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Im Jahr 1916, also mitten im Ersten Weltkrieg, ließ sich der Barmener Fabrikant Walter Kellner in Detmold nieder, um hier, unterstützt von den politischen Entscheidungsträgern, mit einer Munitionsproduktion zu beginnen. Die Aussicht auf Arbeitsplätze und vor allem auf Profit ließen die Lippische Staatsregierung und das Fürstenhaus Dank der Spendenfreudigkeit Walter Kellners über manche Stolpersteine hinwegsehen. Kellner übernahm das baufällige Gebäude einer stillgelegten Möbelfabrik in der Elisabethstraße, mit kurzem Transportweg zum Bahnhof, die er in eine Munitionsfabrik umrüsten ließ. Diese Fabrik betrieb er unter Missachtung sämtlicher Sicherheitsbestimmungen, so dass sie am 31. Mai 1917 um 13.31 Uhr explodierte und 72 Todesopfer forderte. Dieser Roman erzählt die Geschichte dreier fiktiver Detmolder Familien - aus der Oberschicht, dem Bürgertum und dem Arbeitermilieu - die schicksalhaft miteinander verbunden sind, rund um die Ereignisse des Unglückes.
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Seitenzahl: 361
Veröffentlichungsjahr: 2020
Mein besonderer Dank geht an Stefanie Zeuner, für ihre ausgezeichnete Unterstützung.
Dies am Rande …
Jürgen und Renate
Beerdigung
Im Hause Möller
Kottmanns
Steckrüben
Elisabethstraße
Schokolade
Alles neu…
Frische Luft
Freundinnen
Gewissen
Apotheke
Tausch
Abendmahl
Vorlauf
Erschütterung
Seelennot
Rekapitulation…
Was wurde aus den Überlebenden?
Der Verfasser dieser Erzählung nimmt sich die Freiheit, darauf hinzuweisen, dass sie nicht als Geschichtsunterricht, Tatsachenbericht oder gar der Aufklärung dient. Vielmehr ist sie eine Liebesgeschichte. Ein Drama. Ein Drama über drei Familien aus grundverschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Sie „lebten“ in der Zeit des größten Unglücks der jüngeren Stadtgeschichte Detmolds, das sich im Ersten Weltkrieg, am 31. Mai 1917, in der Mittagszeit gegen 13.31 Uhr abgespielt hat.
Gespickt ist die Erzählung sehr wohl mit historischen Daten und Fakten, vermischt aber mit Fiktion. Eine sogenannte historische Fiktion also. Und eine Liebeserklärung an die Stadt selbst.
Die Namen der Familien und handelnden Menschen sind frei erfunden. Jede Übereinstimmung mit damals Lebenden oder deren Nachkommen wäre also rein zufällig. Einzig der Fabrikant Kellner und Staatsminister Biedenweg sind als historische Personen in die historische Fiktion eingebunden.
Wenn man auf der Landkarte eine Linie zieht, angefangen von Paderborn nach Osnabrück, von dort nach Minden, von dort weiter nach Hameln, um sie wieder in Paderborn enden zu lassen, dann entsteht das Bild eines etwas zu schief geratenen Trapezes, dieser geometrischen Figur. Irgendwo da innerhalb befand sich das Fürstenthum Lippe. Oder wenn man es topographisch fixieren wollte: eingekesselt. Aber freundlicher ausgedrückt sollte es doch besser heißen: eingerahmt. Eingekesselt hört sich sofort nach Feldherrenhügel an, und lässt auf gewiefte militärische Manöver schließen; darum also eingerahmt. Obwohl unsere Geschichte doch unvermeidlich von militärischen Einflüssen tangiert wird, denn sie beginnt kurz nach Anfang des Ersten Weltkrieges. Aber soweit sind wir noch nicht.
Eingerahmt also vom Teutoburger Wald, vom Wiehengebirge und vom Weserbergland. Auf dem Lippischen Abschnitt des Teutoburger Waldes befindet sich die Grotenburg, die höchste Erhebung im Gelände über einem Dörfchen namens Hiddesen. Ein Berg also und nicht wie irreführend angenommen, eine Burg. Auf diesem sehr dicht bewaldeten Berg Grotenburg erhebt sich stolz das berühmte Hermannsdenkmal, von 1835 an erbaut von Ernst von Bandel und 1875 unter großer Beachtung des ganzen Landes eingeweiht von Kaiser Wilhelm I. persönlich. Das Denkmal ist aus allen Himmelsrichtungen aus der Ferne gut auszumachen, so hoch liegt die Grotenburg. Hermann, der Cheruskerfürst reckt stolz sein Schwert in die Lüfte und blickt in das Tal westlich, in dem er angeblich 9 nach Chr. die Römer verdroschen haben soll.
Unterhalb der Grotenburg liegt Hiddesen und wenn man so will, liegt unterhalb von Hiddesen die Landeshauptstadt des Fürstentums: Detmold. Darin zentral das Schloss, bis 1895 Sitz derer zu Schaumburg-Lippe. Weil nach dem Tode Fürst Woldemars, der 1895 kinderlos starb, der als Nachfolger in Frage kommende Bruder Alexander wegen Geisteskrankheit entmündigt war, kam es zum Streit um die Erbfolge mit derer zu Lippe-Biesterfeld. Und da es im Volksmund immer heißt, die sind sowieso alle miteinander verwandt, gemeint ist der Adel, war dies im besten Sinne eine Familienfehde. Die Rose gehört, nebenbei, ins Lippische Wappen. Ein Lippischer Rosenkrieg also, der 1897 zu Gunsten der Biesterfelder von einem Schiedsgericht unter König Albert von Sachsen entschieden wurde.
Seitdem dürfen die den Fürsten stellen. Alexander war notabene der zweite bekannte Fall von Entmündigung in Folge von Geistesschwäche in der Schaumburger Linie. Viel früher nämlich zeigte Fürst Leopold I in 1790 ähnliche Symptome und wurde entmündigt – was später zwar teilweise aufgehoben wurde – was aber seine Frau, die Fürstin Pauline in die Historie des Fürstentums spülte und sie zu einer der bedeutendsten Herrscherinnen Lippes machte.
In ihrer sozialen Haltung ihrer Zeit weit voraus, war sie durchaus ein Vorbild. Sie ließ Waisenhäuser und Kindergärten errichten. Und sie sorgte für die Gründung der Fürstlich Lippischen Hofkapelle, quasi den Vorgänger des heutigen Orchesters des Landestheaters.
Es gibt Leute, die sagen, die Besetzung des Fürstenthrons in Lippe sei immer schon eine turbulente Veranstaltung gewesen. Man hätte das auch ausschießen können, wie auf einem Schützenfest. Aber keine Angst, dies wird kein Geschichtsunterricht. Wir sind lediglich dabei, uns umzuschauen.
Vor dem Schloss der Schlossgarten, vor dem Schlossgarten das Landestheater, das 1912 den Flammen zum Opfer fiel, von Leopold IV. aber schnell wieder aufgebaut wurde. Um das Schloss herum, ein Wassergraben, der es absichern soll vor Feind und Untertan. Neben dem Schloss die Marktkirche, die wohl bereits im Jahre 800, als Detmold noch Theotmalli hieß, errichtet wurde. Daneben das „neue“ Rathaus, welches zwischen 1828 bis 1830 nach Plänen des Landbaumeisters Kühnert aus Rinteln an der Stelle des alten, abgerissenen Rathauses, das noch Hühner- und Kuhstall beherbergte, errichtet wurde. Kein Gebäude, bei dem man unbedingt in verzückte Aah- und Ooh-Rufe ausbrechen müsste, durch sein Säulenportal, welches Kühnert auf der davor befindlichen Freitreppe installierte, aber diesen gewissen Charme besitzt, dem man sich nur schwer entziehen kann.
Vor dem Rathaus der behaglich-einladende und idyllische Marktplatz mit seinen schattengebenden Linden und dem Donopbrunnen, der seit 1902 ziemlich in der Mitte des Platzes steht. Obenauf die in Bronze gegossene Quellnymphe des sanft plätschernden Baches Berlebecke, welcher, in Detmold angekommen, Knochenbach heißt. Irgendwelche Spaßvögel in der Verwaltung der Stadt wollten Anfang 1940 den Brunnen – dessen Errichtung im Übrigen damals stolze sechstausend Taler kostete – abreißen lassen, was eine Bürgerinitiative aber zu verhindern wusste. Aber auch das nur am Rande.
Direkt am Marktplatz entlang die Lange Straße mit teilweise geschichtsträchtigen, prachtvollen Häusern aus der Weserrenaissance, Bürgersteig und Straßenbahnschienen. Mitunter fuhr schon mal mit viel Getöse eine dieser neumodischen, stinkenden Benzinkarossen vorbei, wobei ein jeder stehen blieb und staunend hinterher gaffte.
Als Kleinstaat hatte das Fürstenthum Lippe selbstverständlich eine Regierung. Der Regierende Fürst hieß seit 1904 Fürst Leopold IV, Sohn des Ernsts zu Lippe Biesterfeld. Von Kaiser Wilhelm II. weder gemocht noch geschätzt, der hätte viel lieber seinen Schwager Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe an dessen Stelle gesehen, aber nun ja, die Biesterfelder …, soll er angeblich gedacht haben. Lassen wir es dabei.
Kulturell war das Fürstentum sicher das, was man einen Magneten nennen durfte, zog es doch später so prominent gewordene Künstler und Musiker wie Lortzing, Brahms, Klara Schumann an, die damals alle am Anfang ihrer Karriere standen. Oder die Schriftsteller- und Frauenrechtlerin Malwida von Meisenbug.
Politisch allerdings ging unser Fürstentum eher in der Bedeutungslosigkeit unter. Es war von 1816 bis 1866 Teil des Deutschen Bundes, ab 1866 Mitglied im Norddeutschen Bund und ab 1871 Teil des Deutschen Kaiserreiches. Die mächtigste Landesbehörde war das Staatsministerium, dem die höheren Verwaltungs- und Justizbehörden untergeordnet waren. Staatsminister war seit 1913 Karl Ludwig von Biedenweg, ein aus Hannover stammender durch und durch preußischer Jurist.
Im Grunde war Detmold eigentlich – nach heutigen Maßstäben – ein größeres Dorf, umgeben von vielen kleineren Dörfern, Gütern und Gehöften. Aber als Sitz der Grafen und Fürsten trug der Ort bald die Bezeichnung Residenzstadt. Aber auch das nur am Rande. Was hier geschehen ist, darum soll es gehen.
Unsere Geschichte beginnt, wie gesagt, irgendwann nach Beginn des Ersten Weltkrieges, im Sommer 1915, zu einer Zeit also, in der man dem Residenzstädtchen Detmold ohne weiteres noch das Prädikat „idyllisch“ beglaubigen konnte.
Zuvor hatte sich die politische Lage rund um das Kaiserreich angespannt. Allianzen hatten sich verschoben oder wurden neu gestaltet. Wegen des als Auslöser des Ersten Weltkrieges bekannt gewordenen Mordes von Sarajewo wurde Österreich quasi ein Blankoscheck ausgestellt. Und mit ausgekochten Argumenten drehte man die Wahrheit solange um die eigene Achse, bis sie zum Angriff taugte, nach Ost und West.
Die Bevölkerung, zu Beginn darüber frenetisch jubelnd, war vom Kriegsgeschehen selbst nicht direkt betroffen, spürte aber die Wirkungen hinein bis ins Mark. Es kam zu Versorgungsengpässen, dazu gesellten sich Missernten, die zu Hungersnöten führten und zu dem berühmten Steckrübenwinter.
Und, dies sei noch explizit erwähnt, ein neuer lippischer „Volkssport“ hielt Einzug: Das Brennen von Wacholderschnaps, welches so gut wie jeder zweite Haushalt beherrschte. Dieser Fusel diente als Daunendecke bei kurz- oder langfristigen Sorgen, von denen es zu der Zeit reichlich gab. Es gibt Erzählungen, dass „zu jener Zeit halb Lippe angeheitert durch die Gegend lief“. Nun ja, Erzählungen halt. Die Krise verschärfte sich. Das sogenannte Hindenburg-Programm, davon hören wir später noch, tat sein übriges. Unter anderem sah es vor, in Deutschland flächendeckend Munitionsfabriken zu errichten. So geschehen auch in Detmold.
Lippe-Detmold, eine wunderschöne Stadt, darinnen ein Soldat. Und der muss marschieren in den Krieg, und der muss … Wieso geht mir ausgerechnet jetzt dieses blöde Lied nicht aus dem Kopf, dachte Jürgen. Jetzt! Die Lippische Nationalhymne. Die Lippische Nationalhymne, wiederholten seine Gedanken ironisch, jede Silbe komplett auskostend. Unwillkürlich huschte ein schalkhaftes Lächeln über seine Lippen.
Er stand an diesem schönen Donnerstagmorgen, am 17. Juni 1915, auf der Treppe des Hauses der Heeresleitung, in dem die Abteilung für Frontdienstbefreiung untergebracht war. Er grübelte, hatte er doch gehört, dass diese „Zeremonie“, also die Aushändigung der Befreiung vom Frontdienst, ein wahrer Spießrutenlauf sein sollte. Dass man ihn zuvorkommend und höflich behandelt hatte, war wohl der Tatsache geschuldet, dass er der Sohn war von Stadtrat Friedrich Möller und seiner Gattin Hedwig, geborene von Breitenbach. Die Tochter des Majors von Breitenbach, der durch einen Schuss in den Unterleib 1870/71 sein Leben ließ. Das hatte Gewicht. Und zudem noch ein Attest des renommieren Bielefelder Arztes Dr. Richard Krüger vorlegen konnte, der ihm eine veritable Lungenschwäche bestätigte.
Wieder entfuhr ihm dieses böse, spöttische Lächeln. Er, Jürgen Möller, Fußballer aus Leidenschaft beim FC Teutonia Detmold und Lungenschwäche! Da lachen doch die Hühner. In der Tat ginge Jürgen ohne weiteres als Siegfried-Darsteller durch. Er war ein Hüne, wie seine Mutter immer zärtlich über ihn sprach, wenn sie mit ihm aufschneiden wollte. 18 Jahre alt, 188 cm groß, muskulös, durchtrainiert, dunkelblond, blaue Augen, Abitur in der Tasche, 100 m in 11,6 Sekunden, tadellose Umgangsformen und ein Lächeln, bei dem jede Schwiegermutter Tränen in die Augen bekam und jedes Mädchen Schmetterlinge in den Bauch. Er gehörte zu jener Sorte junger Männer, die ohne eigenes Zutun von mehr oder weniger aufdringlichen Sympathien aller Art geradewegs umgerannt wurden.
Und so einem stellte dieser Dr. Krüger ein Attest aus, das ihn vom Frontdienst befreit? Natürlich hatte das, wie alles andere auf der Welt, wie Friedrich Möller, sein Vater, immer zu sagen pflegte, seinen Grund. Und dieser Grund lag darin, dass der junge Stadtrat Friedrich Möller dem ehemaligen Studienkollegen Dr. Richard Krüger, seines Zeichens Lungenspezialist, einst eine Baugenehmigung für ein strotzendes Anwesen am Hiddeser Berg verschafft hatte, die in dieser Form niemals die Ausschüsse hätte passieren dürfen.
Jürgen schüttelte den Kopf. Eine Krähe wäscht der anderen die Hand, so sann er. Nun denn. Es kam ihm nicht ungelegen, so war das nicht. Im Gegenteil. Er hätte wohl selber Kopf und Kragen riskiert, dem Frontdienst zu entkommen. Notfalls durch Verweigerung. Dass es nun auf diese kuriose Weise zustande kam, nahm er achselzuckend in Kauf.
Er hatte sich nämlich in vielen Diskussionen mit dem Pfarrer des Ortes, Johannes Pfahl, den er liebevoll, wie im Grunde jeder in Detmold, Bruder Pfosten nannte, zu einem wahrhaftigen Kriegsgegner entwickelt. Obwohl der Herr Pfarrer, wie überhaupt die gesamte Evangelische Kirche, eher zu den Kriegstreibern gezählt werden musste. Allen voran der Generalsuperintendent Weßel. Aber das war ein Thema für sich, entschied Jürgen.
Pfahl konnte, wenn er die nötige Menge Wacholder intus hatte, in bestechender Weise philosophieren. Da wo andere anfingen, mit schwerer Zunge zu reden, sprudelten aus ihm die Gedanken, so klar wie die Berlebecker Quellen. Glasklar. Und so einer muss im Kirchenmief versauern, bedauerte Jürgen ihn. Jedoch: Ohne jegliche Ambition versah Pfahl seinen Dienst und der Alkohol verhinderte jeden weiteren Aufstieg innerhalb der Hierarchie der Kirche in Lippe. Er war vor Detmold einer, den man dauernd hin und her schob. Er war geduldet, nicht mehr und nicht weniger. Von der Gemeinde, von seinen direkten Vorgesetzten und vom Kirchenoberhaupt, dem Fürsten Leopold IV. in persona. Eigentlich Potentialverschwendung. Eigentlich ein armes Schwein, dachte Jürgen.
Aber bei ihm und durch ihn hatte er gelernt zu differenzieren. Sein Vater betrachtete Jürgens Besuche bei Pfahl stets mit Wohlwollen. Immerhin waren sie mal Schulfreunde gewesen und waren auch jetzt noch dicke miteinander, wie man so schön sagt. Dieses Wohlwollen hätte sicher ein anderes Gesicht gehabt, wenn der Stadtrat über den Verlauf der Debatten zwischen Jürgen und Pfahl informiert gewesen wäre.
Denn durch Pfahl kam Jürgen in den Genuss, Karl Marx zu lesen, Heinrich Heine, Hegel und Lasalle. Heimlich natürlich. Du liebe Zeit, wenn seine Eltern gewusst hätten … Aber dass einer mit so einem Hintergrund wie Pfahl ihn besaß, ein kaisertreuer Kriegsbefürworter ist …? Wie passt das? Ach, was soll´s?
So entwickelte Jürgen jedenfalls sein eigenes Weltbild. Und in dem hatten weder Kaiser noch Fürst noch Standesunterschiede Platz. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Worte, deren Inhalt ihn begeisterte. Es konnte doch nicht sein, so war seine Vorstellung, dass nur er mit dieser Anschauung durchs Leben ging.
Durchaus nicht. Denn da gab es die Sozialdemokraten. Und mit denen sympathisierte er, sehr zum Groll seines Vaters. Immer öfter zog es Jürgen zu den Treffen jener Gleichgesinnten, was er natürlich nicht mehr verborgen halten konnte. Und das führte immer mehr zum Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn, das in endlosen Auseinandersetzungen die häusliche Atmosphäre zum Zerschneiden dick machte. Nicht andauernd, das musste man beiden zugestehen. Mit Rücksicht auf Ehefrau und Mutter Hedwig zog ohne konkrete Absprache immer wieder so etwas Ähnliches wie Burgfriede ein. Und letztendlich, dachte Jürgen, brachte es mir die Frontdienstbefreiung.
Nun ja, und dann gab es da noch diesen einen, gleichwertigen, man könnte durchaus sagen, übergeordneten Forschungsgegenstand. Nämlich das andere Geschlecht. Und die Liebe. Oder das, was man in jugendlicher Unbekümmertheit dafür hielt.
Sowohl das eine wie das andere Phänomen kreuzte vor einigen Wochen Jürgens Weg beim Tanz in den Mai im Dreierkrug in Spork Eichholz. Und zwar in Gestalt der 17-jährigen Renate Kottmann. Und das war nicht übertrieben, denn Renate war in der Tat ein Phänomen. Sie war kein Kind mehr. Aber auch noch keine Frau. Obwohl man leicht der Annahme hätte verfallen können, betrachtete man nur ihre äußere Erscheinung. Nicht überaus gebildet, aber auch nicht auf den Kopf gefallen, verfügte sie, auf eine angenehme und absolut liebenswerte Weise, das musste man unbedingt dazusagen, über ein gehöriges Maß an Durchsetzungskraft.
Renate hatte die Pubertät ohne arge Kratzer hinter sich gelassen. Das war schnell vorbei. Was ihr zu schaffen machte, waren drei Dinge. Da war zunächst der schnelle Tod ihres Vaters, der begeistert, mit vielen fremden Kameraden Lieder schmetternd auf dem Detmolder Bahnhof in den Zug zur Front gestiegen war. Da hatte Renate zum ersten Mal geweint. Und Eva, ihre Mutter, natürlich auch. Aber anders als Renate. Anna, von allen nur Oma Kottmann genannt, war zu Hause geblieben, um Heinrich, ihren kranken Mann zu pflegen. Heinrichs linker Arm war ihm im Krieg 1870 einfach weggeschossen worden, so erzählte er immer. Und nun, inzwischen 81 Jahre alt, begannen die Organe ihren Dienst zu versagen. Das zweite Mal weinte Renate, als die Nachricht eintraf, ihr Vater sei gleich bei der ersten Angriffswelle gefallen.
Doch was sie im Moment zermürbte, waren diese grundlosen Anfeindungen ihrer Großmutter. Die ließ kein gutes Haar an ihr. Egal, was Renate tat, es war nicht richtig. Und es ärgerte sie, dass Anna, ihre Großmutter, Eva, ihre Mutter herumkommandierte, als sei die ihre Dienstmagd. Dabei schuftete Eva von morgens bis abends, hatte mehrere Putzstellen und wusch die Wäsche für das Lazarett in der Hornschen Straße, während Renate eine Stelle als Näherin in der Nähstube Biere bekommen hatte.
Renate nun war mit Doris Lehmeier befreundet, der Apothekerstochter. Sie gaben gewissermaßen ein ungleiches Paar ab. Doris wirkte selbständiger, reifer und oftmals kalkulierender als Renate. Was diese allerdings durch Offenheit, Fleiß und Zuverlässigkeit wettmachen konnte, ohne dass diese Umstände von ihnen beiden wahrgenommen wurden.
Während Renate die Volksschule beendet hatte und arbeiten ging, oder gehen musste, um einen Beitrag zum Haushalt zu liefern, baute Doris gerade ihr Abitur im Lyzeum am Wall. Und dennoch: Sie hingen und gingen zusammen. Zum Turnen, sie spielten miteinander, was Heranwachsende eben spielten und machten viele Wanderungen, wann immer die Gelegenheit dazu gegeben war, wobei sie sich gegenseitig träumerisch ihre Zukunft ausmalten.
Und Justus Lehmeier, der verwitwete Apotheker, Doris` Vater also, der nahm sie beide – mit Evas Erlaubnis selbstverständlich – mit zum Tanz in den Mai nach Spork Eichholz in den Dreierkrug.
Nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung und Jürgens Aura zu Folge war es wohl nur zwangsläufig, dass Renate und Jürgen sich dort begegneten. Und auch Doris konnte sich von Jürgens gewinnendem Wesen überzeugen. Nur musste diese Überzeugung schnell dem Andrang etlicher Tänzer mit unterschiedlichen Absichten weichen, weil Doris alles andere als ein hässliches Entlein war. Justus Lehmeier hatte seinen Platz inmitten einer fröhlichen Schar lustiger Witwen gefunden und begann bereits mit der Sondierung.
Jürgen und Renate hatten derweil schon fidel einige Tänze aufs Parkett gelegt, zur der einige Mitglieder der Feuerwehrkapelle, die sich als Tanzorchester zusammengeschlossen hatten, aufspielten. Jürgen, schweißüberströmt, zog Renate durch das Getümmel nach draußen in den mit Linden bepflanzten Hof, der allerdings schon von allerlei jungen Paaren, die emsig miteinander beschäftigt waren, bevölkert wurde. Er ging mit ihr in der kleinen Gasse nebenan auf und ab und sie schwiegen sich aus, ihren Gedanken nachhängend und diese sonderbare, köstliche, wohltuend prickelnde Stimmung genießend, von dem Wunsch beseelt, den anderen in den Arm zu nehmen und wenigstens einmal zu küssen. Aber jene Mischung aus Scheu, Unerfahrenheit und Angst vor unbekannten Konsequenzen hielten sie davon ab.
Irgendwann brachte Jürgen Renate nach Hause, zu der kleinen, renovierungsbedürftigen Kate unten an der Werre, unweit des Dreierkruges. Und auch hier vor der Haustür, hinter der bereits alles fest schlief, wagten sie sich nicht übers Händchen halten hinaus. Sie schlich sich auf leisen Sohlen ins Haus, während sich Jürgen solange im Rückwärtsgang vom Haus entfernte, bis es von der Dunkelheit verschluckt wurde.
Hab ich jetzt alles richtig gemacht, fragte er sich im Stillen. Er wusste nicht, warum er plötzlich rannte. Er rannte los mit einem von ihm vorher nicht gekannten Glücksgefühl. Von Spork Eichholz an den Kuhkämpen entlang, am Werrestau vorbei, der mehr oder weniger provisorisch angelegten Badeanstalt, gefüllt mit Fröschen und Wasserratten, dann über die neu geschaffene Leopoldstraße, hinein in die Schülerstraße bis auf den Marktplatz in Detmold, so als hätte er Flügel. Er setzte sich keuchend auf den Rand des Donopbrunnens. Die Linden strömten ihren süßen Duft aus. Machen die das immer so oder nur heute, überlegte Jürgen. Er atmete heftig. Erst mal ausschwitzen, dachte er und tauchte seinen Kopf in das angenehm kühle Wasser des Brunnens. Er blieb noch einen Moment beseelt sitzen. Dann, nach einer Weile, ging er ins Rathaus, nach oben, in die Dienstwohnung des Stadtrates. Dort schlich er auf Zehenspitzen in sein Zimmer und warf sich aufs Bett. Das Dumme war, er konnte nicht einschlafen.
Unterdessen, in 3 Kilometern Entfernung, spielte sich in Renates Zimmer ein ähnliches Szenario ab. Ob er mich hässlich findet, grübelt sie fast schon verzweifelt. Warum wollte er mich denn nicht küssen? Er muss mich hässlich finden. Oder bin ich ihm nicht gut genug? Natürlich wusste sie, dass Jürgen der Sohn des Stadtrates war. Aber dann hätte er doch nicht mit ihr getanzt und hätte sie nicht auch noch nach Hause gebracht. Dass solcherlei Gedanken überflüssig waren, bewies die konfuse Aufgeregtheit Evas, von der Renate am Morgen danach unsanft geweckt wurde.
„Renate! Wach auf. Was hast du angestellt?“
„Wieso? Was hab ich denn angestellt?“
„Das will ich von dir wissen.“
„Ja, dann sag mir doch endlich, was los ist“, murmelte Renate, noch gar nicht auf der Höhe des Geschehens.
„Was los ist? Es ist zehn Uhr durch und da draußen steht der Sohn des Stadtrates. Er will dich abholen“, jammert Eva aufgelöst. „Was hast du angestellt?“
Renate sprang mit einem Satz aus dem Bett und direkt ans Fenster. Sie schob die Gardine leicht zur Seite und sah Jürgen mit seinem Fahrrad auf dem Hof stehen. Ihr Herz begann zu hüpfen, zu rasen und zu drehen wie ein Kreisel, den man mit der Peitsche antreibt.
„Ja“, jauchzte sie.
„Ja? Das ist alles, was du dazu zu sagen hast?“, stammelte Eva konsterniert. „Da steht der Sohn des Stadtrates und du sagst ja?“
Renate raste im Zimmer auf und ab, riss den Kleiderschrank auf, zog eine Schublade nach der anderen aus der Kommode und warf Kleidungsstücke durch die Gegend.
„Was soll ich denn sonst sagen? Wo sind meine Sachen? Ist noch was von dem Streuselkuchen da? Und stell mir ´ne Flasche Apfelsaft hin. Sag ihm, er soll bloß nicht wegfahren.“ Sie setzte sich erschöpft aufs Bett. „Ich Idiot, wie konnte ich das vergessen?“
„So, jetzt mal langsam“, fand Eva zurück in die Spur. „Du machst dich erst mal startklar, dann ziehst du dich an, ich schneide den Kuchen in Stücke. Und solange kann der junge Mann sich auf die Gartenbank setzen. Ich bringe ihm ein Glas Wasser. Und dann?“
„Dann machen wir eine Radtour zur Silbermühle. Und jeder hat ein bisschen Proviant dabei,“ antwortete Renate überglücklich. „So, und jetzt muss ich mich beeilen. Sag ihm, ich komme gleich.“
Dies war der Beginn einer intensiven Freundschaft oder besser Beziehung zwischen zwei Kindern verschiedenartiger Welten.
So ein Unsinn, überlegte Jürgen, was Bruder Pfosten da erzählte. Unsere Heimat ist der Himmel, an der Seite Gottes. Dann muss es da ja nur so wimmeln von glücklichen Seelen. Er senkte den Kopf, damit niemand merkte, wie er grinste. An der Seite Gottes, brütete er vor sich hin. Da hat sich bestimmt allerhand angehäuft, seit der den Laden führt. Von Kaiser Augustus bis Königin Viktoria. Von Gesocks und Gesindel über Soldaten aller Kriege bis heute. Ein Getümmel. Wahrscheinlich müssen die anbauen, da oben. Er schaute in den Himmel, der unerbittlich die Schleusen geöffnet hatte. Und das schon seit Wochen. Trotzdem, schmunzelte er in sich hinein: Dann baut mal schön an.
Er seufzte gelangweilt. Hoffentlich macht Bruder Pfosten nicht wieder so viel Blah-Blah. Der hört sich wirklich gerne reden. Aber bei diesem anhaltenden Regen sollte er sich kurz fassen.
Bruder Pfosten, war ein Junggeselle, der erkannt hatte, wie man mit Frömmeln zum Beruf gemacht gut durchs Leben kommt und der auch sonst keinem Tropfen aus dem Wege ging. Gehen wollte. Was zugegeben in seiner Gemeinde im Zentrum Detmolds zu dieser Zeit auch nicht nötig war.
So gut wie jeder Haushalt brannte sich den Fusel selber. Denn Bier konnte sich außer dem Fürsten, so erzählte man sich, keiner mehr leisten. So teuer war das geworden. Was blieb dann, um sich erst gelegentlich und dann später regelmäßig zu betäuben, um sich von der allgemeinen Lage und Stimmung im Lande abzulenken? Man brannte das Zeug selber. Ganz einfach.
In den ersten beiden Kriegsjahren hatte Pfahl so mancher frühen Witwe Trost zuzusprechen. Und wurde mit so manchem Wacholder dafür belohnt. Und wenn er nach der Seelsorge dort ankam, was man allgemeinhin als das Zuhause bezeichnete, also in seinem Kämmerlein, direkt neben der weißen Marktkirche, da wartete auf ihn ein stattlicher Vorrat des Fusels, der ihm immer wieder zugesteckt wurde und ihm einen seligen Schlaf garantierte.
Jürgen schaute sich die Trauergäste an, die rund um das offene Grab von Heinrich Kottmann standen. Die Männer des Gesangvereins jeweils zu zweit unter Regenschirmen. Heinrich Kottmann war ein hervorragender Bassbariton und sehr beliebt gewesen. Die Frauen hatten vernünftigerweise derbes Schuhzeug an den Füßen, an diesem Samstag, am 29. September 1916.
Der Regen war heute besonders ergiebig. Jedenfalls empfanden die Anwesenden dies so; dieser Tag bildete tatsächlich keine Ausnahme. Die letzen Wochen, im Grunde Monate und gefühlt eigentlich das ganze Jahr schon, versorgte die Witterung das Fürstentum, ach was, ganz Deutschland, mit einem durchgängigen Regenguss und außergewöhnlicher Kälte.
Und wenn man hier so stand, und mal auf der Stelle trampelte, wie Jürgen gerade, natürlich wenn keiner herschaute, dann sah man, wie das Wasser aus dem Boden quoll.
Beerdigung am Samstag, dachte Jürgen und schüttelte den Kopf. Er sah zu der alten Anna Kottmann hinüber, Evas Schwiegermutter, die völlig versteinert ins Grab starrte. Daneben Eva, Renates Mutter, die ganz offensichtlich von anderen Sorgen getrieben wurde, wenigstens erzählte das ihr Mienenspiel. Nur Renate weinte, wie die Wolken. Der Verlust ihres Opas schien sie von allen am heftigsten mitzunehmen.
Justus Lehmeier, der ewig verwitwete Apotheker mit seiner Tochter Doris, die gerade das Abitur mit Bestnote absolviert hatte, zog unbemerkt, jedenfalls dachte er das, seine Taschenuhr heraus, schaute drauf und zog die Augenbrauen hoch, atmete tief durch und steckte sie zurück. Er beugte sich zu Doris und flüsterte ihr irgendetwas ins Ohr. Doris nickte. Er machte eine entschuldigende Geste in Richtung Eva Kottmann, die kurz lächelte und ebenfalls nickte, dann schlug er sich den Kragen hoch und zog sich langsam, verbeugend, aus der Runde zurück und ging schnurstracks ohne Regenschirm auf den Ausgang des Friedhofs zu. Na, Lehmeier, dachte Jürgen, die beste Gelegenheit für ein Schäferstündchen, ohne neugierigen Blicken ausgesetzt zu werden, was?
Jedermann in Detmold wusste – und akzeptierte insgeheim –, dass der Apotheker nach dem Krebstode seiner Frau zwar nicht auf Freiersfüßen ging, aber den Umstand, dass der Krieg am Rande doch etliche Witwen hervorgebracht hatte, sehr zu seinen Gunsten auszulegen wusste. Was er, nebenbei angemerkt, vor dem Krieg auch schon wusste. Das brachte freilich organisatorischen Aufwand in punkto Zeiteinteilung mit sich. Zeit die er genoss, seiner Tochter Doris allerdings entzog. Soll heißen, Vergnügen und Erziehung hielten sich nicht gerade die Waage. Was Doris zunächst mit kaum erträglichem Unbehagen über sich ergehen ließ, im Laufe der Zeit aber Mittel und Wege fand, die fehlende Nestwärme auszugleichen, indem sie Geschenke aller Art an alle möglichen und unmöglichen Menschen verteilte, um sich deren Zuneigung zu ergattern. Geschenke allerdings, die sie anderweitig, wie der Volksmund sagt, mitgehen ließ. Hierin entwickelte sie eine derartige Raffinesse, die manchem Meisterdieb zur Ehre gereicht hätte. Was wiederum dazu führte, dass die Diebstähle erst lange Zeit später oder gar nicht bemerkt wurden.
Etwas abseits, unter einer dürftig schutzspendenden Birke, stand verzagt Greta Watermeier, die Leiterin der Rot-Kreuz-Sammelstelle für Liebesgaben, eine Jugendfreundin von Eva. Die ebenfalls wie sie seit den ersten Kriegstagen verwitwet war. Und garantiert schon was mit Lehmeier hatte, dachte Jürgen. Nun ja, warum auch nicht.
Bei Liebesgaben, das sei an dieser Stelle gerade erklärt, handelte es sich um Lebensmittel, Kleidung oder Schokolade und Zigaretten etc. Im Grunde Dinge, die man entbehren konnte, die in Päckchen und Paketen an die Front zu den Soldaten geschickt wurden, um sie zu unterstützen. Auf der anderen Seite, wer konnte schon viel entbehren in diesen Zeiten?
Jürgens Blick wanderte bei diesem Gedanken zurück zu Renate. Renate hatte in ihm so ziemlich alles geweckt, was mit Gefühlen und Trieben einher ging. Einerseits den Beschützerinstinkt, andererseits dieses wohlig-mulmige Gefühl in der Magengegend und anderen anatomischen Gefilden. Jetzt ging er schon über ein Jahr mit ihr, ohne dass … Er seufzte. Wenn er an sie dachte, abends im Bett, dann gingen seine Hände auf Wanderschaft, ohne dass er sich dagegen wehrte. Und wenn er sie in diesem Augenblick so ansah, dann spürte er, wie in ihm jene Lust … Du liebe Zeit, dachte Jürgen, und das am offenen Grab. Wozu der Mensch imstande ist. Tz, tz, tz. Wieder entfuhr ihm ein Lächeln. Aber er ging mit ihr. Und sie mit ihm.
Und er war der Sohn des Stadtrates. Und das war die Klippe in dieser Angelegenheit. Weniger für ihn, sondern viel mehr für seine Mutter Hedwig, die Frau Stadtrat, die eine Erziehung genossen hatte, in der Verzicht, Mangel oder gar Armut nicht vorkam. Deshalb musste er … Plötzlich drangen die Worte „ ... bis in aller Ewigkeit. Amen“, an sein Ohr. Schlagartig war er wach. Nachdem alle ihre unvermeidliche Schaufel Sand auf den Sarg geworfen hatten, ging er zu den Kottmanns, Anna, Eva und Renate und kondolierte in blendender Manier. Was Eva begeisterte, Anna kalt und Renate erröten lies, hielt er ihre Hand doch länger fest, als unbedingt erforderlich. Das Erröten verursachte sein Zeigefinger, der auf Renates feuchter Handfläche emsig Morsezeichen tippte.
„Jürgen, wir würden uns freuen, wenn du nachher noch zum Kaffee zu uns kommst.“ sagte Eva. Die Regenschirme berührten sich unentwegt und der Regen gab dieses prasselnde Geräusch ab, welches man mit erhöhter Lautstärke übertönen musste.
„Das würde ich sehr gerne, Frau Kottmann, glauben Sie mir. Aber am Samstagnachmittag ist bei uns Familie angesagt, reserviert für Kaffee und Kuchen. Meine Mutter …“
„Ja, ich weiß, Jürgen. Nicht schlimm. Dann eben ein anderes Mal. Nicht?“
Natürlich wusste Eva um Jürgens Mutter. Sie kannte sie vom Stadtbild her und wusste auch, dass mit Hedwig Möller, dem Gerede nach, nicht gut Kirschen essen sei. Beide Mütter waren auch noch nie in die Verlegenheit gekommen, miteinander sprechen zu müssen. Und offen gestanden, so wenig Wert Hedwig Möller augenscheinlich auf einen mindestens oberflächlichen Austausch legte, genau so wenig wurde Eva Kottmann von dem Verlangen gepeinigt, den Anfang eines Gespräches zu suchen.
Sie sah Jürgen mit einem so herzlich erwärmten Blick an, dass der zufällige Beobachter nur schwer hätte unterscheiden können, was er ausdrücken wollte. Wohlwollen oder Wunsch. Jürgen spürte, wie sein Gesicht die Farbe Rot auf einer unsichtbaren Skala von zart bis Purpur ausprobierte.
„Ganz bestimmt, Frau Kottmann. Trotzdem vielen Dank.“
Johannes Pfahl, im Pfarrerstalar, in diesem Augenblick ausnahmsweise mal wirklich herzlich willkommen, gesellte sich mit seinem übergroßen Schirm zu den Vieren. Er trug die Mappe mit seiner Trauerpredigt würdig in der anderen Hand, an seinen schlanken Körper gepresst.
„Oma Kottmann, wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich Sie nach Hause begleiten“, sprach Pfahl mit seiner klangvollen Stimme im Trauerton. Renate verdrehte die Augen. Auch das noch, verrieten die Blicke ihre Gedanken. Klar doch, dachte Jürgen, und den Wacholder gibt’s gratis.
„Jürgen, richte deinem Vater bitte aus, dass ich nachher noch auf ´nen Sprung bei euch vorbeischaue“, wandte sich Pfahl an Jürgen.
„Kein Problem. Wird gemacht“, sagte Jürgen und zurrte Renate am Ärmel, als sich die kleine Gruppe in Bewegung setzte. Renate blieb stehen, während sich Eva, Anna und Pfahl hurtigen Schrittes und intensiv unterhaltend entfernten.
„Renate, ich wäre so gerne mitgekommen. Glaub mir, ich möchte dich viel öfter sehen. Aber du kennst meine Mutter. Na ja, und der Samstagnachmittag ist ihr heilig. Ob wir wollen oder nicht.“
„Das weiß ich doch, Jürgen. Ich möchte dich auch öfter sehen. Vielleicht nächste Woche? Die nächsten Tage ist eh Trauer angesagt. Und ehrlich, ich bin ziemlich fertig und außerdem friere ich.“
„Ja sicher. Ich melde mich bei dir.“ Sie hielten sich die Hände und kneteten sie liebevoll.
„Ich muss laufen“, sagte Renate, „sonst gibt’s Ärger mit Omma.“ Sie machte sich widerstrebend los und rannte hinter den anderen her, die beinahe schon außer Sichtweite waren. Jürgen schaute ihr mit einem sehnsüchtigen Seufzer nach und dem leidvollen Gefühl, etwas zu verpassen.
„Ich finde es unpassend!“, fauchte Hedwig Möller ihren Gatten an, während die 21-jährige Gertrud, das Dienstmädchen im Hause Möller, Kaffee einschenkte. Zunächst für Hedwig. Die nahm den Vorgang ungerührt zur Kenntnis. Hedwig Möller war eine ausgesprochen hübsche Dame, achtundvierzig Jahre, ein wenig größer als die durchschnittliche Frau, Kleidung und Frisur stets auf dem aktuellsten Stand. Sie konnte sicher sein, dass sie nach wie vor die Blicke so manchen Mannes auf sich zog. In ihren Kreisen hoch angesehen und respektiert. Jedenfalls gab man sich dort Mühe, ihr diesen Eindruck zu vermitteln. Freute sich aber umso mehr, wenn sie die Runde verließ. Denn dann wurden ihre Attitüden, Verhalten und Ansichten genussvoll seziert.
Gertrud goss Friedrich Möller, dem erfolgreichen und angesehenen Stadtrat den Kaffee ein. Er quittierte Gertruds emsige Bemühungen mit einem warmen Lächeln, um sich wieder umgehend der Lektüre seiner Lippischen Landeszeitung zu widmen. Er hatte im Augenblick kein außerordentliches Interesse daran, sich mit Hedwig in eine vermutlich nicht enden wollende, dazu noch quälende Konversation zu begeben. Friedrich Möller, fünfundfünfzig Jahre alt, Sohn eines Oberstudienrates aus Minden, war eine Persönlichkeit, die sich jeder gesellschaftlichen Situation anpassen konnte. Er war hoch gewachsen, von stattlicher Figur, athletisch, mit einem kleinen Bauchansatz. Er hatte volles graues Haar zu bändigen, dem man immer noch ansah, dass es mal recht dunkel war. Er trug den unvermeidlichen Oberlippenbart und unterstütze auch sonst mit seiner Garderobe die Wirkung seiner öffentlichen Auftritte. Im Moment allerdings, am Samstagnachmittag, saß er hemdsärmelig, mit offener Weste am Kaffeetisch im feudalen Wohnzimmer mit Blick auf den Marktplatz. Hedwig musterte ihn leidenschaftslos.
„Danke, Gertrud. Warten Sie mit dem Kuchen, bis mein Sohn da ist“, gab sie blasiert von sich. Anders kannte Gertrud die Frau Stadtrat nicht. Immer von oben herab, alles im Befehlston, kaum ein nettes Wort. Aber: Es hätte auch schlimmer kommen können.
„Sehr wohl, Frau Stadtrat“, war Gertruds Antwort. „Ich bin dann in der Küche und bereite das Abendessen vor.“ Gertrud Nagel war das fünfte Kind eines Schusters aus Blomberg. Die Natur hatte sie ziemlich verschwenderisch mit allen Attributen ausgestattet, die eine Frau ausmachten. Und ihrem Verhalten nach zu urteilen, war sie darüber auch bestens im Bilde.
Sie betrachtete es als wahres Glück, als sie die Stelle im Hause des Stadtrates vor drei Jahren antreten konnte. Damals war von Krieg noch nichts zu spüren gewesen. Jedenfalls nicht beim einfachen Volk. Gut, hier und da schnappte man mal etwas auf, maß dem aber keine große Bedeutung bei. Schließlich hatte man andere Sorgen zu bewältigen. Zu jener Zeit aber konnte man noch aus dem Vollen schöpfen. Nun, nachdem der Krieg seit mehr als einem Jahr dem Leben immer mehr Komfort raubte, mussten sich auch Möllers wohl oder übel an die Rationierung halten. Zumindest nach außen. Als selbstredendes Vorbild.
Gertrud knickste und verließ das vornehme Wohnzimmer, still vor sich hin lächelnd. Sie konnte allerdings noch den Beginn des merkwürdigen Dialoges der Eheleute aufschnappen.
„Ich finde es unpassend! Hast du das gehört, Friedrich?“
„Äh … was meinst du Hedwig?“, entgegnete Möller, ohne auch nur den Ansatz eines Gedanken daran zu verschwenden, den Blick von seiner Zeitung zu nehmen. In ihr jedoch brodelte ein Vulkan der mittleren Klasse, der kurz vor einer gewaltigen Eruption zu stehen schien. Da war sie wieder. Diese demonstrative Gleichgültigkeit des Mannes, den sie, die Tochter eines preußischen Offiziers, vor mehr als zwanzig Jahren ehelichte. Der damals vielversprechende junge Mann mit der vielversprechenden Verwaltungslaufbahn, der ihr ohne Unterlass den Hof machte. Der jenen enormen Stein im Brett Ihrer verwitweten Mutter hatte, welche sie zu dieser Ehe letztlich drängte.
Dieser Mann nun strafte sie seit Jahren mit Indifferenz und Abwendung. Warum, fragte sie sich, nach außen Haltung bewahrend, innerlich aber zum Bersten angespannt. Warum diese Abstrafung? Habe ich mich verändert? Bin ich eine andere geworden? Ganz gewiss nicht! Wenn sich hier jemand verändert hat, dann wohl der Herr am anderen Ende des Tisches, so rasten ihre Gedanken durch den Kopf. Dann setzte sie ihre Beanstandungen fort:
„Ein Kind aus dem Bürgertum hat auf der Bestattung eines Mannes aus der Arbeiterschicht nichts zu suchen. Das finde ich unpassend.“ Friedrich schaute über den Rand der Zeitung hinweg und ihr lange in die Augen, bevor er antwortete, was sie verlegen den Blick senken ließ.
„Hedwig, bitte verzeih, wenn ich dir widerspreche. Aber Jürgen ist mit Renate befreundet. Nichts weiter. Infolgedessen halte ich es durchaus für angebracht, wenn er sie zum Begräbnis ihres Großvaters begleitet.“ Das war ein deutlicher Standpunkt, das musste sie anerkennen. Im Gegensatz zu ihr tolerierte er diese, ihr fehlten die Worte, unmögliche Verbindung! Zu der Tochter dieser … dieser Leute! Daher ließ sie nicht locker.
„Befreundet! Allein das schon ist unpassend. Welchen Nutzen kann er, geschweige denn wir, und ich betone wir, aus dieser … dieser Freundschaft ziehen? Nicht einer will mir einfallen.“ Möller überlegte, ob er überhaupt darauf antworten sollte und dann wie.
„Es geht dabei nicht um uns, Hedwig. Es geht um Jürgen“, sagte er mit der im Laufe der Dienstjahre errungenen Gelassenheit. Was Hedwig pikiert auffahren ließ.
„Ich wäre dir dankbar, Friedrich, wenn ich nur einmal so etwas wie Zustimmung von dir …“ Friedrich unterbrach sie lächelnd.
„Aber meine liebe Hedwig. Du weißt, Ich stimme dir fortwährend zu. Nur …“, und hier machte er eine kurze eindrucksvolle, rhetorische Pause, bevor er fortfuhr. Eine liebgewordene Marotte.
„… es ist nun mal so: Die Jugend will Kontakte.“ Hedwig rang nach wie vor aufgebracht um Fassung.
„Man gibt Kindern nicht, was sie wollen. Man gibt ihnen, was sie brauchen“, brach es aus ihr heraus. Und Friedrich sah überhaupt keinen Grund sich von seiner Beherrschung zu verabschieden.
„Sicher. Aber es gibt halt auch Dinge, die sie sich nehmen.“ Ihm war klar, dass Hedwig es nicht dabei belassen würde, weshalb er sich nicht die Mühe machte, sich wieder seiner Lektüre zu widmen. Und richtig:
„Unsinn“, echauffiert sie sich nach einer kurzen Pause. „… zwei Familien aus unterschiedlichen Schichten. So etwas mischt man nicht!“ Wohl oder übel musste Friedrich noch ein paar Register ziehen, was er ohne langes Nachdenken auch tat.
„So könnte man es sehen, ja. Aber diese Freundschaft zu ihr …“, unterstrich er gestenreich, „… ist schlicht und ergreifend …“, er suchte ohne Erfolg nach einem Synonym, „… eine Freundschaft eben ... nicht wahr?“ Er hob die Zeitung wieder an. „Harmlos“, fügte er noch bedeutungsvoll mit einer kleinen Spitze hinzu. „Ich denke, du weißt, was ich meine …“ Und schlug geräuschvoll die Lippische Landeszeitung wieder auf, um zu dokumentieren, dass er die Diskussion für beendet hielt. Für einen Augenblick sah er sich schon schmunzelnd als Sieger des verbalen ehelichen Scharmützels, als Hedwig noch einmal ausholte. Mit leichter Verlegenheit zwar, aber eben ausholte.
„Ja, ja. Natürlich weiß ich das“, giftete sie arrogant. „Das wäre ja noch schöner.“ Sie wusste ganz genau, dass er damit auf ihre bedürfnislose Einstellung in punkto ehelicher Pflichten anspielte, „Und diese … Renate wird sicher nicht seine Endstation sein.“ Auch sie wusste rhetorischen Leerlauf einzusetzen, um dann borniert fortzufahren:
„Und sollte sich unvermutet eine andere Entwicklung abzeichnen, so kann man immer noch im Stillen gegensteuern“, fügte sie leise, jedoch drohend und mit merklichem Triumph in der Stimme an, während sie die ohnehin faltenfreie Tischdecke glatt strich. Friedrich senkte für einen Moment die Lektüre und seufzte, irgendwie einlenkend und seiner Ansicht nach abschließend:
„Eine Geschicklichkeit, die ich besonders an dir schätze, Hedwig.“ Worauf Hedwig mit dem Satz: „Dafür ist er unser Sohn“, das letzte Wort behielt.
Er wusste aus Erfahrung, dass es wenig Sinn gemacht hätte, den Faden noch einmal aufzunehmen und beschloss deshalb die Liste der gefallenen Detmolder auf der Extraseite der Zeitung zu studieren. Im Flur wurden Stimmen laut. Jürgen kam von der Beerdigung zurück. Gertrud nahm ihm Jacke und Schirm ab.
„Guten Tag, Herr Möller. Darf ich?“
„Gertrud! Sie sollen mich doch Jürgen nennen, wie oft muss ich Ihnen das noch sagen?“, lachte Jürgen und streichelte dabei ihrem Arm, was sie still genießend geschehen ließ. Tatsächlich wartete sie immer auf diesen Augenblick, wenn er das Haus betrat. Diese Berührungen, die stets von Jürgen ausgingen, hatten sich im Laufe der Zeit zu einem Ritual entwickelt, dem er einfach nicht widerstehen konnte. Es hatte so eine spannungsgeladene Atmosphäre. Ganz anders als mit Renate. Da war alles so rein, so … ja, geradezu anständig. Aber mit Gertrud …?
Bisher geschah alles in den Grenzen, in denen man das Ganze noch als Spiel bezeichnen durfte. Obwohl Jürgen gelegentlich, nun ja, im Grunde öfter oder besser, jedes Mal daran dachte, diese Grenzen zu überschreiten. Er war nur in Sorge, wie Gertrud das auffassen würde. Ob sie schweigend einwilligte oder schnurstracks zu seinem Vater, dem Tyrannen eilte, um Jürgens Maßlosigkeiten zu melden. So waren seine Gedanken. Während Gertrud heimlich danach schmachtete, dass er jene stillschweigenden Grenzen endlich überschritt. Aber das konnte sie unmöglich äußern. Damit setzte sie Taschengeld, Unterkunft und Verpflegung aufs Spiel und um eine Stelle als Dienstmädchen brauchte sie sich dann gewiss nicht mehr zu bemühen. Das waren ihre Gedanken. So standen sie sekundenlang voreinander und lächelten sich an. Bis Jürgen endlich den Satz hervorbrachte:
„Sind sie schon drin?“
„Ja, Her Möller.“
„Ja, Jürgen!“
„Ja, Jürgen.“
Worauf beide derart auflachten, als hätte man sie gerade von riesigen, schweren Ketten befreit.
„Na, dann wollen wir mal“, sagte Jürgen und stieß die Flügeltür auf.
„Einen schönen Nachmittag allerseits“, rief er aus und ging an den gedeckten Tisch. Gertrud folgte ihm und begab sich sogleich an die Kommode auf der weiterer Kaffee und Kuchen darauf wartete serviert zu werden.
„Da bist du ja, Lieber“, flötete Hedwig wie verwandelt. „komm setz dich zu uns.“ Jürgen blieb stehen, denn es ertönte die Stimme seines konservativen Erziehers, der nichts auf Kaiser und Vaterland kommen ließ, kurz der geborene Untertan war. Eine Haltung, die Jürgen nervlich strapazierte und die er in seinem kurzen Leben gelernt hatte zu verabscheuen, wobei er das Wesentliche seiner Einschätzung von seinen sozialdemokratischen Freunden übernommen hatte.
„Nun? Kein Leichenschmaus im Haus der … na, wie heißen sie doch gleich …?“, sagte Friedrich Möller mit spitzer Zunge, mehr um Hedwig zu gefallen als Jürgen zu verstimmen. Jürgen grummelte dennoch hörbar.
„Kottmann, Vater. Tue nicht immer so, als wüsstest du das nicht. Nein. Kein Leichenschmaus.“ Er setzte sich. „Nur die Familie. Und Bruder Pfosten.“
„Jürgen, bitte!“, tadelte ihn Hedwig lachend, wohl wissend, dass Johannes Pfahl diesem Spitznahmen nie mehr entkommen konnte. „Kaffee?“
„Gerne, Danke.“ Jürgen hielt ihr seine Tasse hin. „Ist doch wahr. Fand wieder mal kein Ende mit seiner Grabrede.“
„Er hört sich halt gerne reden, der Herr Pfarrer Pfahl.“ Hedwig goss mütterlich ein.
„Oder er hatte wieder mal gut vorgeheizt“, kicherte Jürgen.
„Und wenn schon“, funkte Friedrich dazwischen. „Als Seelsorger ist er unersetzlich.“ Er spürte, wie beide ihn anstarrten, als hätte er da etwas vollkommen Irrsinniges gesagt. „In diesen Zeiten“, fügte er deshalb schnell an.
„Du hast recht, Fritz“, sagte Hedwig nach einer kurzen Einordnung seiner Worte. Dann wandte sie sich erneut Jürgen zu. „Schön, dass du wieder hier bist, Junge. Du magst bestimmt ein Stück Pflaumenkuchen?“
„Danke, Mutter. Sehr gerne.“
„Gertrud!?“ Hedwig rief und klatschte auffordernd in die Hände. Gertrud hatte währenddessen an der Kommode schon alle Teller mit Pflaumenkuchen präpariert, so dass sie auf Hedwigs Zuruf sofort starten konnte. Sie balancierte gekonnt alle drei Teller auf dem linken Arm, um sie mit der rechten Hand beim jeweiligen Empfänger abzustellen. Friedrich hob die Hand, was ihr annoncierte, er lehnte den Kuchen ab. Das war ihr wohl bekannt, aber sie nahm den Kuchenteller lieber wieder mit zur Kommode, als von der Gnädigen ständig wegen Versäumnissen zurechtgewiesen zu werden.
Sie achtete stets darauf, dass sie mit Jürgen unbemerkt Blickkontakt halten konnte. Die Fortsetzung ihrer geheimen und nicht abgesprochenen Vereinbarung, an die sie sich strikt hielten. Gertrud lächelte. Jürgen grinste zufrieden in sich hinein.
„Dir geht es gut, sehe ich?“, fragte Hedwig ohne Misstrauen.
„Ja. Danke, Mutter.“ Jürgen hustete. Und um schnell abzulenken: „Übrigens, Bruder Pfosten kommt nachher noch vorbei, soll ich ausrichten.“
„Jürgen, bitte!“, tadelte Hedwig, wohl wieder mit leichter Ironie, aber diesmal mit der Spur des dazugehörigen Ernstes. „Lass ihn das bloß nicht hören.“
„Wieso denn nicht.“ Jürgen lachte und biss herzhaft in den Pflaumenkuchen, um mit vollem Munde abzuschließen. „Jeder nennt ihn so. Und er weiß es.“
„Hat er erwähnt, mit welchem Anliegen?“, unterbrach Friedrich und dachte bei sich, was will Johannes jetzt wieder?
„Nein, hat er nicht. Er hat nur gesagt, er kommt noch vorbei“, murmelte Jürgen widerwillig.
Vermutlich wegen der Seelsorge im Lazarett, dachte Friedrich. Das ist ja wohl sein Steckenpferd geworden. Vielleicht will er um Mittel nachfragen. Mittel! Ausgerechnet jetzt! Zu dieser Zeit!
