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Die Erfahrung, dass nach dem plötzlichen Tod des geliebten Partners durch Leben und Zeitgefühl ein radikaler Riss geht, eine Spaltung, die nie wieder wirklich heilt, trifft kaum einen Menschen vorbereitet. Mit dem Vorher und Nachher, mit der für immer entstandenen Leerstelle umzugehen, bleibt für viele auch nach Jahren eine Aufgabe, die oft unlösbar scheint. Wenn Schmerz und Trauer sich wie etwas alltägliches eingenistet haben und Bewegungen stattfinden, die äußerlich betrachtet wie wirkliches Leben aussehen, können innere Prozesse ablaufen, die in einer eigenen, ganz anderen Sprache von einer schwer zu fassenden Realität erzählen. Die noch so sehr Anteil nehmende Umwelt erwartet irgendwann ein Ende, zumindest ein Abklingen der Trauer und eine Rückkehr ins Leben. Wie mühsam und schwierig diese sein kann – auch davon erzählt das vorliegende Buch. Die Autorin fragt sich, warum sie erst 13 Jahren später den Bademantel des geliebten Mannes loslassen und verschenken konnte, obwohl ihr vorher Dinge nie besonders wichtig waren. Der Verlust dieses Trostteils wird zur Anregung, über den Zeitraum von einem Jahr einen kritischen Blick auf das zu werfen, was jetzt ihr eigenes Leben sein soll. Sie beschreibt den Lebensalltag, Begegnungen, Eindrücke und Reiseerfahrungen. Dabei wird erfahrbar – vor allem in den Träumen, in denen der Tote immer noch lebt, während sie selbst mitunter tot ist –, dass die Toten nicht einfach verschwinden. Sie sind auf vielfältige Weise präsent, ihre energievollen Lebensspuren mitunter sogar im Körper spürbar. Die tiefe Verbundenheit mit ihnen kann kostbare Kraftquelle sein, gleichzeitig aber auch ein Knäuel von Rätselfragen, auf die es niemals klare Antworten geben wird. Letztlich geht es um die Aufgabe, nach dem Verlust das Leben ohne den anderen bejahen zu lernen.
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Seitenzahl: 239
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Wenn einem Menschen ein Unglück widerfährt, hat er das Gefühl, im Exil zu sein. Er wurde vertrieben von allem, was er glaubte, von der gesamten Geschichte seines Lebens. Plötzlich ist für ihn nichts mehr selbstverständlich.
David Grossmann
Aus: Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2010
Trauer bedient sich im Körper derselben Sprache wie Verliebtheit, da ist kein Unterschied. Die dummen Organe erzählen von Unruhe und Begierde, ohne eine Ahnung zu haben, dass das Verlangen nach einem Lebenden ein ganz anderes ist als das nach einem Toten. Trauer ist Verliebtheit ohne Erlösung.
Connie Palmen
Aus: Logbuch eines unbarmherzigen Jahres
Ein Trauma ist nicht Bestandteil einer Geschichte; es steht außerhalb der Geschichte. Es ist das, was wir nicht in unserer Geschichte haben wollen.
Siri Hustvedt
Aus: Die Leiden eines Amerikaners
Donnerstag, 3.1.
Das Trostteil ist weg! Mein Blick wird ab sofort stets auf die leere Stelle fallen. Eine weitere Leerstelle. Es ist tatsächlich passiert, der sorgsam gehütete Schatz ist fort. Nach 13 Jahren losgelassen. Wilfrieds samtiger, dunkelblauer Bademantel, in den ich mich verstecken, verkriechen und einkuscheln konnte, wenn Sehnsucht und Schmerz kaum mehr auszuhalten waren. Es war undenkbar, mich je in meinem Leben von diesem Trostobjekt, einem Bindeglied zur Vergangenheit, freiwillig zu trennen. Aber nun ist es fort.
Bis zu Fridus Tod hätte ich stets behauptet, dass Dinge doch nur einfach Dinge sind. Tote Materie. Jederzeit ersetzbar. Niemals war mir der Gedanke gekommen, dass auch Dinge wirklich wichtig sein können. Lebenswichtig. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, bis mir schließlich dieser blaue schwere Stoff erlaubte, jahrelang die Illusion aufrecht zu erhalten, dass er den unverwechselbaren Körpergeruch des geliebten Menschen aufgesogen, ihn für immer speichern, festhalten würde, gemischt mit all den Spuren vom Pfeifentabak Rum and Maple und von Agua Brava, dem Duft seines Rasierwassers. Lebensspuren des Toten.
Wider alle Vernunft stellte ich mir vor, nein, war ich davon überzeugt, dass der Mantel bereit war, Trost zu spenden, wenn mein Gesicht, in das Dunkel gepresst, Zuflucht suchte. Irgendwann, erst nach Jahren, vielen Jahren steckte ich den Mantel in die Wäsche. Tat es voller Widerwillen und bangen Herzens, das Resultat zu Recht befürchtend. In welchem Jahr war das? Ich weiß es nicht mehr. Die Enttäuschung, als er völlig anders roch als zuvor. Eben einfach nach frischer Wäsche. Das rasche, sorgfältige Einsprühen mit Agua Brava nutzte wenig. Der Duft seiner Haut war mir für immer verloren.
Es war an einem Wochenende in der Passage an der Uhlandstraße, als Wilfried und ich ihn kauften. Ich erinnere genau, wie froh er war, für seine über zwei Meter Länge endlich nicht nur einen Notbehelf, sondern einen passenden und dazu noch eleganten schönen Bademantel gefunden zu haben. Viele, viele Sachen schenkte ich nach seinem Tod rasch und ohne zu zögern fort. Männer aus seinen Therapiegruppen durften Leinenhemden, wunderschöne Samtwesten, extra für ihn angefertigte Jacken und alle möglichen Dinge mitnehmen. Sein blauer Bademantel musste bleiben. Ich brauchte ihn. Er war mir unverzichtbar. Wurde so zum Trostteil und hing weiter an der Stelle im Bad, als ob nichts geschehen wäre und sein Träger jederzeit in ihn hineinschlüpfen könne. Er suggerierte die Nähe der geliebten Gestalt. Oft berührte ich ihn nach dem Duschen, vergrub kurz mein Gesicht in ihm, hielt mich an ihm fest. Beschwor den, der ihn getragen hatte: „Lass mich nicht allein. Pass auf mich auf.“
Fast 13 Jahre sind inzwischen vergangen. Erst jetzt, heute Vormittag habe ich ihn loslassen können. Als ich die Ärztin Jenny de la Torre im Radio über ihre Arbeit mit Obdachlosen sprechen hörte, war spontan der Impuls da, den Bademantel zusammen mit anderen Dingen zur Jenny de la Torre Stiftung in die Pflugstraße 12 zu tragen. Wenn ich nicht sofort gehandelt und mich gleich auf den Weg gemacht hätte, wäre es mir womöglich nicht gelungen. Seit er weg ist, stelle ich mir vor, dass ein obdachloser Mann, ähnlich groß von Gestalt, zumindest gepflegt, wenn nicht sogar eindrucksvoll darin aussehen wird. Es ist dieses Bild von einem Fremden, Unbekannten, was tröstet. Morgens nach dem Duschen, wenn ich mich abtrockne, wird in Zukunft der Blick auf die leere Stelle fallen und mir einen Stich versetzen.
Samstag, 5.1.
Heute Vormittag brachte die Post ein dickes Paket. „Schattenjagd“, mein neues Buch ist da. Ich freue mich, es in Händen zu halten und bin gespannt auf Reaktionen. Es erzählt romanhaft und fiktiv die Geschichte einer Klientin namens Franca, die mit traumatischen Erlebnissen in die Praxis kam. Neben dem Versuch, einen Therapieprozess zu schildern, geht es auch um die Geschichte der Therapeutin Dr. Charlotte Graf. Sie hat ebenfalls Schweres zu verarbeiten, tastet sich aber vorsichtig wieder an das Leben und sogar an eine neue Liebe heran. Der Krimi Plot ist nicht von zentraler Bedeutung.
Eigentlich hatte ich vor, einmal etwas spielerisch Leichtes zu versuchen. Das ist mir zwar nicht ganz gelungen, aber es hat Freude gemacht, Figuren zu erfinden, sie mit einem Charakter, einer Geschichte, mit Leben auszustatten und ganz nebenbei noch etwas über meine therapeutische Arbeit zu erzählen.
Abends ins Deutsche Theater, um „Die Möwe“ in der Inszenierung von Jürgen Gosch zu sehen. Corinna Harfouch spielt die Arkadina. Auch die übrige Besetzung ist hochkarätig. Die drei Stunden sind keine Sekunde langweilig. Der Heimweg ist mühsam. Kälte und Dunkelheit setzen mir zu. Früher war das anders.
Sonntag, 6.1.
Die Weihnachtspause ist zu Ende. Am Montag beginnt die Arbeit in der Praxis wieder, von morgens 9 bis abends 20 Uhr, mit einer mittäglichen Pause.
Nach meinem Besuch in der Pflugstraße vor drei Tagen und der Trennung von dem Trostteil kommt ab und zu die Idee hoch, davon zu erzählen, warum es so lange dauern kann, den eigenen Lebensfaden wieder fester zu knüpfen, ihn überhaupt knüpfen zu wollen. So frage ich mich nach 13 Jahren in manchen Momenten immer wieder, ob es inzwischen für mich ein eigenes Leben ohne ihn gibt oder ob es weiter eine Art Provisorium ist, ein So-tun-als-ob. Frage mich, ob Äußeres und Inneres weiterhin wund und grotesk auseinanderklaffen wie zu Anfang oder ob nach all den Jahren eine wirkliche Veränderung stattgefunden hat, die ich mir nur bewusst machen muss. Macht es Sinn zu prüfen, warum es so lange dauert, wieder im Leben anzukommen?
Unmittelbar nachdem sich die Katastrophe ereignete und noch lange danach war die voranschreitende Zeit nichts weiter als ein schrecklicher Feind, der unerbittlich zum Weitergehen drängte, obwohl jede Zelle in mir schrie, für immer verharren zu wollen. Von diesem Angewurzelt-Bleiben kann ich erzählen, dem Erstarrt-Sein im Warten, weil ein Schritt weiter ohne den Toten undenkbar ist. Den irrsinnigen Manövern, ungeschehen machen zu wollen, was passiert ist, den Versuchen, wider jede Vernunft das Geschehene aufzuhalten, das Unbegreifliche zu verweigern. Nicht akzeptieren zu können, dass der Tod unwiderrufbar wirklich ist. Von der Erfahrung berichten, dass lange, lange, lange nichts hilft. Wirklich nichts.
Es muss also von diesem schockgleichen Zustand die Rede sein, dem Vakuum, dem innerlichen Eingefroren-Sein, während empörender Weise draußen alles weitergeht. The show must go on. Wie lange habe ich mir selbst zugeschaut bei all den seltsam unwirklichen Bewegungen in diesem aus der Zeit gefallenen Raum? Für sehr lange Zeit. Jahre. Jahre. Jahre. Und im Gefühl keinerlei Hoffnung, dass das je wieder anders wird. Im Gegenteil, unter der Haut, in den Knochen nistete sich die Gewissheit ein, dass es kein wirkliches Leben mehr geben wird. Es wird so bleiben. Muss so bleiben. Denn alles andere wäre Verrat. Nach 32 Jahren. Ein Leben ohne ihn – nicht denkbar, nicht deshalb, weil ich nicht alleine leben könnte, sondern weil ohne ihn alles Erleben unwirklich bleibt, farblos, unsinnlich, sinnlos. Unwirklich auch die eigene Person.
Der Spruch „Die Zeit heilt alle Wunden“ bleibt mir nichtssagend. Ohne Bedeutung. Und überhaupt, welche Zeit soll heilen? Die Zeit der Vergangenheit? Wenn in süchtigen Rückblicken Zuflucht gesucht wird vor den Folgen des Fallbeils, das alles Vertraute bis zur Unkenntlichkeit zerschnitten, zerstückelt und zerschlagen hat? Oder die Zeit, in der die Erinnerung das gemeinsam gelebte Leben immer und immer wieder befragt, befühlt, betastet, beleuchtet? In der verzweifelt und gierig gelebtes Leben nachgeschmeckt, aus dem Brunnen der Erinnerung Stärkung gesucht wird, um bei Verstand zu bleiben? Oder ist die Zeit gemeint, die einen immer weiter von allem Vertrauten trennt, zum unmenschlichen Spagat zwingt, einen zerreißt, weil all das, was nachher geschieht, den Abwesenden umso schmerzlicher anwesend sein lässt? Also, was heilt? Und welche Wunden? Es mag Tode geben, die tröstlich sind, Abschiede die erlösen. Ich spreche hier von einer anderen Erfahrung.
Dennoch bahnt sich etwas Neues an. Als ob das lange Unvorstellbare wieder zu atmen beginnt, zu leben. Zum ersten Mal seit nun fast 13 Jahren empfinde ich minutenlang ein wirkliches Gefühl von echter Vorfreude auf das noch Kommende. Dabei vermag ich noch gar nicht zweifelsfrei und klar zu benennen, wodurch diese für immer versperrte, für immer verschlossen geglaubte Türe einen Spalt breit geöffnet wurde. Weil das neue Buch da ist? Weil ich nach der OP im letzten Sommer wieder schmerzfrei laufen kann, nach acht Jahren Qualen ohne Ende? Weil unendlich viel Zeit vergangen ist? Oder doch, weil ich inzwischen die Realität akzeptiert habe?
Es gibt noch keine plausible Antwort. Aber da war auf einmal wieder – wenn auch nur kurz – eine pulsierende heiße Freude wie sie früher ganz oft und selbstverständlich in mir war. Ungläubig staunend nahm ich das wahr.
Von dem unfassbar grauenhaften Riss vor 13 Jahren, am 9.6.2000, habe ich ausführlich in „Sein Herz war ein blauer Vogel“ erzählt. Habe Fridu in Briefen von seinem Tod erzählt, von den Reaktionen der Menschen, die ihn kannten, ihn auch liebten. Da waren jene, die nur empört „so eine Scheiße“ herausbrachten, sich die Trauer mit Wut vom Leibe hielten, und jene vielen anderen, die sprachlos und hilflos nach Worten suchten, irgendetwas stammelten und mir dadurch nahe waren. Wir beide waren nicht vorbereitet auf diesen Schlag an jenem wunderschönen, sonnigen Pfingstsamstag. Als Wilfried kurz nach 20 Uhr barfuss im Garten herumspazierte und vor meinen Augen auf die Knie sank, schien es zunächst wie so oft ein Spaß zu sein. Aber als er nicht mehr aufstand, kein Laut von ihm kam, ich zu ihm rannte und ihn auf meinen Schoß zog, er Sekunden später, die erstaunten Augen in das Grün der Bambusbäume richtete und schon in einer ganz anderen Sphäre war, wusste ich, dass er gerade starb.
Küsse holten ihn nicht zurück. Flehentliches Rufen nützte nichts. Nicht der Schrei, als ich sah, was ich nicht begriff. Nicht begreifen konnte, wollte, dass das, was in dem Moment auf meinem Schoß passierte, der Tod war. Dass der Liebste, der vor einer Sekunde noch voller Leben war, gerade vom Tod weggerissen wurde. Einfach so, nach 32 Jahren des Zusammenlebens, Liebens und Streitens. Ja, auch heftiger Streits und Auseinandersetzungen.
Eine solche nicht gewählte Trennung, eine Trennung ohne Abschied, die von einer Sekunde zur anderen alles, alles verändert, ist nicht zu verstehen, nicht zu begreifen. Der Überlebende fällt aus der Zeit. Landet auf einem fremden Planeten. Sieht durch eine undurchdringlich dicke Glaswand entsetzt, wie das Leben weitergeht. Das Leben der anderen. Alles Vertraute wird zutiefst fremd. Es ist als ob ein Teil der eigenen Person wie gelähmt, durch einen bösen Zauberspruch gebannt, an der Stelle, wo der Tod zugeschlagen hat, angewurzelt stehen bleibt, während ein anderer Teil sich scheinbar löst und spricht und handelt und isst und schläft und so tut als ob. Eine Kernspaltung. Alles fliegt auseinander, ist in nicht mehr wieder erkennbare Teile zersprengt. Es gibt keinen Anker mehr. Ohne die Liebe, den Schutz, die Güte der nahen Freunde und vieler anderer Menschen wäre ich verloren gewesen.
Und trotz aller Unterstützung von außen, bleibt es sehr lange unmöglich zu fühlen, dass der Tote wirklich tot ist. Er kann doch gar nicht tot sein. Er wollte doch so alt werden. Lange leben. Außerdem spürte meine Haut ihn doch noch. Fühlte die Wärme seiner Hände. Alles atmete noch sein Leben. Erzählte von ihm. Seiner Persönlichkeit, seiner Besonderheit. In den Räumen klang noch dieses wunderbare Lachen. Die lebhafte Stimme. Und auch die Dinge erzählten, dass er nicht tot sein kann. Nicht für immer und immer fort sein. Er ist allenfalls verreist. Wie so oft. Auf Lesereise oder mit Männergruppen unterwegs. Einfach warten, geduldig sein. Bald wird er wieder da sein.
Unvermeidbar und gnadenlos fliegt irgendwann der Selbstbetrug auf, der faule Zauber zerfällt, wird die Zeit des Wartens zu lang. Alle phantastischen Ausflüchte funktionieren nicht mehr, jedes Hilfskonstrukt bröckelt, fällt auseinander.
Ungefähr zu dem Zeitpunkt tauchte eine andere rettende Idee auf. Ich würde einfach auch verschwinden. Wünschte nichts sehnlicher, als auch tot zu sein, um bei ihm zu sein. Zwei Jahre nach dem ersten Abschiedsbuch schrieb ich „Reise ohne Dich – Weiterleben“, ein Buch über diese Überlebensversuche. Über all die hilflosen Fluchtbewegungen. Jede Stunde. Jeden Tag. Immer wieder Versuche, so zu tun, als ob nicht alles völlig absurd wäre. Einfach sinnlos.
Das Leben stellt die unlösbare Aufgabe, den Tod zu verstehen. Aber er ist weder zu verstehen, noch zu begreifen. Er ist das Unbegreifliche schlechthin, denn der geliebte Tote ist zwar nicht mehr sichtbar da, aber er ist doch weiterhin höchst lebendig in tausenderlei Abdrücken, dem Hinterlassen von Spuren in Dingen, von mit Orten verbundenen Erlebnissen, dem Wissen um all seine Lieblingsspeisen, der Musik, die ihn rührte, der Kunst, die ihn begeisterte, eben der Welt, die die seine war. Und während er in mir, in meinem Körper, auf der Netzhaut der Augen, den Lippen, den Händen, der Haut, den Zellen ganz lebendig bleibt, ist ein wesentlicher Teil von mir selbst verschwunden. Die Person, die ich nur mit ihm sein konnte, hat er mitgenommen. Die Gleichzeitigkeit von Tod und Leben.
Während ich mit Freunden ein Jahr nach seinem Tod in China herumreiste und alles fremd war, machte ich die interessante Erfahrung, dass ich mich selbst dort in der Fremde vertrauter fühlte als Zuhause. Ich erklärte es mir so, weil ich mich wohl im Vertrauten, das auf so radikale Weise zerstört und auseinander gefallen war, nicht mehr fand, mir selbst völlig fremd war.
Donnerstag, 10.1.
Am Abend im Kino Capitol den Film „Hannah Arendt“ mit Barbara Sukowa in der Rolle von Hannah Arendt gesehen. Ihr Buch „Die Banalität des Bösen“ las ich während des Psychologiestudiums. Davor verfolgte ich mit 15 Jahren bei einer Tante – weil wir zu Hause keinen Fernseher hatten – den Eichmann-Prozess in Jerusalem. Ein erstes politisches Erwachen, als ich aus dem schiefen Mund dieses blassen, wie ein x-beliebiger Behördenmensch aussehenden Mannes die Worte hörte: „Meine Schuld ist mein Gehorsam.“ Das um Gehorsam bemühte, brave katholische Mädchen, das ich damals war, fühlte bei diesen Worten ein kaltes Entsetzen, welches mich zum Glück nie wieder verließ. Später dann die Lektüre von Erich Fromm „Über den autoritären Charakter“. Wichtigstes Fazit: Es gilt, unterscheiden zu lernen, gegenüber wem oder was Gehorsam und Ungehorsam notwendig ist.
Es gibt Stellen in dem Film, denen ich so rasch nicht folgen konnte, über die ich nachdenken muss. Ich wusste nicht, dass sie für ihre Berichterstattung in Amerika so massiv angefeindet und sogar körperlich bedroht worden war. Bin noch einmal neu neugierig auf diese Frau geworden. Habe mir von Alois Prinz „Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt“ bestellt und den Briefwechsel zwischen ihr und ihrem Mann Heinrich Blücher, Briefe, die sie sich in der Zeit von 1936-1968 schrieben.
Mir fehlen die Anregungen durch Wilfrieds politisch geschulten, kritischen Blick so sehr. Der Austausch zwischen uns über das, was in der Welt geschieht, über politische Ereignisse und Entwicklungen, sie aus je unterschiedlicher Perspektive anzuschauen und zu erörtern, war ganz alltäglich und selbstverständlich. Erst durch das Abgeschnittensein von dieser sprudelnden Quelle wird das unersetzbar Kostbare immer wieder schmerzlich deutlich.
Freitag, 11.1.
Die erste Arbeitswoche liegt schon wieder hinter mir. Erfreulicherweise sind alle ohne größere emotionale Einbrüche oder Konflikte an den Festtagen, die mitunter zu familiären Großkampftagen werden, wieder zurück. Von jeder Frau und jedem Mann, die heute zu mir in die Praxis kommen, habe ich erfragt, was sie sich für das neue Jahr wünschen. Und zwar von sich selbst. Was möchten Sie versuchen? Üben? Was ändern? Die Frage regt häufig zu neuen eigenen Aktivitäten an. Nicht auf Wunder warten!
Was mich selbst betrifft, will ich eine ehrliche Antwort auf die Frage finden, ob ich wirklich alles tue, was in meinen Kräften steht, um auch ohne Fridu ein sinnerfülltes Leben zu haben. Im beruflichen Bereich, bei der therapeutische Arbeit in meiner Praxis mit unterschiedlichsten Menschen ist alles ganz klar. Die Arbeit ist fraglos erfüllend und im hohen Maße befriedigend. Da erübrigt es sich, nach dem Sinn zu fragen. Aber für mich ganz allein? Da ist kein Mangel an Bemühung, aber mitunter ertappe ich mich doch dabei, innerlich auf Abschied eingestellt zu sein. Was hält mich? Was bindet wirklich? Es sind nur Momente, die mich aber skeptisch sein lassen, ob ich nach den Jahren ohne ihn bereit bin zu fühlen, dass das, was ich jetzt täglich lebe und erlebe, die neue, andere Wirklichkeit ist, mein eigenes Leben – oder doch nur eine Art gnädiger Selbsttäuschung?
Wir sind beide im Zeichen der Zwillinge Geborene. Vielleicht fällt es mir auch deshalb immer schwer, nur im Selbstgespräch wichtige Fragen zu klären. Zum klärenden Denken brauche ich den Austausch, ein waches, offenes Gegenüber. Und abgesehen davon gibt es Fragen, auf die ich nie eine Antwort bekommen werde, weil der, der sie geben könnte, nicht mehr ist. Manchmal kommt der Gedanke, ob das Festhalten nicht wesentlich mit diesen unbeantworteten Fragen zusammenhängt.
Auch mit jener von ihm verheimlichten Liebe, die sowohl obsessiv als auch zerstörerisch gewesen sein muss. Ein Jahr vor seinem Tod fühlte ich mitunter, dass etwas zwischen uns nicht stimmte. Mich quälten Herzschmerzen und eine seltsame Trauer. Es gab eine für mich unerklärlich Distanz. Wilfried entzog sich meinen Nachfragen. Gab keine klärende, entlastende Antwort. Dabei hätte er die Freiheit gehabt, noch einmal neu zu wählen, zu gehen, auch wenn es mich zerrissen hätte. Mir war die Freiheit in der Liebe immer das Kostbarste und Wichtigste, ein Geschenk unter Freien und kein Rechtsanspruch oder gar Besitz. Manche Liebesproben wurden von uns gemeistert. Dieses Mal blieb alles im Dunkeln, sollte Geheimnis bleiben bis in den Tod.
Bei Aufräumarbeiten kurz nach seinem Tod stieß ich auf einen Aktenordner. Inmitten der abgrundtiefen Trauer kam mir da etwas in Briefen, Gedichten und Fotos entgegen, was mein Fassungsvermögen überstieg. Das Hirn begriff den Inhalt dieser Sammlung, diesen zusätzlichen Dolchstoß nicht. Verweigerte es, immer neue Wahrheiten verkraften zu sollen. Dann erfuhr ich, dass Menschen dicht in meiner Nähe längst davon wussten. Sie bewahrten Schweigen, verbrachten viel Zeit mit uns bei gemeinsamen Unternehmungen und waren offenbar fähig, mir in meiner Blindheit zuzusehen. Nach dieser Entdeckung damals fürchtete ich zeitweise um meinen Verstand.
Fünf Jahre Abstand waren nötig, um Kraft zu sammeln, mich mit dem Inhalt dieser Liebesakte zu befassen. Erst nach einer Istanbul-Reise begann ich Schritt für Schritt zu rekapitulieren, was damals geschehen war. Ich wollte verstehen, schrieb unter quälenden körperlichen und psychischen Schmerzen das Buch „Liebeslauf – oder eine fast alltägliche Geschichte“.
Heute zerfleischt mich die Trauer über all das Unvorstellbare an Betrug und Verrat nicht mehr so wie zu Anfang, als der Schmerz wie ein tollwütiges, kaum zu bändigendes Tier über mich herfiel. Die leidvolle Erfahrung ist allmählich und stetig wie ein großflächiges Gewebe in mein Dasein eingewachsen, bleibt untrennbar mit mir verbunden. Der Schmerz existiert weiter, ist aber anders geworden, auch leiser.
Es gibt Momente, wenn ich unterwegs ganz zufällig bei einem Mann eine Geste erlebe, die mich an Fridu erinnert, von hinten eine ähnlich große Gestalt sehe, im Vorbeigehen plötzlich Rum and Maple rieche, vor allem aber Musikklänge höre, in denen in mir etwas aus großer Tiefe mit einer gefährlichen Wucht aufsteigt und ich weiß, dass ich Widerstand leisten muss, dem nicht nachgeben darf. Es würde mich mitreißen oder verschlingen. Im Laufe all der Jahre habe ich gelernt, diese Momente unter Kontrolle zu halten. Es gab zahllose Gelegenheiten, mich darin zu üben.
Und immer wieder taucht auch die Frage auf, ob wir, wenn er noch leben würde, überhaupt noch ein Paar gewesen wären. Was wäre geworden, wenn ich sein Geheimnis entdeckt und ihn mit seiner Feigheit konfrontiert hätte? Der plötzliche Tod hat ihm die Konfliktarbeit mit mir erspart. Heute denke ich, dass dieser ungelöste Konflikt eine der Todesursachen war, ihm das Herz zerrissen hat. Eine Verliebtheit, die für ihn in einem absoluten Desaster endete, in Hass und Zerstörungswut, Schamgefühlen, Selbstanklagen und Schuldgefühlen. Das Geheimnis wurde so mit ins Grab genommen, und ich blieb mit den offenen Fragen und dem doppelten Liebesverrat zurück.
All das hat etwas mit mir gemacht, mich verändert. Das bis dahin unerschütterliche Grundvertrauen existiert nicht mehr. Nach diesen Erfahrungen weiß ich, dass in Beziehungen alles möglich ist. Der Erschütterung folgte Ernüchterung, in der festzustellen war, dass mir etwas ganz Banales widerfuhr, was täglich unzähligen anderen Frauen und Männer auch zustößt. Gleichzeitig haben mich die Verluste angstfreier gemacht, in einigen Zusammenhängen auch ungeduldiger und härter.
Fridu, der Geheimnisträger, ist weiterhin fast täglich in meinen Träumen. Das Nachtleben suggeriert, dass er lebendig ist. Neulich putzte er in einem Traum intensiv Spiegel und Fenster blank. Ich fragte mich nach dem Erwachen, wer von uns beiden zukünftig klarer und besser sehen soll.
Wie andere um ihre geliebten Menschen trauern und auf eigene Weise mit ihnen weiterleben, konnte ich in Büchern von Connie Palmen und David Grossmann lesen. Es ist völlig klar, dass es dafür keinerlei Regeln gibt, nicht geben kann. Im Umgang mit dem Tod versagen sonst allgemeingültige Weisheiten. Er ist ganz selbstverständlich und bleibt gleichzeitig so unfassbar. Mir ist das Loslassen nicht möglich. Fridu bleibt trotz allem eine wesentliche Kraftquelle für mich. Ich sehe keinen Sinn darin, darauf verzichten zu sollen.
Vor einigen Nächten lag er in einem Traum in einer unserer früheren Wohnungen. Er schlief ganz fest und ruhig. Sein entspanntes Gesicht war wunderschön. Ich legte ganz sachte meine beiden Hände auf seinen großen Körper, um ihn zu spüren. Am Morgen darauf hörte ich im Radio einen Vater von seiner Sehnsucht nach dem verstorbenen Sohn sprechen. Zehn Jahre war dessen Tod her. Während mir ungewollt Tränen über das Gesicht liefen, hätte ich den Mann dankbar umarmen mögen.
Eine Trennung, ohne Abschied nehmen zu können, ist brutal. Bei uns wurde nach 32 Jahren intensivsten Zusammenlebens mit einem Schlag das Licht ausgeschaltet. Danach gab es nur noch blindes Herumtappen im schwärzesten Dunkel. Alles war noch da und gleichzeitig war nichts mehr da. Lange habe ich nicht sehen können, nicht sehen wollen, ob ich neben all dem Verlorenen Neues aufgenommen, mir Neues angeeignet habe. Womit sind die frei gewordenen Räume gefüllt worden? Oder sind sie leer geblieben? Allmählich fühle ich mich imstande, das genauer anzuschauen.
Samstag/Sonntag, 12./13.1.
Das Wochenende ist mit bürokratischer Arbeit belegt. Verlängerungsanträge für Therapien sind zu schreiben, Post ist zu erledigen und zahlreiche Telefonate stehen an. Als Ausgleich und zur Entspannung beginne ich abends die CD „Erinnerungen an eine Ehe“ von Louis Begley zu hören, gelesen von Christian Brückner. Gebannt folge ich der unverwechselbaren Stimme, die immer tiefer in eine faszinierende Welt führt, voll farbiger, widersprüchlicher Charaktere und zwischenmenschlicher Verwicklungen. Es sind insgesamt fünf CDs. Jedes Mal bedauere ich es, aufhören zu müssen und bin total gespannt, wie das dichte, voller Überraschungen steckende Erzählgeflecht weiter entwickelt wird. Bewundere die Sprache.
Wilfried hat mir oft mit seiner dunklen vollen Stimme vorgelesen. Texte, die er für Vorträge vorbereitete, Auszüge aus Manuskripten und Passagen aus Büchern, die er gerade las, gerne Fontane oder Erzählungen von Thomas Mann. Und zu Weihnachten, egal wo wir uns befanden, gab es immer Charles Dickens. Seine Stimme ist mir erhalten geblieben, denn es existieren viele Kassetten, die seine Vorträge festhalten, die er an der Lessing-Hochschule hielt. Aber es gibt auch Aufzeichnungen aus unterschiedlichen Jahren mit Gesprächen zwischen uns. Ich kann unsere Stimmen hören, wie wir über Buchprojekte sprechen, versuchen, Konflikte zu klären, auch über Sexualität und andere Beziehungsfragen diskutieren.
Donnerstag, 17.1.
Bin nach langer Zeit wieder einmal mit Andreas Goosses, einem früheren Mitarbeiter von Fridu, im Literaturhaus in der Fasanenstraße verabredet. Als ich vom Kurfürstendamm um die Ecke biege, sehe ich ihn durch das Tor gehen. Er ist direkt von seiner Arbeit bei Pro Familia gekommen. Wir finden noch einen schönen Platz im Wintergarten des Cafés. Andreas erzählt engagiert von der Entwicklung in seinen therapeutischen Männergruppen, die sehr erfreulich ist. Es tut gut zu hören, dass auch andere Menschen Wilfried immer noch vermissen.
Andreas Vater liegt gerade im Sterben. Da deren Beziehung so eine positive Entwicklung genommen hat, weiß er, dass der Abschied für ihn nicht leicht sein wird. Aber es gibt auch sehr Schönes zu berichten. Eine neue Frau namens Katrin ist in sein Leben getreten, was mich für ihn sehr freut. Andreas fragt, wie es mir geht und womit ich mich beschäftige. Ich erzähle ihm von meinem Buchprojekt und den Marokko-Reiseplänen. Nach intensivem Austausch verabschieden wir uns einige Stunden später.
Auf dem Heimweg denke ich wieder einmal, dass es nicht in erster Linie Sexualität ist, die mir fehlt, sondern viel mehr der ständige lebendige Austausch, der zwischen uns stattfand, die tiefen emotionalen Gespräche, die Diskussionen und Streitgespräche, auch der Humor, sich gemeinsam über etwas amüsieren zu können, bis hin zu endlosen Lachanfällen. Fridus engagiertes Interesse an dem, was in mir vorgeht, was ich denke und erlebe, wie und warum ich etwas bewerte, fehlt so sehr. Die Möglichkeit der Spiegelung durch ihn, seine Anregungen und Forderungen.
Samstag, 19.1.
Am Vormittag laufe ich zum Haus am Waldsee, Nähe U-Bahnhof Krumme Lanke, um die neue Ausstellung „Nonstop Painting“ zu sehen. Christine Streuli, die Künstlerin aus der Schweiz, hat dieses Mal ganze Wände und Räume gestaltet. Viel Ornamentales, das mich in seiner grellen Farbigkeit teilweise überwältigt. Große bemalte Flächen wirken wie Tapetenwände auf mich. Sie sind weder eindeutig gegenständlich noch bloß abstrakt bemalt. Details sind sehr interessant, insgesamt ist es mir zu überladen. Das Auge kommt nicht zur Ruhe. Fast immer frage ich mich bei den Ausstellungsbesuchen, wie Fridu auf die Kunstobjekte blicken würde, was er entdeckt hätte und wie wir darüber diskutieren würden.
Am Nachmittag schreibe ich weiter an Berichten zur Verlängerung von Therapien. Abends gehe ich in die Schaubühne. Im Studio wird eine Videoaufzeichnung mit Solomon Michoels, dem Begründer des Jüdischen Staatstheaters, vorgestellt. Die Qualität der Schwarz-Weiß-Bilder ist äußerst mäßig, aber immerhin entsteht ein Eindruck von diesem bedeutenden Schauspieler. Er wird in einigen Shakespeare-Rollen gezeigt. Stalin ließ ihn ermorden. Die offizielle Version lautet, dass Michoels bei einem Autounfall ums Leben kam.
Fahre nachts mit dem Taxi zurück. Der Taxifahrer fragt, was ich im Theater gesehen habe. Wir kommen ins Gespräch. Dabei lerne ich Ricardo kennen. Er ist jüdischer Abstammung, kommt aus Istanbul und seine Vorfahren kamen aus Spanien. Eine bunte, hochinteressante Biografie. Er lädt mich zu einer musikalischen Session ein, weil er nicht nur Taxi fährt, sondern Profi-Musiker ist, der in einer Gruppe musiziert, die sich „Die Kavaliere“ nennt. Man kann sie für Feste buchen. Als er mich an der Ecke Matterhornstraße/Kirchblick absetzt, verabschieden wir uns herzlich und mit Handschlag. Bei Taxifahrten habe ich schon oft unglaubliche Lebensgeschichten gehört. Diejenigen, die mich öfter fahren, sind mir inzwischen so vertraut, dass wir uns jeweils erzählen, was in der Zwischenzeit passiert ist.
So wie bei S-Bahnfahrten spüre ich auch mitunter im Taxi noch die langen schmalen Oberschenkel von Fridu neben mir, dabei meine Hand in seiner.
In der Nacht ein Traum: Zwischen Fridu und mir liegt ein großes Kind. Auf einmal sind viele fremde Menschen da, die alle versorgt werden müssen. Die Stimmung zwischen ihm und mir ist heiter. Wir lachen viel. Gutes Erwachen.
Oft denke ich über meinen Tod nach. Bin neugierig. Wie wird es sein? Wo? Wann? So gnädig wie Fridus Sterben wird es wohl kaum werden. Auf dem Schoß eines geliebten Menschen, im Bruchteil von Sekunden zu sterben, ist wirklich gnädig. Ich kann mir die Welt problemlos ohne mich vorstellen. Verstehe Menschen wie zum Beispiel Canetti nicht, die gegen das Sterben wüten. Für die der Tod eine ungeheure Zumutung und Provokation ist. Wieso eigentlich? Mir ist nicht vor dem Leben-Loslassen bange, sondern vor Abhängigkeit, Ohnmacht und Schmerzen. Vor dem totalen Verlust dessen, was mir Leben bedeutet.
Sonntag, 20.1.
Am Vormittag mit meinen Nachbarskindern Sophie und Julius ins Musikinstrumenten Museum am Kulturforum. Unter dem Motto „Alte Musik live“ spielen Lübecker Virtuosen Stücke von Buxtehude, Radeck und Baudinger. Die Eltern, Rosi und Thomas, sind zu einer Filmpremiere eingeladen. Mit den Kindern etwas Schönes zu unternehmen, ist mir ein Geschenk. Sie sind beide auf je eigene Weise sehr wach, lebendig und beziehungsfähig. Es ist ein wirkliches Glück, an ihrer Entwicklung teilnehmen zu dürfen. Als die Familie Frank vor drei Jahren in das Haus neben mir einzog, waren die Kinder noch klein. Julius ging noch gar nicht zur Schule. Ich weiß noch, wie wir ab und zu in meiner Küche saßen und er Buchstaben lernte. Heute frisst er die Bücher förmlich. Dabei erinnert er mich an mich selbst. Sophie ist ein Multitalent an Kreativität und Bewegungsfreude, dabei sind ihre Beobachtungsfähigkeit und Hilfsbereitschaft ebenfalls ungewöhnlich.
