Danyel - Sophie R. Nikolay - E-Book

Danyel E-Book

Sophie R. Nikolay

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Beschreibung

Danyel ist der, den man das Schicksal nennt. Er entscheidet über die Lebenszeit der Menschen, kalt und ohne Emotionen. Kilian ist ein Mensch, und er will nicht akzeptieren, dass seine jüngere Schwester früher stirbt als er. Also plant er, seine Lebenszeit mit ihrer zu tauschen und reist nach Rom, um mit Danyel zu handeln. Kilian ahnt nicht, in was er hineingeraten wird, als er Danyels Reich betritt, denn der übt sofort eine unheimliche Anziehungskraft auf ihn aus.

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Seitenzahl: 314

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Sophie R. Nikolay

Danyel

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2013

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com/

Bildrechte:

©dade 72 – shutterstock.com

© Knut Wiarda – fotolia.com

2. Auflage 2015

ISBN 978-3-944737-14-0 (print)

ISBN 978-3-944737-15-7 (epub)

Vorwort

Die Geschichte beruht auf der Vorstellung, dass die Welt sich verändert hat, als das Schicksal sich zu erkennen gab. Alle geschichtlichen Ereignisse müssen folglich neu definiert werden.

Der Zweite Weltkrieg hat stattgefunden, doch kurz darauf erschien Danyel auf der Bildfläche. Der Fortschritt und die technische Entwicklung sind anders verlaufen, als wir es kennen. Das Leben und der Alltag sind nicht so, wie von uns gewohnt. Es gibt weder Mobiltelefone noch das Internet, folglich fallen diese als Informations- und Kontaktmöglichkeit weg.

Ein Großteil der Menschheit hat sich damit abgefunden, zu wissen, wann das eigene Leben endet. Andere wiederum nutzen es für ihre kriminelle Energie – denn kurz vor dem Tod hat eine Strafe für begangene Verbrechen keine abschreckende Wirkung mehr …

Dieses Buch zu schreiben hat mich sehr gereizt. Die Behauptung aufzustellen, das Schicksal wäre eine Person aus Fleisch und Blut, nur äußerlich gleich einem Menschen – dennoch nicht mit einer Gottheit oder Ähnlichem zu verwechseln – und mit einer Macht ausgestattet, die jegliche Vorstellungskraft sprengt. Ein sichtbares, ja greifbares Wesen, welches alles lenkt.

An dieser Stelle möchte ich noch einen Hinweis der Lektorin aufgreifen. In der Geschichte erwähne ich bewusst nicht, woher Danyel und seine Begleiter stammen. Wer sie schuf, oder was sie sind. Danyel ist weder Gott noch eine vergleichbare Person. Er ist nicht der Schöpfer. Man könnte seine Entstehung physikalisch erklären, oder aber spirituell. Ich wollte weder das eine noch das andere. Wie alles begann, darf sich jeder selbst ausmalen. Denn ich möchte keine Richtung vorgeben.

Der Einfall kam spontan und schrie nach Umsetzung. Geboren war die Idee für eine Geschichte, die nicht in eine „Normschublade“ passt. Sie hat mich nicht mehr losgelassen und mich in Rekordtempo schreiben lassen. Ich hoffe, ihr fühlt euch unterhalten und habt am Lesen so viel Spaß, wie ich am Schreiben hatte! Kilian zeigte sich widerspenstig und änderte von selbst die Haarfarbe; Monja erwies sich als junge Frau, die genau weiß, was sie will und Danyel am Ende loszulassen, fiel mir unheimlich schwer … seid herzlich eingeladen, euch selbst eine Meinung zu bilden, ob das Schicksal fair oder unfair ist.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Welt in dieser Geschichte ist nicht wie unsere. Die Weltbevölkerung wächst nicht so rasant wie in der Realität. Das Schicksal muss pro Stunde die Lebenszeit von ca. 7200 Neugeborenen festlegen. (Im Vergleich zur Realität: Laut aktuellen Berechnungen werden jede Stunde rund 14.400 Babys geboren.)

Wenn der Mensch zum festgesetzten Zeitpunkt stirbt, geschieht das meist im Schlaf. Das Herz hört auf zu schlagen.

Anders ist es, wenn der Mensch sich selbst vergiftet, indem er Medikamente im Übermaß einnimmt, Drogen oder Alkohol konsumiert oder sich anderweitig schädigt. Auf die Folgen hat das Schicksal keinen Einfluss und die Bezeichnung ‚Schicksalsschlag‘ ist eine Erfindung des Menschen.

Zu guter Letzt möchte ich einigen Leuten danken:

Meiner Familie, für den Rückhalt und die Beständigkeit.

Mick, für das erneute Ausleihen der wachsamen Augen, die meine Macken finden und den ersten Entwurf gnadenlos durchforstet haben.

Danke an die Lektorin Alex, die mit einer ganzen Reihe Anmerkungen dafür gesorgt hat, dass alles ein wenig runder wurde. So hoffe ich zumindest.

Danke an Simon, für das Aufspüren der letzten Makel und Unstimmigkeiten.

Prolog

Die Welt hat sich verändert. Er hat sie verändert.

Er ist der Bestimmer über die Lebenszeit. Die Pflanzen und Tiere lassen sich leicht lenken, sodass er diesen nur wenig Aufmerksamkeit schenken muss. Ganz anders verhält es sich bei den Menschen. Danyel legt den Tag fest, an dem der natürliche Tod eintritt. Jeder Mensch auf Erden weiß, wann dieser Moment ist. Sie haben es schriftlich, überbracht von einem Boten binnen Stunden nach der Geburt. Ein nettes Willkommensgeschenk – sofern die Eltern beim Entrollen des handgroßen Pergaments erleichtert feststellen, dass er ihrem Kind mehrere Jahrzehnte des Lebens gewährt …

Danyel ist so alt wie der Planet. Langeweile ist sein steter Begleiter. Seine Entscheidungen stützt er nicht auf Menschenkenntnis, nicht auf Erfahrungswerte und auch nicht auf schwerwiegende Überlegungen. Wie viel Zeit er dem neugeborenen Menschlein schenkt, liegt allein am Zufall oder einem Spiel. Würfel, Karten oder Mikadostäbe entscheiden oftmals darüber, wie viele Jahre, Monate und Tage das neue Erdenkind am Leben bleibt.

Je mehr die Bevölkerung wuchs, umso uninteressanter wurde sie für Danyel. Die Wünsche und Träume der Sterblichen interessieren ihn nicht, dennoch liebt er es, mit ihnen über die zugeteilte Lebenszeit zu verhandeln. Dies erheitert ebenfalls seinen schnöden Alltag. Er weiß, was viele von ihnen denken: Das Schicksal ist unfair.

Die interessanteste Phase seines endlosen Daseins erlebte er, als er sich der Welt vor sieben Jahrzehnten offenbarte. Mit Belustigung verfolgte er, wie die Religionen haltlos in sich zusammenfielen, nachdem die Menschen erkennen mussten, dass es weder Gott noch Teufel gab – keinen Himmel, keine Hölle – nur die Realität. Der Glaube starb. Denn nur das Schicksal lenkt ein jedes Wesen … und dieses trägt den Namen Danyel.

Die Entscheidung, statt im Verdeckten, vollkommen offen inmitten der Lebenden zu agieren, war eine gute gewesen. Sie schmälerte Danyels Langeweile. Zudem fand er rasch ein Domizil.

Danyel nennt die Vatikanstadt sein zu Hause, den Petersdom seinen liebsten Platz – und nichts erinnert mehr an den christlichen Hintergrund dieses Gebäudes. Dort empfängt er die Menschen, die kommen, um mit ihm zu feilschen. Einen Grund haben sie alle. Die meisten lassen sich von ihren Gefühlen leiten, andere von Vernunft und wieder andere handeln aus Berechnung. Danyel gewährt gegen einen gewissen Preis eine Änderung der Lebenszeit. Gewinner ist dabei niemals der Mensch, auch wenn der das glaubt …

Die Pergamentbögen, die gerade vor ihm lagen, trugen die Namen der kürzlich geborenen Kinder. Seine beiden Gehilfen saßen an ihrem Tisch, das kratzende Geräusch der Schreibfedern verstummte immer nur kurz, kaum wahrnehmbar. Seufzend griff Danyel zum Würfel.

Auf dem obersten Bogen stand: Monja Hein, geb. 12.01.1997

Der Würfel fiel und zeigte zwei Augen, dann vier, wieder zwei und beim letzten Wurf fünf. Danyel griff seine Feder und schrieb: 2 Jahrzehnte, 4 Jahre, 2 Monate, 5 Tage. Damit war entschieden.

Das Pergament schob er auf die andere Tischseite und nahm sich das nächste vor. Zu jeder vollen Stunde kam der Herr der Boten, sammelte die fertigen Bögen ein und reichte sie an die Überbringer weiter. Danyel wusste, die Menschen nannten seine Boten Todesengel, dabei waren sie keine Engel im altbekannten Sinne. Übermenschlich ja, aber gewiss nicht diese Figuren, wie sie im christlichen Glauben existiert hatten. Allerdings amüsierte ihn der Vergleich, vor allem, da seine Boten nicht mal Flügel besaßen.

Ein paar Bögen beschrieb er noch auf diese Weise, ließ die Augen des Würfels entscheiden. Doch die Menge, die jeden Tag anfiel, ließ nicht zu, dass er mit der Zeit zu lange spielte. Es war nur eine Ablenkung, da es ihm sonst zu eintönig erschien. Die Geburtenrate war zwar um die Hälfte gesunken, nachdem er sich der Welt offenbart hatte, dennoch kamen binnen eines Tages etwa 172.800 Menschen zur Welt. Die meisten Pergamente füllte er gedanklich aus. Die Papiere und die Schreibfedern bewegten sich von allein, nur weil er es so wollte. Aktuell führte er dreißig Federn nur mit der Kraft seines Willens. Wenn er willkürliche Zahlenfolgen diktierte, geschah das in rasender Geschwindigkeit. In diesen Momenten saß Danyel oft da, als würde er meditieren. Die Zahlen setzte er unsystematisch, Namen und Herkunft waren ihm einerlei, ebenso wie das, was er festlegte. Im Großen und Ganzen setzte er ein durchschnittliches Alter fest. Dazwischen schob er wahllos welche, die sehr jung oder sehr alt sterben würden. Eine spezielle Auswahl traf er dabei nicht.

Die Tür schwang auf und Dafour, der Herr der Boten, kam mit gerunzelter Stirn auf ihn zu.

„Du bist im Verzug, Danyel“, merkte er an, ohne dass es wie eine Rüge klang. Das hätte er sich auch nicht erlauben dürfen.

„Lass das meine Sorge sein.“

Dafour deutete ein Nicken an. Anschließend wies er mit der Hand auf die Kiste mit den Stapeln fertiger Lebenszeitdokumente und ließ sie auf sich zufliegen. Neben der Fähigkeit, wie Danyel die Dinge willentlich zu bewegen, war er wie die anderen Boten in der Lage, zu fliegen.

Danyel bezweifelte nicht, dass jedes dieser Pergamente zum richtigen Empfänger gelangen würde. Noch nie war Dafour ein Fehler bei der Zuteilung unterlaufen. Dass die Menschen die Dokumente ausgehändigt bekamen, war im Vergleich zum Alter der Welt eine absolute Neuigkeit.

Vorher war es einfacher gewesen. Doch die Zeit, als die Pergamente noch in hohen Regalen lagerten, lag in der Vergangenheit. Dafour war seit jeher zuständig für die Papiere und nun wurden sie eben ausgeliefert, statt in wie auch immer geordneten Fächern zu verstauben.

Mit Leichtigkeit hatte Danyel einhundert Männer ausgewählt und aus ihnen die Boten erschaffen. Für diese war es ein Geschenk, gern angenommen, und sie bewiesen ihre Loyalität und Dankbarkeit jeden Tag aufs Neue. Um die Logistik kümmerte sich Dafour und bisher lief alles reibungslos. Wie er seine Arbeit machte, war Danyel egal. Für ihn zählte nur, dass jeder Bote seine rund 720 Pergamente pro Tag ablieferte. Eine Übergabe dauerte bloß einige Sekunden – wenn sie sich Zeit ließen. Wer schnell agierte, hatte sein Pensum rasch erfüllt. Anschließend konnten sie ihre Freizeit gestalten, wie sie es wollten.

„Hat sich für heute wieder einer angekündigt?“

Dafour hielt inne. „Warum fragst du mich das jeden Tag aufs Neue? Natürlich! Du könntest zig Verhandlungen führen, wenn wir nicht auswählen würden. Das weißt du.“

„Ja. Jeden Tag das Gleiche.“ Danyel stand auf und streckte sich.

Dafour positionierte die Kiste auf dem Rollwagen. Sie war nicht ganz voll, doch er ließ kein weiteres Wort deswegen verlauten. Stattdessen schob er die Fracht vor sich her. Danyel sah ihm nach und ließ dann einmal mehr zufrieden seinen Blick durch den großen Raum gleiten. Dafour fand es übertrieben, dass Danyel ausgerechnet eine Kirche als Domizil gewählt hatte. Aber es war ja auch nicht irgendeine. Der Petersdom, einst gefüllt mit christlichen Werten, war nun das Haus des Schicksals. Nichts war mehr so, wie es einst gewesen war …

Danyel grinste und war gespannt, wer ihm diesmal gegenüberstehen würde, um mehr Zeit zu erbitten. In der Zwischenzeit wandte er seine Aufmerksamkeit der Tier- und Pflanzenwelt zu. Deren Entwicklung gefiel ihm nicht sonderlich, doch untersagte er sich selbst, die Evolution zu beeinflussen. Das hatte er nie getan und wollte es auch nicht. Der Kreislauf der Natur war nicht seine Aufgabe, nur die Zeit.

Eins

Kilian strich über das Pergament, welches in einer Klarsichtfolie steckte. Es kam ihm vor, als würde die Zeit immer schneller vergehen. Gestern hatte er seinen vierundzwanzigsten gefeiert und wurde schmerzlich daran erinnert, dass dieser für Monja eine völlig andere Bedeutung hatte. Das Leben seiner Schwester wäre in diesem Alter fast vorbei. Monja ertappte ihn und schlug die Mappe zu.

„Denkst du schon wieder darüber nach?“ In ihren Worten klang ein strafender Ton mit.

„Es fällt mir eben schwer, zu akzeptieren, dass dir nicht mehr viel Zeit bleibt.“

„Mach es, wie ich. Denk einfach nicht dran“, erwiderte sie leichthin.

„Ich kann es aber nicht!“

Monja sah ihn an. Der liebevolle Blick und das herzliche Lächeln auf ihren Lippen riefen Traurigkeit in ihm hervor. Er wollte und konnte nicht akzeptieren, dass er dieses Gesicht in etwas mehr als fünf Jahren nicht mehr ansehen könnte. Sie war eine Schönheit; das dunkelblonde Haar fiel leicht gelockt bis auf die Schultern, die wachen grün-grauen Augen und der sanft geschwungene Mund, die schmale Taille und eine schlanke Gestalt. Seine Prinzessin.

„Es ist noch gar nicht so lange her, da hast du mir von deinen Träumen erzählt … sind sie es nicht wert, zu kämpfen? Damit sie in Erfüllung gehen können?“

Sie schüttelte den Kopf. „Manchmal frage ich mich, wer von uns beiden das ältere Kind ist. Man sollte meinen, dass du etwas mehr Verstand besitzt. Natürlich habe ich diesen Traum. Von einem Mann, mit dem ich alt werden kann, von Kindern und Enkeln … aber er wird nicht wahr werden. Hör auf so traurig zu sein, großer Bruder! Genieße die Zeit, die wir haben.“

Kilian schnaubte.

„Außerdem weißt du, was Mama davon hält! Wenn sie herausfindet, dass du noch immer die Entscheidung des Schicksals infrage stellst, wird sie ausflippen.“

„Ich weiß. Aber ich kann nicht anders. Es geht dabei ja auch um sie. Wenn ich könnte, ich würde sofort mit dir tauschen! Ich werde sie nie zur Großmutter machen – aber ich will, dass sie ein Enkelkind in den Armen wiegen kann. Dein Kind.“

Monja ließ die Schultern hängen. „Mag sein. Aber mit dieser Bürde könnte ich nicht leben. Selbst wenn du es schaffen würdest, wenn wir unsere Zeit tauschen könnten, blieben dir nur noch … zwei Monate und vier Tage übrig!“

„Dessen bin ich mir bewusst“, entgegnete er ernsthaft.

„Wage es nicht!“, drohte sie und ließ die Mappe in der Schublade der Anrichte verschwinden. „Ich liebe dich und deine selbstlose Art – aber ich kann nicht zulassen, dass du etwas unternimmst“, erklärte sie. Anschließend drehte sie sich weg und ging in die Küche.

Kilian ließ sich auf einen Stuhl fallen, stemmte die Ellbogen auf den Esstisch und das Kinn auf die Hände. Er kannte die Einstellung seiner Mutter, die so ziemlich jeden verurteilte, der sich auf einen Handel mit dem Schicksal einließ. Sie fand, man musste eben akzeptieren, was einem gegeben war. Ohne Jammern oder Klagen und vor allem, ohne es ändern zu wollen.

Kilian würde alles dafür geben, mit Monja tauschen zu können. Schon vor Wochen hatte er eine Anfrage geschickt, weil er verhandeln wollte. Bislang war keine Antwort gekommen. Er wusste, die Chancen standen nicht sehr gut. Das Schicksal – oder besser Danyel – war dafür bekannt, nur wenigen Menschen die Möglichkeit zu geben, mit ihm über eine Änderung der Lebenszeit zu sprechen. Es wurde gemunkelt, er wäre arrogant und launisch, doch davon ließ Kilian sich nicht beirren. Er hoffte nur, die Genehmigung käme, ehe es zu spät war, um zu tauschen.

„Magst du auch einen Tee?“, rief Monja ihm zu.

„Ja. Danke.“

Kilian hörte sie in der Küche werkeln. Er wünschte ihr so sehr, dass sie einen Partner fand … die letzte und einzige feste Beziehung, von der er wusste, war vor einem halben Jahr in die Brüche gegangen. Monja behauptete immer, es habe nichts mit ihrer Lebenserwartung zu tun gehabt, aber das kaufte Kilian ihr nicht ab. Es war die Standardfrage – spätestens beim dritten Date: Wie alt wirst du? Je nachdem, wie die Antwort ausfiel, endete die Beziehung an diesem Punkt bereits. Kilian vermutete, dass Christian schließlich herausgefunden hatte, was wirklich auf Monjas Pergament stand …

Es klimperte an der Tür. Das untrügliche Zeichen, dass ihre Mutter nach Hause kam. Seit zwei Jahren nannte er es nicht mehr seines, doch kam er fast jeden Tag nach der Arbeit vorbei.

Als Gabriele ins Esszimmer trat, sah sie müde aus.

„Hey“, grüßte Kilian sie, „du wirkst, als hättest du eine Doppelschicht gemacht.“

Sie winkte ab. „Heute war die Hölle los! Als wenn am Montag nichts mehr in den Regalen wäre! Die Leute haben gekauft wie die Irren, so schnell konnten wir gar nicht auffüllen.“

„Hallo Mama. Für dich auch einen Tee?“, schallte es aus der Küche zu ihnen herüber.

„Das wäre lieb, Engelchen. Danke.“

„Irgendwie ist es doch immer das Gleiche, wenn ein langes Wochenende bevorsteht“, sagte Kilian, während er aufstand.

Sanft aber bestimmt dirigierte er seine Mutter zu einem Stuhl. Bereitwillig setzte sie sich und Kilian knetete ihre verspannten Schultern. Sie summte genüsslich.

„Du bist ein Schatz.“

Kilian lächelte. Ihre Mutter hatte es nicht leicht. Der Job im Supermarkt war anstrengend, aber sie brauchte ihn. Monja steckte noch in der Ausbildung und Kilians Gehalt reichte gerade für seinen eigenen Lebensunterhalt. Dass seine Mama eine 45-Stunden-Woche hatte, war nur darauf zurückzuführen, dass sein Vater keine Versicherung abgeschlossen hatte. Die Prämie war ihm zu teuer gewesen. Georg Hein war immer der Ansicht gewesen, die Leute von der Versicherung wären Halunken und Gauner. Und da jeder wüsste, wann das eigene Leben endet, könnten sie die Versicherung sparen. Denn die zahlte nur, wenn man vor dem vom Schicksal bestimmten Tag starb. Was den enorm hohen Beitrag erklärte – Unfälle, Mord und Totschlag, Krankheiten infolge von Drogen oder Alkoholmissbrauch … was auch immer von Menschenhand verursacht war, sicherte die Police ab. Von Normalverdienern war die Police kaum zu bezahlen. Kilian schüttelte kaum merklich mit dem Kopf, wenn er daran dachte. Sein Vater war nicht davon ausgegangen, dass auch ihn dieses Los treffen könnte. Leider war dem so gewesen – bei einem Banküberfall hatte ihn ein Querschläger erwischt. Er war, wie man so schön sagte, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen und hatte das mit dem Leben bezahlt. Dabei wollte er nur das Geld für die Miete einzahlen.

Folglich musste ihre Mutter arbeiten gehen. Doch sie klagte nicht. Das tat sie nie. Um die Beerdigung zahlen zu können, hatte sie ihren gesamten Schmuck verkauft. Zwei Jahre war das nun her. Kurz bevor das mit seinem Vater passiert war, war Kilian zu Hause ausgezogen. Unweigerlich dachte er daran, dass sie für die nächste Beerdigung bereits sparen müsste … und er hoffte, es wäre seine.

Monja unterbrach seine Gedanken, als sie mit dem Tee ins Esszimmer kam.

„Oh je, du siehst aus, als hättest du eine anstrengende Schicht gehabt. Soll ich heute das Kochen übernehmen?“

„Nein. Das schaffe ich schon noch“, schlug Gabriele das Angebot aus.

Sie tätschelte Kilian die Hände, worauf er von ihren Schultern abließ und sich neben sie setzte.

Während sie ihren Tee tranken, erzählte jeder etwas von seinem Tag. Bei Kilian war es ruhig gewesen, viele der Kollegen im Büro hatten sich schon auf das lange Wochenende eingestimmt. Ein stressfreier Tag. Die Hektik käme am Montagmorgen wieder, Kilian wusste das. Dann wäre das elektronische Postfach voll mit Mails von Kunden. Bestellungen, Reklamationen, Anfragen …

Monja hatte langweilige Stunden hinter sich, denn auf der Polizeischule, die sie besuchte, nahmen sie den ganzen Tag die Verbrechensstatistiken der vergangenen Jahre durch. Der Professor habe so monoton gesprochen, dass sie beinahe eingeschlafen wäre.

Als sich Kilian eine halbe Stunde später verabschiedete, warf Monja ihm noch einen mahnenden Blick zu. Er wusste genau, was sie meinte – er nickte ihr zu, obwohl er von seinem Standpunkt nicht abrücken würde.

Seine kleine Wohnung lag fünfzehn Minuten Fußmarsch entfernt. Auf dem Weg dorthin hielt er ständig seine Hand in der Tasche. Darin verbarg er das Pfefferspray, das im Ernstfall sofort einsatzbereit wäre. Es gab einfach zu viele Menschen, die kurz vor dem eigenen Tod nicht vor Verbrechen zurückschreckten. Schließlich gelangte er unbehelligt vor dem Mietshaus an und sein erster Blick galt dem Briefkasten. Wie jeden Tag, seit er die Anfrage weggeschickt hatte. Rasch sah er die Umschläge durch und tatsächlich, da war er.

Der Brief, die Antwort.

Die Rune, die als Wasserzeichen durchschimmerte, verriet unmissverständlich den Absender. Nervös sputete Kilian die Stufen nach oben. In dritten Stock angekommen schloss er seine Wohnungstür auf und öffnete zitternd den Brief. Darin befand sich eine Karte, die ebenfalls von der Rune geziert wurde.

Ihre Anfrage ist bei uns eingegangen. Hiermit überstellen wir Ihnen die Genehmigung.

Ihr Termin: 08.05.2014, 15 Uhr

Diese Karte ist mitzuführen und vorzuzeigen. Gültig nur für Kilian Hein.

Mehr stand nicht darauf. Er las es drei Mal, ehe er es wirklich glaubte.

Die Frage nach dem Treffpunkt stellte sich gar nicht erst. Kilian musste dort hin, wo der Brief herkam. Nach Rom, ins Haus des Schicksals. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Die erste Hürde hatte er geschafft. Nun musste er nur noch überzeugend genug sein, um die Verhandlung in seinem Sinne abzuschließen. Seit Wochen bangte er darum, ob man ihm diese Chance geben würde. Das Geld für die Fahrt hatte er sich schon vom Mund abgespart. Ein Auto besaß er nicht und ein Flugticket überstieg bei Weitem seine finanziellen Möglichkeiten. So musste es der Zug sein, doch auch der war nicht gerade günstig.

Vier Tage noch – dann entschied sich, ob er mit seiner Schwester tauschen dürfte. Die Aufregung machte sich auch in seinem Magen bemerkbar, ein nervöses Ziehen breitete sich in seinem Bauch aus. So hatte er sich zuletzt gefühlt, als er mit siebzehn seinem Vater eingestand, dass er sich für Jungs und nicht für Mädchen interessierte. Damals hatte es ihn erstaunt, dass seine Eltern dies sehr locker aufgenommen hatten …

Kilian brauchte drei Anläufe, um die Karte zurück in den Umschlag zu schieben. Danach rief er seinen Vorgesetzten an und erklärte, er bräuchte aus familiären Gründen für den kommenden Montag und Dienstag Urlaub. Gelogen war das ja nicht. Außerdem hatte er im Büro nicht eine so gewichtige Aufgabe, sodass sie auf ihn einige Tage verzichten konnten. Er war einfach noch nicht lange genug dabei, um einen bedeutenden Posten zu haben. Nachdem das geklärt war, packte er seine Tasche und überlegte fieberhaft, was er seiner Mutter und Monja erzählen sollte.

Sonntags fuhren weniger Züge, was mehr Wartezeit bedeutete, so musste er wohl oder übel bereits am Samstag abreisen. Er hatte keine Lust, stundenlang auf den Bahnhöfen herumzuhängen, ehe er den Anschlusszug bekam. Die möglichen Verbindungen hatte er sich bereits herausgesucht, in der Hoffnung, seine Bitte würde angenommen werden. Da dies nun der Fall war, konnte er all seine Pläne in die Tat umsetzen. Was fehlte, war eine Ausrede, eine gute Tarnung …

Erst am nächsten Morgen, während er unter der Dusche stand, fiel ihm eine brauchbare Erklärung ein, die er nutzen konnte. Er hatte schon länger keinen Freund mehr gehabt, und die letzte Affäre lag auch bereits Monate zurück. Wenn er nun einen Geliebten erfand, der mit ihm wegfahren wollte, würden Monja und seine Mutter das sicherlich glauben.

Mit einem zuversichtlichen Gefühl im Bauch trank er einen Instantkaffee und schaltete die Frühnachrichten ein. In der letzten Nacht hatte es wieder drei Raubüberfälle gegeben. Trotz der starken Präsenz von Polizei und privaten Sicherheitsunternehmen gab es noch genug Verrückte, die es wagten, einen Raubzug zu starten. Meist waren die Verbrecher kurz vor dem vom Schicksal festgelegten Sterbetag. Nach einem der Täter von vergangener Nacht wurde noch gefahndet. Kilian bezweifelte nicht, dass der in den nächsten Stunden dingfest gemacht werden könnte. Die anderen Meldungen betrafen die Wirtschaftslage, die neuesten Vorhaben der amtierenden Partei und das Wetter. Letzteres war die einzige Meldung, die Kilian als schön bezeichnete. Für das gesamte Wochenende war strahlender Sonnenschein vorausgesagt, mit steigenden Tagestemperaturen. Der Wonnemonat Mai schien zumindest wettertechnisch seinem Namen alle Ehre zu machen. Kilian nahm das als gutes Omen.

Am späten Vormittag rief er bei seiner Mutter an. Nachdem sie sich gemeldet hatte, nahm er allen Mut zusammen und tischte ihr die Lüge auf.

„Mama, ich muss dir was erzählen. Ich hab da jemanden kennengelernt, Steve heißt er. Es ist noch ganz frisch, deshalb hab ich noch nichts gesagt.“

„Das kling gut“, unterbrach sie ihn, „wo ist der Haken?“

„Es gibt keinen. Steve hat mich eingeladen. Er will mit mir ein paar Tage ins Ferienhaus seiner Eltern fahren. Ich habe eben zugesagt … also wundert euch nicht, wenn ich nicht vorbei komme.“ Kilian fühlte sich furchtbar. Er hörte seine Mutter leise lachen und schämte sich, weil er ihr nicht die Wahrheit sagen konnte. Doch die würde sie erst erfahren, wenn er zurück wäre. Gleich wie die Verhandlung ausgehen mochte – im Anschluss musste Kilian ihr reinen Wein einschenken.

„Ist in Ordnung. Solange für die Sicherheit gesorgt ist … nun, ich wünsche euch viel Vergnügen. Und wenn ihr wieder da seid, musst du mir Steve vorstellen!“

„Ja, klar. Er ist ein toller Kerl. Du wirst ihn mögen“, schwindelte er weiter.

„Wenn du ihn magst, werde ich das sicher auch tun.“

„Ich hab dich lieb, Mama. Gibst du Monja einen Kuss von mir?“

„Mach ich. Ich hab dich auch lieb“, erwiderte sie.

Kilian beendete das Gespräch und fühlte sich wie ein Betrüger. Es tat ihm weh, doch er war gezwungen, zu dieser Lüge zu greifen. Sie würde ihn nie nach Rom fahren lassen. Von Angesicht zu Angesicht hätte er es nicht fertiggebracht, ihr diese Story auf die Nase zu binden. Das war ihm schon am Telefon schwer genug gefallen. Jetzt fühlte er sich wie ein gemeiner Schuft.

Etwas später machte er sich auf den Weg zum Bahnhof, um das Ticket für den nächsten Morgen zu kaufen. Die Kombifahrkarte und den Reiseplan mit allen Zügen, in die er umsteigen musste, bekam er binnen weniger Minuten. Die Frau am Schalter arbeitete routiniert, übertrug seine Daten aus dem Pass auf den Fahrschein und nannte ihm den Preis. Sie zog kurz eine Braue nach oben, als er ihr das Reiseziel nannte, doch sie sparte sich jeglichen Kommentar. Nachdem er gezahlt hatte, wünschte sie ihm eine angenehme Reise und blickte schon auf den nächsten Kunden, der hinter Kilian anstand.

Es blieben noch wenige Stunden, bis er losfuhr, und erneut befiel ihn Aufregung. Er konnte es kaum erwarten und doch hatte er Angst vor der Begegnung mit Danyel. Kilian wollte gar nicht darüber nachdenken, versuchte die Hoffnung zu bewahren, dass alles gut werden würde. Nicht für sich, für Monja. Schon vor Jahren hatte er für sich selbst beschlossen, dass er ihr seine Lebenszeit übertragen wollte. Es war nicht so, dass er sein eigenes Leben nicht mochte oder wertschätzte – er fand nur, sie hätte das längere Leben verdient. Ihm reichte das Wissen, dass die Seele nicht verloren war. Denn der Tod war nicht das Ende, auf jeden wartete die Wiedergeburt. Ein ewiger Kreislauf, ohne Erinnerungen an die vorigen Leben. Dieses Wissen, geteilt mit den Menschen vom Schicksal, war allerdings kein wirklicher Trost.

Die Zeit verging schneller, als ihm lieb war. Er schlief kaum, und wenn, dann wurde er von wirren Träumen geweckt. Als sein Wecker dann klingelte, fühlte er sich wie gerädert. Obendrein machten sich Kopfschmerzen bemerkbar, als er aus dem Bett stieg. Die ließen sich auch nicht von einer kalten Dusche vertreiben und es gab nur wenige Medikamente, auf die er nicht mit heftigen Nebenwirkungen reagierte, weshalb er auf eine Tablette verzichtete. Mit ziemlich schlechter Laune brach er schließlich zum Bahnhof auf.

Es wurde gerade erst hell und noch war wenig los auf der Straße. Kilian kaufte sich unterwegs einen Cappuccino und setzte seinen Weg fort. Das einzig Gute an dem nervtötenden Brummen in seinem Kopf war der Umstand, dass es keinen Raum für Nervosität ließ. Er hatte seine Sachen drei Mal kontrolliert. Pass, Fahrkarte und die Bestätigung waren sicher in der Innentasche seiner Jacke verstaut. Als er den Bahnsteig erreichte, trank er den letzten Schluck und warf den Pappbecher in den Mülleimer. Der Zug stand schon da und so stieg Kilian ein. Ihm kam der Gedanke, dass er eine Reise ins Ungewisse unternahm. Das Ziel stand zwar fest, aber mit welchem Ergebnis er zurückkehren würde, wussten allein die Sterne.

Kilian lief durch den Zug und suchte seinen reservierten Sitzplatz. Als er ihn fand, verstaute er seine Tasche und ließ sich in den Sitz fallen. In etwas mehr als zwölf Stunden wäre er in Rom. Dann musste er zusehen, dass er eine günstige Übernachtungsmöglichkeit ergatterte.

Die Minuten verstrichen und der Zug füllte sich. Als er schließlich anrollte, atmete Kilian tief durch und sagte sich selbst, dass er es schon schaffen würde. Er lehnte sich im Sitz zurück und schloss die Augen. Plötzlich wurde er unsanft angerempelt. Ein kräftig gebauter Mann in einem knapp sitzenden Anzug hatte sich neben ihn auf den Sitzplatz fallen lassen. Das hochrote Gesicht und die schnaufende Atmung ließen Kilian vermuten, dass der Mann gerannt war, um den Zug nicht zu verpassen. Als ihm unangenehmer Schweißgeruch in die Nase stieg, drehte er den Kopf zum Fenster.

‚Na das fängt ja gut an!‘, dachte er verstimmt.

So schnell die Stunden bis zur Abreise vergangen waren, umso langsamer kam ihm die Fahrt selbst vor. Er war extrem erleichtert, als sie den Bahnhof erreichten, in dem Kilian umsteigen musste. Ohne auf seinen Sitznachbarn Rücksicht zu nehmen – denn das hatte der die ganze Zeit nicht getan – zog Kilian seine Tasche hervor und verließ den Zug. Dabei wünschte er dem Ekel gedanklich eine unangenehme Weiterreise.

Das Glück schien ihm gewogen, denn als er in den Folgezug einstieg, gab es noch etliche freie Plätze. Wieder verstaute er seine Tasche und machte es sich gemütlich. Diesmal blieb er alleine auf der Zweier-Sitzbank, was ihm noch besser gefiel.

Unterwegs dachte Kilian darüber nach, wie das Schicksal wohl aussehen mochte. Er kannte nur Erzählungen und Gerüchte über Danyel, aber ein Bild hatte er noch nie gesehen. Es war untersagt, Fotos von ihm zu machen. Erstaunlicherweise hielten sich nicht nur die Medienvertreter daran, auch die Leute, die mit Danyel in Kontakt gekommen waren, taten es. Niemand prahlte mit einer Aufnahme des Schicksals … vielleicht im Verborgenen, doch darüber wollte sich Kilian nicht den Kopf zerbrechen. In seiner Vorstellung glaubte er gerne, es erwarte ihn ein weiser alter Mann mit einem weißen Rauschebart und Krückstock, doch das stimmte wohl nicht. Menschen, die Danyel gesehen hatten, berichteten von einem jung aussehenden Mann, der keine Güte besaß. Ob sie der Wahrheit entsprachen, würde sich herausstellen. Etwas Angst hatte Kilian immer noch, doch mehr als Nein sagen konnte Danyel schließlich nicht, oder? Wenn er dem Schicksal den Vorschlag unterbreitete, die Lebenszeiten einfach zu tauschen, war das keine große Bitte. Es wäre etwas anderes, wenn er für seine Schwester mehr Zeit erbat, seine eigene dafür aber nicht aufgeben wollte.

Zwei

Kilian kam planmäßig in Rom an.

Er freute sich, dass er bis zu seinem Termin noch die Gelegenheit dazu hatte, sich die Stadt anzusehen. Früher musste sie mal ein Anziehungspunkt und beliebtes Reiseziel der Katholiken gewesen sein. Kilian konnte sich nur wenig darunter vorstellen. Er gehörte zu einer Generation, die Religionen nur noch von Erzählungen kannte. In der Schule hatten sie das Thema behandelt, weil es zur Geschichte der Menschheit gehörte. Für ihn war es unvorstellbar, sein Leben mit dem Vertrauen und dem Glauben zu leben, dass über ihn eine unsichtbare Gottheit wachte. Ein Gott, der alles lenkte … und was er am schlimmsten fand, dass Kriege im Namen eines Herrn geführt wurden, den die Menschen verehrt hatten. Vielleicht war das der Grund dafür gewesen, dass Danyel sich offenbarte und damit das Leben der Menschen veränderte. War er es leid gewesen, dass die Kriege ihm seine Planungen durchkreuzten? Wie viele Menschen hatten ihr Leben gelassen, bevor der von Danyel festgelegte Tag erreicht worden war? Natürlich geschah das auch heute noch – so, wie es bei Kilians Vater passiert war – aber das hatte rein gar nichts mit religiösen Motiven zu tun. Mit Danyels Erscheinen hatte sich vieles geändert. Die Zustellung der Pergamente, zu wissen, wann das aktuelle Leben endete, um wieder ganz von vorne anzufangen … der ewige Kreislauf.

Monja hatte Kilian mal von einem Vortrag erzählt, der in der Polizeischule gehalten wurde. Ein Analytiker hatte eine Statistik aufgestellt, aus welchen Gründen Verbrechen verübt wurden. Am Häufigsten war Geld der Grund gewesen. Konnte der Mensch in seiner Lebenszeit nicht ausreichend erwirtschaften, um ein sorgenfreies und glückliches Leben zu führen, wurde der Neid irgendwann zu Hass. Kurz vor dem Lebensende brach der sich bei gestörten Persönlichkeiten Bahn, es wurden Überfälle verübt, Geld oder Wertgegenstände erbeutet. Alles mit dem Wissen, man habe ja doch nichts mehr zu verlieren. Haftstrafen besaßen bei diesen Menschen keine abschreckende Wirkung mehr.

Ein weiterer Grund war das Streben nach Macht. Kontrahenten wurden eiskalt aus dem Weg geräumt und Kilian verstand nicht, weshalb sich Danyel da heraushielt. Als der Herr über Leben und Tod, der jedem sozusagen die Uhr programmierte, müsste er doch aufgebracht sein, wenn ein Mensch sich über seinen Plan hinwegsetzte und aus niederen Beweggründen einem anderen Menschen das Leben nahm. Kilian hatte schon oft darüber nachgedacht und kam zu dem Schluss, dass es dem Schicksal egal sein musste. Wen es nicht kümmerte, dass Eltern ihr Kind begraben mussten, dem war auch Mord und Totschlag kein Dorn im Auge.

Kilian verließ das Bahnhofsgebäude und sah ein paar Schritte entfernt einen großen Stadtplan in einem Schaukasten. Leider hatte er die Größe der Stadt unterschätzt. Andererseits bedeutete es, dass unzählige Hotels, Pensionen und Gästezimmer um die Gunst der Touristen buhlten. Die Stadt war ein Magnet und das nicht nur, weil das Schicksal hier residierte. Rom war Geschichte pur, was viele Leute anlockte. Kilian studierte den Plan und nahm sich vor, in Richtung des Tibers zu gehen, denn das Gelände der ehemaligen Vatikanstadt lag auf der anderen Seite des Flusses.

Sein Weg führte ihn an hohen Häusern vorbei, wie sie typisch für große Städte waren. Den Stil der italienischen Bauten fand er im Vergleich zu Deutschland allerdings schöner. Was ihn verwunderte, war die eigenartige Fahrweise der Einheimischen. Kilian glaubte fast, wenn die Hupe von Auto oder Motorroller defekt war, müsste das Fahrzeug entsorgt werden. Überall um ihn herum tutete es und die hektische, chaotische Fahrweise veranlasste ihn dazu, nur an einer Fußgängerampel die Straße zu überqueren. Alles andere wäre lebensmüde …

Nach dem dritten Bed & Breakfast Hotel, das er ansteuerte, wollte er schon aufgeben. Sie waren für ihn zu teuer. Dabei hatte er nur bei denen gefragt, die unscheinbar wirkten. Die Unterkünfte, die gepflegt und mit Leuchtreklame auf sich aufmerksam machten, ignorierte er. Er hatte schon ein gutes Stück hinter sich gebracht und hoffte, noch vor Einbruch der Nacht einen Schlafplatz zu finden. In dieser riesigen Stadt musste es doch irgendwo ein Bett geben, das er sich leisten konnte.

Einer spontanen Eingebung folgend, lief er in eine schmale Seitenstraße. Kilian schätzte, dass er inzwischen anderthalb Kilometer zurückgelegt haben musste. Eine Trattoria zog seinen Blick auf sich. Das Lokal wirkte gemütlich und Kilian hoffte, dass sie ihm dort für einen Teller Pasta nicht ein Vermögen abknöpfen würden.

Schon als er eintrat, roch es köstlich und sein Magen knurrte. Die rustikale Einrichtung sorgte für ein besonderes Flair – alt, urig und sehr einladend. Er setzte sich auf eine Bank, auf der statt Kissen Felle lagen. Der Tisch vor ihm sah aus, als wäre er einhundert Jahre alt.

‚Der muss schon eine Menge erlebt haben!‘, dachte er und lehnte sich erschöpft zurück. Eine kleine Pause konnte er gut gebrauchen.

Eine Frau mittleren Alters kam auf ihn zu. „Buonasera!“

Kilian nickte ihr zu und erwiderte den Gruß. Als sie ihn etwas fragte und er sie nicht verstand, machte er das mit einer Geste deutlich und sagte: „No italiano.“ Er zeigte auf sich selbst, dann auf sie. „Deutsch oder Englisch?“

„Si“, sagte sie lächelnd, deutete auf sich selbst und ergänzte: „Non posso.“

Kilian bediente sich erneut einer Geste, indem er ratlos mit den Schultern zuckte. Anschließend tat er so, als würde er etwas trinken und etwas essen. Die Italienerin lachte. Sie griff zum Nachbartisch und hielt Kilian die Karte hin. Auch wenn er kein Italienisch beherrschte, ging er doch davon aus, dass er zumindest einen Teil des Geschriebenen verstand.

Das tat er auch. Der Belag der Pizzen ließ sich nicht enträtseln. Mit der Pasta konnte er schon mehr anfangen. Die Getränkeliste war auch nicht allzu schwierig, das meiste war ihm bekannt, weil es Marken waren, die es auch in Deutschland gab. Die Preise überraschten ihn etwas, denn er hatte mit mehr gerechnet.

Als die Bedienung wiederkam, bestellte er sich die Spaghetti Bolognese und ein Pellegrino. Sie nickte bestätigend und verschwand im hinteren Bereich des Lokals.

Kilian war nicht der einzige Gast. An der windschiefen Theke saßen zwei ältere Herren, die nicht nur mit Worten, sondern mit ausladender Gestik diskutierten. An einem Tisch weiter hinten saß ein junges Pärchen, das sich leise unterhielt.

*

Danyel ließ den Blick über die langen und ebenso hohen Regale wandern. Dafour sortierte gerade die jüngsten Lebenszeitdokumente nach seinem ganz eigenen Schema ein.

„Das hier wird sich ändern“, eröffnete er.

Dafour sah ihn fragend an.

„All das. Ich habe beschlossen, die Menschen mit der Tatsache zu konfrontieren, dass nur ich über ihre Zeit entscheide. Hast du gehört, dass sie alle schrecklichen Ereignisse mir zuschreiben? Einen Schicksalsschlag nennen sie das! Dabei bin nicht ich es, der die Lebenszeit willkürlich ändert. Sie selbst sind es. Es ist an der Zeit, dass sie das begreifen. All diese Kriege, Mord und Totschlag, die Verbrechen gegen den eigenen Körper, wenn sie zu Drogen greifen … Mir reicht es!“ Er klang überaus herrisch, als er das sagte.

Dafour räusperte sich. „Entschuldige bitte, wenn ich das frage: Aber warum?“

Danyel zuckte mit den Schultern. „Weil wir unser Dasein schon viel zu lange im Verborgenen führen. Du bist meine rechte Hand, der Verwalter der Pergamente. Ich habe beschlossen, dir Boten an die Seite zu stellen und jedem Menschen sein Pergament auszuhändigen.“

„Das ist eine deutliche Änderung.“

„Ja. Und sie ist nötig. Die wenigen Menschen, die in meinem Dienst stehen und dennoch nicht wissen, wer oder was ich bin, mich für einen zurückgezogen lebenden Adeligen halten … die Menschen, vor denenich Pajlin und Teghre verstecken muss … die Menschen, die dich nicht sehen dürfen. Das muss ein Ende haben. Ich bin das Schicksal und jeder soll es wissen!“

„Ich stelle deine Entscheidungen nicht infrage. Das weißt du. Also, wann gedenkst du, dich zu offenbaren?“

„In einer Woche. Wenn du hier fertig bist, kommst du zu mir rüber. Es gibt einiges zu regeln, trotzdem müssen die Pergamente ausgefüllt werden.“

„Ja, Danyel.“ Dafour nickte ihm zu und griff den nächsten Stapel Papiere, den er einsortierte.

Danyel überließ ihn seiner Arbeit und lief zurück in den großen Saal des Anwesens, den nur er betreten durfte. Keiner der Menschen, die als Angestellte im Haus arbeiteten, hatte dort Zutritt.

Zur Sicherheit, falls sich doch jemand nicht an das Verbot hielt, befand sich ein Sichtschutz mitten im Raum, der den Schreibtisch von Pajlin und Teghre vor Blicken von der Tür schützte. Er umrundete diesen und sah den beiden beim Schreiben zu.