Master of my Dreams (Master-Reihe Band 3) - Holly Summer - E-Book

Master of my Dreams (Master-Reihe Band 3) E-Book

Holly Summer

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Beschreibung

Joyce Hamilton lebt in einer Beziehung, die ihr nicht die Erfüllung gibt, von der sie träumt. Was sie will, ist ein Mann, dem sie sich vollkommen hingeben, bei dem sie sich fallen lassen kann und der ihr die sexuelle und leidenschaftliche Erfüllung bietet, nach der sie sich verzehrt. Um eine verlorene Wette einzulösen, begibt sie sich in eine delikate Situation und steht plötzlich dem Mann gegenüber, der ihre geheimsten Sehnsüchte erfüllen könnte. Joyce fühlt sich sofort zu ihm hingezogen. Doch er hat etwas ganz Anderes mit ihr im Sinn ... Greg Montgomery ist erfolgreich und gutaussehend, die Frauen liegen ihm zu Füßen. Und doch lebt er ein Singledasein. Er ist ein Traum von einem Mann, aber der Liebe hat er abgeschworen – bis er Joyce begegnet. Band 3 der erfolgreichen Master-Reihe.

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Seitenzahl: 466

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Beliebtheit




Holly Summer

Master of my Dreams

Master-Reihe Band 3

© 2016 Amrûn Verlag

Jürgen Eglseer, Traunstein

Covergestaltung: ASP Design, Grit Richter

Lektorat & Korrektorat: Simona Turini, Textehexe

eBook Formatierung von SKY GLOBAL SERVICES

Alle Rechte vorbehalten

ISBN – 978-3-95869-101-8

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amrun-verlag.de

hollysummer.de

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind reinfiktiv. Alle beschriebenen Personen sind volljährig.Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebendenoder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation inder Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für meinen Mann, der alle Höhen undTiefen während der Entstehung derMasterreihe mit mir erlebt hat.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Danksagung

Immer wieder fliegt mein Blick auf die Homepage des Gentleman´s Club, den exklusiven Nachtclub außerhalb von Boston, in den meine beste Freundin mich mitschleifen will. Natürlich bloß auf einen Drink. Denn in der Bar finden keine sexuellen Spielchen statt, wie sie mir auf ihre charmante Art lächelnd versprochen hat. Diese intimen Geschehnisse werden vielmehr in den dafür vorgesehenen Räumen teilweise im Erdgeschoss, aber vor allen Dingen im oberen Stockwerk vollführt.

Als ob ich keine Courage hätte! Ich sehe noch Victorias schelmisches Lächeln vor mir, als sie mir die Wette vorgeschlagen hat, in die ich sofort eingewilligt habe. Das ist wieder mal typisch für mich. Victoria wollte mich mit dem Club nur reizen, da sie mir im Leben nicht zutrauen würde, dass ich auch nur einen Fuß in diesen Sexpalast setzen würde. Und doch habe ich ohne mit der Wimper zu zucken zugestimmt, sie zu begleiten. Ich höre noch ganz deutlich ihre Worte: Ich wette mit dir um eine Flasche Champagner, dass du dich nicht traust, mit mir an der Bar in einem Sexclub einen Cocktail zu trinken. Ich habe sie daraufhin nur angelächelt und ihr gesagt, sie soll schon mal den Champagner kaltstellen.

Victoria kennt mich. Sie weiß genau, dass ich nicht ablehnen werde. Wenn ich mich einmal zu einer Sache entschlossen habe, ziehe ich sie durch.

Der Club ist für seine Diskretion bekannt, und nur die beste Gesellschaft verkehrt hinter seinen Mauern. Also, was soll schon passieren? Und trotzdem habe ich ein mulmiges Gefühl dabei. Soll ich wirklich auf die Wette eingehen und Victoria dorthin begleiten? Nachdenklich kaue ich auf dem Bleistift herum. Victoria, dieses Biest. Und sowas nennt sich beste Freundin! Doch im Grunde muss ich darüber schmunzeln, wie ich ihr in die Falle gegangen bin. Um ehrlich zu sein, interessiert es mich schon, was hinter den geschlossenen Türen dieses Etablissements vor sich geht. Und was ist schon dabei? Viele Frauen gehen in Nachtclubs, na und? Ich werde mich doch nur an die Bar setzen, einen Drink bestellen und nach spätestens einer Stunde wieder gehen, so war es abgemacht.

Auf das verführerische Cocktailkleid mit den sexy Dessous darunter habe ich mich nur widerwillig eingelassen. Victoria wollte der Wette damit noch den besonderen Touch geben. Biest! Und doch reizt es mich, den Spaß mitzumachen. Als Victoria mir gestanden hat, dass sie und ihr Freund in diesem Club Mitglied geworden sind, bin ich zuerst vom Glauben abgefallen. Meine beste Freundin hat Sex in aller Öffentlichkeit! Außerdem geschehen dort angeblich Dinge, die mir die Schamesröte ins Gesicht treiben. Doch die Vorstellung, von einem Mann genommen zu werden, während andere um mich herumstehen, erregt mich. Als Victoria mir von den Neigungen erzählt hat, die sie und ihr Freund seit Neustem ausleben, hat mir das schon einen kleinen Stich versetzt.

Ihr neuer Lover ist ein Dom und liebt es, wenn Victoria sich ihm, zumindest beim Sex, unterwirft. Denn in allen anderen Bereichen ist Victoria äußerst selbstbewusst, genau wie ich, und entscheidet ausnahmslos allein über ihr Leben.

Natürlich war ich neugierig und habe die Seite des Clubs gegoogelt, als sie vor einer halben Stunde gegangen ist. Jetzt sitze ich hier und kämpfe mit meinem Gewissen, das Richtige zu tun. Warum ist Jonathan kein dominanter Alphawolf, in dessen Arme ich mich fallen lassen kann? Victoria kennt meine Sehnsüchte nach einem Mann, dem ich mich bedingungslos hingeben kann, der mich ganz und gar beherrscht.

Etwas, das Jonathan mir nicht geben kann oder will.

Alles, was Victoria zu mir gesagt hatte, war: Du musst es ausprobieren, um zu wissen, ob du es willst. Oder dein Leben wird in einer Sackgasse enden. Eine Sackgasse! Sitze ich nicht schon mittendrin?

Falls Jonathan fragt, wo ich hingehe, soll ich einfach sagen, ich gehe mit einer Freundin in eine Bar. Etwas, das für Victoria und mich nicht ungewöhnlich ist. Trotzdem hasse ich es, ihn anzulügen. Das habe ich noch nie getan. Mir wird ganz schlecht bei dem Gedanken, ihm etwas zu verheimlichen.

Natürlich habe ich ihm auch von der Wette nichts erzählt. Er würde mir nur eine Szene machen und um unsere Beziehung steht es ohnehin seit einiger Zeit nicht mehr so gut. Ich kann Jonathan doch nicht betrügen, nur um meine Sehnsüchte zu stillen. Denn darauf wird es doch letztendlich hinauslaufen, wenn ich diesen Club betrete. Unschlüssig lasse ich den Bleistift durch meine Finger gleiten.

Die Sirene eines Krankenwagens vor dem Haus reißt mich aus meinen Gedanken. Ich muss mich verdammt nochmal endlich um den großen Auftrag kümmern und das Angebot für James zusammenstellen. Die Kalkulationen sollten schon fertig sein. Diese Hochzeit ist der größte Fisch, den mein Chef an Land ziehen konnte und wird seine Firma aus den roten Zahlen herausholen. Das Cateringunternehmen läuft seit Monaten nur schleppend, obwohl es einen exzellenten Ruf hat. Die Konkurrenz ist eben einfach billiger. James musste erst letzten Monat zwei seiner Mitarbeiter entlassen, weil er sie nicht mehr bezahlen konnte, und auch meine Stelle stand für kurze Zeit auf wackeligen Beinen. Das wäre eigentlich nicht das Schlechteste, denn dann wäre ich gezwungen, endlich intensiver nach einem Job zu suchen, der meiner Ausbildung gerecht wird. Auf die einzigen beiden Bewerbungen, die ich bis jetzt abgeschickt habe, hat sich bis heute noch niemand gemeldet. Ich gehe davon aus, dass es nicht klappen wird, zumal ich James nicht im Stich lassen kann, bevor er einen Ersatz für mich gefunden hat.

James ist mit Herz und Seele Koch, er zaubert mit den einfachsten Zutaten ein Menü, das einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Aber von Angeboten, Kalkulationen und dem ganzen ›kaufmännischen Kram‹, wie er es nennt, hat er keine Ahnung. Zum Glück musste er bis jetzt mein Gehalt nicht kürzen, was wohl auch ein Grund dafür ist, dass ich in letzter Zeit die Suche nach einer geeigneten Stelle schleifen lassen konnte.

Ich reiße mich zusammen und schließe die Internetseite jetzt endgültig. Trotzdem schwirrt sie immer wieder durch meinen Kopf. Ich kann mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren. Mein Körper und meine Gedanken sind nur noch auf eines fixiert: Mich einem Mann vollkommen hinzugeben, mich ihm zu unterwerfen. Dieses Verlangen nach Kontrolle, die ich abgeben möchte und einem Mann übertragen, der mich beherrschen kann, wird von Tag zu Tag stärker. Meine Freundinnen haben mich nur ausgelacht und mir den Vogel gezeigt, als ich ihnen erzählte, was ich am Wochenende vorhabe. Nur Victoria nicht, sie hat mich wissend angelächelt.

Die Beziehung, die ich mit Jonathan führe, ist zu einer immer gleichen Routine geworden. Sie ist zum Stillstand gekommen: Da ist nichts mehr, kein Kribbeln im Bauch, kein Verlangen nach dem anderen, kein sehnsüchtiges Warten, um sich dann ganz ungeniert die Kleider vom Körper zu reißen. Nur noch der triste Alltagstrott.

Habe ich Jonathan jemals wirklich geliebt?, frage ich mich nicht zum ersten Mal. Aber ich sollte nicht ungerecht sein, natürlich habe ich etwas für ihn empfunden, zumindest am Anfang. Aber jetzt ist da nichts mehr. Selbst der Sex, der höchstens noch zweimal im Monat zwischen uns stattfindet, ist mehr eine Pflichtübung, um unser beider schlechtes Gewissen zu beruhigen. Wir haben uns auseinandergelebt, das steht fest. Leben praktisch nur noch nebeneinander her.

Immer wieder habe ich das überfällige Gespräch mit Jonathan aufgeschoben. Vielleicht, weil unsere Beziehung so bequem und ich nicht bereit war, den ersten Schritt hinaus zu machen. Einfach einen Schlussstrich zu ziehen. Denn im Grunde ahne ich bereits, dass auch er nicht mehr dasselbe für mich empfindet wie früher.

Und doch habe ich Angst, ihn zu verlieren. Ich würde mich nicht wundern, wenn er eine Geliebte hätte. Lächerlich! Jonathan und eine Geliebte! Bei dem Gedanken muss ich unwillkürlich die Mundwinkel nach oben ziehen. Er lebt doch nur für seine Karriere.

Der Gentleman´s Club ist diesen Samstag für Nichtmitglieder geöffnet und Jonathan ist wieder einmal auf Geschäftsreise. Das Schicksal spielt mir direkt in die Karten. Dass Jonathans Geschäftsreisen in letzter Zeit immer häufiger auf Wochenenden fallen, sollte mir eigentlich Sorgen bereiten. Aber wie so oft schiebe ich diese negativen Gedanken beiseite. Vielleicht bin ich aus diesem Grund auf die Wette eingegangen. Ich will wissen, ob zwischen mir und meinem Freund noch ein Fünkchen von dem alten Feuer ist, das nur darauf wartet, wieder angefacht zu werden.

Will ich Jonathan wirklich eifersüchtig machen? Ist das der richtige Weg, um Klarheit über unsere Gefühle zu bekommen? Der Anlass könnte nicht passender sein, um mir bewusst zu machen, was ich eigentlich vom Leben erwarte. Es ist alles perfekt, als würde das Schicksal nur darauf warten, dass ich zum Telefonhörer greife, um mich anzumelden.

Ich habe weiß Gott versucht, meine Gefühle zu verdrängen. Habe sogar probiert, Jonathan meine Empfindungen zu erklären, aber er hat mich gar nicht zu Wort kommen lassen und das Ganze als Scherz abgetan. Ich höre noch sein Lachen und seine vernichtenden Worte über diese »Psychopathen«, so hat er sich ausgedrückt. Bin ich vielleicht auch ein Psychopath, nur weil ich das Verlangen habe, mich einem Mann willenlos hinzugeben, einmal die Verantwortung abzugeben? Einen Schritt weiter zu gehen und mich von den Konventionen des Blümchensexes zu lösen? Seit dem Tod meiner Mom habe ich nichts anderes getan, als die Verantwortung zu übernehmen. Erst für meine kleine Schwester und später dann für meinen Dad, der sich mehr und mehr in Selbstmitleid hat fallen lassen.

Jonathan hat mir später nur einen flüchtigen Kuss auf den Mund gedrückt, mich gar nicht ausreden lassen und gefragt, ob ich meine Periode hätte. Ich würde mir zu viele schlechte Filme ansehen und dem Geschmiere in den Büchern von Verlangen und Unterwerfung, die ich regelrecht verschlungen habe, zu viel Wert beimessen. Mit ihm kann ich über solche Themen nicht reden. Er würde vom Glauben abfallen und an meiner Intelligenz zweifeln, wenn ich ihm vorschlagen würde, unserer Beziehung das gewisse Etwas zu geben, so wie Victoria es getan hat. Und wenn es nur ein Spiel ist, das meine sexuellen Sehnsüchte stillen kann.

Die Blicke, die er mir zuwarf, als er die Bücher auf dem Wohnzimmertisch liegen gesehen hat, haben schon gereicht, um mir seine Meinung mitzuteilen. »Pervers« hat er es genannt, wenn eine Frau sich willenlos einem Mann unterwirft. »Abstoßend«, wenn sie sich von ihm den Hintern versohlen lässt und ihn auch noch darum bittet.

Er kann absolut nicht verstehen, wie Menschen sich bestrafen und erniedrigen lassen und dabei auch noch Lust empfinden. So wie Jonathan es darstellt, ist es abstoßend. Aber er versteht rein gar nichts von Leidenschaft. Sex mit Jonathan hat immer den gleichen Ablauf, da ist keine Spontanität mehr, kein wildes Verlangen. Wir tun es natürlich nur im Schlafzimmer, niemals auf dem Küchentisch oder in der Dusche, geschweige denn an anderen Orten, wie zum Beispiel auf der Motorhaube seines Cabrios – es dürfen keine Kratzer den teuren Lack beschädigen. Das Licht ist in der Regel aus, und es passiert möglichst nur in der Missionarsstellung. Etwas anderes kommt für ihn selten in Frage. Ich fühle mich oft wie ein Ventil, das er benutzt, um sich seines aufgestauten Samendrangs zu entledigen. Das Vorspiel besteht fast immer in der nüchternen Frage Hast du Lust?, wenn wir bereits im Bett liegen. Ich nicke dann meistens, um wenigstens ein bisschen Spaß zu haben. Denn es mir ständig selbst zu besorgen und dabei den begehrenswerten Bad Boy immer nur in meine Gedanken zu projizieren, anstatt ihn hautnah zu erleben, ist auf Dauer äußerst deprimierend.

Wenn Jonathan mich dann berührt und später in mich eindringt, verdanke ich es lediglich meinem Kopfkino, dass ich feucht werde und zum Höhepunkt komme. Denn für Jonathan besteht Beischlaf nur darin, sich in mich hineinzubohren und in ruckartigen Bewegungen zum Orgasmus zu kommen. Wenn er dann fertig ist, fragt er meistens, ob es auch für mich schön war. Mehr nicht. Zum Glück komme ich für gewöhnlich vor ihm. Wenn das nicht der Fall ist, entschuldigt er sich, dass er jetzt nicht mehr in der Lage dazu sei, es mir mit der Hand oder der Zunge zu besorgen. Mein Gott, seine Zunge habe ich höchstens in meinem Mund gespürt, vielleicht auf meinem Hals, aber das war es dann auch schon. Er streift das Kondom ab, denn ohne tut er es nie, obwohl ich die Pille nehme. In diesem Punkt ist er übervorsichtig. Dann dreht er sich auf die Seite und schläft fast sofort ein.

Diese Art von Beziehung will ich nicht mehr. Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt und noch ist es nicht zu spät, einen Schlussstrich zu ziehen und noch einmal von vorne anzufangen. Mit einem Mann, der mich ganz beherrscht, mit dem ich abtauchen kann in die Tiefen der Lust, der für mich da ist, wenn ich ihn brauche, bei dem ich mich im Rausch fallen lassen kann, der mich auffängt, mich beschützt, wenn ich den Boden unter den Füßen verliere, der mich wieder die begehrenswerte Frau in mir spüren lässt.

Unwillkürlich gleitet mein Blick zur Schublade, und jetzt ziehe ich sie entschlossen auf, hole den Zettel mit der Telefonnummer heraus, den Victoria mir gegeben hat, und wähle die Nummer. Es klingelt, ich bin aufgeregt, mein Herz schlägt schneller. Verdammt. Was soll ich nur sagen? Eine freundliche Männerstimme meldet sich am anderen Ende.

»Hallo?«

Ich atme tief durch und schlucke den Kloß in meinem Hals herunter, der mich fast zu ersticken droht.

»Hallo, mein Name ist Joyce. Victoria Scott hat mir Ihre Telefonnummer gegeben.« Dann stocke ich und warte.

»Hallo Joyce, ich bin Adrian, der Besitzer des Clubs. Was kann ich für dich tun?«

Was er für mich tun kann? Scheiße, ich dachte nicht, dass es so schwierig ist, sich in einem Sexclub anzumelden. Was soll ich jetzt sagen? Sein sympathisches Lachen dringt an mein Ohr. Als ich immer noch nicht antworte, höre ich seine ruhige Stimme.

»Du kommst auf Empfehlung von Victoria Scott?«

Ich höre, wie er auf die Tastatur seines PCs einhämmert, bevor er weiterspricht. »Du warst noch nie bei uns, nehme ich an.«

»Nein, ich war noch nie in einem … Sexclub. Victoria ist eine Freundin von mir«, setze ich noch schnell hinzu.

Sein Schmunzeln dringt durch den Telefonhörer an mein Ohr. »Davon gehe ich aus. Aber das muss dir nicht peinlich sein. Das geht den meisten Neulingen am Anfang so.«

Himmel, woher weiß er, dass mir der Anruf peinlich ist?

»Wir sind ein privater Club und für Nichtmitglieder geschlossen, aber Victoria hat uns informiert. Mitglieder werden nur auf Empfehlung aufgenommen. Wir müssen da sehr vorsichtig sein, Diskretion ist für uns oberstes Gebot. Sicher hast du von dem Todesfall letzte Woche gehört.«

»Ja, es wurde in der Presse darüber berichtet.«

»Das war leider nicht zu verhindern. Aber du bist herzlich willkommen. Am Samstag ist der Club für Nichtmitglieder geöffnet. Wirst du alleine kommen oder in Begleitung?«

»Allein«, stoße ich aus. »Das heißt, Victoria wird mich begleiten.«

»Okay. Ich notiere deinen Namen und deine Telefonnummer. Die Adresse und wie du zu uns findest, sind dir bekannt?«

»Ja.« Dann gebe ich ihm die Daten durch.

»Gut, dann viel Spaß in unserem Etablissement. Schau dich erstmal in Ruhe um und keine Angst, hier bestimmst immer noch du, wie weit das Spiel gehen wird«, teilt er mir mit, bevor wir uns verabschieden.

Wie weit das Spiel gehen wird? Für mich ist es kein Spiel, und im Grunde habe ich gar nicht vor, mich dort einem Mann hinzugeben. Ganz hinten in der letzten Ecke meines Gehirns ist eine winzige Stimme, die genau das Gegenteil behauptet, mich eine verdammte Lügnerin schimpft und mir unentwegt zuflüstert: Vielleicht findest du dort den Mann, der deine Sehnsüchte erfüllen und dein Verlangen stillen kann. Schnell verdränge ich die Stimme. Verdammt, ich bin seit zwei Jahren in einer festen Beziehung. Auch wenn Jonathan mich mehr und mehr vernachlässigt, würde ich ihn nie betrügen. Wir müssen einfach nur wieder zusammenfinden, jede Beziehung hat mal eine Krise, das ist ganz normal, rede ich mir ein. Und doch weiß ich im Grunde, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis einer von uns den entscheidenden Schritt tun wird.

Am nächsten Morgen betrete ich aufgekratzt und wie auf heißen Kohlen die Küche von James’ Cateringservice in der Washington Street. Nachdem ich gestern den Hörer aufgelegt hatte, machte sich ein unsagbar kribbeliges Gefühl in mir breit. Beim Gedanken an Samstagabend habe ich mich das erste Mal seit Monaten wieder lebendig gefühlt. Das schlechte Gewissen Jonathan gegenüber, das immer stärker wird, je näher das Wochenende rückt, verdränge ich.

Er kam gestern spät aus dem Büro, hat sich noch schnell das Essen in der Mikrowelle aufgewärmt und sich eine Dokumentation im Fernsehen angeschaut, bevor er früh zu Bett gegangen ist. Und wieder haben sich Zweifel in mir breitgemacht, ob er der Richtige für mich ist, der Mann, mit dem ich mein Leben teilen will. Jonathan gibt mir Sicherheit, aber ist es das, was ich von einem Mann erwarte? Was ist mit Leidenschaft? Ich habe noch lange neben ihm wach gelegen und mich in Melancholie versinken lassen.

»Guten Morgen, Joyce«, grüßt James.

Mein Chef steht am Herd und rührt in einem Topf. Die Ärmel seiner Jacke sind aufgekrempelt, sodass seine muskulösen, tätowierten Arme zu sehen sind.

»Guten Morgen. Hier sind die Aufstellung und das Angebot. Ich hoffe, dein Auftraggeber ist damit zufrieden?«, sage ich zu ihm, während ich mich über den Topf beuge und den würzigen Duft von frischen Tomaten einatme. »Hm, riecht gut. Ist das für das Probeessen von deinem Klienten? Wie war noch sein Name?«, frage ich interessiert. »Du hast mir seine Daten nicht gegeben, deshalb konnte ich das Anschreiben nicht fertigmachen«, werfe ich ihm mit einem Lächeln vor und stecke einen Löffel in den Topf, um von dem leckeren Tomatensugo zu probieren.

»Finger weg, das ist noch nicht fertig«, maßregelt mich mein Chef mit gespieltem Ernst und haut mir leicht auf die Finger, dabei grinst er mich an.

»McQueen, Matthew McQueen. Er ist ein großes Tier hier in Boston. Ein Unternehmensberater, der Firmen aufkauft, mit einem Fingerschnippen liquidiert und damit ein Schweinegeld verdient.« Dabei schnippt er mit seiner freien Hand in die Luft. »Du hast die Firma sicher schon gesehen, die haben ihren Sitz im Financial District, McQueen & Montgomery. Ich habe dir das Gebäude gezeigt, als wir letzten Monat die Firmengründungsfeier des kleinen Reisebüros mit Essen beliefert haben. Erinnerst du dich?«

Ich nicke wissend.

»Der zahlt verdammt gut und dafür soll er auch den besten Service bekommen. Wenn wir den überzeugen Joyce, glaub mir, dann folgen weitere Aufträge dieser Art, und ich kann Sam und Eddy endlich wieder fest einstellen«, erklärt er mit dem Holzlöffel in der Hand wild gestikulierend. »Die Adresse habe ich hier irgendwo hingelegt«, dabei schaut er sich suchend um. Typisch James, Mr. Chaos persönlich. Ich schüttle nur den Kopf und binde mir die Schürze um, da ich neben meinen administrativen Tätigkeiten aushilfsweise auch noch das Mädchen für alles in seiner Küche spiele.

»Da liegt sie doch«, dabei zeige ich kopfschüttelnd hinter ihn auf das Regal, auf dem sich die Post von zwei Tagen, unbezahlte Rechnungen und Werbung stapelt. »Ich nehme die Rechnungen gleich mit«, dabei greife ich nach den Schreiben.

»Warum erinnerst du mich daran? Warte noch ein paar Tage mit den Überweisungen, McQueen wird in den nächsten Tagen die Anzahlung leisten, dann sind wir aus dem Gröbsten raus.«

»Ich überweise nur das, was fällig ist. Aber lange geht das nicht mehr so weiter«, rede ich ihm ins Gewissen. Er nickt.

»Wenn ich dich nicht hätte. Ach Joyce, halt dir den Samstag in drei Wochen frei. Ich brauche dich beim Servieren«, ruft James mir noch hinterher.

»Klar, wie immer. Wo soll denn diese Megaparty steigen?« Ich bleibe im Türrahmen stehen.

»Unten am Fluss, mit der Skyline im Hintergrund. Riesige Zelte werden dort aufgebaut, eine Liveband, das ganze Brimborium eben, das zu einer großen Hochzeit dazugehört. Es wird dir gefallen.«

»Mir?«, dabei rolle ich die Augen und hätte beinahe losgelacht. »Ich werde für das ganze Brimborium überhaupt keine Zeit haben, wenn ich mich mit dir um das Buffet kümmern muss. Reich müsste man sein«, seufze ich sehnsüchtig.

James lächelt mich an. »Oder sich einen von diesen Reichen angeln. Für dich ist es noch nicht zu spät, Joyce. Du siehst verdammt gut aus, hast eine hervorragende Ausbildung und bist intelligent, und das weißt du auch. Ich frage mich sowieso, was du an Jonathan findest. Er ist ein Langweiler, kein Mann, mit dem man ans Ende der Welt gehen würde. Für ihn wird immer seine Karriere an erster Stelle stehen und dann erst kommst du. Ach übrigens, hast du die Bewerbung endlich geschrieben? Du kannst dein Leben nicht hier bei mir verplempern.«

»Ich kümmere mich darum, versprochen. Spätestens am Wochenende«, verspreche ich ihm. »Außerdem habe ich noch zwei Anfragen ausstehen«, verteidige ich mich.

James ist nicht nur mein Chef, er ist mein Freund, der Beste, den ich je hatte. Wir beide sind zusammen zur Schule gegangen. Er hat immer ein offenes Ohr für mich. Mit ihm kann ich über alles reden. Im Übrigen ist er stockschwul.

Als er vor einigen Jahren seinen Cateringservice eröffnet hat, war ich die Erste, die er eingestellt hat. Eigentlich sollte es nur für den Übergang sein, bis ich etwas Passenderes gefunden habe. Mit meinem BWL-Studium in der Tasche sollte das kein Problem sein, aber ich kann James mit dem ganzen Papierkram nicht alleine lassen. Auch ein Grund, warum Jonathan und ich uns ständig in den Haaren liegen.

»Meinst du, ich sehe nicht, dass du in deiner Beziehung unglücklich bist? Jonathan ist nur an einem interessiert: die Karriereleiter so schnell wie möglich raufzuklettern und das ohne dich, meine Süße«, dabei schaut er mich mit seinem Hundeblick an, den er genauso perfekt beherrscht wie seinen strengen Blick, der sein Gegenüber sofort in die Schranken weist. »Und dann wird er dich fallen lassen. Dann bist du nicht mehr gut genug für ihn«, redet er jetzt aufgebracht weiter, immer noch mit seinem Sugo beschäftigt. Ich weiß, wie gern James mich hat, und dass er mir nur das Beste wünscht. »Du hast etwas Besseres verdient, jemanden, der dich wirklich liebt und dich nicht so vernachlässigt, wie Jonathan es immer tut. Er soll bloß nicht vergessen, woher er kommt. Er hatte einfach Glück mit dem Job, das ist alles.«

Jonathan ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Er musste sich alles im Leben hart erkämpfen. Nicht, dass ich aus einem reichen Elternhaus komme. Ganz im Gegenteil. Als jedoch vor einem Jahr meine Lieblingstante, die Schwester meines Dads, verstarb, hat sie mir die Doppelhaushälfte vermacht, in der ich seitdem mit Jonathan lebe.

»Sag mir etwas, das ich noch nicht weiß«, antworte ich augenrollend, denn ich kann mir denken, wohin das Gespräch führen wird.

»Sag du mir, wann er dich das letzte Mal zum Essen eingeladen hat, hm? Oder ins Kino? Hat er dir in den letzten Monaten mal Blumen mitgebracht oder dir gezeigt, dass er dich liebt?«

Ich senke den Kopf, beiße mir auf die Unterlippe – das tue ich häufig, wenn ich unsicher bin und mir die Worte fehlen – bevor ich James’ Blick wieder begegne. »Ich weiß es nicht«, flüstere ich leicht genervt.

Jetzt legt James den Kochlöffel aus der Hand und kommt um den Herd herum. Er packt mich an den Armen. »Joyce, noch ist es nicht zu spät. Ich weiß doch, wie sehr du unter dieser Beziehung leidest. Wie oft hast du mir erzählt, dass du dir eine richtige Familie wünschst. Einen Mann, der für dich da ist, und Kinder wolltest du auch immer haben. Wie denkt Jonathan darüber?«

Ich zucke die Achseln. Ich weiß ganz genau, wie Jonathan darüber denkt, aber ich will nicht mit James darüber diskutieren. Jonathan mag keine Kinder, die durchs Haus rennen, oder Hunde, die bellen.

»Ich weiß, dass ich mit Jonathan reden muss. Ich werde es am Wochenende in Angriff nehmen«, verspreche ich ihm.

»Was heißt reden?«

Ich spüre jetzt ganz deutlich, dass meine Beziehung mit Jonathan am Ende ist. Es musste mir nur jemand sagen. Ein Freund, dem ich wichtig bin, der sich nur das Beste für mich wünscht. Es ist vorbei. Ich sollte einen Schlussstrich ziehen und mich auf das konzentrieren, was mich weiterbringt. Und auf einen Mann, der mir geben kann, wonach ich mich so sehr sehne.

»Am Wochenende«, sage ich emotionslos.

»Warum noch herauszögern, Joyce?«

Weil sich am Samstag mein Leben ändern wird.

Jonathan hat vor drei Stunden die Wohnung verlassen und sich mit einem flüchtigen Kuss von mir verabschiedet, wie er es in letzter Zeit häufig tut. Er war aufgeregt, so habe ich ihn lange nicht mehr erlebt, als würde er sich auf ein großes Ereignis freuen. Ich soll mir zwei schöne Tage machen, hat er gesagt, da er erst Sonntag am späten Nachmittag wieder hier sei. Dass ich unsere Beziehung beenden werde, weiß er noch nicht.

Zuerst war ich enttäuscht von der Aussicht, den Großteil des Wochenendes allein in Boston zu verbringen. James ist voll und ganz damit beschäftigt, seine Wohnung zu renovieren, und Victoria jettet durch die Welt; sie ist Stewardess. Mit ihr habe ich mich daher direkt vor dem Club verabredet.

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich mich langsam fertig machen sollte. Ich bin aufgeregt, was für mich völlig untypisch ist. Victoria hat mich gestern am Telefon sogar überredet, mir neue Dessous zu kaufen, als ob sie jemand sehen würde. Ich habe ganz bestimmt nicht vor, mich im Club auszuziehen, und doch war es aufregend, mir vorzustellen, wie ein Mann mir die zarte Wäsche vom Körper streift. Hin- und hergerissen zwischen schlechtem Gewissen und einer erwartungsvollen Neugier schaue ich auf die neuen Sachen, die ich mir bei Agent Provocateur auf der Newbury Street gekauft habe. Sie liegen ausgebreitet auf dem Bett, als würden sie nur darauf warten, vorgeführt zu werden.

Meine Freundin Susan war mit mir zusammen shoppen. Wir hatten einen riesigen Spaß, als ich die verführerischen Dessous anprobierte und sie ihr dann im Umkleidebereich des edlen Geschäfts vorführte. Die Verkäuferin hat uns zwar mit einem strafenden Blick bedacht, aber das war uns egal. Als ich später zwei Stringtangas, einen BH und die passenden Strumpfbänder auf die Theke gelegt und ihr meine Kreditkarte zugeschoben habe, hat sie mich freundlich angelächelt und die Sachen in dünnes rosa Seidenpapier eingewickelt. So viel habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht für Unterwäsche ausgegeben. Susan meinte, Jonathan wird es mir verzeihen, wenn er die verführerischen Teile von meinem Körper reißt.

Von meinem Körper reißen, was für ein Hohn.

Jonathan ist nicht nur sparsam, er ist der geizigste Mensch, den ich kenne.

Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich beim Kauf der unanständigen Wäsche auch nicht an Jonathan gedacht, sondern an meinen imaginären dunklen Alphawolf. Jonathan hat sich nie viel aus Dessous gemacht, geschweige denn, dass ihm jemals der Gedanke gekommen wäre, sie mir vom Körper zu reißen. Für ihn ist das reinste Geldverschwendung. Er ist und bleibt eben ein nüchterner Marketingmanager. Was würde ich dafür geben, wenn es einmal ein Mann tun würde. Ein Bad Boy, einer von der Sorte, der einen nur ansehen muss, und man verliert den Boden unter den Füßen. Himmel, wenn Susan nur ahnen könnte, für welchen Anlass ich mir diese verflucht sexy Teile gekauft habe, sie würde mich in eine Zwangsjacke stecken lassen.

Aber im Grunde weiß ich doch, dass mein Wunsch, von einem Mann beherrscht zu werden, nur in meiner Fantasie besteht.

Vor mich hinschmunzelnd steige ich unter die Dusche und seife meinen Körper mit meinem Lieblingsduschgel ein, das himmlisch nach Kokosnuss und Vanille duftet. Dabei lasse ich meine Hand verheißungsvoll zwischen meine Beine gleiten und streichle leicht über meine Schamlippen, die sofort mit dem verräterischen Pochen darauf reagieren. Meine Atmung wird schneller, ich schließe die Augen, lasse meinen Kopf nach hinten sinken und spüre das warme Wasser, das wie ein weicher Regenschauer aus der Brause auf mein Gesicht prasselt. Ich weiß genau, wohin das führen wird. Und warum auch nicht, ich bin in der Stimmung, mein Kopfkino übernimmt die Regie.

Jetzt kann ich nicht mehr aufhören und streichle mich immer intensiver, lasse meine Finger zwischen meine Schamlippen gleiten und massiere meine Klit. In meinen Gedanken erscheint die imaginäre Person, die ich nicht greifen kann und die doch da ist. Der Mann, der mich zum Schreien bringt, dem ich mich voller Sehnsucht hingeben kann. Es sind nicht meine Hände, die immer wieder über meine Klit streifen, es sind die Hände dieses Mannes, der mich besitzergreifend in seinen Bann zieht.

Ich stehe unendlich lange unter der heißen Dusche, bis das Badezimmer in einem Nebel von Wasserdampf versinkt, aber ich liebe es, das Gefühl des Wassers auf meiner Haut und das Wissen, dass ich gleich den Gipfel der Lust erklimmen werde, wenn ich es zulasse. Aber ich will den Höhepunkt hinauszögern, das Gefühl der Lust so lange wie möglich genießen, darum lasse ich immer wieder von mir ab. Streichle stattdessen über meine Brüste und kneife mir ganz sanft in die Nippel, bis diese steil emporragen.

Meine Hand gleitet wieder über meinen Venushügel zu meinen Schamlippen. Dieses Mal werde ich es zu Ende bringen. Das Klingeln des Telefons beendet allerdings meine Wunschvorstellungen und reißt mich aus meinem Kokon. Ach verdammt, ich war so kurz davor. Doch dem Anrufer scheint das egal zu sein und plötzlich überkommt mich die Furcht, mit meinem Vater könnte etwas nicht stimmen. Ich stelle schnell die Brause ab, schnappe mir ein großes Badehandtuch und laufe eilig ins Wohnzimmer. Eine Spur von Wassertropfen verfolgt mich. Aber das ist mir egal. Jonathan hasst es, wenn auf dem Parkettboden Wassertropfen verteilt sind, aber er ist nicht da. Ich muss mir immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass das hier meine Wohnung ist und ich machen kann, was ich will.

»Hallo«, melde ich mich atemlos.

»Joyce, ich bin es, Jonathan. Was ist denn los? Du hörst dich so abgehetzt an.«

»Du hast mich gerade aus der Dusche geholt«, antworte ich ihm jetzt wieder relaxed.

»Ach so. Ich wollte dir nur sagen, dass ich gut angekommen bin, und dass es morgen doch etwas später werden kann. Das Meeting wurde verschoben, und wir werden danach noch mit einigen Geschäftspartnern essen gehen. Also warte nicht auf mich, es wird sicher spät.«

»Okay. Ach, Jonathan?«, sage ich stockend. Ich fühle mich irgendwie schlecht, als hätte ich ihn betrogen. Jetzt, wo ich seine Stimme höre, fällt es mir gar nicht mehr so leicht, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ich hätte doch schon heute mit ihm reden und das unangenehme Gespräch nicht bis Sonntag hinausschieben sollen.

Die Hintergrundgeräusche lassen darauf schließen, dass er nicht allein ist.

»Bist du in deinem Hotelzimmer?«, frage ich misstrauisch.

Das Gelächter einer Frau vermischt sich mit dem tiefen Timbre einiger Männerstimmen, dazu gedämpfte Musik, die an mein Ohr dringt.

»Ähm, ich bin in der Bar des Hotels und warte auf die Geschäftspartner. Was ist denn? Du Joyce, ich muss gleich los … Ah, da sehe ich Mr. Jensen, also, mach dir ein schönes Wochenende, bis Sonntagabend«, versucht er, die Geräusche zu übertönen. Dann legt er auf. Ich flüstere noch in den Hörer: »Ach, nichts«, und lege auf.

Pünktlich um einundzwanzig Uhr hält das Taxi am Straßenrand. Ich wollte nicht mit meinem eigenen Wagen fahren. Die alte Kiste hat mich allein im letzten Monat dreimal im Regen stehen lassen, aber dennoch liebe ich meinen in die Jahre gekommenen Mustang. Ich schlüpfe schnell aus dem Haus und springe förmlich in den Fond des Taxis, sodass ich fast mit meinen High Heels am Türrahmen hängen geblieben wäre. Der Fahrer wirft mir einen missbilligenden Blick im Rückspiegel zu. Aber ich ignoriere ihn selbstbewusst.

Das figurbetonte Kleid liegt sexy auf meiner Haut und ich fühle mich heute einfach nur begehrenswert. Nachdem Jonathan das Haus verlassen hat, habe ich mir unendlich viel Zeit genommen, mir meine Beine und Achseln zu enthaaren. Als ich vor dem Spiegel stand und mich das dunkelblonde Dreieck zwischen meinen Beinen wieder an mein Vorhaben erinnerte, habe ich in einer Anwandlung von Trotz kurzerhand zum Rasierer gegriffen und auch hier alle Haare entfernt. Die Haut meines Venushügels fühlte sich danach zart, empfindlich aber auch hochsensibel an. Allein schon bei dem Gedanken daran, auf der nackten Haut meiner Intimzone von einem Mann berührt zu werden, hat sich dieses elektrisierende Gefühl von Lust in meiner Scham ausgebreitet.

Jonathan würde ausflippen, wenn er wüsste, dass ich seinen Rasierer dafür missbraucht habe. Absichtlich habe ich einige lange Schamhaare darin zurückgelassen, bevor ich ihn wieder an seinen Platz gestellt habe. Seitdem Jonathan einen Bart trägt, benutzt er ihn nicht mehr täglich. Warum ich dieses kindische Verhalten an den Tag gelegt habe, kann ich mir selbst nicht erklären. Was ich mir damit beweisen wollte, weiß ich im Grunde auch nicht. Seit seinem Anruf vor einigen Stunden beschleicht mich wieder das Gefühl, dass Jonathan mich betrügt. Mindestens fünf Mal habe ich seine Telefonnummer gewählt, um mich davon zu überzeugen, dass ich mir das alles nur einrede, aber vor dem ersten Klingeln habe ich immer wieder aufgelegt. Ich möchte nicht, dass er den Eindruck gewinnt, ich würde ihm nachspionieren.

Ich teile dem Fahrer mein Ziel mit und lehne mich zurück. Sein Blick trifft mich im Rückspiegel.

»Sie wollen zu dem alten Herrenhaus?«, fragt er mich unsicher, dabei fixiert er mich misstrauisch. Er sieht nett und vertrauensselig aus. Wie ein freundlicher Onkel, der es gut mit einem meint. Erwecke ich den Eindruck, als hätte ich Hilfe nötig? Ich bin eine erwachsene Frau und weiß ganz genau, was ich tue. Ich nicke und trotzdem oder vielleicht genau aus diesem Grund fühle ich, wie mir die Röte ins Gesicht steigt. Verdammt, wieso muss er das so betonen? Natürlich weiß er, was für ein Haus das ist. Ich rutsche etwas tiefer in den Sitz und schaue nach draußen, ganz in meine Welt versunken.

Auf dem Weg zu meinem Ziel werde ich nicht zum ersten Mal von Zweifeln befallen. Der Gedanke, Jonathan zu betrügen, schleicht sich einmal mehr aus der hintersten Ecke meines Gehirns in mein Bewusstsein. Auch, wenn ich ihn Sonntag verlassen werde, noch sind wir ein Paar, und ich werde meine Sehnsüchte im Zaum halten. Nein, verdammt, ich will und werde Jonathan nicht betrügen. Ich gehe lediglich mit einer Freundin in eine Bar und mehr nicht. Endlich kommt die lange Auffahrt zu einem Privatgrundstück in Sicht und wieder streift mich der Blick des Taxifahrers im Rückspiegel.

»Das ist die Adresse, die Sie mir genannt haben«, weist er mich erneut auf mein Vorhaben hin. Ich lächle ihn gekünstelt an und nicke. Das große schmiedeeiserne Tor ist weit geöffnet und kleine Lampen säumen den Weg bis zum Herrenhaus, das auf einer Anhöhe sichtbar wird. Rund herum ist ein großer Park angelegt. Das Haus steht gut versteckt, um die Blicke ungebetener Gäste abzuhalten. Draußen ist es ruhig, nur das leise Schnurren des Motors und das Knirschen des Kieses unter den Reifen ist zu hören. Einige teure Autos stehen bereits auf dem Parkplatz.

Der Taxifahrer hält vor der steinernen Treppe, die zu einer großen doppelten Eichentür führt. Links und rechts sind zwei Löwen aus Stein postiert, die erhaben am Eingang lauern und mich auszulachen scheinen, oder mir vielleicht zeigen wollen, wie unerfahren ich in diesen Dingen doch bin. Das ist der Eingang in eine andere Welt. Eine Welt der Lust und Ekstase, der Schmerzen und der Begierde, der ich mich heute entgegenstellen werde. Ich muss über meine lebhafte Fantasie schmunzeln.

Der Taxifahrer wendet seinen Kopf und wirft mir noch einen fragenden Blick zu. »Sind Sie sicher, dass Sie hierher wollten?«

Ich krame in meiner Tasche, ziehe einen Zwanzigdollarschein heraus und reiche ihm das Geld nach vorne. »Der Rest ist für Sie«, murmele ich schnell. Dann springe ich aus dem Wagen. Ich schaue mich suchend auf dem Parkplatz um, kann Victorias kleinen roten Flitzer aber nirgends entdecken. Scheinbar ist sie noch nicht da. Mist, jetzt muss ich hier auf sie warten.

An der Auffahrt neben mir parkt ein schwarzer Aston Martin. Ein wunderschöner Wagen. Ich streiche vorsichtig mit den Fingerspitzen über den teuren Lack und überlege noch, wer wohl der Besitzer dieses traumhaften Schlittens sein mag. Dabei schleicht sich das Gesicht eines dunklen, großen, dominanten Mannes in meine Gedanken, der genauso dynamisch ist wie sein Fahrzeug. Schnell schüttle ich diese idiotischen Überlegungen ab, ziehe mein iPhone aus der Tasche, lasse dabei meinen Blick über die parkenden Autos gleiten, und dann sehe ich ihn.

Ich kneife die Augen zusammen, und gehe einige Schritte näher zu dem Wagen, der mir bestens bekannt ist. Es ist Jonathans kanariengelbes Cabrio mit dem schwarzen Verdeck, das unter einem Baum geparkt steht. Ich brauche gar nicht auf das Nummernschild zu schauen, da ich bis jetzt noch keinen Wagen hier in der Gegend gesehen habe, der diese auffälligen Farben miteinander kombiniert. Der Anruf bei Victoria ist vergessen und wie in Zeitlupe läuft ein Film in meinem Kopf ab. Ich blicke mich gehetzt um, aber von Jonathan ist weit und breit nichts zu sehen. Ich muss mich kurz an einer der teuren Karossen festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Mein Atem kommt stoßweise. Ich habe das Gefühl, als würde mir jemand die Hand um die Kehle legen und mir die Luft abdrücken. Gleichzeitig spüre ich förmlich, wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Kälte kriecht in mir hoch und mein Herzschlag beschleunigt sich.

Wie kommt sein Wagen hierher? Doch im Grunde sollte ich mich fragen: Was macht Jonathan hier? Und plötzlich fügt sich das Puzzle Stück für Stück zusammen. Kein Wunder, dass er es am Telefon so eilig hatte. Wie oft hat er diesen Club bereits besucht? Und vor allen Dingen mit wem? Verdammter Mistkerl!

Ich schlucke, drehe mich um und gehe wie in Trance auf das Gebäude zu, das hell erleuchtet daliegt, aber die undurchsichtigen weißen Vorhänge halten geheim, was hinter diesen Mauern geschieht. Der Eingang sowie der Parkplatz vor dem Haus sind mit großen Fackeln geschmückt. An der Tür, die sich hinter der großen Treppe öffnet, steht ein Diener in Livree, der die Gäste herzlich begrüßt. Seine Aufmachung kann nicht darüber hinwegtäuschen, um welche Art von Etablissement es sich hier handelt. Auch wenn der Eindruck entstehen soll, ich würde die Stufen zu einem Opernhaus emporsteigen. Es wirkt geradezu kitschig und aufgesetzt, wenn ich daran denke, um was es in diesem Club eigentlich geht. Sex!

Der Kies knirscht unter meinen hohen Schuhen und ein Gefühl von Enttäuschung und Verrat legt sich über meine Seele. Jonathan betrügt mich. Diese drei Worte bohren sich wie eine spitze Klinge in mein Inneres und reißen eine klaffende Wunde auf. Wo bleibt Victoria nur? Ich ziehe mein iPhone wieder aus der Tasche und versuche sie zu erreichen. Nach einigen Sekunden meldet sie sich.

»Joyce?«

»Ja, ich bin’s. Wo bleibst du denn? Ich stehe schon hier vor dem Club.«

»Tut mir so leid, Süße. Unsere Maschine hatte Verspätung, und jetzt stehe ich im Stau. Vor mir hat es einen Unfall gegeben. Aber geh nur schon rein und setz dich einfach an die Bar. Ich bin in spätestens zwanzig Minuten da«, verspricht sie mir.

»Spinnst du? Ich kann doch da nicht alleine reingehen. Außerdem hatten wir klar ausgemacht, dass ich nur auf einen Drink mit dir dahin gehe und mehr nicht«, betone ich noch einmal.

Ich höre sie fluchen, da die Straße vor ihr verstopft ist, und sie lässt die Hand auf das Lenkrad klatschen. »Bist du mit deinem Wagen da? Dann warte dort auf mich«, schlägt sie mir vor. »Vollidiot, du bist nicht der Einzige, der es eilig hat«, höre ich sie fluchen.

»Nein, ich bin mit einem Taxi gekommen. Stell dir vor, Jonathans Wagen steht hier auf dem Parkplatz.«

Ich höre sie scharf die Luft einziehen, bevor sie antwortet. »Dann stimmt es also doch, was ich gehört habe.«

Ich bin im ersten Moment sprachlos, eine lähmende Kälte macht sich in mir breit. Ich fühle eine negative Energie in mir aufsteigen. »Was hast du gehört, Victoria?«

»Nichts Konkretes. Lass uns gleich darüber reden, okay?«, versucht sie, mich zu beruhigen. Ein schrecklicher Verdacht nimmt in mir Gestalt an.

»Victoria, wenn du etwas weißt, das ich wissen sollte, dann sag es jetzt.« Meine Stimme wird immer lauter. Dabei lächle ich einem Herrn in einem teuren Smoking gekünstelt zu, der gerade an mir vorbeigeht und die Treppe betritt. Sein Blick gleitet über meinen Körper und ich fühle mich nackt.

»Ich habe es aufgeschnappt, als ein Bekannter Andeutungen gemacht hat, dass Jonathan ein Verhältnis mit der Tochter seines Chefs haben soll. Aber es war nur ein Gerücht, Joyce. Zieh keine falschen Schlüsse. Rede erst mal mit ihm, okay?« Ihre Stimme wirkt gehetzt.

Ich kann es nicht glauben, meine beste Freundin weiß, dass Jonathan mich betrügt, und hält es nicht für nötig, es mir mitzuteilen. Was ist denn verdammt nochmal hier los? Ich beiße mir auf die Lippen und versuche die Tränen, die mir vor Zorn und Enttäuschung in die Augen schießen, zu unterdrücken. Meine Finger halten verkrampft das Smartphone in der Hand, das ich am liebsten im hohen Bogen gegen Jonathans Wagen geschleudert hätte.

»Das ist jetzt nicht dein Ernst, Victoria«, flüstere ich mit zitternder Stimme.

»Joyce, es tut mir leid. Aber ich …«

»Weißt du was, Victoria, ich scheiß auf eine Freundin wie dich. Du hättest es mir sagen müssen«, meine Stimme wird immer brüchiger. Verzweiflung macht sich in mir breit. Ich nehme die Worte, die sie stammelt, gar nicht mehr wahr. Ich will nichts mehr hören, ich will nur noch den Schmerz, der mich zu zerreißen droht, im Alkohol ertränken.

Abrupt beende ich das Gespräch, werfe voller Wut das Handy in meine Handtasche und blinzle die Tränen weg. Was für eine Ironie. Ich habe Gewissensbisse, weil ich mit meiner Freundin in eine Bar gehe und mein Freund vergnügt sich ganz freizügig genau dort mit seiner Geliebten. Aber jetzt ist Schluss damit.

»Bitte nach Ihnen«, dringt die markante Stimme eines Mannes an mein Ohr. Ich drehe mich erschrocken um und versuche, eine unverfängliche Miene aufzusetzen. Es ist der Mann, der mir vor einigen Minuten schon diese anzüglichen Blicke zugeworfen hat. Er lässt mir keine Wahl und schiebt mich praktisch Richtung Treppe zum Eingang. Jetzt steht mein Entschluss fest. Jetzt werde ich Jonathan betrügen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, denn er tut es bereits und das sicher nicht erst seit heute.

Vor mir betritt ein Pärchen das Haus. Der Mann in einem teuren Abendanzug, die Frau geht mit leicht gesenktem Kopf hinter ihm her. Ihr Kleid ist aus schwarzem Leder und sehr kurz, aber es wirkt auf seine Art edel. Es verdeckt praktisch nichts. Das Oberteil ist eine Art Korsage, die über dem Bauch und der Brust mit Schnüren zusammengehalten wird und den Ansatz von zwei perfekten Brüsten zum Vorschein kommen lässt. Der Rock schmiegt sich enganliegend und kurz um ihre Hüften. Und ich könnte schwören, dass sie kein Höschen darunter trägt. Ich höre das Lachen des Mannes, dessen Finger besitzergreifend auf dem Schulterblatt seiner Partnerin liegen, während seine Begleitung ihm einen liebevollen Blick zuwirft. Er nimmt daraufhin ihre Hand und verteilt kleine Küsse darauf, während seine Finger immer tiefer zu ihrem Po wandern. Er schiebt ihren Rock gerade so weit nach oben, dass der Ansatz ihrer Pobacken zu sehen ist.

Verdammt, ich hatte Recht. Sie ist darunter nackt. Aber das scheint den beiden überhaupt nichts auszumachen.

Irgendwie wünschte ich, ich wäre die Frau an seiner Seite. Dieser Mann würde seine Partnerin sicher nicht betrügen, er würde sie beschützen.

Als ich das Haus betrete, habe ich das Gefühl, in einer anderen Zeit gelandet zu sein. Der Boden ist mit weißem Marmor bedeckt, die Beleuchtung besteht aus einem überdimensionalen Kronleuchter, der mitten im Raum hängt und der Atmosphäre eine geheimnisvolle Note verleiht.

Eine einladende Treppe führt in den ersten Stock, sie ist mit einem dicken roten Teppich bedeckt und verschluckt sämtliche Geräusche von klackernden Schuhen. Vom Foyer zweigen jeweils rechts und links von mir große Flügeltüren in die angrenzenden Räume ab, in denen bequeme Clubsofas stehen. Der Club wirkt mondän und exklusiv. Selbst die Wände sind mit exquisiten Seidentapeten bezogen und überall stehen kleine Lampen verteilt, die dem Ambiente noch den letzten Touch geben. Aber all das interessiert mich nicht. Ich bin voller Erwartungen auf diesen Abend hierhergekommen, wollte ein wenig Spaß mit meiner Freundin haben und jetzt fühle ich nur noch Leere und Verrat. Ich will nur eins: mich sinnlos betrinken.

»Guten Abend«, werde ich von einem Angestellten begrüßt, der hinter einem antiken Schreibtisch sitzt. Er ist passend zu dem ganzen Ambiente hier mit einem Abendanzug bekleidet. Nichts lässt auf den ersten Blick darauf schließen, wo ich mich hier befinde.

Der Computer vor ihm steht im totalen Gegensatz zu der Einrichtung, die eher an das 18. Jahrhundert erinnert.

»Guten Abend, mein Name ist Joyce Hamilton.«

»Guten Abend und herzlich willkommen, ich bin Al. Ich habe Sie hier noch nie gesehen, sind Sie Mitglied?«, will er wissen.

»Nein, ich begleite eine Freundin. Sie ist allerdings noch nicht da. Ich habe mich telefonisch angemeldet.«

Er nickt, tippt meinen Namen ein und lächelt mich an.

»Ah, ja, Sie haben mit dem Chef persönlich gesprochen.« Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage. »Sie sind noch nicht mit unserer Hausordnung vertraut, nehme ich an?«

Ich schüttle den Kopf. »Nein, ich bin zum ersten Mal hier.« Aber vielleicht nicht zum letzten Mal.

Er nickt. »Wenn Sie eine Frage haben, können Sie mich jederzeit ansprechen.« Dann schiebt er mir ein Stück Papier über den Schreibtisch zu. Ich greife nach dem Stück Papier, falte es einmal zusammen und lasse es in meiner Tasche verschwinden. »Das sind die Regeln hier in unserem Haus. Wenn Sie etwas nicht möchten oder Ihnen etwas unangenehm ist, sagen Sie einfach nein. Dieses Wort hat hier jeder zu akzeptieren, alles klar?«, dabei zwinkert er mir freundschaftlich zu.

»Alles klar.«

»Dann wünsche ich viel Spaß. In diesem Raum rechts ist eine Bar, auf der anderen Seite wird heute Abend getanzt«, teilt er mir noch mit, während er mir meine Jacke abnimmt.

Leise, gedämpfte Musik dringt an mein Ohr.

»Wo sind die Toiletten?«

»Gleich hier vorne.« Er deutet auf zwei Türen in der Nähe des Eingangs. Ich drehe mich um und gehe auf den Raum zu. Als die Tür hinter mir zufällt, bin ich alleine. Ich schließe kurz die Augen und atme tief durch. Mein Leben liegt in einem Scherbenhaufen vor mir. Mein Freund betrügt mich, meine beste Freundin entpuppt sich als falsche Schlange, der ich nicht mehr vertrauen kann, und ich stehe hier im Waschraum eines exklusiven Nachtclubs. Die Situation wäre fast zum Lachen, wenn ich mich nicht so elend fühlen würde.

Verdammt, wie konnte mein Leben nur innerhalb von Minuten so aus den Fugen geraten? Oder tue ich Jonathan unrecht, interpretiere ich zu viel in irgendetwas hinein, das gar nicht so ist, wie es scheint? Ich sollte mir ein Taxi rufen, nach Hause fahren, Jonathan später anrufen und ihn zur Rede stellen. Am liebsten würde ich ihm direkt hier eine Szene machen, aber diese Blöße werde ich mir nicht geben.

Die Tür öffnet sich und zwei leichtbekleidete Frauen betreten den Raum. Beide tragen Lederkorsagen und kurze Hotpants, dazu kniehohe enge Lederstiefel. Sie lächeln mich freundlich an, sodass ich nicht anders kann als zurückzulächeln. Ihren Gesprächsfetzen kann ich entnehmen, dass sie sich über die »Herren«, wie sie ihre Partner nennen, austauschen, dabei wirken sie absolut glücklich und zufrieden.

»Schau dir den an«, dabei hält die dunkelhaarige Schönheit ihre Hand provozierend in die Höhe und wedelt mit einem fetten Diamantring am Finger vor dem Gesicht der anderen herum.

»Wow, ist der von John?«

»Hm, habe ich heute bekommen. Ist er nicht süß?« Dabei verzieht sie verträumt die Mundwinkel nach oben.

»Süß? Dafür wird er dich bezahlen lassen. Ich kenne doch John. Er wird sich sicher schon eine Möglichkeit ausgedacht haben, wie er dich später oben vor Lust erniedrigen kann.«

»Das will ich hoffen«, dabei dreht sie sich zu mir um und lächelt wieder, diesmal peinlich berührt, bevor die beiden den Waschraum verlassen. Ist es das, was ich will? Mich erniedrigen lassen und dafür teure Geschenke bekommen? Ganz sicher nicht.

Wieder etwas beherrschter öffne ich die Tür und höre das mir sehr bekannte Lachen von Jonathan, der gerade im Begriff ist, mit einer bildhübschen jungen Frau im Arm die Treppe nach oben zu erklimmen. Seine Hand liegt besitzergreifend auf ihrem Po und sein Mund flüstert ihr etwas ins Ohr, das ich nicht verstehen kann. Ihr Lachen versetzt mir einen Stich, sodass ich für einige Sekunden die Augen schließe. Verrat und ein beklemmendes Gefühl, nicht mehr zu ihm zu gehören, einfach vor der geschlossenen Tür zu stehen, während sie mit ihm dahinter ist, breitet sich in mir aus. War ich es nicht, die mit ihm Schluss machen wollte? Und trotzdem tut es verdammt weh, ihn hier mit einer Fremden im Arm zu sehen. Ich bleibe wie angewurzelt in der Tür stehen, sodass er mich nicht sehen kann, und blicke dem Mann hinterher, dem ich zwei Jahre meines Lebens geschenkt habe, dem ich vertraut habe, mit dem ich mein Leben verbringen wollte.

Jetzt ist es klar, Jonathan hat ein Verhältnis und das sicher schon eine ganze Weile. An was muss er gedacht haben, wenn er auf mir gelegen, seinen Schwanz in mich gebohrt hat? Kein Wunder, dass er keine Lust mehr auf Sex hatte. Für den Spaß hat eine Andere gesorgt. Die vielen späten Meetings nach Feierabend, seine Geschäftsreisen, die immer häufiger wurden. Ich hätte es merken müssen.

»Geht es Ihnen nicht gut?«, dringt die Stimme von Al an mein Ohr. Er kommt auf mich zu. Wie aus einer Trance erwacht, wende ich den Kopf zu ihm.

»Nein, nein, alles in Ordnung«, winke ich ab. »Ich habe nur gerade erkannt, was ich im Leben wirklich will.«

Jonathan gehört der Vergangenheit an. Al unterbricht mein Schweigen. »Hier bleiben keine Wünsche offen. Ich würde Ihnen vorschlagen, erstmal einen Drink an der Bar zu nehmen. Sie sehen etwas blass aus«, dabei nickt er zu dem angrenzenden Raum, aus dem die samtige Stimme von Barry White dezent aus den Lautsprechern dringt.

Jetzt wieder gefasst, lächle ich ihn an, drehe mich um und betrete die Bar, mit dem einen Wunsch, mich meinen Bedürfnissen und Wünschen ohne schlechtes Gewissen hingeben zu können, und wenn es nur für diese eine Nacht ist.

Die Atmosphäre erinnert an eine Party längst vergangener Zeiten, als die Männer noch Kavaliere waren und die Frauen mit Respekt und Anerkennung behandelt wurden. Eine Träne drängt sich in meinen Augenwinkel, um mit träger Grazie über meine Wange zu laufen. Schnell wische ich sie weg, hebe den Kopf und betrete selbstbewusst den Raum.

Auf den Clubsesseln sitzen bereits einige attraktive Herren, und ich spüre, wie ihre Blicke bewundernd über meinen Körper streifen. Sie tragen alle dunkle Anzüge und wirken mondän. Gerade in diesem Moment tut es gut, das Gefühl zu haben, begehrt zu werden, es ist das, was ich heute Abend will. Aber vor allen Dingen will ich den Schmerz vergessen. Ich atme noch einmal tief durch und gehe zielstrebig auf die Bar zu. Es ist nur noch ein Platz zwischen zwei extrem sexy Gentlemen frei, sodass ich mich entschlossen auf den Barhocker gleiten lasse.

»Was darf’s sein, Lady?«, fragt der Kellner hinter der Bar, während er ein benutztes Glas vor mir wegnimmt und über die Theke wischt.

»Ähm, ich …« Mein Blick schweift zu der Karte, die in rotes Leder gebunden ist. Bevor ich antworten kann, hat bereits einer der beiden Herren neben mir die Bestellung für mich aufgegeben. Ich ziehe fragend die Augenbrauen hoch und schaue ihn überrascht an. Daran sollte ich mich wohl in Zukunft gewöhnen, dass ein anderer für mich die Bestellung aufgibt. Eine Eigenschaft, die ich bei Jonathan tatsächlich vermisst habe.

Die Antwort des Unbekannten ist nur ein überlegenes Lächeln. »Die Rechnung geht selbstverständlich auf mich, Lady.«

Ich nicke stumm. Jonathan hat auf solche Gesten nie großen Wert gelegt. Im Gegenteil, gerade in Situationen, in denen es um die Bezahlung ging, bestand er regelrecht auf der Emanzipation der Frau und hat mich die Rechnung begleichen lassen.

»Ich habe dich hier noch nie gesehen. Bist du das erste Mal hier?«, fragt der Unbekannte und dreht meinen Hocker ganz selbstverständlich zu sich herum, sodass ich zwischen seinen langen Beinen sitze. Seine Hände liegen dabei besitzergreifend neben meinen Schenkeln, aber er berührt mich nicht. Ich schaue in sein Gesicht. Er ist begehrenswert. Ich schätze ihn auf Anfang dreißig, vielleicht ein paar Jahre älter. Ich greife zu dem Glas, das der Barkeeper auf die Theke gestellt hat, und proste meinem Gegenüber verhalten zu. Er grinst mich über den Rand seines Drinks an, während er den Blick keinen Moment von meinem Mund nimmt.

Manchmal hasse ich meine vollen Lippen, die, wie Victoria es immer betont, jeden Mann in den Wahnsinn treiben. Könnte er der Mann sein, dem ich mich hingeben werde? Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Du hast es nicht anders gewollt. Ich bin doch sonst nicht auf den Mund gefallen. Wo ist mein Selbstvertrauen? Was habe ich mir denn vorgestellt, wie die Kommunikation hier ablaufen wird?

»Ja, aber ich denke, ich bleibe nicht lange. Ich warte auf eine Freundin«, sage ich so selbstsicher, wie es mir möglich ist, und schaue mich suchend nach irgendeiner imaginären Person um.

Ich muss meine Unsicherheit überspielen, wenn ich hier nicht gleich eine Panikattacke riskieren und schreiend den Raum verlassen will. Reiß dich zusammen, ermahne ich mich stumm. Was ist denn schon dabei, wenn ich mich von einem extrem attraktiven Mann zu einem Cocktail einladen lasse? Das bedeutet noch lange nicht, dass er irgendeinen Anspruch auf mich hat. Und noch bin ich mir nicht sicher, ob ich es wirklich fertigbringe, mich einem völlig Fremden, und wenn er auch noch so attraktiv ist, hinzugeben.

»Das werden wir noch sehen«, dabei lächelt er mich herausfordernd an und ich bin sicher, er hat meine Nervosität gespürt. Als der Kellner erneut einen Drink, diesmal ist es ein Caipirinha, vor mich stellt, nimmt auch mein Gegenüber sein Glas und prostet mir wieder zu.

»Deine Freundin scheint wohl nicht mehr zu kommen«, sagt er nach einiger Zeit.

Ich schaue auf meine Armbanduhr, Victoria wollte schon vor zehn Minuten hier sein. Scheinbar hat sie es sich nach unserem Telefongespräch anders überlegt. Das kann ich für sie nur hoffen.

»Sieht ganz so aus.«

Er nickt schmunzelnd. Sicher denkt er, dass die Freundin nur ein Vorwand war und ich alleine hier bin. Er soll bloß nicht denken, ich bin dem Ganzen hier nicht gewachsen. Ich greife wieder zu meinem Glas und trinke es aus. Dass Victoria wohl in der Versenkung verschollen bleibt, ist jetzt auch egal.

Der unbekannte Fremde ist charmant, keine Frage. Wirkt dominant, aber nicht überheblich. Ob ihm der schwarze Luxuswagen da draußen gehört? Ihn könnte ich mir hinter dem Steuer vorstellen. Über was soll ich mich nur mit ihm unterhalten? Verdammt, ich hätte nach Hause fahren und meinen Kummer dort im Alkohol ertränken sollen. Das hier ist doch alles sinnlos. Hier werde ich keinen Mann fürs Leben finden. Hier finde ich nur eins: SEX, und das in jeder Variante.

Mein Gegenüber beobachtet mich, scheint meine Aufregung zu spüren, und endlich bricht er das unangenehme Schweigen zwischen uns.

»Entspann dich, du musst hier nichts tun, was du nicht willst.« Dabei schaut er mich abschätzend an. »Wieso bist du allein hier, ohne Begleitung?«, fragt er und nippt wieder an seinem Drink.