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Dieses Buch ist ein Teil der "Paris-Trilogie" des Autors. Es ist eine Komödie um den achtbaren Schauspieler an einem renommierten Theater in Paris. Er ist ein hinreißender und zugleich ausgesprochen bequemer Charmbolzen, dem alles was mit Ordnung zu tun hat, zuwider ist: Jean-Luc Beaucaire, 51. Er hat einerseits mit wirtschaftlichen Nöten zu kämpfen, andererseits Konflikte im Bereich der Liebesbeziehungen zu bewältigen. Behilflich bzw. im Wege sind ihm dabei seine trinkfeste Nachbarin Marie d'Aubrac, sowie der einfältige Concierge Gilbert Cameaux. Auf Maries Anraten annonciert er zwei Zimmer seiner Wohnung, um wenigstens halbwegs aus der finanziellen Misere zu kommen. Der Zufall will, dass zur gleichen Zeit, als er seine Zimmer an den schwulen Werbetexter Fabrice vermietet, Maries Nichte Elise, Studentin der Philosophie, in die Wohnung über ihm einzieht, Da beide ein Auge auf den Charmeur werfen, sind die Konflikte vorprogrammiert, ist Jean-Luc doch mit der attraktiven Stewardess Nadine Le Noir liiert. So gerät er in den Vergnügungspark der Emotionen und macht etliche Fahrten auf der Achterbahn der Gefühle mit.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2021
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L´introduction
Wahl und Qual …
Nadine
Morgenstund hat …
Immer wieder sonntags …
Gilbert Cameaux
Unverhofft …
Elise
Die Besichtigung
Fabrice
Renovierung
Auf die Nachbarschaft
Das Diner I
Das Dessert
Das Resultat
Premiere
Premierenfeier
Kater und Kritik
Sackgasse
Erfahrung
Heimkehr
Réunion
Einsicht
Verwirrung
Kontroverse
Der Morgen danach
Leviten
Entrüstung oder Verärgerung? Das wäre zu milde ausgedrückt. Er war außer sich. Um es auf den Punkt zu bringen: Er hatte eine Stinkwut. Jean-Luc verließ das Gebäude der Comédie Française, gegenüber vom Louvre, am Freitagnachmittag, durch den Bühnenausgang. Irgendwann gegen 17 h. Türe knallend! Und er machte sich auf den Heimweg. Er hatte gerade eine furchtbare Probe von Macbeth hinter sich und war entsprechend mies gelaunt. Etwas weniger als eine Woche noch bis zur Premiere.
Seit 12 Jahren war er nun unter Vertrag in der Comédie, brodelte er vor sich hin. Er trat missmutig nach einer Blechdose, die auf dem Weg lag und gut 10 Meter durch die Luft segelte. Seit 12 Jahren, tobte er innerlich, das zerreibe man sich mal auf der Zunge.
Und da wagten sie es, ihm dieses Jahr für den Macbeth diesen jungen, halbstarken, impertinenten Schnösel vorzusetzen, der den Macbeth als Erstling inszenieren durfte. Nicht zu fassen. Er konnte das nur als persönlichen Affront werten.
Macbeth, ha! Den hat er schon in Orleans und Limoges gegeben – mit Bravour gegeben – als dieser dümmliche Grünschnabel noch in die ersten Windeln geschissen hat. Ariste Lavilledieu! Wenn einer schon so heißt! Pah! Er spuckte verächtlich in den Rinnstein. Die Welt richtet sich doch selbst zu Grunde. Das war schon immer seine Meinung.
Passend dazu fing es jetzt auch noch an zu regnen, und er hatte keinen Schirm dabei. Ja, toll. Herrgott nochmal. Und zur Krönung landete Nadine Le Noir, seine Derzeitige, um sieben auf dem Flughafen Charles de Gaulle. Deshalb machte er noch schnell bei seinem Lieblingsfleischer Eric Kayser in der Rue de l´Échelle halt, um zwei große, saftige Filets de boeuf mitzunehmen.
Er war ein leidenschaftlicher Hobbykoch und zudem nicht unbedingt ein exzellenter Weinkenner, aber ein außerordentlicher Weinliebhaber. Eric Kayser schrieb die Filets wie üblich an und packte ihm mit einem Augenzwinkern noch eine Schale Selleriepastete dazu. Vom Haus, versteht sich.
Er setzte seinen Heimweg fort. Gottseidank hatte es aufgehört zu regnen. An dieser Stelle ist es wohl angebracht, Jean-Luc einmal vorzustellen: Name Beaucaire, 51 Jahre alt, 187 cm groß, athletisch mit leichtem Bauchansatz. Schauspieler. Seine struppige Mähne, arg graumeliert, machte stets den Eindruck, als hätte er seinen Kamm verloren oder sein Friseur den Laden geschlossen.
Meist trug er Jeans, T-Shirts und Jacketts, die allesamt schon bessere Tage hinter sich hatten. Im Herbst, so wie jetzt gerade, warf er sich lange Wollschals um die Schultern, die wie Umhänge wirkten.
In Kollegenkreisen wurde er auch hier und da ‚Indie‘ gerufen, weil er eine frappierende Ähnlichkeit mit Harrison Ford aufwies, was ihn mehr kränkte als schmeichelte.
Jean-Luc war nie verheiratet, aber die Liste seiner Beziehungen und Frauenbekanntschaften war nicht gerade kurz. Dauerhafte Verbindungen? Fehlanzeige. Sie dienten eher dem Hormonausgleich.
Seine Momentane, die eben erwähnte Nadine Le Noir, war Stewardess und somit glücklicherweise mehr in der Luft als auf dem Boden. Sie hielt sich meist an Wochenenden zur Stippvisite in Paris auf. Das bedeutete in der Regel: Ein Wochenende im Bett; es sei denn, er hatte gerade Vorstellung.
Er bewohnte eine viel zu große Zimmerflucht, 110 m2, in der Rue du Chevalier de Saint-George Nr. 9, die ungefähr 1 km vom Theater entfernt lag. Und das war ein Problem. Aber eigentlich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, war es das Problem.
Denn die Wohnung war für eine Person a) zu groß und b) zu teuer. Und sie musste in Ordnung gehalten werden. Das war für eine Person c) zu anstrengend, zumal diese Person Jean-Luc Beaucaire hieß. Denn der Ordnung hatte er brutal den Krieg erklärt, und zwar schon lange. Im Grunde seit er denken konnte.
Was dazu führte, dass er sich, egal in welchem Zimmer, ständig durch einen unüberschaubaren Hügel, bestehend aus Rollenbüchern, Textheften, Literatur, Zeitungen und Kleidungsstücken kämpfen musste.
Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass Miete und Nebenkosten arg an seinem Geldbeutel nagten. Deshalb hatte er auf Marie d´Aubrac gehört. Marie war eine herzensgute Dame in einem Alter, bei dessen Schätzung man sie in jedem Falle beleidigen würde, so ungewiss war dies. Also irgendwo zwischen 60 und 70 Jahren.
Sie war … nun ja, wie soll man sagen … seine Nachbarin, Beraterin, gute Fee, Freundin, das alles in einer Person. Bei ihr konnte er sich ausweinen. Ihr vertraute er blindlings. Auch wenn sie eine kleine Nervensäge und nicht besonders belesen war. Und, was nicht unerwähnt bleiben darf: Sie ging einem guten Tropfen niemals aus dem Wege. Nein, in Wirklichkeit suchte sie ihn geradezu. Das machte den Umgang mit ihr entweder leichter oder schwerer. Je nachdem. Sie wohnte auf dem riesigen Flur gleich nebenan.
Sie hatte ihm die Wohnung seinerzeit besorgt, als er an der Comédie antrat. Damals war sie von der Platzanweiserin zur Garderobiere aufgestiegen. Im Grunde hatte sie ihr ganzes Leben im Theater verbracht.
Natürlich hatte Jean-Luc sich bei ihr abgeladen und gejammert, dass ihm die finanzielle Belastung der Wohnung über den Kopf wachse. Worauf sie ihm kurzerhand nahelegte:
„Wozu brauchst du 110 Quadratmeter? Vermiete die Hälfte. Dann haste zwar ´nen Untermieter, aber eine Sorge weniger.“
Da hatte sie recht. Etwa 50 m2 gab es, die er so gut wie gar nicht nutzte. Die erreichte man über die kleine Treppe mit den drei Stufen im riesigen Wohnzimmer. Warum die Wohnung diesen Schnitt hatte? Er wusste es nicht. Damals war sie günstig und Marie in seiner Nähe.
Nach ungeheuer vielen Abwägungen aller Für und Wider, die so ein Untermieter offenbart und Diskussionen mit Marie, bei denen jede Menge Wein und Cognac dran glauben musste, hatte Jean-Luc dann mehrfach in Anzeigern und Tageszeitungen inseriert. Mit dem Ergebnis, dass ihm die potentiellen Untermieter gleichsam ‚die Bude einrannten‘.
Man muss sich das etwas so vorstellen wie das Spatzenfüttern im Jardin du Luxembourg. Man wirft einen Brösel Baguette auf den Gehweg und augenblicklich stürzen sich wie aus dem Nichts rücksichtlos 30 Spatzen darauf.
Nun gab es aber noch ein Problem: Er war wählerischer als die Prinzessin vom König Drosselbart. Weshalb er schon ungefähr 23 Interessenten abgelehnt hatte, die wohl allesamt – aus unterschiedlichen Gründen – durch die Bank gerne Untermieter geworden wären.
Sei´s drum. Jetzt war Wochenende. Und Nadine im Anmarsch. Das stand jetzt im Focus und Jean-Luc vor dem Haus, in dem er wohnte. Zunächst musste er durch das kleine Portal eines enormen Holztores, das den großen Innenhof von der Straße abtrennte. Dann schloss er rechter Hand die Haustür auf.
Er eilte die alte breite Steintreppe hinauf, die sich wie ein Lindwurm durchs riesige Treppenhaus schlängelte, in den ersten Stock. Leise schloss er die Tür auf und wieder zu, froh darüber, Marie nicht zu begegnet zu sein.
Er schob mit dem Fuß ein paar Bücher zur Seite und warf sein Jackett auf die durchgesessene Couch. Dann brachte er die Lebensmittel in die Küche und öffnete eine Flasche Wein, setzte sich aufatmend an den Tisch und nippte genüsslich am ersten Glas.
Dabei fiel sein Blick zufällig auf die Uhr an der Wand. Ach du Schande, 18.30 h. Wenn Nadine jetzt um 19 h landet, ist sie 19.45 h hier. Kaum hingesetzt, sprang er schon wieder auf.
Er begab sich mit dem Wein in die Küche und begann Zwiebeln zu schälen und in Würfeln zu hacken, briet sie an, während er das Fleisch abwusch. Er blendete seinen jungen Regisseur aus und konzentrierte sich ganz auf das ‚Toskanische Rinderfilet‘, das er mit Nadine nachher und natürlich vorher genießen würde.
Eigentlich hatte Nadine einen sicheren Arbeitsplatz als Verwaltungsfachangestellte bei der ANPE Agence nationale pour l´emploi, dem französischen Arbeitsamt. Was ihr auf die Nerven ging war das, was anderswo freundlich und irreführend Alltagssroutine genannt wird. Tag für Tag der gleiche Ablauf. Von 7.00 bis 16.00 Uhr. Dazwischen Kantine mit Kollegen, die man am liebsten von hinten sieht.
Dazu das Gefühl, eingesperrt zu sein. Das Gebäude einem Gefängnis gleich, die Büros Tür an Tür wie Gefängniszellen. Fehlten nur die Gitter an den Fenstern. Diesem sich ständig wiederholenden Tagesablauf, dem wollte sie, nein, dem musste sie entkommen, sonst ginge sie ein wie eine Primel.
Sie beneidete eine Freundin, die von ihrem Leben als Stewardess schwärmte und ihr immer wieder nahelegte, das doch auch zu versuchen. Mit 24 war sie noch nicht zu alt, den Wechsel zu wagen. Und alle anderen Voraussetzungen brachte sie ohnehin mit.
Sie war schlichtweg eine Hübsche, liebenswürdig, hilfsbereit und immer positiv. Und während ihrer Zeit in der Behörde, wo stets reger Publikumsverkehr herrschte, hatte sie sich eine gehörige Portion Menschenkenntnis angeeignet.
Nach mehreren Lehrgängen über einige Monate hatte sie ihr Zertifikat als Flugbegleiterin in der Tasche und befand sich an Bord einer Air France. Es war die richtige Entscheidung. Denn überdies war sie selbstsicher, ungebunden, emanzipiert und weit entfernt von dem Gedanken, irgendeinen Bund der Ehe einzugehen.
Sie war politisch und vor allem kulturell sehr aufgeschlossen, weshalb sie während ihrer flugfreien Zeit oft die Theater in Paris aufsuchte. Unter anderem auch die Comédie Française und hier, wie konnte es anders sein, Jean-Luc Beaucaire auf der Bühne sah, der sogleich ihr Interesse weckte.
Sie schrieb ihm – Etikette hin, Konventionen her - einen Brief, ‚sie hätte ihn auf der Bühne gesehen und würde ihn gern kennenlernen, hier ihre Telefonnummer.‘ Den gab sie beim Pförtner ab mit der Bitte, ihn in der Garderobe des M. Beaucaire zu deponieren. Eine Woche später saßen sie im Café Madeleine und zwei Stunden danach in Jean-Lucs Wohnung, die nur ein paar Straßen weiter entfernt war.
Sie waren sich sehr schnell einig über den angestrebten Status ihrer Beziehung, was die Dauer derselben sicherlich manifestierte. Sie hielt nun schon 5 Jahre, in denen sie kaum Gelegenheit hatten sich zu streiten oder Probleme zu wälzen. Das einzige Problem war stets nur, das Flugzeug nicht zu verpassen.
Sonntag. Morgens, etwa gegen 7.00 Uhr. Die Gardinen am Fenster waren zugezogen. Entsprechend diffus das Licht im Schlafzimmer. Jean-Luc schlief den Schlaf der Gerechten, denn das Wochenende war genauso verlaufen, wie vermutet: anstrengend. Zwei Nächte und einen Tag im Bett mit Unterbrechungen zwecks Nahrungsaufnahme und Beschaffung von Getränken.
Nadine, die quirlige Blondine, kam in Slip und BH aus dem Bad gesprintet. Mit einem Handtuch rubbelte sie ihr Haar. Sie schlug sachte, aber hektisch mit der rechten Hand auf die Bettdecke, die Jean-Luc sich über den Kopf gezogen hatte.
„Jean-Luc?“ Keine Reaktion. „Jeanny!“
Sie warf hastig das Handtuch zu Boden, setzte sich auf die Bettkante und begann fieberhaft, sich die Strumpfhose anzuziehen. Immer wieder rüttelte sie an ihm und immer ohne Erfolg.
„Jean-Luc!?“, rief sie, jetzt schon etwas ärgerlicher. Jede Bewegung verriet die Hektik, von der sie getrieben wurde. „Hey! Ich muss los.“ Inzwischen hatte sie die Jeans angezogen und streifte sich jetzt, auf der Stelle trippelnd, ihren Pullover über. Von ihm keine Reaktion, was sie immer unruhiger werden ließ. „Ach, Mensch, Jean-Luc, verdammt noch mal! Hey! … hörst du mich?!“
Jean-Lucs Hand kam unter der Bettdecke hervor, streckte einen Daumen nach oben und verschwand wieder.
„Na, immerhin ein Lebenszeichen“, meckerte Nadine und schlüpfte fahrig in ihre Schuhe.
„Zehn Minuten noch, Nadine“, nuschelte er unter der Decke.
„Keine Sekunde mehr, Jean-Luc. Ich muss los, Mensch.“ Sie stand auf, warf hektisch ihre Uniform ohne sie zusammenzulegen in den Rollkoffer und verschloss ihn sorgfältig.
Jean-Luc quälte sich mühsam in eine halbwegs bequeme Sitzhaltung. Seine Anstrengungen, die Augen zu öffnen, scheiterten, also ließ er es bleiben. Er gähnte laut und herzhaft und streckte sich ausgiebig. Offenbar brauchte er Orientierung.
„Hm? Was ist los?“
Nadine setzte sich trotz aller Eile noch einmal hibbelig zu ihm auf die Bettkante und haspelte herunter:
„Hör zu, mein Lieber. Ich nehme jetzt die Metro. Dann bin ich in zwanzig Minuten zuhause, Avenue. Victor Hugo 67, kann mich umziehen und meine Sachen packen. Du weißt, ich muss um 11.00 Uhr in Roissy sein. Die kriegen das glatt fertig und fliegen ohne mich.“
„Und da musst du jetzt schon weg?“, maulte er mit geschlossenen Augen. „Wie spät ist es denn?“
„Viertel nach sieben. Ach Jeanny. Die Bahn geht alle 5 Minuten. Ich muss mich sputen.“
„Warum bist du nicht mit dem Auto gekommen?“, jammerte er.
Nadine lachte, stand auf und flitzte rüber ins Wohnzimmer.
„Mit dem Auto! Spinnst du? Dann brauch ich dreimal solange. Sag mal, hast du meinen Trench gesehen?“
„Überm Stuhl am Esstisch!“
„Die Strecke nach Roissy reicht mir schon. Die Peripherie kann ich kreuzen.“ Sie kam im Mantel aus dem Wohnzimmer gerast und schnappte sich den Rollkoffer. „Aber ich ahne schon, was Sonntagvormittag auf der A1 los ist.“ Sie beugte sich runter zu ihm und gab ihm einen flüchtigen Kuss. „So, mein Freund. Nicht mit fliegenden Fahnen, aber ich muss.“
Jean-Luc öffnete mühsam die Augen und wollte sie zurück ins Bett ziehen.
„Noch nicht.“
Sie wehrte sich lachend.
„Jean-Luc! Lass das! Ich will doch nicht meinen Job verlieren. Wir fliegen diesmal um den ganzen Globus. Tokio – Sydney – Sambia – New York – L.A. und zurück.“ Sie machte sich los. „Tja, Cherie, bis Donnerstag in einer Woche also.“
„Lass dich nie mit ’ner Stewardess ein“, weinte Jean-Luc künstlich.
„Oder mit ’nem Schauspieler“, sagte sie und raste zur Schlafzimmertür. „Sieh zu, dass du die Zimmer vermietest.“ Sie verschwand im Wohnzimmer und rief: „Mach´s gut, Jeanny.“
„Du auch, mein Zugvögelchen. Schreib mir mal“,
rief er ihr nach. Er ließ sich nach hinten fallen und schloss mit einem Seufzer die Augen. Sie steckte den Kopf nochmal zur Tür rein:
„Von jedem verdammten Flughafen!“ sagte sie lachend. „Und du kannst hier mal aufräumen.“
Er rollte sich in seine Bettdecke und nuschelte:
„Du hast ja keine Ahnung, wie viel Unheil schon durch Nichtstun verhindert wurde.“
Nadine lachte sich kaputt.
„Ich bin weheg.“
Wenig später fiel die Etagentür ins Schloss.
Mit einem langen, wohligen Stöhnen und einem befreienden Seufzer zog sich Jean-Luc die Bettdecke über den Kopf. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich in die richtige Position gedreht hatte, um wenigstens noch eine Stunde fest zu schlafen. Als es dann soweit war, stöhnte er nochmal zufrieden auf. Endlich allein, freute er sich diebisch. Das hatte er noch nicht ganz zu Ende gedacht, da klingelte es an der Wohnungstür. Er gab ein drohendes Knurren von sich, wie ein zu kurz gehaltener Kettenhund.
Umständlich und mürrisch schälte er sich aus dem Bett und suchte nach seinem Morgenmantel. Als er ihn endlich gefunden hatte – es klingelte inzwischen Sturm – schleppte er sich wie ein Schlafwandler auf Speed durchs Wohnzimmer bis zur Etagentür. Er öffnete blind.
Da stand die zierliche Marie in einem leichten, knallbunten, offenen Morgenrock. Grell geschminkt, Lockenwickler im Haar, lila lackierte Fingernägel und eine dampfende Zigarettenspitze in der Hand. Ganz offensichtlich leidend unter dem allgemeinen Weltgeschehen.
Trotzdem stand sie da, mit der allergrößten Selbstverständlichkeit. Mit ihren 1,61 m wirkte sie Jean-Luc gegenüber eher wie ein Zwerg. Sie schnarrte ihn mit ihrer überaus nervigen Raucherstimme in erhöhter Lautstärke an.
„Bon jour, Jean-Luc.“ Das hörte sich mehr wie ein Bulletin des Regierungssprechers an. „Jean-Luc, mein lieber Junge. Schön, dass du wach bist.“ Sie tätschelte ihm die Wange so lebhaft, dass er Schräglage bekam.
Jean-Luc grantelte irgendein Buchstabengemisch zusammen, welches wohl eine Begrüßung darstellen sollte, und fügte ein „Was is?“ hintan.
„Jean-Luc, was ich fragen wollte …“, murmelte sie, während ihre Blicke neugierig und blitzschnell den Raum absuchten, wonach auch immer. Als dieses Unterfangen keinen förderlichen Befund aufwies, setzte sie fort: „… haste mal ’n Aschenbecher?“
Es hatte den Anschein, als sackte Jean-Luc noch ein gewaltiges Stück weiter in sich zusammen, was physisch eigentlich nicht möglich war. Er zeigte, seinen Unmut verbergend, auf die Kommode.
„War’s das?“ maulte er und wollte kraftlos ins Schlafzimmer schlurfen. Marie war in der Lage, das sei zur Abrundung erwähnt, mit ihrem geringen Wortschatz eine enorme Konversationsblase zu entwerfen.
„Ja, schön wär’s“, entgegnete sie im Stile einer Grande Dame und drückte ihre Zigarette in den Aschenbecher, wobei sie zwangsläufig den Cognac entdecken musste, der daneben stand und ihr Herz hüpfen ließ. „Du, ich brauch unbedingt ’ne Tasse Zucker“, fuhr sie fort und musterte gierig die angebrochene Flasche, was ihren Speichelfluss beschleunigte. „Meine Nichte kommt doch heute Nachmittag. Da muss ich wohl oder übel ’n paar Kekse backen. Das verstehst du doch. Oder?“, krächzte sie, als würde sie eine diplomatische Note überreichen.
Er stand mit dem Rücken zu ihr und anstatt ins Schlafzimmer zu gehen, bog er in die Küche ab. Kaum war er drin, dreht Marie sich um, griff hastig die Cognacflasche, öffnete sie und genehmigte sich einen ordentlichen Schluck.
„Uiiiih. Der bahnt sich aber seinen Weg. Junge, Junge. Der weiß, wo er hingehört. Das merkt man aber.“ Sie las das Etikett. „Kein Wunder, mein Lieblingscognac. - Na, komm. Auf einem Bein kann man nicht …“ Sie nahm noch einen Schluck. „Aaah.“ Schaute auf ihre Uhr. „Kurz vor acht. Was soll´s: Alle guten Dinge sind …“ Sie nahm einen dritten Schluck.
Jean-Luc kam mit geschlossenen Augen aus der Küche, Marie stellte schnell die Flasche zurück. Er drückte ihr ohne Worte eine Tasse mit Zucker in die Hand, schlich ins Schlafzimmer und legt sich wieder ins Bett. Marie, nicht faul, hinter ihm her:
„Oh, mon cadet. Wie viel Stunden hatte die Nacht? Was ist? Soll ich dir ’nen Kaffee machen?“ Eine Antwort wartete sie gar nicht erst ab. „Sag nichts. Ich weiß ja, wo alles steht.“
Froh, noch in seinen Gemächern verweilen zu dürfen, eilte sie mit wehendem Morgenmantel in die Küche, ohne nicht vorher einen Bogen an der Kommode vorbei zu schlagen, um sich einen weiteren Schluck des begehrten Saftes zu gönnen. Und jetzt der Kaffee für Jean-Luc. Alles schön der Reihe nach, sagte sie sich, stellte den Wasserkocher an und füllte Instantkaffee in einen Pott.
Währenddessen schlug Jean-Lucs Handy neben seinem Bett an. Natürlich, dachte er, was sonst, da will man einmal … Er klickte sich ein.
„Hallo?“ meckerte er in den Hörer, um sich sofort zusammenzureißen: „Oh, Nadine, damit hab ich jetzt nicht … Ja, du … wollte ich, aber entweder es klingelt an der Tür oder das Telefon … Nein, du nicht.“ Er verdrehte die Augen. „Na ja. Marie. Macht mir gerade einen Kaffee …“ Er gähnt herzhaft. „Du kennst sie ja … Was …? Ach so, ´ne Tasse Zucker … das ist lieb von dir … Ich dich auch. Pass auf dich auf.“ Er klickte sich aus, schaute auf das Handy und sprach: „So gut du kannst … Und wenn du willst. Mon cher.“ Er lachte säuerlich auf und warf das Telefon auf den Boden.
Maries Stimme krächzte wie ein Rabe aus der Küche herüber.
„Hier oder ans Bett?“
Ach, die ist ja auch noch da! Er setzte sich auf die Bettkannte und vertrieb seinen Ärger mit einer Handbewegung, als wollte er Fliegen verscheuchen.
„Ich komme“, maulte er missmutig und zog seinen Morgenmantel über. Dann schob er die Gardinen am Fenster zur Seite und öffnete es. Er schaute hinunter in die Gasse, in der bereits allerhand Volk unterwegs war.
Marie kam mit dem großen Pott Kaffee aus der Küche und stellte ihn auf den Tisch. Der Cognac war inzwischen seiner Pflicht nachgekommen und hatte ihr Gemüt bestens beschwingt. Als Jean-Luc in der Schlafzimmertür sichtbar wurde, fing sie sofort an zu plappern wie ein Bergquell..
„Die kleine Wohnung über uns wird auch frei. Schon gehört?“
Für Dialoge dieser Art war er im Moment genau der falsche Partner, weshalb er nur ein mattes „Hmhm“ als ‚Aha‘ von sich gab. Sie stellte einen Löffel in die Tasse und setzte sich wie eine Mutter zu ihm.
„Hier. Schon alles drin. Musst nur noch umrühren.“
„Hm. Danke.“
„Ja, sag mal“, spielte sie die Empörte und schimpfte rabiat, „wer hat denn da schon so früh angerufen? Is’ ja ungeheuerlich, so was.“ Weil er nicht antwortete, fragte sie unverhohlen: „Jemand, den ich kenne?“
Die beiden Nächte und der Tag mit Nadine hatten bei ihm gebührenden Schlafmangel hinterlassen, darunter hatte Marie – weil sie nun mal da war – zu leiden. Jean-Luc hatte jetzt die Wahl zwischen Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Er atmete tief ein und entschied sich für den Erstgenannten.
„Marie!! Danke für den Kaffee.“ Er hob die Tasse. „Hatten wir nicht vor vielen hundert Jahren vereinbart, dass ich mich nicht um deine Angelegenheiten kümmere. Oder wie war das?“
Marie hob den Zeigeinger und wurde energisch:
„Nein, Jean-Luc, da irrst du dich. Wir hatten abgemacht, dass ich mich nicht um deine …“ Jäh stoppte sie ihren Redefluss. Hat der mich schon wieder aufs Glatteis geschoben, ärgerte sie sich, versuchte aber mit Eleganz aus der Nummer herauszukommen und schimpfte erst mal: „Da haben wir’s.“ Sie schlug mit der Faust auf den Tisch, dass Jean-Luc der Schädel dröhnte und schüttelte den Kopf. „Ich schmeiß das immer durcheinander.“ Sie zeigte auf die Uhr und brummelte mit aufgesetztem Vorwurf an sich selbst: „Ups. Jetzt sieh dir das an. Hab ich doch glatt die Zeit verplaudert.“ Sie erhob sich ächzend. „Was ich noch sagen wollte. Ich muss nachher noch zum Kiosk runter. Soll ich dir was mitbringen? Zigaretten? Oder so?“
„Ich rauche doch nicht mehr. Ach, Marie! Das weißt du doch!“ Er gähnte herzhaft.
„Stimmt. Ja! Ich vergess das immer“, hielt sie geschickt das Gespräch im Gange, um nach wie vor von ihrem Lapsus abzulenken, der sie noch beschäftigte. „Dass du das kannst! Unbegreiflich. Ich hab auch vor zehn Monaten aufgehört, aber am nächsten Morgen wieder angefangen.“
„Der eine so, der andere so. Aber du kannst mir die letzte Ausgabe von „Recherché et trouvé“ mitbringen. Ich hab die Zimmer inseriert.“ Er zeigte Richtung Flur „Warte, ich geb dir Geld.“
„Schon wieder? – Lass mal. Ich leg das aus.“
„Zum vierten Mal, ja. Ich will nur sehen, ob die Anzeige drin ist.“
Marie schlich sich Schritt für Schritt rückwärts zur Kommode und heuchelte Aufmerksamkeit, wobei sie natürlich ganz und gar auf den Cognac fixiert war.
„Mach ich doch.“ Sie zeigte einmal ringsherum. „Also. Es waren doch schon so viele Leute hier. Dass da keiner zugegriffen hat? Rätselhaft.“
„Du kannst es nicht erzwingen.“
„Vielleicht bist du auch nur zu wählerisch.“ Sie schaute ihn fürsorglich an. „Oder räum mal deine Wohnung auf. Vielleicht hilft das.“
Jean-Luc rollte mit den Augen. Die auch noch. Ausgerechnet Marie, dachte er.
„Ja, Mammi. Auf jeden Fall nehme ich nicht jeden daher gelaufenen Monsieur X hier rein.“
Marie legte mit Absicht einen anzüglich-erotischen Ton in ihre Antwort:
„Wie wär’s denn mit einer daher gelaufenen Madame oder Mademoiselle X?“
Jean-Luc grinste. So kannte er Marie. Nahm nie ein Blatt vor den Mund, freute er sich.
„Der Gedanke hat was. Aber das wäre nicht sehr opportun.“
Marie setzte stets ihre verdrießliche Miene auf, wenn sie etwas nicht verstand und drohte ihm:
„Jean-Luc! Du sollst nicht immer solche Wörter benutzen, wenn du mir was sagen willst.“
Er wurde ein kleinwenig ungehalten:
„Entschuldige, Marie, aber ich habe seit drei Tagen keinen richtigen Schlaf mehr gehabt.“
„Das ist dein Problem, nicht meins“, antwortete sie beleidigt.
Es tat ihm auf der Stelle leid. Marie deswegen anzugehen, gehörte sich wirklich nicht. Er versuchte zu lindern, indem er sie einmal umarmte. Das zeigte augenblickliche Wirkung, denn sie blühte auf wie die Königin der Nacht.
„Marie. Ich will keine weiblichen Untermieter, weil ich gelegentlich auch … schon mal … du weißt schon …“ Er hielt erschrocken inne. „Mein Gott, wieso erzähl ich dir das eigentlich?“
Darauf hatte Marie nur eine Antwort und zwar eine recht plausible:
„Weil ich deine beste Freundin bin. Deshalb. Nachdem wir hier seit 12 Jahren Tür an Tür leben, sollte dir das eigentlich klar sein. Wie oft hab ich dir schon Rückendeckung gegeben, wenn du mit deinen Bumsterminen durcheinander gekommen bist!! Hä? Wie oft?“
Jean-Luc verwandelte sich in einen Regenwurm der sich auf dem Trocknen kringelte:
„Ach, entschuldige. Natürlich hast du Recht, Marie.“ Er ließ einen tiefen Seufzer raus. „Wenn ich dich nicht hätte …“
„… hätten sie ihn dir schon längst abgehackt. So sieht das aus.“
Jean-Luc konnte nicht anders, er nahm sie in den Arm:
„Ach, Marie. Immer geradeaus. So kenne und so liebe ich dich.“
„Ja, ja. Du mich auch.“, sagte sie halb beleidigt, halb geschmeichelt. „Aber denk dran“, belehrte sie ihn, „du vermietest schließlich kein Palais, sondern nur 40-50 Quadratmeter mit Bad- und Balkonbenutzung.“ Vor ihrem geistigen Auge bildeten sich die Umrisse ihrer ersten Wohnung in der Rue la Fayette und schwärmte: „Aaach, ich weiß noch, wie ich damals …“
„…ich auch, Marie!“, unterbrach er sie nun doch genervter. „Weil … du hast es mir schon hundert Mal erzählt. – Und wenn es dir recht wäre, würde ich jetzt gerne …“ Er zeigte aufs Schlafzimmer.
„Ja, ja! Ich geh ja schon.“
Sie nahm die Tasse mit dem Zucker vom Tisch und näherte sich im Krebsgang der Kommode, nahm wie beiläufig die Flasche Cognac in die Hand und hielt sie hoch:
„Hast du dafür noch Verwendung?“
Jean-Luc seufzte ermattet und führte sie liebevoll aber bestimmt zur Tür:
„Nee, nee. Nimm nur. Marie. Du bist eine ganz, ganz liebe …“ Er öffnete die Tür und entließ sie in den großen Flur draußen. Als er sie wieder verschloss, draußen, fügte er an: „…Nervensäge.“
