9,99 €
Ihre Liebe ist unberechenbarer als jeder Sturm …
Für Thomas und Vanessa war die Liebe nie leicht. Je größer ihre Leidenschaft wird, desto heftiger scheinen ihre Streitereien. Jedem romantischen Augenblick folgen unzählige Kränkungen, jedes ungesagte Wort lastet schwer auf ihrer beider Herzen. Und doch … und doch wollen sie verzweifelt an ihrer Beziehung festhalten. Bis zu dem Augenblick als Thomas Vergangenheit nicht nur ihn, sondern auch Vanessa in den Abgrund zu reißen droht. Kann es ein Happy End für zwei Herzen geben, die auf Kollisionskurs sind?
Für alle Fans der After-Reihe und Mercedes Ron! Die explosive Liebesgeschichte von Vanessa und Thomas wird dich nicht mehr loslassen – emotional aufwühlend und unvergesslich.
Diese Liebe macht süchtig! Die Better-Trilogie ist perfekt alle, die:
• nie über Hardin Scott hinweggekommen sind
• Anna Todd und Mercedes Ron lieben
• nicht genug von unwiderstehlichen und fesselnden Romanen bekommen
• komplexe emotionale Geschichten suchen
Enthaltene Tropes: College Romance, Bad Boy, From two different worlds, Morally grey
Spice-Level: 3 von 5
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 635
Veröffentlichungsjahr: 2025
Carrie Leighton
Nachdem ich dich sah
Roman
Aus dem Italienischen
von Ingrid Ickler
Die Originalausgabe erschien 2023
unter dem Titel Dannazione
bei Adriano Salani Editore s. u. r. l., Gruppo editoriale Mauri Spagnol.
Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Copyright © 2023 Adriano Salani Editore s. u.r.l.
Gruppo editoriale Mauri Spagnol
Copyright © 2025 der deutschsprachigen Ausgabe by Penguin Verlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich
Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Lisa Wolf
Umschlaggestaltung: bürosüd
Umschlagabbildung[en]: Umschlagabbildungen: Arcangel Images / Magdalena Wasiczek
Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss
ISBN 978-3-641-33302-7V002
www.penguin-verlag.de
Für alle, die nach tausend Niederlagen ihren Mut
noch nicht verloren haben.
Für alle, die in ihrer eigenen Zerbrechlichkeit die Kraft
zum Handeln gefunden haben.
Für alle, die vergeblich für die Liebe kämpfen.
Für alle, die schon immer mit den eigenen Dämonen ringen.
Für alle, die sich von diesen Dämonen haben brechen lassen und einen Teil ihrer selbst verloren haben.
Vergesst nicht: Auch für euch scheint die Sonne wieder.
Ihr müsst nur den Blick zum Himmel heben,
und sie wird euch wärmen.
Mein siebter Geburtstag ist mir noch gut in Erinnerung. Wir feierten zu Hause zusammen mit den Kindern aus meiner Schule. Während die anderen im Garten spielten, hielt ich mich etwas abseits. Alex versuchte mich zum Lachen zu bringen und mir Matsch ins Gesicht zu schmieren, aber es gelang ihm nicht. Als es langsam dunkel wurde, rief meine Mom uns hinein, um die Geburtstagskerzen auszupusten. Im Wohnzimmer war schon alles für den großen Moment vorbereitet, und meine Gäste wollten Geburtstagstorte essen.
Ich aber wollte meinen Vater.
Dass meine Mutter, meine Großeltern, alle meine Freunde und ein paar Kinder aus der Nachbarschaft da waren, war mir egal.
Ich wollte ihn.
Er hatte es mir versprochen.
Und er hielt seine Versprechen. Immer.
Ich weiß noch, dass ich Mom nach ihm fragte, und sie antwortete, dass er im letzten Moment noch einen Termin auf der Arbeit hatte einschieben müssen, aber gleich da sein würde.
Und wie durch Zauberhand hörte ich in diesem Moment den Schlüssel im Haustürschloss, und mein Vater tauchte auf der Schwelle auf.
Mit freudestrahlenden Augen und einem breiten Lächeln rannte ich ihm entgegen und warf mich mit wehenden Haaren in seine Arme. Der perfekt gestutzte Bart meines Vaters streichelte mir über die Wange, und als er mich mit Küssen überschüttete, lachte ich aus vollem Herzen.
Ich war überglücklich.
Mein Dad hatte an der Garderobe im Flur seinen Mantel aufgehängt, Mom auf die Wange geküsst und den Gästen ein warmes Lächeln geschenkt, während ich mit seinen dunklen Locken spielte. Ich liebte sie so sehr. Dann ließ er mich runter und begleitete mich zum Tisch. Erst jetzt erlaubte ich meiner Mutter, den Kuchen hereinzuholen, natürlich eine Pistazientorte, damit ich die Kerzen auspusten konnte. Ich holte tief Luft, schloss die Augen und wünschte mir nur eines: Alles sollte so bleiben, wie es war.
Am nächsten Tag verbrachte ich den gesamten Nachmittag über zusammen mit meiner Mutter draußen: Sie ging mit mir auf den Spielplatz, schenkte mir Bonbons, wir unternahmen einen langen Spaziergang. Es war ein strahlender Apriltag und schon ziemlich warm.
Als wir nach Hause kamen, erwartete uns mein Vater schon. Er nahm mich in den Arm und sagte, er hätte eine Überraschung für mich. Ich jauchzte vor Glück und überschüttete ihn mit Fragen. Er konnte fast nicht aufhören zu lachen, so lustig fand er es, dass ich meine Neugier nicht im Zaum halten konnte. Wie immer schaute uns meine Mutter dabei etwas genervt zu. Dad trug mich die Treppe nach oben bis zu meinem Zimmer, wo die Überraschung auf mich wartete. Aufgeregt und mit feuchten Augen stellte er mich vor der verschlossenen Tür auf den Boden.
Ich wischte ihm eine Träne von der Wange und versuchte ihn zu beruhigen, genauso wie er es tat, wenn ich traurig war. Dann küsste er mich auf die Stirn und sagte, ich solle bis drei zählen.
Eins …
Zwei …
Drei …
Er öffnete die Tür, und ich war überwältigt.
Es war traumhaft.
Ich ging ein paar Schritte vorwärts, drehte mich im Kreis, unfähig zu begreifen, dass dies mein Zimmer war.
Es war immer spartanisch eingerichtet gewesen, ohne Vorhänge an den Fenstern, mit einem alten schmiedeeisernen Bett, von den Wänden blätterte der Putz, meine Spielsachen lagen in Wäschekörben. Das Zimmer, das sich jetzt vor meinen Augen präsentierte, schien aus einem Einrichtungsmagazin zu stammen: Die Wände waren glyzinienfarben gestrichen, die Fußbodenleisten weiß, genau wie der geräumige Kleiderschrank, ein Himmelbett voller Stofftiere und, an der Wand mir gegenüber, ein großes Bücherregal.
Ich fühlte mich wie eine Prinzessin in ihrem Schloss und brach vor Glück in Tränen aus.
Auf der Arbeit hatte mein Vater vor Kurzem eine Prämie erhalten und mit dem Geld mein Zimmer in ein Schmuckstück verwandelt.
Er kniete neben mir auf dem Boden, schaute mir ins Gesicht und fragte, ob ihm die Überraschung gelungen sei. Ich nickte und nahm ihn ganz fest in den Arm. An diesem Abend lief ich, nachdem ich gegessen und ein wenig mit meinen neuen Spielsachen gespielt hatte, ans Fenster – meinen Lieblingsplatz –, schob den neuen Vorhang beiseite und blickte in den Sternenhimmel.
Ich liebte es, aus dem Fenster zu schauen. Es war unser Ritual: jeden Abend, wenn mein Vater von der Arbeit nach Hause kam, und jeden Morgen, wenn er wieder aufbrach. Ich betrachtete sein Auto in der Einfahrt. Und er wusste immer gleich, dass ich da war und auf ihn wartete. Dann schaute er hoch und lächelte mir zu.
Das war unser Ritual.
Ein Ritual für die Ewigkeit.
Und doch, acht Jahre später, sah ich ihn zum letzten Mal aus der Ausfahrt fahren. Mit zwei schweren Koffern beladen, schaute er zu mir hoch, dieses Mal ohne ein Lächeln.
Das war der Tag, an dem er uns verließ.
Meine Mutter verließ.
Unser Zuhause.
Mich.
Er ging einfach weg.
Für immer.
Ich stand noch immer da, mit Tränen in den Augen und feuchtem Laub unter den Schuhen, und starrte auf die leere Stelle vor mir, wo noch vor wenigen Minuten Thomas gestanden hatte.
Er war gegangen.
Noch konnte ich nicht begreifen, was geschehen war, schleppte mich mühsam zur Veranda, ließ meine Tasche von der Schulter gleiten, stellte sie auf die oberste Stufe und setzte mich. Einen Moment lang schloss ich die Augen, aber selbst dann sah ich ihn. Seinen enttäuschten Blick, die Wut und die Schuld – meine Schuld. Ich hatte ihm nicht zugehört, seinen Worten nicht getraut. Weil ich immer zu naiv und zu gutgläubig war.
Der feuchte Wind zerzauste mir das Haar, die schwarzen widerspenstigen Locken fielen mir ins Gesicht. Als ich sie mir zu einem Zopf zusammenbinden wollte, bemerkte ich, dass ich das Haarband nicht mehr ums Handgelenk trug. Na toll, ich musste es verloren haben.
Wie dumm von mir.
Wie war ich nur in diese Situation geraten? Wie hatte ich das zulassen können?
Ich spürte, wie sich eine Migräne anbahnte, massierte mir die Schläfen, während ich gleichzeitig versuchte, die letzten Stunden wie ein Puzzle wieder zusammenzusetzen. Alles erschien mir so verwirrend und sinnlos. Ich erinnerte mich, wie ich Logan meine Gefühle für Thomas gestanden hatte, dann empört zur Tür gegangen war, nach all den Bösartigkeiten, die er über ihn geäußert hatte, bevor er mich dann doch noch zum Bleiben überredet hatte. Er wollte nicht allein sein, und ich hatte mich von seinem flehenden Ton einwickeln lassen. Wir hatten zusammen ferngesehen und dann … nichts mehr.
Ein Blitz zuckte durch die Dunkelheit, der nachfolgende Donner ließ das hölzerne Geländer der Veranda erzittern. Ich hob den Blick und schaute in den strömenden Regen.
Wohin war er gegangen?
Tief in mir drin fürchtete ich, die einzig mögliche Antwort bereits zu kennen.
Ein weiterer kräftiger Donner ließ mich zusammenzucken. Es schien, als ob sogar der Himmel meiner quälenden Vermutung beipflichten wollte. In meinem Kopf malte ich mir die schrecklichsten Szenen aus, meine Seele war in Aufruhr. Als ich nach meinem Handy griff und Thomas’ Nummer wählte, sprang nach nur zwei Klingeltönen die Mailbox an.
Ungläubig starrte ich aufs Display.
Hatte er mich etwa weggedrückt?
Ich versuchte es erneut, doch die Stimme auf der Mailbox erinnerte mich daran, wie ungern ich telefonierte. Mit einem Seufzen schloss ich frustriert die Augen und begann, nervös auf meinen Fingernägeln zu kauen. Ganz ruhig, Vanessa. Er ist nicht so wie Travis. Er wird nicht mit einer anderen ins Bett steigen, während ich bittere Tränen vergieße.
Das wird er nicht tun.
Oder doch?
Ich nahm wieder das Smartphone zur Hand, dieses Mal, um die einzige Person anzurufen, die mir die nötigen Antworten geben konnte – das hoffte ich zumindest.
»Nessy?«
Tiffany antwortete nach nur wenigen Sekunden, sie klang alarmiert. Ich wäre vermutlich genauso besorgt, wenn sie mich mitten in der Nacht anrufen würde. Im Hintergrund konnte ich Musik und Stimmengewirr hören. Sie war wohl auf einer Party.
»Ciao, Tiff, hast du eine Minute?«
»Sicher, alles klar bei dir? Was ist los?«
Einen Moment lang wollte ich ihr alles erzählen, entschied dann aber, mich nur auf das Nötigste zu beschränken. Für alles andere wäre morgen noch Zeit.
»Nichts Wichtiges, ich wollte nur wissen …« Ich atmete tief durch. »Du bist auf einer Party, oder?«
»Ja, Carol hat einen Filmabend organisiert. Eigentlich ganz gechillt, aber dann ist es irgendwie ausgeartet. Warum fragst du?«
»Also ich … ich wollte nur wissen, ob Thomas zufällig auch da ist.«
»Thomas? Warum sollte er hier sein, ohne dass du davon weißt?« Sie hielt inne. »Moment mal, soll das heißen, er hat sich schon wieder wie ein Idiot benommen?«, platzte es aus ihr heraus. »So ist es, oder? Ich schwöre dir, wenn ich ihn das nächste Mal sehe, packe ich ihn an seiner John-Travolta-Tolle, bis es ihm leidtut, dass …«
»Dieses Mal«, unterbrach ich sie, zögerte aber kurz, »… dieses Mal bin ich der Idiot.«
»Wie bitte?«
»Ich habe etwas wirklich, wirklich Dummes getan«, gestand ich. »Er ist wütend geworden und hat mich nach Hause gebracht, ohne auch nur ein Wort mit mir zu reden. Und seitdem kann ich ihn nicht mehr erreichen.« Ich presste mir die Hand vor die Augen. »Als er gegangen ist, war er völlig außer sich, antwortet seitdem nicht auf meine Anrufe. Du weißt ja, wie er ist. Wenn er sich aufregt, denkt er nicht nach und stellt irgendeinen Schwachsinn an. Ich habe Angst, dass er …« Die Worte blieben mir im Hals stecken. Allein der Gedanke, Thomas könnte mit einer anderen ins Bett steigen, ließ mich erstarren. Ich atmete tief durch und zwang mich, die Bilder aus meinem Kopf zu vertreiben.
»Okay, hab verstanden«, antwortete Tiffany. »Hör mal, als ich gekommen bin, war Thomas noch nicht da, erst um kurz vor halb zwölf. Nach etwa zwei Stunden ist er aber wieder abgehauen. Er wirkte ziemlich nervös. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.«
Statt erleichtert zu sein, dass er nicht auf Carols Party war, fühlte ich mich nur noch unbehaglicher. Wenn er nicht dort war, wo war er dann? Zu Hause ganz bestimmt nicht, das schloss ich von vornherein aus, dazu war er zu wütend gewesen.
»Weißt du, wo er sein könnte? Es ist Montag, viel mehr Partys wird es wohl kaum geben, oder?«
»Vielleicht im Wohnheim? Ich habe gehört, dass Finn etwas für seinen Geburtstag organisiert hat.«
Es wurde immer schlimmer. Wenn Finn eine Party schmiss, würde Thomas sicher dort sein, und nicht nur er. Ein schrecklicher Gedanke schoss mir durch den Kopf.
»Tiff … weißt du zufällig, ob Shana auch da ist?«, fragte ich voller Scham.
»Shana? Nein, die habe ich hier bei Carol noch nie gesehen. Du weißt doch, mit ihr hab ich nichts zu tun.«
Das war der Moment, an dem mein Herzschlag aussetzte. Sie war nicht da. Er war nicht da. Mein Gott, ich bitte dich, lass das nur einen dummen Zufall sein.
»Hallo, hörst du mich?«, fragte sie mich nach längerem Schweigen.
»Ja«, antwortete ich schwer atmend.
»Ganz ruhig, das klärt sich alles, du wirst sehen.« Sie versuchte vergeblich, mich zu beruhigen, und das wusste sie auch. Ich verabschiedete mich und legte auf, während meine Gedanken mich regelrecht durchdrehen ließen.
War er bei ihr?
Waren sie jetzt gerade zusammen?
Wenn ja, sollte mich das nicht wundern. Shana hatte es mir noch vor wenigen Stunden klar und deutlich gesagt. Er kam immer zu ihr zurück. Und das Schlimmste war, dass ich ihn selbst in ihre Arme getrieben hatte.
Ich biss mir auf die zitternde Unterlippe, meine Augen füllten sich mit Tränen. Ein weiteres Mal rief ich ihn an. Aber er meldete sich nicht.
Kurz darauf ging das Licht auf der Veranda an, die Eingangstür öffnete sich, und meine Mutter tauchte hinter mir auf.
»Vanessa, was machst du hier draußen? Es ist mitten in der Nacht, du bist komplett nass. Komm ins Haus.« Ihre Stimme klang verschlafen.
»Nein, ich fühle mich wohl hier«, entgegnete ich knapp, ohne mich umzudrehen. Ich hatte nicht vor, so zu tun, als sei zwischen uns alles in Ordnung, denn das war es absolut nicht. Noch immer gingen mir unser Streit und die absurden Drohungen nach, die sie ausgesprochen hatte, um Thomas aus meinem Leben zu vertreiben. Wenn sie wüsste, in welcher Situation ich mich gerade befand, würde sie sicher Freudensprünge machen.
»Bei der Kälte wirst du noch krank«, beharrte sie, setzte sich neben mich und schmiegte sich in ihren Morgenmantel. Ich beachtete sie gar nicht und rief zum wiederholten Mal Thomas an. Es klingelte endlos lang, dann sprang die Mailbox an, und ich stürzte in ein Meer der Verzweiflung.
»Hör mal, Vanessa«, begann meine Mutter. »Ich weiß, wir haben in letzter Zeit ein angespanntes Verhältnis. Heute Morgen hast du mir keine Zeit gegeben, dir zu erklären, wie die Dinge mit Viktor stehen. Es tut mir auch wirklich leid, dass du von ihm erfahren hast, dass er hier einziehen wird, und nicht von mir. Ich möchte nur, dass du verstehst …«
Ich lachte bitter und drehte mich zu ihr um. »Ein angespanntes Verhältnis? Aber nein, du hast doch nur einen Mann bei uns einziehen lassen, ohne mich zu fragen. Einen Mann, den du wie lange kennst? Ein paar Monate? Und dann drohst du ernsthaft damit, mir alles zu nehmen, nur weil du den Mann, den ich date, nicht magst.« Oder den ich gedatet habe, setzte ich in Gedanken hinzu.
»Müssen wir wieder damit anfangen?« Ihre Gesichtszüge verhärteten sich.
»Würde das etwas nützen? Offensichtlich nicht, denn du hast schon lange entschieden, dass Thomas nicht zu mir passt, und niemand wird dich davon abbringen, oder?«
»Ich gehe mal davon aus, dass ich bei diesem Typen nicht ganz unrecht hatte, wenn ich meine Tochter nachts weinend vor dem Haus sitzen sehe und sie nicht reinkommen will«, entgegnete sie verächtlich, als sei ich ein kleines Kind.
Ich schnaubte. »Du glaubst, du weißt alles besser, oder?«, erwiderte ich und zog die Augenbrauen hoch. »Aber so ist es nicht. Du weißt nichts von mir und auch nichts von ihm.«
»Ich weiß nichts von dir? Mach dich nicht lächerlich. Du bist meine Tochter, niemand kennt dich besser als ich. Meinst du, Viktor hätte mir nichts von dem Besuch gestern Nacht erzählt?« Sie warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Dann schloss sie die Augen und massierte sich die Nasenwurzel, als wolle sie sich erst einmal beruhigen. »Ich versuche doch nur, dich zu verstehen, aber so geht das nicht«. Du kannst nicht einfach machen, was du willst. In meinem Haus hast du meine Regeln zu befolgen. Sonst …«
»Sonst was?«, fragte ich provozierend. »Nimmst du mir mein Handy weg? Gibt es Fernsehverbot? Ich bin erwachsen und möchte auch so behandelt werden!«
»Erwachsen? Glaub mir, so verhält sich keine Erwachsene.«
»Nur weil ich nicht das tue, was du sagst?«
»Nein, weil du noch immer nicht zwischen Richtig und Falsch unterscheiden kannst.«
»Aber du kannst es? Du hast beschlossen, einen Mann bei uns einziehen zu lassen, den ich nur einmal gesehen habe und mit dem ich jetzt die Wohnung teilen muss! Du machst einen Riesenschritt mit einem Menschen, von dem du kaum etwas weißt. Macht dich das erwachsener oder klüger als mich?«
»Wenn ich Viktor nicht hundertprozentig vertrauen würde, hätte ich ihn nicht einziehen lassen. Er ist ein guter Mensch.«
»Wenn du das über ihn sagen kannst, warum kann ich das nicht von Thomas sagen? Spielt meine Meinung überhaupt keine Rolle?«
»Nein, das spielt sie schon, aber hier bin ich die Erziehungsberechtigte, und deshalb wird es so gemacht, wie ich es sage.« Sie hob entschlossen das Kinn.
Ich senkte den Blick und spürte, wie meine Wangen vor Wut brannten. »Wie immer bin ich es, die sich dem Willen der anderen fügen muss, oder?«
Ihr Schweigen war Antwort genug.
»Wenn dir nur ein bisschen was an mir liegen würde, würdest du mich nicht so behandeln … Mein Gott«, seufzte ich verzweifelt. »Ich bin deine Tochter. Du solltest mich unterstützen, fest an meiner Seite stehen, dich für mich freuen und nur das Beste für mich wollen. Warum fällt dir das so schwer?«
Meine Mutter legte sich die Hände auf die Brust, auf ihrem Gesicht lag ein schmerzlicher Ausdruck. »Ich will nur dein Bestes, aber du bist zu sehr involviert, um zu verstehen, dass er dir nicht guttut. Ich werde meine Meinung über diesen jungen Mann nicht ändern und auch nicht über das, was ich von dir erwarte!« Der autoritäre Ton, in dem sie das sagte, brachte das Fass zum Überlaufen.
Ich atmete hörbar durch die Nase ein. »Wenn du willst, dass ich dich hasse, dann ist es dir gelungen. Aber das ist ja nichts Neues. Menschen dazu zu bringen, dich zu hassen, scheint deine absolute Stärke zu sein. Schau dir nur meinen Vater an. Er hatte die Nase so voll von dir, deinem dauernden Druck, deiner zwanghaften Kontrollsucht, dass er die erstbeste Gelegenheit genutzt hat, um abzuhauen. Er hat sich ein neues Leben aufgebaut. Ein Leben, in dem du nicht vorkommst. Und stell dir vor: Er ist glücklich! Wenn du nicht in der Nähe bist, ist jeder glücklich! Dadurch muss dir doch klar sein, dass du alles kaputt machst, was du anfasst!« Mit einer mir selbst fremden Grausamkeit sprudelten die Worte nur so aus mir heraus, ohne dass ich sie zurückhalten konnte. Und genauso unvermutet traf mich eine Sekunde später eine derart kräftige Ohrfeige, dass meine Wange wie Feuer brannte. Vor Überraschung blieb mir der Mund offen stehen, meiner Mutter ging es offensichtlich genauso, auch sie schien schockiert von ihrer eigenen Reaktion.
»Woher hast du nur diese Boshaftigkeit?«, fragte sie mit zittriger Stimme und flammendem Blick. »Ich habe es nicht für möglich gehalten, aber je älter du wirst, desto ähnlicher wirst du ihm.« Eine gefühlte Ewigkeit lang musterte sie mich voller Abscheu. Dann wandte sie den Blick ab, raffte den Morgenmantel zusammen, wischte sich eine Träne aus dem Gesicht und sagte: »Du willst erwachsen sein? Gut. Dann schauen wir mal, wie lange du durchhältst. Morgen wirst du dieses Haus verlassen, dann kannst du endlich glücklich sein. Du arbeitest, verdienst dein eigenes Geld und wirst sicher wunderbar allein zurechtkommen!«
Mit der Hand auf der immer noch brennenden Wange sah ich, wie sie davonrauschte und die Tür hinter sich zuschlug.
Das konnte sie nicht ernst gemeint haben …
Ich wusste, dass ich übertrieben hatte. Ich wusste, dass ich, ohne nachzudenken, drauflosgeredet hatte. Dass meine Mutter das Ende ihrer Ehe als Scheitern betrachtete. Ich hatte miterlebt, wie sie sich aus Scham davor, betrogen worden zu sein, zu Hause einschloss, während mein Vater eine neue Familie gründete. Nun schenkte er all seine Aufmerksamkeit ihnen und nicht mehr uns. Ich wusste, dass in dieser Geschichte er der Böse war. Und dass er wahrscheinlich sogar eine Mitschuld daran trug, dass sie jetzt so zynisch und ich so unsicher war. Ich wusste es, weil ich genauso wie sie gelitten hatte – bis heute. Doch ihre Art, sich in mein Leben einzumischen, hatte mich die Kontrolle verlieren lassen. Es war unfair von ihr, mich so in die Enge zu treiben. Ich war so wütend gewesen, dass ein Teil von mir sie verletzen wollte. Und zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass Thomas und ich uns im Grunde gar nicht so unähnlich waren.
Als das Licht auf der Veranda ausging, füllten sich meine Augen mit Tränen, meine Unterlippe zitterte, und mein Magen krampfte sich zusammen.
In weniger als einer Stunde war es mir gelungen, dass Thomas mich verlassen und meine Mutter mich aus dem Haus geworfen hatte. Als mir klar wurde, was ich alles an einem einzigen Abend verloren hatte, brach meine Welt zusammen.
Mit letzter Kraft schleppte ich mich auf die Liege neben dem Eingang und rollte mich wie ein Fötus zusammen. Ich presste die Wange aufs Kissen und versuchte das Schluchzen zu unterdrücken, das meinen Körper erschütterte, doch es gelang mir nicht.
Es war alles meine Schuld.
Immer war alles meine Schuld.
Als mich jemand sanft an der Schulter schüttelte, wachte ich auf und fragte mich im nächsten Moment, wie viel Zeit wohl vergangen war. Es hatte aufgehört zu regnen, und der unverwechselbare Duft nach feuchter Erde lag in der Luft. Es wehte eine starke Brise, der Himmel war noch dunkel. Langsam öffnete ich die vom Weinen noch brennenden Augen und sah ein schemenhaftes Bild vor mir. Ich runzelte die Stirn. Im Licht der Straßenlaterne blickten mich zwei große Augen besorgt an, während sich eine tätowierte Hand auf meine Hüfte legte, die nun von einer schwarzen Lederjacke bedeckt wurde.
»Thomas?«, murmelte ich verwirrt und zog mich hoch. »Was machst du hier?«
»Du zitterst«, stellte er fest, kniete sich hin und rieb mir die Arme, um mich zu wärmen. »Warum bist du hier draußen?«
»Ich bin eingeschlafen«, antwortete ich, noch immer verwirrt. Dann musterte ich ihn genauer. Er schien nicht mehr wütend zu sein, nur noch müde und besorgt.
»Hier draußen?«, fragte er missbilligend und zog mir die Jacke über die Schultern. Jetzt, da er mir so nah war, stieg mir der Geruch von Bier und Zigaretten in die Nase.
Hatte er etwa getrunken? Ein schlechtes Zeichen.
»Ich brauchte frische Luft«, log ich. Ich wollte ihm nicht erzählen, was geschehen war, nur wissen, wo er gewesen war und was er gemacht hatte. Gerade als ich ihn danach fragen wollte, bemerkte ich, wie er mit gerunzelter Stirn auf meine rechte Wange blickte. Sein Kiefer verkrampfte sich, er strich mir mit dem Handrücken über die Haut, und ich zuckte zusammen. Der Abdruck der Ohrfeige schien noch deutlich zu sehen zu sein, immerhin war seit dem Streit mit meiner Mutter noch nicht viel Zeit vergangen. Ich schaute auf das Handy neben mir, es war nach drei Uhr nachts.
»Wer war das?«, fragte er streng.
»Meine Mutter.« Überrascht zog er die Augenbrauen hoch. Bevor er mich jedoch noch weiter ausfragen konnte, ging ich zum Angriff über. »Wo bist du gewesen? Ich habe dich immer wieder angerufen, und du bist nicht drangegangen …« Die Angst in meiner Stimme war deutlich zu hören.
Er schaute zu Boden und fuhr sich mit dem Daumen über die linke Augenbraue. »Ich musste etwas klären.«
»Was denn?« Ich schluckte und zog die Jacke enger um mich.
»Glaub mir, das willst du nicht wissen.«
Mein Herz schlug so heftig, dass ich es bis in die Kehle spüren konnte, und Panik breitete sich in mir aus. Er hatte es getan. Er war bei einer anderen gewesen, ich wusste es. Man sah es daran, wie er meinen Blick mied, an diesem verkniffenen Gesichtsausdruck von jemandem, der einen Fehler gemacht hatte und jetzt nicht wusste, wie er es zugeben sollte.
»Ich will es aber wissen. Nach der Erfahrung mit Travis schockt mich nichts mehr«, fügte ich hinzu und streifte seine Jacke ab.
»Was meinst du damit?«, fragte er erstaunt.
»Los, Thomas, sag es.«
»Was soll ich denn sagen?«
»Hör mal, du bist stinksauer von hier abgehauen, hast nichts mehr von dir hören lassen, und jetzt bist du hier, stinkst nach Bier und willst mir nicht erzählen, was passiert ist. Gut, im Grunde bist du mir nichts schuldig, weder eine Erklärung noch eine Rechtfertigung, weil wir nicht zusammen sind. Aber ich hatte das alles schon, ich weiß, wie das läuft, und wenn du …«, mein Magen zog sich zusammen, »wenn du bei ihr warst, will ich das wissen.«
Einen Moment lang wurde es sehr still. Thomas wirkte nach wie vor verwirrt. Dann riss er die Augen auf. »Augenblick mal, was reimst du dir denn da zusammen?«
Ich blickte betreten zu Boden und antwortete nicht. Ich konnte einfach nicht.
Sanft drückte er mein Kinn nach oben und zwang mich, ihn anzusehen. »Du glaubst, ich war bei einer anderen?«
»Und?«
»Himmel, nein.«
»Du warst also nicht bei … Finn?« Er schüttelte den Kopf. »Und bei keiner anderen?«, schob ich flüsternd nach.
Er schien kurz zu zögern, und ich hielt die Luft an, aber dann schüttelte er wieder den Kopf. Ich schaute ihm fest in die Augen. »Ich dachte, ich hätte klar und deutlich gesagt, dass ich so was nicht mache.«
»Sagen lässt sich viel, Thomas.«
»So etwas würde ich dir niemals antun.«
»Warum bist du dann nicht ans Handy gegangen? Warum willst du mir nicht sagen, wo du die ganze Zeit warst?«
»Weil es Dinge gibt, von denen du besser nichts weißt. Zu deinem eigenen Schutz.«
Eigentlich sollte ich inzwischen daran gewöhnt sein, dass er mich immer aus allem raushält. Und doch brach es mir jedes Mal das Herz. Als ob er meine Gedanken lesen könnte, nahm Thomas mein Gesicht in die Hände, strich mir mit den Daumen über die Wangen und zog mich dann an sich. Ich schloss die Augen, weil die Tränen erneut zurückkehrten. Als ob ich nicht schon genug geweint hätte.
»Als ich weggefahren bin, war ich wirklich stocksauer. Aber eines musst du wissen: Egal wie sauer ich bin oder wie wütend du mich machst … du bleibst immer das Wichtigste für mich.« Er schaute mich eindringlich an, legte seine Stirn gegen meine, während ich versuchte, meine Gefühle in den Griff zu bekommen. Unsere Lippen berührten sich, unsere Herzen schlugen schneller, bis Thomas mich endlich küsste, mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und Entschlossenheit.
Auch wenn ich in der Vergangenheit nur schwer akzeptieren konnte, dass er mich aus allem raushielt, begann ich nun zu verstehen, warum er das tat: Er wollte mich beschützen.
Ich griff nach seinen Händen, verflocht unsere Finger und führte sie zu meinen Hüften. Mit leicht geneigtem Kopf sah er mich nachdenklich an.
»Ich kann warten …«
»Warten?«, wiederholte er sanft.
»Auf den Moment, in dem du dich entscheidest, mich dort hineinzulassen«, sagte ich und legte ihm die Hand auf die Brust, dort, wo sein Herz war.
»Ness …«
»Nein«, erwiderte ich und presste ihm den Zeigefinger auf die Lippen. Ich wollte es nicht hören. Jetzt sollte er mir zuhören. »Ich kann warten, Thomas. Egal ob es einen Tag oder ein ganzes Leben lang dauert: Ich werde warten … Und wenn du bereit bist, wenn du mich endlich zu dir vordringen lässt, dann werde ich es in aller Stille tun, vorsichtig, werde alles beobachten und das, was ich noch nicht verstehen kann, in Ruhe lassen und lernen, es zu akzeptieren.« Als ich seinen verwirrten Gesichtsausdruck bemerkte, fuhr ich fort: »Ich erwarte nicht, dass du es jetzt gleich machst. Du sollst nur wissen, dass ich bereit bin, wenn du es bist. Du musst keine Angst haben, mich in deine Welt hineinzulassen, weil du mich nicht zerstören, sondern mir etwas beibringen wirst.«
Er schwieg, schaute mich nur mit seinen hypnotischen Augen an, denen ich mich nicht entziehen konnte. Ich hatte das Gefühl, als wolle er mir etwas sagen, doch er tat es nicht.
Plötzlich zog er mich an sich und umarmte mich innig. Ich lehnte den Kopf an seine Brust, genau dort, wo ich die kräftigen Herzschläge zwischen seinen Rippen spüren konnte. Ich drückte mich noch enger an ihn und ließ mich umfangen von seiner Wärme, die ich gerade jetzt so sehr brauchte.
»Es tut mir leid wegen heute Abend«, sagte ich leise.
»Denk nicht mehr dran.«
Aber das konnte ich nicht, bei allem, was Logan über Thomas gesagt hatte. Ich hatte seine Worte noch immer im Kopf.
»Er ist ein Versager, ein Nichts. Ein Feigling. Du bist nur eines seiner bedauernswerten Opfer, die ihm in die Falle gegangen sind.«
Ich löste mich aus Thomas’ Arm und schaute ihn an. »Nein, ich habe einen Fehler gemacht. Ich hätte nicht mit auf sein Zimmer gehen und so lange bleiben sollen, bis ich mein Zeitgefühl verloren hatte. Das war dumm von mir. Aber ich schwöre dir, dass zwischen uns nichts passiert ist. Ich hätte dir glauben sollen, habe dir stattdessen Sorgen bereitet, und du bist wütend geworden …«
»Es reicht, Ness. Vergiss ihn. Das Wichtigste ist, dass es dir gut geht.« Langsam schob er mir eine widerspenstige Strähne hinter die Ohren und sah mich besorgt an. »Sag mir lieber, was du hier draußen machst.«
Ich erstarrte. Das Letzte, was ich jetzt sagen konnte, war, dass meine Mutter mich seinetwegen rausgeworfen hatte. Er würde sich die Schuld geben und mich zurückweisen. »Los, raus damit«, forderte er mich ungeduldig auf.
Mit einem tiefen Seufzer setzte ich mich gerade hin. »Ich habe mit meiner Mutter wegen Viktor gestritten, ihrem neuen Freund, der hier einziehen wird. Ich bin damit nicht einverstanden, aber das interessiert sie nicht. Ich habe ihr schlimme Dinge an den Kopf geworfen, sehr schlimme, und sie … sie hat mir zu verstehen gegeben, dass ich in diesem Haus nicht mehr willkommen bin.«
Das war zwar nicht ganz die Wahrheit, aber zumindest ein Teil davon.
Thomas wich leicht zurück. »Willst du mich verarschen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, aber das ist jetzt auch egal.«
Er biss die Lippen zusammen. »Warum ist das egal?«
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Natürlich war es nicht egal. Aber selbst wenn wir darüber reden würden, würde das nichts ändern. Ich wollte auf Thomas nicht verzichten, und meine Mutter würde auf ihrer Meinung beharren. Deshalb zog ich die Knie an die Brust, legte das Kinn darauf und verschloss mich in ein schmerzhaftes Schweigen. Als Thomas klar wurde, dass er nicht mehr aus mir herausbekommen würde, fuhr er sich entnervt durchs Haar, stand auf, zog ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche und zündete sich eine an. Dann setzte er sich neben mich, ließ mich aber weiterhin nicht aus den Augen.
»Und jetzt?«
»Keine Ahnung.«
»Wie, keine Ahnung?«
Ich blickte ihn traurig an. »Ich habe niemanden, zu dem ich gehen könnte. Wenn ich einen Vater hätte, der in Corvallis lebt, dann wäre das anders, nehme ich an. Aber er ist nicht hier. Er kümmert sich um seinen Sohn, wo auch immer, da ist für mich kein Platz. Mit dem Geld, das ich im Marsy verdiene, kann ich mir gerade mal eine schäbige Bude am Stadtrand leisten. Und wie ich ab jetzt die Studiengebühren aufbringen soll, ist mir auch schleierhaft. Also: keine Ahnung. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Ich bleibe einfach hier sitzen.« Erschöpft stützte ich das Kinn wieder auf die Knie, die Situation überforderte mich.
Thomas hatte mir schweigend zugehört, dann rauchte er in völliger Stille seine Zigarette zu Ende, stand auf, reichte mir die Hand und sagte: »Komm, ich bring dich weg von hier.«
Ich starrte ihn an. »Jetzt?«
Er nickte. »Genau jetzt. Die Nacht ist noch lang, und hierzubleiben, macht keinen Sinn.«
Wie er mir so die Hand hinstreckte, schien es mir wie ein Déjà-vu. Unweigerlich musste ich an den Abend vor fast zwei Monaten denken, als er mich eingeladen hatte, ihn ins Studentenwohnheim zu begleiten. Damals kannte ich ihn gerade mal eine Woche und hatte kaum fünf Sekunden gebraucht, um Ja zu sagen. Im Grunde war es heute nicht viel anders, denn trotz allem würde ich ihm überallhin folgen.
»Einverstanden. Und wo bringst du mich hin?«
Er schaute mich mit seinem arroganten Lächeln an, das ihn so unwiderstehlich machte. »Das wirst du schon sehen.« Dann nahm er meine Hand, hob meine Tasche vom Boden auf und führte mich zu seinem Motorrad.
Nachdem wir durch die regennassen Straßen von Corvallis gerast waren und ich mich fest an Thomas’ Körper geklammert hatte, erreichten wir den Campus. Thomas stellte den Motor ab, bockte die Maschine auf und sah sich um, als suchte er jemanden. Wer, glaubte er, sollte außer dem Wachmann um diese Zeit auf dem Campus unterwegs sein?
Nachdem wir beide die Helme abgesetzt hatten, bat er mich, ihm sein Handy zu geben. Ich zog es aus seiner Lederjacke, die ich noch immer trug, reichte es ihm, und er tippte eine Nachricht ein. Bevor ich ihn fragen konnte, was wir hier wollten, zog er den Ärmel seines Sweatshirts hoch und löste sein schwarzes Bandana vom Handgelenk. »Zieh das an.«
Ich starrte ihn an. »Was meinst du mit anziehen?«
»Verbinde dir die Augen«, befahl er und grinste.
»Was zum Teufel hast du vor, Collins?«
Er schien sichtlich amüsiert, als plötzlich ein Pfiff ertönte und aus dem Wohnheim für die männlichen Studenten ein großer blonder, athletisch gebauter junger Mann auf uns zukam. »Ich hol nur kurz etwas, dann zeige ich es dir«, erklärte mir Thomas und ging ihm entgegen. Anfangs glaubte ich, ihn nicht zu kennen, aber dann erinnerte ich mich, die beiden schon öfters zusammen in der Cafeteria gesehen zu haben. Sie schlugen sich zur Begrüßung freundschaftlich auf die Schulter und lachten. Irgendwann sah sein Freund zu mir herüber und warf mir den klassischen »Guter Fang, Kumpel«-Blick zu. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und sah, wie er Thomas einen Schlüssel in die Hand drückte. Sie sprachen noch kurz miteinander und verabschiedeten sich dann. Als Thomas zurückkam, konnte ich meine Neugier nicht mehr zurückhalten.
»Wer war das?«, fragte ich und entrollte das Bandana.
»Ein Mitspieler aus dem Eishockeyteam.«
»Und wofür hat er dir einen Schlüssel gegeben?«
Thomas seufzte theatralisch, schob sich beide Helme über den Unterarm und schloss das Motorrad ab. »Du stellst zu viele Fragen, Ness. Viel zu viele. Verbinde dir die Augen und vertrau mir einfach.«
Ich schnaubte, konnte mir ein Lächeln aber nicht verkneifen. »Du bringst mich aber jetzt nicht in einen Raum mit dubiosem Spielzeug, oder? In diesem Fall solltest du wissen, dass ich nicht auf Sadomaso stehe und auch nicht vorhabe, mich von dir auspeitschen zu lassen«, stellte ich klar und verband mir die Augen.
Er brach in solch ein herzhaftes Gelächter aus, dass mir ganz warm ums Herz wurde und ich alles vergaß, was heute Nacht passiert war. Dann umfasste er meine Hüften und kam mit seinem Mund ganz nah an mein Ohr. Sein warmer Atem streichelte meine Haut. »Verdammt, dann muss ich mich wohl wieder mit Fingerübungen begnügen.« Ich spürte, wie er in meine Halsbeuge lachte und mich sanft in den Hals biss.
Ich zuckte wohlig zusammen, runzelte dann aber die Stirn. »Die Tatsache, dass ich keine Ahnung habe, was du damit meinst, lässt mich ein bisschen dämlich aussehen, oder?«
»Du weißt es doch, du weißt es nur zu gut.«
»Oh …« Ich verstummte, spürte meine Wangen vor Scham in Flammen stehen.
»Du kannst ganz beruhigt sein, im Moment habe ich nichts dergleichen vor.«
»Und was hast du dann vor, Thomas?«, fragte ich verschmitzt.
Er umfasste mein Kinn und drehte meinen Kopf zur Seite. Als ich seine Lippen auf meinen spürte, hielt ich die Luft an. Seine warme, raue Stimme flüsterte: »Ich will dich glücklich machen.«
Während mich ein Strudel der Gefühle erfasste, legte er mir die Hände auf die Schulter und schob mich sanft vorwärts.
»Warte, ganz langsam. Jetzt nach rechts. Ich habe gesagt rechts, nicht links. Vorsicht, sonst knallst du gegen die Wand.«
»Hallo, du bist derjenige, der aufpassen muss, damit ich nicht gegen die Wand laufe.« Ich versuchte mich anhand seiner wenigen Anweisungen zurechtzufinden.
»Du hörst mir ja nicht zu.«
»Du kannst keine richtigen Anweisungen geben. Gerade eben hast du mich gegen eine Glastür laufen lassen, weil du ›vergessen hast‹, mich vorzuwarnen. Dabei war sie direkt vor mir.«
»Ich habe es dir gesagt, aber du hast die Reaktionszeit eines Faultiers.«
»Da hatte ich sie schon vor der Nase. Und lach mich nicht aus, hören kann ich immerhin noch«, rief ich und stieß ihm freundschaftlich den Ellbogen in den Bauch.
Ich spürte, wie er lächelte. »Gut, jetzt den rechten Fuß heben, da ist eine Stufe.«
Ich folgte seinen Anweisungen, bis er mich nach ein paar Metern anhielt.
»Sind wir da?«, fragte ich.
Er antwortete nicht, nahm die Hand von meiner Schulter, und einen Augenblick später hörte ich, wie eine Tür geöffnet wurde. Ein Schwall eisiger Luft traf mich.
Warum war es plötzlich so kalt?
Thomas schob mich weiter vorwärts, bis er meine Hände auf eine Brüstung vor mich legte.
»Okay, wir sind da. Bist du bereit?«
Die Sanftheit in seiner Stimme ließ mich dahinschmelzen. Das war neu.
»Überrasch mich«, drängte ich.
Er wartete einen Moment, dann löste er das Bandana. Vor mir erstreckte sich eine riesige leere Eisfläche, die nur von einem einzigen Scheinwerfer beleuchtet wurde. Ich war wie verzaubert. Es war wunderschön, und sofort kamen mir Kindheitserinnerungen in den Sinn, Momente, die ich mit dem einzigen Mann verbracht hatte, von dem ich geglaubt hatte, er würde mich nie verlassen. Das Lachen meines Vaters hallte in meinem Kopf. Seine großen, schwieligen Hände hielten mich, damit ich nicht hinfiel. Seine anfeuernden Worte: »Los, meine Kleine, jetzt lasse ich dich los, und du versuchst es allein. Du schaffst das, ich weiß es.« Seine Finger lösten sich von meinen, und sein stolzes Lächeln gab mir Mut … Ich spürte, wie meine Augen feucht wurden, während ich begeistert auf die Eisfläche vor mir starrte.
»Du hast dich daran erinnert?« Meine Stimme zitterte. In der Nacht, die Thomas bei mir verbracht hatte, hatte ich ihm von meinem Vater und vom Eislaufen erzählt und wie sehr es mir fehlte.
Thomas kam auf mich zu, schob mir ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht, mit dem Daumen wischte er mir eine Träne von der Wange, die ich gar nicht bemerkt hatte.
»Ich kann dir keine Lösung für dein Problem bieten, aber einen Moment der Entspannung, um die Realität hinter dir zu lassen. Und ich dachte, das hier«, er schaute auf die Eisfläche, »könnte der richtige Ort sein.«
Ich drehte mich zu ihm und schloss ihn in die Arme. Mit meiner ganzen Dankbarkeit. Einen Moment lang schien Thomas überrascht, als ob er das nicht erwartet hätte, aber dann erwiderte er die Umarmung, und ich schmiegte mich an ihn.
»Willst du eislaufen?«, wollte er wissen und streichelte mir über den Nacken.
Ich löste mich von ihm und fragte unsicher: »Meinst du, das geht?«
Er schaute sich um und hob demonstrativ die Schultern. »Wer sollte es dir verbieten?«
»Der Wachmann zum Beispiel. Wir sollten nicht mal hier sein«, gab ich leise zu bedenken, als könnte uns jemand hören.
»Der dürfte um diese Zeit schlafen. Wir sind allein. Wenn du also eislaufen willst, tu es.«
Ich ließ die Eisfläche nicht aus den Augen, biss mir auf die Unterlippe, unschlüssig, was ich tun sollte.
»Ja, ich will.«
Er schien zufrieden. »Dann hol dir ein Paar Schlittschuhe«, meinte er und deutete auf das Lager hinter ihm. »Zuerst musst du mir aber versprechen, dass du nicht irgend so einen Ritter, oder wie das heißt, probierst, ich will nicht schuld daran sein, wenn du dir wehtust«, erklärte er scherzhaft und bezog sich auf den kleinen »Vorfall«, von dem ich ihm berichtet hatte.
»Rittberger«, korrigierte ich ihn lachend und versicherte ihm dann mit Engelsmiene: »Ich werde ganz brav sein, versprochen.«
Gerade, als ich an ihm vorbeigehen wollte, zog er mich an sich.
»Dir geht es gut, oder? Ich meine, von deiner Mutter mal abgesehen … geht es dir gut, ja?« Er war plötzlich ganz ernst.
Ich konnte die Wärme seines Körpers spüren, die mich durchströmte.
»Ich denke schon«, antwortete ich spontan. »Ich bin natürlich noch ziemlich fertig, habe Kopfschmerzen, aber … ich würde sagen, es geht mir gut.«
Er sah mich mit einem Blick an, den ich nicht richtig deuten konnte. So ganz schien ich ihn nicht überzeugt zu haben.
»Hey …« Ich streichelte ihm mit all meiner Zärtlichkeit übers Gesicht und wollte ihn gerade fragen, was ihm durch den Kopf ging, kam aber nicht dazu. Auf einmal lag sein Mund auf meinem – warm, weich und zart. Ich öffnete ganz selbstverständlich meine Lippen, als ob mein Körper auf nichts anderes gewartet hätte, während er meine Hüften umfasste. Ein prickelndes Verlangen durchfuhr mich, so wie jedes Mal, wenn er mich berührte, mich ansah oder küsste. Mir zitterten die Knie, die Hände, sogar das Herz.
Als wir uns voneinander lösten, versank ich in seinen dunkelgrünen Augen, die glänzten wie Smaragde und mich sicher und immun gegen jegliche Gefahr fühlen ließen. Und obwohl ich wusste, dass die größte Gefahr direkt vor mir stand, konnte ich nichts anderes tun, als ihn anzuschauen, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der ganzen Welt. Plötzlich waren die Erwartungen meiner Mutter mir vollkommen egal. Es spielte keine Rolle, dass ich kein Dach mehr über dem Kopf hatte, dass ich allein zurechtkommen musste – Hauptsache, Thomas war bei mir. Mehr brauchte ich nicht.
»Danke, dass du mich hierhergebracht hast.«
Er schüttelte den Kopf, runzelte die Stirn, als gäbe es nichts, wofür ich mich bedanken müsste, als sei es selbstverständlich und als hätte er das für jeden anderen auch getan. Aber so war es nicht.
Nicht jeder hätte mich mitten in der Nacht zum Eislaufen mitgenommen. Thomas schon.
Eine Wahrheit, die ich schon viel zu lange geleugnet hatte, drängte an die Oberfläche, ließ sich nicht länger unterdrücken. Ich musste es vor mir selbst zugeben, konnte nicht mehr zurück.
Das würde das Ende sein.
Mein Ende.
Es hatte keinen Sinn, es zu leugnen.
Er ahnte nichts von meinen gefährlichen Gedanken und lächelte mich an. Dann trat er einen Schritt zurück und winkte mich in Richtung Lager. Meine Gedanken rasten, genau wie mein Herz.
O Gott.
Ich hatte mich in Thomas Collins verliebt.
Die Eiseskälte biss mich in der Kehle, die Kufen kratzten übers Eis. Ich drehte eine Runde, versuchte eine Pirouette, hob die Arme und atmete tief die kalte Luft ein, die auf meiner Haut prickelte. Ich drehte mich so schnell um mich selbst, dass ich fast das Gefühl hatte, von einem Strudel eingesaugt zu werden. Es war die dritte Pirouette, die mir ohne Sturz gelang, die ersten vier waren klägliche Fehlversuche gewesen. Jedes Mal, wenn ich Anlauf genommen hatte, war ich mit dem Hintern auf dem Eis gelandet, und Thomas hatte sich natürlich sofort über mich lustig gemacht. Er hatte sich auf einen der leeren Sitze rund um die Eisfläche gesetzt und verhöhnte mich bei jedem Sturz. Was für ein Idiot!
Nach ein paar weiteren Runden spürte ich die Müdigkeit der schlaflosen Nacht, und wenn ich mir Thomas’ gerötete Augen ansah, wusste ich, dass es ihm genauso ging. Trotzdem blieb er, schaute mir beim Eislaufen zu und wartete, bis ich genug davon hatte. Ich fuhr zu ihm, legte die Hände auf die Bande und erlöste ihn. »Hey, sollen wir gehen?«
»Willst du nicht mehr?« Er erhob sich.
»Nein, ich bin müde. Bald geht die Sonne auf, und auf dem Campus wird einiges los ein.«
»Gut, dann los.«
Ich zog die Schlittschuhe aus und brachte sie zurück ins Lager. Dabei achtete ich darauf, sie exakt an ihren ursprünglichen Platz zurückzulegen, damit niemand Verdacht schöpfte, und ging dann mit Thomas zurück durch die leeren Flure der Oregon State University.
Lächelnd musste ich mir eingestehen, wie wohl ich mich in der letzten Stunde gefühlt hatte. Nach so vielen Jahren wieder auf dem Eis zu stehen, hatte etwas Magisches. Er hatte es zu etwas Magischem gemacht. Trotzdem war mir bewusst, dass diese Ruhe, die ich verspürte, nicht von Dauer sein würde, dass ich nach dieser Euphorie bald wieder in einer Depression versinken würde. Aber einen kurzen und wundervollen Moment lang hatte Thomas den Schmerz, der mich erfüllte, erträglicher gemacht.
Unterwegs sprachen wir kein Wort, jeder war in seinen Gedanken versunken. Erst als wir den Eingang erreichten, durchfuhr mich eine stechende Erkenntnis. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich nirgendwo hingehen konnte, kein Zuhause mehr hatte.
»Was ist?«, fragte Thomas mit seiner tiefen, rauen Stimme.
»Nichts.«
Er blieb stehen und schaute mich zweifelnd an. »Ness, lass das. Deine Lügen kaufe ich dir nicht ab, das solltest du doch wissen.«
»Ich verstehe einfach nicht, wie das passieren konnte.«
»Was?«
»Alles. Meine Mutter hat mich rausgeschmissen, mein Vater interessiert sich nicht mehr für mich. Ich bin ganz allein und habe keinen Schimmer, wie es so weit kommen konnte.« Erneut schossen mir Tränen in die Augen. Mein Gott, ich war nur noch am Heulen. Es war so frustrierend.
Thomas zog mich an sich. »Du bist nicht allein.«
»O doch.« Ich umklammerte den Stoff seines Sweatshirts, während ein Schluchzer in mir hochstieg. Die Tränen ließen sich nun nicht mehr zurückhalten. »Ich habe niemanden mehr«, wimmerte ich.
Thomas nahm mein Gesicht in die Hände und flüsterte mir etwas zu, das mehr zählte als alles andere.
»Du hast mich.«
»Du hast mich.«
Dieser Satz begleitete mich durch die restliche Nacht oder besser gesagt die wenigen Stunden, die uns noch vom Morgengrauen trennten. Ich hatte Schmetterlinge im Bauch und ein Lächeln auf den Lippen. Ich hatte ihn. Keine Ahnung, ob er es wirklich so meinte, aber es war genau das, was ich hören wollte.
Der Satz verlieh mir den Mut, ihn zu fragen, ob ich bei ihm schlafen könnte, wobei ich ihm versicherte, dass es nur für diese Nacht wäre. Seine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: »Ich hätte dich nicht nach Hause gebracht, selbst wenn du mich auf Knien darum gebeten hättest.«
Also gingen wir auf sein Zimmer im Wohnheim, ich hüpfte unter die Dusche, zog eines seiner T-Shirts über und legte mich ins Bett. Er umfasste meine Taille, mein Rücken schmiegte sich an seine Brust, sein Bein war mit meinem verschlungen. Perfekt! Ich fühlte mich so gut. Und doch warnte mich eine leise Stimme in meinem Kopf, mich nicht zu sehr daran zu gewöhnen, denn irgendwann würde sein Mitgefühl erschöpft sein, und er würde wieder der mürrische, streitsüchtige Thomas werden, den ich kannte. Ich versuchte, ein wenig von ihm abzurücken, doch das ließ er nicht zu. Er zog mich an sich, und wir schlossen die Augen, bis wir schließlich im Morgengrauen selig einschliefen.
Als ich aufwachte, lag ich allein im Bett. Erinnerungsfetzen geisterten durch meine schläfrige Benommenheit: Logan, der mich anflehte, zu bleiben, der Karton mit der unangetasteten Pizza, Thomas’ Klopfen an der Tür … Einen Moment lang hatte ich das Gefühl, alles nur geträumt zu haben, aber die Müdigkeit und meine geschwollenen Augen sagten etwas anderes.
Mir war, als hätte ich eine Ewigkeit geschlafen. Und tatsächlich, als ich aufs Handy blickte, ging es bereits auf vier Uhr nachmittags zu. Alex hatte mir eine Nachricht geschrieben. Er fragte, wo ich mich rumtriebe und warum ich nicht bei der Vorlesung war.
»Hab mit meiner Mutter gestritten. Lange Geschichte, erzähl ich dir später. PS: Ich brauche deine Notizen«, tippte ich.
Dann legte ich das Handy beiseite und starrte an die Decke. Im Nebenzimmer hörte ich Thomas mit seinem Mitbewohner Larry sprechen. Oder besser gesagt streiten. Vielleicht dachten sie, ich würde noch schlafen und könnte sie nicht hören.
»Wird das jetzt zur Gewohnheit?«, fragte Larry. »Tauchen jetzt täglich mehr Sachen von ihr auf? Wir waren uns einig: keine Frauen hier drinnen. Dafür hast du das Verbindungshaus.«
»Was ich mache, geht dich gar nichts an, also geh mir nicht auf den Geist.«
»Natürlich geht mich das was an. Das ist nicht nur deine Wohnung, sondern auch meine. Außerdem ist es gar nicht erlaubt, sie kann hier nicht bleiben.«
»Ist ja nur eine Ausnahme. Aber hör mir gut zu: Wenn du es auch nur wagst, ihr gegenüber irgendwas in der Richtung zu sagen, wenn du sie schräg anschaust oder dafür sorgst, dass sie sich unwohl fühlt, dann reiße ich dir persönlich die Zunge heraus und gebe sie dir zu fressen, das schwöre ich. Sie ist in einer Scheißsituation, kapierst du das?«
Sie stritten wegen mir.
Larry wollte mich nicht hier haben. Wahrscheinlich sah er in mir eine Fremde, einen Eindringling in seiner Wohnung, auch wenn ich das gar nicht wollte. Trotzdem hatte er nicht ganz unrecht: Ich durfte hier gar nicht sein. Wenn rauskommen würde, dass ich hier schlief, bekämen er und Thomas ernsthafte Probleme.
Ich seufzte schwer und versuchte die immer hitziger werdende Diskussion zu ignorieren.
Aber es gelang mir nicht wirklich, deshalb stand ich auf, band mir die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen, zog Thomas’ Shirt aus und meine Klamotten vom Vortag wieder an. Dann verließ ich das Zimmer. Als ich die Tür öffnete, hatte sich Thomas vor Larry aufgebaut und hielt ihn fest. Beide drehten sich zu mir um. Es herrschte Totenstille, sodass ich mich nur noch unwohler fühlte. Thomas ließ Larrys Shirt los, der richtete sich auf und versuchte, es hastig glatt zu streichen.
»Hallo«, flüsterte ich verlegen. Ich deutete auf die Kaffeemaschine. »Wenn es okay ist, mache ich mir einen Kaffee und hau dann ab.«
»Du kannst so lange bleiben, wie du willst, und machen, worauf du Lust hast«, antwortete Thomas ruhig und entschlossen. Ich drehte mich zu ihm um und sah, wie er Larry einen warnenden Blick zuwarf.
Ich schluckte schwer und ging mit einem gequälten Lächeln zur Küchenzeile, nahm eine Kapsel aus der blauen Blechdose und steckte sie in die Kaffeemaschine. Dann legte ich die Handflächen auf die Arbeitsplatte und tippte mit den Nägeln darauf herum. Nervös wartete ich, bis sich Kaffeeduft im Raum verbreitete.
»Du hast koffeinfreien Kaffee genommen«, bemerkte Larry.
Ich drehte mich um und runzelte die Stirn.
»Blau ist koffeinfrei, und das sind meine.« Seine Stimme klang schrill.
»Tut mir echt leid, das wusste ich nicht.« Das Gurgeln der Maschine sagte mir, dass der Kaffee fertig war. Schnell griff ich nach der Tasse und bot sie ihm an. »Kaffee?«, fragte ich und schenkte ihm ein Lächeln.
Thomas beobachtete die Szene. Als Larry seinen strengen Blick bemerkte, schüttelte er resigniert den Kopf. »Nicht so schlimm, trink ihn ruhig. Aber merk es dir fürs nächste Mal.« Ich nickte und sah ihm dabei zu, wie er eine Jacke überzog, sich ein paar Comics vom Tisch griff und ging.
Kaum hatte er die Tür hinter sich zugeworfen, stellte ich die Tasse auf die Arbeitsplatte, massierte mir die Stirn und seufzte. Mit Ablehnung konnte ich schwer umgehen. Und vor allem wollte ich nicht diejenige sein, die störte.
Thomas legte mir die Hände auf die Hüften und schaute mir tief in die Augen. »Es hat nichts mit dir zu tun«, versicherte er mir, »er mag nur keine Veränderungen.«
Ich wusste, dass ich nicht besonders überzeugend war, versuchte mich aber trotzdem an einem schwachen Lächeln. »Ja, verstehe. Auf jeden Fall fange ich heute an, nach einer Wohnung zu suchen, einem Zimmer, irgendwas mit vier Wänden, einem Dach, für das ich keine Bank überfallen muss.« Er grinste. »Zuerst muss ich aber nach Hause und mich umziehen.«
»Bist du sicher?«
»Meine Arbeitsklamotten sind noch da, und all meine anderen Sachen.«
»Willst du jetzt gleich gehen?«
»Meine Mutter ist bis sechs Uhr im Büro, solange sie weg ist, kann ich das Wichtigste zusammenpacken.«
Thomas griff nach seiner Sporttasche und warf sie sich über die Schulter. »Ich habe erst in zwei Stunden Training, ich bringe dich hin.«
Ich schaute ihn zärtlich an. Es machte mich glücklich, dass er noch mehr Zeit mit mir verbringen wollte, und ich nickte.
Wir verließen das Apartment und gingen zum Aufzug. Wie gerne hätte ich seine Hand genommen, aber obwohl er so mitfühlend gewesen war und wir die Nacht gemeinsam verbracht hatten, wollte ich es nicht übertreiben und ließ es bleiben. Als die Tür sich öffnete, traten ein paar Jungs heraus, und erst als wir den Aufzug betraten, fiel mir Logan auf, der an der Wand lehnte, eine Hand auf die Rippen gepresst, sein Gesicht blass und voller blauer Flecken. Allein ihn anzusehen, bereitete mir Schmerzen.
Fast wäre mir die Luft weggeblieben.
Mein Gott!
Seine Unterlippe war aufgeplatzt, der rechte Wangenknochen geschwollen, er hatte ein blaues Auge, das so angeschwollen war, dass man kaum die Farbe seiner Iris erkennen konnte. Schmerzhaft zog sich mir der Magen zusammen, so sehr überwältigten mich die Schuldgefühle.
Mühsam hob Logan den Kopf, als ob allein diese kleine Bewegung ihm unendliche Schmerzen bereiten würde. Doch als sich unsere Blicke trafen, erkannte ich einen Ausdruck in seinem Gesicht, den ich nicht erwartet hätte: Er schien fast freudig überrascht. Er lächelte mich an, wurde aber, als er Thomas neben mir bemerkte, sofort wieder ernst.
Thomas ergriff meine Hand, zog mich hinter sich, als wolle er mich mit seinem Körper schützen. »Arschlöcher raus«, befahl er in einem Ton, der jeden hätte zusammenzucken lassen.
Logan ließ sich das nicht zweimal sagen. Mit schmerzhaft verzogenem Gesicht schlich er an uns vorbei, warf mir aber noch einen flüchtigen Blick zu, bevor die Türen sich schlossen. Ich stellte mich neben Thomas und sah ihn eindringlich an. Doch er ignorierte mich und starrte auf die stählerne Aufzugstür.
»Thomas …«
»Versuch es nicht mal«, zischte er, ohne mich anzusehen. Dann drückte er auf den Knopf fürs Erdgeschoss, und der Aufzug setzte sich in Bewegung.
Ich baute mich anklagend vor ihm auf. »Er sieht übel aus … richtig übel. Sag mir die Wahrheit. Wo warst du gestern Nacht? Bei ihm?«
Erst jetzt richtete er seine Aufmerksamkeit auf mich. Er wirkte angespannt und so wütend, dass ich lieber darauf verzichtet hätte.
Er stritt nichts ab, gab auch nichts zu, sondern starrte mich weiter an und überließ es mir, meine eigenen Schlüsse zu ziehen. Panik machte sich in mir breit. »Ist dir klar, dass er dich anzeigen könnte?«, flüsterte ich ohne Grund, schließlich waren wir ganz allein im Lift.
Thomas zog spöttisch einen Mundwinkel hoch und kreuzte die Arme vor der Brust. »Soll er doch. Ich warte nur darauf, dass ich ihm noch eine reinhauen kann.«
»Das ist nicht dein Ernst.«
Er warf mir einen Blick zu, der mir klarmachte, dass er keinerlei Skrupel hatte.
Es stimmte mich immer wieder traurig, wenn ich daran dachte, dass Thomas nicht nur der nette Kerl war, der mich nachts zum Eislaufen mitnahm, nur um mich lächeln zu sehen, sondern auch so: impulsiv, aufbrausend, hinterhältig und unbarmherzig. Vor allem aber völlig außer Kontrolle. »Hör zu …« Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und nahm sein Gesicht in meine Hände. »Ich verstehe, dass du immer noch sauer bist wegen all dem, was passiert ist. Ich bin es auch, aber du solltest den Ernst der Lage nicht unterschätzen. Sein Vater ist Richter, du könntest in Schwierigkeiten geraten. In große Schwierigkeiten. Wenn ich mit ihm rede, dann kann ich vielleicht …«
»Du wirst nicht mit ihm reden«, befahl er entschlossen. »Wenn er mich anzeigen will, soll er das ruhig, aber ich verwette meinen Arsch drauf, dass er sich das nicht traut. Also, hör auf, dir Sorgen zu machen.« Die Aufzugstür öffnete sich im Erdgeschoss. »Du hast jetzt wohl Wichtigeres zu tun.« Er nahm meine Hände von seinem Gesicht und warf mir einen Blick zu, der keinen Widerspruch duldete. Dann verließ er den Aufzug, ohne mich weiter zu beachten. Er lief Richtung Ausgang, und ich rannte ihm hinterher.
»Thomas, warte.« Ich packte ihn am Arm und drehte ihn zu mir um. »Es tut mir leid, okay? Ich will nur nicht, dass dir etwas passiert. Ich will nicht, dass irgendjemandem etwas wegen mir passiert. Und ich will auch nicht mit dir streiten. Nicht heute, nicht nach dem, was gestern Nacht passiert ist. Das würde ich nicht ertragen.« Er schaute mich vorwurfsvoll an. »Bitte«, flehte ich.
Er seufzte, und seine Schultern entspannten sich. »Das will ich auch nicht. Ich bringe dich jetzt nach Hause.«
Im Auto sprachen wir nicht viel. Ich versuchte mich abzulenken, um nicht an meine Mutter oder an Logan zu denken, aber es war sinnlos. Nervös kaute ich an meinem Daumennagel: Mit jedem Meter, dem wir uns meinem Zuhause oder vielmehr dem Zuhause meiner Mutter näherten, wurde ich unruhiger.
Die Einfahrt war noch nass vom Regen der vergangenen Nacht. Ich starrte durch das Fenster hinaus auf die Veranda, auf der ich noch vor wenigen Stunden gesessen hatte, auf der ich ganze Sommer verbracht, mich gesonnt, gelesen oder mich um die Pfingstrosen gekümmert hatte, meine Lieblingsblumen.
Thomas schaltete den Motor aus und legte eine Hand auf meinen Oberschenkel. »Bist du dir immer noch sicher?«
Ich starrte nach draußen und biss mir auf die Lippen. Ich musste es schaffen. Deshalb richtete ich mich auf, um mir Mut zu machen, und nickte. Ich schnallte mich ab und verließ ohne eine Antwort das Auto.
Im Haus war es still. Wir ließen die Taschen im Flur, ich legte die Schlüssel in die Schale auf der Kommode, und wir gingen an der Küche vorbei. Bevor ich in den ersten Stock hinaufstieg, drehte ich mich zu Thomas um. »Bist du hungrig? In weniger als zwei Stunden hast du Training, da solltest du was im Magen haben.«
»Ich habe das hier«, er tippte auf seine Zigarettenschachtel, »mehr brauche ich nicht.«
»Wow, welch eine Freude für deine Lungen«, antwortete ich voller Sarkasmus und schob ihn in die Küche. Mit einem breiten Grinsen setzte er sich auf einen Barhocker an der Kücheninsel, während ich den gut gefüllten Kühlschrank öffnete. »Möchtest du lieber ein Sandwich oder ein paar Eier? Seid ihr Sportler nicht versessen auf Proteine?«
»Ein Sandwich wäre toll.«
Lächelnd machte ich mich ans Werk. Ich nahm alles, was ich brauchte, aus dem Kühlschrank, dann wusch ich mir die Hände, brauste die Tomaten ab, toastete zwei große Scheiben Brot und ein paar Speckstreifen in der Pfanne. Während ich wartete, bis alles schön goldbraun war, holte ich einen Teller aus dem Schrank und schnitt die Tomaten in Scheiben.
»Du kannst kochen?«
»Ja, ganz gut. Als Kind habe ich mir von meiner Großmutter und meiner Mutter einiges abgeschaut.«
»Meine Mutter hat immer gerne für die Familie gekocht«, erzählte Thomas plötzlich. Ich war überrascht. »Sonntagsmorgens duftete es bei uns immer nach frisch gebackenem Kuchen.« Ich hörte ihm interessiert zu, glücklich darüber, dass er mir freiwillig etwas von sich preisgab. Er streckte die Arme auf der Arbeitsplatte aus Marmor aus und starrte ins Leere. In seinem Blick lag eine Nostalgie, die mir den Hals zuschnürte. »Meine Schwester hat sich jedes Mal unglaublich gefreut. Ist auf dem Bett herumgesprungen und hat laut gesungen, um alle anderen aufzuwecken.« Er lachte leise. »Als Kind war sie unglaublich nervig, mit den Jahren hat sich das gelegt.«
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte ihn zärtlich an. Ich konnte mir die Szene genau vorstellen, meinte sogar, den Duft des Gebäcks riechen zu können. Ich sah seine Mutter am Herd stehen, glücklich und strahlend, wie sie der Familie das Frühstück zubereitete, im Hintergrund das Getöse der Kinder, die sich jagten und neckten.
Ich trat nur ein wenig auf ihn zu, auch wenn ich ihm am liebsten ganz nah gewesen wäre. Zu gerne hätte ich ihn geküsst und umarmt, mich auf seinen Schoß gesetzt und ihm stundenlang zugehört, um so viel wie möglich über ihn und seine Familie zu erfahren, um ihn wirklich zu verstehen. Aber ich hatte versprochen, ihm Zeit zu geben, und dieses Versprechen würde ich auch halten. »Das klingt wundervoll.«
Sein Gesichtsausdruck wurde hart, als hätte meine Antwort ihn aus dem Konzept gebracht. Er schüttelte den Kopf. »Ehrlich gesagt war nichts bei mir zu Hause wirklich wundervoll.«
Mir wurde eiskalt, ich bekam kein Wort heraus. Verwirrt runzelte ich die Stirn. »Was meinst du damit?«
Thomas zuckte mit den Schultern und wies mit dem Kinn auf den Herd: »Pass auf, dass dir nichts anbrennt.«
Mit dem Themenwechsel hatte er seine Mauern hochgezogen.
»Ich gehe draußen eine rauchen.« Er glitt vom Barhocker und machte sich auf den Weg zur Tür.
Ich seufzte und schloss die Augen.
Auch gut, sagte ich mir.
Schritt für Schritt.
Nach fünf Minuten kam er wieder. Erleichtert stellte ich fest, dass er nicht mehr so angespannt wirkte.
