Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will - Tove Ditlevsen - E-Book
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Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will E-Book

Тове Дитлевсен

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Beschreibung

Eine der kreativsten Stimmen des 20. Jahrhunderts von einer ganz neuen Seite.

Tove Ditlevsen gilt inzwischen weltweit als außergewöhnliche Prosaschriftstellerin. In ihrer Heimat Dänemark aber wurde sie von Anfang an auch als Dichterin gefeiert. Ihre erste Gedichtsammlung veröffentlichte sie in ihren frühen Zwanzigern und schrieb bis an ihr Lebensende verspielte, schwermütige, witzige Verse: In den Körpern Erwachsener stehen kleine Mädchen auf Zehenspitzen, literarische Errungenschaften und persönliche Niederlagen werden unbeirrt offenbart, und Liebhaber kommen und gehen wie die Jahreszeiten. In schnörkelloser Sprache und originellen Bildern greift sie alle Lebensthemen auf und macht daraus Poesie.

Erstmals auf Deutsch: Gedichte aus vier Jahrzehnten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 75

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

»Wie kam es eigentlich, dass ich Schriftstellerin wurde? Als Kind kannte ich das Wort nicht einmal. Ich wollte Dichter werden, und damit meinte ich Lyrikerin. Dichter waren tot und fern, so wie Holger Drachmann und Thøger Larsen, und ich konnte kaum glauben, dass nun auch ich zu diesem erlesenen Kreis gehörte, nachdem ich mit Mühe und Not meinen ersten Gedichtband veröffentlicht hatte …« Tove Ditlevsen über ihr 1939 erschienenes Debüt »Mädchenseele«

Über Tove Ditlevsen

Tove Ditlevsen (1917–1976) gilt als eine der großen literarischen Stimmen Dänemarks und Vorläuferin von Autorinnen wie Annie Ernaux und Rachel Cusk. Die »Kopenhagen-Trilogie« ist ihr zentrales Werk, in dem sie das Porträt einer Frau schuf, die darauf besteht, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben. Ihren letzten Roman, »Vilhelms Zimmer«, veröffentlichte sie 1975, ein Jahr bevor sie sich das Leben nahm. Im Aufbau Verlag sind von ihr ebenfalls lieferbar: »Gesichter« und »Böses Glück«.

Ursel Allenstein, 1978 geboren, studierte Skandinavistik und Germanistik in Frankfurt am Main und Kopenhagen. Sie ist Übersetzerin aus dem Dänischen, Schwedischen und Norwegischen, u. a. von Christina Hesselholdt, Sara Stridsberg und Johan Harstad. Für ihre Übersetzungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jane-Scatcherd-Preis der Ledig-Rowohlt-Stiftung.

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Tove Ditlevsen

Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will

Gedichte

Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

MIT NIEMANDEM –

BLINKENDE LICHTER

SELBSTPORTRÄT 1

SELBSTPORTRÄT 2

SELBSTPORTRÄT 3

SELBSTPORTRÄT 4

SELBSTPORTRÄT 5

HERBST

REGEN

UNMORALISCHE WEISE

ABWECHSLUNG

STRASSE DER KINDHEIT

I

II

III

ERWACHSEN WERDEN

DER AUSGANG

KINDHEIT

KINDER

LOLA

ZUM LETZTEN MAL

EVA

AUS »FRAGMENTE«

SCHAMLÄUSE

ERKENNTNIS

ICH LIEBE DICH

DIE EWIGEN DREI

VERTRAUT MIT SEHNSUCHT

BETRUG

VERZICHT

EHE

SCHEIDUNG 1

SCHEIDUNG 2

SCHEIDUNG 3

SCHEIDUNG 4

WARNUNG

EINST

WENN ICH ZEIT HABE

FREUNDINNEN

VERTRAUT

DIE FAMILIE

SONNTAG

DIE GRENZE

KINDERAUGEN

DIE ANGST EINER MUTTER

DER NEUNTE MONAT

IN ERWARTUNG

AN MEIN TOTES KIND

EMPFANG

ÜBERLEGUNG

MEINE BESTE ZEIT

ZEHENGÄNGER

DIE ERWACHSENEN 1

DIE ERWACHSENEN 2

DIE ANDEREN

ANGST

ANGST 1

ANGST 2

WAS SCHWER FÄLLT

VIERZIG JAHRE

DIE GRAUSAMEN JAHRE

DER NEUE BESITZER

AN EINEN ÜBERSTANDENEN

FRÜH ENTZOG ICH MICH –

ERINNERUNG

SEHNSUCHT

DIE ALTEN

MORGEN

AUFBRUCH

DAS RUNDE ZIMMER

DA WOHNT EIN JUNGES MÄDCHEN IN MIR

KLAGELIED AN DAS KLEINE POETISCHE MÄDCHEN

RITUAL

ALLEIN FÜR DICH

NACHWORT

TEXTNACHWEIS

ALPHABETISCHES VERZEICHNIS DER GEDICHTE

Impressum

MIT NIEMANDEM –

Mit niemandem

kann man die innersten

Gedanken

teilen.

Mit dem Wichtigsten

auf der Welt

bleibt man

allein.

Es ist eine

ständige Last

es ist eine

stille Freude

dass dich hier

niemand erreicht

und niemand

hereindarf.

(1969)

BLINKENDE LICHTER

Wenn in der langen Nacht deiner Kindheit

die Erinnerung ihre Spuren zieht,

brennen kleine blinkende Lichter,

vor denen das Herz fröstelnd flieht.

Du siehst deine unerreichbare Liebe

verloren im Nebel glänzen,

und was du seither begehrt und erlitten,

sollte dein Wille begrenzen.

Der erste Kummer schimmert noch zart,

Tränen erzittern im Zimmer,

sie bewahrst du in deinem Herzen,

dann verebbt die Trauer für immer.

Wie ein ferner Stern in der Frühlingsnacht

flackert dein kindliches Glück,

und versuchst du es zu erhaschen,

bleibt nur ein Spätsommerschatten zurück.

Deinem Glauben warst du lange treu,

er hat dich schon früh begleitet,

jetzt glimmt er zu schwach im Dunkel,

und du hast nichts, was dich noch leitet.

Und manchmal gesellt sich jemand zu dir,

ohne dir wirklich nah zu sein

– du hast dich den Lichtern verschrieben,

bleibst fern in ihrem Schein.

(1947)

SELBSTPORTRÄT 1

Ich kann nicht

gut:

kochen

Leute verwöhnen

Hüte tragen

und Schmuck

Blumen arrangieren

Termine halten

Danke sagen

das passende Trinkgeld geben

einen Mann an mich binden

Interesse vortäuschen

beim Elternabend.

Ich kann nicht

aufhören:

zu rauchen

zu trinken

Schokolade zu essen

Regenschirme zu stehlen

zu verschlafen

Geburtstage zu vergessen

und meine Nagelpflege.

Den Leuten

nach dem Mund zu reden

Geheimnisse auszuplaudern

komische Orte

zu lieben

und Psychopathen.

Ich kann:

allein sein

abwaschen

Bücher lesen

Sätze bilden

zuhören

und Glück empfinden

ohne Schuldgefühle.

(1969)

SELBSTPORTRÄT 2

Hat man einmal

große Freude

erlebt

währt sie ewig

zittert sanft

am Rande aller

unsicheren Erwachsenentage

dämpft ererbte Angst

sorgt für tiefen Schlaf.

Das Schlafzimmer war

eine Insel aus Licht

mein Vater und meine Mutter waren

an die Morgenwand gemalt.

Sie reichten mir

ein glänzendes Kinderbuch

sie lächelten beim Anblick

meiner unbändigen Freude.

Ich sah dass sie jung waren

und glücklich

miteinander

sah es zum ersten

sah es zum letzten Mal.

Die Welt ist für immer geteilt

in Davor

und Danach.

Ich war fünf Jahre alt

seither hat sich alles

verändert.

(1969)

SELBSTPORTRÄT 3

Ich überquere

die Straße

und höre

die Kirchenglocken

läuten. Also ist es acht.

Ich will rennen

doch ich kann nicht.

Die Füße sind

zu schwer

die Knie

weich

das Herz

hämmert panisch.

Ich sehe

die anderen Kinder

paarweise

in einer Reihe

auf die Tür zugehen

wo der Vize-Rektor steht

und für Ordnung sorgt.

Sie stammen aus

einer anderen Welt

sie haben fromme

und selige Augen

die abgelegte Jacke

meines Bruders

ist steif und kratzt

am Hals.

Ich renne wie

durch Wasser.

Die Kirchenglocken

läuten.

Die Angst ist losgelöst

von meiner kurzen Erfahrung.

Ich weiß nicht

was passiert

wenn man zu spät

zur Schule kommt.

Ich öffne die Augen und

bin erwachsen

das Laken ist

schweißnass

langsam findet mein Herz

wieder in seinen Rhythmus.

Ich weiß

in Wirklichkeit

kam ich nie

zu spät zur Schule.

Jede Angst geht zurück

auf etwas das nie geschah.

(1969)

SELBSTPORTRÄT 4

In der Straße der Kindheit

wohnt eine alte Frau

die sich erinnert

an mich

als Kind.

Ich sei wild gewesen

sagt sie

das ganze Haus habe gewackelt

wenn ich die Treppe heruntertobte

aus dem vierten Stock.

Dieses Bild von mir

stört und

schiebt sich

wie ein Foto

über ein anderes

bei Doppelbelichtung.

Ich fürchte mich

vor meinem Platz

im Gedächtnis anderer Leute.

Sie erinnern mich

an längst vergessene Dinge.

Sie haben mein Gesicht

gestohlen

bevor es

verbraucht war

und ziehen es oft

über ihr eigenes.

Ich erinnere mich

nicht an die alte Frau

aus meiner Kindheit

die Erwachsenen glichen einander

wie ein Ei dem anderen

und waren alterslos.

Sie weiß etwas über mich

das sie nicht enthüllt

ein Geheimnis das ich noch

nie offenbart habe.

Es erfüllt sie und

hält ihr den Tod vom Leib

sie lügt und gedenkt

mich zu überleben.

Ich tobte doch nie

die Treppe hinunter

ich war ein stilles Kind

ich verabscheue sie.

(1969)

SELBSTPORTRÄT 5

Ich stand einmal

vor dem Zeitungshaus

und wartete

auf einen der nicht kam.

Ich liebte ihn.

Meine Jugend

fiel in großen Fetzen

von mir ab.

Ich tat als würde

ich eifrig

die leuchtenden BT-Schlagzeilen lesen

und wäre persönlich ergriffen

von Gustaf Munch-Petersens Tod

im Spanischen Bürgerkrieg.

Warum

kam er nicht?

Ich hätte ihm

nicht verweigert

mir die leidige Unschuld zu nehmen.

Meine Freundin

sagte man könne

an den Augen der Mädchen erkennen

ob sie noch Jungfrau wären

oder nicht.

Eine alte Dame

stand neben mir

unter einem aufgespannten

Regenschirm.

Ihr Hals erinnerte

an den eines Truthahns.

Ich wünschte

ich wäre sie

denn sie war

dem Tod näher.

Mein ganzes Leben werde ich

mich an ihr Gesicht erinnern

mein ganzes Leben werde ich mich an

Gustaf Munch-Petersens

Namen erinnern

und ihn um sein Schicksal beneiden.

Im Schaufenster des Buchhändlers stand

Und jetzt warten wir auf Schiffe

von Marcus Lauesen.

Das habe ich nie gelesen

ich denke mit Widerwillen

an das Buch

immer wenn ich

am Zeitungshaus vorbeikomme

wo ein Mädchen

im Minirock steht

und so tut

als wäre sie

sehr interessiert

an der zitternden Leuchtschrift

an Vietnam

Biafra und der

Studentenrevolte.

Sie betrachtet mich

einen Augenblick

und beneidet mich darum

dass ich dem Tod näher bin.

Sie wird mein Gesicht

nie vergessen.

(1969)

HERBST

Warum musste mein Liebster

ohne Mantel und Hut in den Regen gehen?

Warum verschwand er letzte Nacht?

Kein Mensch kann das verstehen.

Und ich frage die blassen Sterne:

Seht ihr seine Wege noch deutlich?

Habt ihr jemals sein Herz gekannt?

Es hatte denselben Traum wie ich.

Seht ihr ihn weinen, so tränenlos,

wie wir alle Jungen weinen sahen?

Sagt mir, ihr stummen Sterne da oben: