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Das Buch ist ein Teil der "Paris-Trilogie" des Autors. Ein Mann ist plötzlich da, weiß jedoch nicht wodurch, woher und weshalb. Mühsam sucht er nach Puzzlestücken, Hinweisen und Erklärungen, die belegen, dass er der Diplompsychologe Bertrand Duras ist, mit Praxis am Bois de Boulogne, in Paris. Neben der Behandlung seiner illustren Patienten findet er mit Unterstützung seiner Haushaltshilfe Giselle, seinem Freund, dem Theaterregisseur, Atheisten und Schürzenjäger Yves Battiston und seiner naiven Sprechstundenhilfe Odile, so manchen Hinweis und Erklärung für seine Existenz. Dazu muss er ein paar rätselhafte Knoten seines Privatlebens entwirren und seinem Freund Yves aus der amourösen Patsche helfen, in die der sich immer wieder hineinstürzt. Bis eines Tages, - ja bis eines Tages die Erklärung decodiert wird, auf eine Weise, die alle und alles in ein wahres Chaos manövriert und so manche Überraschung bereit hält.
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Genesis
Ein wahrer Freund ist wie ein zweites Ich.
Die Frau ist die Beute, die dem Jäger auflauert.
Denken ist schwer, darum urteilen die meisten Menschen
Mama ist die Beste I
Mama ist die Beste II
Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben
Mama ist die Beste III
Übertragung
Was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltest du sagen
Glücklich allein ist die Seele, die liebt.
Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.
Alles was nur wahrscheinlich ist, ist wahrscheinlich falsch
Um klar zu sehen, reicht oft ein Wechsel der Blickrichtung
Konsequenzen
Ich denke, also bin ich
Wer nichts wagt, darf nichts hoffen
Die Lösung ist immer einfach, man muss sie nur finden
Auch der weiteste Weg beginnt mit dem ersten Schritt
Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung
Quintessenz
Die meisten Probleme entstehen bei ihrer Lösung.
Der Mensch ist vielerlei. Aber vernünftig ist er nicht
Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen, aber selten etwas Besseres
Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden
(Marcus Tullius Cicero)
Das Ganze begann alles mit einem Urknall. Oder besser gesagt, wie der Urknall. Bertrand schlug unvermittelt die Augen auf und fand sich völlig entspannt im Chefsessel vor einem Schreibtisch sitzend in diesem merkwürdigen Zimmer wieder. Ohne auch nur den geringsten Hauch einer Ahnung zu haben, wie er dort hingekommen war. Und woher.
Es fühlte sich auch nicht so an, als hätte er geschlafen und wäre gerade aufgewacht. Nein, er war plötzlich da. Einfach da. Aus dem berühmten Nichts war er da. Es war punktgenau 16.00 Uhr. Das zeigte dieses digitale Chronometer mit Temperaturanzeige auf dem Tisch. 30°. Das war eine Temperatur, die jenseits des Begriffes angenehm lag.
Er berührte vorsichtig den Schreibtisch, so wie man ein Bügeleisen prüft, ob es heiß ist. Er strich mit der Hand drüber. Real. Eindeutig. Jedenfalls spürte er das glatte Holz. Auf dem Schreibtisch stand neben den üblichen Utensilien wie Organizer, Locher, Hefter, Bleistiftschale etc., ein größerer Monitor mit Mouse und Tastatur. Ein kleiner Stapel Aktendeckel auf einer ledernen Unterlage, von dem der oberste aufgeschlagen war, so als hätte gerade jemand daran gearbeitet. Ein schnurloses Telefon mit Display. Zettelwirtschaft.
Wo war er hier? Nun, die Antwort lautete: Im Sprechzimmer eines Arztes. Oder besser, eines Therapeuten. Eines Psychotherapeuten, um es exakt zu sagen. Ich bin Psychotherapeut? Eine Frage, die er an sein Inneres richtete. Nur von dort kam keine Auskunft, die ihm weitergeholfen hätte. Im Gegenteil, er bekam überhaupt keine. Aber wie komme ich hier hin? Was ist passiert und wo war ich vorhin? Oder vorher? Und wer bin ich überhaupt?
Bertrand selbst war ein sympathischer, sonnengebräunter Endvierziger mit angegrauter, wallender Hippiemähne und Drei-Tage-Bart. Man konnte ohne weiteres annehmen, er sei gerade einem Film aus den Siebzigern des letzten Jahrhunderts entstiegen. Er sah an sich herunter. Ganz leger, in weißen Jeans, schwarzem Polo-Shirt und schwarzen Stoffschuhen mit weißer Sohle. Er saß da, wo der „Urknall“ ihn abgesetzt hatte.
Bertrand berührte die Leertaste auf der Tastatur. Der Monitor schaltete sich ein und er erschrak. Dann erschien in verzierten, großen Buchstaben der Schriftzug Bertrand Duras. Psychothérapeute diplômée, das Ganze in ein nachempfundenes Wappen eingearbeitet. Der Name fand sich aufgedruckt auch auf vielen Zetteln, die vor ihm lagen,
Er musterte das Sprechzimmer sorgfältig: Mobiliar, Decke, Wände, Boden, Fenster, Türen. Das alles war ihm irgendwie … er grübelte … auf eine merkwürdige Weise vertraut. Überhaupt nicht fremd. Er war schon mal hier gewesen … Oder?
Durch das geöffnete hohe Fenster schickte die Sonne am blauen, wolkenlosen Himmel gut und gerne unbarmherzige 32° Celsius herein, die sich hier ein wenig abkühlten. Trotzdem zu warm, empfand er.
Bertrand drehte sich mit dem Chefsessel und sah durch das Fenster, auf den Bois des Boulogne. Er musste blinzeln, stand auf und trat ans Fenster. Vor ihm direkt der Boulevard de l´Amiral Bruix. Kam ihm auch bekannt vor … Hier hatte er seine … Praxis. Aha. Nur war das nicht das, was man als Erinnerung bezeichnen konnte. Es war mehr wie das Etikett auf einer Weinflasche. Eine Erinnerung fühlt sich anders an.
Gegenüber in der Ferne zog mit einem ständigen, eintönigen Schnurren die berühmte Périphérique vorbei, die Schnellstraße, die sich wie ein Gürtel um Paris legte. Und direkt vor ihm, da stand er, in saftigem Grün, soweit das Auge reichte, der Bois de Boulogne, das große Waldgebiet im Westen von Paris. Dahinter, in der Ferne, der hypermoderne Bau des Grand Arce im Hochhausviertel La Defense im Stadtteil Puteaux. Paris, dachte er. Und wieso weiß ich das so genau? Statt Antworten entstanden immer mehr Fragen.
Er schaute sich weiter um. Was er sah war ein Raum, der zugegeben schon bessere Tage hinter sich hatte, der heftig nach Renovierung schrie. Die Tapeten zeigten diese vergilbte Oberfläche mit Phantasiemustern im Jugendstil, alles in leichtem Beige. Unten an den Fußleisten hatten sich einige Stellen gelöst und waren im Begriff, sich ganz heimlich aufzurollen.
Er schritt durch den Raum, um ihn zu erforschen. Neben seinem Schreibtisch führte eine alte Holztreppe in einen Turm – den einer der vielen Vorbesitzer als Treppenhaus mit Wendeltreppe angebaut hatte – durch den man in seine Wohnung oben gelangte. Das Haus war wesentlich älter als der Turm. An der Wand entlang befanden sich alte, abgegriffene Handläufe, die den Stufen folgten. Er schaute hoch. Da war ein Absatz mit einer Tür, durch die man direkt auf diese großzügige Wendeltreppe im Treppenhaus gelangte.
Unten, neben der Treppe eine Tür. Er öffnete sie. Ein Abstellraum offenbar. Wohl wenig genutzt. Auf der gegenüberliegenden Seite eine Tür mit einem Schild „Wartezimmer“, in dem sich auch der Eingang bzw. Ausgang für die Patienten befand, der in einen sorgfältig angelegten kleinen Blumengarten führte. Neben der Wartezimmertür ein antikes Handwaschbecken mit ebensolchem Wasserhahn, verdeckt durch einen unmodernen Paravent.
Daneben eine weitere Tür mit der Aufschrift „Büro“. Der Raum seiner Sekretärin, Odile. Daneben so etwas Ähnliches wie ein kleines Barfach mit integriertem Kühlschränkchen. Die Türrahmen könnten einen Anstrich gut vertragen. Unter dem Fenster eine altmodische Kommode. Er zog sie auf. Lauter alte Akten ganz offenbar, mit dem Aufdruck „Bertrand Duras“.
Alles wirkte so überlebt, so unzeitgemäß, beinahe verkommen. Hier ließe sich eines dieser deprimierenden Harold-Pinter-Stücke bestens inszenieren. In der Mitte des Raums allerdings ein hochmoderner, mit schwarzem Leder ausgepolsterter Patientenstuhl, der sich bei Bedarf mit wenigen Handgriffen in eine bequeme Liege umwandeln ließ. Die Couch für die Patienten, sozusagen. Wenn er oder sie drauf bestanden. Heute sitzt man sich nur noch gegenüber. Wenn Freud das geahnt hätte. Er stutze. Woher weiß ich das?
Augenblick mal, dachte er. Odile? Ja, natürlich, Odile. Das ist doch die, die … Er versuchte krampfhaft, sich ihr Gesicht, ihre Gestalt vorzustellen. Ohne Erfolg. Was ist denn los, grübelte er. Er hatte sie nicht vor Augen. Aber irgendetwas sagte ihm, dass sie seine Praxishilfe war.
Er setzte sich an den Schreibtisch und versuchte sich in einer souveränen Pose.
„Odile?“, rief er zweifelnd in den Raum, einfach um festzustellen, ob er richtig lag, im Ordnen seines Kopfes, der gerade einem Urwald ähnelte, in den ein Meteorit eingeschlagen war. Die Tür zum Büro öffnete sich wenige Sekunden später und Odile erschien mit einem Schreibblock in der einen und einem Stift in der anderen Hand.
„Monsieur Duras?“ Er sah sie und erschrak. Er hatte erhebliche Mühe, seine Überraschung zu verbergen. Was hatte er denn erwartet? Eine üppige Blondine in Schwesternuniform mit Strapsen? Jetzt krieg dich mal wieder ein, schimpfte er mit sich. Aber immerhin bestätigte sie seine Annahme, dass er jener Bertrand Duras war.
„Schon gut. Ich hatte nur …, ich wollte bloß …, Danke, Odile. Entschuldigung“, stammelte er mehr verlegen als autark daher.
Sie war, um es freundlich auszudrücken, in fast allen Belangen nicht unbedingt das, was das Klischee einer attraktiven Empfangsdame erfüllte. Oder wie Studenten in der Biedermeierzeit sie treffender beschrieben hätten: Eine redliche Landpomeranze. Und so kleidete sie sich auch. Haute Couture war vermutlich ein Fremdwort, dort, wo sie herkam. Obendrein war sie ein bisschen naiv und ein kleiner Tollpatsch.
„Keine Ursache, M. Duras.“ Damit verschwand sie erleichtert wieder in ihrem Büro, wobei sie den Zeitungsständer mit den Illustrierten umstieß, wieder aufrichtete und sich entschuldigte. Kleiner Trampel, was, dachte sich Bertrand. So etwas hab ich eingestellt? Er schüttelte ungläubig seinen auf Hochtouren arbeitenden Kopf.
Obwohl er zunächst angenommen hatte, noch nie hier gewesen zu sein, kam ihm alles so geläufig vor. Wie sollte er auch sonst wissen, dass sich seine Wohnung über der Praxis befand. Er gehörte hier hin. Das stand fest. Nur was war es, das ihn da so sicher machte?
Ich weiß, ich wusste, habe gewusst, sagte er in Gedanken auf. Ich weiß, dass ich nicht weiß. Wieder grübelte er. Ich habe gewusst. Das heißt, ich habe ein Bewusstsein. Aber wer bin ich?
Und was ist mit meiner Erinnerung? Was ist mit meinem Kopf? Vielleicht ein Déjà-vu? Natürlich. Das war des Rätsels Lösung. Ein typisches Déjà-vu. Alles war ihm fremd und trotzdem vertraut. Oder umgekehrt. Als hätte er das alles schon mal erlebt. Oder eigentlich schon immer …
Aber wieso konnte er sich nicht …? Was war denn heute Morgen …? Er schaute auf die Uhr. Oder gestern? Er konnte sich bei bestem Willen nicht an Ereignisse erinnern, die hinter ihm lagen. Wie ist das möglich? Er war einfach nur da.
Vor ihm auf dem Tisch sah er ein Diktiergerät. Musste er etwas diktieren? Er studierte den Schreibtisch. Aber natürlich. Das war doch sein Metier. Er war der Psychotherapeut. Er schaute – wie auf Autopilot – auf den geöffneten Aktendeckel, der vor ihm lag und überflog die Seite mit den handschriftlichen Notizen. Er hatte plötzlich das Gefühl, als machte es in seinem Inneren „Klick“. Sofort war ihm klar, worum es ging, nickte, schaltete das Diktiergerät ein und sprach absolut routiniert:
„...hat es während der Sitzungen keinerlei quantitativ stärkere Ausprägungen gegeben, Komma …“ Er überlegte und setzte fort: „… die in irgendeiner Form auf eine Psychose hinweisen, Punkt. Es ist davon auszugehen, Komma, dass die stimmungslabilen Symptome vor allem durch ...“
Er staunte nicht schlecht über sich. Das Diktat ging ihm von den Lippen wie geschmiert und auch die Terminologie war ihm nicht fremd. Also hatte er das Diktat womöglich nur unterbrochen? So wird es sein, sinnierte er, mein Job. Er spulte das Diktiergerät zurück und hörte seinen gesprochenen Text ab. Merkwürdig, dass davor nichts zu hören war. Er nahm Schritte auf der Treppe zum Turm wahr.
Yves Battiston gab sich die Ehre. Er hatte die letzten Worte aus dem kleinen Lautsprecher des Diktiergerätes mitgehört.
„Ahaaa! Du definierst mal wieder deine seelische Verfassung“, gab er äußerst gut gelaunt von sich. Er stand lässig mit ausgebreiteten Armen auf der untersten Stufe, in der rechten Hand hielt er einen leichten Gehstock. Nicht wegen eines Gebrechens, nein, es war ein Accessoire, ein Spleen, seine Marotte. Gekleidet in modischen Jeans, einem weißen, kragenlosen Hemd mit brauner Lederweste, barfuß in braunen Mokassins, die langen Haare zu einem Zopf gebunden. Ein moderner Sioux-Indianer. Allerdings ein wenig blass, ja, man konnte fast sagen: übernächtigt und dennoch absolut vital. Bertrand reagierte gereizt. Yves. Der war ihm absolut nicht fremd. Merkwürdig, dachte er.
„Was willst du?“, fragte er ohne aufzublicken. Worauf Yves sich leichtfüßig tänzelnd von der Treppe löste und sich in beflügeltem Singsang Bertrands Schreibtisch näherte.
„Bon soir. Bon soir, Monsieur Duras. Wissen Sie schon wer es war … “
Bertrand war genervt. Das sah man ihm an. Nicht nur wegen Yves´ überbordender Stimmung, die war dem wahrscheinlich angeboren, nein, der Urknall wirkte nach. Er legte das Diktiergerät zur Seite. Kurioserweise war er sofort in der Gegenwart. So wie etwa: Vorhang auf und Stichwort.
„Was soll das? Wieso kommst du von oben?“
„Mein lieber Bertrand! Erstens war ich der Annahme, du hättest längst Feierabend gemacht, weil wir uns auf einen kleinen Trip durchs Pariser Nachtleben verabredet hatten …“
Dabei begann er recht obszöne Bewegungen mit seinem Unterleib auszuführen, wobei er nonchalant in Michael-Jackson-Manier seine Hand lässig in den Schritt legte, ein langgezogenes „Uuuh“ ausstieß und dazu: „I can get no ... Satisfaction!“ sang. Anschließend mimte er Maurice Chevalier, indem er gekonnt und dahingleitend ein paar Steppschritte erklingen ließ.
„Und zweitens …?“ unterbrach ihn Bertrand derbe und gelangweilt-ungeduldig.
Jetzt musste man wissen, dass Yves Battiston zum einen Bertrands bester Freund und zum anderen von Natur aus tatsächlich der Optimist im besten Sinne der akademischen Definition war. Zudem ein erfolgreicher, angesehener und gefeierter Bühnenregisseur. Darüber musste Bertrand nicht eine Sekunde grübeln. Und wieder kam ihm das seltsam vor.
Yves sah seine Aufgabe – im privaten Bereich – darin, Bertrand ebenso regelmäßig wie erfolglos zu Frauenbekanntschaften zu animieren. Darüber hinaus war er ein lupenreiner Atheist und tat dies kund, wo immer er ging und stand. Und meistens ungefragt. Und er liebte das Weibliche schlechthin. Wo immer sich die Gelegenheit zu einer Affäre, einem One-Night-Stand oder einem „ad-hoc-bums“ ergab, wie er dies gerne bezeichnete, konnte er einfach nicht nein sagen.
„Und zweitens …?“ unterbrach ihn Bertrand derbe und gelangweilt-ungeduldig.
„… stand deine Wohnungstür sperrangelweit offen“, kicherte Yves und warf sich in den Patientensessel. „Woher die vorzügliche Laune, mein Freund?“
Bertrand stutzte und drehte sich überrascht um.
„Wieso stand meine Wohnungstür offen?“
„Ja, was weiß ich? Wahrscheinlich lässt bei dir so langsam alles nach. Bankkonto, Schwellkörper, Gedächtnis. Übrigens: In deiner letzten Sendung hattest du einen üblen Hänger. Weißt du, was du da ...“
Bertrand spürte, wie seine Verwirrung wuchs. Ein Gasballon unter der Flamme war nichts dagegen. Das Yves sein bester Freund war, daran gab es keinen Zweifel. Und sein Vertrauen zu ihm war unerschütterlich. Das spürte er mit jeder Faser seines Körpers. Aber was redet er jetzt daher? Sendung!
„Augenblick mal. Nicht so schnell. Ich habe das Gefühl, mein Gedächtnis macht gerade Urlaub. Von welcher Sendung sprichst du da?“
Jetzt war es Yves, der sich in ein riesiges Fragezeichen zu verwandeln schien. Er sah Bertrand skeptisch an.
„Kann es sein, dass du geringfügig überarbeitet bist, Bertrand? Hä? Umso dringender stellt sich unser Wochenend-Happening. Also wirst du auf der Stelle …“
„Welche Sendung, Yves!!?“, knurrte Bertrand.
„Welche Sendung!? Mann, deine Sendung. Deine! ‚Duras – Niemandsland Seele‘. Jeden ersten Dienstag im Monat. 22.15 auf Arte Future … Oah, jetzt komm schon.“
Gerade als Bertrand antworten wollte, kam Odile aus ihrem Büro. Sie sah zunächst nur Bertrand und spielte nervös mit einem Kugelschreiber herum. Yves im Patientensessel bemerkte sie überhaupt nicht. Sie wand sich verlegen:
„Ich ... ähm ... Also... Entschuldigung, ich wollte nur sagen ... ähm ... ich wär´ dann soweit, M. Duras. Also, ich meine, alles erledigt. Ähm ... Kann ich dann gehen?“ Sie ging zum Fenster und wollte es schließen.
„Lassen Sie das auf. Die frische Luft, oder das, was wir dafür halten, tut ganz gut.“
„Wie Sie wünschen, M. Duras.
„Zuviel Autos unterwegs. Irgendwann werden wir daran ersticken.“
„Wie Sie meinen, M. Duras. – Und? Kann ich?“
„Was?“
„Ja, gehen. Also … Feierabend machen.“
„Ach so. Ja, ja. Natürlich. Machen Sie Feierabend.“ Odile atmete auf und wich gerade noch der großen Yucca-Palme aus, die neben ihrer Bürotür stand. Bertrand spürte mehr und mehr, wie eine rätselhafte Vitalität von ihm Besitz ergriff, quasi als Gegenpol zu seiner Verwirrung.
„Das heißt, zwei Dinge noch, Odile. Sind die Unterlagen von Madame Hébert für die Klinik fertig und haben Sie das Manuskript für die nächste Sendung abgeschrieben?“
Da! Jetzt erwähnte er selbst die Sendung. Seine Sendung? Ja, natürlich seine Sendung. Es war aber weniger die Erinnerung daran, als vielmehr diese merkwürde Déjà-vu-Situation. Odiles Stimme hörte sich jedenfalls sehr real an.
„Äh ... Ach so, ja ... äh ... also, das Manuskript können Sie unter TVN17/20 aufrufen“, sie zeigte auf den Monitor und dann auf die Unterlagen daneben. „Äh ... und das da wollte ich morgen machen, M. Duras.“
Der Kugelschreiber fiel ihr aus der Hand. Sie wollte ihn auffangen, was ihn aber zum Geschoss machte, das direkt auf Bertrand zuflog.
„Oh. Entschuldigung, M. Duras.“ Bertrand verdrehte die Augen. Odile grinste verlegen. Wer hat die bloß eingestellt, dachte er geschlagen.
„Morgen! Aha!“ Er gab einen tiefen Seufzer ab. „Odile! Was mache ich bloß mit Ihnen?“ Er schüttelte den Kopf, um geduldig wie zu einem Kind zu sprechen: „Was ist morgen für ein Tag?“
„Morgen … ist Sonnabend“, antwortete sie wahrheitsgemäß und fröhlich, „Also, Wochenende.“
„Wochenende. Aha. Und wo sind Sie für gewöhnlich am Wochenende?“
„Meist mit meiner Freundin in der Sauna und dann auf ´ner Fete“, kicherte sie albern in weiter Ferne, denn in Bertrands Kopf taucht die Frage auf, woher er wusste, dass das Wochenende vor der Tür stand?
Yves hatte währenddessen schweigend und amüsiert vor sich hin grinsend im Patientensessel gesessen. Die Sauna regte seine Fantasie an. Er lehnte sich aus dem Sessel und rief zu Odile rüber:
„Ouh. Verraten Sie mir, wo Sie saunieren. Ich wollte Sie immer schon mal nackt sehen.“
Bertrand realisierte, beobachtete beide und verdrehte belustigt die Augen. Odile fuhr erschrocken zusammen, erkannte Yves und lachte erleichtert.
„Monsieur Battiston! Mein Gott!“
Yves flachste zwar theatralisch, in Wahrheit meinte er es aber bitterernst:
„Ich bin nicht ihr Gott, Odile. Ich bin ihr Bewunderer. Gott ist tot.“
Odile ließ wieder ihr albernes Gekicher los.
„Haben Sie mich erschreckt, wollte ich sagen. Sie sollen mich nicht immer so veralbern.“ Sie genierte sich tatsächlich. „Ich zeig mich doch nicht nackt.“ Erneutes Kichern. „Und Ihnen schon gar nicht.“
Worauf Yves den Klagenden spielte.
„Odile! Welch ein bedauernswerter Umstand“, und setzte mit überzogener Hingabe obendrauf: „Wissen Sie, dass ich nachts von Ihnen träume?“
„Ehrlich?“, fragte Odile naiv überrascht. „Was denn?“ Bertrand fuhr jetzt dazwischen, denn er wusste genau, würde er Yves freien Lauf gewähren, wo die Konversation mit Odile endete.
„Ja, Kinder. Es ist gut. – Bringen Sie mir die Akte von Mme. Hébert, räumen Sie hier noch ein wenig auf und dann gehen Sie. Die Unterlagen mache ich noch fertig.“
„Danke, M. Duras“, atmete Odile auf und wollte in Ihr Büro abwackeln, da hielt Bertrand sie nochmal auf.
„Ach, Odile. Ich will Sie nicht bedrängen, aber Sie denken doch an unsere kleine Verabredung?“
„Aber natürlich, M. Duras. Ich bin schon auf Seite 74.“ Sie blickte zu Yves hinüber und lächelte ihm unsicher zu. „Träumen Sie ruhig weiter, M. Battiston.“ Sie kicherte in sich hinein und verschwand in ihrem Büro. Yves schaute ihr verdutzt nach.
„Worauf sie sich verlassen können, Mademoiselle Chenier.“ Sie hatte ihn glatt überrumpelt. Hätte er ihr gar nicht zugetraut. Wer weiß, vielleicht ist mit der ja doch was anzu…
„Yves?“, holte ihn Bertrand ins Jetzt zurück.
„Hä? Ach so. – Ja, du …, äh … klär mich doch mal gerade auf. Mit der ´ne Verabredung? Mit der? Auf Seite 74? Was hast du vor mit der Kleinen? Soll sie sich ins Kamasutra einlesen?“
„Also Yves, wirklich“, maulte Bertrand angekratzt. „Ich habe ihr „Beckett oder die Ehre Gottes“ gegeben. Jean Anouilh. – Mann, kannst du auch mal an was anderes denken?“
„Wenn ich mich konzentriere, ja“, warf Yves lässig in den Raum, indem er seine Fingernägel anhauchte und sie an der Weste polierte. In dem Moment kam Odile zurück, Trenchcoat über dem Arm und einen Aktendeckel in der Hand.
„Die Akte Hébert, M. Duras. Ich leg sie auf den Schreibtisch.“ Yves schaute ihr plötzlich interessiert und mit völlig anderen Augen zu und nach, so wie ein Löwe etwa, der eine Beute wittert. Ja, doch, dachte er, dieser Gang, diese Figur … war mir gar nicht …
„Danke, Odile. Und schönes Wochenende. Sind Sie so nett und schließen von draußen ab?“
„Aber natürlich. Ihnen beiden auch ein schönes Wochenende. Bis Montag um neun dann.“ Und damit verließ sie den Behandlungsraum, schloss die Tür zum Wartezimmer hinter sich und kurz darauf vernahm man das Schließen der Außentür.
„Die Ehre Gottes“, lamentierte Yves und wiederholte laut und zynisch: „Die Ehre Gottes. Du weißt, was ich von dieser Ehre halte. Oder?“
Bertrand überlegte, ob er sich jetzt auf diese Diskussion einlassen sollte, die sie schon x-mal geführt hatten und wohl immer wieder führen werden. Schließlich kannte er Yves. Außerdem beschäftigte ihn durchgängig dieser Urknall bzw. das Déjà-vu. Sollte er Yves darauf ansprechen? Immerhin vertraute er ihm. Nein. Besser nicht, dachte er.19 Wenn der sich in dieser Stimmung befindet, vollgepumpt mit Endorphinen, dann hört der eh nicht zu. Später. Darum sagte er lieber:
„Ich weiß es. Und viel mehr halte ich auch nicht davon. Aber ich habe es ihr nicht aus religiösen, sondern aus literarischen Gründen gegeben.“ Yves kann nicht wechseln. „Hä?“ Bertrand fuhr mit einer kleinen Verlegenheit fort, fast hätte man annehmen können, verschämt:
„Na ja... Ich möchte halt, dass sie sich ein wenig weiterbildet. Weißt du, in ihr steckt mehr, als man vermutet.“
Und wieder fragte er sich, wie kann ich das wissen? Ich weiß nur ihren Namen. Nicht wo sie wohnt, wie sie lebt. Ob sie gebunden ist. Aber ich weiß, dass mehr in ihr steckt? Yves nahm den Faden auf und plapperte in seiner unnachahmlichen Art weiter:
„Dann solltest du ihr “Lady Chatterly“ oder „Die Geschichte der O“ aufnötigen. Dann steckt bald noch mehr in ihr. Die Ehre Gottes verdirbt nur ihren Charakter.“ Bertrand winkte erschöpft ab:
„Komm, Yves! Lass gut sein. Mein Tag war anstrengend genug. Ich kenne deinen Standpunkt. Und du kennst meinen.“ Aber Yves ließ nicht locker.
„Ja? Kenn´ ich? Woher?“
Bertrand gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er genug hatte von diesem Austausch, der nichts Fruchtbares zurückließ. Er legte mit einem wohligen Stöhnen die Füße auf die Schreibtischkante. Ihm war klar, dass Yves noch nicht sein ganzes Repertoire abgespult hatte. Da kam noch was. – Natürlich. Nämlich das:
„Trotzdem süß, die Kleine. Die macht mich richtig neugierig. Ich wette, die bleibt noch ganz ruhig liegen und quiekt vor Entsetzen.“
Bertrand setzte sich kerzengerade hin und gab ihm energisch zu verstehen:
„Yves! Von der lässt du gefälligst die Finger. Ist das klar? Wir sind hier nicht am Theater, wo du nur wahllos um dich greifen kannst, wenn du … Du weißt schon.“
„Du neigst mal wieder vornehm zur Untertreibung, mein Freund“, sagte Yves höchst arrogant und hauchte gelassen seine Fingernägel an und rieb sie wieder an der Weste. „Ich greife nicht um mich, sie flehen mich an.“
„Ja“, seufzte Bertrand, „so wird es sein. Mr. Sexmachine. – Hach! Dieser Feierabendverkehr...“ Er ging ans Fenster und schloss es, der Straßenlärm verstummte. Er setzt sich auf die Fensterbank.
„Trotzdem. Odile ist für dich tabu. Du hast deine Frau und deine Theatermiezen.“ Er grübelte. Yves hat eine Frau? Es schien, als füllten sich seine Leerräume im Kopf. Wenn es denn welche waren.
Yves stieß ein lautes Geräusch ab, das eindeutig seinen Unmut ausdrückte. Er maulte:
„Ach, hör auf.“
„Nanu!? Was hat sich geändert?“
„Überhaupt nichts hat sich geändert. Aber erstens kenn´ ich die Miezen durch und durch und zweitens liegen sie eh nur teilnahmslos da. Und warum?“
„Du wirst es wissen.“
„Natürlich weiß ich das!“
Während des Dialogs ging Bertrand an den Schreibtisch, nahm sich die Akte, die Odile ihm hingelegt hatte, hakte ein paar Sachen darin ab und unterschrieb sie. Dann nahm er einen Umschlag aus der Schublade und steckt sie hinein. Zum Schluss schrieb er eine Adresse darauf und frankierte ihn. Während Yves aufstand und zum Fenster ging. Er schüttelte den Kopf.
„Du hast recht. Zu viel Autos. Viel zu viele. Und nur noch Straßen, Brücken und Parkplätze. Für Autos. Und für den Menschen?“ Er schwieg. Nach einer Weile: „Für die Desdemona oder die Johanna tun die alles. Unfassbar.“ Bertrand hatte nicht richtig zugehört.
„Entschuldige. Was sagst du?“
„Dass die sich für so ´ne dämliche Rolle prostituieren!“ Bertrand, jetzt aufmerksam:
„Schon mal von Me too gehört?“
Yves sah ihn verwundert mit aufgerissenen Augen an und lachte empört auf.
„Ach, komm mir doch jetzt nicht mit diesem Schwachsinn. Weißt du überhaupt worum es geht? Bühne! Hauptsache auf die Bühne. Darum geht´s. Na ja, mir soll’s recht sein. – Hier. Hab ich dir beispielsweise von dieser ... dieser …“
„Ja!“, unterbrach ihn Bertrand gelangweilt. „Hast du.“
„Ach, komm. Du weißt doch noch gar nicht, wen …“
„Doch.“
„Ach? Und wen?“
Bertrand sah auf seine Uhr. Gespräche dieser Art hatten sie schon zur Genüge geführt. Und sie führten zu nichts.
„Yves!! – Spielt der Name eine Rolle? Hauptsache du kriegst sie ins Bett. Oder nicht?“ Yves konnte einfach nicht aus seiner Haut. Er gestikulierte exaltiert.
„Ja, was soll ich denn machen? Ich kann doch nichts dafür.“
„Natürlich nicht. - Und Valeríe?“
Ups. Das war ein Thema, auf das Yves überhaupt nicht gerne angesprochen wurde. Seine Ehe war nun alles andere als ein Konstrukt totaler Harmonie. Darum:
„Sag mal, wieso machst du eigentlich immer noch diesen ‚Psychotrip‘ im Fernsehen? Du verdienst dich doch schon als Seelenbieger dumm und dämlich“, versuchte er abzulenken. Bertrand hatte das natürlich erkannt und begnügte sich mit einer schroffen Antwort.
„Erstens ist das kein Psychotrip, sondern eine wissenschaftliche Diskussion und zweitens möchte ich gern wissen, wer von uns beiden sich dumm und dämlich verdient. Ich jedenfalls nicht.“ Er stellte sich vor Yves hin und sah im fest in die Augen. „Also? Was ist mit Valeríe?
„Was ist mit ihr?“
„Das frag ich dich!
„Das fragst du mich? Bin ich der Psychiater oder du? - Mann, du weißt doch genau, dass bei uns nichts mehr läuft. Sie will nicht. Sie will einfach nicht. Soll ich deswegen wie Rumpelstilzchen im Schlafzimmer herum hopsen? Ich denk nicht dran. Und ehe ich mir das Handgelenk ramponiere ...“, er macht entsprechende Bewegung. Bertrand, durchaus nicht prüde, aber irgendwann reicht es, reagiert grantig:
„Ja, Yves! Ich weiß. - Warum trennt ihr Euch dann nicht?“
„Wozu? Sie hat ihr Konto, dass ich regelmäßig fülle und ich hab meine Alibifrau für Premieren und Empfänge - und kochen kann sie auch nicht. Was will ich also mehr?“
Bertrand lachte und hob die Arme, wissend das nur noch Sarkasmus half.
„... sagte der begnadete Regisseur Yves Battiston, und ordnete die zerwühlten Bettlaken.“
Er ging ein wenig müde ans Bücherregal und nahm eines der Bücher heraus.
„Hier: Physiologie du mariage, Physiologie einer Ehe, Honoré de Balzac. Das solltest du mal lesen.“ Er griff lachend in die Lücke und holte eine Flasche Cognac hervor. Er sah zu Boden und überlegte, die Flasche in der einen das Buch in der anderen Hand. Merkwürdig, grübelte er. Wieso weiß ich, dass hier Cognac versteckt ist?
„Bist du noch hier?“, maulte Yves ungeduldig.
Bertrand stellte das Buch in die Lücke zurück und ging zum Schreibtisch und nahm zwei Gläser aus der untersten Schublade, stellte sie auf den Tisch, goss ein und konstatierte:
„Ach, Yves!! Weißt du, dass ich dich manchmal beneide...?“
„Zu Recht“, entgegnete der würdevoll.
„… aber bei genauerer Betrachtung...“
„... kommst du zu dem Schluss, dass du daran arbeiten musst“, nahm Yves den Faden auf. Er ging an den Schreibtisch zu Bertrand.
„Und deshalb bin ich hier. Um dir die geile Seite des Lebens wieder schmackhaft zu machen. - Erinnerst du dich an unsere Verabredung?“
Um ehrlich zu sein, nein, dachte Bertrand. Ich wär´ froh, wenn ich es könnte. Daran erinnere ich mich überhaupt nicht. Äußerte es aber nicht laut.
„Ja, schon“, log er. „Aber nimm´s mir nicht übel. Ich hab keine Energie mehr. War ´n bisschen anstrengend heute. Narzissmus, Paranoia und Klaustrophobie ... Hier.“ Er hielt Yves ein Glas Cognac hin.
„Danke. - Du macht mir Spaß. Aber wirklich jetzt. Santé.“ Yves trank mit Genuss, um dann ausgelassen fortzufahren:
„Mensch, es ist Wochenende. Keine Vorstellung, keine Probe, Null Verpflichtung. Und du hast auch nichts an der Backe. Also!“
„Ja, das mag ja alles sein. Aber ehrlich, ich wäre nur ein Klotz am Bein. Das will ich dir nicht zumuten.“
Yves sah den geplanten Wochenend-Trip den Bach hinuntergehen. Er sprang auf und deklamierte bühnengerecht:
„Ja, glaub ich’s denn?“, um dann sofort wieder flink wie ein Wiesel vor Bertrand eindringlich zu gestikulieren: „Pass mal auf. Da draußen, ja, da lauern eine Million hungrige Muschis. Die schreien nur so nach plaisir d´amour.“
„Lass sie schreien, Yves. Ich höre Sie nicht. Ich mache den Odysseus. Du musst mich nicht mal festbinden.“
Yves konnte für eine derartige Haltung überhaupt kein Verständnis aufbringen.
„Oooh Mann. Du hast vielleicht ´nen Knall.“
„Dann hab ich eben ´nen Knall. Aber heute Abend kommen bei mir nur die Füße hoch - und sonst nichts. Ist das klar?“
Wie aufs Stichwort kam Gisele die Treppe herunter. Gisele Lacroix, eine attraktive, vollschlanke Frau Anfang fünfzig. Sie hielt seit etwa 20 Jahren Bertrands Haushalt, Praxis und Leben in Schuss. Das hieß, die beiden funktionierten wie ein altes Ehepaar. Sie hatte sich damals auf der Stelle – obwohl selbst ein Jahr verheiratet – sofort in Bertrand verliebt.
Ihr Pech war, dass sie nicht Bertrands Aufmerksamkeitsraster entsprach. Zwar war sie enttäuscht, blieb aber trotzdem. Ihre Ehe zerbrach und aus der heißen Liebe zu ihm entwickelte sich so eine Art mütterliche Liebe. Sie umsorgte und betüddelte ihn. Wenigstens war sie in seiner Nähe. Ihr Augenmerk lag seitdem bis in die Gegenwart auf wechselnden Männerbekanntschaften, wobei sie größten Wert auf Beständigkeit legte. Was sie selbst keinesfalls als Widerspruch empfand.
Sie kam also ins Sprechzimmer, hatte ihren üppigen Körper in einen sportlichen Rock und eine raffinierte Bluse gewickelt, dazu die passenden Pumps an. Sie war raffiniert geschminkt und frisiert. In einem Wort bzw. zweien, exorbitant attraktiv. Yves erhob sich mit einer eleganten Verbeugung, wie ein Edelmann sie nicht hätte besser ausführen können. Gisele machte trotz ihrer umwerfenden Erscheinung einen betrüblichen Eindruck.
„Bertrand! Entschuldige. Du, mir ist heute ...“ Sie entdeckte Yves. „Ah, M. Battiston, Salut ...“
Yves war sofort in seinem Element. Er nahm ihre Hand, führte sie a la Nurejew ‚pas de deux‘ durch den Raum und sprudelte begeistert heraus:
„Mme. Lacroix! Wie machen Sie das nur? Diese Eleganz, diese Ausstrahlung. Wie ein reifer Pfirsich, in den man hinein beißen muss.“
Bertrand hatte sprachlos grinsend die Szene beobachtet. Nun war Gisele aber eine, die über genügend Lebenserfahrung verfügte, um sich kein X für ein U vormachen zu lassen und gab überlegen zurück:
„Das ‚reif‘ hätten Sie sich wahrlich sparen können, M. Battiston. Fehlte nur noch, Sie hätten statt Pfirsich Wassermelone gesagt.“ Das spornte Yves erst recht an.
„Ich bitte Sie, Madame! Sie wissen, mit welcher Inbrunst und Emsigkeit ich Sie verehre.“
„Ihre Emsigkeit kann ich mir lebhaft vorstellen.“ unterbrach sie ihn und zog ihre Hand aus der seinen. „So, lassen wir das. Wir sind hier nicht am Theater“. brummelte sie. Bertrand feixte.
„Das hab ich ihm auch schon gesagt.“ Ihn hatte während dieser Szene überrascht, dass Giseles Erscheinen ihn nicht so verwirrt hatte wie die Begegnung mit Odile. Obwohl er auch Gisele nicht wirklich verorten konnte in dieser Matrix, war sie ihm vertrauter. Offensichtlich gehörte sie hierher. Er hatte aber nicht die Absicht, sich seine Unsicherheit anmerken zu lassen, deshalb fuhr er so souverän wie möglich fort:
„Du, Gisele, kann es sein, dass du heut´ Nachmittag die Wohnung nicht abgeschlossen ...?“ Gisele war sofort peinlich berührt:
„Ts, hach. Das wollte ich doch gerade beichten, Bertrand. Mann, ist mir das peinlich. Ich weiß nicht, wo ich da mit meinen Gedanken war. Ich wollte nur noch etwas Wein für dich kaufen und ...“ Yves versuchte ganz gentlemanlike als Retter aus der Situation aufzutreten.
„Kein Grund zur Panik. Ich habe Inventur gemacht. Bis auf den Picasso und die Goldbarren ist nichts weggekommen. - So, Mme. Lacroix. Ich gebe Ihnen für den Rest der Woche frei. M. Duras und meine Wenigkeit haben außerhalb zu tun“, sprach´s und bewegte seinen Unterleib auf die bekannte Weise. Gisele beobachtete ihn wie man einen kleinen Jungen beobachtet, der anderen Kindern das Spielzeug wegnimmt.
„Zu tun! Aha! – Frei?“
„So steht es geschrieben, so soll es geschehen“, gab Yves ernsthaft von sich und verbeugte sich wieder elegant. Gisele hatte freudig erregt das Wort ‚frei‘ registriert.
„Im Ernst, Bertrand? Weißt du, das kommt wie geruf...“ Sie wurde aber gleich von Bertrand grinsend unterbrochen.
„Hör nicht auf ihn, Gisele. Ich bleibe hier.“
„So? – Na ja. – Schade. – Es ist nur so, ich hab da nämlich ´ne Verab ...“, wollte sie enttäuscht antworten, diesmal fiel ihr aber Yves ganz schnell ins Wort und ließ apodiktisch verlauten:
„Hören Sie nicht auf ihn, Mme. Lacroix, er bleibt nicht hier.“ Bertrand zeigte ihm eine gefährliche Drohgebärde hinter ihrem Rücken.
„Bitte, Gisele, wenn du etwas vorhast, dann ist das doch Ok. Seit wann musst du auf mich Rücksicht nehmen? Als wenn ich nicht alleine klar käme.“ Gisele musterte ihn besorgt-kritisch und wiegte den Kopf hin und her. Das wüsste ich aber, dachte sie und hatte dabei eine Wohnung vor Augen, durch die ein halbwüchsiger Orkan gezogen war.
„Du allein zurecht …!? Na ja. Schön wär’s ja. – Trotzdem, Danke. Du bist der Beste. Und sollten alle Stricke reißen, bin ich eh um zehn wieder zu Hause.“ Bertrand staunte.
„Ach? Ein Neuer? Jetzt wissen wir´s wenigstens.“
„Was wissen wir?“, stammelte Gisele verunsichert.
„Wo du mit deinen Gedanken warst. Stichwort Wohnungstür! – Ist er nett?“
