Da zu sein, wo du bist - Bent Falk - E-Book

Da zu sein, wo du bist E-Book

Bent Falk

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Beschreibung

Im Gesundheitsbereich spielt Kommunikation eine wesentliche Rolle, kommt jedoch in der Ausbildung immer noch zu kurz. Ärzte, Pflegekräfte und weitere Helfende fühlen sich in den Begegnungen mit krisenbetroffenen Menschen und deren Angehörigen oft hilflos, empfinden diese als belastend und beschränken sich auf therapeutische Handlungen, während die Begegnungen selbst oberflächlich gehalten oder vermieden werden. Wie können wir als Helfende auf diese Menschen zugehen, sodass sie sich wahrgenommen fühlen und eigene Ressourcen entdecken, um mit der Krise umzugehen? Die deutsche Ausgabe dieses erfolgreichen dänischen Werks bietet eine kompakte, dennoch tiefgehende und praxisorientierte Stütze für das helfende Gespräch sowohl für Einsteiger wie auch für erfahrene Praktiker in Gesundheitsberufen.

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Seitenzahl: 102

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der Autor

Bent Falk, geb. in Aarhus, Dänemark, Ev. Gemeindepfarrer und Krankenhausseelsorger im Ruhestand. Studium der Psychologie in den USA. Ein zentrales Anliegen seiner praktischen Arbeit bestand und besteht als praktizierender Psychotheraeut bis heute darin, zugunsten von Menschen in seelischer Not eine Brücke zwischen Psychotherapie und Seelsorge zu schlagen, d. h. Menschen in helfenden Berufen konkrete und wirksame Hilfestellungen für einen gelingenden Dialog mit ihren Patienen und deren Angehörigen an die Hand zu geben.

Die Übersetzer

Maren Scholtyssek, Krankenschwester mit Palliative Care Weiterbildung, Flensburg, seit zwanzig Jahren in der Palliative-Care-Weiterbildung für Ärzte und Pflegende als Dozentin tätig.

Regina Nordlund, Ev.-Luth. Pastorin em., Gemeinde- und Organisationsberaterin, Heilpraktikerin Psychotherapie, zuletzt tätig in der Begleitung und Supervision von Gruppen und Teams sowie in der Beratung und dem Coaching von Einzelnen, die in sozialen Berufen arbeiten.

Ingemar Nordlund, pensionierter Arzt für Allgemein- und Palliativmedizin, langjährige Erfahrung in der Kommunikation mit Patienten und ihren Angehörigen in der Krise, früher Leiter der Palliativstation Katharinen Hospiz am Park, zugleich tätig in der Ausbildung von Pflegenden und Schulung von Ärzten zu Palliativmedizinern (Akademie der Ärztekammer Schleswig-Holstein).

Bent Falk

Da zu sein, wo du bist

Gelingende Kommunikation mit Menschen in existenziellen Krisen

Aus dem Dänischen ins Deutsche übersetzt von Maren Scholtyssek, Regina und Ingemar Nordlund

Verlag W. Kohlhammer

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Dänische Originalausgabe:

At være der hvor du er. Opmærksomhed, grænser og kontakt i den hjælpende samtale Alle Rechte vorbehalten

© 1996 Bent Falk

 

 

1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-042747-1

E-Book-Formate:

pdf:      ISBN 978-3-17-042748-8

epub:   ISBN 978-3-17-042749-5

Inhalt

 

 

Vorwort

1   Einleitung

1.1   Technik oder Haltung

1.2   Krise

1.3   Angst und Grundgefühle

2   Praktische Richtlinien

2.1   Es ist einfacher, als du denkst

2.2   Alle wesentlichen Ressourcen, um die Krise zu überwinden, liegen bei den Krisenbetroffenen selbst oder im Feld zwischen euch

2.3   Gute Hilfe ist Hilfe zur Selbsthilfe, alle andere Hilfe ist übergriffig

2.4   Wenn du als Helfer nicht weißt, was du sagen oder machen sollst, ist es genau das, was du sagen oder machen sollst

2.5   Lass die Tatsache, dass du ein Problem hast, nicht zu einem Problem werden. Wenn du das machst, hast du zwei Probleme statt einem

2.6   Grenzen schaffen Kontakt

2.7   Du kannst nicht verändern, was du nicht akzeptierst

2.8   Trost ist, dass es keinen Trost gibt

2.9   Die Hilfesuchenden benötigen keinen Trost, sondern Liebe

2.10   Das Leben ist weder gerecht noch ungerecht. Es ist einfach, bis es nicht mehr ist

2.11   Schuld und Macht sind zwei Seiten der gleichen Sache

2.12   Vergebung entfernt nicht die Schuld. Sie stellt die Beziehung zum anderen wieder her, trotz der Schuld

2.13   

Und

und

Aber

: Die kleinen Worte mit der großen Wirkung

2.14   Helfen durch das Miteinander sprechen

3   Gesprächsbeispiele

3.1   Was ist der Sinn?

3.2   Vertiefender Kommentar zum Begriff »Sinn«

3.3   Mögliche neue Antworten zum Gebrauch, wenn deine guten alten nicht zu dem Kontakt führen, den du gerne haben willst

3.4   Kommentar zu den »neuen« Antworten

Literatur

Vorwort

 

 

Das Buch, das vom dänischen Krankenpflegeverband als »Handbuch im Taschenformat für den unterstützende Dialog mit Patienten« in Auftrag gegeben worden war, wurde 1996 erstmals veröffentlicht. Bei der Durchführung dieser Aufgabe versuchte ich die Sprache so klar und so weit wie möglich in Alltagssprache zu halten. Unvermeidliche fachspezifische Ausdrücke wurden erklärt, wie zum Beispiel »eine existenzielle Wahl« als »eine Entscheidung, die in ihrem Leben praktisch bedeutsam ist« erklärt wurde. Während des Schreibprozesses und als Teil davon habe ich den Text, um ihn auf Verständlichkeit und Lesbarkeit zu überprüfen, an einer Gruppe Pflegefachkräfte in Ausbildung ausprobiert.

Es wird im Buch zu dem helfenden Dialog eine phänomenologische und existenzielle Vorgangsweise präsentiert. »Phänomenologisch« im Kontext des Buches heißt eine Betonung der Wahrnehmung als Ergänzung zur Spekulation und als Korrektiv für vorgefasste Meinungen. »Existenziell« bedeutet eine Betonung der Werte, Entscheidungen und Verantwortlichkeit der Hilfesuchenden in ihrer Gegenwart, als Ergänzungen zu einer Analyse ihrer Vergangenheit.

Das Buch hat sich seit seiner Veröffentlichung 1996 unter Helfenden aller Art, also unter Ärzten, Pflegefachkräften, Seelsorgern, Sozialarbeitern, Lehrern u. a. verbreitet. Es wurde in die skandinavischen Sprachen und ins Englische übersetzt. Es wird von vielen als eine praxisorientierte, in Kürze gefasste und dennoch tiefgehende Unterstützung für das helfende Gespräch verstanden und geschätzt, leicht zugänglich für Auszubildende und gleichzeitig mit einer dauerhaften Ausbeute für die Erfahrenen, die wissen, dass die Ausbildung das ganze Leben lang anhält. Ich bin weiterhin praktizierender Psychotherapeut und war früher viele Jahre Krankenhausseelsorger im Diakonissenhaus Sankt Lukas Stift in Kopenhagen-Hellerup.

Ich möchte der Flensburger Übersetzergruppe, der Palliative Care-Fachkraft Maren Scholtyssek, der em. ev.-luth. Pastorin Regina Nordlund und dem pensionierten Arzt für Allgemein- und Palliativmedizin Ingemar Nordlund für ihre Initiative und ihren Enthusiasmus beim Ausführen der Aufgabe danken, den dänischen Originaltext ins Deutsche zu übersetzen. Ihr professionelles Verständnis für die Herausforderungen, Probleme und Ressourcen, die in diesem Buch thematisiert werden, war unverzichtbar bei der Übertragung des Inhalts in die neue Sprache.

Hellerup, im Sommer 2022

Bent Falk

1

Einleitung

1.1       Technik oder Haltung

Die Absicht dieses Buches ist es, eine praxisbetonte Einführung in das zu geben, was Gesprächstechnik genannt wird, aber im Zusammenhang mit Lebenskrisen lieber Gesprächskunst heißen sollte. Die Kunst ist es, Kontakt zu schaffen, und Kontakt wird durch Aufmerksamkeit und authentische (echte) Anwesenheit hergestellt. Eigentlich kann diese Kunst nur gelernt werden, indem sie praktiziert wird, und am effektivsten geschieht das Erlernen, wenn sie unter kundiger Anleitung praktiziert wird, so dass die eigenen Missverständnisse und Einseitigkeiten nicht wiederholt werden, ohne dadurch klüger zu werden.

Wozu ein Buch über dieses Thema beitragen kann, ist eigentlich nur, ein Treffen mit dem Mitmenschen vorzubereiten und eine eventuelle Orientierungshilfe (Supervision) für dieses Treffen zu geben. Die Vorbereitung besteht darin, mit der Haltung zu arbeiten, unterstützt durch praktische Beispiele. Diese sollen als mögliche Antworten zu verschiedenen Aussagen von Menschen, die es schwer haben, verstanden werden. Sie sind nicht die richtigen Antworten. Eindeutig richtige Antworten kann es in Gesprächen, die mit Menschen über ihr Leben geführt werden, kaum geben, und erst recht nicht im Voraus. Echte Gespräche sind etwas, was im Augenblick des Kontakts geschieht. Für das echte Gespräch gibt es deshalb keine Checkliste. Da ist nichts, was immer richtig ist, und da ist nichts, was immer verkehrt ist – abgesehen von dem Versuch, immer »das Richtige« sagen zu wollen statt des Spontanen und Echten.

Der Sinn der angegebenen Beispiele, die im Übrigen alle aus der Realität stammen und sich in bestimmten Situationen bewährt haben, ist es:

•  eine Haltung zum Hilfesuchenden zu illustrieren, die

•  die Wahrscheinlichkeit fördert, dass die Gespräche mit den Betroffenen zu

•  Aufmerksamkeit auf das Wesentliche im Zusammenhang führt und zu

•  Kontakt von Mensch zu Mensch.

1.2       Krise

Eine Krise ist eine Reaktion auf einen Verlust oder einen drohenden Verlust von etwas, das für die Betroffenen von bedeutendem Wert ist. Es kann sich bei dem Verlust um etwas Handgreifliches – ein »äußeres« Objekt – oder um etwas »Inneres«, das heißt etwas Psychisches oder Geistiges, handeln. Häufig wird es eine Kombination beider Teile sein, wo es sich zeigt, dass ein konkreter Gegenstand, eine Fertigkeit oder eine Person eine symbolische Bedeutung für die Krisenbetroffenen als Ausdruck z. B. für Liebe, Freiheit oder Selbstwert hat.

Sprachlich hängt das Wort »Krise« mit dem griechischen Wort »krinein«, was »zu urteilen« bedeutet, zusammen. Dieser Zusammenhang zeigt, dass die Krise mit schwierigen, aber auch mit wichtigen und konstruktiven Dingen im Leben, wie Beurteilung, (Neu)einschätzung, Werten und Wahl, zu tun hat. Es ist nicht nur ein Unglück, sich in einer Krise zu befinden. Unsere Krisen sind auch Wachstumspunkte. Wenn sich große Veränderungen ergeben, sowohl positive als auch negative, kann es geschehen, dass unsere bisherigen Lebensmuster und unser bisheriges Lebensverständnis mehr oder weniger unzureichend werden, was sehr angstauslösend, aber auch entwickelnd sein kann.

Die Krise kann dadurch ausgelöst werden, dass die Lebensmöglichkeiten geringer geworden sind, wie z. B. bei einer Amputation oder wenn wir einen unserer Angehörigen verlieren. Aber sie kann auch dadurch ausgelöst werden, dass wir selbst es sind, die größer werden, wie z. B. in der Pubertät oder wenn wir zu Hause ausziehen. In beiden Fällen geschieht es, dass wir mit unseren Augen sehen und mit unseren Ohren viel hören, wofür uns die Gewohnheit vorher blind und taub gemacht hat, was sich aber als nützlich erweisen kann, wenn wir darauf aufmerksam werden. In beiden Fällen führt die Krise zu mehr Weisheit und neuer Kreativität bei uns. Die Krise ist deshalb nicht nur etwas Krankes, das wir loswerden sollen. Sie ist ein Stück Leben, das durchlebt werden soll. Sie ist hervorgerufen durch eine Schwierigkeit, durch die wir hindurch wachsen, und sie ist in sich selbst eine Schwierigkeit, durch die wir wachsen werden. Krisenhilfe ist deshalb keine Behandlung oder Problemlösung; Krisenhilfe ist Hilfe zum Wachstum.

Das Augenmerk wird im Folgenden darauf liegen, wie ein Mensch daran mitwirken kann, so ein Wachstum bei anderen anzuregen. Es ist wichtig zu erkennen, dass die Helfenden dies nur auf indirekte Art und Weise, d. h. nicht so sehr dadurch, was sie tun, sondern vielmehr durch das, was sie sind, können. Es geht darum, dass sie als Helfer:

•  anwesend sind und zur Verfügung stehen für die anderen als die Personen, die sie sind;

•  den anderen aufmerksam folgen, d. h. sie sehen und hören;

•  und mit den anderen in passendem Umfang teilen, was mit ihnen selbst während des Treffens geschieht.

1.3       Angst und Grundgefühle

Verdrängungsangst

Das Erleben einer Krise ist in erster Linie das Erleben von Angst. Ein Teil dieser Angst ist die sogenannte Verdrängungsangst, die kleiner wird, wenn sie sich in die Grundgefühle Freude, Trauer, Wut und Furcht auflöst, und wenn die Krisenbetroffenen den Beschluss fassen, den sie wollen.

Dass diese Gefühle Grundgefühle sind, bedeutet, dass eines oder mehrere in alle anderen Stimmungslagen, die wir im täglichen als Gefühle bezeichnen, einfließen. Diese können mit der Art und Weise verglichen werden wie die Grundfarben, die in verschiedener Stärke und Mischung in allen anderen Farben vorkommen.

Der übrige Teil der Gefühlszusammensetzung ist kognitiven Ursprungs. Es sind Erinnerungsbilder, Gedanken und die Erwartungen, zu denen die Gedanken und Erinnerungen uns Anlass geben. Z. B. ist Vaterlandsliebe ein komplexes Phänomen, aber es beinhaltet den einfachen Kern der Grundgefühle: Wir freuen uns, wenn wir heim kommen in das Land; wir trauern, wenn wir gezwungen sind, aus dem Land zu flüchten; wir werden wütend, wenn das Land uns enttäuscht; und wir bekommen Angst, wenn andere es bedrohen.

Zu sehen, zu hören, zu spüren und nach den Grundgefühlen zu fragen, sowohl bei uns selbst als Helfende als auch bei den anderen als Hilfesuchende, ist wichtig. Die Grundgefühle geben nämlich die Richtung und den Gegenstand der psychischen Energie an und leiten zu der wesentlichen Frage hin: was willst du? Diejenigen, die auf sich selbst aufmerksam sind, Verantwortung dafür übernehmen, was sie rein faktisch fühlen (nicht fühlen »sollten«!) und wollen (wünschen, nicht »sollen«!) und dies an der passenden Stelle den Krisenbetroffenen im Gespräch mitteilen, sind lebendig und wirklich anwesend im Gespräch. Dadurch geben die Helfenden automatisch den anderen die Hilfestellung, eine gleiche Aufmerksamkeit für sich selbst zu entwickeln, was eine gute Hilfe für Wachstum während der Krise ist.

Existenzielle Angst

Die Verdrängung der Grundgefühle und grundlegender Willensbezeugungen (wünschen, hoffen) sind Angst schaffend, und dieser Teil der Angst wird kleiner, wenn einer Person, wie vorher erwähnt, bewusst wird, was sie fühlt und will. Selbst die bewusst gemachte Furcht