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Jeder kennt sie, allerorts trifft man auf sie, kaum einer weiß etwas Genaues. Noch 700 Jahre nach ihrer Entstehung schlägt Dantes Göttliche Komödie Menschen aus allen Kulturkreisen und Schichten in ihren Bann. Wie ist das möglich? Kundig ebnet Franziska Meier heutigen Lesern den Weg in Dantes Beschreibung der drei Jenseitsreiche. Warum etwa gab er ihr den Titel Komödie? Warum wirkt die Wanderung unter Toten an Ostern 1300 so lebensnah? Was hat es mit der mysteriösen Beatrice auf sich? Und ist Dante tatsächlich über der Lektüre von Mohammeds Himmelfahrt die Idee dazu gekommen?
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Franziska Meier
DANTES GÖTTLICHE KOMÖDIE
Eine Einführung
Verlag C.H.Beck
Es gibt wenige Bücher, die sich so unangefochten unter den größten Büchern der Weltliteratur behaupten wie Die Göttliche Komödie. Dante Alighieri verfasste sie zwischen 1306 und 1321 unter widrigen Umständen. Das gegen ihn verhängte Todesurteil hatte ihn 1301 ins Exil gezwungen. Diese große Krise seines Lebens wollte er ausgleichen, ja überwinden, indem er seinen gleichnamigen Helden an der Seite Vergils und seiner Jugendliebe Beatrice auf eine Reise durch die drei Jenseitsreiche göttlicher Justiz schickte.
Was dieser Held dort sieht oder hört, ist sehr persönlich und zeitverhaftet. Zugleich spiegelt es zweitausend Jahre Geschichte wider, soweit sie ein Florentiner um 1300 kennen konnte. Dante gelang es, antike und christliche Traditionen lebendig zusammenzubringen und dabei neue, in die Renaissance und Moderne weisende Wege einzuschlagen.
Franziska Meier ist Professorin für Romanische Literaturwissenschaft und Komparatistik an der Georg-August-Universität Göttingen.
Einleitung: In der Mitte unsrer Lebensreise – Nel mezzo del cammin di nostra vita
I. Wer war Dante Alighieri?
1. Dante – die kanonische Biographie
2. Dante Alighieri – historische Rekonstruktionen
3. Warum schreibt Dante die Göttliche Komödie?
4. Welche Form gab Dante seiner Komödie?
II. Das Jenseits und seine Bewohner
1. Dantes Vorläufer und Quellen
Aeneas’ Abstieg in die heidnische Unterwelt
Die Entrückung des Apostels Paulus
Die mittelalterlichen Visionen
Die Miradsch (Mohammeds Himmelfahrt)
2. Dantes Jenseits als Synthese aus Antikem und Christlichem
Geographie
Landschaften
Die Wächter
Die drei Führer
Die Herkunft der Seelen
Die physiologische Erklärung der Schattenleiber
3. Die Ordnungen der Jenseitsreiche
Das Inferno und die aristotelische Ethik
Das Purgatorium und die sieben Todsünden
Das Paradies und die Tugenden
4. Die einzelne Seele und ihr Ort in der göttlichen Ordnung
III. Der Wanderer und der Dichter auf ihren Wegen durchs Jenseits
1. Zeitpunkt und Ablauf der Reise: Das Jubeljahr 1300
2. Der Wanderer im Inferno: Ein Lernprozess
Vorschusslorbeeren für den Dichter der Komödie
Der erste Schock: Francesca da Rimini
Die Werte des Diesseits
Der Wanderer unter bestechlichen Politikern
Ulisse: Dantes Alter Ego
Der Rückfall: Die Lust am Streitgedicht
3. Der Wanderer im Purgatorium: Ein Prozess der Läuterung
Die Läuterung des Wanderers
Die Läuterung des Lyrikers
Dantes Konfession vor Beatrice
4. Der Wanderer in den Himmelssphären
Sich dem Göttlichen nähern
Die Fragen des Wanderers
Die Gottesvision
5. Die Niederschrift der Jenseitsreise
Die Anrufung der Musen
«Dichter der irdischen Welt»
Das Problem: Dichtung eine schöne Lüge?
IV. Zur Rezeption der Komödie
1. Die frühen Leser und Kommentatoren
2. Die Komödie als Anfang der modernen Dichtung: Die Rezeption in Europa nach 1800
3. Die Commedia übersetzen
Weiterführende Literatur
Bildnachweis
Zeittafel
Register
Auch wer kaum mehr als den Namen Dante Alighieri oder den Titel Göttliche Komödie gehört hat, der wird vielleicht in der ein oder anderen Form die ersten Verse daraus kennen. Da ist die Rede von einem Menschen, der in der Mitte des Lebens vom rechten Wege abgekommen ist.
Nel mezzo del cammin di nostra vita
Mi ritrovai per una selva oscura
Ché la dritta via era smarrita.
Grad in der Mitte unsrer Lebensreise
befand ich mich in einem dunklen Walde,
weil ich den rechten Weg verloren hatte. (Inf. I 1–3)
Damit ist der Ausgangspunkt einer außergewöhnlichen Reise benannt, die in der Komödie geschildert wird. Ein Mann erinnert sich daran, wie er aus höchster Not von dem Schatten Vergils gerettet wurde und an dessen Seite durch die Kreise der Hölle hinunterkletterte, die unwegsamen Terrassen des Läuterungsberges erklomm und schließlich zusammen mit der geliebten Beatrice über die kreisenden Planeten in den Sternenhimmel aufstieg, bis sich ihm sogar das göttliche Licht aufschloss.
In den ersten Versen umreißt der Dichter mit wenigen Worten seine einstige verzweifelte Lage. Er hatte sich verirrt, genauer er war sich auf einmal bewusst geworden, dass er sich verirrt hatte. Und im Mittelalter heißt das meist, dass er sich von Gott entfernt hatte, wenn nicht sogar – aufgrund einer schweren Sünde – von ihm abgefallen war. Dante findet sich in einem dunklen und wilden Wald wieder – schon das vom Lateinischen abgeleitete Wort selva bedeutete Gefahr und Verderben.
Die Landschaft ist übrigens keineswegs originell. Vielmehr setzt sie sich aus im Mittelalter weitverbreiteten Topoi zusammen, die indes bei Dante weder künstlich noch abgegriffen wirken. Im Gegenteil, wie uns die Rezeptionsgeschichte der Komödie lehrt, vermittelt die knappe Szenerie bis auf den heutigen Tag Lesern in allen Teilen der Welt das Gefühl einer existentiellen Angst und Orientierungslosigkeit.
Von den ersten Versen an lässt Dante keinen Zweifel daran aufkommen, dass er seine eigene, ganz persönliche Geschichte erzählt. Gleich zu Beginn führt er das so charakteristische Wechselspiel zwischen seinem erlebenden Ich, dem Wanderer Dante, und seinem schreibenden Ich, dem Dichter Dante, ein (ist von diesen beiden literarischen Figuren der Commedia die Rede, erscheint der Name im Folgenden kursiv). Wer einmal eine Rezitation der Gesänge, etwa von Roberto Benigni, erlebt hat, der weiß, dass dieses Ich, das in der Komödie einmal bei seinem Vornamen Dante gerufen wird, die ganze Jenseitswanderung und Dichtung eindrucksvoll beherrschen wird. Es ist Dante, der handelt, hört, sieht, riecht, fühlt und redet. Es ist Dante, der mit den Worten ringt und das Unglaubliche seinen Lesern begreiflich und plausibel zu machen sucht. Dieses individuelle Ich ist das, was alles zusammenhält. Und diese Setzung war Anfang des 14. Jahrhunderts revolutionär.
Allein aus dem ersten Vers geht ebenso unverkennbar hervor, dass Dante mit seiner eigenen Geschichte zugleich die aller Menschen beschreibt. Was er beschwört, ist die Mitte unseres Lebens, also eine Zeit, in der es, wie man heute sagen würde, zur Midlife-Crisis kommen kann, wenngleich mit unterschiedlicher Härte und existentieller Wucht. Seine persönliche Notlage erweitert Dante mittels des Possessivpronomens nostra (unser) um etwas, das jeden in der Lebensmitte treffen kann. Im Mittelalter verstand man darunter vornehmlich den sündigen Christen. Die Formulierung ist indes so offen, dass man sie auch jenseits der Religion auf everyman beziehen kann, wie es Ezra Pound ausgedrückt hat. In den ersten Versen ist somit jeder Leser eingeladen, sich mit dem Wanderer Dante auf den Weg aus dem Dickicht heraus zu begeben. Von Zeitgenossen der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts – Primo Levi in Auschwitz oder Ossip Mandelstam und Anna Achmatowa unter der stalinistischen Schreckensherrschaft – wissen wir, dass Dantes Komödie für sie zum Vademecum wurde, an dem sie sich in ihrer Verzweiflung und erschütternden Angst ein Stück weit aufrichten und sogar für Augenblicke ihres Menschseins vergewissern konnten.
Über das, was vor dem Eintritt in den Wald liegt und den Protagonisten in die missliche Lage brachte, sagt Dante nichts. Hatte er nicht aufgepasst, war er eingeschlafen oder war die Gegend auf einmal unwegsam geworden? Die Aufmerksamkeit gilt allein dem Zustand der Dunkelheit, des qualvollen Nichtweiterwissens. Zunächst schleppt er sich allein weiter: Vom düsteren Wald gelangt er zu einem Tal voll Wasser, das an das biblische Tal der Tränen gemahnt. Zuletzt erblickt er einen von den Strahlen der aufgehenden Sonne erleuchteten Berg, der ihn wieder Mut fassen lässt. Sein Weg führt ihn somit aus den Niederungen zum Anblick der Höhe, aus der Dunkelheit ins Licht, lauter Topoi, die weitverbreitet sind und die Dante sowohl emotional als Ausdruck von Schrecken und Verheißung als auch allegorisch in ihrem christlichen und moralischen Gehalt ausschöpft.
Der Mut verlässt ihn allerdings alsbald wieder, da ihm der Weg hinauf zur Spitze des Berges versperrt ist. Drei Tiere, erst eine Pantherkatze mit geflecktem Fell, dann ein stattlicher Löwe und schließlich eine abgemagerte hungrige Wölfin, stellen sich ihm entgegen. Sie stehen allegorisch für drei Todsünden, vermutlich für die Wollust, den Hochmut und den Geiz, der zugleich gefräßige Gier nach immer mehr Besitz ist. Hier oszillieren die Verse zwischen autobiographischem Bericht und einer allgemeinen Diagnose der eigenen Zeit. Denn die Todsünden, auf jeden Fall die ersten beiden, belasten Dante persönlich, darüber hinaus gehören sie, allen voran der Geiz oder die Gier nach Reichtum, zu den Geißeln menschlichen Zusammenlebens, wie sie gerade auch in sozialen und politischen Krisenzeiten zutage treten, in denen sich Italien damals befand.
Seinem verzweifelt suchenden Blick zeigt sich auf einmal ein Wesen. Es ist der Schatten des großen römischen Dichters Vergil, dessen Werke der Wanderer so intensiv studierte und sich zum Vorbild erkor. Von ihm erfährt er, dass er an den drei Tieren niemals vorbeikommen werde. Vielmehr müsse er einen Umweg nehmen, nämlich erst nach unten, durch den Höllenschlund. Auf dieser beschwerlichen Reise bietet sich ihm Vergil als Führer an, der ihn bis zu jener strahlenden Bergspitze, auf der sich der Garten Eden befindet, mit Rat und Tat geleiten wird. Dort werde dann eine mit dem Himmel vertraute Selige seine Stelle einnehmen. Damit ist der Aufriss der Wanderung bis zur Wiederbegegnung mit Beatrice, seiner Jugendliebe, skizziert.
Der Einleitungsgesang verdeutlicht das kolossale Wagnis, auf das sich der Wanderer wie der Dichter, aber eben auch der Leser einlässt. Für alle drei steht viel auf dem Spiel. Der verirrte Wanderer Dante lässt sich auf ein riskantes Spiel mit dem Feuer ein, denn welcher Lebende war je aus dem Reich der Toten unversehrt zurückgekommen? Der Dichter wiederum stellt höchste, im Grunde skandalöse Ansprüche an sein Werk. Er will seine unerhörten Begegnungen mit dem Transzendenten nicht nur selbst zu Papier, sondern sie obendrein in eine diesem angemessene sprachliche Form bringen. Seine Komödie entfaltet somit nicht nur die gefahrenreiche Geschichte einer Reise, die noch niemand machte, sondern auch das stete, häufig verzweifelte Ringen des Dichters mit den beschränkten Möglichkeiten menschlicher Sprache. Mit deren Klängen und Bildern strebt er, das Unerhörte und Unsagbare sagbar und hörbar zu machen. Der Leser schließlich erlebt die Ängste, Sorgen und Freuden des Wanderers mit. Zugleich sieht er sich immer wieder neu herausgefordert, in die verschiedenen Sinnschichten der Komödie einzutauchen und sie sich klarzumachen. Auch das Lesen hat seine Klippen, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn.
Wer nach einem Bild von Dante Alighieri sucht, wird meistens bei einem Fresko von Domenico di Michelino landen, das 1465 entstand und im Florentiner Dom an prominenter Stelle, ganz nahe am Hauptaltar, angebracht ist. (s.S. 13) Der Ehrenplatz ist weniger dem Status Dantes als Dichter der drei Jenseitsreiche geschuldet als der städtischen Memorialpolitik, die die mächtigen Zünfte im Dom betrieben. Dargestellt ist Dante in voller Größe mit der für ihn so typischen Adlernase und dem entschlossenen Mund. In seiner linken Hand hält er das aufgeschlagene Buch seiner Komödie, während sich die rechte ausgestreckt zur andern Seite öffnet. Sie zeigt gleichermaßen auf den Zug der Sünder in die Hölle und auf den weit dahinterliegenden, von einem Engel bewachten Eingang zum Läuterungsberg, über dem die Planeten und Sterne ihre Bahnen ziehen. Auf der von uns aus gesehen rechten Seite verschanzt sich die Stadt Florenz mit den Wahrzeichen der Kuppel und des Turms des Palazzo Vecchio hinter einer Mauer. Der Dichter ist ausgeschlossen, doch überragt er seine Heimatstadt, die sich im 15. Jahrhundert vergebens darum bemühte, seine sterblichen Überreste aus Ravenna an den Arno zurückzuholen.
Domenico di Michelino: Dante zeigt die drei Reiche seiner Komödie. Fresko (1465) im Florentiner Dom.
Dieses Fresko hat dazu beigetragen, dass wir Dante in ein Florenz versetzen, das er, selbst wenn er aus dem Exil heimgekehrt wäre, nicht hätte sehen können. Es könnte zwar sein, dass er Ende des 13. Jahrhunderts von einigen der gewaltigen Bauvorhaben der Stadt hörte, sie vielleicht sogar kraft seines politischen Amtes förderte, aber die Arbeiten begannen erst später. Geplant war seinerzeit eine neue Stadtmauer, die wegen der stark anwachsenden Bevölkerung (Florenz gehörte damals zu den fünf größten Städten in Europa) nötig geworden war, sowie ein eigener Regierungssitz an der Piazza della Signoria, den wir heute Palazzo Vecchio nennen. Zudem wurde der Architekt Arnolfo di Cambio mit dem Bau des Doms betraut, Giotto mit dem des Campanile. Das Florenz Ende des 13. Jahrhunderts müssen wir uns als eine Baustelle und ein Gewirr von Straßen, Häusern und 110 Kirchen vorstellen, aus denen majestätisch das Baptisterium, das heute älteste intakte Bauwerk in der Stadt, mit seinen byzantinischen Mosaiken ragte. Nach diesem San Giovanni, in dem Dante 1266 getauft worden war, sehnte er sich zurück.
Die anachronistische Assoziation Dantes mit dem Florenz der Renaissance auf dem Fresko verrät zugleich eine Crux jeder Beschäftigung mit ihm. Denn lange hat man sich ihm durch den Filter der italienischen Renaissance genähert, die Dante, obgleich er in das von den Humanisten so verachtete dunkle Mittelalter gehört, zu den ihren zählen wollte. Jacob Burckhardt wird in seiner Kulturgeschichte der italienischen Renaissance Dante als den ersten eindrucksvollen Beleg für die um 1300 spürbare Individualisierung des Menschen würdigen, die über 100 Jahre später ihren Höhepunkt erreicht.
Bis heute stützt sich vieles, was wir über Dante wissen, auf spätere Quellen. Das gilt für die ersten Lebensbeschreibungen, die im 14. Jahrhundert Giovanni Boccaccio und im 15. Jahrhundert Leonardo Bruni aus dem Geiste des Humanismus verfassten, ebenso wie für die Anekdoten und Berichte über Ereignisse im Leben des Dichters, die in zeitgenössischen Chroniken, Kommentaren zur Komödie aus dem 14. und 15. Jahrhundert sowie in Novellensammlungen überliefert sind. Früh begann der Kult um den Dichter. Die volkstümliche Tradition erzählte gern Geschichten von Dantes Jähzorn oder seiner auffallend dunklen Hautfarbe; Chronisten erinnerten an seinen unerträglichen Hochmut; die humanistisch geprägten Bewunderer wiederum schätzten in ihm den Universalgelehrten sowie den Autor, der die großen antiken Traditionen wiederbeleben wollte.
