Dark Guardian (Boston Bad Boys Band 2) - Holly Summer - E-Book
Beschreibung

Angel ist ein erfolgreiches Model. Doch dann beobachtet sie etwas, das sie nicht wissen dürfte - und schwebt plötzlich in höchster Lebensgefahr. Der geheimnisvolle Ash ist der Einzige, der sie beschützen kann. Doch eigentlich hat er überhaupt keine Lust auf einen Job als Babysitter einer verwöhnten jungen Frau. Er verachtet Angels übertriebenen und großzügigen Lebensstil - und Angel hasst es, sich von ihm provozieren und bevormunden zu lassen. Was anfänglich als gegenseitige Abneigung begann, entwickelt sich rasant zu einer verzehrenden Leidenschaft. Wie lange wird Ash sich gegen seine Gefühle wehren können? Und wird es Angel gelingen, in Ashs Seele vorzudringen und die Schatten seiner Vergangenheit zu vertreiben? Der zweite Band der erfolgreichen Boston Bad Boys-Reihe der Erfolgsautorin Holly Summer.

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Seitenzahl:470

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Holly Summer

Dark Guardian

Boston Bad Boys 2

© 2017 Amrûn VerlagJürgen Eglseer, Traunstein

Covergestaltung: Christian Günther, Atelier Tag Eins

Lektorat: Simona Turini, Lektorat Turini

Korrektorat: Jessica Idczak, Stilfeder

Alle Rechte vorbehalten

ISBN – 978-3-95869-580-1

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Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein
fiktiv. Alle beschriebenen Personen sind volljährig.
Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden
oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Epilog

Dieses Buch widme ich den Menschen, die mich durch dunkle Zeiten begleitet haben und mir die Kraft gaben, Ash und Angel Leben einzuhauchen.

»Und du glaubst, er ist der Richtige für diesen Job?«, will ich von Carter wissen, während ich eine Haarsträhne um meinen Finger wickle. Das tue ich oft, wenn ich unsicher bin, und heute bin ich es. Carter ist unser Familienanwalt und ein gerissener Fuchs. Obwohl er die Siebzig bereits überschritten hat, arbeitet er immer noch für uns. Er steht an einen der Aktencontainer gelehnt und schaut auf mich herunter, während wir in dem winzigen Büro des FBI-Beamten ausharren, umgeben von modrigen Vorgängen, und auf meinen Personenschutz warten.

»Er ist der Beste«, sagt er.

Ich zucke nur mit den Schultern und stelle meine Louis- Vuitton-Tasche neben mir auf den Boden.

»Das kann ich für ihn nur hoffen.«

Abrupt stößt sich Carter vom Aktenschrank ab und kommt einen Schritt auf mich zu.

»Angel, er ist ein ehemaliger Navy Seal. Einer der härtesten Typen auf diesem Erdball. Die Jungs durchlaufen eine Ausbildung, da würde jeder Normalsterbliche bereits nach dem ersten Tag das Handtuch werfen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie hart das Training ist. Er ist für jede denkbare Gefahrensituation ausgebildet und reagiert schnell, emotionslos und kontrolliert.«

»Was macht dich so sicher? Du kennst ihn doch gar nicht«, stelle ich seine Aussage infrage.

»Das brauche ich auch nicht. Wenn Simon mir verspricht, dass er dir den besten Mann zur Verfügung stellt, dann reicht mir das. Wenn er dich nicht beschützen kann, dann kann es keiner.«

»Na, hoffentlich hast du recht. Obwohl ich immer noch glaube, dass ihr euch alle völlig unnötige Sorgen macht. Ich habe mit der Sache doch überhaupt nichts zu tun. Vermutlich übertreibt ihr alle nur.« Ich schlage die Beine übereinander und wippe mit dem Fuß.

»Ich wäre erleichtert, wenn dein Bauchgefühl zutreffen würde. Aber das glaube ich nicht. Meine Intuition hat mich noch nie getäuscht. Darum habe ich auch darauf bestanden, dass man dir den bestmöglichen Schutz zur Verfügung stellt. Das FBI ist dem Syndikat ganz nah auf den Fersen. Du wirst sehen, es wird nicht lange dauern und der Spuk ist vorbei«, redet er eindringlich auf mich ein. »Aber bis dahin solltest du vorsichtig sein und tun, was dieser Ross von dir verlangt.«

»Ross? Ist das sein Name? Hört sich an wie ein Pferd.« Ich muss ungewollt lachen und vergesse fast meine gute Erziehung.

»Ja, Ash Ross«, ergänzt er.

»Ash Ross«, lasse ich mir den Namen auf der Zunge zergehen, nicht, ohne mich schon wieder über ihn lustig zu machen. »Er wird sich meinem Tagesplan anpassen müssen. Auf keinen Fall umgekehrt.«

Mein Anwalt atmet tief ein. »Angel, übertreib es bitte nicht. Du hast gesehen, was passiert ist. Ich will nicht, dass noch ein Mensch getötet wird, bevor diese Sache über die Bühne gegangen ist. Es hat mich schon genug Nerven gekostet, deinen Vater davon zu überzeugen, sich nicht mehr ohne seine Bodyguards aus dem Haus zu bewegen. Vielleicht hättest du die nächsten Wochen doch auf seiner Ranch verbringen sollen, bis die ganze Sache erledigt ist, anstatt hier in Boston zu bleiben.«

Ich rolle die Augen. Mein Dad ist ein großes Tier unten in Texas, ihm gehört eine der bedeutendsten Ölfirmen. Er lebt auf der Überholspur, Angst ist ein Wort, das in seinem Sprachgebrauch nicht existiert. Und ich ticke im Grunde genauso wie er.

Zumindest tat ich das bis zu dem Zeitpunkt, als mein Leben nur noch an einem dünnen Faden hing. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes den Hauch des Todes gespürt. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich richtig Angst. Auf diese Erfahrung kann ich gerne verzichten, aber ich will mich nicht einschränken und mich schon gar nicht von irgendeinem Cop einengen lassen. Mal davon abgesehen, dass das Attentat in Dallas passiert ist. Jetzt bin ich wieder zu Hause, weit weg von Texas in Boston.

»Na, wenn er so gut ist, wie du sagst, dann kann doch nichts passieren, oder?«, behaupte ich selbstsicher, fast schon arrogant.

»Nein«, sagt er kurz angebunden. »Du bist genauso uneinsichtig wie Carlos.«

»Muss wohl so sein. Ich bin seine Tochter.« Damit greife ich nach meiner Handtasche und nehme einen Chanel-Lippenstift und einen Spiegel heraus, um meine Lippen nachzuziehen.

»Das bist du allerdings. Ich wünschte manchmal, du hättest mehr von deiner Mutter geerbt.«

Stimmen aus dem Nachbarbüro dringen zu uns, bevor ich ihn zum ersten Mal sehe und den Lippenstift wieder in der Hülle verschwinden lasse. Die Wände der Büros sind aus Glas und scheinbar nicht schallisoliert, sodass ich jedes Wort verstehen kann, das da nicht gerade leise gesprochen wird. Er geht aufgebracht auf den wenigen Quadratmetern auf und ab, schüttelt abwechselnd verneinend den Kopf und hebt warnend den Zeigefinger in Richtung seines Gesprächspartners, bevor er sich demonstrativ auf dem Schreibtisch des Beamten aufstützt und ihn wütend anfunkelt. Ich drehe mich auf dem Stuhl der Glaswand zu, um ihn besser sehen zu können. Das ist der Mann, der mich beschützen soll? Ich kann nur hoffen, dass es sich um einen schlechten Scherz handelt. Viel kann ich von ihm nicht erkennen, da er mir jetzt den Rücken zuwendet. Aber er ist groß und wirkt wie ein Bulle.

Und dann trifft mich die Aussage des ehemaligen Navy Seals wie ein Schlag ins Gesicht: »Das ist nicht dein Ernst, Simon. Du glaubst doch nicht, dass ich den Personenschutz für diese verwöhnte, reiche Göre übernehme!«

Ach, eine reiche verwöhnte Göre bin ich in den Augen dieses Schlammcatchers! Du wirst mich noch kennenlernen, du arroganter Klotz. Auch ich kann unnachgiebig und widerspenstig sein.

Dann dringen die Worte des FBI-Beamten zu uns herüber. »Ash, würdest du bitte etwas leiser sprechen. Miss Martinez sitzt mit ihrem Anwalt nebenan.«

Jetzt dreht sich der Mann, der mindestens eins neunzig groß ist, um und schaut durch die Glastrennwand direkt in mein Gesicht. Ich hatte mir gerade vorgenommen, ihm meinen herablassendsten Blick zu schenken, aber als er mich mit seinen dunklen Augen fixiert, die sich wie Pfeile in mich bohren, bin ich in einer Art Schockstarre. Mein Gott, wie kann ein Mann, der sich ausschließlich mit Schmutz, Gefahren und Gewalt beschäftigt, so verdammt sexy und atemberaubend aussehen?

Seine Lippen sind hart aufeinandergepresst und doch wirkt sein Mund sinnlich. Wenn man auf den Typ Holzfäller steht, könnte er einem direkt gefährlich werden. Was zum Glück auf mich nicht zutrifft. Seine Haut ist tief gebräunt, als würde er sich das ganze Jahr über im Freien aufhalten, und seine dunkelbraunen Haare haben eine verwaschene Tönung, als wäre er zu lange in der Sonne gewesen. Habe ich schon den Dreitagebart erwähnt, der ihm etwas Verwegenes verleiht? Aber den braucht er nicht, er ist verwegen in seiner ganzen Überheblichkeit und Ausstrahlung. Breite Schultern und eine muskulöse Brust zeichnen sich unter seinem T-Shirt ab, über dem er eine Lederjacke trägt, die ihn unglaublich kantig wirken lässt. Er hat sich die Sonnenbrille auf den Kopf geschoben, was ihm einen Hauch Arroganz verleiht. Typisches Machogehabe, bei wolkenverhangenem Himmel mit einer Sonnenbrille auf dem Kopf herumzulaufen.

Jetzt dreht er sich wieder dem Mitarbeiter zu, ohne eine Regung zu zeigen oder Reue über seine unverschämten Worte zu äußern. Da die beiden nun leise weitersprechen, kann ich nichts mehr verstehen. Ich wende mich wieder Carter zu und verdrehe die Augen. Mein Anwalt zuckt nur die Schultern und winkt ab.

»Also, wenn das der beste Mann sein soll, dann kann ich dir jetzt schon sagen, dass ich mich nicht so herablassend behandeln lasse. Das kannst du ihm gerne ausrichten.« Dann stehe ich von meinem Stuhl auf, greife nach meiner Tasche und will den Raum verlassen.

»Ich glaube, das kannst du ihm gleich selbst mitteilen, da kommt er nämlich.« Carter deutet mit einer Kopfbewegung zur Tür, die sich in diesem Moment mit einem leichten Knarren öffnet.

Der FBI-Beamte betritt zusammen mit meinem neuen Bodyguard das winzige Büro, das jetzt noch beengter wirkt. Es passt mir zwar nicht, aber dieser Navy Seal wühlt meine Gefühle gehörig auf. Dabei sollte ich ihn doch hassen, diesen unverschämten Kerl. Und auf gewisse Weise tue ich das auch. Warum verschwende ich überhaupt einen Gedanken an ihn? Er ist mir im Grunde doch vollkommen egal. Das FBI kann mir schließlich keinen Bodyguard zur Verfügung stellen, der auch noch meinen Vorstellungen von einem heißen Typen entspricht. Bei dem Gedanken muss ich innerlich grinsen. Dieser Machomann, der hier vor mir steht, ist auf alle Fälle viel zu roh und kaltschnäuzig, als dass er mir gefährlich werden könnte.

Die Stimme des Beamten reißt mich aus diesen peinlichen Gedanken. »Miss Martinez, ich möchte Ihnen gerne Ash Ross vorstellen.« Dabei tritt er ein Stück zur Seite, sodass mein Beschützer mich in aller Seelenruhe abschätzen kann.

Mein Anwalt nickt ihm verhalten zu. Aber ich beachte ihn nicht weiter und wende meine Aufmerksamkeit dem Beamten zu, der sofort weiterspricht. Auch er scheint jetzt meine Abneigung zu spüren und räuspert sich kurz.

»Mister Ross wird für die nächste Zeit Ihren persönlichen Schutz übernehmen. Er hat viele Jahre als Navy Seal gearbeitet und ist darauf trainiert, Ihnen die bestmögliche Sicherheit zu bieten«, spricht er schnell weiter. Dann tritt er komplett zur Seite und mein Beschützer steht in voller Breite vor mir und schaut immer noch herablassend auf mich herab. Er taxiert mich für einige Sekunden, lässt seinen Blick an mir auf und ab gleiten, bevor er das Wort an mich richtet. Ich schiebe das Kinn nach vorne und begegne ihm genauso arrogant.

»Eins wollen wir von Anfang an klarstellen, Miss Martinez. Meine Befehle sind Gesetz. Widersetzen Sie sich meinen Anweisungen, stehen Sie ohne Schutz da.«

Eiskalt. Ich muss schlucken. Die Ansage war deutlich. Was denkt sich dieser Befehlshaber? Er weiß wohl nicht, wen er vor sich hat. Typisches Militärgehabe. Na, das kann ja interessant werden. Ich recke das Kinn noch ein wenig mehr vor und bin im ersten Moment sprachlos über seine Unverfrorenheit. Eine kurze Vorstellung oder einfach nur ein Hallo wäre hier angemessener gewesen. Stattdessen behandelt mich dieser Feldwebel wie ein trotziges Kind. Was fällt diesem Pfadfinder eigentlich ein, so mit mir zu sprechen? Hat die Vorstellung nebenan im Büro nicht bereits genügt? Sicher war er in seiner Einheit ein fürchterlicher Sklaventreiber und hat seine Leute bis aufs Blut getriezt. Zumindest könnte ich mir das bei ihm vorstellen.

Schnell fasse ich mich wieder und setze meine Blitzlichtmiene auf, die ich für die Kameras bestens beherrsche. Ich weiß genau, was er von mir denkt. Er sieht nur die junge Frau, die er aus den Klatschblättern und den Modezeitschriften kennt. Aber das bin ich nicht.

Langsam drehe ich mich zu ihm hin, zaubere ein Lächeln auf mein Gesicht und reiche diesem arroganten Schlachtross die Hand, um ihm zu zeigen, wie unmöglich er sich gerade benimmt und dass ein wenig Höflichkeit keine Schande ist.

»Nennen Sie mich Angel, Mister Ross. Auch wenn Sie davon ausgehen, dass ich eine verwöhnte reiche Göre bin, weiß ich doch, was sich gehört.«

Der Hieb hat gesessen. Sofort verschwindet sein grimmiger Gesichtsausdruck. Einige Sekunden stehen wir uns schweigend gegenüber, bevor er meine Hand ergreift und zudrückt. Sein Griff ist stark und unnachgiebig. Er ist zwar nicht mein Typ, aber irgendwie doch geil.

Endlich scheint er seine Verärgerung darüber abgelegt zu haben, dass er einen Auftrag übernehmen soll, der seines Erachtens völlig unter seinem Niveau liegt. Viel lieber würde er sich wohl aus fliegenden Helikoptern fallen lassen oder mitten im Kriegsgewitter für sein Land kämpfen oder so was.

»Dann dürften wir keine Schwierigkeiten haben. Und ich würde es vorziehen, wenn Sie mich Ash nennen. Das macht einiges einfacher.«

»Ist das jetzt ein Befehl?«, kontere ich, noch immer mit einem Lächeln im Gesicht. Ich könnte schwören, dass die Luft zwischen uns in den letzten Minuten um einige Grad aufgeheizt wurde. Ich bin mir meiner Wirkung auf Männer durchaus bewusst und außerdem nicht auf den Mund gefallen, wie er vielleicht angenommen hat.

Er braucht auf diese Frage nichts zu sagen, denn seine leicht nach oben gezogenen Mundwinkel sind Antwort genug. Ich bin sicher, dass er den Kampf mit mir gerne sofort aufnehmen würde. Auf jeden Fall bin ich ihm, was seine verbale Ausdrucksweise anbelangt, ebenbürtig, und das scheint ihm zu gefallen.

Wir werden sicher noch die eine oder andere Schlacht austragen, Mister Befehlshaber, denke ich sarkastisch. Du mit deinen Mitteln, ich mit meinen. Aber ich denke nicht daran, der Verlierer zu sein. Das Räuspern von Carter unterbricht die angespannte Atmosphäre, die seit einigen Sekunden zwischen uns in der Luft liegt. Schade eigentlich. Ich war gerade so richtig in Stimmung.

»Also, falls es nichts mehr zu besprechen gibt, dann würde ich jetzt gerne gehen. Mein Flieger geht in zwei Stunden und in Dallas warten Klienten auf mich«, wendet er sich an mich.

Ich drehe mich zu ihm um. »Ja klar, kein Problem. Grüß Dad von mir.«

Carter nickt mir zu, als wollte er mir einen stillen Wink geben. »Das mache ich. Und Angel, ruf mich an, wenn du irgendetwas brauchst. Du weißt ja, wo du mich finden kannst. Simon, Mister Ross«, verabschiedet er sich von meinem Beschützer und nickt dem FBI-Beamten zum Abschied zu.

»Das wird nicht nötig sein, Mr. Carter. Ich werde schon für ihr Wohlergehen sorgen«, lässt Ash ihn wissen, ohne den Blick von mir zu nehmen.

Das kann ich mir denken, du arroganter Wichtigtuer. Mein Anwalt schaut ihn mit großen Augen an, verabschiedet sich dann aber schulterzuckend, nicht, ohne mir einen warnenden Blick zuzuwerfen. Auch der FBI-Beamte verlässt den Raum. Jetzt sind wir allein.

»Wie haben Sie sich denn vorgestellt, mich zu beschützen?«, frage ich ihn, während ich einige Schritte durch das kleine Zimmer gehe und mich dann wieder zu ihm umdrehe.

Er steht völlig selbstbeherrscht und ruhig mit den Händen auf dem Rücken da und beobachtet mich.

»Lassen Sie das meine Sorge sein. Sie müssen sich nur meinen Anordnungen fügen, dann wird Ihnen nichts passieren.«

»Was macht Sie so sicher?«, fordere ich ihn heraus. Er dreht kurz den Kopf zur Seite und schnauft leise, bevor er mich mit leicht zusammengekniffenen Augen anfunkelt.

»Lady, ich mache diesen Job nicht zum ersten Mal. Also hören Sie auf, mein Können infrage zu stellen«, knurrt er mich an. Er kommt mir vor wie ein großer Hund, dem man seinen Knochen weggenommen hat und der jetzt zähnefletschend in Angriffsposition geht.

»Das hoffe ich für Sie.«

»Hm, passen Sie nur auf, dass Sie den Bogen nicht überspannen.«

»Keine Sorge, ich weiß genau, was ich tue.«

»Das glaube ich nicht. Kommen Sie jetzt. Ich muss Sicherheitsvorkehrungen treffen und will Sie so schnell wie möglich aus der Stadt bringen.«

»Moment, was heißt aus der Stadt bringen?«

Er atmet hörbar aus.

»Wenn ich Sie beschützen soll, muss ich alle Risiken ausschalten. Hier ist es zu gefährlich. Ich habe uns ein Haus außerhalb von Boston gemietet. Dort werden wir die nächsten Wochen bleiben.«

»Nein!«, fahre ich ihn entrüstet an. »Ich werde nicht mit Ihnen in irgendeiner Hütte wohnen. Ich bleibe in meinem Apartment. Ich habe ein Leben und das will ich nicht aufgeben. Dann hätte ich auch in Texas bei meinem Vater bleiben können. Wenn Sie so gut sind, wie alle behaupten, dann dürfte das ja wohl kein Problem für Sie sein.« Die Provokation ist Absicht, ich will ihn herausfordern. »Außerdem habe ich Termine in den nächsten Wochen. Ich arbeite. Das scheinen Sie wohl vergessen zu haben.«

Sein arroganter Blick streift von meinem Gesicht bis zu meinen Füßen, bevor ein kleines Zucken seiner Mundwinkel die einzige Regung ist, die er zulässt.

»Sie jobben als Model, nicht wahr?«

Ich schnaube entrüstet. Jobben? Was denkt sich dieser bornierte Cop eigentlich. Welche Vorstellung hat er von meinem Berufsstand? »Ihre sarkastischen Bemerkungen können Sie sich sparen, ich bin immun.«

Er zieht leicht die Augenbrauen nach oben, bevor er antwortet: »Immun? Wogegen?«

Mit diesen Worten kommt er ein Stück näher und mein Herz fängt plötzlich fürchterlich zu rasen an. Ich muss schon wieder schlucken, dabei entgeht mir sein leises Lachen nicht. Oh Gott, Angel, bekomm dich wieder unter Kontrolle. Das ist nur ein elender Cop, mehr nicht. Er wird dich schon nicht anfassen.

»Sie können nicht einfach mein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Sie sollen mich beschützen und mehr nicht.«

»Glauben Sie, ich hätte andere Absichten, als Ihr Leben zu beschützen?«

Verflucht, er nimmt kein Blatt vor den Mund und dreht jedes Wort von mir ins Lächerliche. Ich habe ihn doch unterschätzt. Also zucke ich nur gleichgültig die Schultern, um meine Verärgerung zu verbergen.

»Das liegt wahrscheinlich daran, dass Ihre Bemerkungen unverschämt anzüglich sind.«

»Das kommt immer auf den Betrachter an. Wollen Sie überleben?«

Ich nicke verdattert. Überleben?

»Dann gewöhnen Sie sich am besten schnellstens an meine Bemerkungen und hören auf, mehr hineinzuinterpretieren, als da ist.«

Jetzt hat er mich schachmatt gesetzt. Ich schlucke wieder. So drastisch muss er mir das nicht unter die Nase reiben. Ich weiß selbst, dass ich in Gefahr sein könnte, deshalb ist er ja da. Trotzdem will ich mich nicht verstecken und ich kann mir einfach nicht vorstellen, warum mir ausgerechnet hier etwas passieren sollte. Er muss mich verdammt noch mal in Boston beschützen!

»Man hat mir erzählt, Sie wären der Beste. Also dann, zeigen Sie mal, was Sie können«, fordere ich ihn noch einmal heraus, um vom Thema abzulenken. Er kneift leicht die Augen zusammen und seine Miene versteinert regelrecht.

»Also schön, Prinzessin. Dieses Mal lasse ich Ihnen noch Ihren Willen. Wir bleiben in Boston. Aber ich warne Sie, wenn Sie nicht das tun, was ich Ihnen sage, werden Sie mich kennenlernen. Und sobald ich glaube, dass Sie in Gefahr sind, bringe ich Sie weg. Alles klar?«

»Soll das eine Drohung sein?«, frage ich süffisant.

»Nein, keine Drohung. Nur eine Warnung.«

»Ich habe verstanden.«

»Dann fügen Sie sich meinen Anordnungen? Ich habe keine Lust, Sie tot aus irgendeiner Ecke zu kratzen.«

Wieder nicke ich, kleinlauter dieses Mal. Sein ständiges Gerede über meinen bevorstehenden Tod geht mir auf die Nerven. Aber ein bisschen bedrückt es mich auch. Was, wenn er nicht übertreibt? Statt meine Furcht einzugestehen, straffe ich meine Schultern und schaue ihn so hochmütig wie möglich an.

»Ja, ist okay«, antworte ich pikiert.

Plötzlich bekommt sein Gesichtsausdruck einen weichen Zug. Er nimmt eine lockere Haltung an und weist zu dem Tisch mit den zwei Stühlen.

»Was halten Sie davon, wenn wir uns kurz setzen und Sie erzählen mir Ihre Version von der ganzen Sache? Was ist in dem Bürokomplex geschehen?«

Ich zögere und greife zu meiner Haarsträhne. Wieso verlangt er von mir, diese schmutzige Geschichte noch einmal aufleben zu lassen?

»Warum?«, frage ich leise.

»Weil ich Sie dann vielleicht besser verstehen kann.«

Wow, eine menschliche Regung. Er interessiert sich für meine Gefühle und nimmt mich endlich ernst.

»Also gut.«

Wir gehen auf den Tisch zu und setzen uns.

»Es war spät an einem Freitagabend, als es passierte. Die Angestellten hatten das Gebäude bereits verlassen und ich hatte im Büro meines Dads auf ihn gewartet. Wir wollten essen gehen.«

»Hm. Was passierte dann?«

Ich atme lang gezogen aus und beiße mir auf die Lippe, während die Szene wieder vor meinem geistigen Auge abläuft. Dann senke ich den Blick zu meinen Händen, die verschränkt auf dem Tisch liegen, bevor ich weitererzähle.

»Es war alles ruhig auf der Etage. Ich kann mich nur an das monotone Brummen des Staubsaugers der Putzkolonne erinnern. Ungeduldig bin ich durch das Arbeitszimmer geschlendert und habe mir die Fotos angeschaut, alles wichtige Meilensteine in der Karriere meines Vaters.

Weil ich Durst hatte, nahm ich mir eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank, ließ mich in den Chefsessel meines Dads fallen und legte die Füße auf den Schreibtisch. Das hätte meinen Vater auf die Palme gebracht, wenn er es gesehen hätte. Er kann sehr eigensinnig und streng sein.«

Bei dem Gedanken daran muss ich unwillkürlich grinsen. Ein Blick zu meinem Bodyguard zeigt mir, dass auch er sich jetzt entspannt zurückgelehnt hat, während er mir zuhört. Er wirkt amüsiert.

»Das kann ich mir denken«, wirft er ein, als würde er meinen Dad persönlich kennen.

»Sie kennen ihn ja nicht mal. Er ist das genaue Gegenteil meiner Mutter, heißt es. Er erwidert nichts darauf, darum erzähle ich weiter.

»Na ja, auf jeden Fall hätte der Abend sicher eine andere Wendung genommen, wenn ich nicht dringend zur Toilette gemusst hätte. Ich stand also auf und verließ das Büro. Im Gang hörte ich dann einen Schuss und kurz darauf rannten zwei Männer aus einem der Büros am anderen Ende. Der eine hielt noch die Waffe in der Hand, während der andere irgendwie gehetzt auf ihn einredete.«

»Was haben Sie getan?«

»Blöde Frage, ich hielt den Atem an und zitterte vor Angst. Durch die offene Tür sah ich jemanden auf dem Boden liegen. Er lag ausgestreckt auf dem Bauch und rührte sich nicht mehr, die Arme und Beine leblos neben seinem Körper. Mir war sofort klar, dass dieser Mann tot war. Man hatte ihn von hinten erschossen. Er hatte keine Chance.« Die hässliche Szene, die gerade wieder vor meinen Augen abgelaufen ist, lässt mich unwillkürlich frösteln. In diesem Moment ist alles wieder da. Das dunkle Rot, das auf den hellen Teppich sickerte und eine hässliche Spur hinterließ, und die Angst, die mir die Kehle zuschnürte.

»Wussten Sie, wer der Tote war? Und warum rannten Sie nicht gleich weg?«, reißt er mich aus meinen Gedanken.

»Ich stand unter Schock. Mein Hals schnürte sich zu und ich bekam Todesangst, als ich erkannte, dass es Arthur Black war, der Geschäftspartner meines Vaters, der da auf dem Boden lag. Ich drückte mich in das nächste Büro und mein Herz schlug mir bis zum Hals.«

»Die Täter haben Sie also nicht gesehen?«

Ich schüttle verneinend den Kopf. »Nein, sie liefen in meine Richtung und an mir vorbei. Ich bin fast gestoben vor Angst und dachte, jetzt ist es aus. Ich schloss die Augen und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie mich bloß nicht entdeckten. Aber scheinbar war es wirklich zu dunkel im Flur, um mich zu sehen. Erst als sie an mir vorbei in Richtung der Aufzüge geeilt waren, rannte ich in die entgegengesetzte Richtung zum Notausgang und riss die Tür zum Treppenhaus auf.«

»Sie haben sich vollkommen richtig verhalten«, lobt er mich jetzt. »Was passierte dann?«

»Als ich die Tür aufmachte, ging sofort der Alarm los.«

»Und das machte die Täter auf Sie aufmerksam«, stellt er fest.

Ich nicke. »Einer der beiden rannte hinter mir her. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen, es war durch eine Strumpfmaske verdeckt. Ich weiß nicht mehr, wie ich durch das Treppenhaus nach draußen kam. Treppe um Treppe stolperte ich nach unten, riss die Eingangstür des Gebäudes auf und rannte wie von Sinnen auf meinen geparkten Wagen zu, um mit quietschenden Reifen aus der Stadt raus und zur Ranch meines Vaters zu fahren.«

»Das war sicher ein schreckliches Erlebnis für Sie.«

»Manchmal träume ich noch davon«, gebe ich zu. »Dann wache ich schweißnass auf. Wie dumm, oder?« Jetzt lächle ich gezwungen.

»Nein, das ist nicht dumm. Es zeigt nur, wie sehr Sie die Angelegenheit noch beschäftigt«, korrigiert er mich.

»Ach, Blödsinn. Das Ganze fand in Dallas statt. Ich habe die Täter doch überhaupt nicht erkannt und sie mich sicher auch nicht. Es war dunkel in dem Gebäude. Es war reiner Zufall, dass ich mich dort aufgehalten habe. Hören Sie, Ash. Dieser Anschlag galt doch nicht mir. Carter übertreibt. Er ist ein alter Mann, der schon zu lange in seinem Beruf steckt.«

»Angel, nehmen Sie die Sache nicht zu leicht.«

»Was erwarten Sie jetzt von mir? Dass ich mich verstecke? Das bin ich nicht und ich glaube auch nicht daran, dass ich in wirklicher Gefahr bin«, sage ich etwas zu zickig. Einige Sekunden schweigen wir, jeder in seine Gedanken vertieft. Als ich die Stille nicht mehr ertragen kann, stehe ich auf.

»Wollen wir gehen?«

Irgendwie fühle ich mich hier überhaupt nicht wohl, zwischen all den Mordakten und in der Enge der Büros, die auf mich wie Hasenkästen wirken. Er steht ebenfalls auf und schüttelt leicht den Kopf. Wusste ich es doch, dass er mich nicht versteht. Wir leben nun mal in völlig verschiedenen Welten.

»Nach Ihnen.« Er hält mir die Tür auf und wir betreten den langen Gang, der von Neonröhren erhellt wird.

Als wir ins Tageslicht treten, fühle ich mich wohler. Ash ist ganz nah neben mir und umfasst meinen Arm, während sein Blick in Sekundenschnelle die Gegend absucht. Daran sollte ich mich gewöhnen, dass er ab jetzt immer an meiner Seite sein und den Körperkontakt zu mir suchen wird, wenn es die Situation erfordert. Der FBI-Beamte hat mich bereits darauf vorbereitet, dass es Momente dieser Art geben kann.

Ash schiebt mich ein Stück über den Bürgersteig zu einem Motorrad, das am Straßenrand geparkt steht, greift zu einem der Helme, die daran befestigt sind, und reicht ihn mir. Er selbst nimmt den zweiten. Dabei gleitet sein Blick zu meinen Schuhen und er verdreht genervt die Augen.

»Hier, setzen Sie den auf.«

Ich blinzle ihn wütend an. Das auch noch. Nicht nur, dass er mich in einer Tour beleidigt – allein sein Blick genügt schon, um mir zu zeigen, dass ich für dieses Gefährt die falschen Schuhe trage – nun will er mir auch noch dieses Motorrad zumuten, bei dem der Körperkontakt von vornherein Zwang ist.

»Sie glauben doch nicht, dass ich mich auf diese Höllenmaschine setze?«

Ich kenne mich mit Motorrädern nicht besonders gut aus, aber diese hier ist eine BMW vom Allerfeinsten. Mein Bruder ist früher so eine gefahren, daher weiß ich, wie verdammt schnell diese Dinger sein können.

Ash dreht den Kopf zur Seite und atmet hörbar aus. Das hat er jetzt schon mindestens zwei Mal getan, seit wir uns kennen, und sicher nicht das letzte Mal. Aber ich werde nicht mit ihm auf diesem Motorrad fahren. Niemals!

»Haben Sie mir nicht gerade oben im Büro versprochen, dass Sie sich meinen Befehlen beugen werden? Was, glauben Sie, wird das hier?«, faucht er mich an.

»Sie brauchen mich nicht anzuschreien, ich höre noch ganz gut. Dort drüben steht mein Wagen. Warum nehmen wir nicht den?« Dabei zeige ich auf mein schickes Cabriolet auf der anderen Straßenseite.

»Weil ich es sage. Ihr Wagen ist hier in der Stadt bekannt. Ein Mitarbeiter von mir wird ihn später abholen«, antwortet er. »Also, ziehen Sie jetzt den Helm auf oder muss ich nachhelfen?«

»Werden Sie bloß nicht aufdringlich.«

»Nichts liegt mir ferner, Lady.«

Kein Mann hat bisher so abfällig mit mir gesprochen. Bis jetzt war ich es immer, die die Männer abwimmeln musste. Aber niemals hat mir jemand das Gefühl vermittelt, als wäre ich unattraktiv, so wie Ash es gerade getan hat. Als hätte er gespürt, wie sehr mich seine Worte getroffen haben, wirkt er jetzt weicher. »Steigen Sie auf, bitte.«

»Geht doch. Ich hoffe, Sie können mit dieser Maschine umgehen«, murmle ich leise.

»Das werde ich Ihnen gleich beweisen.«

Da mir nichts anderes übrig bleibt, ziehe ich den Helm über den Kopf. Zum Glück trage ich heute Jeans und einen leichten Kaschmirpullover. Eine Jacke habe ich nicht dabei, dafür trage ich High Heels.

»Hier, ziehen Sie die an.« Ash lässt seine Jacke von den Schultern gleiten und reicht sie mir. Zum Vorschein kommen perfekt trainierte Oberarmmuskeln, über denen der Baumwollstoff des T-Shirts spannt. Im ersten Moment zögere ich noch, aber dann nehme ich ihm die Lederjacke aus der Hand und ziehe sie mir über. Es ist eine Motorradjacke mit entsprechenden Protektoren und sie riecht nach ihm, seinem Aftershave, und nach Leder, was mir ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer vermittelt. Während ich hineinschlüpfe, kann ich nicht widerstehen, den Duft einzuatmen, der mir entgegenfliegt.

»Alles in Ordnung?«

Als hätte er mich bei etwas Verbotenem ertappt, zucke ich kurz zusammen und stecke auch noch den anderen Arm in die Jacke.

»Natürlich«, erwidere ich gelassen und werfe einen letzten Blick auf den Mann, mit dem ich die nächste Zeit verbringen werde. Das wird ein Abenteuer, das spüre ich ganz tief in mir.

Ich habe schon lange nicht mehr auf einem Motorrad gesessen. Seit dem Unfall, den mein Bruder hatte und bei dem er nur knapp mit einem blauen Auge davongekommen ist, hat mein Dad es mir praktisch verboten, darauf mitzufahren. Aber das ist schon einige Jahre her, damals war ich noch nicht mal volljährig. Natürlich habe ich mich nicht um sein Verbot gekümmert und bin mit meiner damaligen Clique mitgefahren, wenn wir um die Häuser gezogen sind. Ein Glück, dass mein Dad so einiges über mich nicht weiß ...

Er ist ein reicher Ölmagnat und hat mir und meinem Bruder unser Leben lang alles ermöglicht, was wir machen oder haben wollten. Im Grunde stehe ich seit meiner Geburt im Rampenlicht.

Oft werde ich wegen meiner Begabung beneidet, andere in meinen Bann zu ziehen. Ob das an meinem Aussehen liegt oder an der Art, wie ich auf die Menschen zugehe, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist der Grund am ehesten, dass ich durch meinen Dad verdammt reich bin und in der obersten Gesellschaft verkehre. Ich habe immer die besten Schulen und Internate besucht, bin in der High Society bekannt und häufiger in der Klatschspalte zu sehen, als mir lieb ist. Zumindest, wenn es den Reportern mal wieder gelingt, Schnappschüsse von mir zu erhaschen und dann die Geschichten um mich noch mit delikaten Extras auszuschmücken, besonders, wenn es darum geht, mir wieder mal eine heiße Beziehungsstory anzudichten. So was kommt in der Skandalpresse immer gut an. Natürlich ist das meiste davon nicht wahr und schlichtweg von den Journalisten erfunden.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich überhaupt nur mit zwei Männern richtigen Sex gehabt, alles andere haben die Pressefritzen dazugedichtet. Sie brauchen mich nur auf einer Party oder Veranstaltung mit einem Mann am Arm zu sehen und schon habe ich eine neue Affäre. Wenn ich dann am nächsten Tag auch noch mit dem gleichen Mann in einem Restaurant gesichtet werde, gibt es für die Schmierfinken kein Halten mehr und sofort wird er als mein neuer Lover angepriesen. Ich habe vor langer Zeit aufgehört, mir darüber Gedanken zu machen. Ich kann es sowieso nicht ändern.

Und dann mein Job als Model! Viele denken, genau wie Ash, Model zu sein, ist nur ein Zeitvertreib, der aus ausschweifenden Partys, Alkohol, Männern und Jetsetleben besteht. Aber das ist es nicht, das ist bloß ein billiges Klischee. Im Gegenteil, ständig muss ich darauf achten, bloß kein Gramm zuzunehmen, meinen Sport nicht zu vernachlässigen, auch wenn ich in der Nacht von einer offiziellen Party zurückkomme und es wieder mal spät geworden ist oder der Jetlag mir Schlaflosigkeit beschert hat, da ich viele Termine im Ausland habe. Ich muss am nächsten Tag trotzdem perfekt aussehen, wenn ich zu einem Shooting erscheine. Von dem harten Konkurrenzkampf will ich gar nicht sprechen.

Vermutlich quält mich auch aus diesem Grund immer häufiger der Gedanke an mein abgebrochenes Studium. Wo wäre ich jetzt, wenn ich nicht alles für die Modelkarriere hingeschmissen hätte? Vielleicht würde mein Name über einer Kolumne erscheinen oder ich wäre es, die hinter den Sternchen herhetzt, um eine gute Story einzufangen. Vielleicht könnte ich sogar spannende Interviews führen und knallharte Recherchen angehen. Jetzt ist es zu spät!

Und trotzdem sehne ich mich in letzter Zeit nicht zum ersten Mal danach, mein Geld mit einer Arbeit zu verdienen, auf die ich stolz sein kann, und nicht allein mit meinem Aussehen. Nicht, dass ich mir über Geld Gedanken machen müsste, mein Dad hat schon dafür gesorgt, dass es meinem Bruder und mir an nichts fehlt. Immerhin werden wir irgendwann sein Firmenimperium übernehmen. Natürlich hätte er es gerne gesehen, wenn ich jetzt schon in seine Fußstapfen treten und unten in Dallas in seinem Unternehmen mitmischen würde.

Aber das ist nun mal nur sein Plan, nicht das, was ich mir vom Leben wünsche.

Darum habe ich auch darauf bestanden, meinen Lebensunterhalt selbst zu finanzieren und mich nicht mehr von meinem Dad aushalten zu lassen – selbst wenn ich das nur mit meinem Körper und meinem Gesicht kann.

Ash hat sich bereits auf die Maschine geschwungen und wirft mir durch das aufgeklappte Visier einen fragenden Blick zu. Wie lange stehe ich schon hier und hänge meinen Gedanken nach?

»Was ist? Würden Sie endlich aufsteigen und sich festhalten, oder wollen Sie weiter in der Gegend rumträumen?«, mault er und setzt sich die Pilotenbrille auf.

Widerwillig schiebe ich meine Handtasche über die Schulter, greife um seine Taille, schwinge ein Bein über die Maschine und rutsche auf den Sitz. Es fühlt sich seltsam an, ihm so nah zu sein. Er ist ein Fremder und seine Welt ist offensichtlich eine ganz andere als meine. Ich frage mich, wie weit er gehen würde, um mein Leben zu beschützen?

Er bringt die Maschine in eine aufrechte Position, setzt einen Fuß auf die dafür vorgesehene Fußstütze und dreht sich zu mir um.

»Festhalten!«, höre ich ihn, also fasse ich vorsichtig an seine Hüfte.

»Prinzessin, wollen Sie runterfallen? Wenn ich sage, festhalten, dann meine ich das auch so.« Er packt meine Hände und zieht sie nach vorne, sodass ich meine Arme jetzt um seinen Körper schlingen muss und mein Oberkörper sich an seinen Rücken presst.

»Und nicht loslassen, klar?«

Ich nicke. Er dreht sich um und beobachtet kurz den vorbeifahrenden Verkehr. Dann gibt er Gas und fädelt sich auf der Straße ein, sodass ich ruckartig nach hinten gezogen werde, unbewusst die Arme noch enger um seinen Körper schließe und meinen Kopf an seine Schulter drücke. Ash fühlt sich fest und durchtrainiert an. Kein weiches Fleisch bedeckt seinen Bauch. Ganz im Gegenteil, alles, was ich spüre, sind harte Muskeln.

Die Beschleunigung kommt mir vor wie auf einer Achterbahn, nur befinden wir uns auf einer Straße mitten in Boston. Ash zischt an den Autos vorbei und nutzt jede Lücke, in die er schlüpfen kann. Mein Misstrauen in seine Fahrkünste ist wie weggewischt. Ich weiß nicht, warum ich das tue und mich fester an seinen Körper presse, als es nötig wäre. Vielleicht, weil ich gerade in diesem Moment die Nähe zu einem Menschen suche? Ich gebe es nicht gerne zu, aber ich genieße das Gefühl, mit ihm auf dieser Maschine durch die Straßen zu jagen, tatsächlich. Jedes Mal, wenn er abbremst, werde ich an ihn gedrückt, sodass ich, ohne von ihm ermahnt zu werden, die Hände in seinem T-Shirt vergrabe und mich an seinen sehnigen Körper schmiege.

Vor uns schaltet die Ampel auf Rot, aber Ash gibt Gas und kann noch hindurch schlüpfen. Ich schließe instinktiv die Augen und warte auf den Schlag von rechts, aber nichts geschieht. Vorsichtig blinzle ich und blicke wieder an seinem Kopf vorbei auf die Straße vor uns. Er fährt auf den Expressway, was ihm die Möglichkeit gibt, erneut zu beschleunigen. Jetzt kralle ich meine Fingernägel noch fester in sein T-Shirt. Ich frage mich, wo er eigentlich hinwill.

Nachdem er kreuz und quer durch die Stadt gefahren ist, biegt er endlich auf die Cambridge Street Richtung Beacon Hill ein, der Stadtteil, in dem ich eine superschicke Penthousewohnung besitze. Er hat mich nicht nach meiner Adresse gefragt, aber das braucht er auch nicht. Natürlich weiß er, wo ich wohne. Das FBI weiß alles, was es wissen möchte. Sie haben ein perfekt ausgestattetes Nachrichten- und Informationsnetz, das ihnen alle Auskünfte zur Verfügung stellt. Ash dürfte also einiges über mich in Erfahrung gebracht haben, hänge ich meinen Gedanken nach.

Doch anstatt nach Beacon Hill abzubiegen, fährt er über die Main Street raus aus der Innenstadt. Verwundert drehe ich den Kopf nach hinten.

»Hier hätten Sie abbiegen müssen«, schreie ich ihm durch das heruntergelassene Visier zu. Aber er scheint mich gar nicht gehört zu haben, denn jetzt gibt er erneut ordentlich Gas, sodass ich mich wieder fester an ihn klammern muss.

Was hat er vor? Will er mir Angst machen? Okay, dann hat er schon gewonnen. Oder will er seine Männlichkeit unter Beweis stellen?

Wir überqueren den Charles River und lassen sämtliche Autos hinter uns. Im Kreisel auf der anderen Flussseite legt er die BMW heftig in die Kurve. Instinktiv passe ich mich seiner Bewegung an und schließe für einen Moment die Augen. Ich sehe uns schon unter der Maschine begraben quer über die Fahrbahn schlittern. Aber wieder hat Ash die Situation vollkommen unter Kontrolle. Als ich die Augen öffne, befinden wir uns auf halber Strecke Richtung Beacon Hill. Mit dieser Aktion wollte er mich garantiert nur auf die Palme bringen und mir zeigen, wie unrecht ich ihm getan habe, als ich mich weigerte, auf das Motorrad zu steigen. Und dann habe ich ihm auch noch unterstellt, mit diesem Gefährt nicht umgehen zu können.

Meine gute Laune verschwindet und mein Zorn auf ihn ist in diesem Moment so richtig in Fahrt. Endlich biegt er in meine Straße ein und hält wenig später vor meiner Wohnung.

Ich steige ab, reiße mir praktisch den Helm vom Kopf und fahre ihn an: »Sagen Sie mal, was sollte diese unnötige Aktion? Wenn ich Ihr Ego angekratzt habe, dann tut mir das leid. Aber das ist noch lange kein Grund, wie ein Wahnsinniger durch die Stadt zu rasen.« Ich bin außer mir.

Er stellt den Motor aus, steigt ab und zieht sich ebenfalls den Helm vom Kopf. Auf meine Beschimpfungen geht er überhaupt nicht ein. Er gibt sich völlig unbeteiligt, was mich noch mehr gegen ihn aufbringt. Seine Arroganz ist nicht zu toppen. Dann gleitet sein Blick die Straße entlang, während er mir den Helm abnimmt und ihn genau wie seinen auf dem Motorrad deponiert.

»Gehen Sie rein.«

»Hören Sie mal, ich rede mit Ihnen.«

»Haben Sie nicht gehört? Sie sollen reingehen!« Jetzt ist seine Stimme nicht mehr ruhig. Ich schaue verunsichert die die Straße entlang. Aber es bleibt alles ruhig. Nur ein paar vorbeifahrende Autos sind zu sehen.

»So können Sie nicht mit mir reden.«

Fast verzweifelt zieht er die Augenbrauen hoch, schiebt mich eilig zum Eingang und schließt die Tür hinter uns. Ich bin mir sicher, dass er sehr mit sich kämpfen muss, mir nicht wieder eine seiner Unverschämtheiten um die Ohren zu hauen.

»Hallo, Scott«, begrüße ich unseren Portier etwas zu reserviert.

»Guten Tag, Miss Martinez.«

»Das ist Ash Ross. Er ist mein Sicherheitsmann und wird in nächster Zeit häufiger hier sein«, lasse ich ihn wissen, während Ash mich am Oberarm zielstrebig zum Aufzug zieht. Mein Blick gleitet provozierend zu seiner Hand.

»Würden Sie das bitte lassen«, zische ich ihn an. Doch er ignoriert mich und wendet sich dem Portier zu.

»Irrtum, Scott, ich werde die nächste Zeit hier wohnen. Also gewöhnen Sie sich schon mal daran. Ist etwas für mich abgegeben worden?«

Scott bückt sich hinter seinem Tresen und reicht Ash zwei Sporttaschen.

»Diese beiden Taschen wurden vor einer halben Stunde hergebracht, Sir«, teilt er ihm mit.

»Danke, Scott.«

Er lächelt ihn freundlich an und wendet sich wieder mir zu. Sofort ist seine gute Stimmung verflogen.

»Was heißt das, Sie werden hier wohnen?«, frage ich auf dem Weg zum Aufzug.

»Verstehen Sie Ihre Muttersprache nicht mehr?«

Ich gehe nicht auf seine beleidigenden Worte ein und komme zum Punkt.

»Haben Sie hier eine Wohnung gemietet?«

»Nein, habe ich nicht. Um Sie beschützen zu können, werde ich in Ihrem Gästezimmer wohnen. Begeistert bin ich auch nicht davon.«

»Was fällt Ihnen ein? Woher wissen Sie überhaupt, dass ich ein Gästezimmer habe?«

»Angel, wir wissen alles über Sie. Das ist nun mal wichtig, wenn ich auf Sie aufpassen soll.«

Er deutet auf den Aufzug, dessen Türen sich schon vor einigen Sekunden geöffnet haben, und wir steigen ein. Er drückt den Knopf für das Obergeschoss und wir fahren nach oben, als sein Handy klingelt.

»Slade? Ja, ich konnte sie abhängen.«

Wen konnte er abhängen? Wurden wir etwa verfolgt und er ist deshalb wie ein Irrer quer durch die Stadt gerast? Mein Gott, daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich war viel zu sehr mit dem Mann beschäftigt, der mich eigentlich kalt lassen sollte, was er aber nicht tut. Im Gegenteil, seit ich ihm begegnet bin, kreisen meine Gedanken nur noch um ihn.

Das ist doch verrückt! Ich mag ihn nicht mal!

Ash schaut zur Decke, als wollte er die Beschaffenheit des Aufzuges prüfen, während er seinem Gesprächspartner, wer auch immer dieser Slade sein sollte, zuhört.

»Nein, wir fahren jetzt in ihre Wohnung.«

Er nickt hin und wieder, während er Slade weiter lauscht. Und jetzt lächelt er sogar, dabei stützt er sich lässig an der Aufzugswand ab und neigt den Kopf zum Boden. Mit seiner Schuhspitze schiebt er einen winzigen Gegenstand hin- und her. Mein Gott, mit dieser Geste wirkt er, als wäre er drauf und dran, ein Date für heute Nacht klarzumachen. Hey, Baby, fahren wir zu dir oder zu mir? Ich schüttle diesen idiotischen Gedanken ab. Was ist nur los mit mir?

»Ja, sie ist schwieriger, als ich dachte.« Dabei gleitet sein Blick zu mir und ich spüre Hitze in mein Gesicht steigen, während ich ihm weiter aufmerksam zuhöre und gleichzeitig Desinteresse heuchle.

Dieser Blick! Seine braunen Augen, die mich arrogant und doch aufreizend fixieren. Was denkt er jetzt über mich? Dass ich attraktiv bin, sollte selbst ihm aufgefallen sein. Aber seine Gedanken stehen ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Sie schreien mich geradezu an: Zicke! Ein kleines Lächeln von ihm und meine Herzfrequenz schnellt in die Höhe und lässt meinen Verstand in mein Höschen rutschen.

Was ist denn nur los mit dir, Angel! Ich drehe den Kopf zur Seite, um ihm bloß keine Gefühlsregung von mir zu offenbaren. Wieso hat er diese Anziehungskraft auf mich? Er ist doch nur ein verdammter Cop, der zufällig ganz gut aussieht und ansonsten nicht mal Manieren besitzt.

Dieses Bild von ihm präge ich mir ein und es scheint zu klappen. Meine Antwort auf seine Unverschämtheiten ist lediglich ein leises Schnaufen. Ich muss mich verdammt zurückhalten, um diesem Macho nicht die Meinung über ihn und sein schäbiges Verhalten um die Ohren zu hauen. Verdient hätte er es.

»Ich werde alle Vorkehrungen treffen, um sie auch hier beschützen zu können. Solange sie sich an die Anweisungen hält, sollte es keine Probleme geben«, redet er weiter, ohne den Blick von mir zu nehmen, was es mir wieder verdammt schwer macht, mir seiner Ausstrahlung nicht bewusst zu sein. Mein Gott, wie oft will er das noch wiederholen?

Er spricht mit einem mir völlig Unbekannten über mich wie über jemanden, der gar nicht anwesend ist. Am liebsten würde ich ihm gegen das Schienbein treten.

Endlich wendet er sich von mir ab und wechselt noch einige Sätze mit seinem Gesprächspartner, bevor er sich wieder mir widmet.

»Geben Sie mir Ihre Autoschlüssel.«

Das ist keine Bitte, er verlangt es. Ich ziehe genervt den Schlüssel aus meiner Tasche und reiche ihn ihm.

»Okay, du kannst den Wagen holen. Ich werde am Empfang Bescheid geben, dass sie dich rauf lassen können«, teilt er seinem Gesprächspartner mit. Dann legt er auf.

»Sagen Sie mal, was wird das hier?«

»Ich treffe Vorsichtsmaßnahmen, weiter nichts.«

»Mit wem haben Sie gesprochen? Ich weiß genau, dass ich Gegenstand des Gesprächs war, und ich verbitte mir jede weitere Anzüglichkeit.«

»Ach ja?« Jetzt grinst er mich schelmisch an. »Slade ist ein ehemaliger Kollege. Er arbeitet genau wie ich hin und wieder für das FBI. Er wird Ihren Wagen abholen.«

»War er auch ein Navy Seal?« Meine Stimme trieft vor Sarkasmus, als ich das Wort ausspreche.

»Was haben Sie eigentlich gegen diesen Berufsstand, Angel?«

»Gar nichts«, flunkere ich.

»Es muss auch Menschen geben, die für andere ihre Haut riskieren, sonst würde alles in Anarchie und Gesetzlosigkeit versinken.«

Ich nicke, so habe ich es noch nie gesehen. Ich sollte ihn und seine Ausbildung nicht ins Lächerliche ziehen sondern das in ihm sehen, was er ist: Ein Mann, der für andere seinen Kopf hinhält. Jetzt hat er mich ehrlich beschämt. Ich blicke betroffen auf die Anzeige des Fahrstuhls, und endlich öffnen sich die Türen.

»Tut mir leid, ich wollte Sie nicht angreifen. Sie haben natürlich recht. Ich bin es nur nicht gewohnt, dass ...«

»Wo ist Ihr Problem?«

Ich zucke heute nicht zum ersten Mal mit den Schultern, da mir keine passende Antwort einfällt. Wann war ich das letzte Mal so sprachlos? Ich bin es doch, die immer austeilt, die über alles erhaben ist. Die sich einen Scheiß darum schert, was die Leute über sie denken.

Bei Ash funktioniert das nicht. Dieser Mann legt Seiten an mir frei, die mir völlig unbekannt sind.

»Geben Sie mir Ihre Schlüssel.« Seine Stimme ist jetzt sanft.

Ich ziehe die Schlüssel aus der Tasche und gebe sie ihm.

»Haben Sie einen Zweitschlüssel?«

»Ja, drinnen.«

»Okay. Wer hat sonst noch Zugang zu der Wohnung?«

»Keiner.«

Er nickt.

»Die Tür auf der rechten Seite.«

»Ich weiß.«

»Natürlich, wie konnte ich das vergessen«, sage ich sarkastisch. »Wahrscheinlich wissen Sie auch, welche Unterwäsche ich heute trage.«

Kaum habe ich die Worte ausgesprochen, bereue ich sie zutiefst. Ich beiße mir auf die Lippen.

»Sie tragen Unterwäsche von Victoria’s Secret«, antwortet er wie aus der Pistole geschossen.

»Nur, weil Sie mich auf Fotos darin gesehen haben, heißt das noch lange nicht, dass ich diese Marke auch privat trage«, kontere ich.

»Ach nein? Zu billig für Sie?«

»Ich glaube, das geht Sie nichts an.«

Warum hält er mir meinen Lebensstil vor? Ist es denn ein Verbrechen, reich zu sein? Ich gehe nicht weiter auf seine Spitzen ein und widme mich lieber drängenderen Themen.

»Wie stellen Sie sich das eigentlich vor? Sie können doch nicht rund um die Uhr bei mir sein.«

»Genau das habe ich vor. Glauben Sie mir, ich könnte mir auch Besseres vorstellen, wie ich meine Zeit verbringen kann. Aber ich habe dem Auftrag zugestimmt und darum werde ich Sie mit allem, was in meiner Macht steht, beschützen. Allerdings nur, solange Sie kooperieren.«

»Keine Angst, das werde ich«, sage ich gelangweilt. Ich kann diesen Spruch nicht mehr hören.

»So wie gerade eben vor dem Gebäude des FBI? Hören Sie, Angel: Es wird Momente geben, da muss ich mich darauf verlassen können, dass Sie tun, was ich Ihnen sage. Und zwar sofort. Es geht hier um Ihre Sicherheit, nicht um meine.«

»Ich habe schon verstanden«, flüstere ich.

»Das hoffe ich für Sie.«

Mit einem nachdenklichen Blick wendet er sich von mir ab und schließt die Wohnungstür auf. Als ich eintreten will, hält er mich zurück.

»Einen Moment noch.« Er schiebt mich hinter die Haustür, bevor er das Apartment betritt. Für ein oder zwei Minuten verschwindet er. Kurz darauf steht er wieder neben mir. Ich schüttle leicht den Kopf und rolle genervt die Augen.

»Alles klar«, erklärt er mir. Was sollte denn nicht klar sein?

Dieses Mal lässt er mich zuerst eintreten, bevor er hinter sich die Tür verriegelt.

»Reine Vorsichtsmaßnahme«, beantwortet er meinen erstaunten Blick. »Lassen Sie uns das Beste aus der Situation machen.«

»Ich bin es nicht gewohnt, Kompromisse einzugehen«, entgegne ich.

»Dann werden Sie es lernen müssen.«

Ich stehe noch einige Sekunden vor ihm, bevor ich klein beigebe und nichts mehr zu diesem Thema sage. »Ich hole jetzt den Zweitschlüssel«, versuche ich, mich für wenigstens einen Moment von ihm zu lösen. Er nickt.

»Ich schaue mir die Wohnung an und treffe die nötigen Sicherheitsvorkehrungen«, teilt er mir mit.

»Natürlich, fühlen Sie sich wie zu Hause«, antworte ich und werfe genervt meine Handtasche auf das Sofa, bevor ich den Schlüssel aus der Schublade an meinem Schreibtisch hole.

»Sie könnten vielleicht einen Kaffee kochen«, höre ich ihn aus dem Schlafzimmer rufen.

»Das ist mein Schlafzimmer. Ihr Zimmer ist am Ende des Ganges.«

Er steckt den Kopf zur Tür raus.

»Angel, wo ist Ihr Problem?«

»Das haben Sie mich schon mal gefragt und ich habe Ihnen bereits geantwortet, dass ich kein Problem habe«, sage ich gereizt.

Natürlich habe ich eins. Mein Leben wird angeblich bedroht und er ist der Einzige, der mir helfen kann. Zumindest ist er die einzige Option, die ich habe, wenn ich weiterhin in Boston bleiben will. Ich sollte einfach kooperativer sein, aber er stürmt mit voller Wucht in mein Leben und stellt alles auf den Kopf. Ich fühle mich eingeengt, gefangen in meinen eigenen vier Wänden.

In der nächsten Zeit werde ich nicht ich selbst sein können. Zum Beispiel liebe ich es, nach dem Duschen nackt durch die Wohnung zu laufen, oder nur in Unterwäsche, die bei mir mehr zeigt als bedeckt. Oder nachts an den Kühlschrank zu gehen, um ein Glas Milch zu trinken, oder einfach auf der Küchentheke zu sitzen und mit meinen Freunden zu telefonieren. Außerdem habe ich eine große Dachterrasse, die durch die hohe Umrandung vollkommen vor neugierigen Blicken aus den Nachbarhäusern geschützt ist, und wenn es mir in den Sinn kommt, lege ich mich auch gerne mal nackt auf die Sonnenliege.

Alles Dinge, die ich jetzt nicht mehr tun kann, weil er hier wohnt. Obwohl das nicht ganz der Wahrheit entspricht: Meine Penthousewohnung ist groß genug, um sich nicht ständig über den Weg laufen zu müssen, wenn man das nicht will. Dennoch ist mir seine Anwesenheit hier jetzt schon unangenehm.

Belüge ich mich nicht gerade? Sie ist mir nicht unangenehm. Im Gegenteil, ich fühle mich, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen werden. Da ist so ein Kribbeln in meinem Inneren, wenn er mich anschaut. Und wenn er mich gerade nicht behandelt wie eine verwöhnte Zicke, empfinde ich Gefühle für ihn, die mich äußerst irritieren.

Aber bestimmt liegt das alles nur an meinem konfusen Gemütszustand, nachdem er dafür gesorgt hat, dass ich mir jetzt doch Gedanken um meine Sicherheit machen muss.

Die ganze Geschichte läuft überhaupt nicht in den Bahnen, die ich mir vorgestellt habe. Ash sollte mich unauffällig beschützen, praktisch unsichtbar. Aber davon kann keine Rede sein. Er nimmt nicht nur von meinem Apartment, sondern auch von mir Besitz.

Ich höre ihn, wie er Fenster öffnet und wieder schließt, von Zimmer zu Zimmer geht und immer tiefer in mein Leben eindringt. Wahrscheinlich schaut er sich gerade in meinem Kleiderschrank um und zieht eines der verführerischen Dessous aus den Schubladen. Ich mache die Augen zu und muss über meine verrückten Gedankengänge schmunzeln. Im selben Moment kommt er telefonierend um die Ecke, durchquert das Wohnzimmer und verschwindet Richtung Terrasse.

Der Name Slade, oder wie der Typ auch immer heißen mag, fällt das eine oder andere Mal, wenn er wieder den Wohnbereich betritt und geschäftig seine Sicherheitsvorkehrungen trifft. Ich rolle jedes Mal die Augen, wenn er mit dem Handy in der Hand an mir vorbei hechtet, als würde er den Papst höchstpersönlich bewachen.

Wer ist überhaupt dieser Slade? Ich kann nur hoffen, dass er sich nicht auch noch hier einnistet. Und seinen Kaffee kann Ash sich gefälligst selbst kochen, das hier ist schließlich kein Hotel und seine Angestellte bin ich schon lange nicht. Ich kuschle mich also in die große Wohnlandschaft und rufe zuerst meinen Vater an. Nach mehrmaligem Klingeln meldet sich seine Sekretärin.

»Guten Tag, Miss Martinez. Ich verbinde Sie sofort mit Ihrem Vater.« Nach der kurzen »Kleinen Nachtmusik« von Mozart höre ich seine tiefe Stimme.

»Hey, Dad.«

»Angel! Hat Carter sich um alles gekümmert?«

»Ja, das hat er.«

»Wo bist du jetzt?«

»In meiner Wohnung.«

Mein Dad redet davon, dass ich doch zu ihm nach Dallas kommen solle, bis die Bande gefasst ist, da ich auf seiner Ranch doch viel sicherer sei als in Boston. Aber davon will ich nichts hören.

»Dad, ich kann jetzt hier nicht weg. Ich habe ein Shooting. Das kann ich nicht absagen. Wir sehen uns doch schon bald wieder, zu deinem Geburtstag.«

Leicht genervt, weil er mich unter Druck setzen will, wickle ich mir eine Haarsträhne um den Finger und lasse die Haare wieder aufspringen.

Er gibt sich wieder dem Monolog hin, dass ich es doch überhaupt nicht nötig hätte, für diese Hochglanzmagazine zu posieren. Aber ich kann ihn zumindest heute schnell davon überzeugen, dass ich hier in Sicherheit bin.

»Wer ist der Kerl, der den Personenschutz übernommen hat?«, will er wissen.

Im Hintergrund höre ich das Klicken des Feuerzeuges und dann das entspannte Ausatmen des Zigarettenqualms. Ich sehe ihn praktisch vor mir, wie er in seinem Büro hoch über Dallas thront und sich im Sessel zurücklehnt, während er eine Zigarette raucht.

»Er heißt Ash Ross, ein ehemaliger Navy Seal. Er soll der Beste sein, heißt es zumindest«, versuche ich, meinen Dad zu beruhigen.

»Wie heißt der Typ?«, krächzt der in den Hörer.

»Ash Ross, warum?«

»Das gibt es doch nicht«, stößt er aufgeregt aus.

»Dad? Was ist denn los? Kennst du ihn etwa?«

»Nein, nein. Alles in Ordnung.«

»Ich glaube, du regst dich zu sehr auf. Du solltest mal wieder Urlaub machen«, rate ich ihm und verspreche, mich bald wieder bei ihm zu melden; dann lege ich auf. Kurzentschlossen rufe ich meine Freundin Tyler an. Ich muss dringend mit jemandem reden, der auf meiner Wellenlänge ist und mich versteht.

»Tyler, hey, ich bin’s, Angel.«

»Hey, wo steckst du?«

»In Boston.«

In diesem Moment klingelt es an der Tür. Ash ist sofort da, um zu öffnen, und jetzt bemerke ich, dass er in einem Gurt an seinem Oberkörper eine Waffe trägt.

»Das ist Slade«, teilt er mir unnötigerweise mit. Ich nicke und konzentriere mich wieder auf das Telefongespräch, während Ash die Wohnung verlässt und Slade scheinbar auf dem Flur abfängt. Das kann mir nur recht sein.

»Was?«, konzentriere ich mich wieder auf die Stimme meiner Freundin.

»Ich fragte, ob das dein Bodyguard im Hintergrund war«, holt sie mich wieder ins Gespräch zurück.

»Nein, nein, nur ein weiterer Cop, der in mein Leben eindringen will«, informiere ich meine Freundin.

Tyler lacht am anderen Ende.

»Ist er so schlimm?«, will sie wissen.

Was soll ich ihr darauf antworten? Nachdenklich blicke ich Ash hinterher, der gerade wieder den Raum durchquert. Er sieht schon verdammt sexy aus, wenn er nur nicht so ein sturer, arroganter Bock wäre. Ich könnte mir vorstellen, dass das kleine Intermezzo, das es hier geben wird, sicher auch Spaß versprechen würde, wenn er sich nicht so anmaßend und herausfordernd verhalten würde.

»Angel, bist du noch da?«, dringt die Stimme meiner Freundin an mein Ohr.

»Oh, entschuldige. Was hast du gesagt?«

»Wie läuft das denn jetzt ab mit deinem Personenschutz?«

»Er ist erst mal in mein Apartment eingezogen. Mehr kann ich dir noch nicht sagen. Aber ich werde es sicher bald erfahren.«

»Ach du Ärmste. Sieht er wenigstens gut aus?«

»Er ist nicht gerade mein Typ, aber wenn man auf Muskeln und Lederjacke steht, könnte er schon gefährlich werden.« Da Ash sich in einem der hinteren Zimmer aufhält, brauche ich kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

»Sag bloß, das ist so ein Motorradfreak.«

»Nein, ganz und gar nicht. So einer ist er nicht. Ach, du wirst ihn ja sicher noch kennenlernen«, kürze ich jetzt das Thema ab.

»Bevor ich’s vergesse. Keith und ich geben morgen Abend eine Party. Ich würde mich freuen, wenn du wieder mal Zeit hättest. Wir haben uns mindestens drei Wochen nicht mehr gesehen. Ich hab dir so viel zu erzählen und außerdem hast du mich jetzt auf deinen Bodyguard neugierig gemacht.«

»Ich weiß nicht. Ich denke, ich muss das mit Ash absprechen.« Was mich wieder daran erinnert, wie sehr er mein Leben einschränken wird.

»Ash heißt er?«

»Ja. Wo soll denn die Party steigen?«

»Draußen in Connecticut. In Keith’ Strandhaus.«

»Na, dagegen dürfte er ja nichts einzuwenden haben. Okay, ich komme.«

»Ich freue mich! Und bring ihn auf jeden Fall mit, okay?«

»Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben. Bis dann.«

»Ich brauche Ihren Tagesplan«, sagt Ash, als er das Wohnzimmer betritt, während ich das Gespräch beende. »Die Wohnung ist clean.«

»Na, hören Sie mal. Natürlich ist hier alles sauber.«

Jetzt lacht er sarkastisch auf.

»Ich rede von Ihrer Sicherheit. Also, was ist mit Ihrem Terminkalender? Außerdem brauche ich Ihre Telefonnummer. Ich muss Sie immer erreichen können und Sie mich.«

Wir geben die jeweiligen Telefonnummern in unsere Handys ein und ich zeige ihm meine Termine.

»Morgen Abend findet außerdem noch eine Party bei meiner Freundin in Connecticut statt.«

Er rümpft leicht die Nase.

»Müssen Sie diese Termine alle wahrnehmen?«

»Ja. Wo ist das Problem?«