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"Dakhil – Inside Arabische Clans" erzählt die Geschichte der arabischen Clans in Deutschland und erzählt Geschichten von Menschen, die in diesen arabische Großfamilien geboren sind. In mehreren dutzend Interviews gingen die beiden Autoren Mohamed A. Chahrour und Marcus Staiger auf Spurensuche genau der Großfamilien, die in den letzten Jahren immer wieder Gegenstand einer teils exzessiven Presseberichterstattung waren und die laut einiger Medien eine Gefahr für diesen Staat und seine Gesellschaft darstellen. Wie lebt es sich in einem Clan? Woher kommen diese Familien? Wer sind sie? Wie sieht ihr Familienbild aus? Was für Vorstellungen haben sie von einer Gesellschaft und wie lebt es sich in einem Land, das einen nicht haben möchte? Statt nur über Clans zu berichten haben die beiden Autoren deshalb vor allem mit den Clans und Großfamilien selbst gesprochen. Mohamed Chahrour, der selbst aus einem arabischen Clan stammt und der Journalist Marcus Staiger haben lange Gespräche geführt, um den Lebensalltag und die Gedankenwelt von Clanmitgliedern zu ergründen und ihre Erlebnisse und Erfahrungen aufzuschreiben. Doch Dakhil ist mehr als das. In geschichtlichen Abrissen werden auch die kolonialen und postkolonialen Verwerfungen im vorderasiatischen Raum beleuchtet, die zu Flucht und Vertreibung geführt haben. Auswirkungen einer Politik, die vor 100 Jahren ihren Anfang nahm und deren Auswirkungen wir heute noch zu spüren bekommen. Viele Aspekte, die in der üblichen Berichterstattung über arabische Clans in Deutschland nicht berücksichtigt werden, kommen in diesem Buch zur Sprache. Insofern ist es nicht nur eine Geschichte über die deutsche Einwanderungspolitik der letzten 50 Jahre, eine Geschichte der Großfamilien in Deutschland sondern auch eine Geschichte des Mittleren Ostens und seiner wechselhaften und beiderseitigen Verbindungen, Verwicklungen und Verstrickungen mit der sogenannten westlichen Welt.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
INSIDE ARABISCHE CLANS
Die Vorgehensweise
Der Untergang des Abendlandes
Einleitung
Warum das Ganze?
Alle schwarze Haare – alles eins
- Herkunft
- Hunin – Mama, bin ich ein Palästinenser?
- Vom Südlibanon in die Flüchtlingslager
- Mardin
- Palästina
Zurück zum Ursprung
- Der libanesische Bürgerkrieg
- Nachhilfe
- Auslöser
- Der schwarze Sonntag – Al-Bosta
- Schlechte Nachrichten
- Wem der Herr Leben geschrieben hat
- Das Massaker von al-Maslakh und Karantina
- Zwischenschritte
- Regentropfen
- Flucht
- Die Frachter
Ankunft in einem fremden Land
- Aushalten und Gehen
- Geheimtipp Deutschland
- Die innerdeutsche Grenze
- Home, sweet home
- Integrationspolitik – oder auch nicht
- Lost im Behördendeutsch – lost in der Duldungsschleife
Zwischen Hochschule und Straße
- Endlich eingeschult
- Zugehörigkeit
- Ich bin ein Berliner
- Über Integration, Segregation und Separation
Kriminell sind immer die anderen
- Law & Order
- Die sind halt so
- Damals war alles… schlechter
Was sagt das Strafrecht?
- Die Fakten
- Zwölf Fragen an eine Oberstaatsanwältin
- Die Polizei, dein Freund und Helfer
- Ruf mal deinen Anwalt an!
Die vierte Gewalt
- Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen
- Politische Auswirkungen
- Sicherheit für die Ohren – Was sagt die Bild?
- Der gesellschaftliche Operationstisch
- Bestimmte Geschichten werden immer wieder erzählt
- Journalistische Praktiken - Provozieren, bis die Hand ausrutscht
- Schuld sind immer die anderen – das Karussell von Justiz, Politik, Presse
- Von Kommentaren und Hundepfeifen
Clans in der Popkultur
- Die Presse – auch nur ein Teil der Kulturindustrie
- Die Schöpfung eines Feindbildes
- Die Schöpfung eines Mythos
- Filmindustrie
- Der Anti-Held
- Das Rapgeschäft
- Die Geister, die man rief
- Die üblichen Verdächtigen?
Der Clan an sich
- Struktur – Was ist ein Clan?
- Die Namen
- Clans heute – Clans in Deutschland
- Der Clan ganz praktisch – so funktioniert’s
- Warum so patriarchal?
Der Clan als soziale Struktur
- Die Familie im arabischen Raum
- Liebschaften und Ehe
- How to get married
- Shaykh al-ʿAshira – das Clan-Oberhaupt
- Alles für den Clan – Zusammenhalt
- Konflikte
- Sulḥa – Frieden
- Komm ins Café, wir müssen reden!
Neue Deutsche
- Über das Deutschsein
- Ein Ausländer, aber ein guter
- Künstlerinnen und Handwerker
- Halalfleisch in der Kleingartenkolonie
- Integration ist keine Einbahnstraße
- Wie wollen wir leben?
Danksagungen
Quellenverzeichnis
Shoutouts an all jene, die immer und immer wieder an einen Dialog glauben.
Shoutouts an diejenigen, die sich für Frieden und soziale Gerechtigkeit einsetzen.
Shoutouts an alle, die nicht aufhören zu kämpfen und die Liebe in ihren Herzen nicht verloren haben.
Für Diana, Karlotta, Finnegan, Luis und Selin.
MARCUS STAIGER
Dir. Für immer.
MOHAMED AHMAD CHAHROUR
Dieses Buch ist eine Mammutaufgabe. Im Rahmen der Recherche haben wir über 40 Interviews sowie zahlreiche zusätzliche Hintergrundgespräche geführt. Zusammen mit Daniel Hirsch und „Radio Fritz“ haben wir einen Podcast produziert, dessen Folgen alleine auf Spotify in der Zwischenzeit über zwei Millionen Mal abgerufen wurden und dessen Ausstrahlung ein Riesenerfolg war.
Bei manchen Kapiteln haben wir uns richtig gequält, andere gingen uns leicht von der Hand. Wir haben versucht, die verschiedenen Gedanken und Erzählstränge zusammenzuführen, und hoffen, dass uns dies einigermaßen gelungen ist. Bei der Fülle des Materials, seiner Unterschiedlichkeit und der verschiedenen Betrachtungsweisen war dies auf jeden Fall nicht immer einfach, und manchmal wurden wir von dem vielen „Sowohl als auch“ fast in den Wahnsinn getrieben.
Die Interviews, die wir geführt haben, sind zum Teil in voller Länge wiedergegeben, teilweise haben wir sie in den Textfluss eingearbeitet. Die verarbeiteten Interviewsegmente werden durch Kursivschrift und Anführungsstriche hervorgehoben. Arabische Begriffe haben wir transliteriert. Das Zeichen ʿ entspricht dem Buchstaben ʿAin .
Das Hamza wird mit dem Zeichen ʾ dargestellt.
„Kh“ entspricht dem Buchstaben Chā‘ , welcher wie das „ch“ in „machen“ ausgesprochen wird. „Dh“ entspricht dem Buchstaben Dhāl welches wie beim englischen „the“ ausgesprochen wird. „Gh“ entspricht dem Buchstaben Ghain welches wie das deutsche „R“ gesprochen wird.
Stellen, die mit einem "*" markiert sind, werden am Ende des jeweiligen Kapitels unter der Überschrift "Anmerkungen zum Kapitel" erläutert.
Wenn in diesem Buch von „wir“ die Rede ist, sind damit die Autoren gemeint. Wir beschränken uns in diesem Buch in der Regel auf Clans, die aus dem Südlibanon, aus Palästina und aus der Region Mardin in Kurdistan, dem Südosten der Türkei, stammen, allerdings haben wir auch einen Abschnitt über Clans aus der Bekaa-Ebene miteingefügt.
Zudem wollen wir erwähnen, dass nicht alle Personen, die aus diesen Großfamilien kommen und mit denen wir gesprochen haben, sich selbst als Clanmitglieder oder ihre Familien als Clans betrachten. Einige empfinden den Begriff des Clans aufgrund der negativen Konnotation als diffamierend. Das heißt, selbst wenn ich, Mohamed Chahrour, und viele andere aus der Familie sich als Teil eines Clans verstehen, gibt es ebenso Mitglieder der Familie Chahrour, die den Begriff „Clan“ ablehnen. So verhält es sich auch mit den anderen Familien. Wie auch schon aus dem „Clanland“ Podcast hervorgeht, lehnen wir die negative Konnotation des Begriffs Clan ebenfalls ab und meinen mit Clan immer nur ein Verwandtschaftsverhältnis und nie eine kriminelle Vereinigung. Wir erheben mit diesem Buch keinerlei wissenschaftlichen Anspruch.
Uns ist klar, dass wir mit den Interviews, die wir geführt haben, nur eine kleine qualitative Studie abliefern können, die nicht repräsentativ ist.
Trotzdem erlauben wir uns zu behaupten, dass wir sehr viele Stimmen gefunden haben, die nicht dem üblichen Narrativ entsprechen – ein Grund, warum wir deshalb auch mit Argwohn beobachtet werden. Den Zweiflerinnen und Zweiflern, die uns diesbezüglich Parteilichkeit und einen Mangel an Objektivität unterstellen, können wir an dieser Stelle nur zu bedenken geben, dass die herkömmliche Berichterstattung ebenfalls nur mit Einzelmeinungen hantiert und dass stabiles Zahlenmaterial, zum Beispiel über das Werteverständnis in arabischen Großfamilien, ganz einfach fehlt.
Solange eine solche Untersuchung nicht vorliegt, sollte man sich also mit Pauschalisierungen zurückhalten, wobei wir unseren Kritikern in einer Sache recht geben wollen: Ja, wir sind parteiisch. Und das ist auch gut so.
Deutschland im Jahr 2053. Der muslimische Politiker Hassan Abou Sinan wird in der ersten Sitzung des neugewählten 28. Bundestags zum Bundeskanzler gewählt und kündigt in seiner ersten Rede eine Justizreform an, um die bundesdeutsche Rechtsprechung an das islamische Sharia-Recht anzupassen. Abou Sinan wurde mit einer Mehrheit von über 50 % der Stimmen gewählt, was die Bevölkerungsverhältnisse in Deutschland repräsentiert, wo mittlerweile fast 40 % Muslime leben.
Der Wahlsieg Abou Sinans spiegelt allerdings auch die Hoffnung wider, die auch Nicht-Muslime auf diesen scheinbar gemäßigten Politiker gesetzt hatten, der sich in seinen Wahlkampfauftritten immer wieder dafür stark machte, Recht und Ordnung wiederherzustellen. Denn die Verhältnisse in den letzten Jahren hatten sich zugespitzt. Kriminelle Banden, angeführt von arabischen Großfamilien, hatten nach und nach die Herrschaft in den größeren deutschen Städten übernommen und durch den Zuzug von Flüchtlingen, vor allem aus dem arabischen Raum, wurde die autochthone Bevölkerung Europas in zunehmendem Maße ausgetauscht. In Frankreich regierte schon seit Mitte der 2030er-Jahre eine islamistische Partei mit absoluter Mehrheit und in Großbritannien hatte sich eine Städteallianz aus islamistisch regierten Städten herausgebildet, in denen die Sharia gilt. Diese Städteallianz stand im feindlichen Gegensatz zur britisch dominierten Landbevölkerung, weswegen es im Vereinigten Königreich hin und wieder zu bürgerkriegsähnlichen Handlungen kam. Das Ganze erinnerte zuweilen an die Konflikte in Nordirland, wobei die islamistische Zentralregierung in London offensichtlich immer handlungsunfähiger wurde. In der Mitte des 21. Jahrhunderts hatte sich also das bewahrheitet, wovor rechte Volksvertreterinnen und -vertreter sowie einige beherzte Lokalpolitiker immer wieder gewarnt hatten – der große Bevölkerungsaustausch war Realität geworden und die Sitten aus dem Nahen Osten hatten die europäischen Grundwerte zerstört. Es galt das Recht des Stärkeren. Die Familienehre wurde über die Verfassung gestellt, und wenn überhaupt noch Recht gesprochen wurde, suchten die Menschen eher Halt in einer strikten islamischen Rechtsordnung. Insofern war die Wahl Abou Sinans nur die logische Folge einer Entwicklung, die zu Beginn des Jahrtausends eingesetzt hatte und die man durch das beherzte und konsequente Eingreifen einer restriktiven Ausländerpolitik hätte verhindern können – auch und vor allem im Kampf gegen die Clan-Kriminalität, doch diese beherzte Politik wurde verhindert. Sie wurde verhindert von zahlreichen Lobbyisten der Menschlichkeit, von den sogenannten Gutmenschen, die überall ihren linksgrünversifften Tugendterror verbreiteten und jedem, der ein konsequentes Handeln des Staates einforderte, Rassismus vorwarfen.
Diese sozialliberalen Waschlappen, die ihre eigene Männlichkeit zugunsten der arabischen Jungmänner über Bord warfen, waren verantwortlich dafür, dass die Stadtteile, die einstmals für ihren Multikulti-Flair gerühmt wurden, nun von arabischen Familienclans beherrscht wurden, die sich diese Weichheit der deutschen Gesellschaft skrupellos zunutze gemacht hatten. Die importierte Kriminalität hatte nämlich genau in diesen Stadtteilen Wurzeln geschlagen und war der Ausgangspunkt für die großen Umwälzungen. Die Kirchenglocken mussten dem islamischen Gebetsruf weichen. Deutsches Recht wurde aufgehoben. Der Rechtsstaat wurde komplett ausgehöhlt. Es galt nur noch das Gesetz der Clans. So oder so ähnlich könnte der Anfang eines Buches lauten, in dem es um Integrationspolitik und arabische Großfamilien geht. Besser gesagt: So oder so ähnlich lauten die Anfänge von Büchern, die zu diesem Thema erscheinen.
Betrachten wir die deutsche Medienlandschaft, so sind wir nicht unbedingt verwundert, dass es genau diese Dystopien sind, die bei den Verlagen so gut ankommen und im Buchhandel so reißenden Absatz finden. Offensichtlich gruseln sich die Leute gern und offensichtlich haben sie auch Spaß am eigenen Untergang. Ansonsten könnten wir uns nämlich nicht erklären, warum gerade diese Anleitungen zum Unglücklichsein so erfolgreich sind. Dieser Lust am eigenen Niedergang wollen wir etwas entgegensetzen. Wir haben ein Buch geschrieben, das auf Dialog setzt, und wir sind der festen Überzeugung, dass das auch funktioniert. In diesem Sinne: Es tut uns leid, falls wir euch mit unserem dystopischen Ausflug auf eine falsche Fährte geführt haben. In diesem Buch geht es nicht um Bürgerkrieg und Mord und Totschlag, sondern um ein Gespräch. Sorry.
Das Anliegen dieses Buches ist es, ein authentisches Porträt der in Deutschland lebenden arabischen Großfamilien zu liefern. Wir möchten mit unserer Arbeit die Persönlichkeiten hinter dem übertriebenen medialen Interesse zeigen. Ein Interesse, das zwischen Hype, Mythos und Hetze variiert.
Dabei verschweigen wir die kriminellen Aktivitäten einzelner Familienmitglieder genauso wenig wie den Wunsch der meisten, ein ganz normales Leben zu führen und Teil der Gesellschaft zu sein – einer Gesellschaft, die ihnen in den meisten Fällen mit Skepsis bis Ablehnung gegenübertritt. Einer Gesellschaft, die viel zu lange der Meinung war, dass es nicht ihr Problem sei, was mit den damals Zugewanderten passieren soll und die nun beinahe hysterisch eine Gefahr für Staat und Nation in ihnen erkennen will.
Betrachtet man die einschlägigen Artikel, Reportagen, Fernsehfilme, Dokumentationen und Serien, so wird dort die Welt der arabischen Clans als archaisch, rückständig und brutal gezeichnet. Eine Welt geprägt von Patriarchat und Islamismus. Eine Welt, deren Bewohner kaltblütige, skrupellose Monster ohne jeglichen Sinn für Moral und Recht zu sein scheinen. Scharen von tätowierten und breitgebauten Männern, die sich vor Gerichtssälen und Polizeistreifen versammeln, um sich der Staatsgewalt zu widersetzen. Das sind Bilder, die in Dutzenden von Berichten und Reportagen immer und immer wieder reproduziert werden.
Dabei handelt es sich bei den meisten Mitgliedern von arabischen Großfamilien, wie in jeder anderen Familie auch, um ganz normale Menschen, die in modernen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts leben. Sie sind nicht aus der Zeit gefallen. Sie sind eine Realität und sie leben hier. Wie sie leben und wie sie leben wollen, wird mit ihnen genauso wenig diskutiert wie mit anderen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern. Eines allerdings scheint die Öffentlichkeit ganz genau zu wissen: Ihre Art von Leben hat hierzulande keinen Platz. Dabei findet ihr Leben statt, es existiert, es ist eine deutsche Realität und wenn man es ganz nüchtern betrachtet, ist es aus Deutschland auch nicht mehr wegzudenken.
Zeit also, sich einmal mit dieser Art von Realität zu beschäftigen. Eine Realität, die von einem Teil der deutschen Gesellschaft mythisch aufgeladen und fast verklärt wird, während sie für einen anderen, weit größeren Teil, die Verkörperung von Überfremdung und einer gescheiterten Integrations- und Multikulti-Politik darstellt.
Insofern nimmt dieses Buch auch den Kampf auf gegen pauschalisierende (Vor-)Urteile und Klischees. Indem es die Mitglieder der Familien, Frauen wie Männer, selbst zu Wort kommen und für sich selbst sprechen lässt, ist dieses Buch ein einzigartiges Zeitdokument und ein kleiner Beitrag zum gegenseitigen Verständnis innerhalb unserer Gesellschaft.
Staiger:„Hey, Staiger, wann haste die Tage mal Zeit für ’n Käffchen?“
Die Anfrage kam über Twitter. Ich kenne Mohamed vom Training und weil er Producer ist. Eigentlich habe ich nichts mit ihm zu tun und deshalb weiß ich auch nicht, warum er einen Kaffee mit mir trinken gehen will. Vielleicht habe ich seine Nachricht auch gar nicht gelesen.
Manchmal weiß ich auch nicht mehr, in welchem Messenger mich die Leute anschreiben. WhatsApp, Facebook, E-Mail, SMS, Insta?
Keine Ahnung. Manchmal überlese ich Nachrichten auch einfach. Auf jeden Fall hatte ich diese Nachricht gar nicht gelesen. Oder vergessen. Kein Plan. War wahrscheinlich auch nicht so wichtig.
Momo: Die Idee, ein Buch zu schreiben, lässt mich seit Wochen nicht los. Diese Berichte, diese Dokus, diese Zeitungsartikel – sie gehen mir langsam richtig auf die Nerven. Ich habe direkt, als mir die Idee mit dem Buch kam, losgelegt zu schreiben. Einziges Problem: Ich hatte zuvor noch nie ein Buch geschrieben. Wen kenne ich, der schreibt? Ich habe Christian gefragt, worauf ich achten muss. Der ist immerhin Doktor der Philosophie und Autor.
Wenn einer mir helfen kann, dann er. „Schreib erst einmal ein Exposé, damit kannst du dann auf den Verlag zugehen.“
„Ah, okay, mega. Werd’ ich machen, danke dir!“
Expo-was!? Ich will doch nur ein Buch schreiben und keine Rakete bauen. Warum schreibt Staiger, der Arsch, nicht zurück? Ich brauche Tipps. Egal, ich erwische ihn bestimmt demnächst bei irgendeiner offenen Matte, und dann spreche ich ihn an – vielleicht.
Staiger: Die Halle vibriert, obwohl sie nur zur Hälfte gefüllt ist. Ich bin kein großer MMA-Fan mehr. Früher mochte ich Freefight-Veranstaltungen. Damals, als sich nur Eingeweihte dort getroffen haben. Türsteher. Soldaten. Fremdenlegionäre. Hooligans und Antifas. Die Nazis waren immer ein Problem. Die sind heute noch da auf diesen Veranstaltungen – und jede Menge Popcorn-Publikum. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass sich all die event- und gewaltgeilen Couchpotatoes vom Show-Wrestling abgewandt haben und zum MMA gewechselt sind.
Weil da echtes Blut fließt. Weil da richtig geschlagen wird. Weil da im Käfig gekämpft wird. Die meisten haben überhaupt keine Ahnung, was da im Cage passiert, und buhen, wenn es auf den Boden geht. Weil sie einen Leglock nicht von einem Triangle unterscheiden können, denken sie, dass auf dem Boden nichts passiert und wollen, dass sich die Kontrahenten in die Fresse boxen. Hauptsache Spektakel. Mit Sport hat das nicht mehr viel zu tun. Es gibt Bier und Nachos und weil ich nichts zu Abend gegessen hatte, habe ich genau das gerade geholt – als plötzlich Mohamed auf mich zukommt …
Momo: Einer der Sportler, die ich als Manager betreut habe, kämpft. Ich sitze mit einer Freundin direkt am Cage und wir sehen uns die anderen Kämpfe an. Diese Veranstaltungen sind mittlerweile wie Familientreffen für mich. Ich war mehr damit beschäftigt, Hände zu schütteln, als mich auf das Event zu konzentrieren. Als ich mich gerade mit jemandem unterhalten habe, sehe ich Staiger. Ich beende das Gespräch direkt und laufe mit einem Tempo auf ihn zu, das normalerweise nichts Gutes vermuten lässt …
Staiger: Mohamed hat sich an diesem Abend als Boxpromoter verkleidet. Er trägt einen beigen Wollmantel und einen karierten Schal, den er sich exaltiert um den Hals gewickelt hat. „Staiger, ich muss mal mit dir reden“, sagt er überschwänglich, als er auf mich zustürmt. „Ja, klar“, sage ich, „ich muss nur noch schnell die Sachen hier abstellen.“
Ob es was Schlimmes ist? denke ich. Irgendwas mit meiner Familie, frage ich mich. Und ich frage ihn: „Was gibt’s? Was Schlimmes? Was mit meiner Familie?“ „Nein“, entgegnet er.
Momo:„Schreibst du noch?“ Er guckt nach vorne und nimmt einen Schluck von seinem Bier. „Ja, schon“, sagt er, ohne mich dabei anzusehen. „Ich will ein Buch schreiben. Über arabische Clans“, sage ich. „Das Buch soll aus der Innenansicht sein. Hast du Bock, mitzumachen?“
Staiger: Ich nicke. Das klingt gut. Das klingt spannend. Das würde ich gerne machen. „OK“, sage ich. „Das klingt gut. Das klingt spannend. Das würde ich gerne machen. Wann soll’s losgehen?“, sage ich und sehe die Überraschung in seinem Gesicht.
Momo: Uh. Das war ja einfach. Zu einfach, denke ich. Das war so einfach, das wird bestimmt nichts. Ich hatte mich auf Überzeugungsarbeit eingestellt. Auf Gespräche und Treffen. Auf Skepsis. Ich hatte mir Argumente zurechtgelegt und jetzt das. „Wann soll’s losgehen?“ Will der mich verarschen? Egal, vielleicht treffen wir uns ja jetzt auf ’nen Kaffee und er gibt mir wenigstens ein paar Tipps. Wir tauschen Nummern aus. Nicht mal drei Tage später hat er sich gemeldet.
„OK, der Bruder scheint wirklich Lust darauf zu haben.“
Staiger: Ich melde mich. Ist ja nichts Großes und ich kann nichts verlieren. Ich mag Mohamed und wenn nichts draus wird, ist es auch egal. Dann habe ich ein bisschen Zeit verloren, mehr nicht. Wir verabreden uns in einem Café am Anhalter Bahnhof.
Momo: Ich sitze in einem Café am Anhalter Bahnhof und warte dort auf Staiger. Er kommt rein, bestellt sich einen Kaffee und noch während er die Jacke auszieht, sagt er, dass er die Idee cool findet, aber das Buch schon gerne mit mir gemeinsam schreiben möchte statt für mich. „Das war der Plan. Ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen und wo ich aufhören soll. Ich brauche jemanden, der weiß, wie man ein Buch angeht. Mir ist es gerade bei diesem Thema wichtig, selbst zu schreiben“, antworte ich.
Staiger: Wie man ein Buch schreibt, weiß ich zwar selbst nicht und selbst heute, ein paar Jahre später, erscheint mir die Aufgabe immer noch zu gewaltig, aber wir versuchen es. Das Thema ist zu wichtig für uns alle, um es den Nazis und Fremdenhassern zu überlassen. Weil es schließlich ums Zusammenleben und um einen vernünftigen Dialog geht. Wir müssen dieses Buch schreiben, weil wir ein Gespräch führen müssen, das viel zu lange nicht geführt wurde.
Das Gespräch zwischen Einwanderern, die in Deutschland ein neues Zuhause gefunden haben und finden, und Deutschen, die sich viel zu lange geweigert haben, Deutschland als Einwanderungsland zu begreifen. Zwischen einer arabischen Welt in Deutschland und einer deutschen Welt, die darauf besteht, Leitkultur zu sein, der sich alle unterzuordnen haben. Zwei Welten, die viel zu lange wortlos nebeneinanderher gelebt, sich nicht füreinander interessiert, sondern gegenseitig nur mit Vorurteilen und Klischees überzogen haben. Vielleicht scheitern wir damit. Vielleicht gelingt es uns. Versuchen müssen wir es auf jeden Fall, denn es werden so viele falsche Behauptungen und Verdächtigungen, Zuschreibungen und Vorverurteilungen in die Welt geblasen – dem müssen wir ein etwas realistischeres Bild entgegensetzen.
Dieses Buch ist ein Diskussionsangebot und die Dokumentation einer Auseinandersetzung. Einer Auseinandersetzung, bei der wir trotz aller offensichtlichen und weniger offensichtlichen Unterschiede, trotz aller scheinbar angeborenen kulturellen Verschiedenheit eines nie aus dem Blick gelassen haben: Wir sind Menschen, die ein gelungenes Leben leben wollen. Wir sind Menschen mit ganz persönlichen Hoffnungen und Träumen. Ganz individuell und ganz einzigartig. Je länger wir uns unterhalten haben, desto klarer wurde uns, dass so etwas wie eine kollektive Mentalität immer nur als Fremdzuschreibung funktioniert. „So sind die halt“, „die können nicht anders“, „das ist bei denen halt so.“ Worte, die wir Tag für Tag hören, vielleicht sogar selbst denken und tragischerweise teilweise sogar für unsere eigene Identität übernehmen. Gedanken, die unser Zusammenleben torpedieren und ein Zusammenleben von vornherein unmöglich machen. „Die haben doch eh kein Interesse daran“, heißt es dann von der einen wie von der anderen Seite, „die schotten sich ab.“
Doch um genau dieses Zusammenleben geht es und auch darum, dass wir uns darüber unterhalten müssen, wie es am besten gelingt, die Abschottung aufzubrechen und einen offenen Dialog zu starten. Über Werte, über Wünsche, über Träume und über den Alltag. Was ist mir wichtig? Was ist dir wichtig? Was ist UNS wichtig? Das ist eigentlich gar nicht so viel, aber in der aktuellen Diskussion um „fremde Kulturen“ und „gescheiterte Integration“ doch eine ganze Menge.
Im Dezember 2019 kursierten unter Überschriften wie „Kriminelle Clans hassen den Migrationsforscher Ralf Ghadban“ mehrere Meldungen in den deutschen Medien. Darin hieß es, der Wissenschaftler Ralf Ghadban sei mit seinem Buch „Arabische Clans – die unterschätzte Gefahr“ ins Visier der kurdisch-libanesischen Großfamilien in Deutschland geraten. Zahlreiche Drohungen seien gegen ihn ausgesprochen worden, und nun fürchte er um sein Leben. Tatsache ist, dass es mehrere Videos gegeben hat, in denen verschiedene Männer Ghadban beschimpft haben und dass er auch mehrere Drohanrufe auf sein Handy bekommen hat. Anlass war aber wohl weniger das Buch an sich, das die arabische Community in Deutschland gar nicht mitbekommen hatte, sondern ein Interview, das Ghadban im libanesischen Fernsehen gegeben hatte und das dann hier in Deutschland hohe Wellen schlug. Ghadban machte für die Angriffe im Netz die „Familien Union“ verantwortlich, ein Zusammenschluss aus mehreren kurdisch-arabischen Großfamilien in Deutschland, der als Verein tätig ist. Grund genug für uns, das Gespräch mit dem Berliner Ableger der „Familien Union“ zu suchen und einen Interviewtermin mit dem Vorstand des Vereins zu vereinbaren. Das Thema Ghadban war schnell erledigt. Nach einer Gefährderanspache der Polizei hatten die Drohungen aufgehört und die „Familien Union“ selbst hatte sich von den Drohungen distanziert und die Vorwürfe zurückgewiesen. Wir selbst trafen uns mit drei Vertretern der Union in einem kleinen Büro am Halleschen Tor in Berlin, wo der Verein ein paar Räume unterhält. Mit Gebäck und Kaffee empfingen uns drei Herren im mittleren Alter, aus drei verschiedenen Familien, die allesamt regelmäßig in der Zeitung stehen. Wir sprachen viel über die Aufmerksamkeit der Medien und über die jungen Männer, die sich in der Presse gerne als Clan-Chefs inszenieren oder inszenieren lassen. Wie blöd sie dieses Geprotze finden und wie unnötig. Wie schädlich sie dieses Gehabe finden, für ihren eigenen Namen und ihren eigenen Ruf. Einer erzählt, wie er schon in den 1990er-Jahren seinen Cousin, der sich im Berliner Rotlichtviertel einen Namen gemacht hatte, zur Räson bringen wollte. Wie er ihn mehrmals zum Gespräch gebeten hat und sogar die Autorität eines Ältesten aus der Türkei in die Waagschale geworfen hat, er solle doch aufhören mit der Scheiße – ohne Erfolg. Ein anderer beschwert sich über die Videos eines seiner jüngeren Verwandten, die im Netz kursierten und in denen dieser sich als Pate inszenierte. Es klingt schon fast ein wenig verzweifelt, so wie Eltern, die nicht wissen, was sie mit ihren ungezogenen Kindern anfangen sollen, doch das Interessanteste passierte gegen Ende des Gesprächs. Wir kamen auf das Thema Frauen zu sprechen und darauf, dass diese wohl am meisten unter den Bedingungen zu leiden haben.
Auf der einen Seite eine patriarchale Gesellschaftsordnung, die ihre persönlichen Freiheitsrechte einschränkt, auf der anderen Seite eine deutsche Mehrheitsgesellschaft, die sie auch nicht unbedingt mit offenen Armen empfängt, wenn sie zum Beispiel Kopftuch tragen und sich nicht als Token in eine rassistisch konnotierte Feminismus-Diskussion hineinziehen lassen wollen. Da sagt einer der Männer plötzlich: „Erst mal, wir müssen die Frau befreien von dieser männlichen Hierarchie. Wir haben da im Mittelosten teilweise eine männliche Hierarchie, und deswegen haben wir diese kurdische Bewegung, dass die Frau mehr mitbestimmen kann. Mann und Frau müssen sich als Partner sehen, nicht als Sklaven.“ Ich kann nicht sagen, wie die beiden anderen Vorsitzenden der Union diese Worte aufgenommen haben, aber in diesem Moment dachte ich: Das muss man erzählen. Diese Geschichten müssen wir erzählen in unserem Buch und in unserem Podcast. Wir müssen den Leuten da draußen zeigen, dass diese arabische Gesellschaft, die immer als ein großer, dunkler, einheitlicher Block dargestellt wird, als monolithischer Fremdkörper in der deutschen Gesellschaft, dass diese Community in Wahrheit höchst unterschiedlich ist. Dass es die unterschiedlichsten Ansichten, Meinungen und Persönlichkeiten gibt. Dass es Generationenkonflikte gibt und Auseinandersetzungen, dass es natürlich auch Leute gibt, die einfach konservativ leben wollen, und andere, die anders leben wollen, vor allem aber – dass alles in Bewegung ist. Nichts ist festgeschrieben in dieser Gesellschaft, weder auf der deutschen noch auf der arabischen Seite. Alles fließt. Es sind die Ideen und Gedanken, die sich gegenseitig beeinflussen, und es sind die Gespräche, die uns einander näherbringen und in denen man die eine oder andere Überraschung erleben kann. Das sind keine neuen Erkenntnisse und es ist fast schon zu platt, um es noch einmal zu sagen, aber es ist der Dialog, der uns nach vorne bringt.
Marcus Staiger
Für mich sehen die alle gleich aus. Schwarze Haare, dunkle Augen. Irgendwann konnte ich wenigstens die Türken von den Arabern unterscheiden, aber auch nur an der Sprache. Türken, Kurden, Libanesen, Syrer, Iraker, Palästinenser oder Perser. Ehrlich gesagt: Wo soll da der Unterschied sein? Ist doch genau wie bei den Schweden und den Schweizern. Ist doch fast dasselbe. Frag mal Donald Trump.
Na gut, dass Perser keine Araber sind, das weiß man irgendwann, aber was ist ein Libanese oder ein libanesischer Kurde? Was sind libanesische Großfamilien, von denen immer geredet wird? Irgendwann habe ich so ein Papier vom LKA in die Hände bekommen. Das heißt, es gab dazu eine Internetseite und ein Freund von mir hat mich darauf aufmerksam gemacht. Das Papier hieß „Importierte Kriminalität“ und beschäftigte sich mit der Geschichte der libanesischen Kurden. Heute kann man es unter diesem Titel gar nicht mehr finden, weil es mittlerweile Hunderttausende Artikel mit derselben Überschrift gibt und man sich erst durch Tonnen von reißerischen Artikeln über Clan-Kriminalität klicken müsste. Das Papier aber, das ich meine, war vom Landeskriminalamt Berlin herausgegeben und relativ sauber recherchiert und es ging genau um diese Frage: Was sind kurdische Libanesen oder libanesische Kurden? Von meinem damaligen Kenntnisstand ausgehend hat das überhaupt nicht zusammengepasst. Kurden, das waren doch die, die auf jeder Demo seit den 80er-Jahren einen Redebeitrag gehalten haben und von der Türkei unterdrückt wurden. Was haben die mit dem Libanon zu tun? Später hat man dann vielleicht noch mitbekommen, dass es auch im Irak Kurden gibt, spätestens dann, als Saddam Hussein die kurdische Stadt Halabdscha im Nordirak mit Giftgas aus deutscher Produktion bombardieren ließ, was die Rap-Crew Freundeskreis im Song „Leg Dein Ohr auf die Schienen der Geschichte“ verarbeitet hat. In dem Aufsatz des Landeskriminalamts wurde das aber einigermaßen gut erklärt. Die Kurzfassung geht so: Irgendwann in grauer Vorzeit haben sich arabische Stämme in der Nähe der Stadt Mardin in der gleichnamigen Provinz angesiedelt. Diese ist heutzutage Bestandteil der Republik Türkei, wird aber nach wie vor überwiegend von Kurden bewohnt. Die Araber, die sich dort, wie auch in anderen Teilen von Kurdistan angesiedelt haben, haben sich immer als Kurden gesehen, obwohl sie ihren arabischen Dialekt mit syriakischem Einschlag nie aufgegeben haben. Nach der Aufteilung des Osmanischen Reichs und der Gründung der türkischen Republik im Jahr 1923 gerieten die Kurden zunehmend unter Druck. Die aufstrebende nationalistische Bewegung um Staatsgründer Kemal Atatürk verfolgte eine rigorose Türkisierungspolitik, in der Volksgruppen wie Armenier und Kurden wenig bis gar keinen Platz hatten. Sie standen vor der Wahl, sich vollständig zu assimilieren oder außer Landes zu fliehen, woraufhin dann auch einige Familien oder Teile von Familien der Kurden im Jahr 1926 in den ebenfalls neu gegründeten Libanon auswanderten. Diese siedelten sich dann oftmals in der Nähe von Beirut an. Hier entstand dann etwas, was man vielleicht doppelte Diaspora nennen könnte, denn obwohl sie arabisch sprachen, hielten sie weiterhin an ihrer kurdischen Identität fest, wurden als Kurden bezeichnet und betrachteten sich auch selbst als solche. Als untere Klasse im stark segregierten Libanon teilten sie etwas später das Schicksal der schiitischen Familien, die nach der Gründung des Staates Israel aus ihren Dörfern vertrieben worden waren. Diese Dörfer hatten bis 1926 noch zum Großlibanon gehört, wurden dann aber vom britischen Mandat über Palästina annektiert und lagen seit 1948 im Einflussbereich Israels. Während einige dieser Familien Zuflucht bei ihren Verwandten im Südlibanon fanden, wurden andere dort nicht mit offenen Armen empfangen. Sie wurden auch dort wiederum vertrieben, wie uns in Gesprächen erzählt wurde, und sahen sich dazu gezwungen, weiter in die Elendsviertel Ost-Beiruts zu fliehen. Diese Elendsviertel im Osten der Hauptstadt sollten es später zu trauriger Berühmtheit bringen, denn in den Flüchtlingslagern, die dort entstanden sind, wurden während des libanesischen Bürgerkriegs blutige Massaker verübt. Durch den Zuzug von palästinensischen Geflüchteten entstand in den Camps eine explosive Gemengelage, die sich später in erbitterten Kämpfen entladen sollte. Der libanesische Bürgerkrieg brach 1975 aus und dauerte ganze 15 Jahre. Währenddessen hatten die Bewohnerinnen und Bewohner der Flüchtlingslager wohl am meisten unter den Kampfhandlungen der unterschiedlichen Gruppierungen zu leiden. Diese verschiedenen Gruppen bekämpften sich teilweise mit unglaublicher Härte, wobei man oftmals nicht sagen konnte, wer gerade mit wem im Streit lag und wer gerade mit wem koalierte. In diesen Wirren entschieden sich viele libanesische, kurdische, aber auch palästinensische Familien, nach Deutschland zu fliehen.
Es handelt sich dabei also um eine zwei- bis dreifache Flucht- und Migrationsgeschichte. Hierzulande hatte diese doppelte Migration dann wiederum ganz andere Effekte. Im Fall der kurdischen Flüchtlinge aus dem Libanon ergriffen nun auch Familienmitglieder aus der Türkei, die denselben Nachnamen trugen, die Chance, nach Deutschland zu fliehen, und zwar unter der Behauptung, dass auch sie aus dem Libanon kämen. Die deutschen Behörden waren aufgrund der Namen, Dialekte, Sprachen und der unglücklicherweise „verlorenen“ Passdokumente heillos überfordert. Hinzu kam, dass die Familiennamen, die allesamt ursprünglich in arabischer Schrift notiert waren, von verschiedenen Kolonialmächten ganz unterschiedlich transliteriert wurden, weswegen man heute auch Mitglieder ein und derselben Familie mit unterschiedlichen Schreibweisen finden kann – je nachdem, ob die Franzosen, die Engländer oder die Türken die Nachnamen in lateinische Buchstaben übertragen haben. Überhaupt Kolonialismus. Das weiß ja auch fast keiner. Erst sehr viel später habe ich herausgefunden, dass dieser ganze Flickenteppich im Nahen Osten, der durch diese ganzen geraden Grenzen zerteilt ist, ein einziges Produkt der europäischen Großmachtfantasien ist. Grenzen, die mit dem Lineal gezogen wurden oder anhand der Bagdad-Bahnlinie festgelegt wurden, wie zum Beispiel zwischen Syrien und der Türkei. Einer Eisenbahnlinie, die übrigens von deutschen Ingenieuren und Firmen gebaut wurde, mit dem Ziel, Schürfrechte auf den Erdölfeldern von Kirkuk zu ergattern.
Der Nahe Osten, wie wir ihn heute kennen, entstand, als das Osmanische Reich nach dem Ersten Weltkrieg auseinanderbrach.1 Das Gebiet des Staates Libanon beispielsweise war im Osmanischen Reich Teil der Provinz Syrien. Diese erstreckte sich über das heutige Staatsgebiet von Syrien, dem Libanon, Jordanien, Israel inklusive der besetzten palästinensischen Gebiete und der südtürkischen Provinz Hatay.2 In einer geheimen Übereinkunft, die mitten im Ersten Weltkrieg ausgehandelt wurde, teilten der Brite Sir Mark Sykes und der Franzose Francois Georges-Picot die arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches in unterschiedliche Einflusszonen auf,3 wobei sie zwischen direkten Herrschafts- und Einflussgebieten unterschieden.4 Sie zogen Grenzen, ohne dabei auf ethnische oder religiöse Gruppierungen Rücksicht zu nehmen, die in diesen Gebieten lebten.5 Am 16. Mai 1916 unterschrieben sie das Abkommen, das im Februar desselben Jahres sowohl vom britischen als auch vom französischen Kabinett gebilligt wurde6 und das als Sykes-Picot-Abkommen in die Geschichte eingehen sollte. Russland, das am Anfang noch in die Verhandlungen mit einbezogen war,7 beteiligte sich nach der Oktoberrevolution von 1917 nicht mehr daran, allerdings veröffentlichte die Regierung der Bolschewiki am 23. November 1917 den bis dahin noch geheimen Inhalt des Abkommens in den Tageszeitungen „Prawda“ und „Izvestia“.8 Das traf insbesondere die Briten, die neben dem Sykes-Picot-Abkommen noch über zwei weitere Verträge verhandelt hatten, deren Inhalt den ursprünglichen Abmachungen mit Frankreich widersprachen. Sir Sykes wusste von all dem.9 Als der „kranke Mann am Bosporus“, das Osmanische Reich, wie von der Entente erwartet, besiegt war, besetzten Frankreich und Großbritannien die vereinbarten Gebiete.10 Auf der „Konferenz von San Remo“, die vom 19. bis zum 26. April 1920 an der italienischen Riviera stattfand,11 beschlossen die alliierten Mächte die Völkerbundmandate für die Levante und Mesopotamien – damit waren die Weichen für das „Völkerbundmandat für Syrien und Libanon“ gestellt. Es entstand der Staat Großlibanon, den der französische General Henri Gouraud am 1. September 1920 in Beirut wie folgt proklamierte12 :
Am Fuße dieser majestätischen Berge, die die Kraft eures Landes gebildet haben und das uneinnehmbare Bollwerk seines Glaubens und seiner Freiheiten bleiben. Am Ufer dieses sagenhaften Meeres, das die Triremen Phöniziens, Griechenlands und Roms gesehen hat, das Ihre Väter mit einem subtilen Geist durch die Welt trug, der in Handel und Beredsamkeit geschult war, und das euch jetzt durch eine glückliche Fügung die Besieglung einer großen und alten Freundschaft und den Nutzen des französischen Friedens bringt; vor all diesen Zeugen eurer Hoffnungen, eurer Kämpfe und eures Sieges, verkünde ich feierlich den Großlibanon, und im Namen der Regierung der Französischen Republik begrüße ich ihn in seiner Größe und Stärke, von Nahr al-Kabir bis zu den Toren Palästinas und den Gipfeln des Anti-Libanon […].13
Mohamed Chahrour
2005 waren wir im Libanon, um Urlaub zu machen. Ich war zwölf und mit meinen Cousins mütterlicherseits unterwegs. Irgendwann haben sie angefangen, mich zu ärgern, und gesagt, dass ich Palästinenser sei. Ich habe gesagt, dass ich Libanese bin wie sie, aber sie haben immer weiter auf mir herumgehackt. Ich wurde richtig wütend und habe sie angeschrien, dass sie mich in Ruhe lassen sollen, aber sie haben nicht aufgehört. Sie haben mir gesagt, dass meine Familie aus Hunin stammt und Hunin eben in Palästina liege und ich somit ein Palästinenser sei. Irgendwann bin ich dann weinend vor Wut zu meiner Mutter gerannt und habe sie gefragt, was ich denn nun eigentlich bin:
„Mama, bin ich ein Palästinenser?“ Sie hat mich in den Arm genommen und mir erklärt, wo meine Vorfahren herkommen. Ich habe das damals noch gar nicht richtig verstanden. Erst später habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen. Es ist alles sehr, sehr kompliziert und hat viel damit zu tun, dass wir, unsere Familie und die Dörfer, aus denen wir stammen, zum Spielball der unterschiedlichsten kolonialen Interessen geworden waren. Das Dorf, aus dem meine Eltern stammen, heißt Hunin und liegt zwischen der südlichen libanesischen und der nördlichen israelischen Grenze. Hunin gehört zu einer Dorfkette, die al-Quraa al-sabʿ genannt wird und 1926 fast gänzlich vom britischen Mandat über Palästina und Mesopotamien annektiert wurde. Hunin lag im Jabal ʿĀmil, einem Gebiet, das sich über den heutigen Südlibanon, Teile Palästinas und Israels, die Golanhöhen und Teile Syriens erstreckt.14 Am 3. Mai 1948 wurden die Bewohner Hunins vom Palmach, einer paramilitärischen Einrichtung der zionistischen Untergrundorganisation Hagana, entweder ermordet oder vertrieben. Das geschah unter der Führung Jigal Allons. Die Menschen aus Hunin mussten auf das Staatsgebiet des Libanon flüchten.15 Da, wo einstmals das Dorf Hunin stand, befinden sich heute der Moschaw „Margaliot“ und der Kibbuz „Misgav Am“, zwei israelische Siedlungen. Die Ruinen der Kreuzritterfestung „Chastel Neuf“ (arabisch: Qalʿat Hunin) heißt heute noch „Hunin Castle“ und wird gerne von Touristen besucht. Hugo von Falkenberg (auch Hugues de Saint-Omer) ließ das Chastel Neuf und die Festung von Toron(arabisch: Qalʿat Tibnin) Tibnin) 1105 oder 1106–110716 auf dem Weg, der von Damaskus nach Tyros (arabisch: Sūr) führt, errichten, um die Eroberung von Tyros zu unterstützen.17 In Hunin lebten vorwiegend Matawleh,18 wie die schiitische Bevölkerung im Libanon genannt wird. Sie arbeiteten in der Viehzucht und als Landwirte. Viele von ihnen waren auch Tagelöhner und fuhren zum Arbeiten nach Palästina, ins eineinhalb Stunden entfernte Haifa, bis ihnen das untersagt wurde. Einige der Älteren sprachen sogar ein wenig Hebräisch, weil sie später ja ständig im Kontakt mit den israelischen Soldaten waren. Als 1920 der Großlibanon proklamiert wurde, gehörten Hunin und die anderen Dörfer allerdings noch zu diesem Staat.* Mit dem Edikt 318 vom 31. August 1920 wurden die Grenzen des Großlibanon festgelegt.19 Diesem Edikt wurde die „Carte du Liban“ von 1862 als Appendix beigefügt,20 die von der Topografietruppe der französischen Expeditionsstreitkräfte gezeichnet wurde, die 1860, im Bürgerkrieg zwischen Maroniten und Drusen, im Libanongebirge intervenierten.21 Die südliche Grenze des Staates war allerdings noch nicht endgültig geklärt und wurde so zum Verhandlungsgegenstand der Briten und Franzosen.22 Tatsächlich verhandelten beide Seiten von 1918 bis März 1923 miteinander.23 Das „Paulet-Newcombe-Abkommen“, das die Grenzen zwischen dem britischen Mandat über Palästina und dem französischen Mandat über Syrien und den Libanon neu definierte, wurde vom 23. Dezember 1920 bis zum 7. März 1923 beschlossen24 – zu Ungunsten der Bewohner JabalʿĀmils.25 Hauptstreitpunkte der beiden Mächte waren Wasserquellen und Transportwege. Die Briten waren, auf Drängen der zionistischen Bewegung, daran interessiert, die Grenzen in Richtung Norden zum Litani-See zu erweitern, während die Franzosen die Kontrolle über die Hula-Ebene und den See Genezareth anstrebten.26 Hochkommissar Henri Gouraud brachte einen weiteren Punkt ein, den es bei der Ziehung der südlichen Grenze des Libanons zu berücksichtigen galt: den schiitischen Glauben der Menschen, die diese Region seit dem 10. Jahrhundert oder sogar früher bewohnen – laut Professor Asher Kaufman1 allerdings mindestens seit dem 12. Jahrhundert.27 Gouraud war der Meinung, dass die Schiiten ein natürlicher Teil des Libanons seien, weshalb sie auch in die Grenzen des Libanons einbezogen werden sollten. Die Briten machten aber weiter Druck und waren nicht dazu bereit, den Franzosen alle Dörfer zu überlassen. Gouraud gab klein bei. Er überließ die schiitischen Dörfer den Briten und sagte im Vorfeld bereits, ihm wäre es lieber, einige schiitische Dörfer innerhalb der britischen Grenzen zu lassen, anstatt ihnen nur ein oder zwei Dörfer zu überlassen und diese auf die andere Seite der Grenze auszugliedern.28 Die Dörfer gingen also an das britische Mandat über. Die Bewohner der sieben Dörfer, die 1920 noch Ausweisdokumente des Großlibanon besaßen und beim Zensus von 1921 von den Franzosen mitberücksichtigt wurden, verloren 1926 ihre libanesische Staatsangehörigkeit und bekamen teilweise einen palästinensischen Pass.29 Sechs der Dörfer waren von Schiiten bewohnt: „Hunin, al-Malikiyya, Salha, Qadas, Tarbikha und Nabi Yushaʿ, während das Dorf Abl al-Qimh von Schiiten und griechisch-katholischen Christen bewohnt war. Daneben gab es noch 17 weitere Dörfer, die eigentlich zum Libanon gehörten und ebenfalls den neuen Mandatsgrenzen zum Opfer fielen – weswegen meine Cousins am Ende doch fast recht behalten hätten: Hätten die Briten meiner Familie damals tatsächlich palästinensische Pässe gegeben, hätten mich meine Cousins zu Recht Palästinenser nennen können, haben sie aber aus irgendwelchen Gründen nicht gemacht und so irrte meine Familie, wie viele andere Menschen auch, lange Zeit ohne Pässe umher. Einige Leute, wie meine Eltern, erhielten im Jahr 1958 dann die libanesische Staatsbürgerschaft. Andere haben sie erst im Jahr 1994 bekommen und wieder andere haben sie nie erhalten. So wurde ich aber als libanesischer Staatsbürger geboren und habe neben dem libanesischen Pass heute auch einen deutschen. That’s life in the Middle East.
Ausweisdokument des Großlibanon von Abed Chahrour aus Hunin.
Über die Vertreibung aus den Dörfern haben wir in unserer Familie nie wirklich viel geredet. Die Generation, die noch persönlich in Hunin gelebt hat, stirbt langsam aus, und viele kennen diese Heimat nur noch aus Erzählungen. Mein Vater, meine Onkel und meine Tanten sind alle im Flüchtlingslager Tal al-Zaʿtar aufgewachsen. Die Bewohner der al-Quraa al-sabʿ waren, wie die Palästinenser, direkt vom ersten arabisch-israelischen Krieg und der damit einhergehenden Nakba betroffen.30 1948 wurden alle Bewohner der sieben Dörfer, egal ob sie nun Schiiten oder Christen waren, aus ihren Häusern vertrieben: Die Menschen behielten ihre Eigentumspapiere, sie behielten ihre Hausschlüssel, sie behielten einfache Gegenstände, die sie oft benutzten. Sachen, die teuer und groß waren, wurden in der Erde vergraben, in al-Khalsa. Sie hatten diesen Gedanken im Kopf, als sie im Jahr 1948 ihre Dörfer verließen, dass sie innerhalb einer Woche zurückkehren könnten. Aus diesen 7 Tagen wurden 70 Jahre und Gott weiß wie lange noch."31 Die christlichen Libanesen, die aus den sieben Dörfern geflüchtet waren, bekamen einige Jahre später die libanesische Staatsangehörigkeit. Die Shiʿa2 aus al-Quraa al-sabʿ flüchteten entweder in den Südlibanon, in die südlichen Slums von Beirut (al-Daḥiya al-Janoubiyya oder einfach al-Daḥiya) oder sie kamen in palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon unter. Im Gegensatz zu ihren christlichen Leidensgenossen bekamen sie erst sehr viel später die libanesische Staatsangehörigkeit. In den meisten Fällen erst 1994,32 was sie einem Dekret3 zu verdanken haben, das am 20. Juni 1994 erlassen wurde und darauf abzielte, staatenlose Gruppen im Libanon einzubürgern.33 Bis zu diesem Zeitpunkt besaßen 25.071 Libanesen aus den sieben Dörfern nämlich lediglich einen Flüchtlingsstatus.34
Während der Libanonkrise 1958 ergab sich für die Libanesen aus den sieben Dörfern die Möglichkeit der Einbürgerung – über Beziehungen. Einige nahmen diese Chance wahr, aber die meisten lehnten dieses Angebot ab, da sie durch den Verlust ihrer Lebensgrundlage in der Heimat auf die Hilfsleistungen der UNRWA4 angewiesen waren, die sie dann mit der Annahme der libanesischen Staatsbürgerschaft nicht mehr bekommen hätten. Ein Teufelskreis.
Eine der UNRWA-Karten, die den Palästinensern und den Leuten aus al-Quraa al-sabʿgegeben wurden.
