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Make Amt Great Again! Conny, das Social-Media-Phänomen – für all jene, die den Amtswahnsinn von innen und außen kennen. Und all jene, die im Job schon mal »Bin ich hier in ner Behörde oder was?« gedacht haben. Conny, Beamtin im öffentlichen Dienst, macht den Job seit Jahrzehnten. Mit ihren Kolleginnen – Tief-einatmen-Petra, Gegen-alles-Gisela, Kussi-Doris, Küken-Dilara und Du-bist-der-Change-Ronja – trotzt sie Aktenbergen, Management-Geschwätz, Digitalisierung und viel zu selbstbewussten Bürgern. Und wenn gar nichts mehr geht: »Da bin ick nicht zuständig, Mausi.« Connys Kolleginnen sind ihr wohl oder übel zur Familie geworden. Der alltägliche Behördenwahnsinn schweißt sie zusammen. Zwischen Kaffee- und Raucherpausen wird diskutiert, gelästert und gestritten – und mit Neugierde über das Liebesleben der Belegschaft gewacht. Aber keine Sorge, Conny bleibt Herrin der Lage und ihrem Mantra treu: »Nix muss sich ändern, damit alles so bleibt, wie es ist!« Conny und ihre Kolleginnen bringen es auf den Punkt: Digitalisierung, Amtsschimmel, Achtsamkeit und Faxgeräte bedienen – Beamte sind alles – nur nicht faul. - Jetzt wirds amtlich: Das Connyversum im Buch - Realsatire: Beamtenklischees, wie sie jeder kennt - Die Neuköllnerin kennt man als @conny.fromtheblock von Instagram und TikTok. Ihr folgen über 250.000 Menschen - Conny überwindet kulturelle Missverständnisse: so können sich Amt und Bürger annähern »Mädels, wir müssen dringend am Onboarding arbeiten.« »Wat muss ick? Janüscht muss ick. Sterben muss ick«, brabbelt Gisela vor sich hin, während sie sich den Zeigefinger ableckt, um das Aktenblatt zu wenden, das sie eh nicht liest. »Ick weeß nich, ob ick nachfragen soll, wat dit nu wieder is, oder dit einfach sein lasse, Mausi«, sagt Doris. »Onboarding« wiederhole ich kurz im Kopf. Ich wünschte, ich könnte es mir irgendwie herleiten, um Ronja zur Abwechslung auch mal nen Gefallen zu tun. Aber da tut sich beim besten Willen nichts. Wüsste jetzt nicht, was wir hier mit Flugzeugen am Hut haben.
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2023
MAKE AMT GREAT AGAIN
Conny, Beamtin im öffentlichen Dienst, macht den Job seit Jahrzehnten. Mit ihren Kolleginnen – Tief-einatmen-Petra, Gegen-alles-Gisela, Kussi-Doris, Küken-Dilara und Du-bist-der-Change-Ronja – trotzt sie Aktenbergen, Management-Geschwätz, Digitalisierung und viel zu selbstbewussten Bürgern. Und wenn gar nichts mehr geht: »Da bin ick nicht zuständig, Mausi.«
Conny from the block
Nix Neues vom Amt
Für meine Eltern
»Mein Name ist Conny, und ich bin Beamtin.« Seit fünfundzwanzig Jahren stell ich mich jetzt schon so vor. Kurz und knapp. In all den Jahren ist noch nie jemand auf die Idee gekommen zu fragen, was ich denn eigentlich genau mache. Oder es hat sich einfach niemand getraut, weil »Beamtin« ja irgendwie selbsterklärend ist.
Erst mal vorab: Beamtin ist gar kein Beruf. Es ist ein Status und ja, irgendwie auch ein Lebensgefühl. Auf jeden Fall mein Lebensgefühl! Und anscheinend ein so mächtiges Wort, dass es zur Vorstellung der gesamten Persönlichkeit ausreicht. Dabei gibt es so viele von uns. Es gibt Lehrer, Richter, Polizisten, die Feuerwehr, es gibt Steuerbeamte oder die Sozialarbeiter.
Ja, und dann gibt es halt auch noch die Verwaltungsbeamten. Niemand weiß so richtig, was die tun, aber trotzdem hat jeder irgendeine Vorstellung davon. Zu dieser ganz besonderen Beamten-Spezies gehöre ich. Ich bin Verwaltungsbeamtin im gehobenen Dienst. Oder, für die Amts-Nerds unter euch: Stadtoberinspektorin im nichttechnischen gehobenen Verwaltungsdienst des Landes Berlin. Da kiekste, wa! Müssta euch noch mal auf der Zunge zergehen lassen: Stadt-Ober-Inspektorin. Sexy!
Wenn ich Männer kennenlerne, stelle ich mich immer ganz selbstbewusst mit dieser Berufsbezeichnung vor. Die Gesichter dazu könnta euch nicht ausmalen! »Okay, biste also so was wie ne Detektivin?« Jenau, Süßer, und du bist nur Teil meiner Ermittlungen, ich habe unser gesamtes Gespräch aufgezeichnet, und gleich landen hier zwei Hubschrauber, die dich mitnehmen.
»Stadtoberinspektorin« hört sich aber auch echt krass an. Unterm Strich und übersetzt in die Sprache von Normalsterblichen: Ich bin Sachbearbeiterin. Sachen bearbeiten wir ja irgendwie alle, irgendwo, mit irgendwelchen Zuständigkeiten. Bei mir sind’s halt spezielle Amtssachen.
Ich sitze nun seit fast fünfundzwanzig Jahren in ein und derselben Bezirksverwaltung und bearbeite ein und dieselben Vorgänge in ein und derselben Vorgehensweise. Die Inspektorin in meinem Titel inspiziert also, welcher Bürger auf Basis von dieser und jener Rechtsgrundlage was darf. Oder halt auch nicht darf. Und sie arbeitet ab: Anträge, Bußgeldbescheide, Widersprüche.
Ankommen, Kaffee kochen, Eingangspost bearbeiten, Kaffee trinken, Ausgangspost raus, Feierabend. Mein Arbeitstag, kurzgefasst.
Angelockt haben sie uns damals, und wir sind dem Ruf der Ämter gefolgt wie kleine Lämmchen. Es gab Aufrufe in allen Tageszeitungen, meine Familie hat über nichts anderes mehr gesprochen, und schließlich stand fest: »Dit Kind muss uffs Amt.« Richtig attraktiv war das. »Also, unsere Conny, die lernt ja bei de Stadt.« Meine Eltern waren stolz wie Bolle, dass ich nach meinem Realschulabschluss in Berlin-Neukölln entschieden habe, eine Lehre in einer Behörde anzufangen.
Heute, muss ich sagen, ist der Lack ein bisschen ab von all dem. Besonders gut zu sehen an den altbackenen, hässlichen Möbeln. Damals waren sie auch nicht schön, aber für mich das Sinnbild einer strahlenden Zukunft. Hat ja keiner wissen können, dass die Teile nie wieder ausgetauscht werden.
So bin ich also zum ehrbaren Beruf der Verwaltungsfachangestellten gekommen und hatte meinen festen Posten im mittleren Dienst. Im Laufe der Jahre habe ich mich genau ein Mal aus meiner Komfortzone herausgetraut: mit nem Aufstiegslehrgang. Danach war ich im gehobenen Dienst. Ja, und so sitze ich hier nun seit nem Vierteljahrhundert zwischen den ollen Möbeln mit den immer gleichen Kollegen: Petra, Gisela, Doris und wie sie nicht alle heißen. Die werden sich später alle noch mal persönlich bei euch vorstellen.
Mein Job ist ein sicherer Hafen. Draußen kann die Welt untergehen, alles kann sich verändern und neu erfunden werden. In unseren heiligen Hallen, zwischen der immer laufenden Kaffeemaschine und dem leisen Radiogeräusch im Hintergrund, ist die Welt noch in Ordnung. Hier herrscht Stabilität. Das Amt gibt Halt so wie die liebste Omi der Welt, die immer was Süßes in der Tasche hat, wenn man Trost braucht. So in etwa.
So, kommt ma mit jetze in meine Welt. In meinen Mikrokosmos. Ihr werdet gleich viele Parallelen feststellen, wenn ihr auch auf nem Amt arbeitet. Oder in sonst einem Büro oder in, sagen wir, beamtenähnlichen Strukturen. Aber auch ihr, genau, ihr! Ihr schimpft doch immer über die Ämter und Behörden dieses Landes. Kommt ma mit. Ich lade euch janz herzlich dazu ein, Behörden nach meinen Geschichten noch schrecklicher zu finden denn je. Na, wat denn, kommta? Hab nicht ewig Zeit.
Corona, oh Corona! Dieses Virus hat unserer Welt so viel Unglück gebracht – und den Ämtern in Deutschland nichts als Freude. Die Blitz-Digitalisierung traf uns alle wie ein Tsunami. Und wer hätte es gedacht? Es hat sich was verändert aufm Amt, und ich habe jetzt ein neues Lieblingskommunikationsmittel: die Videokonferenz. Was in Unternehmen gang und gäbe ist, ist für Behörden und uns Dinosaurier-Mitarbeiter wie die erste Mondlandung – purer Wahnsinn.
Stellt euch mal den durchschnittlichen Beamten bildlich vor. Da sitzt eine zweiundsechzigjährige Doris. Doris verarbeitet in ihrem Kopf noch immer die Einführung von E-Mails, kommt null klar damit und macht auch kein Geheimnis draus! Dann sitzt da Gisela, die ist irgendwas Anfang fünfzig. Die wehrt sich gegen alles und jeden, der ihr irgendwie Kopfschmerzen bereiten könnte, und es gibt kaum eine Sache, über die nicht gemeckert wird. Und dann gibt’s da noch eine Petra, die alles Elektronische und Digitale für negative Energien hält und am liebsten im Wald leben würde.
Diese Menschen treffen dann auf eine Mitte-dreißig-Konzern-Ronja, bei der jedes zweite Wort auf Englisch ist, das hier kein Schwein versteht. Und auf Dilara, die zwar ein liebes, nettes Küken, aber eben auch mit diesem Teufelszeug von Internet aufgewachsen ist. Und in dieser Kombi soll man jetzt Kontakte reduzieren, kürzere Wege finden und einen weiteren Schritt in Richtung Digitalisierung gehen? Lachste dich kaputt. Ich sag’s, wie’s ist: Ick hab keen Bock. Aber da mein Gemütszustand und meine Motivation niemanden interessieren, beiß ich auch in diesen sauren Apfel der neumodischen Trends und schwimme mal wieder mit dem Strom.
Ich seh’s noch vor mir. Wir waren im ersten Lockdown, und immer nur eine Hälfte der Kollegen war im Büro. Die andere Hälfte musste irgendwie zuhause klarkommen. Da wir Zweier- und Dreierbüros haben, die wie auf einem Strang nebeneinanderliegen, kann man durch die Verbindungstüren vom ersten Büro bis ins letzte durchlaufen. Das ist übrigens auch unser aller Morgenritual. Einmal den Walk of Fame, alle Kollegen kurz grüßen, in irgendnem Büro hängen bleiben, sich verquatschen und sich erst zwei Stunden später am eigenen Platz einfinden. Na ja, das Morgenritual im Amt ist noch mal ne ganz eigene Geschichte. Wir wollen ja jetzt über die Modernisierung der Ämter sprechen: Videokonferenzen.
Also, ich fand ja Telefonieren schon ne Zumutung. Du versuchst mit einem Menschen, den du noch nie zuvor gesehen oder gesprochen hast, ein amtliches Telefonat zu führen.
»Hallo. Nee, wir beantworten keene Fragen am Telefon. Sie müssen inne Sprechstunde kommen. Ja, jenau. Sie müssen erst nen Termin machen. Uff Wiederhören!«
Keine Mimik, keine Gestik, kein Garnix. Hat aber auch sein Gutes. Könntest im Homeoffice dabei nackig die Spülmaschine ausräumen, bei jedem Satz die Augen verdrehen oder einfach in der Nase bohren. Auf meine alten Tage musste ich also erst Videokonferenzen kennenlernen, um das gute alte Telefonat zu würdigen!
Dieser Luxus, inkognito mit dem Hörer in der Hand, sollte also von jetzt auf gleich verschwinden. Konnt ich mir nicht vorstellen, wollt ich mir nicht vorstellen. Ich arbeite seit über zwanzig Jahren mit Gisela zusammen und war noch nie in ihrer Wohnung. Was, wenn die ausgestopfte Tiere zuhause hinter ihrem Schreibtisch hängen hat? Oder Doris im roten Negligé vor der Kamera sitzt? Petra Voodoo-Zeremonien abhält? Will ich das wirklich sehen? Ick gloobe nich.
Ich erzähl euch mal, wie unsere erste Videokonferenz ablief. Bei uns ganz modern abgekürzt als »ViKo«.
Per Mail bekommen wir alle Zugangsdaten, mit denen wir uns einloggen sollen. Da geht’s schon los. Die Mail trudelt ein, und keine Minute später bimmelt mein Telefon. Doris.
»Du, Mausi, samma, wat schickt die denn da rum in blauer Schrift. Haste jesehen? Is sicher wieder son Virus, hab ick gleich jelöscht.« Doris ist mit ihrer Naivität so ne Zuckerschnute, dass man einfach nicht sauer auf sie sein kann. Alles, wirklich alles, was sie sagt, erscheint grenzwertig oder falsch. Aber sauer auf sie sein, nee, das kann ich nicht. Das kann niemand. Abgesehen davon, dass sie die Älteste im Team ist, ist sie einfach so ne liebe Berliner West-Omi. Hat keinen bösen Hintergedanken, niemals schlechte Absichten, aber bei der IQ-Verteilung war der liebe Herrgott halt einfach etwas sparsamer.
Ick hab schon so nen Hals. Ich stelle Doris stumm und brülle: »Meine Fresse noch mal!« Dann stelle ich wieder auf laut und erkläre ihr, dass das ein Link ist, auf den man klicken muss.
Schon klar, ihr denkt: Was erzählt die Alte denn da? Ist doch alles ausgedacht und niemals so vorgekommen. Leider nein, Mausis, da muss ich euch enttäuschen. Es ist alles genau so passiert und passiert auch jetzt, in diesem Moment, in irgendeiner deutschen Behörde, an irgendeinem Schreibtisch.
Ich erkläre Doris also den Vorgang des Log-ins, als wäre er die reinste Raketenwissenschaft, und, halleluja, nur viele Minuten später – wir sind online!
Ich sehe eine Kachel mit der hochmotivierten Ronja, unserer Referentin. Was die genau macht, erzähle ich euch noch. Sie strahlt in die Kamera und sitzt selbstverständlich vor einem gut gefüllten Bücherregal, um uns zu zeigen, wie intellektuell sie auch in ihrer Freizeit unterwegs ist. Blöde Kuh. Das sind doch alles nur wieder irgendwelche Ratgeber, die dir erklären, wie du dein Leben mit Mitte dreißig zu leben hast, um dein Potential kompletto auszuschöpfen. Bücher, die einem sagen, wie man am gesündesten lebt, welchen Sport man am besten treibt und wie man am effizientesten arbeitet. Gut, inzwischen weiß ich, dass das ein virtueller Hintergrund war und Ronja bloß in ihrer ollen Küche saß. Na ja, egal, finde, sie nervt trotzdem.
Nach und nach schalten sich meine Herzenskolleginnen dazu. Erst Petra, dann Gisela und später Dilara. Dilara schaut mit ihren großen Rehaugen in die Kamera und verdreht sie gleich wieder, als ihre Mutter ihr einen vollen Obstteller vor die Nase stellt. Ich kenne Dilara und ihre Mutter Gül sehr gut. Wir sind Nachbarn, und das seit über zwanzig Jahren.
Irgendwie bekomme ich es hin, meine Kamera auch endlich einzuschalten. Gott, sehe ich scheiße aus!
Gisela, die nicht merkt, dass sie nun auch zu sehen und zu hören ist, brüllt ihren Sohn Marvin am Telefon an: »Ick hab jetze hier Videokonferenz, Marvin, wat is denn, mein Jott?«
Dilara schaltet sich dazu und sagt Gisela, dass man sie hört. Woraufhin Gisela in ihrer Panik kurzerhand auf das rote X drückt und offline ist. Ein Traum das Ganze! So kann man auch seine Arbeitszeit verbringen. Können gern den ganzen Tag hier so sitzen und versuchen, uns ein- und dann wieder auszuloggen, mich stört’s nicht.
Plötzlich hallt ein lautes »Hallo? Könnta mich hören, ihr Lieben?« aus irgendeiner Kachel ohne Bild. Petra, die schon angekündigt hat, sich nicht per Webcam dazuzuschalten, meldet sich zu Wort. »Ick seh dit ja nich ein, dass ick mich hier filmen lasse.« Die Strahlungsbelastung des Laptops, sagt sie, reicht ihr schon, da muss sie nicht noch die Kamera aktivieren.
Gisela, die inzwischen wieder online ist und ihre Kamera anmacht, guckt so grimmig, dass ich Angst um meinen Bildschirm habe. »Wat soll denn dieset Theater hier? Ick muss nicht jeden Trend immer mitmachen. Ick höre nüscht und sehe nur meine eigene Gusche. Ick werf dit Teil gleich ausm Fenster, werf ick ditte.« Sie ist auf hundertachtzig. Nichts Neues. Vor der Frau haste einfach Respekt. Parallel zum brüllenden Gisela-Gesicht beobachte ich Doris dabei, wie sie sich die dritte Zigarette anmacht, heiter in die Kamera quatscht und sich dabei halbtot lacht. Ohne Ton. Dilara in Schockstarre, Ronja kurz vor dem nächsten Nervenzusammenbruch.
Herzlich willkommen auf dem Amt, liebe Videokonferenz, hier hat wirklich niemand auf dich gewartet.
»Einmal die Woche setzen wir uns zusammen und tauschen uns über die vergangenen Tage aus. Das ist so wichtig, guys. Auch fürs Brainstorming. Neue Ideen, neuer Input. Alles für den Change!«, erklärt uns Ronja.
Die hat uns wieder mal zu einer kleinen Kaffeerunde zusammengetrommelt und schwafelt blödes Zeug. Was esse ich nachher eigentlich zum Mittag? Kann mir nicht wieder nen Döner reinpfeifen. Die Hose wollte heute Morgen nur in liegender Position zugehen. Boah ey, irgendwie riecht Petra heute auch leicht nach Ziege. Stelle mir oft vor, dass die in nem Heubett in irgendnem Stall pennt, die alte Hippiebraut. Sie fischt ihren Bio-Ayurveda-Ökö-Gedöns-Teebeutel aus ihrer Tasse und schließt die Augen. So was darf sich auch nur Petra erlauben.
»Ihr müsst euch im Laufe des Tages ooch ma selbst besuchen. Ma na innen kehren. Euch ma streicheln und innehalten«, sagt sie immer.
Petra war nicht immer so. Auf ihren spirituellen Selbstfindungspfad ist die Frau erst gekommen, als ein Kerl sie von ihrem eigentlichen Weg abgebracht hat. Weggeschubst hat er sie. Ausgelöscht oder – wie Ronja sagen würde – »geghosted«. Die richtigen Details dazu kennt wohl nur Doris, die bekanntlich unsere Boulevardzeitung auf zwei Beinen ist.
Den Gerüchten nach hatte Petra wohl mal was mit Wolfgang aus der Poststelle. Hat dann aber nicht das bekommen, was sie sich erhoffte, und anschließend auch noch nen Arschtritt von ihm kassiert. Im Büro herrscht Stillschweigen über dieses Thema. Niemand wagt es, Petra aus ihrer allumfassenden Atemübung rauszuzerren und sie mal zu fragen, was denn nun genau passiert ist zwischen Wolle und ihr.
Ganz ehrlich, ich weiß auch nicht so recht, ob ich das so detailliert wissen will. Allein die Vorstellung, dass Schnarchnase Wolfgang ne zwischenmenschliche Beziehung eingeht! Oder ne sexuelle! Da schüttelt’s mich. Ich wette, dass Petra ne Voodoo-Puppe zuhause hat. Die hat so ganz kleine, von ihr selbst genähte Karo-Kurzarm-Hemden an, die Wolfgang in groß trägt. Und dann sticht die der Puppe abends immer ne Nadel in den Hintern und freut sich einen ab. Kann ja kein Zufall sein, dass Wolfgang jeden zweiten Morgen dasitzt und sagt: »Meen Ischias bringt ma irjendwann noch ins Grab!«
Während ich in meiner Gedankenwelt das Liebesrätsel um Petra und Wolfgang zu lösen versuche, steht Ronja an der weißen Tafel und skizziert wild ihre Kack-Ideen. Das ist ihr »Moodboard«. Da rennt die mindestens dreimal die Woche hin und krakelt irgendwelche englischen Wörter rauf, die sie dann farblich umkreist und mit süßen Smileys verziert. Hat sie in nem Präsentationskurs gelernt.
Herrjott, dit sind Steuerjelder!
Da sitzt der Bürger zuhause und regt sich über das Amt auf und wieso alles so langsam und oll ist und siehe da: fließt alles in Dinge, die das Amtsleben noch komplizierter machen. Und während wir diesen Monat das sechste Mal damit beschäftigt sind, wie wir uns optimieren können, fällt irgendwo ein Bürger in nem Wartezimmer tot um, weil er da schon siebzehn Jahre steht und nüscht passiert! Ronjas Verbesserungsdrang in allen Ehren, aber was soll sich denn bitte ändern, wenn die Leute, die die Ideen umsetzen sollen, dieselben bleiben.
»Ich führe jetzt einen Jour fixe ein«, strahlt Ronja, wobei sie nur Dilara anguckt. Ist halt auch die Einzige, die versteht, was die Alte meinen könnte.
»Wat isn ditte, Mausi? Is dit ne Tütensuppe? So wie Maggi Fix?« Doris hat wieder einen rausgehauen. Gisela kriegt sich gar nicht mehr ein vor Lachen, und Petra hat der Witz auch aus ihrer Meditation gerissen.
Dabei war’s nicht mal einer. Doris meinte das ziemlich ernst.
Bitte schön, Ronja. Da haben wir jetzt den Salat. Du kannst halt jemanden, der sich bei KiK und C&A einkleidet, nicht auf die Balenciaga-Fashionshow mitnehmen und hoffen, dass sie das irgendwie anmacht. Du kannst ne sechzigjährige Schlagermaus nicht in einen Berliner Underground Hip-Hop-Club schleppen und drauf warten, dass sie plötzlich lostwerkt. Und genauso kannste dich nicht uffs Amt stellen und den Leuten sagen, dass wir jetzt nen Jour fixe haben. Mal abgesehen davon, dass wir hier kaum Fremdsprachen beherrschen, scheint das wieder son blöder Modebegriff zu sein, den keener kapiert.
Ronja verdreht die Augen und kichert dabei so künstlich mit, wie sie nur kann.
Die Stimmung darf nicht kippen. Es darf nicht wieder in einem »Nein, das machen wir nicht« enden. Du bist die Vorgesetzte und verantwortlich für das Change Management, Ronja, reiß dich zusammen! Ich sehe ihr an, wie ihr diese Gedanken durch den Kopf schießen. Junge, wat tut die mir manchmal leid! Ich wär schon längst durchgedreht in diesem ignoranten Saftladen, dessen Teil ich bin.
»Is ja ejal, wat dit is. Jour fixe. Die Hauptsache is, dass et fix jeht. ZZ. Ziemlich zackig. Hahahaha«, setzt Gisela noch einen drauf und lacht wie vom Teufel besessen.
Dilara ist spürbar kurz davor, sich den Tacker zu schnappen und uns allen jeweils Ober- und Unterlippe mit ner Packung 1000er-Heftklammern zusammenzutackern.
Ronja sammelt sich und setzt noch mal an: »Wir treffen uns einmal die Woche zu einem FIXEN Tag und besprechen uns zu den wichtigsten Themen«, versucht sie die Botschaft, so selbstbewusst, wie es nur geht, rüberzubringen.
»Jut, und wieso sagste dit nich gleich, Mausi?« Doris hat zur Abwechslung mal recht. Die Zeitungen berichten von der Trägheit der Berliner Verwaltung. Bürger warten monatelang auf Termine. Alle hassen sie uns. Und wir sitzen jetzt seit ner Dreiviertelstunde hier und amüsieren uns darüber, ob die wöchentliche Besprechung nicht auch Tütensuppe genannt werden könnte.
»Na, Mensch, dann lasst uns doch einfach dit Wochenfrühstück wieder einführen. Bei nem Brötchen und ner Tasse Kaffee lässt sich dit doch viel jemütlicher jour fixen.« Ich möchte diese Runde endlich auflösen. Ich ertrag’s nicht mehr, wenn ich mir vorstelle, wie hier die Steuergelder meiner Rentnereltern verbraten werden, während wir endlos debattieren.
»Also eigentlich wollte ich den Jour fixe als Stand-up-Meeting einführen, aber vielleicht …«
»… vielleicht lassen wir das lieber, Ronja. Ich finde die Idee mit einem Frühstück eigentlich ganz nett«, vollendet Dilara den Satz. Beschwichtigen kann sie. Vermitteln kann sie auch. Musste sie ja auch schon immer. Zwischen ihren Eltern, zwischen ihren Eltern und Behörden und Ärzten, zwischen zwei Religionen und schließlich auch zwischen zwei Kulturen. Gut, dass wir dieses kleine türkische Küken im Team haben. Eine Diplomatin durch und durch.
»Also, ick find dit mit dem Frühstück ooch super, aber will gleich noch ma anmerken, dass ick nur vegan esse.«
»Petra, dit klären wa denn die Tage, jut? Noch ne Diskussion ertrag ick jetzt ooch nich mehr. Hab schließlich wat zu tun, ob de dit nun gloobst oder nich«, antworte ich. Reicht jetzt aber auch.
»Super, Mädels. Danke für diesen so konstruktiven Austausch und diesen tollen Input. Dann machen wir jetzt jeden Montag unseren Jour fixe um zehn Uhr! Oh Gott, nein, sorry! Unser fixes Frühstück meine ich natürlich.«
Geht doch, Ronja. Das Leben ist ein Kompromiss. Und dieses Ergebnis einer Kaffeerunde eine wahre Glanzleistung fürs Amt. Chapeau!
Hallöchen, Mausis! Icke bin’s – Doris. Tja, was soll ich euch über mich erzählen?
Kleen-Doris ist die Älteste im Bunde und zarte zweiundsechzig Jahre jung. Bin hier quasi die Amts-Mutti! Geboren und aufgewachsen bin ich in Berlin-Lichtenrade, schön in nem kleinen Häuschen mit meinen beiden Eltern und zwei Geschwistern. Ich weiß, wir sollen eigentlich nicht mehr zwischen Ost und West trennen, aber ich bin Wessi. Find ich nicht weiter schlimm, das auch zu sagen. Die Ossis machen’s ja genauso.
Vor vierzig Jahren habe ich meinen Ehemann Günter kennen und lieben gelernt. Er war der Sohn von ner Freundschaft meiner Eltern und mein erster richtiger Freund. Die jungen Leute heute träumen ja immer von so ner Romanze – Günter und icke, wir haben dit. Kinder haben wir nie bekommen, was meiner Meinung nach an ihm lag und nicht an mir, aber ist ja auch nicht schlimm, Mausis. Generell find ich kaum was schlimm. Das habe ich mir irgendwann so angewöhnt und verinnerlicht.
Um da hinzukommen, wo ich jetzt bin, muss man ne Menge erlebt haben. In meinen Zwanzigern und Dreißigern, da wollte ich noch rebellieren. Habe mich mit Hinz und Kunz angelegt und immer alles ausdiskutiert. Irgendwann merkste dann, dass sich eh nüscht ändert, und findest dich damit ab. Und dann ist auch nüscht mehr schlimm. Mein Job aufm Amt hat auch maßgeblich dazu beigetragen, dass ich so geworden bin, wie ich heute bin.
Mit sechzehn hab ich meine Lehre begonnen. Wen ich schon alles hab kommen und gehen sehen – hör mir uff! Chefs, die die Welt verändern wollten und dann das Weite gesucht haben. Kollegen, die dachten, sie könnten sich aufm Amt ausruhen, und dann ihr blaues Wunder erleben mussten. Affären, Skandale, Lästereien, Intrigen. Aber auch schöne Sachen. Liebesgeschichten, entstandene Freundschaften und Kollegen, die man ins Herz geschlossen hat. Verwaltungsreformen, Veränderungen, gescheiterte Modernisierungen und jetzt die schon ewig dauernde Digitalisierung.
Anfangs war ich noch motiviert und wollte bei allem dabei sein, aber mit Anfang vierzig habe ich aufgegeben. Gar nicht im negativen Sinne, sondern zurückgelehnt habe ich mich. Mein Job ist sicher, das Geld stimmt, und Freizeit habe ich auch noch genügend. Also, wat soll ick mir nen Kopp machen? Ich tu, was getan werden muss, und verkrümele mich Freitagnachmittag in meinen hübschen Schrebergarten.
Da lebt nämlich mein Mausebär Günter. Falls ihr glaubt, vierzig Jahre Ehe würden immer so glatt laufen, habt ihr euch geirrt. Das, was unsere Ehe frisch gehalten hat, war nämlich der Abstand. Unter der Woche leben Mausebär und ich also getrennt, und am Wochenende besuche ich ihn im Garten. Da hat man sich dann wenigstens was zu erzählen und sich vielleicht sogar vermisst. Wir laden Freunde ein, grillen, trinken lecker Eierlikörchen und machen uns das Leben schön. Das ist nämlich ganz schön kurz und auch zu schade, um es mit Meckern und Motzen zu verbringen.
So nett unsere Wochenenden auch sind, so sehr freue ich mich trotzdem auf jeden Montag. Das Amt ist meine zweite Familie und auch irgendwie ein Stück Zuhause. So viel Zeit, wie wir auf Arbeit verbringen – müssta euch ma vorstellen! Da ist es wichtig, dass man sich liebhat und nicht alles allzu ernst nimmt. Was die jungen Hühner sich immer um alles Sorgen machen. Die sollen erst mal in mein Alter kommen, dann ist denen auch alles egal!
Manchmal, da ist es nicht einfach, mit so verschiedenen Menschen zusammenzuarbeiten. Bei uns haste ja auch allet: Ossi, Wessi, Öko, ausländisch (Darf man dit noch sagen?), alt und jung. Da knallt’s dann auch mal, aber das hält uns frisch und schweißt am Ende sogar mehr zusammen. Mir sagen sie immer, dass ich viel in Fettnäpfchen trete und zu viel nachfrage. Bin halt neugierig, und böse meine ich das auch nie! Aber heutzutage musste ja aufpassen, was du noch sagen darfst und was nicht. Ach, is mir doch ejal!
Kurz und knapp, Mausis: Ihr dürft euch nicht immer so ne Platte machen! Aus diesem Leben is noch keener lebend rausjekommen, also wozu der Stress? Is allet halb so schlimm und sicher ooch nich böse jemeint! Kussi!
Kleiner Test: Schließt mal kurz die Augen und stellt euch ne Beamtin vor. Na? Was habt ihr gesehen? Lasst mich raten: Es war nicht Heidi Klum. Eher alt, ein bisschen rundlich, schlecht gekleidet, komische Frisur, grimmiger Blick. Also wie icke. Könnta ruhig zugeben. Das ist doch das, was sich alle vorstellen, wenn sie an Beamte denken. Ja, okay, hier und da ist das nicht ganz falsch. Aber auch hier gilt das Motto: Es sind nicht alle so, wie man denkt.
Meine Damen und Herren, begrüßen Sie also nun mit mir die neue Mitarbeitergattung der deutschen Behörden: Ronja. Diese neue, unverwechselbare Spezies hat irgendeinen Bachelor mit Medien gemacht (wie alle von dieser Gattung). Dann irgendnen Master im Ausland (so wie viele). Um danach in irgendnem Großkonzern zu arbeiten (auch nicht wenige), um am Ende nicht das zu bekommen, was man sich davon erhofft hat, und anschließend völlig ausgebrannt ins Amt zu rollen.
Das ist jetzt nämlich der neueste Trend oder wie Ronja sagen würde: der neueste Shit. Man rettet sich in die Ämter Deutschlands, um die guten Arbeitsbedingungen zu haben, die die großen Firmen alle nur anpreisen. Work-Life-Balance, das wollen sie heute alle, verlieren sich aber in ihrem Ehrgeiz nach dem Nonplusultra-Job. Tolle Büros, ne Kita fürs Kind, drei Kickertische und jeden Freitag Afterworkparty. Was du dafür leisten musst? Profit. Profit. Profit. Und dann merkste irgendwann, dass du unzählige Überstunden hast und der Leistungsdruck dich killt.
Ronja ist ein Paradebeispiel dafür. So ne richtige Mittdreißigerin. Vorliebe für englische Wörter, Power-Pilates, gesunde Ernährung, Karriere. Immer gute Laune. Immer motiviert. Hat tausende Ideen, will das Rad neu erfinden.
Alles, was ich will: sie mal kräftig durchschütteln.
Sie ist das Gegenteil vom Amtsidealbild und zerstört unser Image schon bei der morgendlichen Begrüßung: »Gooooood mooooorning« quietscht sie täglich mit ihrer schrecklichen Stimme durch die Büros.
»Dit heißt ›juten Morgen‹ und wir sind hier immer noch in Deutschland!«, antwortet Gisela mindestens jeden zweiten Tag.
Recht hat sie. Wozu denn immer diese dämlichen englischen Vokabeln? Fühlt Ronja sich dadurch besonders cool? Macht man das heutzutage so? So sprechen, dass einen so wenige Menschen wie nur möglich verstehen? Ronja, wir sind hier nicht mehr in deiner super-hippen Company, dit ist ne Behörde, verdammt! Das macht mich aggressiv.
Aber es wird noch schlimmer. Ronja ist nämlich nicht nur Kollegin. Nein, sie ist auch noch unsere Vorgesetzte. Eine Chefin! Eine Führungskraft! Frage mich täglich, wen die denn nun genau führt? Mich bestimmt nicht. Geschweige denn Grummel-Gisela, die sich eindeutig selbst führt.
Da setzen die uns alten Hasen irgendwelche Ronjas vor die Nase und hoffen, dass wir uns was sagen lassen? Pustekuchen! Die Dinge, die die in der Uni gelernt hat, kann se gern in irgendner Firma umsetzen. Nicht aufm Amt. Wir sind ein eigener Planet, hier herrschen andere Gesetze! Die Uhren ticken anders. Die Menschen sowieso.
Heute ist also wieder einer dieser Tage, an denen Madame Ronja unser Amt umkrempeln will.
»Mädels, wir müssen dringend am Onboarding arbeiten.«
»Wat muss ick? Janüscht muss ick. Sterben muss ick«, brabbelt Gisela vor sich hin, während sie sich den Zeigefinger ableckt, um das Aktenblatt zu wenden, das sie mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit eh nicht liest.
Ganz ehrlich? Wäre ich Ronja, ich würde mir das hier keinen einzigen Tag lang geben. Ich bin zwar selbst die immer neinsagende Klischeebeamtin, aber das wär mir nix hier. Ganz egal, was man sagt, Gegenwind ist vorprogrammiert. Neinsagen ist Prinzip. Und ja, das nervt. Daher kurze Anerkennung für Ronjas Geduld. Na jut. Vorbei.
»Ick weeß nich, ob ick nachfragen soll, wat dit nu wieder is, oder dit einfach sein lasse, Mausi«, sagt Doris. Am Ende jedes Satzes ein »Mausi« und dann noch ein Luftküsschen hinterher. Damit zieht die sich gnadenlos aus jeder Affäre. Doris ist gar nicht so doof, wie sie wirkt. Kussi hinterher, dann is »dit alles ja nich mehr so schlimm«, was sie da sagt.
»Onboarding« wiederhole ich kurz im Kopf. Ich wünschte, ich könnte es mir irgendwie herleiten, um Ronja zur Abwechslung auch mal nen Gefallen zu tun. Aber da tut sich beim besten Willen nichts. Das einzige Boarding, das ich kenne, passiert im Flieger. Wüsste jetzt nicht, was wir hier mit Flugzeugen am Hut haben sollten.
Ich denke es, und Gisela spricht es aus: »Wat is los. Willste die Passagiere in Flieger boarden, oder wat?«
Dilara verdreht ihre Rehaugen. Jaja, immer muss sie alles übersetzen. Als würde es nicht reichen, dass das arme Mädel schon ihr ganzes Leben zwischen ihren türkischen Eltern und Ämtern vermittelt. Dilara schweigt. Sicher aus Frust.
»Abholen. Wir müssen neue Kolleginnen und Kollegen abholen«, erklärt Ronja.
»Ick bin damals ooch janz alleene hier herjekommen. Und jetze sollen wa die Neuen abholen, oder wat? Ick gloob echt, ick spinne!«, sagt Gisela.
»Na, samma, Mausi, die können doch ooch mit die Öffis herkommen.« Doris schiebt sich die nächste Kippe in den Mund. Nachvollziehbar. War ja auch anstrengend, Doris, das Gespräch. Wenn’s kompliziert wird, kommt immer: »Ick jeh eene roochen.«
Ronja übt sich in Geduld und Achtsamkeit, das sehe ich ihr an. Innerlich testet sie gerade eine der Übungen, die sie aus ihren schlauen Ratgebern hat. In Wirklichkeit will sie sich ihre teure Ralph-Lauren-Bluse von der Brust reißen und sie irgendeiner von uns zusammengeknüllt ins Maul stopfen. Wie gehe ich mit der Mitarbeiterspezies Beamte um. In 30 Tagen zur erfolgreichen Führungskraft. Ey, das wär’n Kassenschlager. Vielleicht sollte Ronja einfach ein Buch schreiben. Es folgt also keine Erklärung dazu, was denn nun »Onboarding« sein soll.
Doris hat sich längst zum Rauchen davongeschlichen. Dilara sitzt wieder am Platz und macht sich ihre Kopfhörer rein. Gisela setzt neuen Kaffee auf. Hier bleibt alles so, wie’s is. Willkommen ONBOARD, liebe Ronja!
Ich bin noch nicht lange in der Behörde, aber to be honest: Es fühlt sich schon jetzt an wie eine Ewigkeit.
An meinem ersten Arbeitstag, das weiß ich noch, hatte ich eine Einführung. Ich musste ins Personalbüro, das hier »Büroleitung« heißt (wtf?), und wurde begrüßt. Dann wurde mir kurz gesagt, wo ich hinmuss, und da bin ich hin. Ende der Geschichte.
Na gut, es gab noch eine Willkommensmappe mit den wichtigsten Telefonnummern, und da ich Führungskraft eines Teams werden sollte, hat mich mein Chef persönlich begrüßt.
Ähm, sorry guys, aber wo melde ich mich genau für die Einführungswoche an? Schon mal was von Onboarding gehört? Die neuen Kolleginnen und Kollegen willkommen heißen? Sie abholen? Mit der Corporate Identity bekannt machen? Mir war schon klar, dass das hier kein moderner Konzern ist, aber come on!
Ich war schon in meiner ersten Woche auf dem Amt so lost wie lange nicht mehr. Aber gut, ich bin ja auch hergekommen, um etwas zu bewegen und zu verändern. Ich möchte modernisieren und meinen wertvollen Input der Gesellschaft zur Verfügung stellen.
Okay. Ich will humane Arbeitszeiten. Und ein Handy, das am Wochenende nicht klingelt. Eigentlich will ich gar kein Handy mehr. Ich will keinen Chef, der wöchentlich meine Zahlen als Statistiken sehen will. Und schon gar keinen toxischen weißen, unfassbar attraktiven Vorgesetzten, in den ich mich dann auch noch verliebe.
Zwei Burnouts und viel Herzschmerz in der Privatwirtschaft später stehe ich also hier und habe Hoffnung. Hoffnung auf Wandel.
Ich bin der Change. Und ich werde es schaffen.
Mein Team besteht aus fünf Damen. Ich bin nicht unbedingt inhaltlich für ihre Aufgaben verantwortlich, sondern wurde als Referentin für Change Management und Innovation eingestellt. Parallel zu diesen Aufgaben leite ich aber mein kleines Team an, und ich sage euch, unterschiedlicher könnten die nicht sein.
Eine mega-cute Boomer-Omi namens Doris, die immer nur mit Zigarette in der Hand herumläuft. Sie riecht nach einer Mischung aus Kippenqualm und Jovan-Parfüm, das meine Mutter auch trägt. Sie ist wirklich lieb, ich habe aber sofort gemerkt, dass die Frau mental schon lange in Pension ist. Nur noch ihre Hülle sitzt hier, bespaßt das Team und raucht eine nach der anderen. Sie ist trotzdem Gold wert, weil sie den Teamspirit hochhält und viel love spreadet.
Dann gibt’s da noch Gisela. Ich hatte schon bei unserer ersten Begegnung einfach nur Angst vor ihr. Ihr scannender Blick hat mich sofort verurteilt und in die Blöde-Tussi-Schublade gesteckt. Gisela muss der Chef hier sein, dachte ich mir. Sie ist burschikos, muskulös, groß und guckt, als würde sie dir gleich an die Gurgel springen. Sie muss ich catchen. Ich habe aber wirklich noch keine Ahnung, wie.
Petra ist mein spirit animal. Eine vegane Yoga-Queen, die in sich ruht, weltoffen und spirituell ist und für fast alles Verständnis zeigt. Ich wäre so gern mehr wie sie. Okay, abgesehen von ihren wirklich hässlichen Öko-Klamotten. Irgendwie riecht die auch immer ein bisschen nach Bauernhof und Lavendel.
Dilara ist eine liebe junge Türkin und nicht das, was man sich in Berlin unter einer Dilara vorstellt. No hate, aber der Begriff »Shisha-Dilara« ist sogar in meinem woken Umfeld gebildeter Bio-Deutscher weit verbreitet. Ich hoffe, dass sie mein Sprachrohr wird. Sie ist die Einzige, die meine Sprache spricht und weiß, wo ich hinwilll. Und Englisch kann sie auch (offensichtlich eine Seltenheit auf dem Amt!).
Conny ist irgendwie die Schweiz im Team. Manchmal grumpy und altbacken wie Gisela, manchmal ganz lieb wie Doris. Im Grunde verkörpert Conny genau das, was ich mir schon vorher unter Beamten vorgestellt habe. Größtenteils grummelig, wenig bis keine Lust auf Veränderung und bequem. Immerhin versucht sie aber, meine Aussagen und Anweisungen in Amtssprache zu übersetzen. Das rechne ich ihr hoch an.
Da sitze ich also hier in meinem Büro mit diesen scheußlichen Möbeln. Ich habe mir inzwischen eingeredet, dass es eine hippe Szenebar in Berlin-Kreuzberg sein könnte. Die haben ja auch oft alte, hässliche Möbel von irgendwelchen Flohmärkten, die dann zusammengewürfelt doch gut aussehen können.
Ich bleibe stark.
Mein vorheriges Hochglanz-Hightech-Büro konnte mich auch nicht vor dem Burnout bewahren. Mehr Schein als Sein in der alten Firma. Teilweise richtig krank. Je länger du an einem Arbeitstag geblieben bist, umso erfolgreicher hast du gewirkt.
Immer mehr, mehr, mehr.
Ich werde die mich judgenden Blicke nicht vergessen, als ich mal um siebzehn Uhr Feierabend machen wollte, weil ich einen Arzttermin hatte.
»Na, Ronja, machst du schon wieder früher Schluss? Dein Leben hätte ich gern.«
Heute weiß ich, dass das Mobbing war. Diesen blöden toxic Büro-Bitches schicke ich bald mal an nem Freitag um vierzehn Uhr ein Foto von mir auf der Couch. Sie werden platzen, weil sie selbst den Absprung nicht schaffen und »Amt« ihnen zu uncool ist. Und meinem neuen Team zeige ich, was für ein Gewinn ich für eine Behörde sein kann.
Ich bin der Change, ihr werdet alle schon noch sehen.
Ich lebe in Berlin-Neukölln. Nicht im Zugezogenen-Paradies Neukölln, sondern schön im Ghetto. Da, wo noch das echte Berlin ist. Arabisch, türkisch, alt, jung, dreckig und laut. Genau gegenüber wohnt meine Nachbarin Gül mit ihrem Mann und ihren vier Kindern. Neben ihr Oma Waltraud, sechsundachtzig Jahre jung, verwitwet und mit viel Zeit. Zu viel Zeit. Immer wenn ich die Wohnung verlassen will, muss ich erst lauschen. Wer ist im Treppenhaus? Bringt jemand gerade den Müll runter? Muss ich mich jetzt etwa unterhalten? Nach all den Jahren in diesem abgeranzten Häuserblock mitten in Gropiusstadt kenne ich alle Türgeräusche und auch alle Nachbarn in- und auswendig.
Oma Waltraud ist ne Jute. Aber halt auch ne Oma. Immer will die quatschen und hat mir schon so einige Ohren abgekaut. Gül bringt ihr regelmäßig türkische Köstlichkeiten vorbei. Fast jeden Abend höre ich, wie sie »Hallo, Oma, hier Essen, ja? Musst du essen« sagt oder eines ihrer Kinder rüberschickt. Diese guten Taten halten Omi aber noch lange nicht davon ab, auch hier und da mal über die »janzen Ausländer« zu schimpfen. »Na, weeßte, früher war dit allet hier nich so, Conny«, flüstert sie mir manchmal zu.
Finde ja, sie könnte auch locker bei uns aufm Amt anfangen. Da höre ich die Sätze, dass früher alles besser war, auch ständig. Na ja, keine schlechte Laune jetzt. Heute ist Freitag. Freitag ist generell ein guter Tag. Erstens steht man kurz vor dem Wochenende und zweitens bedeutet Freitag immer: Früher Feierabend.
Ich sprinte also regelrecht aus meinem Büro, springe runter in die U7 Richtung Rudow und liebe diesen Tag. Herrlich. Heute kann nichts mehr passieren, was mich aus der Fassung bringen könnte. Die Woche war schlimm genug, weil wir wieder eine von Ronjas Schulungen machen mussten. Es kann also nur besser werden. Wenn ich gleich zuhause bin, werde ich mich auf mein Sofa schmeißen, den Fernseher einschalten und den wohlverdienten Beamtenfeierabend genießen. Denke ich mir.
Zuhause angekommen, riecht es auf dem Flur nach angebratenen Zwiebeln. Gül, die anatolische Kochfee, zaubert wieder irgendein Acht-Gänge-Menü für die Familie. Ich mach mir nachher ne Dose Ravioli auf oder hol mir einfach nen Döner. Woher die Frau die Motivation nimmt, täglich frisch zu kochen, und auch die Ideen? Wär mir viel zu anstrengend. Und dann bin ich auch noch alleine. Ich koche alleine, esse alleine und mach mir dann ne Kerze dazu an, oder wat? Nee.
Ich stecke also in der Hoffnung, dass Gül nachher vielleicht auch was geiles Türkisches für mich rüberbringt, den Schlüssel ins Schloss und zucke blitzartig zusammen.
»Na, haste schon Feierabend, Kleene?«
Oma Waltraud. Nein. Bitte nicht. Bitte nicht reden müssen. Ich will auf die Couch, bitte, Omi! Die muss mich durch den Spion beobachtet haben, das olle Biest. So schnell, wie die ihre Tür aufgerissen hat, als ich gerade meine aufschließe, kann das kein Zufall gewesen sein. Wie die trotz Schwerhörigkeit so wachsam sein kann, ist mir ein Rätsel.
Ich atme einmal ganz tief durch. Conny, das geht jetzt ganz schnell. Reg dich nicht auf. Du drehst dich jetzt ganz kurz um und sagst: Tach, Waltraud, hab’s eilig. Hab’n Termin in zehn Minuten. Muss ganz schnell weg. Weeßt ja, wie dit is mit meen Job. Kaum kommste rin, musste gleich wieder los. Das sagst du ihr jetzt, Conny. Komm, du schaffst das. Ich atme also tief ein, drehe mich um und will meinen vorbereiteten Text runterrattern. Da weint sie los. Oma Waltraud weint. Was zur Hölle ist das denn für ein Horrorfilm? Der Freitag ist futsch! Was heult die denn jetzt rum? Und dann ist das halt so ne süße liebe Omi. Süße liebe Omis, die weinen, gehen einfach gar nicht. Ich kann doch jetzt nicht sagen, dass ich wegmuss.
