Dankbarkeit. Ein unterschätztes Lebensgefühl - Dieter Henrich - E-Book

Dankbarkeit. Ein unterschätztes Lebensgefühl E-Book

Dieter Henrich

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Beschreibung

Wie ist Dankbarkeit in Krisenzeiten möglich? Schließen sich Not und Dank aus? Was ist echte Dankbarkeit? Sie ist Bejahung des Daseins, in der wir unsere Abhängigkeit von anderen Menschen und unseren Lebensumständen genießen! Der Philosoph Dieter Henrich spürt diesem Phänomen nach: Danken ist ein wichtiges soziales Bindemittel. Es ist aber auch die tröstliche Fähigkeit, auf dem mitunter holprigen Lebensweg einen guten Sinn finden zu können.

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Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Dieter Henrich

Dankbarkeit

Ein unterschätztes Lebensgefühl

Herausgegeben von Franz Josef Wetz

Reclam

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RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 962500

2026 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2026

RECLAM, UNIVERSAL-BIBLIOTHEK und RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK sind eingetragene Marken der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN978-3-15-962500-3

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-014665-1

reclam.de | [email protected]

Inhalt

Gedanken zur Dankbarkeit

1. Einleitendes

2. Dank für das Dasein

3. Kommunaler und kontemplativer Dank

4. Ausblicke

Zu dieser Ausgabe

Anmerkungen

Literaturhinweise

Dankbarkeit – Ein unterschätztes Lebensgefühl

Agenten des Danks

Komponenten des Danks

Kommunaler Dank

Kontemplativer Dank

Danken und Trauern

Bejahte Abhängigkeit

Daseinsdank

Weltlob

Adresse ohne Adressaten

Fragwürdiger Undank

Berechtigter Undank?

Fazit

Zum Autor

Zum Herausgeber

Gedanken zur Dankbarkeit

1. Einleitendes

Menschen haben als intelligente, soziale und von anderen abhängige Wesen vielfältigen Anlass, dankbar zu sein sowie Dank zu geben und Dankbarkeit zu bekunden. Die Formen, in denen Dank gegeben oder auch verweigert wird, können in anthropologischen, historischen und soziologischen Studien untersucht werden. Im Übrigen könnte der Dank auch für eine unscheinbare Weise des Umgangs unter Bedingungen einer Abhängigkeit gehalten werden, die nicht überall gegenseitigen Austausch ermöglicht. Es liegt jedenfalls nicht offen zutage, dass sich philosophische Fragen an den Dank anschließen lassen. Und doch führen nur wenige Züge des Nachdenkens dazu, dass er zu einem Kreuzungspunkt vieler philosophischer Problemlinien wird.

Der Dank ist nicht nur eine Form des kommunikativen Austauschs, sondern ebenso eine Grundform in der Praxis aller Religionen. Man mag zunächst denken, dass sich das hinreichend aus einer Ausweitung der sozialen Praxis erklären lässt: Von den göttlichen Mächten oder dem einigen, dem mächtigen und gütigen Gott sind die Menschen in noch ganz anderem Maße abhängig als von ihresgleichen. So schulden sie ihm Dank auch in ganz anderem Maße. Weiter steht das Urbild der humanen Austauscherfahrung auch dafür, dass gegebener Dank die Voraussetzung für alle neuen Wohltaten ist, um die man solche Mächte immer wird bitten müssen. Das Dankgebet kann schon deshalb als die Grundlage für die Möglichkeit des Bittgebets erscheinen.

Aber eine solche Erklärung, die mit etwas operiert, was einer Kalkulation sehr nahekommt, verstellt doch die humane Realität einer Weise, dankbar zu sein, die über verdankte Wohltaten hinausgreift und die sich einem nicht mehr menschlichen Grund des Lebens zuwendet. Es gibt eine solche Erfahrung von Dankbarkeit, die spontan und diesseits jeder möglichen Berechnung aufkommt und die einem Gelingen gilt, das von keiner Wohltat hatte eingeräumt werden können. Sie hat als eine Grundstimmung im Verhältnis zur Welt und zum eigenen Leben verstanden werden können. Zwar ist, wenn sie als eine solche Stimmung beschrieben wird, von ihrer Verfassung und ihrer Verwurzelung im bewussten Leben noch nichts verstanden. Wer sie aber erfahren hat, dem wird die Vermutung einleuchtend sein, dass der Glaube der Religionen als solcher gerade in ihr eine seiner kraftvollsten Wurzeln hat. Denn die andere Vermutung, auf die man leicht verfallen könnte, dass nämlich diese Dankbarkeit aus der Religion als Institution in die Selbsterfahrung des bewussten Lebens infiltriert sei, lässt sich damit nicht vereinbaren, dass diese Dankbarkeit spontan aufkommt und dass sich das Leben in ihr mit derselben Spontaneität zu sammeln vermag. Eher möchte man eine individualpsychologische Erklärung erwägen, die von der frühkindlichen Symbiose mit der Mutter und der Abhängigkeit von ihr her argumentiert. Aber die Psychologen, die zu dieser Erklärungsart neigen, haben bislang keine Auslegung zustande gebracht, welche in das Selbstbewusstsein hineinreicht, in dem diese Erfahrung eingetreten ist.

Das Christentum hat unter den monotheistischen Religionen der Dankbarkeit im Vollzug des Glaubens den höchsten Rang gegeben. Das versteht sich daraus, dass die Erlösung in Christus einer göttlichen Tat alles wendender Güte entspringt. Das Wissen davon wird sich also, wenn es einmal das Leben durchstimmt, zu einer alles umgreifenden Dankbarkeit ausbilden. Die Erinnerungsfeier an das letzte Mahl des Erlösers ist darum Dankesfest und wird als solches Eucharistie genannt. Es gibt zwar auch die Überformung dieses Dankes, wenn Gott als dem Monarchen in seiner Herrlichkeit der Dank derart dargebracht wird, dass er zugleich oder gar zuerst ein Rühmen seiner Majestät ist. So heißt es im Lobgebet der katholischen Messe, dass wir Gott wegen seiner gloria magna Dank bringen (gratiam agimus). Aber die Grunderfahrung der beseligenden Erlösung geht doch dem Gedanken an Gottes herrscherliche Hoheit voraus und vergegenwärtigt vielmehr seine Güte und Nähe in der Dankbarkeit.

Dankbarkeit als humane Grunderfahrung kann selbst auch zu einem eindringlichen Argument für die Unausweichlichkeit des monotheistischen Glaubens werden. »Gott sei Dank! … wem sonst?«, so steht es auf Aufklebern an Automobilen zu lesen. Chesterton verwies auf die paradoxe Lage eines notorischen Atheisten, der für die Rettung des Lebens der geliebten Frau tiefe Dankbarkeit empfindet. Aber auch Buddhisten des kleinen Fahrzeugs, die keinen Gott kennen, wissen Lebensdank zu bringen. Wie versteht sich solches, ohne dass damit und angesichts des Fehlens einer Adresse für den Dank auch die Paradoxie zwingend eintritt und also der monotheistische Glaube selbst dem noch unausweichlich erscheint, der sich dennoch nicht in ihn zu finden vermag? Wie lässt sich ein Dank denken und bringen, wenn er nicht eine Person zu seiner Adresse hat, von der er aufgenommen werden kann? Muss nicht für den tiefsten und alles durchherrschenden Dank die höchste, alles begründende Person die Adresse sein?

Dieser Frage nachzudenken ist zu einer gewichtigen Aufgabe geworden, seitdem sich die moderne Welt aus der Konkordanz mit dem Glauben der Kirche gelöst hat. Hat man sich der modernen Welt zu versagen, um die Vertiefung des Lebens in der Erfahrung der Dankbarkeit nicht zu verspielen? Oder muss man sich um der Wahrheit und der Gegenwärtigkeit willen aus dieser Erfahrung herauswinden oder doch nichts von ihr in jenes Selbstverstehen eingehen lassen, in dem man ohne Vorbehalt mit sich einig sein kann? Nur sehr wenige haben ihr Denken für diese Alternative geöffnet und dabei einen Weg gesucht, der nicht in eine dieser beiden Möglichkeiten hineinzwingt. Unter ihnen sind mit Vorzug Hölderlin und Heidegger zu nennen. So führen auch die in der Folge entfalteten Gedanken Motive von Hölderlin weiter, und zwar in einer Weise, die zugleich doch nicht Heidegger in seiner Näherung alles eigentlichen Denkens an das Danken nachgibt, mit der er seinerseits hatte Hölderlin folgen wollen.

Die Fragen nach der Fundierung von Dankbarkeit in einem Absoluten und nach der Adresse, auf die sie zuletzt bezogen ist, sind es nicht allein, die Gedanken zur Dankbarkeit ihr philosophisches Gewicht geben. Dankbarkeit kann auch als Einstellung oder als Haltung einer Person betrachtet werden, womit sie in den Kreis einbezogen ist, den die Tugendlehre und also die Ethik zum Thema hat. Zugleich lässt sie Fragen aufkommen, die in den Bereich der Aufklärung über die Verfassung von Subjektivität gehören.

Von solchen Untersuchungen hat die Arbeit ihren Ausgang genommen, welcher der folgende Text entnommen worden ist. Er unternimmt es, über Weisen der Dankbarkeit Aufschluss zu geben, die den Dank im Austausch zwischen Personen übersteigen. Sie sind insofern am meisten dazu geeignet, für die Bestimmung des Verhältnisses von Denken und Dank und für die Nachfrage nach einer letzten Adresse des Dankes Vorbereitung und Orientierung zu sein.

Begonnen werden soll mit einem Überblick über die Erwägungen, die diesem Text vorausgegangen sind: Betrachtet man nur die Dankesworte, die Menschen anderen Menschen im Verkehr komplexer Gesellschaften geben, so lassen sie sich aus dem Austausch an den Grenzen relativ selbständiger Teilsysteme solcher Gesellschaften verstehen. Mit dem Dankeswort wird die Leistung gewürdigt, die innerhalb des Teilsystems, aus dem die Leistung kommt, verbindlich erbracht wurde, die aber nicht in den Bereich des Fungierens des Systems gehört, in das die Leistung ergeht. So gibt man dem Briefträger, der seine Sendungen übergibt und damit nur seine Aufgabe erledigt, doch ein Dankeswort. Diese soziale Alltagspraxis des Dankgebens vollzieht sich aber nur an der äußersten Oberfläche der humanen Fundierung des Dankes. Das besondere Ärgernis, welches der Undank erregt, lässt sich nur aus ganz anderen Gründen erklären. Von ihm her kommt die sittliche Wirklichkeit in den Blick, die sich im Danken und in der Dankbarkeit ausbildet. Sie zu verstehen macht nicht geringe Schwierigkeiten. Denn sie setzt voraus, dass die ethische Theorie so angelegt ist, dass sie es zulässt und verlangt, die Sittlichkeit als eine gestufte Ordnung und sittliche Tatsachen wie die Dankbarkeit von einer Stufung des Bewusstseins her zu begreifen.

Im Undank wirkt sich nämlich eine Einstellung aus, die der ersten Weise, in der sittliches Bewusstsein eintritt, also seiner ›Primärstufe‹, nicht fernsteht. Undank legt sich nämlich dann nahe, wenn die Unabhängigkeit der ihrer selbst bewussten Person verteidigt werden soll. Aber auch das sittliche Bewusstsein, das sich autonom unter allgemeine Prinzipien stellt, begründet die Unabhängigkeit der Person – wenn auch im Unterschied zum Undank auf wesentliche und nicht vom bloßen Selbstbehauptungswillen hervorgetriebene Art. Den Grund zum Dank anerkennen heißt dagegen immer auch, in seinem Verhalten die eigene Abhängigkeit zu bestätigen. Insofern gehört die Bereitschaft zur Wohltat, die einer sittlichen Primärpflicht entspringt und der dann im Dank entsprochen wird, einer anderen Dimension der sittlichen Lebensorientierung an als die Dankbarkeit selber, welche auf die Wohltat antwortet. Eine innere Konkordanz von Freiheit und Dankbarkeit zu erreichen ist zwar sittliche Aufgabe. Sie hat aber zur Voraussetzung, dass ein Bewusstsein von der sittlichen Notwendigkeit dessen eingetreten ist, sein Leben in Bindungen zu geben und in ihnen zu vollziehen, und die Fähigkeit dazu, in solche, und zwar als sittliche, wirklich einzutreten. Diese Bindungen vertiefen das sittliche Leben des Subjektes, stiften in einem damit aber auch besondere Pflichten, deren Erfüllung eine Verletzung der universalen Norm nach sich ziehen kann, und leiten in eine sittliche Sekundärstufe über. Zugleich wird die universale Norm dadurch modifiziert, dass sie als gültig für alle Subjekte verstanden wird, die ihrerseits als Subjekte in solchen Bindungen erfahren und respektiert werden müssen. Auch die sittliche Konstitution der Wohltat, die als geschuldete Hilfe zunächst allein in der ersten Dimension der Sittlichkeit begründet ist, wird in der Folge von dieser Veränderung der Orientierung berührt. Die eigentliche Wohltat geschieht dann bereits aus einer Öffnung des Lebens des Wohltäters für das Leben dessen heraus, dem er in der Wohltat zugewendet ist. Es ist diese Art des Wohltuns, welche es leicht werden lässt, dann auch die Dankbarkeit in Freiheit aufkommen zu lassen.

Die Zuordnung dieser beiden Dimensionen in der Einheit des sittlichen Bewusstseins gibt Anlass zu Untersuchungen und Einsichten, die nicht mehr der Ethik allein zugehören. Sie greifen in die Erklärung von Subjektivität ein und führen auch in der Ontologie Konsequenzen herauf. Zwischen der Akzeptanz universaler Normen und dem Eintritt in sittliche Bindungen hat eine Umkehrung der Ausrichtung des sittlichen Bewusstseins zu geschehen, die aber dessen Einheit nicht aufhebt, sondern über die sie sich vollendet. Von einer Umkehr ist insofern zu sprechen, als sich das Subjekt unter der universalen Norm selbst zu einem allgemeinen macht, während es sich in der sittlichen Bindung, wenn auch unter Erhaltung der Verallgemeinerung, partikularisiert. Dass beides eine einige sittliche Grundtatsache ergibt, lässt sich nur verstehen, wenn darauf zurückgegangen wird, dass das Subjekt in seine Selbstbeziehung eingesetzt ist und dass es sich in ihr von Beginn an als Einzelnes weiß. Daraus lässt sich nämlich begreifen, dass es seine Subjektnatur über die Erfassung von und den Respekt für Universalität realisieren muss, dass es aber seine Subjektivität zugleich in der Relationierung zu anderen Subjekten zu vollziehen hat, die wie es selbst Einzelne sind. Der Grund, den es sich in seinem Aufkommen und im Vollzug seiner Subjektivität vorausdenkt, begründet zugleich den Gang seines Lebens auch insofern, als er sich in der Verflechtung mit anderen Leben vollzieht. So gibt es also kein philosophisches Verstehen von Dankbarkeit, das nicht auf eine Verständigung über das bewusste Leben als solches zurückkommen kann. Darüber hinaus gibt aber das Subjekt, das aus einigem Grund zugleich über Allgemeinheitsbezug und Vereinzelung konstituiert ist, Anlass zu Nachfragen, welche die Form seiner Verfassung betreffen und die darum auch in den Bereich der Ontologie eingreifen.