Dark Land - Folge 013 - Logan Dee - E-Book

Dark Land - Folge 013 E-Book

Logan Dee

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Beschreibung

Am Rande von Twilight City lag das Dead End Asylum, ein Sanatorium, das schon öfter in die Schlagzeilen geraten war. Niemand wusste, was hinter dessen Mauern wirklich vor sich ging. Fest stand nur: Irgendetwas stimmte mit dieser Einrichtung nicht ...

Als Wynn für einen Auftrag im Archiv des Twilight Evening Star nähere Informationen über das Sanatorium einholen sollte, stellte er fest, dass sämtliche Akten verschwunden waren, die sich mit der Vergangenheit des Dead End Asylum befassten. Doch Wynn erfuhr, wie der neue Leiter des Sanatoriums hieß, der ganz offensichtlich etwas zu verbergen hatte.

Sein Name war Dr. Shelley ...

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Inhalt

Cover

Impressum

Was bisher geschah

Dead End Asylum

Leserseite

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

»Geisterjäger«, »John Sinclair« und »Geisterjäger John Sinclair« sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Timo Wuerz

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-4701-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Was bisher geschah

Johnny Conolly hat seine Mutter verloren. Sie wurde von einem Schnabeldämon brutal ermordet. Als dieser Dämon durch ein Dimensionstor flieht, folgt Johnny ihm.

Kurz darauf wird das Tor für immer zerstört, sodass es für Johnny keine Möglichkeit zur Rückkehr gibt. Das Dimensionstor spuckt ihn schließlich wieder aus – in einer anderen Welt. Er ist in Dark Land gelandet, genauer gesagt in Twilight City, einer Stadt voller Geheimnisse.

Menschen und Dämonen leben hier mehr oder weniger friedlich zusammen, und doch ist Twilight City voller Gefahren. Die Stadt ist zudem von einem dichten Nebelring umgeben, den kein Einwohner jemals durchbrochen hat. Niemand weiß, was hinter den Grenzen der Stadt lauert …

In dieser unheimlichen Umgebung nennt sich Johnny ab sofort Wynn Blakeston – für den Fall, dass irgendjemand in Twilight City mit seinem Namen John Gerald William Conolly etwas anfangen kann und ihm möglicherweise Übles will. Schließlich wimmelt es hier von Dämonen aller Art – und die hat Wynn in seiner Heimat immer bekämpft.

Wynn findet heraus, dass der Schnabeldämon Norek heißt und skrupelloser und gefährlicher ist als alle seine Artgenossen, die sogenannten Kraak.

Noreks Fährte führt ihn in einen Nachtclub, wo er mit der Polizei aneinandergerät. Er wird abgeführt und zu einer Geldstrafe verurteilt – die er allerdings mangels hiesiger Mittel nicht begleichen kann. Daraufhin wird aus dem Bußgeld eine Haftstrafe: Fünfzig Jahre soll er einsitzen!

Doch der geheimnisvolle Sir Roger Baldwin-Fitzroy zahlt das Bußgeld für Wynn und nimmt ihn in bei sich auf – warum, das weiß Wynn nicht.

Er lernt Sir Rogers Tochter Abby und seinen Diener Esrath kennen, die auch in Sir Rogers Villa leben. Er freundet sich mit Abby an, sie wird schon bald zu seiner engsten Vertrauten in dieser mysteriösen Welt. Abby hilft Wynn bei der Suche nach Norek, und so wird sie immer wieder in Wynns gefährliche Abenteuer mit hineingezogen.

Doch auch Sir Roger und Esrath sind hinter Norek her, denn Sir Roger hat noch eine Rechnung mit dem Dämon offen.

Als es Sir Roger schließlich gelingt, Norek zu schnappen, verrät er Wynn davon nichts. Er sperrt Norek in eine Zelle tief verborgen in der geheimnisvollen Villa, wo niemand ihn jemals finden soll.

Denn Sir Roger weiß: Wenn Wynn zu seiner Rache an Norek kommt, gibt es keinen Grund mehr für ihn, in Twilight City zu bleiben. Er wird einen Weg zurück in seine Welt suchen, und das will Sir Roger um jeden Preis verhindern. Er braucht Wynn noch …

Als es Norek jedoch fast gelingt, zu fliehen, weiß Sir Roger, dass er handeln muss …

Dead End Asylum

von Logan Dee

»Ist sie nicht wunderschön?« Sir Rogers Blick lag bewundernd auf seiner Tochter Abby. Wie eine Schauspielerin schwebte sie in ihrem taubenblauen Kleid die Treppe herunter. »Wie einst ihre Mutter …«

Die Gäste verstummten nach und nach. Abby vereinte alle Blicke auf sich. Auch Wynns. Sie war attraktiv. Ihre Präsenz war einfach umwerfend. Wie eine begnadete Schauspielerin verstand sie es, ihr Publikum in ihren Bann zu ziehen.

Sie war eine Schauspielerin, erinnerte sich Wynn. Immerhin hatte sie in der berüchtigtsten Nachtbar TCs auf der Bühne gestanden. Aber an diesem Abend versprühte sie noch mehr – es war, als ginge eine Art von – Magie? – von ihr aus.

Lächelnd schwebte sie durch die Reihen der Gäste und setzte sich ans Klavier …

»Gib mir mein Kind? Wo ist es?«

»Es ist ein Bastard! Du wirst es nie wiedersehen!«

John Abercombies Stimme war voller Zorn. Zorn und Verbitterung. Und Verachtung.

Selbstverachtung! Was hatte er getan, dass Hilda ihm einen Bastard beschert hat? Womit hatte er es verdient?

Er und Hilda hatten sich auf das Kind gefreut. Nach drei Fehlgeburten in Folge hatten sie den gemeinsamen Kinderwunsch schon fast aufgegeben. Vor allem nach dem letzten Mal, als Hilda fast selbst dabei draufgegangen wäre …

»Gib ihn mir!«, flehte Hilda.

Es zerriss John das Herz, seine Frau so daliegen zu sehen. So verzweifelt. So hilflos. Das Nachthemd war hochgerutscht, ihr Schoß, ihre Beine blutüberströmt, genau wie das Laken. Hildas Gesicht trug noch immer die Spuren der vergangenen zwanzig Stunden.

Es war keine leichte Geburt gewesen. Sie hatten sich für eine Hausgeburt entschieden. Ihr Baby sollte nicht im Krankenhaus zur Welt kommen, sondern zu Hause, in ihrem Zuhause. Ihr Haus war nicht besonders groß oder luxuriös. Es stand Wand an Wand inmitten anderer hingeduckter Ziegelsteinhäuser, die bereits mehrere Generationen an Bewohnern gesehen hatten. Johns Vater und Großvater hatten hier schon mit ihren Familien gewohnt. John war in diesem Haus groß geworden … Und auch ihr gemeinsames Kind hätte hier aufwachsen sollen.

Es ist ein Bastard!

»John …«

Er fuhr herum. Maggy hatte er ganz vergessen. Sie war die Hebamme. Und wohnte glücklicherweise nur ein paar Häuser weiter. Keiner wusste, ob sie wirklich eine Ausbildung besaß, aber sie war einfach zur Stelle, wenn in ihrem Viertel eine Frau schwanger wurde und eine Geburt anstand. Die Hebamme wirkte äußerlich wie eine Vierzigjährige, mit ihren zerzausten roten Haaren wie eine verrückte Vierzigjährige, aber John wusste, dass sie schon ihn zur Welt gebracht hatte. Und seinen Vater. Also musste sie viel älter sein, als sie aussah.

Manche im Viertel wollten wissen, dass sie eine Hexe sei. Eine weiße Hexe. Und in der Tat hatte sie Hilda während der gesamten Schwangerschaft mit Kräuterbündeln, Kräutertees, Kräuteraufgüssen und Kräuter-Räucherungen begleitet. Und nicht alle davon dufteten angenehm. Seit Monaten roch das Haus der Abercombies wie in einer Drogerie.

John musste sich zwingen, Maggy nicht mit dem gleichen Zorn anzublicken wie zuvor Hilda. Sie konnte doch nichts dafür, dass ihm ein Bastard in die Wiege gelegt worden war.

»John, ich habe es gewaschen und gewickelt. Du kannst dein Kind auf den Arm nehmen und …«

»Es ist nicht mein Kind!«, schrie er.

Er bereute den Ausbruch augenblicklich, als er sah, wie Maggy zusammenzuckte. Im nächsten Moment jedoch verwandelte sich Maggys Gesichtsausdruck. Vom scheuen Reh zur Tigerin, die bereit war, bis zum letzten Blutstropfen um den Nachwuchs zu kämpfen, dem sie auf die Welt geholfen hatte. Und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

»Es ist … dein Bastard! Du hast ihn Hilda untergeschoben!«

»Unsinn! Es ist euer Kind! Euer Sohn! Wolltest du nicht immer einen Sohn, John?«

»Ja, aber nicht so einen!«

»Hilda hätte kein Kind mehr bekommen können. Kein normales Kind, verstehst du?«

Nein, er verstand nicht. Verstand nur, dass seine Welt in Trümmern lag. Alles, woran er vorher geglaubt, was er sich erhofft hatte, seine Zukunft, seine Träume, alles war zerbrochen. Seine Finger schlossen sich zu Fäusten, verkrampften. Am liebsten hätte er alles kurz und klein gehauen, alles zerstört. Vielleicht half es ja, den Schmerz in ihm zu verdrängen.

»Du hast ihm auf die Welt geholfen. Du wirst ihn auch wieder entsorgen!«, verlangte er.

»Und wenn nicht? Willst du mir drohen? Wirst du mir dann den Schädel einschlagen, John Abercombie?« Sie wich nicht einen Zentimeter vor ihm. Im Gegenteil, sie trat einen Schritt vor, und er spürte die Macht, die von ihr ausging.

»Ja«, sagte er. »Ich werde dir den Schädel einschlagen. Erst dir – und dann dem Bastard!«

Er war kein Totschläger. Noch nicht einmal ein Schläger. Obwohl er Schultern wie ein Gewichtheber hatte und mit seinen Einsneunzig die meisten überragte, hatte er nie den Wunsch verspürt, jemandem Gewalt anzutun. Seine Muskeln verdankte er der harten tagtäglichen Arbeit im Tiefbau. In TC wurde das marode U-Bahnnetz modernisiert, nachdem man es jahrzehntelang hatte verfallen lassen.

Ja, er würde den Bastard töten! Damit ließe sich zwar nicht sein Schmerz lindern, aber zumindest die Schmach tilgen.

Die Schmach, dass Hilda einen Bastard ausgetragen hatte!

Er trat einen Schritt auf Maggy zu, aber die Hebamme dachte nicht daran, auszuweichen. Entschlossen blieb sie stehen, versperrte ihm den Weg. Aus ihren roten Haaren schienen sich kleine elektrische Blitze zu entladen, und ihre grünen Augen sprühten vor Zorn.

»Ich warne dich, John! Du wirst …«

Er würde nie erfahren, was sie hatte sagen wollen. Denn in dem Moment packte ihn eine solche Wut, dass er zuschlug. Seine flache Hand traf Maggy gegen die Schläfe und schleuderte sie durch den Raum. Mit einem Aufschrei krachte sie gegen die Wand und fiel zu Boden.

Im selben Augenblick erklang aus dem Nebenzimmer ein Laut, den John sein ganzes Leben nicht vergessen würde: Es war das klagende Heulen eines Wolfs.

Eines sehr hungrigen Wolfs.

***

Wynn wartete jetzt schon seit geraumer Zeit auf Abby. Er saß in der Kantine des TES-Towers und stocherte lustlos in den Speisen herum, die ihm ein missgelaunter Küchenangestellter auf den Teller geschaufelt hatte.

An vieles mochte er sich inzwischen gewöhnt haben, seit es ihn nach Twilight City verschlagen hatte. An das Essen nicht. Es sah nicht nur anders aus, als er es gewohnt war, es schmeckte auch völlig anders, ohne dass er in der Regel sagen konnte, wonach.

Abby hatte ihm eine Nachricht zukommen lassen, dass sie ihn unbedingt sprechen musste. Warum das nicht Zeit haben konnte, bis sie sich nach Feierabend wiedersehen würden, wusste er nicht. Sein Chef, Mister Jaydon, hatte ihn gar nicht in die Mittagspause gehen lassen wollen, weil es angeblich so viel zu tun gab.

Jetzt saß er hier und wartete, dass Abby endlich kam. Entweder war ihr was dazwischengekommen, oder es war doch nicht mehr so wichtig.

Wynns Unmut wuchs, während die Zeit verstrich.

»Entschuldigen Sie, ist dieser Platz noch frei?«

Wynn schrak aus seinen Gedanken und sah hoch. Der hochgewachsene Mann in dem dunklen Anzug, der ihn angesprochen hatte, schenkte ihm ein sympathisches Lächeln.

»Klar, jederzeit«, sagte Wynn. Er war es leid, den Stuhl für Abby freizuhalten. Wenn sie nicht pünktlich war, musste sie eben zusehen, wo sie noch einen freien Tisch fand. Wie immer war die Kantine proppenvoll.

Der Mann setzte sich, wobei Wynn erst jetzt auffiel, dass er kein Tablett dabeihatte. Und auch keinen Teller. Nun ja, vielleicht wurde ihm das Essen serviert. Sein Gegenüber sah nicht aus wie ein einfacher Reporter. Wahrscheinlich residierte er irgendwo in der Chefetage, die sich in einem geheimen Stockwerk befand. Es gab die wildesten Gerüchte, wer dort überhaupt saß. Manche sprachen von einem Konsortium, das sich aus den einflussreichsten Männern und Frauen TCs zusammensetze. Andere vermuteten, dass nur eine einzige Person von dort aus die Geschicke der Zeitung lenkte: Der geheimnisvolle Galamesh, von dem man behauptete, dass ihm nicht nur die Zeitung und TCs berüchtigtster Nachtclub, das Ripp Tide gehörten, sondern etliche andere Institutionen. Niemand wusste, wie er wirklich aussah. Manche glaubten, ihn ab und zu von Weitem gesehen zu haben, wie er im Aufzug verschwand: ein schwarzer, massiger Schatten, der nur entfernt menschliche Formen aufwies. Vielleicht war er auch ein Dämon, wer wusste das schon? Der Twilight Evening Star jedenfalls war für alle gemacht: für Menschen wie Dämonen.

Wynn beschloss, seinen Tischgenossen weitgehend zu ignorieren, und löffelte weiter sein Essen. Soeben befand sich eine besonders glibberige Masse in seinem Mund, die sich kaum herunterschlucken ließ. Wynn hatte sogar den Eindruck, dass sie sich immer mehr ausdehnte.

»Schmeckt’s nicht?«

Wynn sah den Mann an. Der lächelte ihm verständnisvoll zu.

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte er mit vollem Mund.

»Nun, Sie sehen so aus, als würden Sie den Bissen am liebsten gleich wieder ausspucken wollen.«

Im ersten Moment regte sich Unmut in Wynn, aber wirklich böse sein konnte er dem anderen auch nicht. Lustig zu machen schien er sich jedenfalls nicht über ihn. Vielleicht wollte er einfach nur Konversation betreiben.

»Sie haben recht«, sagte Wynn. »Es ist wirklich ungenießbar. Entschuldigen Sie …« Er nahm eine der Papierservietten aus dem Ständer und spuckte den Bissen hinein. Danach ging es ihm schon besser.

Der Fremde blickte ihn immer noch interessiert an.

»Kennen wir uns?«, fragte Wynn. Irgendwie nervte es auf Dauer doch.

»Ich glaube schon, dass wir uns über den Weg gelaufen sind.«

Spielte sein Gegenüber auf irgendetwas an? Vor allem: Sollte er ihn kennen?

»Ich glaube nicht«, erwiderte Wynn. »Ich arbeite in der Regel unten im Archiv. Hier hoch komme ich nur zum Essen. Allerdings werde ich mir das bei dem Fraß beim nächsten Mal noch genauer überlegen.«

»Sie sind Wynn Blakeston, nicht wahr?«

Jetzt hatte er es doch geschafft, ihn zu überraschen. »Ja, aber woher wissen Sie das? Mir fällt wirklich nicht ein, wo wir beide uns schon einmal gesehen haben …«

»Machen Sie sich deshalb keinen Kopf, Wynn. Ich habe mich zu Ihnen gesetzt, weil ich mich mit Ihnen über eine bestimmte Sache unterhalten möchte …«

»Und die wäre?« Bisher war der Mann ihm noch sympathisch gewesen. Nun machte Wynn dicht. Er hatte keine Lust, sich aushorchen zu lassen. Als sein Gegenüber nicht sofort antwortete, machte Wynn Anstalten, sich zu erheben. »Ich muss wieder an meine Arbeit …«

»Halt, warten Sie!«

Es war eine Bitte, kein Befehl. Und doch hatte Wynn das Bedürfnis, den Worten Folge zu leisten. Als würde der Mann über eine Macht verfügen – eine freundliche Macht – seinen Worten auf besondere Weise Nachdruck zu verleihen.

»Also schön.« Wynn ließ sich seine Verwirrung nicht anmerken. »Wenn ich die Pause überziehe, ist das auch egal. Mister Jaydon ist sowieso nicht gut auf mich zu sprechen …«

»Mister Jaydon ist auf niemanden gut zu sprechen«, pflichtete ihm der Fremde verständnisvoll bei. Es hätte nur noch gefehlt, dass er dabei geseufzt hätte, dachte Wynn.

»Sie kennen ihn gut?«

»Oh ja, ich habe genau wie Sie im Archiv angefangen und mich dann langsam hochgearbeitet …«

Wynns Interesse an seinem Gesprächspartner wuchs. »Das ist wirklich möglich? Ich dachte, wer einmal im Archiv arbeitet, der schmort ewig in Mister Jaydons Hölle.«

»Ich sage die Wahrheit, Wynn. Und glauben Sie nicht, dass niemand Ihre Arbeit dort unten zu schätzen wüsste …«

»Na, da bin ich gespannt.«

»Ich will Ihnen keine Hoffnung machen. Nicht hier und jetzt. Aber gute Arbeit wird beim TES geschätzt und durchaus honoriert.«

»Na schön, ich habe sowieso keine Wahl. Wollten Sie mir das sagen?«

Vielleicht wurde der Typ angesetzt, um unzufriedene Mitarbeiter bei guter Laune zu halten. Man hielt ihnen ein Stück Würfelzucker vor die Nase und hoffte, sie würden dann schon darauf gierig ansprechen – wie Esel.

Wynn war durchaus unzufrieden. Mehrfach hatte er überlegt, alles hinzuwerfen. Andererseits hatte er nicht vor, seinem Gönner Sir Roger ewig auf der Tasche zu liegen. Und da dieser darauf bestand, ihn umsonst zu beherbergen und zu verköstigen, sparte Wynn den Großteil der Beads, die er im Archiv verdiente.

Na ja, er versuchte wenigstens, das meiste zu sparen. In letzter Zeit hatte Abby, Sir Rogers Tochter, verstärkt die Vergnügungen der Großstadt genossen – und es sich nicht nehmen lassen, ihn mitzuschleifen: in Kinos, in Bars, ins Theater … Und natürlich hatte er zumindest seinen Anteil bezahlt. Er war einfach zu stolz, sich von ihr auch noch aushalten zu lassen.

Und andererseits wusste er selbst noch nicht genau, was er machen sollte, wenn er was auf die hohe Kante gelegt hatte. Ein Flugticket zurück in seine alte Welt kaufen? Der Witz war so schlecht, dass Wynn das Lachen im Hals stecken blieb, wenn er daran dachte. Der Mörder seiner Mutter, der Kraak Norek, lief noch immer irgendwo frei herum. Und wenn er ihn nicht bald irgendwann aufstöberte, würde es immer unwahrscheinlicher werden, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.

Ihn zur Rechenschaft ziehen …

Am Anfang hatte er ihn noch töten wollen. Ihm mit den eigenen Händen den Hals umdrehen … Doch je länger die Suche dauerte, umso mehr verblasste der Gedanke an Rache. Vielleicht war das ganz normal. Hieß es nicht, dass Zeit alle Wunde heile?

Und dennoch stemmte er sich dagegen. Er akzeptierte es nicht! Weil es nicht richtig war. Er hatte lange darüber nachgedacht. Hing es damit zusammen, dass in TC die Zeit auf eine Art, die er nicht begriff, die er nur ahnte, anders verlief? Zugleich hatte er immer mehr den Verdacht, dass allein der Aufenthalt in dieser Welt ihn mürbemachte. Seine Emotionen und Gedanken und überhaupt alles, was ihn ausmachte, allmählich hinwegspülte.

So wie es in TC niemals ganz hell und völlig dunkel wurde, sondern die meiste Zeit ein eigenartiges Zwielicht herrschte, so glichen sich vielleicht auch die Menschen und Dämonen immer mehr an. Wie anders war es auch zu erklären, dass sie weitgehend friedlich nebeneinander existierten?

Seine Gedanken kehrten wieder in die Gegenwart zurück, und er konzentrierte sich auf den Mann im dunklen Anzug. Der hatte einige Momente geschwiegen, so als hätte er gespürt, dass Wynn abwesend gewesen war.

»Nun … vor einiger Zeit ist aus dem Archiv eine Akte verschwunden. Offiziell heißt es, sie sei verbrannt …«