Master of my Passion (Master-Reihe Band 2) - Holly Summer - E-Book
Beschreibung

Zurück in Vancouver will Vivien den Mann ihrer Träume und die Leidenschaft, die sie mit ihm verband, vergessen. Als er unverhofft vor ihr steht, kehrt jedoch alles zurück: die Leidenschaft - aber auch die Enttäuschung. Matthew scheint sich seiner Sache sicher, Vivien zurückerobern zu können. Doch schnell muss er erkennen, dass Vivien nicht mehr die naive, unsichere Frau ist, die er kennenlernte. Als endlich dem Glück der Beiden nichts mehr im Wege zu stehen scheint, stellen neue Herausforderungen die Liebe Viviens und Matthews auf eine harte Probe. Erobert Matthew Viviens Herz erneut und wird Vivien diesmal stark genug für diese Liebe sein? Band 2 der erfolgreichen Master-Reihe.

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Seitenzahl:456

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Holly Summer

Master of my Passion

Master-Reihe Band 2

© 2016 Amrûn Verlag

Jürgen Eglseer, Traunstein

Covergestaltung: ASP Design, Grit Richter

Lektorat: Simona Turini, Lektorat Turini

Korrektorat: Jessica Idczak, Stilfeder

eBook Formatierung von SKY GLOBAL SERVICES

Alle Rechte vorbehalten

ISBN – 978-3-95869-098-1

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amrun-verlag.de

hollysummer.de

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind reinfiktiv. Alle beschriebenen Personen sind volljährig.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebendenoder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation inder Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Vivien

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Epilog

Danksagung

Der Flieger rollt zur Startbahn. Matthew steht an eines der großen Fenster gelehnt, das den Blick auf das Rollfeld freigibt, und starrt dem Flugzeug hinterher, das in wenigen Sekunden abheben wird.

Er trägt seine Ray-Ban-Sonnenbrille, um den Schmerz vor der Welt zu verbergen. Er droht ihn in ein tiefes schwarzes Loch zu ziehen.

Seine Faust liegt verkrampft auf der Glasscheibe. Verzweiflung und Niedergeschlagenheit machen sich in seiner Seele breit.

Warum konnte er Vivien bloß nicht vertrauen?

Es wird nicht für ewig sein, sagt er sich immer und immer wieder. Die Boeing 747 rollt mit hoher Geschwindigkeit über die Startbahn dem blauen Himmel entgegen und wird das Band zwischen Vivien und ihm endgültig zerschneiden. Und dann ist Vivien fort, fort von ihm, immer weiter fort. Er schaut der Maschine nach. Bald ist nur noch ein schwarzer Punkt am Horizont zu erkennen, und sie ist weg.

Er wird um seine Liebe kämpfen. Mit diesem Gedanken dreht er sich um und geht völlig in seiner Welt versunken durch die überfüllte Abflughalle.

Ist es wirklich schon zwei Wochen her, dass ich ihn das letzte Mal gesehen habe? Ich sitze im Garten meiner Eltern unter der großen Pappel, die ich als Kind schon geliebt habe, während die Stimme meiner Mom von Weitem an mein Ohr dringt. »Vivien? Jo ist hier.«

Die Bank unter dem Baum ist zu meinem Lieblingsplatz geworden. Unter dem Blätterdach des mächtigen Baumes ist es ruhig und friedlich. Hier kann ich meinen Gedanken nachhängen, die immer wieder nur um ihn kreisen: Matthew!

Selbst im Schlaf finde ich keine Ruhe vor ihm. Warum hat er mir das angetan? Warum hat er meine Treue zu ihm infrage gestellt? Fragen über Fragen, aber ich finde keine Antwort. Zwei unendlich lange Wochen liegen hinter mir, seit ich fluchtartig Boston verlassen habe und bei meinen Eltern untergeschlüpft bin.

Zwei Wochen ohne ihn.

Die Leere in meinem Inneren ist unbeschreiblich. Seit dem Tag meiner Abreise habe ich nichts mehr von ihm gehört. Warum konnte er sich, verdammt noch mal, nicht bei mir entschuldigen? Er stellt seinen Stolz über seine Gefühle. Warum hat er mir nie gesagt: Ich liebe dich? Was wollte er damit bezwecken, völlig zerknirscht am Flughafen aufzutauchen? Er hätte mir dort nur diese drei berühmten Worte sagen müssen und ich wäre geblieben. Ich sehe ihn noch vor mir stehen. Aber er sagte nur, dass es ihm leid täte. Wenn ich ehrlich bin, habe ich gehofft, dass er mir seine Liebe gesteht. Ich zwirble gedankenverloren einen getrockneten Lavendelzweig zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her, bis die einzelnen kleinen Blüten zerstreut auf meiner Hose liegen und mir das beruhigende Aroma der zerdrückten Rispen in die Nase steigt. Als ich den Duft einatme, muss ich unwillkürlich lächeln. Sofort taucht vor meinem geistigen Auge eine Szene auf, die ich unmöglich vergessen kann. Ich liege auf seiner Massageliege auf dem Bauch, er steht neben mir, seine Hände in betörend duftendes Körperöl getaucht, als er mich zuerst sinnlich massiert, bevor er dieses Spiel in für mich ungeahnte Dimensionen der Lust steigert. Schnell verdränge ich den quälenden Schmerz, den ich bei jedem Gedanken an ihn empfinde.

»Vivien?«

Als ich zum zweiten Mal meinen Namen höre, erwache ich aus meiner Lethargie. Jo, meine beste Freundin seit Schultagen, meine Mom und mein Dad sind für mich in dieser schwierigen Zeit der Trennung wie ein Fels in der Brandung. Sie sind mein Halt, mein Ruhepol nach der wahnsinnigen Achterbahnfahrt der Beziehung, die ich mit Matthew erleben durfte. Seit ich wieder zu Hause bin, lassen sie nichts unversucht, mich abzulenken, immer im Bewusstsein, Matthews Namen und alles, was mit ihm zu tun hat, zu vermeiden. Selbst Carol, die ebenfalls Praktikantin bei McQueen International ist, ruft mich fast täglich aus Boston an. Aber über Matthew verliert sie kein Wort. Mein Vater mochte ihn vom ersten Augenblick an. Im Krankenhaus hatten sich Matthew und mein Vater kennengelernt. Meine Mom war vor einigen Wochen von drei maskierten Männern in einer Tiefgarage überfallen und schwer verletzt worden. Mir wurde zum ersten Mal bewusst, wie schnell sich das Blatt des Lebens wenden und alles vorbei sein kann. Nie werde ich den Augenblick vergessen, als Matthew den Gang in der Klinik auf mich zukam, mit diesem sorgenvollen Blick, und wie er mich fest in den Arm genommen hat. Die Umarmung hat in mir eine unbeschreibliche Geborgenheit ausgelöst.

Aber Matthew hat mich fürchterlich verletzt, meine Vertrauenswürdigkeit infrage gestellt und mich als Schlampe bezeichnet. Aus Eifersucht. Grundloser Eifersucht, wohlbemerkt. Nein. Matthew ist kein schlechter Mensch. Ganz im Gegenteil. Er ist für mich der Inbegriff des Vollkommenen. Nur dieses eine Mal hat er die Kontrolle verloren und damit alles zerstört. Nur Jo, Carol und Greg kennen den wahren Grund, warum ich mich von Matthew getrennt habe.

Würde ich noch mal in seinen Bann gezogen werden, wenn er plötzlich wieder vor mir stünde? Mit diesem teuflischen Lächeln auf den Lippen und seinen dunklen Augen, die tief in meine Seele zu blicken scheinen. Seine tiefe Stimme, die mich stets erschaudern lässt. Nicht zu vergessen die Berührung seiner Hände und seiner Zunge auf meiner Haut, die mich flüssigem Wachs gleich schmelzen lassen. Es sind zu viele Fragen, auf die ich keine Antwort weiß.

Warum kann ich nicht endlich damit aufhören, an ihn zu denken und mich unnötig damit quälen? Es ist aus, vorbei.

Ich sollte endlich mit diesem Kapitel meines Lebens abschließen und es in die Schublade Erfahrungen ablegen. Matthew wird sich schon eine andere Partnerin suchen, mit der er seine erotischen Fantasien ausleben kann. Was ihm nicht schwerfallen dürfte. Die Frauen liegen ihm nur so zu Füßen.

Ich kann ihn einfach nicht vergessen. Ich habe es weiß Gott versucht, mir immer wieder eingeredet, ihn nicht zu brauchen. Es gibt verdammt noch mal genug normale Männer auf der Welt, sage ich mir streng. Warum musste gerade ich an ihn geraten? Einen Mann, der mich immer nur beherrschen würde, nicht nur in sexueller Hinsicht. Aber der Gedanke daran, dass eine andere Frau meinen Platz eingenommen hat, lässt mir das Blut in den Adern kochen. Wenn ihm wirklich etwas an mir gelegen hätte, wäre er gekommen, um mich zu holen. Ich kenne Matthew, er fragt nicht. Was er will, das nimmt er sich.

Wieder höre ich Stimmen von der Terrasse. Jo hat mir versprochen, mich am Nachmittag abzuholen. Und ich weiß ganz genau, wie der Abend mit ihr ablaufen wird. Sie wird mich zu irgendeiner Party oder in einen Club schleifen, und hinterher werden wir zusammen auf ihrer Couch sitzen, Marshmallows futtern, bis uns schlecht wird, und uns alte Liebesfilme reinziehen. Sie wird wieder versuchen, mich aufzuheitern, und vor dem Ausgehen durchstöbern wir meinen Kleiderschrank, um mir irgendeinen schicken, sexy Fummel herauszusuchen. Ich will nicht sexy aussehen, für keinen anderen Mann.

Kein anderer kann Matthew ersetzen. Ich bin ihm immer noch verfallen. Werde es immer sein. Der Sex mit ihm hat mich in überdimensionale Sphären entführt. Ganz tief in meinem Inneren weiß ich es schon lange: Ich werde nie von ihm loskommen.

»Ich bin gleich da«, rufe ich den beiden zu, während ich meinen Lieblingsplatz widerwillig verlasse. Als ich ins Haus komme, gerät die Unterhaltung zwischen Jo und meiner Mutter sofort ins Stocken. Sobald ich in ihrer Sichtweite bin, erscheint ein Lächeln auf ihren Lippen. Verdammt, ich sollte mich wirklich zusammenreißen. Ich lächle zurück.

»Jane, buchen Sie bitte ein Zimmer für mich in Vancouver im Fairmont Gold Harborview Hotel«, bittet Matthew seine Sekretärin. Als Jane sich nach dem Zeitraum für seinen Aufenthalt erkundigt, zögert Matthew kurz, dann teilt er ihr mit: »Ich schätze, für zwei oder drei Tage. Ach, lassen Sie das Abreisedatum doch einfach offen. Die Termine für diese Woche sagen Sie ab oder verschieben sie. Ich bin für niemanden mehr zu sprechen.« Matthew nimmt den Finger von seiner Gegensprechanlage und lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück, dabei schließt er für einen kurzen Moment die Augen. Sein Körper ist angespannt. Er atmet tief aus, während er die Fingerspitzen gegeneinanderdrückt. Er weiß nicht, wie lange er so dasitzt, als ein Klopfen an der Tür ihn aufblicken lässt.

»Herein«, ruft er barsch.

Greg tritt ein und schließt die Tür aufgebracht hinter sich.

»Matthew? Bist du verrückt geworden? Jane sagte, du hast alle Termine für diese Woche abgesagt. Was ist mit dem Vancouver-Deal? In dieses Geschäft haben wir verdammt viel Zeit investiert!« Greg stützt sich demonstrativ vor Matthew auf dem Schreibtisch ab.

»Reg dich ab, Greg«, meint Matthew beschwichtigend.

Dabei beugt er sich in seinem Sessel vor und funkelt sein Gegenüber ungehalten an. Greg schüttelt nur leicht den Kopf und kann sich ein anzügliches Lächeln wohl nicht verkneifen. Auch wenn Matthew der Boss des Unternehmens ist, so ist Gregs Stellung weit mehr als nur ein Angestellter in höherer Position. Ihre Freundschaft reicht weit bis in die Kindheit zurück. Greg ist der Einzige, der in diesem Ton mit ihm reden darf. Matthews bereits ohnehin gereizte Stimmung hat den Tiefpunkt längst erreicht.

»Ich dachte, du wolltest diesen Deal auf jeden Fall durchziehen?«, fragt Greg.

Matthew ordnet in schneller Abfolge einige Unterlagen auf seinem Schreibtisch, um seine Unsicherheit zu überspielen. Dann entgegnet er von oben herab:

»Ich habe nicht gesagt, dass ich von dem Geschäft zurücktrete. Ich fliege morgen nach Vancouver und treffe mich dort mit den Investoren.«

Matthew kann den Gedanken nicht abschütteln, dass er mit Greg verdammt noch mal nicht so kurz angebunden umgehen sollte. Greg ist sein bester Freund, der weiß Gott eine andere Behandlung verdient hat. Genauso wie Vivien.

»Das Treffen wird in Vancouver stattfinden? Davon hast du nichts erwähnt«, erwidert Greg verblüfft. »Das Meeting war doch hier in Boston anberaumt?«

»Eine kleine Änderung, weiter nichts. Meine Pläne haben sich eben geändert. Du entschuldigst mich, ich habe noch einiges vorzubereiten.« Matthew tritt eilig hinter seinem Schreibtisch hervor und beide Männer verlassen das Büro. Im Vorzimmer dreht Matthew sich zu Greg um. »Lass uns mal wieder um die Häuser ziehen, wenn ich aus Vancouver zurück bin. So wie in alten Zeiten.« Dabei legt er Greg freundschaftlich die Hand auf die Schulter, bevor er sich umdreht, kurz die Hand zum Abschied hebt und an seiner Sekretärin vorbei Richtung Aufzüge eilt.

»In deiner Haut möchte ich zurzeit auch nicht stecken«, murmelt Greg nachdenklich und blickt Matthew gedankenverloren nach. Er wechselt noch einen vertraulichen Blick mit Jane, die unschlüssig von ihrem Computer aufschaut und die Schultern zuckt, dann geht er zielstrebig in sein Büro. Wieso diese überstürzte Abreise nach Vancouver? Will er sich jetzt doch mit Vivien aussprechen und sie zurückholen? Greg hofft, dass Matthew diese Geschäftsreise dazu nutzen wird, sich endlich bei Vivien zu entschuldigen und damit seinen Rat befolgt. Vivien ist genau die Frau, die Matthew braucht. Die beiden gehören zusammen wie Butter auf Kartoffelbrei. Aber Matthew muss verdammt noch mal lernen, seine Unnachgiebigkeit und Arroganz im Zaum zu halten. Er sollte endlich seinen Fehler wiedergutmachen. Auch wenn es seinem Freund noch so schwerfallen mochte, bei einer Frau zu Kreuze zu kriechen.

Jo und ich haben in der Bar in der Granville Street die letzten Sitzplätze an der Theke ergattert. Die Musik ist genau nach unserem Geschmack und nicht zu laut, sodass man sich nicht durch Schreien die Stimmbänder ruiniert. Der DJ lässt einen Dancefloor-Hit nach dem anderen aus den aktuellen Charts ineinander übergehen, sodass die Tanzfläche innerhalb kürzester Zeit einem Hexenkessel gleicht.

»Und, was darf‘s sein?«, ruft uns der attraktive Barkeeper die laute Musik übertönend zu. Seine blauen Augen stehen im totalen Kontrast zu seiner gebräunten Haut. Er trägt ein schwarzes Hemd, so wie alle Angestellten in diesem Club, dessen Ärmel bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt sind. Fasziniert starre ich auf das Muskelspiel seiner kräftigen Arme, die deutlich unter dem Stoff zu erkennen sind.

»Zwei Sex on the Beach«, bestellt Jo für uns.

Ihr Blick gleitet zufrieden durch den Raum. Die Location scheint ihr zu gefallen.

Meine Aufmerksamkeit gilt dem Mann hinter der Bar. Die dunklen Haare des Barkeepers fallen ihm ins Gesicht und sein Lächeln scheint er nur mir zu schenken, als er zwei Gläser mit roter Flüssigkeit vor uns abstellt. Er zwinkert mir zu. Als ich ihm in die Augen blicke, erstarre ich kurz. Er hat den gleichen Ausdruck in seinem Blick wie Matthew. Selbst seine Haare fallen ihm genauso in die Stirn, wenn er den Kopf nach unten neigt. Nur seine Augen sind blau. Matthews Augen dagegen sind dunkelbraun. Und wenn er erregt ist, sind sie sogar tiefschwarz.

»Was ist los, Vivien? Ich finde, hier sind eine Menge heißer Typen.« Jo schubst mich leicht mit dem Ellbogen an. Ich schrecke kurz zusammen, als ich aus meinen Gedanken gerissen werde.

Jo wippt gut gelaunt im Takt der Musik. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sie sich gleich mitten ins Geschehen werfen und die Tanzfläche rocken wird.

»Alles okay, ist ganz nett hier«, antworte ich und schenke Jo noch schnell ein Lächeln.

Jo schüttelt nur den Kopf, dreht sich zu mir um und stützt sich provozierend mit den Händen auf der Lehne des Barhockers auf. Ich weiß genau, was jetzt wieder kommt: Eine von Jos hilfreichen Weisheiten, für die sie bekannt ist.

»Vivien, ich weiß, dass Matthew dir immer noch im Kopf herumspukt. Er ist ein echt heißer Typ, keine Frage, aber vergiss nicht, wie er dich behandelt hat. Du solltest endlich das Thema abhaken und dich amüsieren. Er wird nicht mehr kommen. Du hast es nicht nötig, dich so behandeln zu lassen. Matthew ist nicht gut für dich, okay? Amüsier dich endlich! Das heißt nicht, dass du gleich mit dem Erstbesten ins Bett springen sollst.«

Ich kann Jo für gewöhnlich nichts abschlagen, wenn sie mich mit diesem Hundeblick anschaut. »Okay, du hast ja recht«, stimme ich ihr zu, greife nach meinem Cocktail und proste ihr zu.

Wenn sie wüsste, wie stark meine Gefühle für Matthew trotz allem immer noch sind. Ich fühle mich ohne Matthew, als hätte man mir ein Körperteil amputiert. Er ist zu einem Teil von mir geworden, und seine Nähe fehlt mir so unsagbar. Ohne ihn fühle ich mich, als würde die Sonne nie wieder aufgehen und nur Dunkelheit mein Leben beherrschen.

Während ich wieder meinen Gedanken nachhänge, lässt Jo sich ungeniert auf einen Flirt mit dem irren Typen hinter der Bar ein, obwohl ich mir fast vorstellen könnte, dass er schwul ist, oder zumindest bisexuell. Jos kokettes Lachen dringt wie durch einen dichten Nebel zu mir, ich bin schon wieder mit meinen Gedanken weit weg von hier. Die beiden plaudern miteinander. Ich fange Gesprächsfetzen auf. »Deine Freundin«, fragt er Jo eben und beugt sich über die Theke hinweg an ihr Ohr.

»Ja?«, erwidert sie und schaut zu mir rüber, als würde ich es nicht bemerken.

»Sie sieht traurig aus.« Der Barkeeper klingt neugierig.

Liebeskummer scheint meine Freundin mit den Lippen zu formen.

Ich verziehe verärgert das Gesicht. »Jo, hör endlich auf damit, jedem von meinem Liebeskummer zu erzählen«, zische ich ihr zornig ins Ohr. Ich nicke mit dem Kopf in Richtung des sexy Barkeepers, der sich neuen Gästen zugewendet hat. »Von solchen Männern habe ich endgültig die Nase voll. Was ich möchte, ist …«

Jo verdreht nur die Augen und lässt sich elegant von ihrem Barhocker gleiten, während sie mich unterbricht. »Ich weiß schon, was jetzt wieder kommt. Der typische Langweilertyp mit dem geregelten Einkommen und der Mutter in der Wohnung unter dir. Na komm schon, Vivien, lass uns tanzen gehen.«

»Das meinte ich doch gar nicht. Jo, sei einmal ernst!«

Sie hört mir gar nicht zu, sondern zieht mich vom Barhocker und zwinkert ihrem Flirt verschwörerisch zu. Auch die Tanzfläche ist voll mit Leuten in ausgelassener Stimmung. Jo zieht mich an der Hand hinter sich her und bewegt sich beschwingt zum Rhythmus des Songs. Auf Rihanna fährt sie total ab. Wir schieben uns zwischen die Tanzenden und lassen uns vom Takt der Musik mitreißen. Jo ist sofort ganz in ihrem Element und wird bald schon von zwei gut aussehenden Tanzpartnern in die Mitte genommen, die aufreizend wie zwei Toreros um sie herumschwirren. Ich bewege mich mechanisch zu der Musik, lächle die beiden jungen Männer hin und wieder an, die sich auch zu mir umdrehen, in dem Versuch, mich aus der Reserve zu locken, es aber nach einiger Zeit aufgeben. Ich nehme die Menschen um mich herum kaum wahr. Meine Gedanken schweifen wieder ab zu dem entsetzlichen Abend, als ich benebelt durch einen Roofie auf der Tanzfläche stand, während ein Fremder mich zu einem sin nlichen Tanz verführte. Ich dachte natürlich, der Fremde sei mein Sexgott. Als Matthew das beobachtete, hatte es üble Folgen: Zu Hause angekommen bekam ich später Matthews eisige Kälte zu spüren. Bis dahin war er trotz ständiger Kontrolle immer fürsorglich, liebevoll und mitfühlend zu mir gewesen. Er hatte nie Grenzen überschritten, mir nie mehr zugemutet, als ich bereit war, zu ertragen.

Als ich von einem Tänzer leicht angerempelt werde, finde ich mich schlagartig in der Wirklichkeit wieder. Ich gebe Jo ein Zeichen, das so viel heißt wie Ich bin mal auf Toilette, und schiebe mich an den Tanzenden vorbei in den hinteren Teil des Clubs zur Damentoilette. Ein Pärchen steht im Gang zu den Toiletten und knutscht hemmungslos. Sie hat die Arme fest um den Hals ihres Partners geschlungen. Seine Hände hingegen gleiten gerade unter ihren kurzen Rock und entblößen lange schlanke Oberschenkel, während ihre Lippen an seinem Mund kleben, als wollte sie ihn auffressen. Ich gehe mit gesenktem Blick an den beiden vorbei. Die Tür fällt geräuschlos zu und ich bin allein. Mein Blick fällt auf das Spiegelbild, während meine Hände fest den Rand des Waschbeckens umklammern. Das Gesicht, das mich anstarrt, ist mir fremd. Das bin nicht ich. Ich war immer ein lebensfroher Mensch, hatte Ziele, Vorstellungen von meiner Zukunft. Ich sollte mich am csieren, das Leben genießen und Pläne haben für ein fabelhaftes Leben, so wie Jo. Noch vor zwei Wochen hatte ich Pläne. Meine Zukunft lag klar vor mir, zusammen mit dem Mann, den ich liebte. Der nie geahnte Glücksgefühle in mir wachgerufen hat. Dem ich vertraute, dem ich mich mit allen Sinnen hingegeben habe. Ich war so glücklich. Nichts, aber auch gar nichts konnte sich zwischen uns stellen. Nur Matthew selbst konnte das alles zerstören. Doch jetzt liegen meine Augen tief in meinem Gesicht. Dunkle Schatten umranden meinen ausdrucklosen Blick. Wann hört es endlich auf, wehzutun? Es ist so schwer. Die Wunde, die Matthew hinterlassen hat, ist noch zu frisch, um mich Hals über Kopf in ein neues Abenteuer zu stürzen. Aber werde ich denn jemals wieder lachen und einem Mann vertrauen können? Bedingungslos vertrauen, so wie ich es bei Matthew gekonnt hatte? Ihm habe ich mich hingegeben. Habe ihm meine Seele und meinen Körper geschenkt. Mit Matthew war das erste Mal für mich ein berauschendes Erlebnis. Er ist eben der perfekte Liebhaber. Kein Wunder, dass sämtliche Frauen in seinem Dunstkreis hinter ihm her sind. Bei ihm gibt es keine Grenzen, keine Tabus; was Matthew will, das nimmt er sich, bei ihm konnte ich mich fallen lassen und ihm die Führung überlassen. Das ist es, was Matthew von seinen Partnerinnen erwartet. Absolute Hingabe.

Die Tür öffnet sich und drei lachende Frauen betreten den Raum. Ich kann ein undeutliches Hallo zwischen ihrem Gackern wahrnehmen und lächle gekünstelt zurück, wasche mir noch schnell die Hände und habe mich wieder unter Kontrolle.

Jo finde ich an der Bar, wo sie in ein angeregtes Gespräch mit dem Barkeeper verwickelt ist. Ich werde jetzt auch nur noch Spaß haben, nehme ich mir grimmig vor. Dieser verfluchte Matthew McQueen! Soll er doch zur Hölle fahren, aber ohne mich!

»Noch zwei Sex on the Beach?«, fragt Jos Gesprächspartner hinter der Bar, während ich mich auf den Barhocker gleiten lasse.

Mittlerweile ist das schon mein vierter Cocktail und ich bin es nicht gewohnt, Alkohol wie Mineralwasser zu konsumieren. Jo und ich sind beschwipst. Wir kichern und albern mit Rick und den beiden gut aussehenden Männern, die sich zu uns an die Bar gesetzt haben. Ich spüre die Hand des einen, David, wie zufällig auf meinen Oberschenkel gleiten, und seine Komplimente sind recht eindeutig. Sein Mund streift mein Ohr und er versucht, mich auf den Hals zu küssen. Selbstbewusst schiebe ich ihn weg. Der Typ ist schrecklich aufdringlich, aber auch total süß mit seiner direkten Art. Aber ich kenne ihn nicht und noch mal lasse ich mich nicht so schnell von einem Mann einwickeln.

»Hey Kleine, warum so abweisend?«, raunt er mir verführerisch ins Ohr, dabei dreht er meinen Barhocker zu sich herum, sodass ich jetzt zwischen seinen langen Beinen sitze. Und hat er mich etwa gerade Kleine genannt? Matthew hat dieses Kosewort oft benutzt. Und da ist er schon wieder:

Matthew. Matthew. Matthew.

Immer wieder drängt er sich in meine Gedanken. Wie ein Damoklesschwert hängt seine Existenz über mir, aber damit ist jetzt Schluss. Ich mustere David. Er ist attraktiv, sieht wie ein verwegener Bad Boy aus mit seinen zerrissenen Jeans und seiner Biker-Lederjacke. Darunter trägt er ein T-Shirt, unter dem sich sein durchtrainierter Körper abzeichnet. Mit den verschlissenen Boots und seiner coolen, etwas durch den Wind geratenen Frisur wirkt er vielleicht etwas zu provokant, aber warum eigentlich nicht? Und dieses Mal bestimme ich das Tempo.

»Tut mir leid, aber so läuft das nicht bei mir, falls du auf einen One-Night-Stand aus bist«, erkläre ich ihm selbstbewusst. Trotz der vielen Cocktails bin ich nur beschwipst und Herrin meiner Sinne.

Seine Hand, die leicht über mein Bein streicht, lege ich demonstrativ auf seinen Oberschenkel zurück und lächle.

»Tut mir leid, Süße. Kann ich dir noch einen Drink bestellen und wir unterhalten uns einfach?«, schlägt er versöhnlich vor. Wow, er scheint wirklich an mir interessiert und nicht nur auf einen One-Night-Stand aus zu sein.

Ich nicke und schenke ihm mein schönstes Lächeln. Eigentlich sollte ich nichts mehr trinken, wenn ich einen einigermaßen klaren Kopf behalten will, aber was soll´s. Endlich muss ich mir nicht mehr ständig überlegen, was ich sage oder tue. Würde Matthew mich hier so beschwipst sehen, würde er mit Sicherheit ausrasten. Ich bin ihm keine Rechenschaft mehr schuldig. Ich möchte über die Stränge schlagen, mich verlieren und mein ganzes inneres Gefühlschaos einfach abschütteln. Ich will den Schmerz für einen Abend vergessen und ich glaube, der Mann, der mir hier gegenübersitzt, ist genau die Medizin, die ich jetzt brauche. Sein Blick sagt alles. Er ist scharf auf mich und ich will ihn verdammt noch mal auch. Ich empfinde nichts für ihn. Er macht mich auf eine Art an, die ich nicht näher deuten will. Doch wenn ich ehrlich bin, weiß ich es. Es ist seine bestimmende Art, die mich in seinen Bann zieht. Die Stärke, die von ihm ausgeht. Er ist der Typ Mann, bei dem ich mich fallen lassen könnte. Es ist genau wie bei Matthew, als er mich das erste Mal angesehen hat. Seit wann bin ich denn so veranlagt? Vielleicht ist es aber auch nur der Alkohol, der mich so handeln lässt. Der mich unvorsichtig werden lässt und mich dazu bringt, die Kontrolle abzugeben und mich auf diesen Mann einzulassen. Oder ist es eine Neigung, die schon immer in mir geschlummert hat und nur durch den richtigen Mann zum Vorschein gelangen konnte? Möglicherweise ist es nur der Wunsch, mit irgendeinem Mann Sex zu haben? David ist genau der Typ Mann, mit dem man um die Häuser ziehen und einfach Spaß haben kann. Er ist der Richtige für einen One-Night-Stand. Ich muss Matthew aus meinem Kopf bekommen. Selbst wenn es bedeuten sollte, dass ich mich von David heute Nacht ficken lassen werde. Verdammt, ich werde es tun. Vielleicht ist er ja ein noch viel besserer Liebhaber als Matthew. Ich habe schließlich keinen Vergleich. Und dann wird es mir schlagartig klar: Ich will es herausfinden, denn nur so kann ich die Beziehung zu Matthew endlich hinter mir lassen. David zieht mich auf die Tanzfläche. Sämtliche Blicke scheinen auf uns gerichtet. Jo wirkt überrascht von meinem plötzlichen Stimmungswechsel. Ich fühle mich attraktiv und begehrt. David ist ein toller Tänzer und er baggert mich während des Tanzes ungeniert an. Warum auch nicht?, denke ich mir. Ich lache ihn an und lasse mich auf sein Spiel ein. Aber er kann dieses Kribbeln in meinem Bauch nicht hervorrufen. Ich hebe die Arme über den Kopf und lasse mich von der Musik davontragen, bewege aufreizend meine Hüften, während Davids Blick mir signalisiert: Ich will dich, Baby. Seine Hände greifen um meine Taille und ich kann die Hitze seines Körpers spüren. Wir bewegen uns synchron zu dem wummernden Bass, bis ich mich erschöpft in seine Arme fallen lasse.

Es ist mittlerweile spätnachts und nach weiteren zwei Sex on the Beach bin ich nicht mehr fähig, allein zu stehen, geschweige denn, sicher nach Hause zu kommen. Rick hat es wirklich gut mit dem Wodka in den Drinks gemeint. Jo geht es ebenso wie mir. Mein Begleiter gibt Rick ein Zeichen, bezahlt die Rechnung und fasst mich am Arm. Es fühlt sich einfach nur gut und richtig an.

»Komm, ich glaube, es ist genug für heute Abend«, meint David, während er mich vom Barhocker zieht, sodass ich in seine Arme falle. Er lacht. »Ich habe uns ein Taxi rufen lassen. Wir bringen euch nach Hause«, verspricht David mir mit einem Zwinkern, das seinem Freund gilt, und ich spüre bei seinem Griff, dass er keinen Widerspruch duldet.

Hm, er scheint auch so ein Alphamann zu sein. Scheinbar ziehe ich Männer mit diesem Charakterzug magisch an. Aber von dieser Sorte sollte ich in Zukunft definitiv die Finger lassen, das weiß ich, und trotzdem folge ich ihm. Wir verlassen zu viert kichernd den Club. Als die kühle Luft mir entgegenschlägt, merke ich erst, wie betrunken ich bin und dass ich den morgigen Tag gar nicht erleben möchte.

Mr. Cunningham und Matthew sitzen in dem Nobelrestaurant auf der Granville Street in Vancouver. Zwei Escortladys, die Matthews Geschäftspartner für diesen Abend geordert hat, ergänzen das Bild. Cunningham ist in Feierlaune und will den Abend in angenehmer Atmosphäre verbringen. Er hofft, dass sein Gegenüber seine kühle, zurückhaltende Stimmung noch ablegen wird, um den Geschäftsabschluss gebührend zu feiern.

»Auf den Deal, McQueen«, ruft Mr. Cunningham und prostet Matthew zu.

Matthew erhebt ebenfalls sein Glas, in dem wie immer nur Mineralwasser ist. Cunningham verzieht belustigt das Gesicht und beugt sich etwas näher zu Matthew über den Tisch.

»Sagen Sie mal, McQueen, haben Sie denn gar kein geheimes Laster? Sie trinken niemals Alkohol, am Glücksspiel haben Sie keine Freude und was ist mit Frauen?«, flüstert Cunningham ihm mit vorgehaltener Hand amüsiert zu und nickt mit dem Kopf in Richtung der beiden Damen an ihrem Tisch.

Cunningham muss sichtlich enttäuscht hinnehmen, dass Matthews Miene undurchdringlich bleibt und der Abend nicht so enden wird, wie er es offenbar geplant hat, als Matthew dankend ablehnt.

Die Vertragsverhandlungen waren schwierig. Doch am Ende hat Matthew wie immer seinen Willen durchgesetzt und das Geschäft mit einem dicken Profit zum Abschluss gebracht. Natürlich hat er den Geschäftsabschluss so verkauft, dass Mr. Cunningham der Überzeugung ist, ein lukratives Angebot eingegangen zu sein. Jetzt fühlt sich Matthew müde und nachdenklich. Die verlangenden Blicke, die seine Begleiterin ihm im Laufe des Abends immer wieder zugeworfen hat, können seine Entscheidung, sich bald zu verabschieden, nicht beeinflussen. Noch vor wenigen Monaten hätte er die hübsche Brünette nicht abgewiesen und sie gleich hier auf der Toilette gefickt und später noch mal in seinem Hotelzimmer. So distanziert und zugeknöpft hat er sich selten einer Frau gegenüber verhalten. Besonders dann nicht, wenn sie ihm eindeutige Signale gesendet hat. Und die Frau ihm gegenüber hat nur eines im Sinn: sich von ihm vögeln zu lassen. Doch er verspürt nur Abneigun g gegen jegliche Art von schnellem Sex, Sex ohne Gefühle, Sex ohne Vivien. Selbst sein Schwanz bleibt reglos, trotz des tiefen Ausschnitts, der die üppigen Brüste der sexy gekleideten jungen Frau voll zur Geltung bringt. Stattdessen erscheinen Bilder vor Matthews geistigem Auge von der Frau, deren kleine Brüste seine Hände genau ausfüllen. Deren Nippel sich sofort steif nach oben aufrichten, wenn seine Lippen spielerisch daran saugen. Cunninghams Lachen dringt an sein Ohr und reißt ihn aus seinen sehnsüchtigen Gedankengängen. Mr. Cunningham beugt sich wieder über den Tisch und sagt leise zu den beiden Escortdamen: »Tja, meine Damen, ich glaube, ihr müsst euch mit mir begnügen. Unser junger Freund hat scheinbar was Besseres vor.« Dabei grinst er Matthew gutmütig an.

Matthew nickt, gibt dem Kellner ein Zeichen und begleicht die Rechnung.

»Hat mich gefreut, Cunningham. Es ist immer wieder eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen. Meine Anwälte werden die Verträge vorbereiten. Das ist nur noch reine Formsache«, verspricht Matthew ihm. Dann steht er auf, reicht zuerst den beiden Damen die Hand, bevor er sich von seinem Geschäftspartner verabschiedet. Schnell verschwindet er in die milde Abendluft. Statt sich ein Taxi zu nehmen, beschließt er, den kurzen Weg zum Hotel zu Fuß zurückzulegen. Er muss über vieles nachdenken und den Kopf freibekommen. Die Menschen, die heute Nacht auf dieser belebten Straße unterwegs sind, nimmt Matthew kaum wahr. Seine Gedanken schweifen wie so oft zu Vivien. Das Bild taucht wieder vor seinen Augen auf, wie sie eng umschlungen in den Armen dieses Typen lag. Verdammt, Vivien war unschuldig, das Opfer einer Intrige, ihrer Gutmütigkeit und ihrer Unschuld. Er hätte sie verdammt noch mal beschützen müssen, für sie da sein sollen, so wie er es ihr versprochen hatte. Wie konnte er bei der Frau, die er liebt, nur so die Beherrschung verlieren? Noch eine Nacht, dann wird er für Klarheit zwischen Vivien und sich sorgen und dem ganzen Spuk ein Ende bereiten, geht es ihm noch durch den Kopf, als plötzlich ein Taxi am Straßenrand hält und ihn aus seinen Gedanken reißt. Die Tür der Bar links neben ihm öffnet sich und vier Personen treten hinaus. Es sind zwei betrunkene junge Frauen, die in den Armen ihrer Begleiter liegen. Hätte nicht einer der beiden Männer Matthew aus Versehen angerempelt, er hätte keinen einzigen Blick für die vier übrig gehabt. Einer der beiden entschuldigt sich. Matthew blickt auf und murmelt nur: »Kein Problem«. Doch dann registriert er die junge Frau im Arm des Mannes. Abrupt bleibt Matthew stehen, erstarrt in seiner Bewegung, als er Vivien und Jo erkennt. Vivien windet sich in den Armen ihres Begleiters, der sie fest umschlungen hält.

Die frische Luft schlägt mir hart ins Gesicht, und ich spüre die Übelkeit. Oh mein Gott, was habe ich mir bloß dabei gedacht? Ich weiß doch, dass ich keinen Alkohol vertrage.

»Nein, lass mich los, bitte«, rufe ich meinem Begleiter David zu, der mich energisch in Richtung des wartenden Taxis drängt. Ich fürchte, mich noch direkt in seinen Armen zu übergeben. Also versuche ich, mich aus seinem festen Griff zu befreien, was mir allerdings kläglich misslingt. Ich gebe David einen gezielten Stoß in die Rippen, sodass er mit dem großen, dunkel gekleideten Mann zusammenstößt, der gerade auf dem Bürgersteig vorbeigeht. Schnell entschuldigt David sich bei dem Unbekannten, bevor er sich wieder mir zuwendet.

»Was ist denn los, Vivien?«, beschwert sich David lachend, ohne mich loszulassen. »In der Bar warst du nicht so abweisend?«

Der große Unbekannte hinter David scheint die Szene für einige Sekunden entsetzt zu beobachten, bevor er besitzergreifend nach meinem Arm greift und mich aus den Fängen meines Begleiters befreit. Ich spüre den festen Griff um meinem Oberarm und ein kurzes Stöhnen entfährt meinen Lippen, während ich mir schon vorstelle, wie die Finger meines Peinigers blaue Flecken auf meiner Haut hinterlassen. Was fällt diesem Idioten nur ein? Aber das ist sicher nicht das Schlimmste heute Abend, geht es mir noch durch den Kopf, als ich den vertrauten Duft wahrnehme.

»Ich glaube, die Dame hat Nein gesagt«, knurrt der Fremde David an.

Ich drehe mich um und schaue direkt in das Gesicht des Mannes, der für mein chaotisches Seelenleben verantwortlich ist, und jetzt wird mir wirklich schlecht. Matthew? Hier? Wo kommt er so plötzlich her? Seine Hand liegt immer noch fest um meinen Oberarm. Meine Gedanken überschlagen sich. Ich stehe zwischen Matthew und David, die sich beide mit düsteren Blicken belauern, und kann nur ein unterdrücktes Stöhnen von mir geben. Jo hat sich mit ihrem Begleiter in den Hintergrund zurückgezogen und beobachtet die Szene fassungslos. Auch ihr ist alle Farbe aus dem Gesicht gewichen. Ich höre noch, wie sie entsetzt seinen Namen ausspricht: »Matthew?«

»Hey, was fällt Ihnen ein? Nehmen Sie Ihre Finger von dem Mädchen! Die Süße gehört zu mir, klar?«, kontert David und will nach mir greifen. Aber Matthew zieht mich energisch ein kleines Stück zurück. Bevor Matthew ihm die passende Antwort geben kann, ist es um meine Selbstbeherrschung geschehen und ich übergebe mich direkt vor den Füßen der beiden Männer.

David springt angewidert zurück. »Vivien, pass doch auf! Scheiße.«

Ich kann nicht auf David achten, würge und spucke, bis alles aus meinem Magen heraus ist, was mich quält.

Matthew zieht mich fest an seine Brust. »Alles okay?«, fragt er besorgt.

Ich schaue zu ihm hoch und nicke, froh, den quälenden Brechreiz los zu sein. Nachdem Matthew sich davon überzeugt hat, dass es mir gut geht, drückt seine freie Hand vorsichtig meinen Kopf an seinen Oberkörper und es scheint ihm egal zu sein, dass seine Hose mit meinem Erbrochenen beschmutzt ist. Sein Hemd dürfte jetzt ebenfalls Flecken aufweisen, aber auch darum kümmert Matthew sich nicht. Stattdessen drückt er mich weiter fest an sich, wie sein Lieblingsspielzeug, das er mit niemandem teilen möchte.

Ich hebe den Kopf und fange Jos Blick auf, der sanft und freundlich auf Matthew ruht, bevor sie mich anschaut und besorgt den Kopf schüttelt. Ich empfinde in diesem Moment ein Gefühl von innerlicher Ruhe. Als würde eine schwere Last von mir fallen. Er ist wieder da.

»Jo, steig in das verdammte Taxi ein«, zischt Matthew Jo leise zu. »Ich werde euch nach Hause bringen!«

»Wer ist der Typ, Jo, kennt ihr den etwa? Was bildet der sich ein?«, schaltet sich David wieder in das Geschehen ein.

Ich drehe meinen Kopf in seine Richtung, will etwas sagen, aber Matthew legt beschützend die Hand an meine Wange und schüttelt den Kopf. Da David von mir keine Antwort erhält, dreht er sich genervt zu Jo um.

»Das ist Viviens Freund«, erklärt sie.

»Was? Der Typ? Das ist doch jetzt nicht dein Ernst? Hast du nicht gesagt, sie sei Single, genau wie du? Was geht hier ab, Mann?« David reißt frustriert die Hände hoch und lässt sie gleich darauf erzürnt wieder fallen. »Also, verarschen kann ich mich selbst«, schimpft David und das ist eindeutig an mich gerichtet.

»Ist das immer noch nicht klar? Soll ich es dir noch mal verständlich machen? Du hast doch gehört, was Jo gesagt hat. Ich bin Viviens Freund, also verpisst euch endlich«, mischt sich Matthew ein. Er spricht mit einer Härte in seiner Stimme, die mich kurz zusammenzucken lässt.

»Ach ja, Arschloch? Und ich lasse mir nicht gern die Tour vermasseln. In der Bar sah das noch ganz anders aus. Da war deine angebliche Freundin ganz und gar nicht abgeneigt, mit mir zu kommen«, knurrt David mit einem falschen Lächeln im Gesicht, die Hand bereits zur Faust geballt, während er sich zu Matthew umdreht.

Ich spüre, wie sich Matthews Muskeln anspannen, seine Atmung und sein Herzschlag sich ruckartig beschleunigen und sein Griff um meine Taille sich verstärkt. So abfällig würde er im Beisein anderer nicht über mich reden. Warum muss David, dieser Idiot, ihn provozieren und mich als Flittchen hinstellen, das mit dem Erstbesten ins Bett springt? Das hätte ich nicht von ihm gedacht. Und in diesem Moment läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, bei dem Déjà-vu, das ich gerade erlebe.

»Verdammte Scheiße, lass uns gehen, David. Das ist die Schnecke nicht wert«, meldet sich jetzt Davids Begleiter zu Wort, der gespürt haben muss, dass die Situation zu eskalieren droht, während er seinen hitzköpfigen Freund am Ärmel wegzuziehen versucht.

Langsam schiebt Matthew mich hinter sich. Diese beschützende Geste rührt mich. Warum hat er das nicht in dieser schrecklichen Nacht getan? Matthew steht einfach nur da, er ist ein kleines Stück größer als David und wirkt, als würde er ihm am liebsten einen Kinnhaken verpassen, aber er hält sich zurück. Doch seine Geduld scheint die Schmerzgrenze erreicht zu haben. Matthews vernichtender Blick ruht weiter auf dem anderen, so als warte er nur darauf, dass David angreift. Ich vermute, dass David wohl keine Chance gegen ihn hätte, und spüre, wie er sich anspannt. Matthew muss verdammt sauer sein. Er könnte David mit nur einem gekonnten Schlag zu Boden befördern.

»David«, versucht der Freund ihn noch einmal zum Gehen zu bewegen, aber David starrt mich weiter an.

»Es tut mir leid«, sage ich leise zu ihm. Jetzt fühle ich mich erst richtig mies. Was muss David für einen Eindruck von mir haben? Aber vielleicht sollte ich Matthew dankbar sein, dass er mich vor einem One-Night-Stand abhält. Ich glaube, spätestens morgen früh hätte ich das bitter bereut.

Einen kurzen Augenblick scheint David noch mit sich zu kämpfen, dann tritt er zurück und funkelt mich dabei wütend an.

»Fuck«, flucht David.

Die beiden werfen mir und Jo einen wütenden Blick zu, drehen sich um und verschwinden die Straße hinunter. Ich sehe noch, wie Davids Freund ihn am Ärmel packt und beschwichtigend auf ihn einredet, während David verärgert den Arm wegzieht. Ihre aufgebrachten Stimmen dringen noch kurz wie durch einen Nebel an mein Ohr, dann atme ich erleichtert aus. Der Taxifahrer, der die Szene verfolgt hat, kurbelt die Fensterscheibe herunter.

»Sir, haben Sie das Taxi bestellt? Wollen Sie nun mitfahren oder nicht? Ich kann hier nicht ewig warten«, blafft er uns an.

Matthew schiebt erst Jo und dann mich zum Wagen. Bevor ich einsteige, treffen sich unsere Blicke und ich weiß, was er fühlt. Dieser dumpfe Schmerz, der auch mich in den letzten Wochen begleitet hat, springt mir direkt aus seinen Augen entgegen, sodass ich nicht anders kann, als ins Taxi zu steigen. Dann greift er in seine Brieftasche, holt einige Hundertdollarscheine heraus und reicht sie dem Taxifahrer durch das geöffnete Fenster. »Hier, ich denke, das dürfte genug sein.«

Sofort bessert sich die Laune des Fahrers. Der Mann bedankt sich überschwänglich.

»Selbstverständlich, Sir. Wo darf ich Sie hinbringen?«, fragt er eifrig und steckt dabei die Scheine schnell in seine Brusttasche.

»Die Adresse, Jo«, verlangt Matthew kurz angebunden von meiner Freundin.

»Die Studentenwohnungen auf der anderen Seite der Stadt«, sagt sie dem Taxifahrer.

»Sie haben es gehört«, wendet Matthew sich nun wieder dem Taxifahrer zu und steigt zu mir in den Fond des Wagens.

Sobald Matthew sich auf den Sitz geschoben hat, wird mir seine Nähe erst so richtig bewusst. Die harten Muskeln seines Oberschenkels, die sich an mein Bein drücken, die Hitze, die von seinem Körper ausgeht, und was noch viel schlimmer ist, ist der Duft, der wie ein Aphrodisiakum auf mich wirkt. Sein Aftershave gepaart mit seinem Körpergeruch macht mich so an, dass ich mich am liebsten sofort auf ihn stürzen und mich in ihm verlieren möchte. Aber ich tue nichts davon. Ich sitze neben ihm auf dem Rücksitz des Wagens und könnte nur noch heulen. Die plötzliche Nähe zu ihm bringt mich fast um. Meine Gefühle für ihn sind in tausend Teile zerfetzt und schwirren irgendwo im Universum herum. Ich weiß nicht, ob ich erleichtert sein soll, dass Matthew da war und mich vielleicht vor einer Dummheit bewahrt hat, oder ob ich ihm in den Hintern treten soll für das, was er mir angetan hat. Jo hat sich in ihre Ecke gelümmelt und schweigt. Sie schaut kurz mi t fragendem Blick zu mir und ich zucke nur mit den Schultern, dann dreht sie sich zum Fenster und starrt hinaus, während Matthew seinen Arm um mich legt und meinen Kopf, der bereits zu schmerzen anfängt, an seine Brust zieht. Ich schließe die Augen, atme tief ein und aus, um die wieder aufsteigende Übelkeit so einigermaßen unter Kontrolle zu halten; dabei versuche ich, meine Gedanken zu ordnen. Was macht Matthew hier? Wieso taucht er gerade dann auf, wenn es mal wieder peinlich für mich wird? Er, mein Ritter in schwarzer Rüstung. Matthew sagt kein Wort, noch nicht. Ich wage einen verstohlenen Blick in sein regloses Gesicht. Er starrt einfach nach vorn. Nur das leichte Zucken seiner Kiefermuskeln lässt mich ahnen, in welcher Stimmung er sich gerade befindet. Oh mein Gott, wie sehr habe ich ihn vermisst, und jetzt sitzt er ganz nah neben mir. Und da sind auch wieder die Schmetterlinge, die sich gerade aus ihrem Winterschlaf erheben und in meinem Bauch eine wild e Verfolgungsjagd veranstalten. Mit seiner rechten Hand streicht Matthew über meinen Oberarm, so als wollte er mir zu verstehen geben, dass alles in Ordnung ist. Oder auch, dass nichts in Ordnung ist und ich wieder einige seiner Belehrungen über mich ergehen lassen muss. Dafür hat David mit seinen unnötigen Andeutungen gesorgt. Aber verdammt, ich bin es doch, die sauer sein sollte, nicht er. Was ist nur mit diesen verdammten Männern los? Gibt es denn keinen auf der Welt, der einfach nur nett und ehrlich ist? Bei dem die Gedankengänge nicht von dem Wort Sex beherrscht werden? Nach einer kurzen Fahrt, die mir wie eine Ewigkeit vorkommt, halten wir bei den Studentenwohnungen am Stanley Park. Ich schrecke hoch, weil ich an Matthews Brust gekuschelt eingedöst war. Müde hebe ich den Kopf und befreie mich aus Matthews Umarmung. Er steigt aus dem Taxi. Mit einem vielsagenden Blick fordert er mich auf, im Wagen zurückzubleiben, aber mir ist in diesem Moment ohnehin viel zu übel, um mich zu bewegen. Er bückt sich zu dem halb geöffneten Fahrerfenster und sagt irgendetwas zu dem Taxifahrer; ich schnappe die Worte »… Ihre Verantwortung, dass sie im Wagen bleibt« auf, bevor er Jo die Wagentür öffnet und sie resolut am Arm packt.

»Was ist mit Vivien?«, höre ich Jo verärgert fragen. »Du glaubst doch wohl nicht, dass ich sie mit dir …«

Ich höre Matthew stöhnen, bevor er ihren Redefluss unterbricht. »Vivien kommt mit mir.«

»Das soll sie mir selbst sagen«, beantwortet Jo sein Drängen. Jo beugt sich zu mir herunter. »Vivien, willst du wirklich mit Matthew mitfahren?«

Ich nicke, obwohl ich weiß, dass es das Beste wäre, jetzt direkt hier auszusteigen und Matthew wieder aus meinem Leben zu verbannen. Diese Szene einfach zu vergessen, als wäre er nie hier gewesen. Aber ich kann nicht. Ich fühle mich so sehr zu ihm hingezogen. Sein Geruch, seine Mimik, seine Stärke, seine tiefe Stimme, die auch unsagbar sanft sein kann, und die Vertrautheit, die sofort wieder allgegenwärtig ist, ziehen mich wie eine Spirale in die Tiefe.

»Okay.« Jo nickt und richtet sich wieder auf, bevor sie sich schwankend zu Matthew umdreht, der sie Arm packt, die Wagentür zuschmeißt und meine Freundin in Richtung Eingang leitet.

Nur kurze Augenblicke später steigt Matthew wieder zu mir in das Taxi und nennt dem Fahrer sein nächstes Ziel. Ich kenne das Hotel, da ich bereits vor wenigen Wochen zwei Nächte mit Matthew dort verbracht habe.

Er beugt sich zu mir und ich fühle seinen Schmerz so deutlich, als wäre es meiner. »Was sollte das, Vivien?«, fragt er mich leise, sodass der Fahrer seine Worte nicht verstehen kann.

Ich spüre seine Anspannung, als er seine Lippen fest zusammengepresst. Oh Mann, ist der sauer. Zum Glück kann ich langsam wieder einigermaßen klar denken.

Ich weiß nicht, was er meint. Den Alkohol? David? Okay, wir haben definitiv zu viel getrunken, und ich weiß, wie Matthew darüber denkt. Aber verdammt, es geht ihn nichts mehr an. Und wenn ich mit David die Nacht verbracht hätte, könnte ihm das auch egal sein. Ich frage ihn schließlich auch nicht, was er die letzten zwei Wochen getan hat. Wir haben uns getrennt. Er hat die Grenzen überschritten, nicht ich. Ich habe nur die Konsequenzen gezogen und getan, was unausweichlich war. Wieso muss Matthew gerade jetzt wieder auftauchen? Ich bin noch nicht über ihn hinweg, im Gegenteil. Seine Nähe macht mich völlig konfus. Außerdem bin ich ihm keine Erklärung schuldig. Mein Kopf scheint wie in Watte gepackt.

»Wie konntest du dich so schnell an einen anderen Mann heranmachen? Hat dir das mit uns denn so wenig bedeutet?«

Er blickt mich nicht an, doch ich kann an seiner Stimme hören, wie verletzt er ist. Nach einer Weile spricht er weiter.

»Die beiden waren doch nur auf einen schnellen Fick aus«, spuckt er vor Verachtung regelrecht aus. »Du und Jo, in eurem betrunkenen Zustand wart ihr die perfekte Beute für die beiden. Himmel, warum musstest du dich so volllaufen lassen?«, knurrt er mich vorwurfsvoll an.

Das Denken fällt mir schwer, trotzdem will ich mich rechtfertigen. Ich antworte etwas zu laut und aufgebracht: »Wer sagt denn, dass ich ihn angebaggert habe? Jetzt bist du es, der auf das dumme Geschwätz von anderen hört. Außerdem geht es dich verdammt noch mal nichts mehr an, von wem ich mich ficken lasse.

Das letzte Mal, als ich deiner Meinung nach einen Fehler begangen habe, hast du mir den Hintern versohlt und mich danach gevögelt. Was hast du denn jetzt mit mir vor?«

Der Blick des Taxifahrers schnellt zum Rückspiegel und schaut uns entsetzt an. Ich ziehe kurz die Luft ein und halte mir die Hand vor den Mund. Oh Scheiße, das wollte ich nicht sagen, es ist mir einfach so rausgerutscht. Der Alkohol ist schuld daran. Warum werde ich im betrunkenen Zustand nur so impulsiv? Dieser verdammte Drang, immer die Wahrheit sagen zu müssen. Aber warum rede ich überhaupt mit Matthew, noch dazu über diesen Abend? Das geht ihn doch gar nichts mehr an!

Ich höre, wie er scharf Luft einzieht. »Sei still. Würdest du bitte etwas leiser sprechen?«, zischt Matthew mich nun ärgerlich an. Er fixiert kurz den Taxifahrer, bevor er mich anstarrt. Die Wut in seinen Augen ist fast verflogen und Schuldgefühle spiegeln sich jetzt darin. Es ist das erste Mal, dass wir uns wieder so nah sind seit jenem schrecklichen Streit, nach welchem ich meine Koffer packte und zu meiner Familie heimkehrte. Und obwohl ich mir so sicher war, dass die Trennung das Beste für mich war und Matthew vergessen wollte, spüre ich sofort wieder dieses besondere Gefühl, das nur er in mir auslöst.

»Verdammt, Vivien, wir hatten über die Sache ausführlich gesprochen. Und falls ich dich daran erinnern darf, du hattest genauso deinen Spaß wie ich. Ich werde dich nicht anfassen, und wenn ich dich ficke, dann nur, wenn du nicht betrunken bist«, antwortet er mir jetzt beruhigter. Er fährt sich mit der Hand durch die Haare. Eine Geste, die mir sehr gut bekannt ist. Er signalisiert mir unbewusst seine Unsicherheit. Schnell scheint er sich wieder unter Kontrolle zu haben, als er sich zu mir umdreht. »Lass uns bitte morgen darüber reden, okay?«, meint er, nachdem er meinen Zustand eingeschätzt hat. »Bitte bleib heute Nacht bei mir im Hotel. Du hast zu viel getrunken, und ich lasse dich so ungern allein. Diesen Fehler habe ich einmal gemacht. Noch einmal passiert mir das nicht«, höre ich ihn noch leise sagen.

Endlich hält das Taxi vor dem Eingang des Fairmont Gold Harborview Hotel und Matthew steigt aus. Ich bleibe im Wagen sitzen. Was soll ich tun? Mit ihm gehen und die Nacht mit ihm verbringen? Wo soll das hinführen? Als ich keine Anstalten mache, den Wagen zu verlassen, höre ich Matthews Räuspern und wende den Kopf zu ihm. Er hält mir versöhnlich die Hand entgegen, und ich kann in dieser Geste die Bitte lesen, ihm zu folgen.

»Bitte, Vivien, bleib heute Nacht bei mir. Nicht, weil ich es will, sondern weil du es willst.«

Ich muss nur zustimmen. Warum tut er mir das an? Ich sollte gehen, mich von ihm fernhalten. Er ist nicht gut für mich. Morgen wird er wieder nach Boston zurückfliegen und mich mit meinem Gefühlschaos allein zurücklassen. Er wird mich nur verletzen. Trotzdem möchte ich mich an seine Brust schmeißen und ihn ganz fest an mich drücken. Meinen ungeweinten Tränen freien Lauf lassen und von ihm getröstet werden. Das Gefühl noch einmal heraufbeschwören, dass er nur mir gehört, und mich in seiner Zärtlichkeit verlieren. Ich atme tief durch und greife nach seiner Hand, die zart zudrückt, um mir zu zeigen, dass ich zu ihm gehöre. Oder will er mir nur beweisen, dass er wieder mal seinen Willen durchsetzen konnte, wie er es immer tut? Ich bin froh, dem beengten Raum des Wagens und vor allem der Nähe zu Matthew entfliehen zu können, die mein Inneres wieder in diese verwirrenden Gefühle versetzt. Aber kaum haben wir das Taxi verlassen, legt Mat thew schon seinen Arm um meine Taille, zieht mich zu sich heran und geht mit mir durch den Eingang Richtung Aufzüge. Mein Kopf fällt erneut an seine Brust, was mir jetzt auch schon egal ist, und ich atme wieder diesen vertrauten, herben, männlichen Duft ein, den ich viel zu lange vermisst habe. Ich habe kapituliert, zumindest für den Augenblick, und dann wird es schwarz vor meinen Augen. Ich spüre noch Matthews Hände, die unter meine Knie fassen, um mich entschlossen an seinen Körper zu drücken.

Die Sonnenstrahlen, die durch die halb geschlossenen Fenster fallen, sind wie Nadelstiche in meinem Gehirn. Ich will die Augen nicht öffnen, weil ich weiß, dass dann der Schmerz in meinem Kopf noch weiter zunehmen wird. Aber ich habe Durst, schrecklichen Durst. Meine Zunge klebt pelzig am Gaumen. Ich blinzle und bin mit einem Ruck hellwach, als ich das fremde Zimmer wahrnehme, in dem ich mich befinde. Mein Blick fällt auf den Sessel am Fenster. Dort liegen Herrenjeans und ein Herrenhemd lässig über die Sessellehne drapiert. Meine eigenen Kleider kann ich nirgends entdecken. Ich hebe die Bettdecke an und stelle erleichtert fest, dass ich zumindest nicht nackt bin. Aber was ist das für eine Boxershorts, die ich trage? Habe ich mich gestern hier ausgezogen? Verflixt, ich kann mich nicht mal mehr erinnern, diesen Raum überhaupt betreten zu haben, geschweige denn, wie ich in dieses Bett gekommen bin. Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist die Fahrt in einem Ta xi und an ihn. Matthew. Der Raum, in dem ich mich befinde, ist das Schlafzimmer einer der großen Suiten im Fairmont Gold Harborview Hotel in Vancouver. Das Zimmer wird beherrscht von dem großen King-Size-Bett, in dem ich liege und wohl auch die Nacht allein verbracht habe, denn die andere Seite des Bettes ist unbenutzt. David schießt mir durch den Kopf. Nein, mit David bin ich nicht hierher gekommen. Langsam mischen sich die gestrigen Ereignisse schemenhaft in mein Bewusstsein. Natürlich, ich befinde mich in Matthews Suite. Ich habe die Nacht hier mit ihm verbracht. Warum hat er mich gestern Nacht mit hierhergenommen? Seine Stimme dringt leise aus dem angrenzenden Wohnbereich zu mir.

Ich versuche aufzustehen und schwinge meine Beine nicht so dynamisch wie sonst aus dem Bett. Auf die plötzliche Bewegung reagiert mein Körper sofort mit Unwohlsein, eine Folge meines entgleisten Alkoholgenusses von gestern Abend. Das flaue Gefühl im Magen lässt mich kurz aufstöhnen. Langsam schleppe ich mich ins angrenzende Badezimmer, in der Hoffnung, dort ein Aspirin zu finden. Suchend schaue ich mich im Badezimmer um. Auf dem Sims hinter dem Waschbecken liegt tatsächlich eine Schachtel mit Schmerzmitteln. Ich nehme eine Tablette heraus, halte meinen Mund unter den Wasserhahn und spüle sie herunter. Die kühle Flüssigkeit beruhigt meinen trockenen Hals, sodass ich erlöst durchatme. Ich stütze mich auf das Waschtischbecken und schaue in den Spiegel. Das Gesicht, das mich mustert, kann unmöglich zu mir gehören. Unschlüssig stehe ich vor dem Spiegel und schaue mich an. Ich fühle mich gerade mitten in einem Déjà-vu. Meine Haut wirkt fah l und aufgedunsen und die Wimperntusche umrandet verschmiert meine Augen. Oh mein Gott, wie sehe ich nur aus? Schnell nehme ich eines der Pads aus dem Spender und wische mir über die Augen, sodass ich wieder einigermaßen normal und nicht mehr wie ein Vampir aussehe, der die Nacht durchgezecht hat. Der schale Geschmack in meinem Mund erinnert mich daran, dass ich keine Zahnbürste dabei habe. Warum auch? Ich wollte lediglich mit meiner Freundin ausgehen und ein wenig Spaß haben. Dass ich danach hier in einem Hotel und dann auch noch mit Matthew landen würde, war wirklich das Letzte, was ich erwartet hätte. Unschlüssig betrachte ich Matthews Zahnbürste. Ach, was soll´s. Ich nehme sie aus dem Glas und gebe Zahnpasta darauf. Er hat sie heute Morgen bereits benutzt, die Borsten sind noch immer nass. Schnell putze ich mir die Zähne und stelle alles wieder zurück an seinen Platz. Fertig. Mein nächstes Problem sind allerdings meine Kleider, die ich auch hi er nicht finden kann. Verdammt, was ist gestern Nacht nur passiert? Leise betrete ich das Schlafzimmer. Die Tür zum Wohnraum der Suite ist jetzt geöffnet, sodass ich Matthew sehen kann. Er lehnt mit dem Rücken zur Schlafzimmertür an dem Esstisch, der mitten im Raum steht, und hält sein iPhone in der Hand.

»Ja, das ist doch kein Problem. Nein, nein, ihr geht es gut. Ich bringe sie später nach Hause.«

Ich höre nur diese Gesprächsfetzen und ahne, dass er mit meinen Eltern telefoniert.

»Nein, noch nicht. Sie schläft noch.«

Sein nachdenkliches Stirnrunzeln kommt mir vertraut vor, sodass ich kurz einen kleinen Stich in meinem Inneren verspüre wegen des Verlusts unserer Beziehung.

»Wir sehen uns später. Bis nachher.«