Geronimo - Reiner Woop - E-Book

Geronimo E-Book

Reiner Woop

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Beschreibung

Das Buch ist ein Teil der "Paris-Trilogie" des Autors. Die gutsituierten Geschwister Hanna und Sarah Desmoulins und Hannas Lebensgefährte Dennis LeBlanc, ein snobistischer Besitzer einer Coiffeur-Kette in Paris, schließen eine recht gemeine Wette ab, ob ein Clochard sich ihrem Lebensstil anpassen kann oder nicht. Mithilfe ihres schlagfertigen Fahrers Lucien holen sie sich ein Individuum ins Haus, das die resolute Hauswirtschafterin Elenore stets am Rande einer Ohnmacht taumeln lässt. Gerome, der Clochard, macht durch Dennis' eingeleitete Metamorphose eine nicht vorhersehbare Entwicklung durch, die jeden der Beteiligten im höchsten Grade überrascht, verwirrt und entsetzt. Und so eine Wette hat immer einen Gewinner und einen Verlierer.

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Seitenzahl: 230

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

L´introduction

L'ambiance: (Die Umgebung)

Le nouveau serviteur: (Der neue Butler)

Lucien

Le prelude: (Das Vorspiel)

L'histoire: (Die Erzählung)

La préparation: (Die Vorbereitung)

Dennis LeBlanc

Parie que …?: (Wetten, dass…?)

Recherché – trouvé: (Gesucht – gefunden)

L´arrivée: (Die Ankunft)

Le diner: (Abendbrot)

L´Odyssee

Le Chemin – Le détour – Le sortie: (Weg-Umweg-Ausweg)

La métamorphose: (Die Verwandlung)

Le Petit déjeuner: (Frühstück)

Le renouvellement: (Die Erneuerung)

Hanna und Sarah

La tournée des bars: (Der Bummel)

La nuit: (Die Nacht)

Le Billard à onze: (Billard um elf)

En confiance: (Im Vertrauen)

La vérité: (Die Wahrheit)

Le client: (Der Mandant)

Le chambre: (Das Zimmer)

Le troisième jour ...: (Der dritte Tag …)

Premiers secours: (Erste Hilfe)

La décision: (Die Entscheidung)

Avenue Kleber

Pari gagné?: (Wette gewonnen?)

La fin: (Der Schluss)

Il y avait une fois …: (Es war einmal …)

Conséquences: (Nachspiel)

L´introduction

L'ambiance

(Die Umgebung)

Wir befinden uns vor der doppelstöckigen Villa Desmoulins, erbaut im Jahre 1882 von Armande Desmoulins im St. Lois-Stil. Sie befindet sich direkt gegenüber der Ile de Puteaux in Paris. Und somit an der Seine, am Rande des überaus noblen 16. Arrondissements. Sie steht in einer kleinen Parkanlage, umgeben von Rosenbeeten und vielen Plantanen, die das Grundstück umsäumen. Ein solider Kiesweg führt zu einem außerordentlich hübschen Portal mit dorischen Säulen.

Links vom Haupthaus ein Nebengebäude, in dem die Bediensteten in ihren komfortablen Wohnungen untergebracht sind. Daneben die Garagen für den Fuhrpark und die Remise für die Gartenpflege. Wenn von Bediensteten die Rede ist, so sind das in diesem Fall zwei an der Zahl: Eine Hauswirtschafterin und ein Fahrer, Butler, Gärtner, Concierge in einer Person.

Die Villa ist Eigentum der Geschwister Desmoulins. Hanna, 38, und Sarah, 34, in der 4. Generation. Sie haben das Anwesen von ihrem Vater Justin, einem ehemaligen Diplomaten im Élysée-Palast, geerbt. Es ist nicht übertrieben, wenn man behauptete, die beiden Schwestern lebten im Überfluss. Verzicht und Mangel sind ihnen genauso fremd wie Sparsam- und Genügsamkeit. Und, wie das bei Geschwistern so üblich ist, haben auch sie erheblich kontrastreiche Wesensmerkmale und Persönlichkeiten.

Hanna, die Ältere – wobei man, nebenbei erwähnt, mit Begriffen wie ‚alt‘ und ‚älter‘, besser behutsam umgeht, sofern man sich in ihrer Reichweite aufhalten muss – Hanna wurde vor 5 Jahren erfolgreich geschieden. Sie ist charakterlich stabil und sehr rational im Betrachten diverser Umstände und Konstellationen, die versuchen, sie herauszufordern. Um es auf eine einfache Formel zu bringen: Sie denkt, bevor sie spricht und handelt. Was dazu beiträgt, dass ihr Freundeskreis überschaubar geblieben ist. Was allerdings für Menschen wie Hanna Normalität bedeutet, mit der sie gut leben können.

Wenn wir uns schon beim Thema Freundschaft aufhalten: Befreundet und intim ist sie seit gut 3 Jahren mit Dennis LeBlanc. Seine Mutter hatte ihn unter dem Namen Denis, mit einem ‚n‘, ins Geburtenregister eintragen lassen. Sein Vater aber, Maskenbildner am Theater, war ein großer Fan der Comicfigur Dennis le menace, also Dennis, die Bedrohung. Und er bestand darauf, dass man seinen Sohn mit Dennis, also mit 2 ‚n‘ und englisch, ansprach. Und jeder tat ihm den Gefallen. Im Theater und auch außerhalb. Sogar Dennis übernahm die Schreibweise.

Er ist Inhaber einer Coiffeur-Kette in Paris, in der sich die nationale und internationale Prominenz aus Politik und Show-Business´ die Klinke in die Hand gibt, was den lästigen Nebeneffekt mit sich bringt, dass man ihn gelegentlich auf den Teppich zurückholen muss.

Ein weiteres Kennzeichen seines Naturells ist sein Hang zum Spott und Ironie, wobei er selbst eher zu den Schlaubergern oder Schlitzohren gezählt werden muss, weniger zu den Intellektuellen. Was nicht bedeutet, dass er überhaupt keine Allgemeinbildung besitzt. So ist das nicht. Aber es gibt halt Leute, die über einen höheren Bildungsstandart verfügen als er. Alles in allem aber doch ein lieber Kerl.

Sarahs Mentalität lässt sich am besten mit Vokabeln wie sensibel, altruistisch und empathisch beschreiben. Sie kann an keinem Hilfebedürftigen vorbeigehen, ohne nach seinem Befinden zu fragen oder ein paar Euro, in Scheinen natürlich, in seinen oder ihren Becher zu legen oder aus der nächstgelegenen Snack-Bar bzw. Restaurant eine kleine Mahlzeit zu besorgen.

Letzten Winter hatte sie vor dem Kaufhaus Lafayette eine junge Migrantin mit ihrer kleinen Tochter aufgegriffen. Die Kleine war schon blaugefroren. Sarah hatte sich die beiden kurzerhand geschnappt und ihnen je eine dieser dicken Steppjacken gekauft. Die junge Frau aus Syrien wusste nicht wie ihr geschah. Und Sarah war ebenso dankbar, weil sie helfen konnte.

Sie macht sich darüber hinaus stark für den Umweltschutz, die Friedensbewegung und macht – auch öffentlich – keinen Hehl aus ihrer Verachtung für Rassisten oder Faschisten. Das ist Sarah.

Wir sprachen von den Bediensteten. Die Hauswirtschafterin, Elenore Putet, eine robuste und zugleich resolute, aber dennoch herzensgute Frau von fast 60 Jahren, die wohl für dieses geflügelte Wort von der harten Schale und dem weichen Kern Modell gestanden haben muss, hat die Geschwister Desmoulins aufwachsen sehen. Solange ist sie bereits dort angestellt. Justin Desmoulins, der Diplomat und Vater der beiden Schwestern hatte sie bereits 1979, als sie noch ein junges Mädchen war, eingestellt. Ihre Fähigkeiten hat sie von ihrer Vorgängerin und strengen Lehrmeisterin Jacqueline Bivaque erworben, die im gesegneten Alter von 92 Jahren auf dem Anwesen starb.

Der Mann für Garten, Fuhrpark und Botengänge war bis 2017 Mathieu Brochart, der am 22. Juni des Jahres, im Alter von 69 Jahren, am Tag des Hitzerekordes mit 38°, bei der Rosepflege sein Leben aushauchte und damit seinen Dienst quittierte.

Es ist kein Gerücht, dass etliche Herrschaften aus diesen Kreisen, gemeint sind die Upper Ten, die High Society, mit dem Faktor ‚Zeit‘ nicht recht verfahren können. Mit anderen Worten, es wird ihnen sehr schnell fad. Oder langweilig, um es obsolet auszudrücken. Und wer jemals von diesem Joch der Langenweile unterdrückt wurde, der weiß, wie sich das anfühlt. Und in solchen Fällen ist der Gelangweilte in der Regel in der Lage …

Aber darauf kommen wir später noch. Soviel erst mal zu den äußeren Gegebenheiten. Werfen wir einen Blick in das Innere der Villa. Sobald man das beeindruckende Portal durchschreitet, steht man in einer großzügigen Halle, in der zwei Treppen, symmetrisch im Bogen angeordnet, links und rechts, in die Beletage führen.

Drei antike, gepolsterte Bänke ohne Rückenlehne, sowie eine sehr alte, kostbar verzierte Standuhr und jede Menge Pflanzen sind dekorativ im Raum verteilt.

Hinter der großen Flügeltür im linken Bereich der Halle befindet sich der Hauswirtschaftstrakt, in dem Ihre Hoheit Elenore Putet residiert. Herrschaftsgebiet, welches als frei von Hannas oder Sarahs Einflüssen bestimmt wurde. Inklusive eines Arbeitsraumes für den Butler, dazu eine komplette sanitäre Einrichtung.

Durch die rechte Flügeltür gelangt man in einen größeren Korridor, der mit Einlegearbeiten aus Holz verziert wurde und als Empfangsraum dient. Von dort geht man vorne links ins Büro des Hauses. Ein paar Schritte weiter: Schmale, hohe Flügeltüren, die in zwei üppige Salons führen, die sich gegenüberliegen.

Links das prachtvolle Kaminzimmer und der Blaue Gesellschaftsraum rechts. Wobei der Ausdruck ‚Zimmer‘ bzw. ‚Raum‘ freundlich untertrieben ist. In Wahrheit sind es kleine Säle. Ganz am Ende des Korridors eine weiße Kassettentür, hinter der sich ein großzügiges Gästeapartment mit Bad befindet. Alle Räume sind mit Telefonen ausgestattet, die vom zentralen Router gesteuert werden.

Im Obergeschoss befinden sich auf der linken Seite die Räume von Hanna, rechts Seite liegt Sarahs Refugium. Beide verfügen je über ein sehr geräumiges Schlaf- und Wohnzimmer mit Bad. So weit, so gut. Schauen wir mal, welches Treiben im Moment so in der Villa herrscht.

Sarah sitzt weinend da, ach was, heulend – dies jedoch sehr geschmackvoll und apart – mit einem Glas Sherry in der einen und einem vollkommen durchnässten Taschentuch in der anderen Hand. Sie sitzt in einem der großen, einladenden Ledersessel im exorbitanten Kaminzimmer, das trotz seiner Extravaganz einen heimeligen Eindruck vermittelt.

Hier hält sie sich immer auf, wenn sie davon überzeugt ist, dass ein Schwarm Läuse auf ihrer Leber einen dieser Betriebsausflüge macht. Sie steht schniefend auf und geht mit ihrem Glas zum CD-Player der im Vordergrund steht.

Sie sucht in den CD´s herum und legt die Peer-Gynt-Suite auf, Satz Die Morgenröte. Während sie das tut, schnieft und schluchzt sie vornehm, zart und leise vor sich hin. Sie setzt sich wieder und nippt verträumt an ihrem Sherry.

Sarah ist eine äußerst attraktive junge Frau. Langes blondes Haar, sehr schlank, vielleicht 165 cm groß, wohl proportioniert, modebewusst und umfassend gebildet. Es sieht so aus, als wolle sie uns in diesem Moment etwas sagen. Hören wir zu.

„Oh, Hallo. Da sind Sie ja.“ Sie zuckt entschuldigend mit den Schultern. „Tja. Was soll ich sagen? Das war´s.“ Sie schluchzt wieder laut. „Sie möchten sicher wissen, warum ich so heule, was hier los war, nicht?“ Langsam fängt sie sich.

„Ach, mein Gott. Das ist eine lange Geschichte. Hanna, also meine große Schwester, ihr Freund Dennis und ich, wir haben vor drei Wochen … Nein, warten Sie, ich muss doch ein bisschen weiter ausholen, sonst verstehen Sie die Zusammenhänge nicht.

Also, Mathieu, unser Butler, Fahrer, Gärtner oder was Sie wollen, also für alles zuständig sozusagen, der war fast dreißig Jahre bei uns. Der war schon hier, bevor meine Erinnerungen einsetzen.“

Sie lächelt verträumt. „Der war für mich immer sowas wie der Opa. Ein Kerl, den man immerzu nur knuffeln wollte. Na ja. Und eines Tages klappt er beim Rosenschneiden zusammen. Einfach so. Tot. Hitzschlag? Man weiß es nicht.

Auf jeden Fall: Er starb. Das ist jetzt 3 Jahre her. Elenore war untröstlich. Immerhin war Mathieu 30 Jahre lang ein Teil ihres Lebens. Und Teil unseres ganzen, also Hannas und meines Lebens. Und da brauchten wir natürlich Ersatz. Und das spielte sich folgendermaßen ab.“

Le nouveau serviteur

(Der neue Butler)

Hanna, gertenschlank und durchtrainiert, Kastanien blonde Kurzhaarfrisur, saß im sportlich-eleganten Sommer-Outfit, nachmittags gegen 16.00 Uhr, resigniert im Büro im West-Wing. Sie ist ein paar Zentimeter größer als Sarah. Nicht nur deshalb ist sie die große Schwester. Sie sah es – seit jeher – als ihre Pflicht an, auf Sarah aufzupassen. Seit Kindesbeinen also. Vor ihr auf dem Schreibtisch ein Stapel Bewerbungsunterlagen. Sie seufzte laut.

„12 Mann. Männer. Und alle waren sie da und keiner reicht an Mathieu heran. Ist das zu fassen? – Das ist übrigens auch Elenores Meinung.“

Sarah, die am Kaffeetisch saß, die Füße auf einem Hocker und sich mit einer Nagelfeile beschäftigte, zuckte mit den Schultern.

„Seit wann stellt Elenore Personal ein?“

„Ja, ich bitte dich. Immerhin muss sie mit dem zusammenarbeiten. Das muss doch harmonieren.“

„Schon, ja. Was ist mit dem jungen Mann im schwarzen T-Shirt, der war doch ganz gut drauf, oder nicht? Der hat wenigstens Humor und ist nicht so spießig wie die anderen trüben Tassen.“

Hanna sah die Bewerbermappen durch und zog eine davon heraus. Sie öffnete sie.

„Meinst du diesen hier? Lucien Lefebvre? Eine spärliche Seite? Keine Referenzen? Meinst du den? Schreibt nur, dass er schon mal Taxi gefahren hat und im Landschafts- und Gartenbau beschäftigt war. ‚Schon mal‘, ha! Tolle Referenz. – Ich bitte dich.“

„Ja, entschuldige mal, was brauchen wir denn? Einen Schriftsteller oder einen, der an- oder zupacken kann? Und außerdem war der mit Abstand am sympathischsten von allen.“

„Du hast ja recht. Doch, ich erinnere mich“, sann Hanna. „Von der Etikette her verbesserungswürdig …, aber sonst …“

„Ach, komm!“, sagte Sarah und konzentrierte sich auf ihre Fingernägel.

„Auf der anderen Seite …“ Hanna griente. „Der hatte so eine einnehmende Frechheit und so ein verschmitztes Lachen.“

„Ja, worauf wartest du? Ruf ihn an.“

„Ich will erst hören, was Elenore sagt.“ Sprach´s und drückte auf die Gegensprechanlage. „Elenore? Sind sie in der Küche?“

„Jawohl, Mme. Hanna.“, plärrte es aus der Anlage und es klang weiß Gott nicht nach Begeisterung. Dazu muss man wissen, dass Elenore schon länger in der Villa bedienstet war, als Hanna und Sarah auf der Welt. Pardon, das wissen wir ja bereits.

Die jungen Frauen wagten und wollten auch nicht, dass Elenore ging, als ihr Vater starb. Wenn hier im Hause jemand das Regiment führte, dann war das eindeutig Elenore. Sie war die heimliche Herrscherin in der Villa Desmoulins. Nicht mal der alte Desmoulins hatte, trotz seiner Diplomatenlaufbahn, die Chuzpe zum Widerwort, wenn Elenore etwas anordnete.

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Elenore, wären Sie dann so nett und schauen kurz mal ins Büro?“

„Bin gleich da, Mme. Hanna“, krächzte es zurück. Sarah hatte amüsiert zugehört.

„Mehr Samthandschuh geht nicht, oder?“, lachte Sarah.

„Ja, hör mal. Meinst du ich will es mir mit ihr verderben?“

„Aber vor ihr kuschen müssen wir nicht gerade.“

„Sagst du. Ich erinnere dich nur an ...“

Hanna konnte nicht zu Ende sprechen, denn es klopfte bereits an die Tür. „Kommen Sie rein, Elenore.“

Elenore, in ihrer weißen Tracht, trat ein, ein Küchentuch in der Hand. Korpulent wäre die zu weit gefasste Beschreibung ihres Umfangs. Kräftig oder stramm, hätte der alte Desmoulins jetzt zu ihrer Erscheinung gesagt.

„Mme. Hanna? Mlle. Sarah?“ grüßte sie mit einem leichten Knicks. Sarah rollte die Augen. Das hatten sie ihr nun schon hunderttausendmal gesagt, dass sie diesen Firlefanz lassen sollte. Aber bei allem Selbstbewusstsein, das Elenore an den Tag legte, diese Geste, die ihr die alte Bivaque eingebläut hatte, die kriegte sie aus ihrem Repertoire einfach nicht mehr raus. „Was liegt an?“, fragte sie grobschlächtig.

„Wir sitzen hier gerade über den Bewerbungen“, sagte Hanna etwas hoffnungslos. „Leider keiner dabei, bei dem man ‚Hurra‘ schreien könnte. Sie haben sie ja alle gesehen.“

„Das hab´ ich, Mme. Hanna.“ Aus Elenores Mund klang das beinahe wie eine Drohung. „Da mögen Sie recht haben. Alles Versager“, maulte sie.

„Elenore“, lachte Hanna. „Haben sie den Mann mit dem schwarzen T-Shirt noch vor Augen?“

„Äh …, ach der! Ja, ich erinnere mich“, rief sie freudestrahlend, um sofort zu meckern: „Bisschen jung oder? Und ´n bisschen zu vorlaut für meinen Geschmack“, fügte sie leise an.

Hanna warf einen Blick auf das Bewerbungsschreiben im Aktendeckel.

„Na ja. Jung? Immerhin 35 Jahre.“

„So?“, krittelte Elenore. „Sieht man ihm gar nicht an. Was ist mit dem?“

„Elenore. Den wollen wir gerne einstellen“, schaltete sich Sarah ungeduldig ein. „Wenn Sie gestatten.“

„Also, da halt ich mich raus. Wenn sie ihn haben wollen? Nur zu. Den schnitz ich mir dann schon zurecht, wenn der nicht spurt.“

Hanna und Sarah sahen sich an und mussten unweigerlich lachen.

„Daran habe ich keinen Zweifel“, lachte Sarah laut. „Danke, Elenore. Wir rufen ihn an.“

„Das war´s?“, fragte Elenore. „Ich muss nach den Kartoffeln sehen. Heute gibt es Kartoffel-Lachs-Gratin mit Pfifferlingen.“

„Hmmm“, machte Hanna. Ich kann es kaum erwarten. Danke, Elenore.“

Damit verließ Elenore durchatmend das Büro. Sarah schaute lachend hinterher.

„Die Kommandeuse von Desmoulins-Manor.“ Dann sah sie zu Hanna. „Ja, worauf wartest du?“

Hanna warf ihr einen Blick zu, der sagte: ‚Weh dir, wir ziehen ´ne Niete! ‘, und griff zum Telefon.

Lucien

Er hatte kein besonders gutes Gefühl, als er vor der Villa in seinen alten DS 21 Pallas stieg. Sein ein und alles, Baujahr 1972. Lucien Lefebvre, 35 Jahre alt, 186 cm groß und athletisch. Er trägt am liebsten Jeans, Sneakers und T-Shirts. Besonderes Kennzeichen: So eine Art Spock-Frisur. Und da er überdies noch eine gewisse Ähnlichkeit mit der Star-Trek-Ikone hat, kultiviert er dies auch. Ja gut, ein wenig. Aber ganz bewusst.

Lucien hatte gerade ein Bewerbungsgespräch mit zwei jungen Frauen hinter sich, die so etwas offenbar nicht als Alltagsroutine auf dem Programm haben. Auch die ältere Köchin, oder was dieser Drache auch immer darstellte, war nicht von schlechten Eltern.

„Sie hören von uns“, hatte man ihn dann verabschiedet. Kein gutes Gefühl, dachte er noch während der Fahrt zurück in die Cité, kein gutes Gefühl.

Er fuhr quer durch den Bois de Boulogne auf der N 185 auf Porte Maillot zu, weiter über die Avenue de Grande Armée am Triumphbogen vorbei auf die Champs-Élysées, runter bis zur Ile de la Cité. Eigentlich wohnt er in der Rue Brézin im 14. Arrondissement.

Geboren wurde er im ländlichen Montmorency, 13 km nördlich von Paris. Dort ist er auch aufgewachsen und zu Schule gegangen. Bis zum College und 2 Jahre Gymnasium. Dann hat er geschmissen, weil sein Vater, der Postbote im Ort, eine zweite Ehe einging und noch drei Geschwister wie die Orgelpfeifen produzierte. Das war ihm alles zu viel. Erst nahm er sich ein Zimmer in St. Gratien, einem Nachbarort. Um das zu finanzieren arbeitete er als Helfer in einem Gartenbaubetrieb. Und der Führerschein war somit auch drin.

Dann zog es ihn nach Paris, wo er eine Reihe von Gelegenheitsjobs annahm, bis er schließlich bei einem Taxiunternehmer anfing, bei dem er immer noch als Aushilfe einspringt, obwohl er inzwischen, seit 3 Jahren, bei einem Sicherheitsdienst als sogenannte Security für Objektschutz bei Veranstaltungen oder in Kaufhäusern eingesetzt wurde. Weil sich aber die Anweisungen zu immer mehr Überstunden häuften, hatte er sich umgesehen und das Inserat „Butler Fahrer, Gärtner, Concierge“ entdeckt.

Und da er kein Mann großer Worte, aber einer mit viel Humor war, das hatte er in seiner Karriere als Taxifahrer gelernt, lernen müssen, setzte er sich hin und schrieb eine Bewerbung. Kurz, knapp und bündig. Entweder sie nehmen mich oder sie lassen es. Das war seine Devise.

Sein Lieblingsplatz war das Straßencafé Le Depart Saint Michel direkt an der Seine mit Blick auf Notre Dames. Hier traf er sich für gewöhnlich mit seiner Clique, mit seinen Freunden, wann immer es möglich war. Zurzeit haben fast alle einen Job. Für heute hatte er sich freigenommen, weil er die Verabredung mit den Desmoulins´ hatte. Darum saß er jetzt allein auf seinem Stammplatz genau an der Hausecke draußen und las in der Le Monde, als sein Handy anschlug.

Er zog es aus der Hosentasche. Unbekannter Anrufer. Eigenlich nahm er solche Gespräche mit ‚unbekannt‘ nicht an, aber nach seiner Audition bei diesen beiden Frauen heute Morgen … man weiß ja nie …! Er meldete sich vorsichtig:

„Hallo?“ Eine Frauenstimme am anderen Ende. Sachlich-höflich, ohne Schnörkel und Blah-blah, kam sie gleich zur Sache: Man habe sich für ihn entschieden, ob er den Job nach wie vor antreten wolle.

„Keine Frage, Mme. Desmoulins, deswegen habe ich mich ja beworben“, lachte er. Ob für ihn akzeptabel sei, dass er seine Wohnung aufgibt, weil er die im Gästehaus übernehmen würde? Nach der Probezeit natürlich. Glücklich über diese Zusage sagte er nur: „Natürlich, wann soll ich anfangen?“

„Wenn Sie können, dann direkt ab Montag.“

„Abgemacht“, rief er ins Handy. „Ab Montag. Um wie viel Uhr geht´s los?“

Er vernahm, dass die Frau auf der anderen Seite wohl den Hörer zuhielt und mit einer weiteren Person sprach. Dann:

„10.00 Uhr. Wir lassen den ersten Tag ruhig angehen. Sind wir uns einig?“

„Worauf Sie sich verlassen können“, strahlte er.

„Gut. Den Papierkram machen wir später. Bis Montag dann“, sagte die Frauenstimme, erkennbar zufrieden.

„Bis Montag.“ Er klickte sich aus. Anschließend konnte er nicht anders und stieß einen lauten Jubelschrei aus, der alle Gäste in seiner unmittelbaren Nähe zusammenfahren ließ.

Le prelude

(Das Vorspiel)

L'histoire

(Die Erzählung)

Sarah nippt an ihrem Sherry und lächelte sanft.

„So. Jetzt wissen sie, wie Lucien zu uns gekommen ist. Ich fand das wichtig, damit Sie sich nicht wundern, wenn er Ihnen begegnet. Er trägt wirklich die Zunge auf dem Herzen, wie man so schön sagt.“ Sie stutzt. „Oder anders ´rum? Egal, ich glaube, Sie wissen, was ich meine. Und er und Elenore haben sehr schnell zueinandergefunden. Also arbeitstechnisch jetzt. Sie duzen sich sogar. Aber er weiß, dass sie das Sagen hat, und sie weiß, dass er ein loses Mundwerk hat, gegen das sie machtlos ist. Und wir haben uns an ihn gewöhnt. Und ganz ehrlich: Ich möchte ihn auch nicht mehr missen.“

Sie lacht verhalten. Schweigt, nippt am Sherry und sinniert. Die Tränen schießen ihr wieder in die Augen. Sie schnieft und schluchzt.

„Entschuldigen Sie, ich hatte gehofft, ich hätte es hinter mir. Aber Sie sehen selbst, es geht wieder los.“

Sie weint und weint und es nimmt kein Ende. Hanna kommt ins Kaminzimmer und geht sofort zu ihr. Sie kniet sich neben sie und legt ihre Hand auf Sarahs Knie.

„Sarah?“, fragt sie leise.

„Was denn?“, schluchzt Sarah.

„Du machst doch keine Dummheiten!?“

„Ach was. Ich möchte nur allein sein. Die letzten Wochen Revue passieren lassen. Ein bisschen nachdenken. Es sind so viele schöne Erinnerungen. Vielleicht will ich sie nur noch einmal durchleben.“

Hanna steht auf und blickt besorgt auf sie herab.

„Mehr nicht? Versprochen?“

„Versprochen, große Schwester“, jammert Sarah und wischt sich die Tränen ab.

„Gut. Ich werde ins Kino gehen. Sie zeigen Vom Winde verweht. Es wird also später.“

Sarah heult los wie eine Sirene.

„Und es passt so gut.“

Hanna schüttelt den Kopf, nicht unbedingt aus Mitgefühl, jetzt mehr aus Verzweiflung, dass sie aber auch gar nichts tun kann, um Sarah aufzuheitern.

„Also bis nachher, meine Kleine. Und wenn was ist, ruf Elenore oder Lucien.“

Sie gibt Sarah links und rechts die Abschieds-Küsschen und geht rückwärts, Sarah noch ein paar Handküsse zuwerfend, zur Tür.

„Viel Spaß im Kino.“ ruft Sarah ihr nach. Als die Tür ins Schloss fällt und Sarah alleine ist, stellt sie den Sherry ab, steht auf und geht im Raum auf und ab:

„Tja, jetzt kann ich Ihnen erzählen, was hier passiert ist. Das glaubt nur, wer es miterlebt hat. Das können Sie mir glauben. Also … wo fang ich an? Ach, mein Gott. Das ist eine lange Geschichte. Soll ich noch eine CD …? Ach nein, das lenkt Sie nur ab.

Also, Hanna, die kennen Sie ja jetzt, ihr Freund Dennis und ich, wir haben vor drei Wochen …“ Sie stockt und überlegt. „Ich glaube, das sagte ich vorhin schon, oder?“ Sie grübelt und fährt fort. „Wie auch immer … ein Ding gedreht… Nein, nein… Nicht so ein Ding. Es war mehr eine Dummheit. Aber es waren die drei aufregendsten Wochen in meinem Leben. Wir haben nämlich …“

Sie stoppt und überlegt. Sie nimmt ihr Glas, stellt fest, dass es leer ist und geht an den kleinen runden Tisch auf dem eine Batterie an Getränken steht. Während sie sich einen neuen Sherry eingießt, erzählt sie weiter.

„Nein, am besten, ich erzähle Ihnen das Ganze von Anfang an. Also, vor drei Wochen. Es war ein Mittwochnachmittag. Hanna und ich haben eingekauft, für eine kleine Feier. Wir feiern immer irgendwas, wissen Sie. Na ja, was sollen wir sonst auch machen. Diesmal wollten wir den fünften Jahrestag von Hannas Scheidung feiern.“

La préparation

(Die Vorbereitung)

Hanna stieg aus dem Jaguar und nahm zwei Einkaufstaschen vom Rücksitz. Sarah kletterte aus dem Beifahrersitz und streckte sich. Hanna lächelt sie an:

„Jetzt nur noch die Flaschen. Bist du so nett und bringst sie mit? Kofferraum.“

Sarah schaute sie mit einem genervten Blick an und schüttelte den Kopf.

„Ich weiß, wo wir die Flaschen hin gepackt haben“, grummelte sie. Denn ganzen Vormittag mach ich nichts anderes, als ihr hinterher zu rennen wie ein Packesel, meckerte sie innerlich und tat es trotzdem. Sie folgte Hanna in die Empfangshalle, wo sie die Sachen auf der Bank neben der Flügeltür, die zur Küche führte, abstellten.

„Elenore?“, rief Hanna und zog die Autohandschuhe aus. Elenore kam beflissen aus dem Hauswirtschaftstrakt gerast.

„M. Hanna? Mlle. Sarah? Hab´ Sie schon in den Park fahren sehen. Kommen Sie, ich nehm´ Ihnen das ab. Alles für heute Abend?“

„Meine Güte, ist das heiß – Ja. Alles für heute Abend. Sie sind ein Schatz, Elenore“, atmete Hanna auf.

„Na na. Nu übertreiben Sie mal nicht. Dafür bezahlen Sie mich ja.“

Sarah musste laut lachen.

„Deswegen sind sie ja ein Schatz. – Ich geh schon mal in den Blauen.“

„Ja, tue das. Ich komme sofort. – Danke Elenore.“

„Schon gut. Ich mach das schon hier. Gehen Sie mal.“ Sie packte sich die Tüten und Hanna schlenderte kraftlos hinter Sarah her. Sie öffnete die Salontür und bleibt drin stehen.

„O mon Dieux, war das anstrengend. Ich hätte nie gedacht, dass es so schwer sein kann, sein Geld auszugeben.“ Sie setzte sich und zog die Schuhe aus. „Puh…“ Sarah quälte sich ein Lächeln ab.

„Damit hatte dein Ex keine Probleme, soweit ich mich erinnere. Schade nur, dass er nicht mitfeiern kann“, kicherte sie.

„Na, vielen Dank, weißt du. Ich bin froh, dass dieses Kapitel ausgelesen ist“, spielte Hanna die Entsetzte. „Gerard hat in unserer kurzen Ehe mehr durch Abwesenheit geglänzt, als alles andere. Von seinen Pflichten ganz zu schweigen. Und was die Kür betrifft – du weißt, was ich meine – na ja, das waren auch nicht gerade die Olympischen Spiele.“

Sarah grinste sich ins Fäustchen und ging zum Getränketisch, damit Hanna es nicht mitbekam.

„Soviel ich weiß, gehören dazu zwei. Mich würde mal interessieren, wie sich das anhört, wenn er über eure Ehe spricht. – Willst du auch was?“

„Nur was ganz Kaltes. Mach ich mir selbst nachher. – Was soll denn das heißen, bitte schön, wenn er über unsere Ehe spricht …?“, stöhnte Hanna. „Das soll der sich mal erlauben …“

„Na ja, einer allein hat immer recht, heißt es in der Psychologie“, lachte Sarah. „Du weißt doch, jeder hat eine andere Perspektive auf dieselben Dinge.“

Darauf erntete sie von Hanna lediglich eine ärgerlich hochgezogene Augenbraue. Sie verstellte ihre Stimme auf Fernsehmoderator: „Und damit sind wir am Ende unserer Sendung.“ Um mit normaler Stimme weiterzusprechen: „Heute wollen wir feiern und nicht trauern. Sagst du Elenore Bescheid? Sie soll hier unten alles vorbereiten.“

Sie stand auf und ging zur Tür. Dort blieb sie stehen, drehte sich nochmal um und sah Sarah prüfend an, um dann mit einem Lächeln zu sagen:

„Übrigens, wir sind zu dritt.“ Sarah blickte überrascht auf.

„Zu dritt. Wieso denn zu dritt?“, fragte sie ernsthaft irritiert.

„Dreimal darfst du raten …“, lachte Hanna.

„Oooh nein“, protestierte Sarah. „Bitte sag nicht, Dennis kommt. Ich kann den Kerl nicht ausstehen.“

Hanna ging zurück zu ihr.

„Du lernst ihn schon noch mögen. Ist alles nur eine Frage der Zeit.“

Sarah verlor ein wenig die Haltung.

„Aber doch nicht so einen Dandy. Parfum, Pomade, Portemonnaie. Und sein Goldkettchentick, der schreit doch zum Himmel. Das ist kein Mann, das ist ein Model für … für …“ ihr fiel das passende Schimpfwort nicht ein, „… ach, was weiß ich.“

Hanna nahm sie in den Arm. Liebevoll und ein bisschen schalkhaft zugleich.

„Und das ist gut so. Also, Dennis kommt und damit basta. Er ist in Ordnung.“ Sie gab Sarah ein Küsschen und verließ den Salon. Sarah lauschte, wie ihre Schritte sie über die Treppe nach oben führen. Dann hörte man eine Tür in der Beletage zufallen.

Sie geriet aus dem Häuschen und war außer sich. Aufgebracht stellte sie die Flaschen zurück, aus denen sie sich ein Erfrischungsgetränk gemixt hatte und ging vor sich hin meckernd in die Empfangshalle.

„In Ordnung. In Ordnung“, maulte sie. „Wenn es den Egotrip nicht gäbe, der würde ihn erfinden.“ Sie seufzte und rief in Richtung Küche: „Elenore!“

Elenore kam durch die Flügeltür. Sie strahlte für ihre Verhältnisse große Zufriedenheit aus.

„Mlle. Sarah?“

Sarah hatte nach dem anstrengenden Einkaufsbummel mit Hanna nicht den allergrößten Ehrgeiz, eine ausführlichen Konversation zu lenken, aber immer ihre mahnende Worte im Ohr, man solle sich Elenore warm halten.

„Na, Elenore, wie geht’s Ihnen heute?“

Was Elenore sogleich als Aufforderung auffasste, ihr Leiden zu skizzieren. Entsprechend legte sie denn auch los:

„Oh, danke, Mademoiselle“, hob sie an, um ihren Körper sofort mit schmerzverzerrtem Gesicht in einen 90-Grad-Winkel zu biegen. „Also gestern hatte ich verdammte Rückenschmerzen. Ich habe dann meine Schwester in Orleans angerufen, Sie wissen, die mit der Naturheilkunde. Und die hat mir ein Rezept durchgegeben. Hat prima angeschlagen“, strahlt sie, um sich sofort ohne Schmerzen wieder in kerzengerade Haltung zu begeben. „Und jetzt geht’s mir blendend.“