Irgendwas mit Menschen - Irmgard Hülsemann - E-Book

Irgendwas mit Menschen E-Book

Irmgard Hülsemann

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Beschreibung

Psychotherapeutinnen und Therapeuten erleben keine Krisen oder Probleme. Scheinbar macht sie berufliches Wissen unverletzlich. So oder ähnlich lauten mitunter die irrtümlichen Annahmen von Hilfesuchenden. In "Irgendwas mit Menschen" erzählt Dr. Irmgard Hülsemann nach mehr als 40 Jahren Tätigkeit als Psychotherapeutin von ihrem Lebensweg, von Krisen, von Konflikten, von Lernprozessen und dem Umgang mit schmerzlichen Verlusten. Es enthält Gespräche mit der Mutter, eine Spurensuche, in denen die Prägung von Weiblichkeit zwischen ihnen erhellt wird. In der Liebesbeziehung zu Dr. Dr. Wilfried Wieck, dem langjährigen Gefährten entsteht die Auseinandersetzung mit den eigenen Geschlechterrollen, die in der gemeinsamen Arbeit zur Entwicklung einer feministischen Psychotherapie führt. Die Autorin, die weiter in Berlin praktiziert, hat zahlreiche erfolgreiche Bücher veröffentlicht, u. a. "Das Leben der Lou Andreas Salome" und "Sein Herz war ein blauer Vogel" - über den Abschied von meinem Mann. Das vorliegende Buch kann Leser­innen und Leser anregen, sich den eigenen Lebens- und Beziehungsfragen zu zuwenden.

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Seitenzahl: 400

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dieses Buch ist den zahlreichen Menschen gewidmet, die mir ihr Vertrauen schenkten und deren Lebensweg ich zeitweise begleiten durfte.

Der Film eines Lebens ist keine geordnete Szenenfolge von der Empfängnis bis zum Tod. Er besteht aus Fragmenten von da und dort.

(William S. Burroughs)

Das Gedächtnis ist keine Sammlung von Dokumenten, die wohlgeordnet in den Tiefen irgendeines Ichs abgelegt sind; es lebt und verändert sich; es reibt Stücke dürren Holzes aneinander, um sie wieder zu entflammen.

Aus: Liebesläufe Von Marguerite Yourcenar

Inhalt

Anfänge

Aufbruch

Ankommen

Gespräche mit der Mutter

Leben gestalten

Abschiede

Ausklang

Anfänge

Als Kind dachte ich, die ganze Welt sei auf diese Weise organisiert, mit Müttern, die meistens drinnen, und Vätern, die meistens draußen sind ...

AUS: DAMALS

VON: SIRI HUSTVEDT

Sonnenflecken flirren. Malen tanzend lichtvolle Ornamente verschwenderisch auf eine Wand. Phantastische Gebilde von Zauberhand. Im Bruchteil von Sekunden tauchen immer neue filigrane Gewebe auf und verschwinden auf mysteriöse Weise sofort wieder. Die Kinderhand patscht entschlossen auf das bewegte Etwas, um es zu fassen. Der kleine Körper auf wackligen Beinen versucht es wieder und wieder. Irgendwann reicht die Kraft nicht mehr.

Fallen. Schnaufen. Atempause. Neuer Versuch. Hochziehen an den Gitterstäben. Dann: Patsch. Patsch. Patsch. Endlich den funkelnden Glanz erwischen. Völlige vertiefte Hingabe an das Spiel.

Plötzlich wird leise die Türe geöffnet. Ein Mensch. Unbekanntes Gesicht. Fremd. Schreck. Schreien. Fallen. Papa erscheint. Nimmt die Kleine auf den Arm. Spricht mit seiner tiefen warmen Stimme beruhigend auf sie ein und zeigt auf den Fremden, spricht mit ihm. Alles ist gut. Von diesem sicheren Platz aus ist statt Angst Neugierde möglich. Die Mutter kommt hinzu. Lachen der Erwachsenen.

Frühester Erinnerungssplitter.

Jahre später, etwa um 1980, las ich Elias Canettis „Die gerettete Zunge“. War völlig hingerissen, geradezu in den Bann geschlagen von seiner leidenschaftlich intensiven Schilderung der frühen Kindheit. Zur Selbstbefragung angeregt stand mir jenes frühe Bild vor Augen. Damals – der Vater war schon lange tot – fragte ich die Mutter, ob es je eine solche Szene, wie ich sie sehr deutlich, fast körperlich erinnerte, gab.

Zweifelte selbst stark an der Echtheit des gestochen scharfen Bildes. Wusste ich inzwischen doch durch das Studium der Psychologie von der geringen Echtheit solchen Erinnerungsmaterials. Alfred Adler, der Schüler Sigmund Freuds und Begründer der Individualpsychologie, erzählte in diesem Zusammenhang einmal von einem eigenen Erlebnis in einer Anekdote: Er sei fest davon überzeugt gewesen, als sehr junges Schulkind als Einziger so mutig gewesen zu sein, den Schulweg einmal über einen Friedhof genommen zu haben, während sich von den anderen Kindern niemand traute.

Später musste er feststellen, dass es diesen Friedhof nie gegeben hat und er, Adler, diese Erinnerung offenbar kreiert hatte, um Besonderheit in sein Selbstbild integrieren zu können.

Zu meinem großen Erstaunen bejahte die Mutter jedoch nach einigem Nachdenken meine Frage. Wusste lebhaft zu berichten, dass an jenem Tag ein Kriegskamerad des Vaters aus Düsseldorf zu Besuch gewesen war. Dieser arbeitete nach dem Krieg als Schausteller und kam jedes Jahr mit seinem Autoscooter und einem Raupen-Karussell zur Dorfkirmes.

Dem Vater oblag damals von Amts wegen die Aufgabe, bei diesem Anlass auf dem Markt des Dorfes Plätze für Buden und Karussells zu verteilen. Vor seiner Verabschiedung wollte der Besuch einen Blick auf die kleine Tochter werfen.

„Wir dachten doch, du hältst Mittagsschlaf, stattdessen hast du in deinem Bettchen gestanden und beobachtet, wie die Sonne durch die Kastanienbäume fiel. Die Wand hinter deinem Bett war voll von den Lichtreflexen. Du warst ganz fasziniert. Joseph hat dich sehr erschreckt, denn du hast gebrüllt wie am Spieß, bis dein Vater kam und dich hoch auf den Arm nahm. Dann war Ruhe.“

Wie immer es wirklich gewesen sein mag, jene frühe Szene hinterließ Spuren im Gefühl. Spuren, die im Laufe der Zeit immer mehr Eingang fanden in eine innere Haltung, die half, mit Fehlschlägen, Nichtkönnen und Enttäuschungen aller Art umzugehen. Schwierige Erlebnisse zu verkraften, so zu formen, dass Impulse blieben, neue, weitere Versuche zu unternehmen. Der Zuwachs an derartigen Erfahrungen durch Wiederholungen, durch Üben, schuf Ermutigung, festigte die Überzeugung, dass auch unüberwindbar Scheinendes durch stetiges entschlossenes Ausprobieren meist zu bewältigen ist. Im Laufe der Jahre versprachen derartige Lernprozesse zunehmend die Aussicht auf Empfindungen von Freude. Mitunter sogar Glücksgefühle. So wurde allmählich die Erfahrung vertieft, dass Versuche zu einem Zuwachs an Kompetenz führen können. Noch ein weiteres Spurenelement aus jener frühen Szene blieb tief im Gefühl verankert: dass Nähe zu Menschen Angst mindert, oft sogar auflöst.

Als Schulkind gefragt, was ich einmal werden möchte, war es mir mit neun, zehn Jahren angesichts der vielen, vor allem noch unbekannten Möglichkeiten völlig undenkbar, eine Wahl zu treffen. Entwürfe für die Zukunft änderten sich in Phantasiespielen ständig.

Monatelang stand zweifelsfrei fest, dass ich irgendwann nach Afrika gehen würde. Und zwar nach Lambarene, zu Dr. Albert Schweizer, ins zentralafrikanische Gabun, um dort im Hospital als Krankenschwester zu helfen. In der Familie der Mutter gab es einige Frauen, die in diesem wichtigen Beruf tätig waren. In anderen Bildern sah ich mich in einem schicken blauen Kostüm der Lufthansa über den Wolken schweben. Stellte mir farbig vor, wie es wäre, die ganze Welt zu bereisen. Damit war klar, dass ich selbstverständlich Stewardess werden würde.

Als ich ein Buch über Damian de Veuster, einen belgischen Missionar, las, der auf der Insel Molokai bei Hawaii Leprakranke behandelte, dort Aussätzigen half, die von der übrigen Welt gemieden wurden, regte der Inhalt meine nach Abenteuern hungernde Phantasie sofort wieder neu an. Lebhaft malte ich mir aus, in der dringend benötigten Truppe von Helfern und Helferinnen engagiert mitzutun.

Oft spürte ich, wahrscheinlich zunächst angeregt durch das Vorbild des Vaters, später auch durch entsprechende Lektüre, den tiefen Wunsch, mich für Bedeutsames einzusetzen, vielleicht sogar zu kämpfen.

Wobei es noch ganz andere Sehnsüchte gab. Beim sonntäglichen, meist stundenlangen Anhören von Schallplatten, dem Lauschen hinreißender Arien aus Opern von Mozart, Puccini, Wagner und Verdi fühlte ich das tiefe Verlangen, vielleicht auch einmal in so schwindelerregender Höhe singen zu können, wie es die Arie der Königin der Nacht verlangte. Allerdings blieb rätselhaft, wie man eine solche Sängerin wurde.

Seit dem fünften Lebensjahr sang ich mit dem Vater, der eine beeindruckende, volltönende Bassstimme hatte, in einem Chor und die meiste Zeit zu Hause. Oft erfand ich spontan Melodien, die mich zu Tränen rührten. Die Nachbarin meinte einmal erstaunt zu meiner Mutter: „Frau Hülsemann, die Irmgard singt ja den ganzen Tag.“

Während die Erwachsenen mich bei meinen angestrengten Überlegungen amüsiert betrachteten, nach einer Weile nachhakten – „Na, was denn nun?“ –, mir immer neue Bilder durch den Kopf sausten, endete die Befragung von meiner Seite meist mit dem Seufzer: „Wahrscheinlich irgendwas mit Menschen.“

Zu einem späteren Lebenszeitpunkt den Blick zurückzuwenden, ihn auf die nur scheinbar versunkene Welt der Kindheit zu richten, löst Berührt- und Ergriffensein ganz eigener, unverwechselbarer Art aus.

Gilt es doch, gleichsam einzutauchen in einen wirbelnden Strom unsortierter widersprüchlicher Bilder, dabei Fetzen von auftauchenden Szenen zu erhaschen, die aus dunkler Tiefe assoziativ an die Oberfläche gespült werden.

Es sind bloße Fragmente, die trotz ihrer Verzerrungen oder Überzeichnungen der Vergangenheit erneut Präsenz verschaffen. Wie in einem vielfarbigen Kaleidoskop tauchen dabei allmählich Gesichter aus dem Dunkel auf, die vergessen, bedeutungslos, zumindest verblasst schienen, plötzlich aber wieder an Farbe und Kontur gewinnen. Aus verstummten Geräuschkulissen tönen einzelne Stimmen klar und deutlich. Beleben frühere Botschaften. Selbst Körperzellen erinnern sich. Ihr Gedächtnis ist ein Speicher, der von Berührungen weiß, von lustvoll spielerisch, sinnlichen Empfindungen beim ersten Kontakt mit der Welt, dem Füttern, der Pflege, dem Spiel.

Im Akt des Nachspürens erwachen verblasste Erfahrungen zum Leben. Taucht die Zeit unbekümmerter Existenz auf. Beglückende Situationen von zärtlichem Gehaltensein, von Geborgenheit und Nähe. All das ist unauslöschlich eingebrannt im Bild des total entspannten, wohlig beschützten Einschlafens in sicherer Umarmung, auf einem weichen Schoß. Dabei noch im Wegdämmern die vertrauten Stimmen im Ohr. Ihr Klang beim Sprechen. Das Lachen von Frauen und Männern. Als dazugehörende Musik das Klappern von Tellern und Kaffeetassen.

Und doch tönt gleich neben all den harmonischen Gefühlsklängen etwas ganz anderes an. Dunkle Dissonanzen werden ebenfalls hör- und fühlbar. Solche, die unauflösbar mit Erlebnissen von Leid, Nichtverstehen, Scham, Unsicherheit, Schmerzen und Ängsten verknüpft sind, die immer noch wildes Herzklopfen verursachen können. Bedrohliches Gefühlsgebräu, in dem die fraglose Sicherheit verloren geht.

Wer den eigenen Lebensfilm zurückspulen mag, stößt sowohl auf Szenen, die wie eingebrannt scheinen, als auch auf solche, die rätselhaft unscharf bleiben. Das kann spannend, auf jeden Fall erhellend sein. Es bedeutet, Kontakt aufzunehmen zu jener frühen kindlichen Welt, die vor allem aus Sinneseindrücken bestand: aus unzähligen Berührungen, Klängen, Tönen, Düften, Gerüchen, Geräuschen und Geschmacksnoten. Die Zugänge zu jenem Wesen von damals erlauben mir innere Zwiesprache, mit dem kleinen Mädchen, mit ihren weißblonden dicken Zöpfen, von riesigen Schleifen gehalten, die sie bald abgrundtief hasst.

Alles ist belebt.

Auch viele Jahrzehnte entfernt vermag ich in dem alternden Frauenkörper von heute die kleine Person von damals zu fühlen, spüre ihre kindliche Hingabefähigkeit, die Weichheit und Offenheit, in der alles Erlebte emotionale Abdrücke hinterlässt. Fühle tiefes, noch nicht erschüttertes Vertrauen in die Welt. Festes Zutrauen in Nähe und Geborgenheit.

Zu diesem Kind gehört eine unbekümmerte fröhliche Lust und Neugier, mit der es alles wahrnimmt und bestaunt. Vor allem eine Vielzahl von Menschen, eine bunte Schar, die zum täglichen Leben, zu seiner Welt gehört.

Gleichzeitig sind dem Erinnern auch andere Farben beigemischt. In schmerzhafter Deutlichkeit steigen jene Empfindungen auf, die unerwartet, wie überfallartig in manchen Situationen auftreten. Furcht, Ängste, Unsicherheit, Schamhaftigkeit gehören dazu. Sie bewirken, dass der Kinderkörper in seinen Bewegungen steif und ungelenk wird. Verletzbar. Bleischwer. Das Gefühl lähmender Hilflosigkeit. Die Ahnung von Ausgeliefertsein.

Und dennoch existieren Bilder, nicht nur bloßes Wunschdenken, dass es einmal eine Zeit gab, in der es keinen Unterschied gab zwischen ihr und all dem anderen Lebendigen ringsherum. Einssein. Verbundensein. Kein Getrenntsein. Die Zuneigung zu Tieren lässt sie Teil davon sein. Da sind zunächst die Herden von schwarz-weiß gefleckten Kühen, die unermüdlich Gras auf eingezäunten Weiden käuen. Derweil ihr Blick aus großen feuchtdunklen, sanftmütigen Augen unergründlich rätselhaft bleibt. Bei dem Nachbarn hoppeln Kaninchen in Ställen, die beobachtet und gestreichelt werden dürfen.

Es gibt lustig gackerndes Gezänk der Hühner, während sie aufgeregt scharrend herumlaufen. In der Frühe dann das durchdringende Triumphgeschrei der Hähne. Gerne sieht sie den großen schweren Schweinen zu, die sich zufrieden grunzend im Schlamm suhlen. Mit Pferden, dunkelbraunen rheinischen Ackergäulen, keine eleganten Rennpferde, sondern Arbeitstiere, versucht sie mitzulaufen, wenn sie auf ihrer Koppel mit flatternder Mähne plötzlich fröhlich wiehernd zu galoppieren beginnen.

Und selbstverständlich spricht sie zu all diesen Wesen. Mit unterschiedlichem Erfolg. Auf fast täglichen Spaziergängen mit der Mutter hält sie ihnen gerupftes Gras zum Fressen hin, verteilt ab und zu Zuckerstückchen oder Äpfel. Am schönsten ist es, sie zu streicheln.

Der pechschwarze Nachbarhund Rex hat ebenfalls ihr Herz erobert. Sie darf ihn manchmal an der Leine ausführen. Mit ihm teilt sie geschwisterlich alle Leckereien, sogar Schokolade. Katzen versetzen sie am meisten in Spielfreude und Entzücken. Sie versteht es, sie in ihre Nähe zu locken, um mit ihnen zu spielen. Eine eigene haben darf sie nicht. Die Mutter ist strikt dagegen.

Die Kindheitslandschaft, in der sie aufwächst, liegt am Niederrhein. Sie ist flach und weckt mit ihrer schier unendlich wirkenden graublaugrünen Weite Sehnsucht nach Ferne. St. Hubert heißt das kleine Dorf in der Nähe der holländischen Grenze.

Hier treibt der Wind an vielen Tagen schiefergraue, niedrig hängende Wolkengebirge vor sich her, aus denen reichlich Regen fällt.

Aber im Sommer wogen Kornfelder wie goldene Meere. Bildern von van Gogh ähnlich. Da und dort liegen große dunkle Gehöfte, hinter Wachholderbüschen oder Weißdornhecken versteckt, von kleinen trüben Gewässern umgeben. Manche gleichen Festungen. Oft von Schäferhunden bewacht, die an der Kette liegen und laut zu bellen beginnen, wenn man sich dem Eingangstor nähert.

Tiere werden in unmittelbarer Nähe gehalten. Felder mit Rot- und Weißkohl, Zuckerrüben und Kartoffeln bestellt. Es ist eine fruchtbare dunkle Erde, über die nach der Ernte im Herbst große Scharen von schwarzen Krähen fliegen, dabei harte, kämpferische Schreie ausstoßen, die das Kind beängstigen.

Sobald der Frühling voller Versprechen einzieht, stehen Lerchen jubilierend so hoch oben in der Luft, dass sie mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind, während ihr süßer Gesang die Luft erfüllt.

Im Zentrum des Ortes steht die katholische Kirche, mit einem hoch aufragenden gotisch aussehenden Glockenturm, umgeben von schmalen, engen Straßen.

Niedrig geduckte Häuser sind gleichförmig gereiht. Sie erwecken den Eindruck, dass hier niemand aus der Reihe zu tanzen wagt. Nicht selten wird der Gang durch die Sträßchen von kontrollierenden Blicken begleitet. Von einem Fensterplatz aus, die Arme gemütlich auf ein Kissen gestützt, mustern gewisse Frauen ganz ungeniert die Vorbeigehenden, sammeln Material für Dorfklatsch.

Die Abwesenheit vielgestaltiger Formen und Farben bewirkt öde Gesichtslosigkeit, deren graues Einerlei nur von wenigen Geschäften mit bunten Auslagen für den täglichen Bedarf etwas abgemildert wird.

Einzig der Friedhof, weitläufig wie ein Park mit Bäumen, Büschen, Bänken und Blumenrabatten angelegt, offenbar bewusst gestaltet, ist sehenswert, zeugt von Sinn für Schönheit.

Der friedliche Ort für die Toten ist gleichzeitig beliebter Treffpunkt junger Liebespaare. Hier können unbeobachtet Annäherungen probiert und Zärtlichkeiten ausgetauscht werden.

An den Grenzen des Dorfes stehen nur noch vereinzelte Häuser. Baumbestandene, breitere Straßen führen in andere, größere Dörfer oder Städte.

Der Grenzort zu den Niederlanden ist Venlo. Das Ruhrgebiet nicht weit entfernt. Je nachdem, in welche Richtung man fährt, werden die asphaltierten Straßen außerhalb des Ortes zu schmalen ungepflasterten Wegen. Die Feldwege verbinden die Gehöfte und Siedlungshäuser miteinander oder führen in angrenzende Waldgebiete. Meist sind sie von schief und krumm in den Boden gestemmten Weiden gesäumt. Im Winter, wenn sie keine Blätter tragen und der Boden schneebedeckt ist, erinnern sie von Ferne an bucklige, schwarz gekleidete Alte.

Neben einigen Textilgeschäften gibt es mehrere Bäckereien, eine Konditorei am Marktplatz, eine weitere am Ortsausgang, wo eine Straße in die Kreisstadt Kempen führt. Drei Metzgereien versorgen die Menschen mit Wurst und Fleisch aus hauseigenen Schlachtungen. Zwei Apotheken und eine Drogerie befinden sich am Marktplatz. Dort fahren auch Busse in Nachbarorte ab. Gegenüber der Post ist eine Gemeindebibliothek, unmittelbar neben dem Bürgermeisteramt, dem Arbeitsplatz des Vaters.

In zwei Schreibwarengeschäften, die an der Hauptstraße liegen, sind Tageszeitungen, Illustrierte, Zigaretten, Süßigkeiten, Papierwaren und allerlei Utensilien für die Schule erhältlich. Zwei Ärzte kümmern sich bei Erkrankungen um die Dorfbewohner. In vier Wirtshäusern wird neben dem Ausschank von Alkohol Hausmannskost als Mittagstisch angeboten, obwohl es eher selten ist, dass Einheimische auswärts essen. Die zu den Wirtshäusern gehörigen geräumigen Säle sind an festen Abenden für Vereine und Chöre reserviert, die hier proben.

Sonntags, nach dem Besuch der Messe, sitzen ausschließlich Männer, meist bis zum Mittagessen, beim Stammtisch in den Kneipen. Neben dem Sportplatz mit einem Fußballfeld ist das einzige Kino zu finden. Das „Lichtspieltheater“ kündigt jeweils in zwei Schaukästen mit auffallend grellbunten Bildern laufende und neue Filme an. Für das Seelenheil der Gläubigen ist ein Pastor zuständig, dessen Pfarramt, hinter Mauern geschützt, direkt gegenüber der Kirche liegt. Ein Kaplan ist ihm für bestimmte kirchliche Aufgaben beigestellt. Die wenigen Protestanten, die hier leben, meist ehemalige Flüchtlinge, werden von einem für sie zuständigen Geistlichen in einer eher ärmlich wirkenden kleinen Holzkirche betreut. Der stets gleiche verlässliche Kreislauf von kirchlichen und dörflichen Festen ist im Kalender den jeweiligen Jahreszeiten zugeordnet.

Mein Rückblick auf all das ruft sogleich Assoziationen und weitere Bilder hervor. Solche, die von Situationen und Szenerien erzählen, in denen das frühe Ich zu Hause war. Jenes kleine Mädchen, das mit vier Jahren zum ersten Mal in der Konditorei alleine Kuchen kaufen darf, weil der zwei Jahre ältere Bruder, Erhard, an dem Tag eingeschult wird, eine bunte Tüte bekommen hat. Ein Mädchen, das auf die neugierige Frage der Bäckersfrau „Wer bist du denn?“ mit großem Ernst ganz selbstverständlich antwortet: „Ich bin das Kind von Mama“, und dabei fast empört denkt, was für eine komische Frage, wessen Kind sollte sie denn sonst sein?

Die Mutter, die draußen vor der Konditorei wartet, lacht herzhaft, als die Besitzerin mit der Kleinen herauskommt und wissen will, welche Mutter zu diesem Kind gehört. Ein Kind, das, wie sich herausstellt, alles wörtlich nimmt. Als sie mit den Eltern auf einem Pfingstspaziergang in einen Gasthof einkehren und sie etwas bestellen darf, wählt sie, nachdem ihr die Speisekarte vorgelesen wurde, eine Suppe mit Ochsenschwanz. Sie ist gespannt und erwartet einen Riesenschwanz auf ihrem Teller. Stattdessen kommt eine braune Brühe, in der trotz allen Rührens nichts zu finden ist. Die Eltern, die diesen Vorgang beobachten, fragen, ob ihr die Suppe nicht schmeckt. Sie antwortet: „Das ist gar keine richtige Ochsenschwanzsuppe, da fehlt der Schwanz.“ Der Versuch der Eltern, zu erklären, vermag ihre Enttäuschung nicht aufzuheben.

Das Erlebnis hinterlässt eine Art von Misstrauen, die beunruhigende Erfahrung, dass man der Sprache nicht immer trauen kann.

Empfindungen für den Kinderkörper, eine kleine schlanke Gestalt, die in Gegenwart von Fremden, in der Bemühung brav zu sein, alles richtig zu machen, steif und ungelenk werden kann, ist noch leicht abrufbar. Sie hasst es, fotografiert zu werden. Auf den wenigen Fotos, die aus der frühen Zeit existieren, schaut sie aus grünen Augen, die dicken weißblonden Haare zu Zöpfen geflochten, ernst und widerwillig drein, runzelt kritisch die Stirn. Sie mag es nicht, lächeln zu müssen, gemustert zu werden wie ein Gegenstand, als ob der eigene Körper gar nicht ihr gehört. Das geschieht zum Beispiel, wenn ein selten zu Besuch kommender Bruder der Mutter kontrollieren möchte, wie ihre Fingernägel aussehen, ob sie sie anknabbert. Oder die älteste Schwester des Vaters bei ihren Besuchen eklige nasse Küsse verteilt.

Ihre vorwurfsvolle Klage hierüber bei der Mutter führt dazu, dass diese sie ermutigt sich zu wehren. „Das darf keiner mit dir machen, wenn du das nicht möchtest.“

Insgesamt überwiegt in dem frühen Lebensgefühl jedoch die Sicherheit, in Liebe und Geborgenheit eingebettet zu sein. Dieses verlässliche Fundament lässt sie im vertrauten Kreis von Menschen unbekümmert herumalbern und wie ein Wasserfall plaudern. Einbrüche in diese heile Welt sind selten. Aber es gibt sie. Wahrnehmungen, für die sie noch keine Sprache hat, nur Empfindungen. Manches rätselhafte Nichtverstehen, das von Entsetzen begleitet wird. Der dunklen Ahnung, dass Unheimliches existiert.

Ich bin ein Nachkriegskind. Friedenskind, im Mai 1946 geboren. Mit einem Vater, der mit nur einem Lungenflügel wüst zerschossen aus dem barbarischen, grauenhaften Krieg zurückkehrt. Sechs Rippen fehlen ihm. Lebenslang legt er allmorgendlich ein Stangenkorsett an. Eine Art Panzer, von dem er sich erst abends wieder befreien kann. Die Folge ist nicht nur eine stets kerzengerade Haltung, die Verwundungen erlauben ihm auch keine schwere körperliche Arbeit. Uns Kinder zu tragen oder mit uns zu toben ist ebenfalls nicht möglich. Stattdessen liest er vor, erzählt Geschichten, singt wunderbar. Er kann Brett- und Kartenspiele spielen. Unter seiner linken Schulter klafft ein faustgroßes Loch, durch das ich als sehr kleines Mädchen, wenn der Vater im Bad steht, sich morgens rasiert und wäscht, hindurchgucken kann. Der Rücken ist von Granatsplittern zerklüftet.

Darüber, wann und wie das alles geschehen ist, wird nur selten und wenn, auf wenig verständliche, rätselhafte Weise gesprochen.

Trotzdem, unfassbar, erlaubt der Vater Jahre später dem einzigen Sohn, meinem Bruder Erhard, freiwillig zur Bundeswehr zu gehen. Der ist glühend von der Idee begeistert, durch einen vierjährigen freiwilligen Dienst beim Bund eine Weltreise finanzieren zu können. Eine Reise, die niemals stattfindet, weil unmittelbar nach dem viel zu frühen, plötzlichen Tod des Vaters, der mit 54 Jahren an den Folgen der Verletzungen und seiner jahrelangen Nikotinsucht, die zu drei Herzinfarkten führte, stirbt, der Bruder monatelang an einer so schweren Depression leidet, dass er das Bett nicht mehr verlässt.

Die Mutter, in ihrer tiefen Trauer um den verlorenen Mann und in Ratlosigkeit um den kranken Sohn ebenfalls am Rande ihrer seelischen und physischen Kräfte, bittet mich – die damals gerade in Wiesbaden in der Ausbildung zur Sozialarbeiterin ein Praktikum am Sozialamt absolviert –, den Bruder im Rheinland abzuholen, um ihn in Mainz in eine spezielle Klinik zu bringen.

In einem Telefonat sagt sie wörtlich: „Ich weiß nicht mehr weiter. Ich kann nicht mehr. Wenn du jetzt nichts unternimmst, kannst du mich gleich mit in eine Klinik bringen.“

Unter diesem ungeheuren Druck spreche ich in einer der Universität angegliederten Klinik für Psychosomatik vor und schildere die dramatische Notsituation. Man zeigt viel Verständnis, erteilt meinem Anliegen dennoch eine Absage, weil es keine freien Betten gibt.

Daraufhin erwidere ich dem Arzt: „Ich bleibe hier sitzen, bis Sie mir sagen, dass ich meinen Bruder bringen kann.“

Woher ich, ein damals noch weitgehend braves, angepasstes Mädchen, die Kraft für diesen Widerstand nahm, ist mir bis heute rätselhaft. Wie ein schwerer Stein rührte ich mich nicht von der Stelle. Ab und zu schaute jemand vom Personal in den Raum und sah mich dort weiter bewegungslos sitzen. Nach Stunden kam eine Schwester und sagte den erlösenden Satz: „Sie können ihren Bruder bringen.“

Ich war gerade zwanzig. Über den Verlust des geliebten Vaters konnte ich nicht trauern, weil ich seinen Tod nicht fasste, ihn als gänzlich irreal empfand. Für mich war und blieb er jahrelang lebendig.

Als ich damals das Praktikum am Sozialamt in Wiesbaden antrat, kannte ich niemanden. Bei der Zimmersuche landete ich zunächst ahnungslos in einem gehobenen Bordell, wunderte mich allerdings über die vielen Türen, die von meinem Zimmer in ein elegantes großzügiges Bad führten, was mir sehr gefiel. Als die Zimmerwirtin erfuhr, dass ich am Sozialamt tätig sein würde, war das Zimmer bedauerlicherweise vergeben. Die Suche ging weiter. Der Zustand, in dem ich alles zu bewältigen versuchte, war nebelhaft. Da ich kaum Geld zur Verfügung hatte, arbeitete ich an den Wochenenden als Hilfe in der Küche vom Bahnhofshotel. Einmal musste ich nachts zu Fuß von Wiesbaden nach Bierstadt laufen, wo ich ein Zimmer gemietet hatte. Mir war nicht der Gedanke gekommen, nach einem Vorschuss zu fragen. Als meine Leiterin im Amt davon erfuhr, war sie entsetzt, dass ich nicht längst selbst Sozialhilfe beantragt hatte, die mir umgehend gewährt wurde. Nach dieser riesigen Entlastung war es nun möglich, bei Streifzügen in der freien Zeit die Stadt und Umgebung zu erkunden. Als ein Kollege erfuhr, dass ich leidenschaftlich gerne singe und Chorerfahrung habe, lud er mich in den Chor des Staatstheaters ein, wo gerade das Requiem von Mozart einstudiert wurde.

Die Tischgespräche, in denen der Vater und Bruder Jahre zuvor über Landkarten gebeugt eifrig Reisepläne schmiedeten für die Zeit nach dem Bund, sind mir noch lebhaft im Ohr, weil mein spontanes Entsetzen über das Bundeswehrprojekt mit einem „Du verstehst das nicht. Du kannst das eben nicht begreifen“, abgetan wurde. Dass ich die Idee einer Weltreise selbst höchst verlockend und faszinierend fand, war klar, aber der Gedanke daran, was den Bruder, einen sensiblen Muttersohn, an autoritärem Drill und totaler Anpassung beim Militär erwarten, was es mit ihm machen würde, versetzte mich in Wut und ohnmächtige Empörung.

Damals, als der Plan zum ersten Mal gefasst wurde, war ich bereits in Münster, in der Ausbildung zur Kindergärtnerin, und konnte es nicht fassen, dass die Eltern den Wahnsinn dieses Projekts, eine drohende Katastrophe, nicht voraussahen. Ich nahm es ihnen übel, dass sie nach der Erfahrung eines entsetzlich brutalen Krieges sein Ansinnen nicht sofort ablehnten, nicht erkannten, dass das militärische System die Persönlichkeit ihres Sohnes verändern, erschüttern, vielleicht sogar zerstören würde.

Erst als der Bruder bereits nach knapp vier Wochen militärischer Grundausbildung, dem üblichen Drill und einem versuchten sexuellen Übergriff eines Vorgesetzten von seiner Einheit geflohen war, räumten die Eltern tief bekümmert und ratlos ihren Irrtum ein.

Damals klingelten Feldjäger nachts in der Neubrückenstraße bei den Nonnen. Sie vermuteten ihn bei mir im Internat. Dachten wohl, ich habe ihn unter meinem Bett versteckt. Tage später fanden sie ihn. Er musste zurück, wurde mit Wochen Einzelhaft bestraft und musste danach seinen Dienst weiter ableisten. Irgendwann schickte er Fotos von sich von einer Truppenübung. Darauf sieht man ihn in Uniform, ein Bein angewinkelt, Zigarette im Mund, lässig auf einem Panzer sitzen und unter seinen schwarzen, kurz geschnittenen Haaren trotzig in die Kamera blicken. Heute würde man bei seinem Anblick „cooler Typ“ sagen. Tatsächlich wurden andere, destruktive Weichen gestellt. Aber ich greife vor, denn das alles geschah viel später.

Erinnerungssplitter: Auf dem Küchentisch steht eine Zinkbadewanne, in der mein Bruder und ich herumplantschen und von der Mutter gebadet werden. Es klingelt an der Haustüre. Die Mutter trocknet die Hände ab und geht hinaus. Der zwei Jahre ältere Bruder steigt flink aus der Wanne und rennt nackt hinter ihr her. Schreiend bleibe ich zurück, will mit, bin aber noch zu klein, um selbstständig aus der Wanne steigen zu können. Dieses Noch-zu-klein-für-etwas-zu-Sein begleitet mich lange. Irgendwann beginnen wir aus dem häufigen Klingeln an der Haustüre ein eigenes Spiel zu machen, wir spielen: Frau Hülsemann, isse Mann da?

Erhard setzt einen Hut des Vaters auf, tut so, als ob er als Besucher klingelt. Meine Rolle ist es, Frau Hülsemann zu spielen, die Auskunft geben muss, ob der Mann da ist, Rat und Hilfe geben kann oder nicht.

Tatsächlich klingeln täglich zahlreiche fremde Menschen an unserer Türe und fragen nach dem Vater, der als Sachbearbeiter auf dem Amt für eine Vielzahl sozialer Belange von Menschen zuständig ist. Er kümmert sich um Witwen- und Waisenrenten, Anspruch auf Hilfe für Flüchtlinge aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien, besorgt Wohnungen, hat Hausschlachtungen zu genehmigen und anderes mehr.

Einmal, sie ist bereits ein neunjähriges Schulkind, erzählt sie zu Hause beim Mittagessen von einem Jungen, Thomas Jordan, dem neuen Klassenkameraden, der mit seiner Mutter von einem Gut aus Ostpreußen geflohen ist. Sein Vater ist tot. Die Mutter, eine ehemalige Gutsverwalterin, hat weder Arbeit noch eine Wohnung. Die Eltern besprechen den Notfall und Thomas und seine Mutter dürfen mehr als drei Monate in unserem Wohnzimmer leben, bis der Vater auf einem Gut in der Nähe von Geldern eine neue Stelle und Wohnmöglichkeit für sie gefunden hat.

Für seine stete Bereitschaft zu rascher unbürokratischer Hilfe ist der Vater bekannt. Wird er von vielen geliebt. Im Amt hat er ein eigenes Büro. Dennoch wird sogar am Wochenende von Bittstellern bei uns privat geklingelt.

In der Zeit vor der Einschulung darf ich ihn ab und zu mit der Mutter auf dem Amt besuchen. Spiele dann mit den zahlreichen Stempeln, die an einem runden schwarzen Metallgestell hängen. Auf dem großen Schreibtisch befinden sich lauter interessante Dinge. Eine Vielzahl an Stiften, Klammern, Formularen, Papier, Aktenordner, ein schwarz glänzendes Telefon. Der weitaus interessanteste Gegenstand in meinen Augen ist die schwarze Schreibmaschine mit runden in Metall gefassten weißen Tasten. Wenn ich Glück habe, darf ich ein Blatt Papier in die Maschine spannen und auf den Tasten herumspielen, sodass lustige Muster entstehen.

Sehr früh ist da ein Gefühl, dass der Vater ein besonderer, ein wichtiger Mann ist. Sobald ich ihn sehe, schlägt mein Herz wild vor Freude und ich fliege in seine Arme. Er schenkt mir das Gefühl bedingungsloser Liebe und Geborgenheit.

Sein Name ist Julius.

Vater ist ein hochgewachsener, schlanker Mann mit dunklen Augen unter kräftigen Brauen. Die vollen schwarzen Haare sind so, dass ihm mitunter eine Strähne ins Gesicht fällt, die er mit einer Kopfbewegung rasch zurückwirft. Er trägt immer Anzüge, Westen und Hemden, Mantel und Hut. Zu Hause wechselt er Anzugjacke und Weste gegen eine Strickjacke.

Er sieht sehr gut aus. Wegen seiner Haltung, im Kontakt mit Menschen keine Unterschiede zu machen, wird er geachtet und geschätzt. Allen Menschen begegnet er interessiert, offen, respektvoll und mit Humor. Selbst in Problemfällen führt seine kenntnisreiche Hilfsbereitschaft meist zu einer Lösung.

Mit den Akademikerfreunden aus seiner Kindheit spricht er nicht anders als mit Menschen, die im Dorf als „Asoziale“ bezeichnet werden, über wenig Bildung verfügen und überhaupt Mühe haben, ihr Anliegen in passende Sätze zu kleiden.

Wenn er nach dem Mittagessen, bevor er sich zu seinem täglichen kurzen Schlaf hinlegt, mit der Zeitung „Rheinische Post“ am Küchentisch sitzt und liest, sitze ich auf seinem Schoß und schaue – etwa dreijährig – auch in die Zeitung.

Wenn mir das langweilig wird, turne ich auf ihm herum und beginne seine Haare mit den Händen zu kämmen, versuche vergebens Zöpfchen zu machen. Er lässt mich immer gewähren, liest und blättert weiter, während ich auf ihm spiele.

Julius wächst in einer Beamtenfamilie, in St. Tönis, mit sechs Kindern auf. Die Mutter stirbt früh an Krebs. Großmutter lerne ich nur auf Fotos kennen. Eine in elegantem Schwarz gekleidete Dame, die silbrigen Haare locker hochgesteckt, ernst in die Kamera blickend.

Der Großvater ist ein freundlicher, etwas rundlicher, gemütlich wirkender und leiser Mann, den ich auch eher selten erlebe. Von den drei Schwestern des Vaters, Maria, Anneliese und Carla, liebe ich die Jüngste, Carla, am meisten. Als ich neun bin, bringt sie für immer die Farbe Lila in mein Leben.

Der älteste Bruder Heinrich stirbt im Krieg, Jakob, der mittlere Sohn, überlebt, heiratet und führt mit seiner Frau Grete das Familienhaus weiter, die Schwester Anneliese bleibt dort unverheiratet in der oberen Etage wohnen. Der Großvater lebt ebenfalls bis zu seinem Tod bei den Kindern.

Früh beobachte ich Unterschiede in der Familie der Mutter und der des Vaters. Alles dort, die Sprache – bei ihnen wird akzentuiert Hochdeutsch gesprochen –, das emotionale Klima, die Mimik der einzelnen Personen, die Einrichtung der Räume, ihre Rituale beim Essen und die Umgangsformen, ist anders als in der Familie der Mutter. Die Familie Hülsemann scheint vornehmer, wirkt selbstbewusster, zumindest tut sie so.

Christine, die Mutter, eine schlanke, androgyn aussehende Frau mit kurzen, dunkelblonden lockigen Haaren, einem schmalen Gesicht, in dem zwei wache graublaue Augen mitunter streng auf das Gegenüber blicken, duftet fast immer nach Mouson-Creme und Juchten-Parfum. Ihre Liebe erlebe ich nicht so bedingungslos wie die des Vaters. Sie hat ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie ihre Kinder zu sein haben, vermittelt das in klaren Regeln, Ge- und Verboten und hat durchaus Erwartungen, die erfüllt werden sollen. In einem unserer Gespräche, lange nach der Kinderzeit, sage ich ihr einmal, dass sie eine wunderbare Mutter für kleine Kinder war, sehr verständnisvoll, fürsorglich, beschützend und anregend, aber bei sich allmählich lösenden, eigenwilligen Heranwachsenden an Verständnisgrenzen stieß.

Konflikte und Kämpfe zwischen uns werden daher mit zunehmendem Alter unvermeidlich. Als ich mich mit ungefähr zehn Jahren in Farben kleiden möchte, wie ich sie auf den Bildern der Expressionisten, vor allem der „Blauen Reiter“, in meinem Schullesebuch entdeckt habe, es sind krasse Grün- und Blautöne, wird die Idee von ihr sofort als völlig geschmacklos missbilligt und schlichtweg verboten.

Es empört mich, dass sie über mein Aussehen bestimmen will. Wann immer es geht, wehre ich mich dagegen, hasse die zu tragenden kackgrünen Lodenmäntel, hasse Schleifen, hasse Schürzen und hasse überhaupt ordentliches, langweiliges Aussehen. Leider versteht die Mutter auch nichts vom Haareschneiden. Jedes Mal, wenn ich glücklich bin, dass meine Ponyfransen endlich bis zu den Augenbrauen reichen, kommt sie mit einer großen Schere und schneidet unter meinem Protest die hohe Stirn frei. Natürlich schief und krumm. Dafür hasse ich sie.

Nachdem ich mich darüber vehement beim Vater beschwere, tritt er diplomatisch für mich ein und empfiehlt der Mutter, das Haarekürzen doch lieber einem Friseur zu überlassen. Nach solchen Kämpfen nehme ich mir fest vor, die Mutter mit Schweigen zu bestrafen. Leider scheitere ich meist mit meiner Strafaktion zu einem viel zu frühen Zeitpunkt, weil ich einfach zu gerne mit ihr spreche und erzähle, was ich erlebt habe oder mir durch den Kopf geht. Diese Schwäche nehme ich mir übel und kreide sie mir als Mangel an.

Mit etwa elf möchte ich unbedingt einen Petticoat haben, weil ihn fast alle Mädchen aus der Klasse tragen, sie meint nur: „Was alle haben, müssen wir nicht unbedingt auch haben.“

Alles Bitten und Murren hilft nicht. Es bleibt bei ihrer Weigerung. Eines Tages will der Vater die Mutter mit einem Fernseher überraschen. Wir Kinder sind eingeweiht und hocherfreut. Als das Gerät geliefert wird, müssen die Männer auf der Treppe umkehren, mit dem kühlen Kommentar versehen: „Ich habe so ein Gerät nicht bestellt und ich möchte auch keines in meiner Wohnung haben.“

Mitunter ist sie trotz ihrer konsequenten Haltung bereit, Regeln über den Haufen zu werfen. Als Ausnahme versteht sich. In einem Sommer erlaubt sie so meinem Bruder und mir, die Kirschkerne der Pfannkuchen einfach in die Küche zu spucken. Wir genießen das Erlebnis, müssen danach selbstverständlich alle Kerne sorgfältig einsammeln.

Wenn an den Nachmittagen die Schulaufgaben erledigt sind, besuchen die Mutter und ich häufig ihre Schwester, Rosa, mit der sie sich besonders gut versteht. Sie ist eine wunderbar warmherzige, fürsorgliche Person und meine Lieblingstante. Während die Frauen stundenlang miteinander reden und dabei bestimmte Arbeiten verrichten, spiele ich auf dem weitläufigen Gelände draußen mit dem großen Schäferhund und stromere herum. Mitunter wird es spät, weil noch ein Film im Fernsehen geschaut wird. Mir fällt der Heimweg dann schwer, weil ich schon müde bin und in der Dunkelheit keine Lust mehr habe zu laufen. Mutter versucht mich bei Laune zu halten, indem sie mir am sternenübersäten Himmel verschiedene Sternenbilder zeigt, während wir in der Nachtschwärze zwischen den Feldern gehen. Mitunter, wenn all ihre Überredungskünste nicht mehr helfen, stellen wir uns einander gegenüber, fassen uns an beiden Händen und hüpfen den Weg entlang, weil es so schneller geht.

Im Alltag sehe ich die Mutter meist in bunten Schürzen oder Kitteln. An Sonn- oder zu Festtagen trägt sie jedoch schmale, taillierte Kostüme mit hübschen Blusen. Dazu stets passende Handschuhe, mitunter auch kleine, keck geformte Hüte. Hosen zieht sie niemals an.

Christine stammt aus einer Familie mit zwölf Kindern – sechs Mädchen und sechs Jungen –, in der meist Plattdeutsch gesprochen wird. Die Herkunftsfamilie des Großvaters ist holländisch, die der Großmutter französisch. Der Großvater, ein langer, dünner, schweigsamer Mann, ist Korbmacher mit einer eigenen Werkstatt. Er stellt Möbel, Körbe, Truhen und Lampenschirme her. In seiner freien Zeit liest er. Ihn dabei zu stören ist streng untersagt. Meine Erinnerungen an ihn sind die von einem Mann, der nur scheinbar anwesend ist, der selten spricht, aber immer liest.

Die Großmutter dagegen, eine winzige, stets in dunklen Farben gekleidete Person, die ihre silbrigen Haare zu einem festen Knoten bindet, ist im Kontakt äußerst lebhaft. Das Haus ist immer voll.

Bei der Vielzahl der Enkelkinder ist das einzelne für sie offenbar nicht von besonders großem Interesse. Sie spielt lieber mit den Schwiegersöhnen Skat, gewinnt meist und lässt sich von ihnen erzählen, was so los ist im Dorf und in der Welt. So sehr ich mich auch bemühe, ich erinnere keine einzige nahe Situation mit ihr oder dem schweigsamen Großvater. Obwohl wir in den frühen Kindheitsjahren fast täglich mit der Mutter dort sind.

Auf einem großen Herd in der Küche steht zuverlässig eine Pfanne, in der leckere Bratkartoffeln brutzeln, oder ein großer Topf mit Milchsuppe. Jeder, der zu Besuch kommt, wird bewirtet und findet einen Platz auf der Küchenbank an dem langen Esstisch aus massivem Holz.

Ich bin sehr gerne dort, weil ich viele Kinder zum Spielen antreffe und die Erwachsenen uns völlig in Ruhe lassen. Die Frauen, Schwestern der Mutter oder Schwägerinnen, sind mit Nähen, Flicken oder Stricken beschäftigt. Sie kochen Marmelade und wecken Obst ein, füllen braune Tongefäße mit Sauerkraut und eingelegten Heringen. Zwischendurch wird Kaffee getrunken. Bei selbstgebackenem Kuchen werden Neuigkeiten ausgetauscht, wer bald wen heiraten wird oder gar heiraten muss, wer sich trennt, und anderer Dorfklatsch.

Die Jansen-Familie bewohnt unmittelbar am Waldrand, dem Bruch, ein lang gestrecktes flaches, weiß gekalktes Haus mit grünen Fensterläden. Ringsum sind eine Reihe neuer Häuser gebaut worden, in denen die zahlreichen Flüchtlinge aus Schlesien und Pommern wohnen. Nur wenig weiter entfernt liegen einzelne große Bauernhöfe inmitten ihrer Felder und Wiesen.

Im weitläufigen Garten der Großeltern werden Kartoffeln, Gemüse, Salat und Erdbeeren angepflanzt. In einem separaten Teil stehen verschiedene Obstbäume. Die dort gehaltene Ziege frisst, als ich sie einmal mit Gras füttere, meinen zur Erstkommunion geschenkten Ring. Er bleibt verschwunden. Es gibt zwei Schafe, Hühner, und in einem angebauten hinteren Teil des Hauses wird ein Schwein gehalten, welches irgendwann im Jahr geschlachtet und zu Schinken, Pannas, Blut- und Leberwurst verarbeitet wird. An einen Hund erinnere ich mich nicht, wohl an zwei Katzen. Mein sehnlicher Wunsch nach einer eigenen Katze stößt auf den Widerstand der Mutter, die es nicht für artgerecht hält, ein Tier in einer Etagenwohnung zu halten.

Erst zwanzig Jahre später geht dieser Herzenswunsch doch in Erfüllung, denn eines Tages bringt mein Lebensgefährte, Wilfried Wieck, einen Schuhkarton mit nach Hause. Er überreicht ihn mir mit erwartungsvollen Blicken kommentarlos. Als ich den Deckel öffne, schaut mich aus großen grünen Augen ein pechschwarzer Kater an, den Studenten von Wilfried abgeben mussten. Liebe auf den ersten Blick.

Erinnerungssplitter: Die Mutter ist ein Wochenende mit einer Freundin aus Krefeld verreist. Der Bruder und ich sind noch klein, vielleicht drei und fünf Jahre. Vater ist für uns zuständig. In der Küche stinkt es. Er hat Spinat anbrennen lassen. Wedelt mit einem Tuch. Reißt die Fenster auf. Wir Kinder haben Hunger und quengeln. Er verspricht meinem Bruder und mir, jetzt Spiegeleier zu machen. Aufmerksam schauen wir zu, wie er am Herd herumhantiert, vier Eier in die Pfanne schlägt, lange seinen Rasierspiegel darüberhält, bis an den Rändern eine goldbraune Kruste entsteht. Es gibt frisches Brot und Tomaten dazu. Es schmeckt wunderbar. Sobald die Mutter wieder Eier brät, protestieren wir, wenn der Spiegel fehlt. Echte Spiegeleier gibt es nur mit Spiegel, wie Papa es gemacht hat.

Das Haus meiner Kindheit, in dem ich die ersten acht Lebensjahre verbringe, bietet nach dem Krieg drei Familien Lebensraum. Es liegt an einer Landstraße, die aus dem Dorf hinaus zwischen Feldern und Wiesen Richtung Wachtendonk, Geldern, Kleve und schließlich zur holländischen Grenze führt.

Wie riesige Wächter stehen rechts und links vom Eingang Kastanienbäume. Die Zweige reichen bis hoch hinauf an den Dachfirst. Links vom Haus gibt es eine große Fläche, die von den Bewohnern als Garten genutzt werden darf. Hier sind Gemüsebeete mit Bohnen, Kartoffeln, verschiedenen Kohlsorten und Salat angelegt. Es gibt einige Obstbäume mit Pfirsichen und Äpfeln, aber auch einzelne Blumenrabatten. Die hintere Hausseite, von Holunderbüschen gesäumt, grenzt an freie Felder, in deren Mitte ein schmaler Weg Richtung Wald führt. An der rechten Seite gibt es für die Anwohner eine enge Durchfahrt. In einer Mauer ist ein großes Holztor eingelassen, das in den Hof führt. Hier befinden sich die Eingänge zu den Wohnungen und der geräumigen Waschküche für alle Mietparteien.

Gegenüber vom Wohnhaus liegt eine Scheune, in der landwirtschaftliche Geräte und Säcke mit Samen stehen. Hier werden auch Kartoffeln und anderes Gemüse gelagert.

An diesem mir immer unheimlich bleibenden Ort mit dem eigentümlichen Geruch, der, wie ich später erfahre, von gestreutem Rattengift stammt, steht in einer abgetrennten Ecke ein aus Holz gezimmerter Verschlag, darin ein Klo. Wenn ich nachts schlaftrunken auf die Toilette muss, geht meine Mutter mit mir. Sie hält mich fest an den Händen, während ich über dem gruseligen Abgrund sitze und fürchte hineinzufallen, weil das Loch viel zu groß ist für den kleinen Po. Sie ermahnt mich dabei: „Schau nicht nach oben.“

Wenn ich trotz ihrer Warnung den Blick aufwärtsrichte, sehe ich über unseren Köpfen Ratten balancieren, die uns zuschauen. Sie machen nicht nur mir Angst. Der Ekel und die Furcht der Mutter übertragen sich auf mich. Aus der Sicht der Erwachsenen sind die Wohnverhältnisse sehr beengt, zumal für einige Monate ein Kriegsheimkehrer das Wohnzimmer bezieht. Nach seiner Einquartierung wird die Küche zum Lebensmittelpunkt. Die Mutter kocht auf einem großen, schön emaillierten Herd. Nicht nur alle Mahlzeiten finden hier statt, es werden Karten- und Brettspiele gespielt, hier wird gelesen, nicht selten gemeinsam gesungen, ab und zu auf einer Singer-Nähmaschine genäht, mit dem zahlreichen Besuch der neueste Dorfklatsch erörtert und sehr oft Radio gehört, ein großer, geheimnisvoller Kasten. Wenn der linke dicke Knopf gedreht wird, geht plötzlich ein Licht an, das eine Leiste mit zahlreichen Städtenamen beleuchtet. Sobald der rechte Knopf bewegt wird und einen Zeiger hin und her schiebt, tönt Knistern, Rauschen und Knattern, bis der gewünschte Sender eingestellt ist und Sprechstimmen oder Gesang ertönen.

Neben den stündlichen Nachrichten aus aller Welt werden Konzerte, Hörspiele, auch Schulfunksendungen übertragen. Am Wochenende verfolgt der Vater ab und zu mit Freunden wichtige Fußballspiele, bei denen Reporter mitunter lautstark Tooor, Toooor brüllen. Bei der jeweiligen Suche nach einem bestimmten Sender sind Stimmen in anderen Sprachen zu hören, die eine Ahnung davon vermitteln, dass es weit entlegene große Städte und aufregend viel Fremdes und Unbekanntes gibt.

In der Küche steht auch eine Couch, auf der Mittagsschlaf gehalten und ausgeruht werden kann. An den Wänden hängen schön gerahmte Drucke von van Gogh. Eines heißt „Der Sämann“, das andere Bild von ihm zeigt Sonnenblumen, die vor einer blauen Wand in einem kräftigen ockerfarbenen Tonkrug stehen. Beim Anblick der gelb gezackten Köpfe mit dem schwärzlichen Inneren spürt man förmlich deren Schwere.

In der Nähe des Fensters hängt „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Jan Vermeer, das, den Blick über die linke Schulter gewendet, den Betrachter mit leicht geöffneten Lippen unter einem blau eingefassten Tuch selbstbewusst ansieht. Die Mutter liebt holländische und flämische Malerei. Sie mag Stillleben, aber auch Porträts von Frauen, die in ländlicher Kleidung, oft in Holzschuhen und mit weißer Spitzenhaube, in ihrer Küche werkeln.

Es gibt nur ein sehr großes Schlafzimmer. Hier stehen neben dem breiten Doppelbett der Eltern auch die Betten für meinen Bruder und mich. Durch zwei Fenster zur Straßenseite hin sind die Stämme der Kastanienbäume zu sehen, deren dichtes Blattwerk im Sommer für phantastische Schattenspiele sorgt. Auch hier hängen zwei Bilder.

Moritz von Schwinds „Morgenstunde“ und Caspar David Friedrichs „Frau am Fenster“. Mir gefallen die Sonnenblumen von van Gogh am besten. Neben dem Bett der Eltern steht an jeder Seite ein kleines Schränkchen mit einer Leselampe darauf. Gleich links neben der Türe befindet sich eine Frisierkommode mit einem Spiegel, der an jeder Seite einen weiteren klappbaren Flügel hat. Auf der Glasplatte davor liegen Kämme und Haarbürsten der Mutter, ein Parfumflakon mit einer Düse zum Sprühen. Eine Glasschatulle birgt Schmuck und Hutnadeln. Die Schubfächer bewahren interessante Dinge. Neben Taschen und Handschuhen der Mutter sorgfältig gebügelte Taschentücher, Krawatten des Vaters und eine unscheinbare, aber geheimnisvolle Holzschachtel. Sie enthält neben seltsamen Nadeln Eisensplitter von Munition, die aus dem Rücken des Vaters entfernt werden mussten.

Außerhalb der Wohnung, im Hausflur, führt eine Treppe nach oben. Dort wohnt ein Ehepaar mit einer Tochter und der Mutter der Frau, Oma Cox, die, wenn ich als Baby weinend schreie, meine Mutter öfter ermahnt: „Christine, dat Kind hat wat.“

Worauf meine Mutter, wie sie mir später erzählt, stets erwidert: „Ich zeige dir mal, was sie hat.“ Denn sobald sie mich als schreiendes Bündel aus dem Bett auf den Arm nimmt, höre ich auf zu weinen und lächele freundlich in die Runde. In den Nachkriegsjahren sind nach Körperkontakt schreiende Babys nichts, was Anlass zur Besorgnis gäbe. Im Gegenteil, das Motto lautet: „Schreien kräftigt die Lungen.“

Fast jeden Tag sind Schwestern oder Brüder meiner Mutter für einige Stunden zu Besuch. Sie kommen einfach vorbei, um „Hallo“ zu sagen, zu reden oder um eine Tasse echten Bohnenkaffee miteinander zu teilen. Fremde Menschen klingeln regelmäßig, um den Vater in ihren Bittangelegenheiten zu sprechen. Als der Bruder und ich noch klein sind, setzt sich die Mutter oft nachmittags auf ihr Rad, vorne hängt ein Körbchen für mich, hinten nimmt Erhard Platz. Dann fahren wir zwischen den Feldern den Mösweg lang, Richtung Escheln, um die Großeltern oder Mutters Lieblingsschwester, Rosa, zu besuchen. Bei Regenwetter ist der Weg matschig und schwer zu befahren. Einmal rutscht die Mutter mit dem Rad und uns Kindern aus, wir fallen in die aufgeweichte lehmige Erde und werden mit großen Kohlblättern von ihr notdürftig gesäubert, dann geht die Fahrt weiter.

Neben dem Bruder ist Hansi, ein kleiner Junge aus dem Haus jenseits der Straße, mein Spielkamerad. Er ist Einzelkind und froh, wenn wir zusammen spielen können. An einem Tag fordere ich ihn auf, mit mir in einem Holunderbusch hinter unserem Haus die Hosen auszuziehen, um uns gegenseitig zu zeigen, wie wir unten aussehen. Ich bin vier und Hansi etwa ein Jahr jünger. Eine Nachbarin entdeckt uns und schlägt Alarm. „Frau Hülsemann, die Irmgard hat ...“ Anders als die aufgeregte Nachbarin erwartet, gibt es weder Strafe noch Moralpredigt.

Das familiäre Leben, alle Erfahrungen sind eingebettet in die weltanschauliche Orientierung der Eltern, die geprägt ist von den Werten der katholischen Religion, vom Jahreskalender mit seinen Gebräuchen und Festen. Mit einem Tischgebet wird für das Essen gedankt. Beim Zubettgehen wird nicht nur eine Geschichte vorgelesen, sondern auch ein Nachtgebet und ein Segen gesprochen. Die Mutter geht fast täglich morgens früh in die Kirche. Schon als kleines Kind begleite ich sie oft. An einem Sonntag, Vater und Bruder schlafen noch und die Mutter ist in der Frühmesse, mache ich mich als fast Sechsjährige in ihren Schuhen mit Absätzen auf den Weg, um sie abzuholen. Laufe langsam die Dorfstraße entlang. Spaziere in der Kirche durch den Mittelgang – klack, klack, klack –, die Mutter suchend, bis ganz nach vorne. Sie entdeckt mich früher als ich sie, kommt mit hochrotem Kopf aus ihrer Bank, nimmt mich eilig an die Hand, sieht nicht rechts und links, bis wir draußen sind. An Geschimpfe kann ich mich nicht erinnern.

Bei jedem Kirchgang bin ich beeindruckt von dem brausenden Klang der Orgel, dem Licht großer, zahlreicher Kerzen, wunderschönem Blumenschmuck, dem hohen, von Säulen getragenen Kirchenschiff, in dem fast immer der Geruch von Weihrauch wabert. In den rechten Bankreihen nehmen die wenigen Männer Platz, links die meist zahlreichen Frauen. Wenn der Vater sonntags die Kirche besucht, ist er stets oben neben der Orgel. Er drückt sein religiöses Empfinden vor allem im Chorgesang aus.

Meine kindliche Gottesvorstellung ist vom Vorbild des Vaters geprägt, der für alles Verständnis hat, stets ermutigt und höchstens einmal – wenn er verärgert, mit etwas nicht einverstanden ist – mit einem strengen Blick oder einem klaren „Pang. Aus!“ eine Diskussion beendet.

Die Mutter ist anders als er. Sie hat ein Spektrum von Strafmaßnahmen zur Verfügung, verteilt sogar ab und zu Ohrfeigen und kann sehr deutlich Missbilligung zeigen. Am meisten schmerzt es, wenn sie nicht mehr mit mir spricht und ich quasi Luft für sie bin. Liebesentzug durch Schweigen. Mir gelingt es leider nicht, sie in Konfliktsituationen ebenfalls mit Nichtachtung zu strafen.

Einmal, die Eltern sind ein Wochenende verreist und eine Verwandte, die alte Tante Anna aus Krefeld, soll uns in den Tagen beaufsichtigen, versäumen der Bruder und ich, am Sonntag die heilige Messe zu besuchen. Für Tante Anna spielt es gar keine Rolle, sie sitzt ohnehin die ganze Zeit da, liest und lässt uns Kinder in Ruhe. Aber als die Eltern am Sonntagabend zurückkehren und davon erfahren, ist die Hölle los. Vor allem in den Augen der Mutter haben wir eine Todsünde begangen, die sofort gebeichtet werden muss, denn im Falle unseres plötzlichen Todes kämen wir nicht in den Himmel, sondern in die Hölle. Spätabends marschieren der Bruder und ich beklommen zu Pastor Ingenkamp, der unmittelbar gegenüber der Kirche wohnt. Seine Cousine, die ihm den Haushalt führt, empfängt uns und führt uns in das Arbeitszimmer. Der Pastor hört unsere „verdammenswerte“ Geschichte, die wir verängstigt vortragen, an, erteilt uns ohne jeden Vorwurf die Absolution und entlässt uns mit einem freundlichen Gruß an die Eltern.

Mit fünf, als Erstklässlerin, komme ich zum Mittagessen nach Hause und teile den Eltern die soeben im Religionsunterricht erfahrene Botschaft mit: „Kinder sind Geschenke Gottes, die darf man überhaupt nicht verhauen.“

Die Eltern tauschen bedeutungsvolle Blicke aus, die Mutter kommentiert: „Stimmt, aber die Geschenke Gottes müssen auch Gehorsam lernen.“

Beide Eltern leben ihre Wertvorstellungen vor. Sie sind wach und offen für die Nöte anderer und helfen, wie und wo sie können. Von Anfang an erleben wir Kinder, dass es selbstverständlich ist, Menschen, die weniger haben als wir, abzugeben. Als im November 1956 der Aufstand der Ungarn von der Sowjetarmee brutal niedergeschlagen wird, verfolgt die Mutter täglich die Entwicklung in den Nachrichten und erzählt uns Kindern davon. Vor Weihnachten fragt sie uns, ob wir in diesem Jahr einmal auf Geschenke verzichten wollen, um stattdessen Pakete nach Ungarn zu schicken. Erhard und ich sind sofort einverstanden. Es wird ein besonders intensives und schönes Weihnachtsfest.

Die religiöse Bindung der Eltern bestimmt auch deren politische Haltung. Es wird CDU gewählt. Kritische Auseinandersetzung mit politischen Fragen erlebe ich als Kind kaum, nehme ab und zu wahr, wenn von der Sowjetunion und den Kommunisten die Rede ist, dass diese als Gefahr, die „rote Gefahr“ bewertet werden.

In der großen Familie der Mutter ist bekannt, dass einzig Theodor, der Mann von Mutters Schwester Rosa, von allen Dorres genannt, aus der Reihe tanzt und immer die SPD wählt. Er ist politisch engagiert, Kriegsgegner und in seinem Denken allen Autoritäten, auch der Kirche gegenüber äußerst kritisch. Das macht ihn besonders.