und fluchten über die Zechpreller. Das Fernsehen würde vielleicht gerade noch den Blutfleck filmen können, den Marcello auf dem Pflaster hinterlassen hatte. Und sie würden ein paar Interviews machen, wobei sie meistens Leute erwischten, die im Rausch ihrer Selbstdarstellung die Tatsachen nicht mehr zusammen bekamen. Auch die Presse würde ausschwärmen , besonders die mit den grossen Buchstaben, und rücksichtslos in den Hintergrund der Tragödie eindringen, wobei sie auch auf mich stossen mussten. Schon deshalb, weil eines der Opfer in meinen Armen gelegen und der Täter bei mir am Tisch gesessen hatte.
Wenn sich das Wetter hielt, würde die Piazza in den nächsten Tagen noch bevölkerter sein als sonst. Von der Zeit aber und den ersten kühlen Herbstregen würde die Geschichte weggewaschen werden. Nur ich und ein paar andere würden für den Rest ihres Dasein mit ihr leben müssen.
Sollte Francesca durchkommen, würde ich mit ihr weggehen, nach Sydney, draussen nach Manly ans Meer, wo ich noch ein paar Freunde hatte, wo jetzt bald der Frühling kam, wo wir in der Sonne sitzen und auf den Ozean schauen konnten. Der Ozean, der so riesengross war, hinter dem Amerika kam, das auch so gross war, und dann noch ein Ozean, wieder Land und wieder ein Meer und dann erst dieser Ort, an dem diese grauenvolle Tat geschehen musste. An einem so ruhigen, friedlichen Ort, wo die Leute Kaffee und Aperitifs tranken. Erst jetzt schien mir klar zu werden, was geschehen war, und ich begann in der blutgetränkten Kleidung zu frösteln.
Nach einiger Zeit, während der mein Blick ziellos über den Dächern der Stadt kreiste, wurde die Tür geöffnet. Ein Herr in weisser Hose und weissem Polohemd, aber ohne Windrose und Blutflecken, kam zu mir ans Fenster. Er reichte mir die Hand und stellte sich als Dr. Galli vor. Er sah nach Leben, nach etwas Gutem, nach Zukunft aus. Ich schöpfte Hoffnung.
„Sie sprechen Italienisch?“ fragte er.
Ich bejahte.
„Und Sie sind der Freund von Frau Colanni?“
„Ein Freund und Nachbar.“
Er musterte mich, als wolle er einen Vergleich zwischen sich und mir anstellen. Wir waren ungefähr im gleichen Alter. Dann schaute er aus dem Fenster, als stände das, was er sagen musste, am Himmel über der Stadt geschrieben. „Wir haben sie nicht retten können. Niemand hätte das gekonnt.“
„Sie ist tot?“ fragte ich.
„Ja. Es tut mir Leid. Es tut mir besonders Leid, weil sie eine so schöne, junge Frau war, die mit ihrem Leben sicher noch viel vorgehabt hat. Es war Mord, nicht wahr?“
„Eine Hinrichtung“, sagte ich. „Eine Hinrichtung mitten auf der Piazza. Kann ich sie noch einmal sehen?“
„In ein paar Minuten“, sagte er.
„Was wird mit ihr geschehen?“
„Es wird eine rechtsmedizinische Untersuchung geben. Benachrichtigen Sie die Angehörigen?“
„Ja. Am besten gleich von hier aus.“
„Sehr gut“, sagte er. „Kommen Sie mit. Übrigens sollten wir schauen, ob Sie nicht doch verletzt sind.“
„Ich bin nicht verletzt. Mir ist nur ein wenig kühl.“
