18,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 18,99 €
Eine der kreativsten Stimmen des 20. Jahrhunderts von einer ganz neuen Seite.
Tove Ditlevsen gilt inzwischen weltweit als außergewöhnliche Prosaschriftstellerin. In ihrer Heimat Dänemark aber wurde sie von Anfang an auch als Dichterin gefeiert. Ihre erste Gedichtsammlung veröffentlichte sie in ihren frühen Zwanzigern und schrieb bis an ihr Lebensende verspielte, schwermütige, witzige Verse: In den Körpern Erwachsener stehen kleine Mädchen auf Zehenspitzen, literarische Errungenschaften und persönliche Niederlagen werden unbeirrt offenbart, und Liebhaber kommen und gehen wie die Jahreszeiten. In schnörkelloser Sprache und originellen Bildern greift sie alle Lebensthemen auf und macht daraus Poesie.
Erstmals auf Deutsch: Gedichte aus vier Jahrzehnten.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 75
Veröffentlichungsjahr: 2026
»Wie kam es eigentlich, dass ich Schriftstellerin wurde? Als Kind kannte ich das Wort nicht einmal. Ich wollte Dichter werden, und damit meinte ich Lyrikerin. Dichter waren tot und fern, so wie Holger Drachmann und Thøger Larsen, und ich konnte kaum glauben, dass nun auch ich zu diesem erlesenen Kreis gehörte, nachdem ich mit Mühe und Not meinen ersten Gedichtband veröffentlicht hatte …« Tove Ditlevsen über ihr 1939 erschienenes Debüt »Mädchenseele«
Tove Ditlevsen (1917–1976) gilt als eine der großen literarischen Stimmen Dänemarks und Vorläuferin von Autorinnen wie Annie Ernaux und Rachel Cusk. Die »Kopenhagen-Trilogie« ist ihr zentrales Werk, in dem sie das Porträt einer Frau schuf, die darauf besteht, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben. Ihren letzten Roman, »Vilhelms Zimmer«, veröffentlichte sie 1975, ein Jahr bevor sie sich das Leben nahm. Im Aufbau Verlag sind von ihr ebenfalls lieferbar: »Gesichter« und »Böses Glück«.
Ursel Allenstein, 1978 geboren, studierte Skandinavistik und Germanistik in Frankfurt am Main und Kopenhagen. Sie ist Übersetzerin aus dem Dänischen, Schwedischen und Norwegischen, u. a. von Christina Hesselholdt, Sara Stridsberg und Johan Harstad. Für ihre Übersetzungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jane-Scatcherd-Preis der Ledig-Rowohlt-Stiftung.
Einmal im Monat informieren wir Sie über
die besten Neuerscheinungen aus unserem vielfältigen ProgrammLesungen und Veranstaltungen rund um unsere BücherNeuigkeiten über unsere AutorenVideos, Lese- und Hörprobenattraktive Gewinnspiele, Aktionen und vieles mehrFolgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:
https://www.facebook.com/aufbau.verlag
Registrieren Sie sich jetzt unter:
http://www.aufbau-verlage.de/newsletter
Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir
jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!
Tove Ditlevsen
Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will
Gedichte
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Informationen zum Buch
Newsletter
MIT NIEMANDEM –
BLINKENDE LICHTER
SELBSTPORTRÄT 1
SELBSTPORTRÄT 2
SELBSTPORTRÄT 3
SELBSTPORTRÄT 4
SELBSTPORTRÄT 5
HERBST
REGEN
UNMORALISCHE WEISE
ABWECHSLUNG
STRASSE DER KINDHEIT
I
II
III
ERWACHSEN WERDEN
DER AUSGANG
KINDHEIT
KINDER
LOLA
ZUM LETZTEN MAL
EVA
AUS »FRAGMENTE«
SCHAMLÄUSE
ERKENNTNIS
ICH LIEBE DICH
DIE EWIGEN DREI
VERTRAUT MIT SEHNSUCHT
BETRUG
VERZICHT
EHE
SCHEIDUNG 1
SCHEIDUNG 2
SCHEIDUNG 3
SCHEIDUNG 4
WARNUNG
EINST
WENN ICH ZEIT HABE
FREUNDINNEN
VERTRAUT
DIE FAMILIE
SONNTAG
DIE GRENZE
KINDERAUGEN
DIE ANGST EINER MUTTER
DER NEUNTE MONAT
IN ERWARTUNG
AN MEIN TOTES KIND
EMPFANG
ÜBERLEGUNG
MEINE BESTE ZEIT
ZEHENGÄNGER
DIE ERWACHSENEN 1
DIE ERWACHSENEN 2
DIE ANDEREN
ANGST
ANGST 1
ANGST 2
WAS SCHWER FÄLLT
VIERZIG JAHRE
DIE GRAUSAMEN JAHRE
DER NEUE BESITZER
AN EINEN ÜBERSTANDENEN
FRÜH ENTZOG ICH MICH –
ERINNERUNG
SEHNSUCHT
DIE ALTEN
MORGEN
AUFBRUCH
DAS RUNDE ZIMMER
DA WOHNT EIN JUNGES MÄDCHEN IN MIR
KLAGELIED AN DAS KLEINE POETISCHE MÄDCHEN
RITUAL
ALLEIN FÜR DICH
NACHWORT
TEXTNACHWEIS
ALPHABETISCHES VERZEICHNIS DER GEDICHTE
Impressum
Mit niemandem
kann man die innersten
Gedanken
teilen.
Mit dem Wichtigsten
auf der Welt
bleibt man
allein.
Es ist eine
ständige Last
es ist eine
stille Freude
dass dich hier
niemand erreicht
und niemand
hereindarf.
(1969)
Wenn in der langen Nacht deiner Kindheit
die Erinnerung ihre Spuren zieht,
brennen kleine blinkende Lichter,
vor denen das Herz fröstelnd flieht.
Du siehst deine unerreichbare Liebe
verloren im Nebel glänzen,
und was du seither begehrt und erlitten,
sollte dein Wille begrenzen.
Der erste Kummer schimmert noch zart,
Tränen erzittern im Zimmer,
sie bewahrst du in deinem Herzen,
dann verebbt die Trauer für immer.
Wie ein ferner Stern in der Frühlingsnacht
flackert dein kindliches Glück,
und versuchst du es zu erhaschen,
bleibt nur ein Spätsommerschatten zurück.
Deinem Glauben warst du lange treu,
er hat dich schon früh begleitet,
jetzt glimmt er zu schwach im Dunkel,
und du hast nichts, was dich noch leitet.
Und manchmal gesellt sich jemand zu dir,
ohne dir wirklich nah zu sein
– du hast dich den Lichtern verschrieben,
bleibst fern in ihrem Schein.
(1947)
Ich kann nicht
gut:
kochen
Leute verwöhnen
Hüte tragen
und Schmuck
Blumen arrangieren
Termine halten
Danke sagen
das passende Trinkgeld geben
einen Mann an mich binden
Interesse vortäuschen
beim Elternabend.
Ich kann nicht
aufhören:
zu rauchen
zu trinken
Schokolade zu essen
Regenschirme zu stehlen
zu verschlafen
Geburtstage zu vergessen
und meine Nagelpflege.
Den Leuten
nach dem Mund zu reden
Geheimnisse auszuplaudern
komische Orte
zu lieben
und Psychopathen.
Ich kann:
allein sein
abwaschen
Bücher lesen
Sätze bilden
zuhören
und Glück empfinden
ohne Schuldgefühle.
(1969)
Hat man einmal
große Freude
erlebt
währt sie ewig
zittert sanft
am Rande aller
unsicheren Erwachsenentage
dämpft ererbte Angst
sorgt für tiefen Schlaf.
Das Schlafzimmer war
eine Insel aus Licht
mein Vater und meine Mutter waren
an die Morgenwand gemalt.
Sie reichten mir
ein glänzendes Kinderbuch
sie lächelten beim Anblick
meiner unbändigen Freude.
Ich sah dass sie jung waren
und glücklich
miteinander
sah es zum ersten
sah es zum letzten Mal.
Die Welt ist für immer geteilt
in Davor
und Danach.
Ich war fünf Jahre alt
seither hat sich alles
verändert.
(1969)
Ich überquere
die Straße
und höre
die Kirchenglocken
läuten. Also ist es acht.
Ich will rennen
doch ich kann nicht.
Die Füße sind
zu schwer
die Knie
weich
das Herz
hämmert panisch.
Ich sehe
die anderen Kinder
paarweise
in einer Reihe
auf die Tür zugehen
wo der Vize-Rektor steht
und für Ordnung sorgt.
Sie stammen aus
einer anderen Welt
sie haben fromme
und selige Augen
die abgelegte Jacke
meines Bruders
ist steif und kratzt
am Hals.
Ich renne wie
durch Wasser.
Die Kirchenglocken
läuten.
Die Angst ist losgelöst
von meiner kurzen Erfahrung.
Ich weiß nicht
was passiert
wenn man zu spät
zur Schule kommt.
Ich öffne die Augen und
bin erwachsen
das Laken ist
schweißnass
langsam findet mein Herz
wieder in seinen Rhythmus.
Ich weiß
in Wirklichkeit
kam ich nie
zu spät zur Schule.
Jede Angst geht zurück
auf etwas das nie geschah.
(1969)
In der Straße der Kindheit
wohnt eine alte Frau
die sich erinnert
an mich
als Kind.
Ich sei wild gewesen
sagt sie
das ganze Haus habe gewackelt
wenn ich die Treppe heruntertobte
aus dem vierten Stock.
Dieses Bild von mir
stört und
schiebt sich
wie ein Foto
über ein anderes
bei Doppelbelichtung.
Ich fürchte mich
vor meinem Platz
im Gedächtnis anderer Leute.
Sie erinnern mich
an längst vergessene Dinge.
Sie haben mein Gesicht
gestohlen
bevor es
verbraucht war
und ziehen es oft
über ihr eigenes.
Ich erinnere mich
nicht an die alte Frau
aus meiner Kindheit
die Erwachsenen glichen einander
wie ein Ei dem anderen
und waren alterslos.
Sie weiß etwas über mich
das sie nicht enthüllt
ein Geheimnis das ich noch
nie offenbart habe.
Es erfüllt sie und
hält ihr den Tod vom Leib
sie lügt und gedenkt
mich zu überleben.
Ich tobte doch nie
die Treppe hinunter
ich war ein stilles Kind
ich verabscheue sie.
(1969)
Ich stand einmal
vor dem Zeitungshaus
und wartete
auf einen der nicht kam.
Ich liebte ihn.
Meine Jugend
fiel in großen Fetzen
von mir ab.
Ich tat als würde
ich eifrig
die leuchtenden BT-Schlagzeilen lesen
und wäre persönlich ergriffen
von Gustaf Munch-Petersens Tod
im Spanischen Bürgerkrieg.
Warum
kam er nicht?
Ich hätte ihm
nicht verweigert
mir die leidige Unschuld zu nehmen.
Meine Freundin
sagte man könne
an den Augen der Mädchen erkennen
ob sie noch Jungfrau wären
oder nicht.
Eine alte Dame
stand neben mir
unter einem aufgespannten
Regenschirm.
Ihr Hals erinnerte
an den eines Truthahns.
Ich wünschte
ich wäre sie
denn sie war
dem Tod näher.
Mein ganzes Leben werde ich
mich an ihr Gesicht erinnern
mein ganzes Leben werde ich mich an
Gustaf Munch-Petersens
Namen erinnern
und ihn um sein Schicksal beneiden.
Im Schaufenster des Buchhändlers stand
Und jetzt warten wir auf Schiffe
von Marcus Lauesen.
Das habe ich nie gelesen
ich denke mit Widerwillen
an das Buch
immer wenn ich
am Zeitungshaus vorbeikomme
wo ein Mädchen
im Minirock steht
und so tut
als wäre sie
sehr interessiert
an der zitternden Leuchtschrift
an Vietnam
Biafra und der
Studentenrevolte.
Sie betrachtet mich
einen Augenblick
und beneidet mich darum
dass ich dem Tod näher bin.
Sie wird mein Gesicht
nie vergessen.
(1969)
Warum musste mein Liebster
ohne Mantel und Hut in den Regen gehen?
Warum verschwand er letzte Nacht?
Kein Mensch kann das verstehen.
Und ich frage die blassen Sterne:
Seht ihr seine Wege noch deutlich?
Habt ihr jemals sein Herz gekannt?
Es hatte denselben Traum wie ich.
Seht ihr ihn weinen, so tränenlos,
wie wir alle Jungen weinen sahen?
Sagt mir, ihr stummen Sterne da oben:
