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Jedes Jahr, gegen Ende des Winters, wird in dem kleinen Land in den Bergen der berühmte "Vier-Seen-Lauf" ausgetragen, ein Volkslauf für Skilangläufer, der 50 Kilometer über vier zugefrorene Bergseen und durch die dazwischen liegenden Wälder führt. Er endet in St.Montis, einem mondänen Wintersportort. Die Motive der am Wettbewerb Teilnehmenden sind mannigfaltig. In diesem Jahr, zur fünfundvierzigsten Austragung des Laufs, haben sich erstmals über 13'000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer angemeldet. Die Wetterverhältnisse, bis zum Vorabend noch strahlend, sind am Tag des Ereignisses ungünstig. An einer unübersichtlichen Stelle, im Zwielicht des trüben Wetters, wird das Feld der 13'000 wegen eines angeblich drohenden Eisbruchs von falschen Funktionären 'umgeleitet'. Auf heimlich präparierten Loipen führt der Lauf in ein Seitental hinein, an dessen Ende es kein Weiterkommen gibt. Es liegt dort ein halb verlassenes Dorf, Endt, in dem noch knapp fünfzig Leute leben. In diesem Weiler kommt es in den nächsten Stunden zu einem ausgesprochenen Chaos.
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Seitenzahl: 370
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Peter Axel Knipp
Ein schrecklicher Volkslauf Spo(r)ttbericht
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Inhaltsverzeichnis
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Impressum neobooks
Peter A. Knipp
Ein schrecklicher Volkslauf
Spo(r)ttbericht
Aus hinlänglicher Distanz
betrachtet
sind alle Sportarten absurd.
Insbesondere jene,
in denen tausende von
Teilnehmern
sich gleichzeitig messen
Am Vorabend
***
Morgengrauen
***
Der Vormittag
***
High-noon
***
Der Nachmittag
***
Götterdämmerung
***
Mitternacht
Am Vorabend
Hilmar X. Bronner
In diesen Zeiten waren Bekanntgaben von Massenentlassungen, schlicht Stellenabbau genannt, keine Hiobsbotschaften. Sie gehörten zum Alltag wie der Wetterbericht. Entsprechend nüchtern war denn auch das Kommuniqué des Multikonzerns SSL, Strasse, Schiene, Luftfahrt, abgefasst. Der Vorstand hatte auf den bekannten Wortlaut zurückgegriffen. Nur über die Zahl war länger diskutiert worden. Sollte man zugeben, dass es diesmal fast fünfzehntausend sein würden, im eigenen Land? Durfte man die Verlagerung des T-Bereichs nach Fernost dagegen aufrechnen? Da waren Arbeitsplätze entstanden, weltweit. Der Vorsitzende des Betriebsrats war der Ansicht gewesen...
Hilmar X. Bronner hatte ein paar Mal ungeduldig auf die Uhr geschaut. Nach sechs konnte man in St. Montis nicht mehr landen. „Dreizehntausend“, hatte er gesagt und das Gezänk um die Köpfe beendet. „Wir bleiben bei den ursprünglichen dreizehntausend“.
„Eine Unglückszahl“, hatte jemand gemeint.
„Es IST eine Unglückszahl „, hatte Hilmar X. Bronner gesagt und die Sitzung für geschlossen erklärt. Mit einem kurzen Gruss hatte er den Konferenzraum als erster verlassen.
„Der Helikopter wartet bereits“, hatte die Lotze ihn in seinem Büro empfangen. „Und Herr Kuster hat aus St. Montis angerufen. Es ist alles bestens dort.“
Kuster, sein Chauffeur, und die Lotze, seit siebzehn Jahren seine Sekretärin, waren die einzigen, auf die er sich blindlings verlassen konnte. Sie allein wussten, wo er während der nächsten achtundvierzig Stunden sein würde. Selbst Sybille, seine Frau, die zu Frühjahrs-
Einkäufen nach Rom geflogen war, wähnte ihn woanders.
„Ich drücke Ihnen die Daumen, dass es diesmal klappt“, hatte die Lotze noch gesagt.
Für jeden Platz unter tausend bekommen Sie eine Rose von mir“, hatte er gescherzt.
„Da kann ich nur hoffen, dass Sie fünfhundertster werden“, hatte sie gelächelt.
Sie wussten beide, wie illusorisch das war.
Er hatte darauf verzichtet, irgendwelche Unterlagen mitzunehmen. Schon während des Fluges galt es, sich mental auf die nächsten beiden Tage vorzubereiten, die ihn nicht als Vorstandsvorsitzenden der SSL fordern würden, sondern als Startnummer eintausenddreihundertsiebzig des Vier-Seen-Laufs und als Liebhaber von Olivia Pellier.
Die Lotze hatte ihn bis auf das Dach des Nebenbaus begleitet. Für den Fall, dass ihm in letzter Minute noch etwas einfiel. Doch er hatte die Hülle des Managers bereits verlassen und nur „bis Montag“ zu ihr gesagt.
Jetzt schwebte er endlich in der Luft. Der monströse Verwaltungskomplex unter ihm nahm überschaubare Ausmasse an. Bronners Vorgänger, der sich im Aufsichtsrat erholte, hatte das Unternehmen an den Rand des Abgrunds manövriert. Nur mit der Einführung des Heli-Service zum Flughafen hatte er Weitsicht bewiesen. Die Anfahrt auf der Strasse dauerte inzwischen länger als die meisten Inlandflüge.
Der Hubschrauber brauchte nur wenige Minuten. Besorgt wie sie war, hatte die Lotze seinen Sicherheitsbeamten mit in die Maschine beordert. Was konnte der schon tun, wenn sie abgeschossen wurden? Und nach St.Montis würde er den Mann sowieso nicht mitnehmen.
Da hatte er Kuster.
Morddrohungen aller Art gegen Hilmar X. Bronner waren in letzter Zeit wieder häufiger geworden. Besonders seit ihm die Strasse den Titel „Jobkiller des Jahres“ verliehen hatte. Aber die eigentliche Gefahr ging nicht von der Strasse aus, sondern von RAF’s, AIZ’s und ähnlichen, die sich erst meldeten, wenn man bereits tot war.
Der Helikopter landete in unmittelbarer Nähe des Firmenjets, der in der Schweiz immatrikuliert war. Der Sicherheitsbeamte begleitete ihn bis an das Flugzeug. Bronner begrüsste die beiden Piloten, verschwiegene, zuverlässige Eidgenossen, mit Handschlag. Erst als er sich in der kleinen, schnittigen Maschine in einen der Ledersessel fallen lies, fühlte er sich wohl. Der Flug war nach Mailand angemeldet. St.Montis würden sie plötzlich, unplanmässig ansteuern. Sie mussten eine halbe Stunde auf die Starterlaubnis warten. Am späten Freitagnachmittag waren Flughafen und Luftraum chronisch überlastet.
Er schaute aus dem Fenster, als sie abhoben und in einem Bogen über die Stadt auf Südkurs gingen. Die Staus auf den Autobahnen verloren sich in der Ferne. Da unten, dachte er, besonders in den tristen Wohnsilos an den Stadträndern werden tausende meiner Mitarbeiter dieses Wochenende in quälender Ungewissheit verbringen. Das Kommuniqué würde zwar erst am Montag veröffentlicht werden, aber die Angst hatte sich längst in ihren Wohnungen eingenistet. Gerüchte vergifteten seit Monaten ihr Leben. Er nahm es ihnen nicht übel, dass sie ihn Jobkiller nannten und „bei Hilmar X. geht nix“ skandierten. Er bedauerte nur, dass er zum falschen Zeitpunkt König der SSL geworden war. Mit Ludwig dem Sechzehnten hatte das Volk auch nicht dem Richtigen den Kopf abgehackt. Der war auch nur die letzte Figur in einer unseligen Entwicklung gewesen, für die er kaum etwas konnte. Übrigens waren die Zusammenhänge heute wesentlich komplexer als vor zweihundert Jahren. Das Abhacken von Köpfen brachte nichts mehr. Revolutionäre Verbesserungen dadurch waren kaum zu erwarten. Nach nur fünfzig Jahren drohte sich dieses Wirtschaftssystem einfach totzulaufen. Die Dinge gerieten immer schneller ausser Kontrolle.
Morgen, beim Vier-Seen-Lauf, da würde er sich voll reinhängen, wie sein Sohn zu sagen pflegte. Da lohnte es sich. Da gab es einen Start und ein klares Ziel, und auf den fünfzig Kilometern, die dazwischen lagen, wusste er, wofür er sich abmühte. Wenn er wirklich unter die ersten tausend kam wollte er das genauso hoch einschätzen wie seine Nummer eins bei der SSL. Vorher kam noch Olivia. Er durfte sich nur nicht von ihr überfordern lassen. Im letzten Jahr war das der Fall gewesen. Die exzessive Liebesnacht hatte ihn mindestens fünfhundert Plätze gekostet.
Sie flogen jetzt über das flache Land, in dem selbst aus der Höhe erste Spuren des nahenden Frühlings zu erkennen waren. Der Co-Pilot, der bei diesen diskreten Flügen als Steward fungierte, brachte ihm einen Whisky on the Rocks. Bronner unterhielt sich kurz mit ihm. Er mochte diese etwas unbeholfen und hölzern wirkenden Männer. Sie dachten noch nach über das, was sie sagten. Und sie schwiegen, wo es nötig war.
Nach dem Whisky löste sich seine Beklemmung über die dreizehn-, fünfzehn- oder zwanzigtausend abzubauenden Stellen endgültig. Das Gedankengeflecht von Bündnissen für Arbeit, für Aufschwung, für Ausbildung, von Ausstiegen aus defizitären Unternehmensteilen, und Förderung von Kernbereichen, von Wirtschaftsausschüssen, Technologievorsprüngen und Subventionsverschiebungen löste sich auf. Ja es war ihm, als fiele es stückweise auf die Erde hinunter. Wo es ihn beizeiten wieder einholen würde.
Körperlich fühlte er sich ausgesprochen fit. Seinen Trainingsplan hatte er trotz überdurchschnittlicher beruflicher Belastung mehr oder weniger eingehalten. Sommertraining mit Joggen, Radfahren und Rollskilaufen, Krafttraining und Schwimmen im eigenen Haus, Schneetraining bei Kurzausflügen in die Berge, auf den Loipen von St. Moritz und Davos, von Kitzbühel und Oberstdorf und an ein paar verlängerten Wochenenden in Schweden und Finnland. Die Zeit hatte er sich genommen. Mit zweiundfünfzig fühlte er sich keineswegs zu alt für eine solche Prüfung. Sibylle hatte versucht, ihn zum Tennisspielen oder Golf zu bewegen. Aber er hatte überhaupt kein Ballgefühl. Er liebte Ausdauer und Kraft. Das einzige, was ihm Sorgen machte, war sein Nervenkostüm. Noch waren die Risse darin so fein, das andere sie kaum bemerkten. Doch er selbst kam sich immer häufiger wie in einem abgeschabten Anzug darin vor.
Die Berge tauchten auf. Verdächtig klar und konturenscharf. Das deutete auf einen Wetterumschlag hin. In den letzten Tagen war es überall sehr schön gewesen. Kuster hatte bei seinem ersten Anruf aus St.Montis von traumhaften Bedingungen gesprochen. Doch ganz in der Ferne, im Südwesten, schien sich etwas zusammenzubrauen. Der Co-Pilot, nach dem er klingelte, bestätigte das. „In St.Montis müsste es morgen an sich noch schön sein“, sagte er. „Aber Sie wissen ja, wie das in den Bergen ist, Herr Bronner.“
Oh ja, das wusste er. Hoffentlich würde ihn diesmal nicht das Wetter ein paar hundert Plätze kosten. Die höheren Lagen der Berge, er schätzte so ab tausend Metern, waren noch schneebedeckt. Vor fünfzehn Jahren, als er den Unternehmensbereich in München geleitet hatte, war er regelmässig zum Wandern und Skilaufen in die Alpen gefahren. Die boomenden Achtziger hatten vor ihnen gelegen, und trotz ein paar kleinerer Rezessionen hatten sie alle geglaubt, es gehe immer so weiter. Auch er. Obwohl es an Warnungen nicht gefehlt hatte. Und der grosse Schlamassel stand noch bevor.
Langsam sinkend flogen sie in einer weiten Schleife in das Hochtal hinein. Für einen Augenblick konnte er das Tal in seiner vollen Länge sehen, bis zu jenem fernen Punkt, an dem sie morgen früh starten würden. Die riesigen, ebenen Flächen der zugefrorenen und verschneiten Seen waren gut zu erkennen. Sie liessen das Tal recht breit erscheinen. Zwischen ihnen jedoch war es gleichsam eingeschnürt. In den Verengungen, die jeweils ein paar Kilometer lang waren, erstreckten sich auf leicht gewelltem Land lockere Wälder. In diesen ‚bottlenecks’ würden sie nur langsam voran kommen, oft sogar zum Stillstand. Besonders in den hinteren Regionen des Feldes, wo viel unerfahrenes Volk mitlief, das mit den leichten Aufstiegen und Abfahrten nicht zurecht kam. Genau wie im Leben. Er musste früh versuchen, möglichst weit nach vorne zu gelangen, wo man zügig voran kam, wo einem nicht ständig jemand im Weg lag. Er freute sich auf diese Herausforderung und auf Olivia, die er gleich in den Armen halten würde. Wenn das Wetter so bliebe, so klar und heiter, würde er es diesmal schaffen. Doch es war ihm nicht entgangen, dass weit hinten , wo das Tal in den Horizont mündete, ein tückisches Gemisch aus Dunst und Wolken hing, das nur darauf zu warten schien, Unheil zu stiften.
Sie flogen jetzt sehr tief. Rechterhand, auf der Nordseite des Tals, schlängelte sich die Strasse entlang. Linkerhand bog ein breites Seitental nach Süden ab. An dieser Stelle, an der das Ziel des grossen Laufs lag, war die Landschaft offen. Die ersten Häuser von St.Montis tauchten auf. Der Ort zog sich vom Talboden wie auf breiten Terrassen den Südhang hinauf. Über allem thronte das Grand Palace mit seinen malerischen Türmen. Sicher stand Olivia dort am Fenster und sah den kleinen weissen Learjet hereinschweben. Übermütig band Hilmar X. Bronner seine Krawatte ab und steckte sie in die Jackentasche.
Kuster erwartete ihn in dem bungalowartigen Flugplatzgebäude. In der kleinen Halle, in der sonst selten jemand anzutreffen war, hantierte eine Menge Leute mit grossen, bunten Sporttaschen und Skisäcken.
„Es sind kurz hintereinander fünf Flugzeuge gelandet“, sagte Kuster. „Wie immer schon ziemlich viel Betrieb überall. Ihre Startnummer habe ich bereits geholt. Demoiselle ist schon am frühen Nachmittag eingetroffen.“
Demoiselle war Olivia.
“Klappt ja alles wieder ausgezeichnet”, sagte Bronner, und seine Stimme klang so ganz anders als ein paar Stunden zuvor in der unseligen Stellenabbaukonferenz.
Kuster war vor zwei Tagen mit dem Gepäck nach St.Montis gefahren. Ein kleiner, untersetzter Mann, sehr wendig, sehr aufmerksam. In St.Montis, wohin Hilmar X. Bronner stets ohne Sicherheitsbeamten reiste, war Kuster nicht nur Chauffeur und Mädchen für alles, sondern auch Bodyguard. Obwohl ein Anschlag auf Bronner in dieser heilen Welt als höchst unwahrscheinlich eingestuft wurde, nahm Kuster seine Aufgabe sehr ernst. Nur beim Skilauf konnte er seinen Herrn nicht begleiten, weil er diesen Sport nicht beherrschte.
In einem unauffälligen Wagen, den Kuster sich der Camouflage wegen geliehen hatte, fuhren sie zum Grand Palace hinauf. Dafür, dass sie sich auf gut fünfzehnhundert Metern Höhe befanden und der Abend nahte, war es milde. Der Winter war nie richtig kalt gewesen. Im Ort lag kaum noch Schnee. Die Strassen waren überaus belebt, standen schon ganz im Zeichen des morgigen Grossereignisses und des allabendlichen Après-Ski-Rummels. Die Anti-Pelz-Bewegung ‚lieber nackt als Pelze tragen’, die in den Grossstädten gern herumpöbelte, wäre hier oben von einer Flut edlen Pelzwerks erstickt worden. Wer sich nicht in Pelze hüllte, tummelte sich in anderen noblen Outfits. In St.Montis war das Zur-Schau-Stellen von Reichtum ‚in’. Es wurde erwartet. Für die Teilnehmer am Volkslauf, die hier nächtigten, traf die Bezeichnung Volk eigentlich nicht zu. Während des Laufs selbst aber gab es keine Klassenunterschiede. Es sei den solche der sportlichen Fähigkeit. Hilmar X. Bronner wollte sowohl als auch dazu gehören.
Kuster steuerte den Lieferanteneingang des Hotels an, wo der Direktor des Grand Palace seinen Gast wie zufällig empfing. Bronner und er waren im Lauf der Jahre Duzfreunde geworden, der Spitzenmanager und der Spitzenhotelier. Während Kuster dezent abtauchte, fuhren die beiden Herren mit einem Personallift nach oben. Unter dem Namen seines Chauffeurs, unter dem er auch an den Start des Volkslaufs gehen würde, bewohnte Hilmar X. Bronner die Blaue Suite im Westturm. Für einen Augenblick verharrten die beiden Herren in einer lauschigen Nische und tauschten Neuigkeiten aus. Dann konnte Bronner das sinnliche Verlangen, das ihn jedes Mal kurz vor einer Begegnung mit Olivia Pellier überkam, nicht mehr zügeln. Die letzten Schritte taten ihm körperlich weh.
Sie öffnete auf das vertraute Kurzkurz-Langlang-Klingeln. „Ksaviè“, hauchte sie, als er sie an sich zog. „Oh, Ksaviè.“
Sie war die einzige, die aus dem X. in seinem Namen etwas machte. Alle anderen benutzten es nur für Schmähungen und alberne Sprüche. Er hatte ernsthaft erwogen, sich nur noch Hilmar zu nennen, was distinguiert genug klang. Doch Olivia hatte dieses X, dieses Xaver, sie sagte Ksaviè, zum Kosenamen erkoren. Also hatte er es nicht gestrichen, und die Strasse skandierte weiter ‚bei Hilmar X. geht nix. Doch die Strasse hatte ihn noch nie bei einer Umarmung mit Olivia Pellier gesehen. Da ging durchaus etwas. Sie schafften es nicht einmal bis ins Schlafzimmer. Die Kleider hinter sich verstreuend endeten sie auf der riesigen Couch vor dem Panoramafenster, durch das man, ähnlich wie vom Flugzeug aus, weit das Tal entlangschauen konnte.
Als Ksaviè sich nach geraumer Zeit wieder aufrichten konnte, legte sich die Abenddämmerung über die Rennstrecke.
„Das kostet dich genau hundert Plätze“, schnurrte Olivia befriedigt.
„Mindestens“, stöhnte er. „Wir hätten uns erst morgen Abend treffen sollen“.
„NACH dem Lauf? Da bist du doch völlig kaputt“, lachte sie und versuchte, ihn mit ihren langen Beinen wieder zu sich herunter zu ziehen.
„Du untergräbst ganz perfide meine Kondition“, protestierte er. Es war schwer ihr zu widerstehen.
Sie liessen das Abendessen aufs Zimmer kommen. Er hatte sich während der letzten Wochen bemüht, einen Speiseplan für Ausdauersportler einzuhalten. Die empfohlene Relation von Kohlehydraten, Proteinen und Fett war ein Geschäftsessen nicht immer erreichbar gewesen. Umso lieber liess er sich jetzt eine ausgezeichnete Pasta alla Casa und ein grosses Steak servieren. Auf Alkohol verzichtete er. Olivia trank eine halbe Flasche Weisswein zu ihrem Filet de Daurade und wurde danach wieder gefährlich munter. Er überredete sie zu einem abendlichen Spaziergang durch den Ort und gab Kuster telefonisch Bescheid. Das tat er mehr, um Kuster zu beruhigen als aus Sicherheitsgründen. Sie verliessen das Hotel durch einen Hinterausgang, und der kleine Mann folgte ihnen in einer Entfernung, in der er kaum nützlich sein konnte.
In ihrem kurzen Silberfuchsmantel – mein Gott, die Tierschützer! – und den schenkelhohen, weichen Stiefeln wirkte sie leicht provozierend. Ein Klatschkolumnist hatte sie einmal als Edelnutte bezeichnet, aber er und sein Blatt hatten teuer dafür bezahlen müssen. Olivia Pellier, Anfang dreissig, war die Tochter eines bekannten französischen Bankiers, der es ihr ermöglichte, sich die Zeit zu vertreiben. Sie war, nicht unbedingt dem Jet-Set folgend, mal hier, mal dort, war zweimal verheiratet gewesen, liess sich aber am liebsten Demoiselle nennen. In Hilmar Ksaviè Bronner hatte sie sich verliebt. Das hielt jetzt schon seit einigen Jahren an. Wahrscheinlich, weil sie sich nur selten sahen. Was Olivia zwischen ihren Begegnungen trieb, wusste Bronner nicht genau. Er hatte auch nie Zeit, darüber nachzudenken. Wenn er sie um ein Treffen bat, war sie meistens gut gelaunt zur Stelle, ohne irgendwelche Ansprüche zu stellen. Das war fast zu schön, um wahr zu sein.
Mitten auf der Strasse legte er ihr den Arm um die Taille und versprach, ihr nach seiner Rückkehr vom Volkslauf das aparte Winterensemble von Armani zu kaufen, das sie gerade in der Auslage einer Nobelboutique gesehen hatten.
Sie schlenderten bis auf den kleinsten der vier zugefrorenen, verschneiten Seen hinunter, wo unter Flutlicht noch an den Zieleinrichtungen gearbeitet wurde. Hier würde er morgen ankommen, mit letzter Kraft. Jeder Beinabstoss, jeder Stockschub eine Qual, die Herzfrequenz am Rand des Messbaren. Doch er würde es wieder geschafft und wieder ein paar hundert Plätze gut gemacht haben. Er genoss das grossartige Gefühl nach dem Zieleinlauf im voraus, was, wie die Ereignisse zeigen werden, sehr vernünftig war.
„Soll ich dich morgen Mittag hier erwarten?“ fragte Olivia.
„Nicht in diesem Gewühl“, sagte er. „Bleib im Hotel, Liebes. Wir werden morgen Abend nicht im Zimmer essen, sondern zum Diner Dance hinuntergehen und meinen Erfolg, toi, toi, toi, feiern“.
„Tanzen?“ strahlte Olivia. „Wir haben schon lange nicht mehr miteinander getanzt, Ksaviè.“
„Das stimmt“, sagte er.
Überall würde es morgen Abend lustig zu- und hergehen. Sie hatten am Rand des Ortes sogar zwei beheizbare Zirkuszelte aufgestellt, in denen der Volkslauf-Ball stattfand. Ein Zugeständnis des Verkehrsvereins an all jene, für die St.Montis eine Spur zu teuer war.
„Wir werden tanzen“, jubelte Olivia und drehte sich ein paar Mal um sich selbst.
Katinka Blank
Ausgerechnet in dem Waldstück hatte das Auto angefangen zu bocken wie ein störrischer Esel. Schliesslich war es mit einem Ruck stehen geblieben. Sie wusste, dass der Wagen reif für so etwas gewesen war. Aber hätte er nicht wenigstens bis nach Madulan durchhalten können. Der Wald war der schlechteste Platz für sein Ende gewesen. Sie hatte versucht, andere Autos zu stoppen, doch es hatte niemand angehalten. Wahrscheinlich hatten die Leute Angst vor einer Falle gehabt. Sie hatte in der unwirtlichen Gegend selbst Angst gehabt. Endlich war ein Lieferwagen mutig genug gewesen zu bremsen. Er hatte ein Natel im Wagen und hatte den Pannendienst des Automobilclubs angerufen. Er hatte ihr auch angeboten sie mitzunehmen. Aber sie hatte ihr Auto mit all dem Gepäck und den Skiern nicht einfach im Wald stehen lassen können.
Fast eine Stunde hatte es gedauert, bis der Pannendienst erschienen war. Eine Stunde, in der sie sich ganz und gar nicht wohl fühlte. Wenigstens hatte sie Zeit gehabt, das Aufmunterungsgeschenk ihrer Schülerinnen und Schüler zu betrachten: Eine zeitungsgrosse Zeichnung, auf der unzählige bunte Strichmännchen mit Skiern an den Spinnenbeinen wirr durcheinander purzelten. Vorneweg jedoch lief SIE, gross, aufrecht und sicher. „Vorwärts, Frau Blank“ , hatten die Kinder darüber geschrieben. Und Franco, der kleine Italiener, der sie besonders mochte, hatte ‚forza Katinka’ daneben gekritzelt. Die Kinder erwarteten, dass sie es schaffte und würden ihr den ganzen nächsten Tag die Daumen drücken.
Der Start des Unternehmens mit dem Zusammenbruch ihres alten Autos war indes nicht sehr vielversprechend gewesen. Endlich war der Pannendienst gekommen und hatte sie aus ihrer misslichen Lage befreit. Ihr Auto müsse vom Abschleppdienst geholt werden, hatte der Mann gesagt, das führe selbst keinen Meter mehr. Als er gehört hatte, wohin sie wollte, hatte er sie mit ihrem Gepäck an den nächsten Bahnhof gebracht, obwohl das nicht zu seinen Aufgaben gehörte. Sie war der Typ Frau, für den die Männer gern einen Umweg machen. Wieder hatte sie eine Stunde warten müssen, diesmal auf den nächsten Zug. Sie hatte Betty in Madulan angerufen und ihr gesagt, wann sie eintreffen werde. „Ich glaube, das Unternehmen ist eine Schnapsidee“, hatte sie noch gemeint. Aber Betty war da ganz anderer Ansicht. „Wir holen dich vom Bahnhof ab“, hatte sie versprochen. „Hier ist schon ziemlich viel los.“
Die Züge in die Berge hinauf waren an diesem Freitagabend überfüllt. Zu den üblichen Wochenendausflüglern gesellten sich unzählige Teilnehmer des Vier-See-Laufs, die schon am Vorabend anreisten. Sie bekam nur einen Stehplatz im Mittelgang, zwischen Sporttaschen, Skiern und Rucksäcken. Es herrschte eine feuchte Wärme, wie in einem Gewächshaus, und es roch nach Schweiss, Skiwachs und stockiger Winterkleidung.
Katinka Blank wurde müde. Sie war seit sechs auf den Beinen, hatte bis mittags unterrichtet, für ihre verunfallte Nachbarin eingekauft, eine Wäsche gemacht, die Wohnung in Ordnung gebracht, ihre Ausrüstung zusammen gesucht und stadtauswärts nur im Schritttempo fahren können. Durch die Panne hatte sie weitere zwei Stunden verloren. Es war inzwischen dunkel geworden. Der Zug quälte sich in weiten Kehren und durch ein System von Tunneln bergan. Ein Mann, den sie nicht einmal richtig wahrnahm, bot ihr seinen Platz an. Doch sie lehnte dankend ab.
An der nächsten Station, einem bekannten Wintersportort, stiegen viele Leute aus. Sie liess sich in eine Ecke fallen und schloss die Augen.
„Warum heisst das eigentlich Vier- Seen-Lauf? Auf einem See kann man doch nicht laufen“, hörte sie einen Jungen fragen.
„Wenn er zugefroren ist schon“, antwortete eine Männerstimme.
„Aber ich darf nie auf das Eis auf unserem Teich gehen“, sagte der Junge.
„Weil es nicht dick genug ist“, erklärte die Männerstimme. „Die Eisdecke auf den Bergseen ist viel, viel dicker.“
„In diesem Winter“, sagte eine andere Männerstimme, „ist sie wahrscheinlich auch nicht so dick. Es ist ja selbst in den Bergen nie richtig kalt geworden.“
„Vielleicht brecht ihr alle ein“, spekulierte der Junge. „Dann werdet ihr ganz schön nass, und mit den Skiern an den Füssen könnt ihr nicht mal schwimmen.“
Ein fröhliches Gelächter erhob sich.
Das könnte wirklich passieren, dachte Katinka und öffnete erschrocken die Augen. Der Mann schräg gegenüber, wohl der, der ihr den Platz angeboten hatte, lächelte ihr freundlich zu. Er erinnerte sie ein bisschen an Sven. Hatte auch so ein asketisches Gesicht und war schlank und sportlich, wie es schien. Aber er wirkte nicht so fanatisch wie Sven, so verbohrt und unerreichbar. Sein Blick war wärmer, sinnlicher.
Sie lächelte zurück und schloss dann wieder die Augen.
Sven war schon gestern zu diesem internationalen Handballturnier nach Schweden gereist. Er würde erst in einer Woche zurückkommen und dann sollte er staunen. Wie hatte sie nur einen Mann heiraten können, der nie zu Hause war? Der als zweifellos tüchtiger Sportjournalist ständig unterwegs war. Und der, wenn er wirklich einmal Zeit gehabt hätte selbst Sport betrieb. Von allem etwas. Nichts mit Erfolg. Ein Besessener, der vom Sport infiziert war, von ihm aufgefressen wurde. Der voller Bestzeiten, Längen, Höhen, Tordifferenzen und Rekorden steckte. Sie fragte sich, wann sie zuletzt mit ihm geschlafen hatte. Das musste schon eine Zeitlang her sein. Unten, in seinem kleinen Fitnessraum im Keller, als er auf dieser Trainingsbank gelegen und Gewichte gestemmt hatte. Da hatte sie ihm die Hose ausgezogen, hatte ihn angemacht und sich einfach auf ihn gesetzt. Trotzdem hatte er das Gewicht noch ein paar Mal gestemmt und es erst abgelegt, als sie all seine Kraft an einer einzigen Stelle beansprucht hatte.
Wieder öffnete sie erschreckt die Augen, als werde sie von allen angestarrt, als habe jedermann ihre Gedanken gelesen. Doch die Leute um sie herum hatten alle Besseres zu tun, sprachen wie Sven alle vom Sport oder was damit zusammenhing. Von Schneebeschaffenheit, Aussentemperaturen, Windrichtungen, von Wachstechniken, Körperhaltungen und Trainingseinheiten. Nur der Mann schräg gegenüber, der an den Gesprächen nicht teilnahm, lächelte ihr wieder zu. Sie stellte fest, dass er nicht gerade modisch gekleidet war. Eine etwas abgeschabte Kordhose, ein verwaschener Pullover und klobige Schuhe. Nichts von den modernen, farbigen Outfits, die ansonsten den Zug füllten. Aber er hatte sehr feine, sensible Hände, und sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn er sie damit berührte. Sie konnte sich eines
plötzlichen Zittern nicht erwehren und zog ihre Jacke, die sie hinter sich aufgehängt hatte, wie schützend um sich. Er hat es gemerkt, dachte sie, er hat es gemerkt. Aber es war ihr nicht einmal peinlich, und sie lächelte ihm wieder zu. Eingehüllt in die warme Jacke glaubte sie, die Berührung seiner Hände zu spüren und nickte ein.
In Madulan wurde der Zug fast leer. Katinka erwachte durch den Lärm und die Bewegung um sie herum. Der Mann zog gerade einen einfachen schwarzen Anorak an.
Sie schaute aus dem Fenster, sah aber nur eine Menge Menschen. „Ist das hier Madulan?“
„Ja“, nickte er.
„Da muss ich ja raus.“ Sie zog die Schleife ihres Rossschwanzes zurecht, schlüpfte in die flauschige, bunte Jacke und griff nach ihrer Sporttasche in der Gepäckablage.
„Darf ich?“ Er nahm die Tasche herunter. „ich werde sie nach draussen tragen“, sagte er.
Sie hatte eine zweite kleinere Tasche und ihre Skier im Vorraum.
„ich muss meine auch noch holen“, sagte er, als sie auf den Bahnsteig trat. Sie wartete, bis er zurück kam. Er sprach ein Deutsch, wie sie es noch nie gehört hatte. Wahrscheinlich einer aus den neuen Ländern, dachte sie.
„Nehmen Sie morgen auch an dem Lauf teil? „ fragte er.
„Ja. Ich hoffe ich erreiche das Ziel.“
„Bestimmt. Vielleicht sehen wir uns.“
„Das ist sehr unwahrscheinlich unter den tausenden von Leuten“, sagte sie.
„Man kann nie wissen“, meinte er. „Darf ich Ihnen die Tasche noch irgendwohin tragen?“
„Danke. Meine Freundin holt mich ab. Hals- und Beinbruch für morgen.“
„Ihnen auch.“ Er ging davon und schaute sich noch einmal um.
Spontan hob sie ihre freie Hand. Schade.
Es dauerte ein paar Minuten, bis die Menge sich verlief und Betty sie entdeckte. „Ich habe die Kinder schon ins Bett gesteckt“, sagte sie. „Die waren den ganzen Tag draussen Es war herrlich heute.“ Betty war auch Lehrerin im Unterland gewesen, bevor sie einen Arzt geheiratet hatte, der im Regionalkrankenhaus von Madulan einen Ruf als Knochenflicker erworben hatte.
Die beiden Freundinnen fuhren in Bettys kleinem Geländewagen zum Ärztehaus hinüber. Madulan, das etwas westlich des ersten Sees in unmittelbarer Nähe des Startgeländes liegt, glich an diesem Abend dem Bethlehem bei der Geburt Christi. Im Ort selbst und in seiner weiteren Umgebung war keine einzige Schlafgelegenheit mehr zu bekommen. In Madulan ging es nüchtern zu. Die Eleganz von St.Montis, das mondäne Publikum, vornehme Hotels und schicke Geschäfte suchte man hier vergebens. Es gab preiswerte Unterkünfte aller Art, Gasthöfe und Restaurants, in denen das Volk Schulter an Schulter sass. Der Geruch von Käsefondue und Raclette drang in die Strassen hinaus.
Das Ärztehaus lag am Ortsrand hinter dem Krankenhaus. Zwei der Ärzte hatten dort Wohnung genommen, eine Psychotherapeutin und der einzige Zahnarzt weit und breit betrieben ihre Praxen dort.
Die Freundinnen besuchten sich regelmässig. Betty liebte es, von Zeit zu Zeit in die Stadt hinunter zu kommen, Katinka war in diesem Winter öfter als sonst in Madulan gewesen, um sich auf den grossen Lauf vorzubereiten.
Die Kinder schliefen schon, und Ralf, der Chirurg und Knochenspezialist wurde erst spät erwartet. Das Krankenhaus musste auf den morgigen Grosskampftag optimal vorbereitet werden.
Betty und Katinka kochten in der rustikalen Küche die obligaten Spaghetti und plauderten über dies und jenes. Sie waren zusammen auf dem Lehrerseminar gewesen, hatten fast gleichzeitig ihre Männer kennengelernt und hätten gern gleichzeitig Kinder gehabt. Doch Sven, Katinkas sportbesessener Mann, wollte keine. Nur Betty wusste, wie sehr die Freundin darunter litt und hatte ihr kürzlich geraten, sich scheiden zu lassen.
An diesem Abend sprachen sie nicht darüber. Dieser Abend wurde nur von der Frage beherrscht, ob Katinka die fünfzig Kilometer schaffen würde oder nicht. Sie war eine recht gute Skilangläuferin, doch fünfzig Kilometer inmitten eines riesigen Teilnehmerfeldes waren etwas anderes als gemütliche Fünf- oder Zehn-Kilometer-Schleifen, auf denen man fast allein war. Katinka hatte alle Teilstücke des Laufs absolviert, nie jedoch die fünfzig Kilometer in einem Stück, unter wettkampfmässigen Bedingungen. Es gab nur einen einzigen Grund, aus dem sie es schaffen wollte: Weil Sven es nicht geschafft hatte. Sven, der grosse Sportler, der Läufer, Springer, Schwimmer, Ski- und Radfahrer, Kraft-, Leicht- und Ballathlet, der Allrounder hatte den Lauf vor zwei Jahren so nebenbei durchziehen wollen und war knapp nach der Hälfte kläglich gescheitert. Vollkommen fertig hatte er nachmittags stundenlang auf der Couch in Ralfs Arbeitszimmer gelegen und schwer atmend nach Entschuldigungen gesucht. Und da war sie auf den Gedanken gekommen, es ihm zu zeigen. Sie würde ihre Teilnehmerplakette und den Ausdruck ihres Einlaufergebnisses auf sein Kopfkissen legen und keinen Ton dazu sagen. Entweder gewann sie ihn für sich zurück, und er hatte den Respekt vor ihr, den er vor jeder x-beliebigen Weltrekordlerin oder Olympiasiegerin hatte, oder sie würde ihre Konsequenzen ziehen. Es gab genügend Männer, die sie auch ohne sportlichen Glorienschein attraktiv fanden und sich nach ihr umdrehten. Ralf, Bettys Mann, war sicher einer von ihnen, obwohl er nie etwas getan hätte, das Betty kränken könnte. Das fand sie so grossartig an ihm.
„Sieh da, unsere Vier-Seen-Königin“, sagte er, als er spät aus dem Krankenhaus herüber kam. Er nahm sie freundschaftlich in den Arm und küsste sie auf die Wangen „Bist du in Form?“
„ich glaube schon. Wenn ich nicht daran denke, dass mein Auto auf dem Herweg seinen Geist aufgegeben hat.“
„Das muss kein schlechtes Zeichen sein“, meinte er. „Wichtig ist, dass DU bis nach St.Montis durchhältst, und davon bin ich überzeugt.“ Er sprach und dachte immer positiv. Wie hätte er sonst auch Knochen zusammen flicken können, die zersplittert waren wie abgebrochene Äste. Unter Alpinskifahrern, Snowboardern und ähnlichen Bruchpiloten galt er als Meister seines Fachs. Auch er hatte feine, sensible Hände wie der Mann im Zug.
„Wird sich das Wetter halten?“ fragte Betty. „dann könnte ich morgen mit den Kindern an die Zenser Steigung fahren und den Lauf anschauen. Vielleicht sehen wir Katinka.“
Ralf wiegte zweifelnd den Kopf. „So gern ich ja sagen würde, ich glaube, das Wetter kippt. Das Barometer in meiner Praxis fällt schon seit gestern Morgen. Hast du eine beschlagfreie Brille, Katinka?“
„Ich denke schon.“
„Werde sie mir anschauen“, sagte er. „Skatest du oder läufst du klassisch?“
„Ich habe Skating-Ausrüstung, kann aber beides.“
„Pass vor allem auf die Stockfuchtler auf“, warnte er. „Es gibt Leute, die ihre Stöcke als Propeller benutzen.“ Im Krankenhaus hatten sie da ihre Erfahrungen.
Wirklich schwere Unfälle waren bei so einem Volkslauf allerdings selten. Verrenkungen, Verstauchungen, mal ein Knöchel oder Handbruch, Krämpfe aller Art und natürlich die Herz- und Kreislaufkombinationen. „Die Leute glauben heute, einfach alles zu können“, sagte Ralf. „Es scheint gar keine Barrieren mehr zu geben. Man schafft das schon. Mit Turnschuhen aufs Matterhorn, mit der Luftmatratze über den Atlantik. Die Gefahr liegt in der unsagbaren Überheblichkeit. Bescheiden sein, auch seinem Körper gegenüber ist out. Leistung auf allen Ebenen, unter allen Umständen, in jedem Alter. Ich sollte das ja gar nicht erwähnen. Schliesslich lebe ich davon.“
Sie sassen immer noch um den Küchentisch und tranken eine Flasche Rotwein. „Ein paar Schluck darfst du auch haben“, hatte Ralf gesagt. „Das beruhigt.“
„Wenn ich es morgen schaffe“, versprach Katinka, „lade ich euch alle nach St.Montis zum Essen ein. Ihr müsst nur meine Kleider mitbringen.“
„Wer weiss, wie lange ich im Krankenhaus zu tun habe“, meinte Ralf. „Aber irgendwie werden wir deinen Erfolg feiern. Möge es gelingen!“
Sie erhoben ihre Gläser und stiessen an. Katinka wusste, dass morgen ein entscheidender Tag sein würde.
Robert Kissinger
Ursprünglich hatte er die romanischen Dome von Worms und Speyer, die nicht soweit auseinander lagen, auf dem Hinweg besichtigen wollen. Doch die zwei zusätzlichen Tage, die er dafür benötigte, hatten sich vor dem Lauf nicht einplanen lassen. Sie hatten mit dem neuen Projekt soviel zu tun gehabt, dass er froh gewesen war, wenigstens am Freitagmorgen wegzukommen. Die Fahrt aus dem Thüringer Wald in jenes ferne Hochtal, in dem die Ortschaften fremd klingende Namen wie Madulan, Campost, Fedors und Zens hatten, glich einer kleineren Odyssee. Zumal er die Bahn nehmen musste, weil sein Partner das Auto brauchte. Fünf oder sechs Mal hatte er umsteigen müssen, und die Reise mit dem späteren Umweg über Worms und Speyer war nicht gerade billig. Egal. Es war immer sein Wunsch gewesen, an den berühmtesten der grossen Volksskiläufe teilzunehmen. So wie Opern-Fans in die Skala nach Mailand oder in die Met nach New York fuhren. Bis vor wenigen Jahren hatten die politischen Verhältnisse, das Ausreiseverbot, solche Exkursionen nicht zugelassen. Jetzt musste er die verlorene Zeit wettmachen. Vor vier Jahren hatte er den Dolomiten-Lauf mitgemacht, vor zwei Jahren den anspruchsvollen Wasalauf in Schweden. Dieses Jahr nun den Vier-Seen-Lauf. Dann standen immer noch ein paar Grosse bevor: Der Engadiner Skimarathon, der Finlandia Hihto, die Transjurasiene, der König Ludwig Lauf, der American-Birkebeiner und andere.
Robert Kissinger, der Name hatte ihm während des kalten Krieges einmal Ärger gemacht, war schon als Junge mit seinem Vater, einem Forstbeamten, stundenlang auf Skiern durch die heimischen Wälder gezogen. Talentsucher waren auf ihn aufmerksam geworden und er war gefördert worden. Für kurze Zeit war er Mitglied des DDR Juniorenkaders im Skilanglauf gewesen. Doch er bewies keine Regime-Konformität, galt als Querdenker und Einzelgänger und wurde als Leistungssportler fallen gelassen. Es wurde ihm indes nicht verboten, tausende von Kilometern allein abzuspulen. Er hatte Architektur studiert und sich, auch so ein provozierendes Unding, auf den Erhalt und die Sanierung von sakralen und geschichtlich bedeutenden Bauten spezialisiert. Nach der Wende war er gefragt gewesen.
Er war also an diesem Morgen in aller Frühe aufgebrochen, war in langsamen und schnelleren Zügen nach Süden gereist und hatte feststellen müssen, dass die Bahn auf keinen Fall das Transportmittel der Zukunft werden würde. Bei Einbruch der Dunkelheit war er ein letztes Mal umgestiegen, in eine Privatbahn, die sich überfüllt in die Berge hinauf kämpfte. An einer der nächsten Stationen mit den seltsamen Namen war eine junge Frau zugestiegen. Sie hatte eine schwere Sporttasche in den Mittelgang gewuchtet und selbst dort stehen müssen. Sie schien tief in Gedanken versunken zu sein. Nach einiger Zeit bot er ihr seinen Platz an. Sie lehnte dankend ab. Er war nicht sicher, ob sie ihn überhaupt verstanden hatte. Dann kam eine Station, an der es Platz gab. Die Frau stemmte, noch bevor er helfen konnte, ihre Tasche auf die Gepäckablage und liess sich schräg gegenüber von ihm in die Ecke fallen. Sie schloss sofort die Augen.
Robert Kissinger betrachtete sie aufmerksam. Seitdem Eva ihn kurz nach der Wende verlassen hatte, um endlich die grosse Welt kennenzulernen, war er auf Frauen nicht gut zu sprechen. Jedenfalls hatte er sich mit keiner mehr so andächtig beschäftigt wie mit seinem Gegenüber. Wenigstens zum Schluss der Reise ein schöner Anblick. In den anderen Zügen war in der Hinsicht nicht viel los gewesen. Hübsche Frauen schien es in der Bahn noch seltener zu geben als guten Service. Einmal öffnete sie erschreckt die Augen, als habe sie schlecht geträumt, schaute ihn intensiv an, lächelte ihm zu und liess die Lider mit den langen Wimpern wieder über das uferlose Blau gleiten.
Er fragte sich, ob sie auch am Lauf teilnehmen werde. Sie wirkte sportlich und doch sehr fraulich, und er konnte sich vorstellen, dass sie in der Loipe eine gute Figur machte. Eine von den Frauen, die, wenn sie am Ziel Brille und Mütze abnahm, von den Kameras gern eingefangen wurde. Noch einmal öffnete sie verwirrt die Augen, schaute fast verlegen in die Runde, musterte ihn, lächelte ihm wieder zu, hüllte sich in ihre flauschige Jacke und schlief weiter.
Beim Aussteigen wechselten sie ein paar Worte. Sie sprach Hochdeutsch, ohne ihren Dialekt ganz verleugnen zu können. Als er sich auf dem Bahnsteig noch einmal nach ihr umdrehte, winkte sie ihm zu. Schade, dass diese Begegnung nicht ein paar Stunden früher stattgefunden hatte. Sein schönes Gegenüber nahm sicher am Lauf teil, doch er würde sie dort kaum wiedersehen.
Er fragte nach Leos Massenlager. Man sagte ihm, er müsse ein gutes Stück laufen. In Richtung Startgelände, über die Parkplätze und ein paar Meter den Berg hinauf. Verpassen könne er es nicht. Leo habe auch ein Restaurant, das beleuchtet sei wie ein amerikanischer Hamburger-Schuppen.
Robert Kissinger kannte die Atmosphäre bei diesen Volksläufen. Schon am Vorabend kam man sich in den Orten entlang der Rennstrecke wie in grossen Heerlagern vor. Nur dass Freund und Feind bis zum Beginn der Schlacht einträchtig nebeneinander sassen, tranken, sangen, gelegentlich sogar tanzten und sich, was den Einsatz ihrer Waffen, sprich Skier betraf, mehr oder weniger ehrliche Ratschläge gaben.
Jenseits der weiten Parkplätze am Ortsausgang, auf denen schon jetzt tausende von Autos standen, konnte er in greller Neonschrift „Bei Leo“ erkennen. Einem Geschäftsfreund war es gelungen, ihm dort einen Schlafplatz zu vermitteln. Leo selbst, ein allgegenwärtiger Recke, zeigte ihm das schmale Matratzenlager, auf dem er, eingepfercht zwischen anderen, die Nacht vor der Schlacht verbringen konnte. Den Rucksack, sagte Leo, könne er getrost dort stehen lassen. Bei ihm, Leo, werde Mein und Dein kraft seiner Person geachtet. Was Robert ihm aufs Wort glaubte.
Unten, in der verrauchten Gaststube, die genau Leos Höhe angepasst war, in der es aber umso höher zuging, fand Robert Platz am Tisch einer Gruppe junger Leute aus dem Unterland. Sie hatten, wie sie in ihrem schwer verständlichen Dialekt wissen liessen, nichts gegen einen Ausländer, der nur zum Vier-Seen-Lauf angereist war und danach wieder abreisen würde. Robert kannte solche Sprüche von zu Hause, und er wusste längst, dass man nicht Neo-Nazi sein musste, um sie zu verstehen. Er ass eine kräftige, einheimische Gerstensuppe und ein Steak vom Grill, das Leo persönlich servierte. An einigen Tischen wurde reichlich getrunken. Nicht alle, waren sie nun Teilnehmer oder nicht, schienen von einem unbeugsamen, sportlichen Willen bewegt zu sein, ja es kam Robert so vor, als entdecke er ein paar Typen, die den Sport zum Vergnügen machen wollten, was ihn ausserordentlich beruhigte. Er bestellte sich ein grosses Bier und streckte die Beine unter dem Tisch aus. Das Rollen der Züge verschwand allmählich aus seinen Ohren. Die jungen Leute fragten ihn, ob er schon einmal einen so langen Lauf gemacht habe. Den Dolomitenlauf und den Wasalauf, sagte er. Der sei noch fünfunddreissig Kilometer länger als der Vier-Seen-Lauf. Da waren sie beeindruckt und bemühten sich Hochdeutsch mit ihm zu sprechen.
Später ging er nach draussen auf die Terrasse hinaus. Auf den Parkplätzen kamen immer noch Autos an. Er fragte sich, wo all diese Leute unterkamen. So gross konnte Madulan gar nicht sein. Von hier oben aus waren die Grenzen des Ortes anhand der Lichter gut auszumachen. Der richtigen Ansturm würde erst morgen früh einsetzen. Er wusste gar nicht, wie viele Teilnehmer es sein würden. Bestimmt über zehntausend. Da würde es schon im Startgelände, das sich in der Dunkelheit nur erahnen liess, recht eng werden. Irgendwo in der Menge würde die Frau sein. Es kam darauf an, welche Startnummer sie hatte. Seine eigene musste er am Morgen holen.
Er lief ein paar Mal auf der Terrasse auf und ab und plötzlich roch er den Schnee. Nicht den, der am Boden lag, sondern den, der in weniger als vierundzwanzig Stunden vom Himmel fallen würde. Robert Kissinger, Naturmensch von Geburt, hatte ein ausgeprägtes Gespür für Wetterumschläge. Noch war der Himmel über Madulan und weiter östlich, wohin der Lauf führte, sternenklar. Am westlichen Ende des Tals jedoch war er wie abgeschnitten. Himmel und Berge gingen dort bereits konturenlos ineinander über. Es war noch immer ungewöhnlich milde. Bei einem bevorstehenden Niederschlag konnte man fast mit Regen rechnen, doch Kissinger wusste, dass es ein nasser, schwerer Schnee sein würde. Grosse Flocken, wie er sie als Kind mit der Zunge aufgefangen hatte. Wenn sie Glück hatten, blieb der Schnee ein paar Stunden hinter ihnen. Wehe aber, wenn er sie überholte. Dann würden sie mit ihren Brettern wie durch einen Sumpf stampfen müssen. Er hatte das schon erlebt.
Lange blickte er gen Westen, wo sich die Vorhut der Wetterfront in das Tal zu wälzen begann. Es war allen Teilnehmern des Laufs empfohlen worden, den stündlichen Wetterbericht des Lokalradios zu hören. Demnach, hatten die jungen Leute am Tisch gesagt, müsse man am nächsten Tag möglicherweise mit tiefhängenden Wolken rechnen, aber es werde bis zum Abend trocken bleiben. Mir kann das einerlei sein, dachte er. Ich werde ziemlich weit vorne laufen, mittags in St.Montis sein, mich dort ein wenig umschauen, mit dem Bus nach Madulan zurückfahren, noch einmal bei Leo übernachten und mich am Sonntag auf den Weg zu den Domen machen.
Es war kurz nach elf, als er nach oben ging. In den Waschräumen und Toiletten herrschte Hochbetrieb. Er putzte sich die Zähne, wechselte aus der Reisekleidung in einen Trainingsanzug und kroch auf seinem Lager in einen Daunenschlafsack, in dem er schon wesentlich niedrigere Temperaturen überstanden hatte. Die Plätze rechts von ihm waren noch frei, links richtete sich gerade ein Mann seines Alters ein, der sich als Paolo vorstellte, Pater und Pfarrer von ein paar Berggemeinden an der Grenze zu Italien. Sie kamen ins Gespräch, der Mann, der etwas von Gottes Wort, und der, der etwas von Gotteshäusern verstand. Sie redeten leise über Menschen und Kirchen, über die Schwierigkeiten zur Rettung der einen das richtige Wort, zur Rettung der anderen das wichtige Geld zu finden. Sie politisierten vorsichtig, waren sich aber schnell einig, dass die meisten Demokratien verkappte Oligarchien und oder Plutokratien waren. Pater Paolo erzählte von der Einsamkeit in seinem Pfarrhaus, in dem seit einem halben Jahrhundert dieselbe Wirtschafterin hantierte, Robert erzählte von der Einsamkeit in seinem Waldhaus, in dem keine seiner Exfrauen es länger als ein paar Jahre ausgehalten hatte. Sie lachten leise wie zwei Verschworene, nicht wie Sportkameraden des grossen Ereignisses am nächsten Tag, das sie mit keinem Wort erwähnten. Sie kamen sich eher wie zwei Gefangene vor, die in einem tristen Verliess zueinander gefunden hatten. Aus dem Restaurant drangen Lärm und Gesang herauf, als sei der Lauf bereits zuende, und als würde eine Menge guter Platzierungen gefeiert. Dann kamen die rechten Nachbarn von Robert Kissinger, stark angeheitert, ungeniert furzend und rülpsend, was in Massenlagern zum guten Ton gehört. Es dauerte eine Weile, bis sie alle ihre Matratzen gefunden hatten und zur Ruhe kamen. Was nicht hiess, dass es nun still war im Haus. In der Gaststube ging es munter weiter, neue Gruppen polterten in den Schafsaal, und die Toilettenspülung schien jedes Mal das ganze Gebäude mitreissen zu wollen. Zur psychischen Vorbereitung auf einen Fünfzig-Kilometer-Skilanglauf war Leos Massenlager wenig geeignet. Und doch war es Leo selbst, der ihnen allen noch ein paar Stunden Schlaf verschaffte, derweil es gegen zwei Uhr morgens oder so nach seinem donnernden Ruf „von jetzt an herrscht Ruhe“ totenstill im Haus wurde.
Um diese Zeit träumte Robert Kissinger längst von einem Gestöber grosser Schneeflocken, aus dem ihm die Frau aus dem Zug zulächelte.
Lydia Lindt und ihr Gefolge
Anders als Hilmar X. Bronner, Katinka Blank und Robert Kissinger reiste Lydia Lindt nicht am Vorabend des Laufes an. Sie war bereits seit einigen Tagen in St.Montis und residierte in der „Villa Musica“, Die ihr der Tenor Ernesto Carpado, den sie etwas vermessen als guten Freund bezeichnete, zur Verfügung gestellt hatte. Der Maestro stellte seine Villa allen möglichen Leuten zur Verfügung, allein um das Personal zu beschäftigen. Er selbst kam nur sehr selten nach St.Montis und schon gar nicht, wenn Lydia Lindt da war.
Auch Lydia Lindt war Sängerin, jedoch eine der sehr leichten Muse, des anspruchlosen Schlagers. Vor zwanzig, dreissig Jahren waren sie und der Slogan „Leise Lieder von Lydia Lindt“ recht bekannt gewesen. Ihre Stimme war der von Nana Mouskouri nicht unähnlich gewesen, doch hatte sie es nie zu deren internationaler Berühmtheit gebracht.
Schliesslich war es still um sie geworden. Die leisen Lieder waren immer leiser geworden. Sie hatte sich, gelegentlich Werbeweisen für sanfte Weisen trällernd, in ihr Häuschen in den Bergen, nicht im teuren St:Montis , zurückgezogen. Dort hatte sie Stimme und Gitarrenspiel mit täglichen Übungen und ihren Körper mit Skilanglauf für ein erhofftes Revival in Form gehalten. Nun schien es endlich soweit zu sein. Sie war kürzlich zu einer bekannten Musiksendung im Fernsehen eingeladen worden, in der ein Komponist geehrt wurde, dessen Melodien auch zu ihrem Repertoire gehörten. Völlig unerwartet hatte sie grossen Erfolg gehabt. Es schien, dass leise Lieder in den Zeiten von Techno, Punk und Heavy Metal wieder gefragt waren. Ein neues Management bemächtigte sich ihrer, PR-Gags waren angesagt.
Sie selbst, in der Loipe inzwischen versiert, hatte die Idee gehabt am Vier-Seen-Lauf teilzunehmen und eine Fotoreportage davon machen zu lassen. Angefangen bei ihren gymnastischen Vorbereitungen bis zum festlichen Abschluss im Grand Palace von St.Montis, wo sie vielleicht noch ein leises Lied singen würde. Eine Boulevard-Illustrierte war darauf eingestiegen. Das Projekt wurde unter dem Titel „Mit Lydia Lindt am Vier-Seen-Lauf“ in Angriff genommen. Fotoreporter war ein ehemals renommierter Langläufer, Bodo F. Er war am Morgen in der Villa Musica eingetroffen und hatte Lydia Lindt beim Beweglichkeitstraining und beim Stretching im Schnee von der Dehnung der vorderen Schienbeinmuskulatur bis zu der des Deltamuskels abgelichtet. Und er hatte der Fünfundfünfzigjährigen mehr als ein Kompliment wegen ihrer guten körperlichen Verfassung machen müssen.
