Schattenjagd - Irmgard Hülsemann - E-Book

Schattenjagd E-Book

Irmgard Hülsemann

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Beschreibung

In die Praxis von Dr. Charlotte Graf kommt Franca Bloc. Die junge, ungewöhnlich schöne Fotografin wirkt widersprüchlich und geheimnisvoll. Der folgende Therapieprozess fördert eine ungeheuerliche Familiengeschichte zutage, die sich stärker auf die Therapeutin auswirkt, als sie zuzugeben bereit ist. Seid ihr langjähriger Lebensgefährte unter traumatischen Umständen erschossen wurde, haben lähmende Trauergefühle sie den direkten Bezug zum Leben verlieren lassen. Der neue Fall stellt sie vor eine Zerreißprobe. Die Verflechtung von Privatem und dem Beruflichem wird immer belastender und bringt sie an die Grenzen ihrer Kraft. Als sich Franca nach Jahren intensiver Therapiearbeit in ein eigenes, selbstbestimmtes Leben verabschiedet, wird in einem Waldstück die Leiche ihres Vaters gefunden: ohne das Herz. Die darauf folgende Hetzjagd durch Presse und Polizei bringt Charlotte Graf an den Rand eines Zusammenbruchs. Es kommt zu einer überraschenden Aufklärung des Mordes und auch Charlotte ist endlich bereit, sich auf eine neue Liebe einzulassen. Der therapeutische Prozess und das drastische Geschehen vereinen sich zu einer spannungsreichen Geschichte, in der Genauigkeit der psychologischen Behandlung ebenso zu finden ist wie atmosphärisch dichte Beschreibung von Orten und zwischenmenschlichen Beziehungen.

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Seitenzahl: 485

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Margret Laakmann,

meiner ersten Lehrerin,

in Liebe und Dankbarkeit

gewidmet

Inhaltsverzeichnis

Eins: Bloß Problemchen?

Zwei: Tod in Sankt Petersburg

Drei: Rosengrüße

Vier: Sommergefühle

Fünf: Vaters Herzchen

Sechs: Schattenjagen

Sieben: Im Namen des Vaters

Acht: Familiengeheimnisse

Neun: In besten Verhältnissen

Zehn: Kollegenhilfe

Elf: Sonntag

Zwölf: Freunde

Dreizehn: Vatermord

Vierzehn: Herzlos

Fünfzehn: Der neue Nachbar

Sechzehn: Francas Koffer

Siebzehn: Herbst

Achtzehn: Fluchtgedanken

Neunzehn: Istanbul

Zwanzig: Herztöne

Einundzwanzig: Todesarten

Zweiundzwanzig: Così fan tutte

Dreiundzwanzig: Trennung

Vierundzwanzig: Open End

Dank

Literaturhinweise

Die folgende Geschichte und die handelnden Figuren sowie deren Namen und Schicksale sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind bis auf die an der Inszenierung von „Così fan tutte“ an der Komischen Oper Berlin beteiligten Künstler rein zufällig. Berlin, Sankt Petersburg und Istanbul sind Orte, die existieren, Weisskirchen hingegen ist eine Erfindung. Aber was den Personen in dieser Geschichte schicksalhaft zustößt und zum Lebensstoff wird, ist nicht nur fiktiv. Darin sind auch Erfahrungen enthalten, die ich als Psychotherapeutin mache.

Irmgard Hülsemann

„Beschädigungen, das muss man sich eingestehen, sind und bleiben Bindungen – notwendig, ungestüm und gnadenlos. Ich glaube, das gilt allgemein. Ob man aus der Bindung zu den Eltern abgesprungen oder der Verfolgung eines Landes entkommen ist, es bleibt in beidem eine irrationale Sehnsucht, obwohl man zu diesen Eltern und in dieses Land nie mehr zurückkehren will. Dieser Phantomschmerz im Erinnern hat das betörende Zeug, das keine Ruhe gibt.“

Herta Müller

„Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen.“

William Faulkner

„Das Ich ist eine Verheißung, die dem Menschen gegeben ist, dass er eines Tages sein wird wie das Universum, dass er eines Tages die Welt mit hellwachen Augen wird anschauen können, ja, dass er sich selbst gleichermaßen wird wahrnehmen können und wird erkennen können, dass ein Ordnungsbezug, eine notwendige Beziehung zwischen ihm und dieser Welt besteht.“

Jacques Lusseyran

Eins

Bloß Problemchen?

„Es ist verrückt, aber sobald ich versuche,

es in Worte zu fassen, wird alles ganz wattig,

bleibt nebelhaft oder zerfließt.“

Franca Bloc

Sie hielt mitten im Laufen inne. Sonnenlicht fiel gleißend auf das tizianrote Haar, das für eine Sekunde wie eine Flamme zu lodern schien. Mit einer tänzerisch-eleganten Bewegung drehte sie sich noch einmal um, schenkte mir ein hinreißendes Lächeln, winkte zum Abschied übermütig und warf fröhlich ausgelassen noch eine Kusshand in meine Richtung. Passanten blieben verwundert stehen und sahen zu ihr hin.

Lachend hob ich nun ebenfalls beide Arme und winkte lebhaft zurück. Danach tauchte sie im Gewoge der hin und her Eilenden unter. Sie war verschwunden.

Während ich die schweren Flügeltüren des Balkons schloss, schweiften meine Gedanken zu unserer ersten Begegnung zurück. Fast sechs Jahre war das her. Damals kam Franca Bloc zum ersten Mal in meine Praxis. Es war ein ähnlich heißer Sommer gewesen. Bei der Terminvereinbarung am Telefon hatte sie so rasend schnell und undeutlich gesprochen, dass ich mehrmals nachfragen musste, um überhaupt etwas zu verstehen. Auf die Frage nach ihrem Anliegen bekam ich keine Antwort. Sie erzählte ausweichend von irgendwelchen „Problemchen“, die ihr allmählich lästig wurden. Während wir miteinander redeten, irritierte mich etwas. Erst später erkannte ich, was es war: ihre Stimme.

Bei ihrer Ankunft zur ersten Stunde klingelte sie ungeduldig. Als ich die Türe öffnete, kam sie, mit weit ausgestrecktem Arm und größtmögliche Distanz haltend auf mich zu, streifte flüchtig meine Hand und ließ sie wie nach einem elektrischen Schlag sofort wieder los. Alles genau musternd, betrat sie den Raum.

„Hallo, ich bin Franca Bloc.“

Ihr Anblick war umwerfend.

Mindestens einen Meter achtzig groß, sehr schlank, aber nicht erkennbar magersüchtig, fielen ihr die leuchtend roten, lockigen Haare weit über die Schultern. Das Gesicht ein ebenmäßiges Oval mit fein geformter Nase und vollen Lippen, die Haut von einem makellosen, ungewöhnlich hellen Ton. Unter dunklen, schwungvollen Brauen wanderten veilchenblaue Augen unruhig umher und wichen meinem Blick aus. Ihre Schönheit war wie auf einem klassischen Gemälde, ohne eine Spur von Künstlichkeit oder Kitsch. Trotz hochsommerlicher Temperaturen steckten ihre Füße in ungewöhnlichen Stiefeln, in die eine olivgrüne Leinenhose gestopft war. Über einem schlichten schwarzen Shirt trug sie eine weite lässige Lederjacke von ähnlicher Farbe wie die Hose.

Die Kleidung stand in seltsamem Kontrast zur übrigen Person. Sie glich einer Art Tarn- oder Kampfanzug. Eine riesige hellbraune Tasche hing über ihre rechte Schulter. Von der linken baumelten teure Kameras in unterschiedlichen Größen. Als sie meinen erstaunten Blick bemerkte, sagte sie mit einem verlegenen Lächeln, fast entschuldigend: „Oh, habe ich gar nicht gesagt, dass ich Fotografin bin?“ Sie fiel erneut in ihr rasendes Redetempo, sodass ich sie nochmals bat, langsamer zu sprechen, da ich befürchtete, die Hälfte nicht zu verstehen.

„Ah. Okay, okay, ich rede immer so, aber ich versuch’s“, meinte sie. Nach wenigen Minuten überschlugen sich die Sätze erneut und ich kapitulierte. Sie erklärte beiläufig, regelmäßig für große internationale Modemagazine zu arbeiten, diese Tätigkeit jedoch als bloßen Broterwerb zu betrachten. Damals kam sie gerade von den Prêt-à-porter-Schauen für die Herbst-/Winterkollektion 1998 aus Paris, wo sie die Defilees von Sonia Rykiel und Issey Miyake für die „Vogue“ aufgenommen hatte. Mir kam es so vor, als ob sie mit einer Spur Verachtung von „diesem Job“ sprach und dass ihr eigentliches Interesse anderen Themen gehörte. Und so war es auch. Wann immer sie es einrichten konnte, erzählte sie, sei sie in Krisengebieten und sozialen Brennpunkten unterwegs, um dort weibliche Opfer von Gewalt zu fotografieren und alles zu dokumentieren. Heftig und mit Abscheu in der Stimme stieß sie hervor: „Sie wissen schon, diese widerlichen Schweinereien, die ständig überall passieren, aber der Öffentlichkeit im Grunde doch scheißegal sind, höchstens als Sensationsfutter dienen.“

Der Gefühlsausbruch kam so überraschend, dass ich außerstande war, angemessen zu reagieren. So hörte ich einfach weiter konzentriert zu. Sie sprach mit Bewunderung und Hochachtung von der Arbeit von Fotografenkollegen, erwähnte James Nachtwey, einen Zeitgenossen, aber älter als sie, der überall auf der Welt an den Fronten von Kriegen zu finden sei und seine Solidarität mit den Opfern in Schwarz-Weiß-Fotos festhält. Von einer Lee Miller war die Rede, die, heute längst tot, am Ende des Zweiten Weltkrieges die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz dokumentiert hatte. Mir sagten alle diese Namen gar nichts, was ich ihr auch gestand, worauf sie mich mit einem kritisch prüfenden Blick unter zusammengezogenen Augenbrauen musterte, um mit dem Hinweis fortzufahren, dass inzwischen zwei preisgekrönte Fotobände mit ihrer eigenen Arbeit existierten. Ironisch grinsend setzte sie hinzu: „Die Verkaufszahlen halten sich natürlich in Grenzen.“

Tage nach dem ersten Gespräch, als ich im Bücherbogen am Savignyplatz herumstöberte, fiel mir die Bemerkung wieder ein. Auf Nachfrage und erst nach langer Suche in den Regalen fand ein Verkäufer beide Bände und gab sie mir. Sie waren groß und schwer. Ich suchte einen Platz, an dem ich ungestört hineinschauen konnte. Beim Herumblättern wurde mir sofort klar, was Franca gemeint hatte: Jedes einzelne Bild dieser verstümmelten und zerschnittenen Körper, Schwarz-Weiß-Fotos von malträtierten Frauen und Kindern, war für den Betrachtenden wie ein Tritt in den Bauch oder ein Faustschlag ins Gesicht. Jedes Bild eine atemraubende, verstörende Anklage. Bei dieser Dokumentation kriegerischer Gewalt gegen Frauen und Kinder ging es offensichtlich nicht primär um Ästhetik und Kunst, sondern um die schmerzhaft genaue Darstellung von grausamer Wirklichkeit, einer schwer zu ertragenden Wahrheit.

Während ich bei unserer ersten Begegnung ihren atemlosen Berichten lauschte, ging mir die Frage im Kopf herum, was sie wohl bei mir suchte. Ihr fast glamouröser Auftritt wäre perfekt gewesen, wenn nicht ein paar Details gestört hätten. So war mir bei der seltsamen Begrüßung ihre Hand wie ein toter Fisch vorgekommen, schwitzig, eiskalt und schlaff. Trotz ihrer Lederjacke bei der enormen Hitze bat sie nach kurzer Zeit um die Decke von der Liege, um sie sich um die Schultern zu legen. Sie fror ganz offensichtlich auch bei hochsommerlichen Temperaturen. Außerdem lag in ihrer hohen, sich vor Schnelligkeit fast überschlagenden Stimme nicht nur Gespanntheit, sondern noch etwas anderes, etwas, das an Panik, unterdrücktes Weinen oder Schreie denken ließ. Dabei weckte ihre glanzvolle Erscheinung unwillkürlich andere Erwartungen.

Schon diese ersten Eindrücke ließen mich daran zweifeln, dass es nur um „Problemchen“ ging. Vermutlich führte etwas Schwerwiegenderes sie her. Was mochte das sein? Falls eine Zusammenarbeit überhaupt zustande kommen sollte, würde sie wahrscheinlich nicht unkompliziert sein. Auf meine Frage, ob ihre häufige Reisetätigkeit nicht der notwendigen Kontinuität von Therapiegesprächen im Wege stehen würde, reagierte sie lebhaft abwehrend und meinte, dies stelle überhaupt kein Hindernis dar, da sie ihre Arbeitseinsätze immer selbst bestimme. Außerdem müsse ohnehin erst geklärt werden, ob sie Hilfe benötige oder vielleicht nur Tabletten brauche.

Ich ließ ihre Person auf mich wirken und wurde das Gefühl nicht los, dass sie trotz der Fülle von Informationen, die aus ihr heraussprudelten, nichts wirklich Wesentliches von sich preisgab. Der Grund ihrer Kontaktaufnahme blieb erst einmal rätselhaft. Es hingen widersprüchliche Botschaften und Energien im Raum. Neben den offenen Mitteilungen über alle beruflichen Aspekte ihres Lebens waren Misstrauen, Abwehr und Ängste spürbar, sobald das Gespräch dieses sichere Terrain verließ und intimere Lebensbereiche, auch Fragen nach ihrer Familie und Herkunft berührte.

Als ich nach einer Reihe relativ unverfänglicher Fragen schließlich doch auf die bis dahin sorgfältig ausgesparten Probleme zu sprechen kam und sie bat, diese einmal zu schildern, wich sie meinem Blick sofort aus. Stattdessen begannen ihre Augen unruhig und Halt suchend an der Decke hin und her zu wandern, während sie den massiven Silberring an ihrer linken Hand drehte. Sie versuchte, ihre innere Erregung unter Kontrolle zu bringen. Um ihr Zeit zu lassen, nahm ich ein paar Schlucke Mineralwasser und bot ihr ebenfalls ein Glas an. Sie wirkte traumverloren und der Atem ging hörbar rasch. Nach längerem Schweigen beschloss ich, sie zu fragen, was gerade in ihr vorging. Als ich zu der Frage ansetzte, traf mich ein unerwartet wacher und forschender Blick. In Erwartung einer Antwort und darauf eingestellt, dass ihr möglicherweise Erlebnisse bei der Fotoarbeit jenseits der Modewelt und Hochglanzmagazine Probleme bereiteten, hörte ich gespannt hin. Aber es kam etwas ganz anderes, für mich völlig Unerwartetes.

Mit Nachdruck und Entschlossenheit in der Stimme fragte sie: „Ist es wahr, dass Ihr Mann vor ein paar Jahren in Sankt Petersburg erschossen wurde?“

Total überrumpelt und völlig perplex, starrte ich sie fassungslos an und erwiderte schließlich nach tiefem Ausatmen: „Äh, ja, das stimmt.“

Während des erneut eintretenden Schweigens wirbelten in meinem Kopf die Gedanken durcheinander. Warum zum Teufel wollte sie das wissen? Hielt sie mich nicht für arbeitsfähig oder was? Während ich weiter rätselte, sagte sie plötzlich leise: „Entschuldigung, meine Frage muss Ihnen sehr merkwürdig vorkommen. Auf jeden Fall indiskret. Wahrscheinlich ist es gar nicht erlaubt, so eine persönliche Frage zu stellen. Aber für mich ist es – wie soll ich es bloß ausdrücken, damit es nicht völlig verrückt klingt? – von großer Bedeutung, dass Sie auch Schreckliches überlebt haben. Meine Freundin, Bella Laran, die den Kontakt zu Ihnen vermittelte, hat mir davon erzählt.“ Erst später, als ich nach der Stunde wie üblich Notizen machte, fiel mir auf, dass sie nicht „erlebt“, sondern „überlebt“ und „auch Schreckliches“ gesagt hatte.

Nachdem ich mich von dem Schock ein bisschen erholt und an innerer Festigkeit gewonnen hatte, sah ich ihr direkt in die Augen und betonte: „Ja, es ist eine ungeheuerliche und grauenhafte Geschichte gewesen und …“, ich zögerte einen Moment, bevor ich weitersprach, „… wirklich das Schlimmste, was mir im Leben zustoßen konnte. Es ist noch heute manchmal schwer, sehr schwer. So etwas bleibt eine Wunde. Aber, Frau Bloc, darf ich daran erinnern, dass es hier nicht um mich, sondern um Sie geht, nicht wahr? Dass ein erstes Gespräch womöglich nicht einfach ist, weiß ich wohl, aber wenn Sie es versuchen, kann ich vielleicht weiterhelfen.“

Monate später, als bereits Vertrauen und Nähe entstanden waren, offenbarte Franca freimütig, dass meine spontane Reaktion, ihre Frage nicht empört abzuwehren, sondern das albtraumhafte Erlebnis einzugestehen, ihr Mut gemacht habe für den Schritt zu einer Therapie.

„Wenn Sie mich abgeschmettert hätten, weil mich das ja im Grunde nichts anzugehen hat, wäre ich wahrscheinlich nicht wiedergekommen. Mir war das selbst gar nicht richtig klar, aber die Frage war wohl so ’ne Art Test.“

Sie war damals auf meinen Einwand eingegangen. „Ja, es ist wirklich total schwer, das zu schildern. Nicht, weil ich es nicht will, sondern vor allem, weil ich es oft selbst nicht konkret zu fassen kriege und mir dabei blöde vorkomme. Es ist verrückt, sobald ich versuche, es in Worte zu fassen, wird alles ganz wattig, irgendwie nebelhaft oder zerfließt. Es entgleitet mir. Mitunter gibt es so diffuse Gefühle, einfach Unbehagen, oder man könnte auch sagen: Ängste, wie aus heiterem Himmel. Mal fühle ich mich niedergeschlagen, müde und gedrückt, wie depressiv. Aber immer ohne Grund. Es gibt nichts, woran ich das festmachen könnte. Kurze Zeit später ist es meist wieder okay. Dann denke ich oft, dass wahrscheinlich alles bloß Einbildung ist, was weiß ich. Wenn ich das jemandem erzähle, hält man mich doch für verrückt.“

Während sie in einer Pause wieder an ihrem Ring spielte, fiel mein Blick auf die Nägel ihrer schlanken, eleganten Finger. Sie waren blutig abgenagt. Als unsere Blicke sich trafen, sah ich Qual und Scham in ihren Augen.

„Womit soll ich anfangen?“, fragte sie.

„Nun, Sie haben ja schon angefangen. Zum Beispiel halte ich das, was Sie gerade eben von den scheinbar unerklärlichen Zuständen erzählten, keineswegs für verrückt. Das sind doch sehr belastende Gefühle. Erlebnisse, die im Leben erheblich stören. Versuchen Sie es noch genauer zu schildern, mich interessiert das alles. Natürlich auch das, was Sie aktuell dazu motiviert hat, bei mir anzurufen. Und, Frau Bloc, keine Sorge, es gibt nichts Unwichtiges. Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich einfach nach, einverstanden?“

Sie nickte und ihr ohnehin blasses Gesicht verlor noch mehr Farbe. Mit einem tiefen Seufzer begann sie: „Also gut, in den letzten Monaten habe ich bei den Shootings ein paarmal etwas Seltsames erlebt. Dabei ist die Modefotografie ja längst eine Art Routine, also nichts, wovor ich mich fürchten müsste. Aber es gab da ein paar Situationen, ganz kurz nur, in denen ich dachte, Hilfe, jetzt gleich falle ich um und werde ohnmächtig. Unmittelbar davor war im Kopf so ein Gefühl wie bei einer Narkose. Das Blut sackte weg und mir war, als ob ich gleich die Kontrolle verliere, der Körper mir nicht mehr gehorcht, alles irgendwie zusammenfällt. Total irreal, wie in einem Horrorfilm. Ich weiß nicht warum, keine Ahnung. Zum Glück dauerten diese Blackouts, wie ich sie nenne, bislang nur ganz kurz, sodass es bisher noch niemand bemerkt hat. Wahrscheinlich kann ich es nicht gut beschreiben, aber es ist wirklich, Entschuldigung, ziemliche Scheiße.“

Zustimmung nickend fragte ich: „Erinnern Sie sich daran, wann es zum ersten Mal passierte?“

Sie überlegte eine Weile. „Ich bin mir inzwischen nicht mehr sicher. Es könnte sein, dass es im letzten Winter in London war. Bei einem Auftrag für ,Harper’s Bazar‘. Mit Kate Moss und zwei neuen russischen Models wurde Sommermode fotografiert. Nichts Besonderes, zumal ich die Leute von der Maske und dem Licht gut kannte. Wir haben schon oft zusammengearbeitet. Das andere Mal, an das ich mich erinnere, war in Mailand. Das waren zwei Aufträge, einmal für Armani, und später war ich bei Donatella Versace. Insgesamt ein höllenmäßiger Zirkus, wie immer.

Natürlich war ich total erschrocken, habe mir den Kopf über Details zerbrochen, bin alles wieder und wieder durchgegangen, aber ich fand den Aufhänger nicht. Das beunruhigt mich besonders. Denn wissen Sie, eigentlich denke ich nämlich, dass ich ein ziemlich gutes, selbstbestimmtes Leben führe. Ich mache Dinge, die mir wichtig sind, und keiner redet mir rein. Deshalb verstehe ich es nicht. Was mich am allermeisten irritiert: Es gibt überhaupt keine Anhaltspunkte. Inzwischen ertappe ich mich natürlich dabei, Angst vor der Angst zu haben, in der bangen Erwartung zu leben, dass es beim nächsten Auftrag wieder passieren könnte. Das ist totaler Mist!“

Sie stieß einen kleinen Laut des Erstaunens aus, weil ihr einfiel, dass so etwas bei der Arbeit in Krisengebieten noch nie vorgekommen war. „Das ist doch merkwürdig, nicht wahr?“

Nachdenklich fuhr sie fort: „Angeblich schreie ich nachts im Schlaf und schlage manchmal um mich. Zumindest hat ein Typ, mit dem ich kürzlich eine Nacht verbrachte, das behauptet. Beim Abschied am nächsten Morgen hat der Idiot gemeint: ,Was ist denn mit dir los? Siehst aus wie ein Engel und machst einen Terror, bei dem einem angst und bange werden kann. Du bist eine echte Mogelpackung!‘ Himmel, war mir das peinlich. Aber ich muss gleich sagen, Kontakt mit Männern, also Sex mit denen, ist ohnehin nicht wirklich mein Ding. Die Nacht war eine Art Ausrutscher, verstehen Sie? Ich hatte was an der Hotelbar getrunken. Das passiert eher selten, weil ich nix vertrage. So wie ich mich kenne, hätte ich das Ganze wahrscheinlich verdrängt, wenn nicht Bella, mit der ich hier in Berlin seit Jahren eine Wohnung teile – wir sind alte Jugendfreundinnen, sie kommt wie ich aus dem Sauerland –, zwei Tage später etwas Ähnliches beim Frühstück gesagt hätte. Sie hat gemeint: ,Wenn du weiter nachts so schreist und Terror machst, bezahlst du mehr Miete.‘ Sie sei in ihrem Zimmer davon wach geworden. In der letzten Zeit kam sie sogar ein paarmal rüber und hat mich wach gerüttelt. Davor hatte ich alles für eine ihrer üblichen Übertreibungen oder einen Scherz gehalten, aber inzwischen …“ Sie brach ab.

„Vermutlich sind Sie nach solchen Nächten morgens nicht besonders ausgeruht“, versuchte ich den Faden zu halten.

„Stimmt, nach dem Wachwerden bin ich völlig zerschlagen und abgekämpft, oft in Schweiß gebadet, obwohl mir meist kalt ist. Als ob ich Schwerstarbeit geleistet hätte. Mitunter weiß ich dann nicht, wo ich die Kraft für den Tag hernehmen soll.“

Sie schwieg eine Weile und hatte die Schultern hilflos hochgezogen. Dann wickelte sie die Decke noch fester um sich und meinte: „Vielleicht brauche ich nur Medikamente. Es gibt doch so was wie Burn-out.“

„Wir können das herausfinden, aber zum jetzigen Zeitpunkt kann ich dazu noch nichts sagen.“ Ich bat sie weiterzusprechen.

„Manchmal – ich muss dazu sagen, dass ich schon seit ewigen Zeiten Vegetarierin bin – sitze ich mit Leuten im Restaurant und plötzlich riecht es nicht nur nach verbranntem Fleisch, sondern es ist da noch ein anderer, ganz widerlicher Geruch, vielleicht ein bestimmtes Fett, ich weiß nicht genau. Jedenfalls wird mir speiübel, Schweiß bricht aus und eine Ekelwelle schwappt hoch. Ich kann nicht mehr schlucken und kriege kaum noch Luft. Das ist ziemlich blöde, wenn man in einer Clique beim Essen entspannen will und am liebsten gleich wieder abhauen würde. Das ist so ’ne Art Panik. Ich rase dann aufs Klo und werfe mir kaltes Wasser ins Gesicht. Manchmal hilft das ein bisschen.“

Sie sah mich erwartungsvoll an.

Die Symptome, die sie beschrieb, deuteten auf ernsthafte Probleme hin, möglicherweise auf traumatische Erlebnisse. Es schien mir nicht klug, solche schwierigen Inhalte in einem Erstgespräch zu vertiefen, zumal die Uhr anzeigte, dass wir, obwohl ich vorausschauend mehr Zeit einkalkuliert hatte, bald am Ende sein würden. Stattdessen fragte ich, ob sie nach der ersten Schilderung der Belastungen, die ich im Übrigen sehr ernst nähme, auch etwas über Möglichkeiten erzählen könnte, sich im Alltag zu stärken. Ob es Kraftquellen in ihrem Leben gebe, etwas Stärkendes, das ihr zuverlässig Freude bereite.

Sie sah mich mit gerunzelter Stirn verblüfft an.

„Äh, das bringt mich jetzt aber durcheinander. Ich dachte, in einer Therapie geht es nur um das, was schiefläuft, was problematisch ist.“

Lachend entgegnete ich: „Stimmt, das ist die übliche Auffassung. Zwar weit verbreitet, aber trotzdem ein Irrtum. Eine Person, die Hilfe sucht, besteht ja niemals nur aus Problemen oder Symptomen. Sie ist immer viel mehr als das.“

Franca sah sehr skeptisch aus.

„Schauen Sie“, fuhr ich fort, „wenn die Aufmerksamkeit ausschließlich auf seine Defizite gelenkt wird, geht von einem Menschen enorm viel verloren. Die Fähigkeiten und Potenziale, die jemand hat, wären einfach ausgeblendet, obwohl sie für den Therapieprozess wertvoll, sogar unverzichtbar sind. Es ist doch so, dass jeder von uns besser mit der Lösung schwieriger Aufgaben oder Krisen umgehen kann, wenn wir nicht nur die Berge von Problemen sehen, sondern auch noch ein Bewusstsein für unsere Fähigkeiten und Stärken behalten, oder was meinen Sie?“

Sichtlich verwundert, stimmte sie zögernd zu und offenbarte, vor allem Aufenthalte in der Natur als Quelle von Entspannung und Stärkung zu empfinden.

„So oft ich es einrichten kann, mache ich Wanderungen, fahre raus, nehme Rucksack und Zelt mit, und dann geht’s los. Ich liebe es auch zu reiten. Leider kann ich kein eigenes Pferd halten, weil ich zu oft weg bin.“ Nach einiger Überlegung fügte sie hinzu: „Auch Musik ist etwas sehr Wohltuendes für mich. Früher habe ich einmal ganz gut Cello gespielt. Ich habe immer noch eines bei mir stehen, aber ich komme zu wenig zum Üben. Tja, und wenn ich in Berlin bin, bin ich gerne mit Bella zusammen. Wir kennen uns schon ewig, haben den gleichen Humor und überhaupt ähnliche Vorstellungen davon, was im Leben wichtig ist. Wir sind wohl auch ’ne Art Kraftquellen füreinander, jedenfalls stützen wir uns gegenseitig.“

„Da sehen Sie, wie viel Ihnen auf Anhieb einfällt. Wahrscheinlich gibt es noch mehr, was nur nicht gleich präsent ist.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte sie, fast beunruhigt.

„Hm, Sie sind ein künstlerisch kreativer Mensch. Sie sind fähig, Inhalte zu gestalten. Aus dem, was Sie heute von sich erzählten, spricht für mich ein starkes Mitgefühl für Menschen, die leiden. Das ist doch unbedingt eine Stärke. Überhaupt Ihr soziales Engagement, Ihr Gespür für Ungerechtigkeit – in meinen Augen sind das alles wertvolle Fähigkeiten. Klar, es kommt auch vor, dass jemand für andere total engagiert kämpft, aber nicht fähig ist, Mitgefühl für eigene Verletzungen und Schmerzen aufzubringen.“

Mich nachdenklich ansehend, meinte sie: „Der Gedanke, mich so zu sehen, wie Sie das gerade tun, ist mir völlig fremd.“

„Ich verstehe, doch das ist nicht so selten. Frauen geht es öfter so, dass sie ihre Kompetenzen für andere, aber nicht ebenso selbstverständlich für eigene Bedürfnisse einsetzen. Bei Frauen wird so etwas wie Selbstverleugnung immer noch gerne einfach hingenommen. Es wird nicht als katastrophal destruktiv bewertet, obwohl das tatsächlich der Fall ist. Angeblich leben wir ja im ,Postfeminismus‘ – was ich aber für totalen Schwachsinn halte. Alle Errungenschaften sind keineswegs unwiderruflich und alte Verhaltensweisen tief im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert.“

Ich merkte gerade noch rechtzeitig, dass ich abschweifte, und versuchte die Kurve zu kriegen.

„Entschuldigung, was ich eigentlich sagen wollte, Frau Bloc, ist, dass es in der Therapiearbeit wichtig ist, die positiven Aspekte nicht auszuklammern, sondern sie im Gegenteil ganz bewusst einzubeziehen. So ist hier nicht nur die Person präsent, die sich als Hilfesuchende schwach, verletzt und angreifbar fühlt, sondern auch all jene ihrer Teile, die für eine Balance sorgen können.“

„Ach, so ist das gemeint. Das leuchtet mir ein“, war Francas Reaktion. „Irgendwie entlastet diese Sichtweise. Aber wie geht’s denn konkret weiter? Medikamente reichen wohl doch nicht?“

„Bitte haben Sie Verständnis, dass ich in einer ersten Stunde dazu noch nichts sage, es wäre voreilig und falsch. Aber wir werden das klären. Da ich keine Medizinerin bin, arbeite ich mit Ärzten zusammen. Falls nötig, übernehmen die die medikamentöse Betreuung. Trotzdem möchte ich gleich heute etwas als Echo mitgeben. Was Sie beeinträchtigt und Ihnen Angst macht, sind nicht nur ,Problemchen‘, wie Sie sagen, sondern sehr ernst zu nehmende Stresszustände, die ganz offenbar eine massive Beeinträchtigung Ihrer Lebensqualität darstellen. Der Entschluss, sich Hilfe zu suchen, ist absolut sinnvoll. Es sind zwar Geduld, Kraft und Zeit erforderlich, aber die Erleichterung und Unterstützung, die mit einer Therapie verbunden sein sollten, kann von der ersten Stunde an wirksam werden. Allein schon deshalb, weil man die Last nun nicht mehr alleine tragen muss.“

Franca sah mich gespannt und erwartungsvoll an, deshalb sprach ich weiter.

„Mitunter kann ein Therapieprozess so eine Art Expedition werden, eine Forschungsreise. Wer in die Praxis kommt, bringt bewusste und unbewusste Anliegen mit, Zielvorstellungen, aber auch seine Persönlichkeit, die ganze Biografie als Rüstzeug. Und ich bringe mich ein, bin mit der beruflichen Kompetenz dazu bereit, klärende, ermutigende und hilfreiche Begleitung zu sein. Auch eine kritische, wenn es sein muss. So ausgerüstet, bricht man zu einer sehr speziellen, unverwechselbaren Reise auf.

Oft muss erst einmal eine gemeinsame Sprache gefunden werden. Der Zugang zum Verständnis von belastenden Erlebnissen liegt oft in sprachlos-tiefen, schwer zugänglichen Schichten oder auf vermintem Gelände. Wie bei archäologischen Ausgrabungen ist dann nur behutsames Herantasten möglich, um das Verschüttete allmählich freizulegen und es zu bergen. Jeder einzelne Schritt muss gut gesichert werden. All das erfordert Zeit, Mut und Geduld. Anders als sonst im Leben geht es in der Therapie eben nicht um Leistung und Schnelligkeit.“ Beim Blick auf die Uhr sah ich, dass die Stunde gleich um war. „Das klingt jetzt wahrscheinlich noch ziemlich abstrakt, aber es wird meist sehr bald ganz konkret. Für heute müssen wir uns verabschieden.“

Während ich sie forschend ansah, entgegnete sie lebhaft: „Nein, nein, im Gegenteil, ich kann damit viel mehr anfangen, als Sie vielleicht jetzt denken.“

Sie wünschte eine Reihe von Gesprächsterminen zu vereinbaren. Auf die übliche Frage nach ihrer Versicherung schüttelte sie abwehrend den Kopf. Sie wollte nicht, dass eine offizielle Stelle einbezogen würde. Als ich ihr den Betrag nannte, den sie privat für eine Stunde aufbringen müsste, zuckte sie gleichmütig mit den Schultern. Geld war anscheinend kein Problem. Während sie sich aus der Decke pellte, schaute sie anders als zu Beginn im Zimmer ruhig umher und meinte: „Es gefällt mir hier“, und mit einem Blick auf ein Bild an der gegenüberliegenden Wand: „Sie mögen Rothko. Den mag ich auch.“

Bevor wir uns verabschiedeten, gab ich ihr einen Fragebogen, den ich zu Beginn jeder Therapie verteile, und bat sie, ihn mir möglichst bald ausgefüllt zurückzubringen. Ich brachte sie zur Türe, verzichtete aber darauf, ihr die Hand zu reichen, weil ich annahm, dass ihr wegen ihrer kalten, schwitzigen Hände die Berührung unlieb war. Ich sah sie aufmunternd an. „Schön, dann bis zur nächsten Stunde.“

Sie sagte: „Wissen Sie, es erleichtert mich jetzt schon, dass Sie nicht denken, dass ich spinne, mir bloß alles einbilde oder sonst wie durchgedreht bin.“

Ich nickte noch einmal bestätigend und ließ sie hinaus. Anschließend notierte ich im Laptop: „Erstgespräch mit Franca Bloc: 32-jährige Fotografin, außergewöhnlich schön, klagt über unerklärliche Anwandlungen von Ohnmacht, Panikattacken, nächtliches Schreien. Symptomatik wird bagatellisiert. Bei der Begrüßung eiskalte, nasse Hände. Friert auch bei hohen Temperaturen, wahrscheinlich extrem niedriger Blutdruck. In der Kontaktaufnahme Schwankung zwischen Offenheit und ängstlich-misstrauischem Verhalten. Die Stimme auffällig. Lebt mit Freundin in WG. Scheinbar kein Partner oder Partnerin. Deutet Probleme mit Männern an. Fragen nach der Herkunftsfamilie weicht sie aus. Intelligent, kreativ, außerdem sehr sozial engagiert. Einiges deutet auf komplexe Störung und massiven emotionalen Stress hin.“

Ein solches Erstgespräch vor Beginn einer Therapie wird „probatorisch“ genannt, weil es tatsächlich eine Art Probe ist. Es dient sowohl dem Austausch von notwendigen Informationen über das therapeutische Setting als auch einem ersten Kennenlernen, dem spontanen, intuitiven Abtasten, ob man wohl „miteinander kann“ und zu einer Verständigung findet. Den meisten Menschen leuchtet ein, dass diese erste persönliche Begegnung zu Beginn einer Psychotherapie für beide Seiten von Bedeutung ist. Der bloße Eindruck einer Stimme am Telefon wird erst jetzt zu einem konkreten Menschen, einer weiblichen oder männlichen Person, die aus ganz unterschiedlichen Gründen auf der Suche nach Hilfe ist.

Ein Mensch kann zum Beispiel an einem Lebenspunkt angelangt sein, an dem etwas unüberwindbar schwierig zu werden droht, vielleicht bereits unerträglich geworden ist. Oder altes Lebensmaterial, Vergessenes und Verdrängtes, belasten plötzlich, scheinbar wie aus heiterem Himmel, die aktuelle Lebenssituation. Auch unterschiedliche Ängste, Zwänge und Depressionen können ein Leben zur Qual werden lassen, in seinem lebendigen Fluss blockieren durch den Gedanken, nicht mehr weiterzukönnen. Suizid begehen zu müssen, um all dem ein Ende zu bereiten, kann mitunter als einziger erlösender Ausweg erscheinen. Und es kommt vor, dass Beziehungen zu anderen Menschen, aber auch die zu sich selbst, auf Grund von krisenhaften Erfahrungen so fragwürdig werden, dass man in ihnen nicht mehr sicher aufgehoben ist.

Der Körper zeigt dann irgendwann, meist erst nach Jahren klaglosen Funktionierens, die Grenze des Erträglichen. Mittels von Alarmsignalen, Störungen aller Art, protestiert er gegen jahrelangen Mangel an Fürsorge, Aufmerksamkeit und Respekt. Bereits vor dem Eintreten ernsthafter Krankheiten können Symptome oder Schmerzen darauf hindeuten, dass dringender Handlungsbedarf besteht und eine Lebensveränderung notwendig ist.

Bei solch einem ersten Kontakt, wenn anfängliche Befangenheit, Scheu oder Skepsis abgebaut sowie grundsätzliche Fragen geklärt sind und akzeptiert wird, dass es weder notwendig noch möglich ist, in einer ersten Stunde gleich das ganze Leben zu erzählen, gelingt es vielen Menschen zu schildern, worunter sie leiden, was sie beeinträchtigt und welche Art Hilfe sie von einer Therapie erhoffen.

Es ist meine Aufgabe, als Psychotherapeutin einzuschätzen, ob das jeweilige Gegenüber bei mir gut aufgehoben sein wird oder Kollegen einer anderen Therapierichtung hilfreicher wären. Das Ergebnis einer ersten Kontaktnahme kann auch die Empfehlung eines Klinikaufenthaltes sein, wenn angesichts der aktuellen Problematik eine ambulante Therapie nicht ausreichen würde. Wenn all das geklärt ist, beginnt sowohl für die hilfesuchende Person als auch für mich als Therapeutin ein komplexes Geschehen, von dem meist nicht gleich klar ist, was alles in ihm enthalten sein wird.

Bei jener lange zurückliegenden ersten Begegnung mit Franca konnte ich nicht ahnen, was wir im Laufe der Jahre an ungeheuerlichen Lebenslasten zutage fördern würden. Anfangs schien mir ohnehin eine kontinuierliche Zusammenarbeit fragwürdig. Sie war immer wieder wie auf dem Absprung, auf der Flucht vor ihrer Geschichte. Eine Weile war ich innerlich darauf vorbereitet, dass sie zum nächsten Termin nicht erscheinen würde, doch zu meinem Erstaunen kam sie immer wieder, pünktlich auf die Minute. Dass allmählich Vertrauen aufkeimte, trotz aller Scheußlichkeiten, die sie erlebt hatte, empfand ich als unverdientes, kostbares Geschenk. Unsere unbedingte Entschlossenheit, gegen die Schatten und Gespenster ihrer Vergangenheit zu kämpfen, ließ schließlich ein von Zuneigung getragenes Arbeitsbündnis entstehen. Doch trotz meiner steten Bemühung um Schutz und Achtsamkeit war es manchmal unvermeidbar, dass die Inhalte der Arbeit für Franca unerträglich schmerzhaft und bedrohlich wurden.

Ihr Weg aus einem Dickicht familiärer Verstrickungen war ein äußerst mühsamer Kampf – den fast undurchdringlichen exotischen Lantana-Sträuchern nicht unähnlich. Nach und nach gab es Puzzleteile, die zusammengefügt ein Bild entstehen ließen, welches Francas Wahrheit wiedergab. Hinter einer glänzenden bürgerlichen Fassade war sie als Kind bösartigen Herrschaftsspielen ausgeliefert gewesen. Im Zustand totaler Abhängigkeit, kindlicher Bedürftigkeit und Ohnmacht waren vor allem Erfahrungen von Hass und Mangel ihr Einstieg ins Leben. Verwirrung und Ängste waren alltäglich. Für mich grenzte es an ein Wunder, dass sie angesichts solcher folterähnlicher Zustände die Kraft aufbrachte, ihrer Familienhölle zu entkommen, ohne vorher im Wahnsinn zu verschwinden oder durch Suizid dem Irrsinn ein Ende zu setzen.

Beim Abschied in jenem Sommer ahnten wir nicht, was passieren würde. Der Mord an ihrem Vater geschah nämlich erst, als alles vorbei zu sein schien.

Zwei

Tod in Sankt Petersburg

„Die gleiche Szene immer und immer wieder.

Eine quälende Endlosschleife. Dann fange ich

an zu schreien. Tonlos. Wie eine Irre.“

Dr. Charlotte Graf

In der Nacht vor Francas letzter Stunde fand ich kaum Schlaf. Ich wälzte mich ruhelos im Bett herum, litt sowohl unter der bereits endlos anhaltenden, zermürbenden Hitze als auch an jenem quälenden Albtraum, der seit Leons Tod ab und zu wiederkehrte und mich immer noch tief verstörte.

Bis auf wenige belanglose Details war sein Inhalt auch nach Jahren unverändert: Ich lausche wunderbaren Orchesterklängen. Plötzlich knallen Schüsse in die Musik hinein. Gelähmt, unfähig mich zu rühren, sehe ich ohnmächtig zu, wie Leon taumelt und fällt. Die gleiche Szene, immer und immer wieder, in grausam quälender Endlosschleife. Dann fange ich an zu schreien, wie eine Irre, doch bleibe ich völlig stumm. Wenn ich Glück habe, werde ich an dieser Stelle wach, meist völlig verwirrt und tränenüberströmt.

Dem furchtbaren Ereignis, auf den dieser Traum zurückging, galt auch Francas Frage in der ersten Therapiestunde. Mich marterte die Frage, ob Leon noch leben würde, wenn wir damals nicht nach Sankt Petersburg gereist wären. Die verfluchte Reise war meine Idee gewesen.

Leon, der unter heftiger Flugangst litt und überhaupt ein Reisemuffel war, protestierte lange und vehement gegen diesen Plan. Nach hitzigen Diskussionen und vor allem weil es mein Geburtstagswunsch war, gab er irgendwann widerwillig nach. Außerdem bot uns ein Zufall die Möglichkeit, drei Wochen in der Wohnung von Jelena und Jura Malakov, Freunde von russischen Freunden von uns, in der Nähe der amerikanischen Botschaft wohnen zu dürfen. Wir wurden herzlich empfangen und nach einem feuchtfröhlichen Begrüßungsabend und der Schlüsselübergabe brachen Malakovs am nächsten Vormittag mit einem monströsen Berg von Gepäck zu einem Forschungssemester an ein geologisches Institut nach Neuseeland auf. Zuvor versorgten sie uns noch mit allerlei Instruktionen und guten Wünschen für den Aufenthalt.

In den folgenden Tagen erkundeten wir auf ausgedehnten Fußmärschen die Stadt und erlebten beim Umherstreifen Wechselbäder der Gefühle. Denn das Auge kann sich in Sankt Petersburg an einer Vielzahl der prächtigsten Arbeiten italienischer, französischer, russischer und deutscher Architekten erfreuen, um unmittelbar darauf auf völlig verwahrloste Häuserreihen zu treffen, mit Straßen und Schienensträngen in einem jämmerlichen Zustand unaufhaltsamen Verfalls. Armut und protziger Luxus lagen schamlos nebeneinander.

In einigen Metroeingängen boten uralt aussehende Frauen westliche Plastiktüten zum Verkauf an, mit denen sie, wie man uns erklärte, ihre winzigen Renten aufbesserten. Bei all dem dachten wir an die Belagerung der Stadt durch die Nazis 1942/43, an den Winter damals, als die Zahl der täglich an Hunger sterbenden Menschen auf über dreitausend wuchs und es zu Kannibalismus kam. Uns fielen verwahrloste Kinder und Jugendliche auf, die in Grüppchen am Moskauer Bahnhof, aber auch an vielen anderen Stellen der Stadt herumlungerten. Zu ihrem Gefolge zählten magere, räudige Hunde und dreckige, ausgemergelte Katzen. Letztere lagen kaum erkennbar wie Häufchen Putzlumpen in Ecken herum.

Die Straßen waren zu jeder Tageszeit von zielstrebig Dahineilenden gefüllt. In den Menschenströmen tauchten neben alltäglichen auch eigenwillig schöne, fremdartige Gesichter auf, die uns im Vorbeigehen aufschreckten, weil sie nicht nur zerstörten Skulpturen glichen, sondern ihnen jede Ähnlichkeit mit einem menschlichen Antlitz abhanden gekommen war. Sie wirkten wie Albtraumgebilde, lösten dennoch den Impuls aus, sie berühren und betasten zu wollen, um zu prüfen, ob sie echt waren. Sahen Überlebende aus Gulags so aus, Menschen, die den mörderischen Strafaktionen und Arbeitseinsätzen entkommen waren? Jene unfassbaren Schicksale, die Solschenizyn ebenso wie Schalamow in seinen Erzählungen über Kolyma dem Vergessen entriss.

An einem kalten, aber sonnigen Vormittag nahmen wir den Trolleybus Nummer 14 zum Alexander-Newski-Kloster. Auf dem Tichwiner Friedhof legten wir am Grab von Dostojewski Blumen nieder und statteten auch anderen Gräbern einen Besuch ab. Zurück in der Stadt, liefen wir fast andächtig im Scheremetjew-Palais durch Wohnräume, in denen Anna Achmatowa dreißig Jahre gelebt und ihr „Poem ohne Helden“ verfasst hatte. Hier notierte sie ihre offiziell verbotenen Gedichte auf Zetteln und las sie einer eingeschworenen kleinen Gemeinde von Freunden und politisch Gleichgesinnten vor, die sie auswendig lernten. Es kam auch vor, dass die Dichterin ihre gefährlichen Werke aufaß.

Für die Schätze der Eremitage nahmen wir uns zwei Tage Zeit. Einen verbrachten wir im Russischen Museum, um dort Bilder von Michail Wrubel wiederzusehen. Auf das Werk dieses russischen Symbolisten, der 1910 in einer psychiatrischen Klinik starb, waren wir durch eine Ausstellung in Berlin aufmerksam geworden. Mich interessierten vor allem seine Dämonenbilder, während Leon, selbst Künstler, die Keramikarbeiten studieren wollte.

An dem Tag, als wir die Peter-und-Paul-Festung besuchten, die auf einer kleinen Insel im Newa-Delta angelegte Keimzelle der Stadt, sahen wir Menschen trotz der Kälte im Fluss schwimmen, einige besonders kühne oder abgehärtete genossen unbekleidet ein Sonnenbad. Die Zeit in Sankt Petersburg war randvoll mit Unerwartetem, mit bestürzenden und beglückenden Erlebnissen und Eindrücken, die uns nachhaltig beschäftigten. Müde vom Laufen, gingen wir manchmal ins Kino. Einmal sahen wir in einer früheren Kirche den Ingmar-Bergman-Film „Fanny und Alexander“. Ein paarmal saßen wir im Grand Hotel Europe bei irischer Harfenmusik, tranken Kaffee und aßen Thunfischsandwiches.

Es waren wundervolle Tage.

Es ging uns gut. Wir liebten uns öfter als sonst im Berliner Alltag. Wenn wir mit von Lust weich geschmolzenen Gliedern ineinander verschlungen ausruhten, kam es vor, dass Leon mich lächelnd betrachtete und fand, dass die Idee zu dieser Reise doch ziemlich gut gewesen war.

An einem Sonntagvormittag, als das Wasser in Wänden vom Himmel stürzte und jeden Schirm wie einen Strohhalm umknickte, flüchteten wir in die Staatsbibliothek. Wir wollten den Aufenthalt nutzen, um nach Werken von Lou Andreas-Salomé zu suchen, einer berühmten Psychotherapeutin, die noch zur Zarenzeit als Generalstochter geboren wurde, später Muse und Geliebte Rilkes, zeitweise Nietzsches Freundin war, die schließlich nach ihrer Bekanntschaft mit Freud die Psychoanalyse erlernte. Auf dem Weg zu den uralten Karteikästen wurden wir durch riesige Säle und endlose Flure geführt. Als wir zu unserem Bedauern weder Hinweise auf ihre zahlreichen Romane noch auf ihre klugen Essays fanden, liefen wir weiter an meterhohen Regalwänden und geheimnisvoll labyrinthischen Gängen entlang, die vollgestellt waren mit wertvollen Folianten und Büchern aller Art. Wir hatten das Gefühl, in eine andere Zeit zurückversetzt zu sein, wie in die Romanwelt von Charles Dickens. Die überheizte Luft war trocken und roch nach Staub.

In kleinen Nischen hockten Menschen, die so versunken in ihre Lektüre waren, dass sie mit ihrer Umgebung verschmolzen. Trotz der Stille in den Räumen war es keineswegs menschenleer, doch die zahlreichen Besucher bewegten sich leise und trugen ihre Anliegen im Flüsterton vor. Die streng bebrillte Dame vom Personal, die uns begleitete, führte uns zum Schluss in einen der großen Lesesäle, wo sich Lenins Arbeitsplatz befand.

Erst am nächsten Tag hörten die sintflutartigen Regenfälle auf. Eines der zahlreichen Tragflächenboote brachte uns nach Peterhof, der Sommerresidenz des Zaren. Angesichts des ungeheuren Andrangs von Menschen dort verzichteten wir auf die Besichtigung der Paläste und spazierten lieber in aller Ruhe in den Parks herum. Als die Abreise immer näher rückte, versicherte Leon täglich, wie anregend und wunderbar er den Aufenthalt fand.

Zu meiner großen Überraschung und noch größeren Freude war es ihm gelungen, für den vorletzten Abend Karten für die Philharmonie zu besorgen. Auf dem Programm standen Griegs Peer-Gynt-Suite, die erste Symphonie von Felix Mendelssohn und die siebte Symphonie von Dimitri Schostakowitsch. Kurt Masur dirigierte dazu die New Yorker Philharmoniker.

Der Schlussbeifall war orkanartig, die Begeisterungsstürme nahmen kein Ende. Aufgewühlt verließen wir noch ganz benommen inmitten der Konzertbesucher langsam das Gebäude, als plötzlich etwas hässlich Lautes die Luft zerriss. Leon sah mich mit weit offenen Augen an, streckte den rechten Arm nach mir aus und öffnete den Mund, als ob er etwas sagen wollte, doch nur gurgelnde Laute kamen über seine Lippen, bevor er tonlos, sehr langsam, wie in einer eleganten Choreografie zu Boden sank. Erst da sah ich Blut aus seinen dichten schwarzen Haaren sickern und über sein weißes Leinenhemd laufen. Jemand schrie und hörte nicht auf zu schreien. Mir war nicht klar, dass ich diese Person war. Die hektische Bewegung, die um uns herum entstand, bemerkte ich ebenfalls nicht. Ich wollte, dass Leon endlich wieder aufstand, war nur darauf konzentriert. Später, viel später und noch sehr lange danach hörte ich dieses entsetzliche Schreien in mir. Wie eingefroren.

Irgendwann tauchten Ambulanz und Polizeiwagen auf. Ein mongolisch aussehender junger Arzt verabreichte mir eine Spritze, weil ich schreiend an den Toten geklammert blieb. Hilflos meinte er in gebrochenem Englisch: „Mann sofort tot. Keine Schmerzen. Keine Schmerzen.“

Der Schütze musste in der Nähe des Puschkin-Denkmals gestanden haben. Wem die Schüsse aus einer Armeewaffe wirklich gegolten hatten, wurde nie geklärt. In einer ersten Version hieß es, jemand aus Mafiakreisen hätte Rache an einem der neuen Öl-Milliardäre Russlands nehmen wollen. Andere behaupteten, der Anschlag habe einem regimekritischen Journalisten gegolten. Die Wahrheit blieb im Dunkeln, wie so vieles in diesem Land. Offiziell sprach man von einem „tragischen Unfall“. Leon, mein geliebter Leon, war einer Verwechslung zum Opfer gefallen.

In der Folge des Ereignisses kam mir alles surreal vor. Die Nacht über behielt man mich irgendwo in einem Krankenhaus unter Aufsicht. Aus dem wundervollen Musikerlebnis war ich übergangslos, ohne jede Vorwarnung in einem unfassbar grauenvollen Horrorfilm gelandet. Obwohl ich verzweifelt nach einem Ausweg suchte, gab es kein Entrinnen, kein befreiendes Erwachen. Apathisch lag ich da und fiel aus der Zeit.

Es grenzte an ein Wunder, dass am nächsten Abend eine vertraute Stimme an mein Ohr drang. Lilli Wolters saß an meinem Bett. Lange blieb rätselhaft, wer sie benachrichtigt hatte. Monate später meinte sie: „Als der Anruf kam, dachte ich natürlich zuerst, jemand erlaubt sich einen sehr üblen Scherz mit mir, zumal der Mensch in einem kaum verständlichen Englisch sprach. Als ich dann aber weder dich noch Leon telefonisch erreichte, war klar, dass etwas ganz Schlimmes passiert sein musste.“

Vielleicht hatte ja der junge Arzt in meiner Geldbörse den kleinen Notfallzettel mit Telefonnummern gefunden, auf dem Lillis Handynummer an erster Stelle stand. Dank ihrer umsichtigen Hilfe und Souveränität überstand ich bürokratische Prozeduren und Verhöre. Lilli verbarg tapfer ihr eigenes Entsetzen.

Wie wir nach ein paar Tagen mit der Leiche vom Flughafen Pulkovo nach Berlin flogen, wurde aus meinem Gedächtnis ebenso gelöscht wie das Meiste aus der Zeit unmittelbar danach. Starke Beruhigungsmittel ersparten mir die unfassbare Realität. Wie ein Junkie schwamm ich in einem Meer von tröstlichen Bildern und Phantasien.

Lilli, die Anwältin für Scheidungsrecht, und Max, ihr Mann, ebenfalls Jurist, aber Strafrechtler, nahmen mich wie ein schwer krankes und gestörtes Kind bei sich auf. Beide zählten zu den ersten Sammlern von Leons Objektkunst, lange bevor er erfolgreich wurde. Aus diesem Kontakt erwuchs eine tiefe Freundschaft, zu der ich später als Gefährtin von Leon hinzukam. Wolters übertrugen ihre warmen und positiven Gefühle für ihn ganz selbstverständlich und offenherzig auf mich. Auch jetzt hielten diese wunderbaren Freunde alles von mir fern. Nach ihren Anweisungen sorgte Grete Janssen, ihre langjährige Hilfe, die längst zur Familie gehörte, nach einer Weile behutsam dafür, dass ich außer Medikamenten wieder etwas Nahrhaftes zu mir nahm.

Die Praxis blieb geschlossen.

Lilli kümmerte sich, informierte meine Praxis, hinterließ eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, nahm Kontakt mit Klienten auf und nannte ihnen Adressen von Kollegen, die bereit waren, vorübergehend einzuspringen. Manche wussten bereits aus Nachrichten und Zeitungsmeldungen Bescheid. Wolters nahmen Berge von Post in Empfang und trafen gemeinsam mit anderen Freunden umsichtige Entscheidungen.

An die Beerdigung erinnere ich mich nicht wirklich. Lilli und Max hielten mich bei dem nichtreligiösen Abschiedsritual die ganze Zeit in ihrer Mitte. Die Musik von Liszt und Schubert hörte ich wie hinter einer dicken Scheibe aus Milchglas. Mich wunderte die große Zahl von anwesenden Menschen. Als der Sarg in die Erde gesenkt wurde, glaubte ich nicht, dass Leon darin lag, das war alles wie aus einem falschen Film. Lilli bemerkte rechtzeitig, dass ich lautstark protestieren wollte, sie drückte schmerzhaft und heftig meinen Arm und zog mich an der wartenden Menge vorbei, ohne die Kondolenzen abzuwarten. Max fuhr uns nach Hause und sie packten mich wieder ins Bett. Lilli blieb sitzen, hielt meine Hand und wartete, bis ich eingeschlafen war.

In den Tagen danach war es eine höllische Qual, wach zu werden. Ich war einerseits erstarrt und gefühllos, wie tot, oder alles in mir brannte. Es gab dann keine Stelle, die nicht schmerzte. Dabei begriff ich nicht, wer ein Interesse daran haben könnte, mich so zu foltern. Erst Wochen später tauchte ich als Gezeichnete, als Fremde völlig verstört aus den Tiefen des Schattenlandes wieder auf, sehr langsam, um nicht den Verstand zu verlieren, nicht zu ersticken an der maßlosen Leere. Doch schwer beschreibbare, abgründige Zustände hielten mich weiter gefangen, während ich fassungslos sah, dass die Welt noch existierte.

Scheinbar ging alles einfach so weiter. Von einem Künstler las ich den Satz: „Trauer ist der Widerstand gegen das Verschwinden“, und so krallte ich mich an eine grenzenlose Trauer, entschlossen, sie nie mehr loszulassen. Es gab für mich keinen einzigen tragfähigen Grund mehr, leben zu wollen. Alles, was von mir übrig war, wünschte nichts sehnlicher, als bei Leon zu sein. Mit ihm zu sein. Lange Zeit war der Tod das einzig noch Erstrebenswerte. Trotzdem meldete sich eines Tages eine Stimme in mir, die es energisch verbot, weiter Pillen zu schlucken. Ich gehorchte. Die Freunde atmeten erleichtert auf. Nach intensiven Gesprächen war ich halbherzig dazu bereit, die Hilfe einer kompetenten Kollegin in Anspruch zu nehmen.

Dr. Ruth Blau war mir von zahlreichen Veröffentlichungen, aber auch von Fortbildungsveranstaltungen und Psychologiekongressen her bekannt. Sie war eine kleine zarte Dame von ungewöhnlich wacher Präsenz, mit einer grauen lockigen Mähne, kohlschwarzen wissenden Augen und einer männlich tiefen, verrauchten Stimme. Sie trug mit Vorliebe wild gemusterte Kostüme in ziemlich grellen Farben, die an der winzigen Person nicht unbedingt vorteilhaft aussahen. Ihr Alter war schwer zu schätzen, vermutlich war sie bereits weit jenseits der siebzig. Es wurde erzählt, dass sie als Baby mit ihren Eltern und zahlreichen Familienangehörigen im Warschauer Ghetto gelebt hatte. Alle Familienmitglieder wurden in Auschwitz ermordet, sie soll als Einzige auf wundersame Weise überlebt haben. Ein nichtjüdischer polnischer Händler, der ihre Eltern kannte und schätzte und regelmäßig mit einigen der wachhabenden SS-Leute Geschäfte machte, schmuggelte sie bei einem seiner Besuche unter seinen Waren hinaus. Er sorgte dafür, dass sie sicher zu Freunden der Eltern gebracht wurde.

Sechs Monate lang fuhr ich mehrmals in der Woche in ihre Praxis, die in der Eichenallee in der Nähe vom Theodor-Heuss-Platz lag. In einer riesigen alten Villa, kein Mensch wusste, wer außer ihr noch dort lebte, fanden im ersten Stockwerk die Therapiesitzungen statt. Sobald ich meinen Namen in die Sprechanlage sagte, öffnete sich die schwere Holztüre automatisch mit einem knarrenden Ton. Auf den Fensterbänken im Flur standen riesige Kakteen, die bei einem meiner Besuche pinkfarben üppig blühten. Es roch immer ein bisschen eigenartig angestaubt, als ob zu selten gelüftet wurde. Der Therapieraum war groß und wirkte wegen der rundum angebrachten Holzvertäfelung dunkel, selbst die hohe Decke bestand aus Holzkassetten. An drei Seiten gingen Bücherregale vom Boden bis zur Decke und an der Fensterseite war ein Balkon, von dem aus man in einen völlig verwilderten Garten blicken konnte.

Wenn ich eintrat, winkte sie mich fast immer mit einer raschen Handbewegung heran. Das wirkte ungeduldig, aber eigentlich war sie die Geduld in Person. Nach einer kurzen Begrüßung nahm ich ihr gegenüber im Sessel Platz, denn eine Couch gab es nicht. Dr. Blau saß dann meist schon in ihrem braunen, abgewetzten Ledersessel, in dem sie trotz stützender Kissen, die Füße auf einem Fußbänkchen, fast ganz verschwand. Unmittelbar in ihrer Nähe auf der linken Seite, sie war Linkshänderin, befanden sich ein uralt aussehendes Telefon, der Terminkalender und meist noch Papiere und Haufen von Zetteln. In diesem Sammelsurium stand immer ein benutzter Aschenbecher, obwohl ich sie während der Sitzungen nie rauchen sah. In greifbarer Nähe, auf einem Tablett am Boden, warteten eine Thermoskanne mit Tee, daneben ein geblümter Becher, eine Süßstoffdose und eine kleine Kanne mit Sahne.

Es kam vor, dass Dr. Blau, sie war Diabetikerin, mitten in einem Satz, eine Entschuldigung murmelnd, kurz nach nebenan verschwand. Dort kontrollierte sie wohl ihren Blutzucker. Manchmal kam sie an einem Keks kauend zurück, nahm kommentarlos den Gesprächsfaden wieder auf und fuhr genau an der Stelle fort, an der das Gespräch abgerissen war.

Obwohl sie mitunter streng, fast ruppig sein konnte, war ihre grundsätzliche Haltung von echter Wärme und Mitgefühl geprägt. Mir war noch nie eine Person begegnet, die so gebildet und belesen war. Ganz offensichtlich interessierten sie absolut alle kulturellen und politischen Entwicklungen. Zur Veranschaulichung von Inhalten oder im Zusammenhang mit einer psychologischen Deutung kam es nicht selten vor, dass sie Zeilen aus Gedichten rezitierte, Szenen aus Filmen oder Klassikertexte heranzog. Ab und zu machte sie Witze, über die sie selbst schallend lachte. Immer wieder verblüffte sie mich durch ihr umfassendes Wissen, welches weit über psychologisch-philosophische Kenntnisse hinausging.

Zunächst zermarterte ich mir in den Gesprächen zwanghaft das Hirn, warum ich so idiotisch eigensinnig auf dieser Reise bestanden hatte. Es half wenig, dass Freunde, Kollegen und Bekannte wieder und wieder beteuerten, dass mich keine Schuld trefe und alles bloß ein grässlicher Zufall gewesen sei. Doch es gelang mir nicht aufzuhören, bohrend zu fragen, wieso die Kugeln ihn und nicht jemand anders getroffen hatten und warum nicht mich. Schuldgefühle fraßen wie eine ätzende Säure unaufhörlich an mir, die, so ahnte ich nebelhaft, mich auch davor schützten, mir meine tief liegende, bodenlose Ohnmacht einzugestehen. Selten dachte ich darüber nach, dass meine quälende seelische Selbstzerfleischung Außenstehende längst nerven musste.

Schließlich, nach etwa vier Monaten, als ich nicht aufhörte, mich im Kreis zu drehen, fragte Dr. Blau seufzend, aber in energischem Ton, ob mir die Geschichte von Elisabeth Bergner und Alfred Adler bekannt sei .

Ich verneinte.

„Aber Kindchen“, begann sie, ob meiner Unkenntnis nun doch etwas ungehalten, „Sie wissen doch sicher, dass die Bergner nicht nur eine große, begnadete Schauspielerin war, sondern auch eine sehr verführerische Frau, die mit ihrer androgynen Erotik ziemlich unbekümmert spielte. Natürlich waren sämtliche Kollegen in sie verliebt, aber auch andere Frauen und Männer. Zu ihnen zählte der Bildhauer Wilhelm Lehmbruck. Zwischen beiden entstand ein kompliziertes Liebesverhältnis. Er war verheiratet, hatte Kinder, was ihn aber nicht davon abhielt, rasend eifersüchtig zu sein und mit Selbstmord zu drohen, falls sie sich je von ihm trennen sollte.

Nun bekam die Bergner, die damals am Deutschen Theater in Berlin Glanzrollen spielte, ein Angebot von der Wiener Burg. Lehmbruck drohte, dass er sich umbringen würde, falls sie das Angebot annähme. Die Bergner konnte und wollte nicht ablehnen und ging nach Wien. Kurze Zeit später erfuhr sie von seinem Freitod und brach zusammen. Sie fühlte sich schuldig und war nicht mehr fähig zu spielen. Wiener Freunde brachten sie damals zum Freud-Schüler Alfred Adler. Der hörte sich ihre dramatische Geschichte in Ruhe an und meinte schließlich: ,Das könnte Ihnen so passen.‘“

Bei den letzten Worten, die sie betont akzentuiert aussprach, sah mich Dr. Blau durchdringend und erwartungsvoll an.

„Hm“, sagte ich nur, glaubte aber zu verstehen, was sie mir damit sagen wollte. Adler, der große Menschenkenner und Tiefenpsychologe, hatte in seinem trockenen Kommentar eine Allmachtsphantasie aufgedeckt und die Bergner gleichzeitig völlig entlastet.

Nach dieser Lektion verstärkte ich die Bemühungen, auf unnütze marternde Schuldgefühle zu verzichten. Ich versuchte jetzt zu realisieren, dass Leon tot war und nicht einfach nur abwesend, auf einer nur zeitlich begrenzten Reise, von der er wiederkehren würde, wenn ich nur lange genug wartete. Ich musste begreifen, dass er tot war. Und „tot“ hieß abwesend für immer! Immer! Immer! Aber ich war noch da. Irgendwie jedenfalls. Es folgte ein zäher Kampf mit mir selbst, doch ahnte ich nicht annähernd, was mir noch bevorstand.

Beim Abschied, als ich mich bei ihr mit einer CD mit Aufnahmen von Horowitz bedankte, nahm Dr. Blau meine rechte Hand zwischen ihre beiden kleinen, etwas gichtigen Hände, sah mich aufmunternd an und meinte: „Liebe Charlotte, Frau Kollegin, Sie werden es schaffen. Kämpfen Sie! Kämpfen Sie! Glauben Sie mir, das Leben lohnt.“

Die Arbeit mit Dr. Blau half mir, mich weitgehend zu stabilisieren. Längst arbeitete ich wieder in meiner Praxis, nur ab und zu tauchten noch Panikgefühle auf. Wenn es plötzlich irgendwo knallte, kam es bei mir zu Schweißausbruch und Atemnot, bevor ich mir klarmachen konnte, dass bloß ein Reifen geplatzt war, eine Türe geknallt oder ein Flugzeug die Schallmauer durchbrochen hatte, aber niemand erschossen worden war. Mit diesen Vorfällen konnte ich inzwischen rascher und besser umgehen.

Insgesamt aber blieb das Leben ohne Leon von einer schwer fassbaren Unwirklichkeit. Wir waren zweiundzwanzig Jahre ein Paar gewesen, meinem Gefühl nach ein ganzes Leben lang. Wenn ich ehrlich war, sehnte ich mich weiter nach seiner energiegeladenen Gegenwart, dem unbändigen Lachen, in dem viel von seinem Wesen lag. Nach dem Reichtum seiner Kreativität, der scharfen Intelligenz und der spöttischen Art, mich zu necken, von den phantasievollen Zärtlichkeiten und dem lustvollen Sex ganz zu schweigen. Vor allem aber fehlten mir unsere stundenlangen Gespräche, Diskussionen, in denen wir unterschiedliche Standpunkte leidenschaftlich vertraten und nicht selten heftig miteinander stritten. Der Verlust dieser Welt war und blieb eine klaffende Wunde.

Dabei war ich aufrichtig bemüht, nicht in Selbstmitleid zu versinken. Tapfer probierte ich Normalität, tat einfach so, als ob ich ins Leben zurückgekehrt wäre, und erschrak mitunter darüber, wie sehr ich mich in die Vergangenheit zurücksehnte.

Zuhause fand ich ständig kleine Zettel von Leon, die er mir früher geschrieben hatte. Alltagsinfos, aber auch Liebesbotschaften, die zwischen Fotos und Papieren in Schubladen lagen und mir mitunter aus Büchern entgegenflatterten. Ihr Anblick schnitt mir jedes Mal schmerzhaft ins Herz und mit der mühevoll zurückeroberten Fassung war es vorbei. Ich wünschte dann inständig, dass mein zerbrochenes Herz einfach aufhören möge zu schlagen. Diesem süßen Sog, alles hinter sich zu lassen und endlich zu verschwinden, war nicht leicht zu widerstehen. Das Aufbieten von Gegenkräften war erforderlich.

Erst am Tag zuvor war mir aus Fontanes „Stechlin“ ein solcher Zettel vor die Füße gefallen. In Leons schwer leserlicher, eigenwilliger Schrift stand da: „Liebstes Lotteleben, danke für das wunderschöne blaue Leinenhemd und die Samtweste. Aber ich schwöre feierlich, dass ich in den nächsten fünf Jahren weder neue Hemden noch Westen möchte, denn mir ist klar geworden, dass die nicht wirklich glücklich machen, Dein ausnahmsweise mal einsichtsfähiger Leon.“

Trauer, Schmerz und Sehnsucht führten in meinem Alltag ein verborgenes, geschütztes Eigenleben. In meiner Phantasie existierte eine Art Schatzkammer, in der all das Verlorene, die Gefühle, Bilder, Worte, Bewegungen und Erlebnisse als Kostbarkeiten des Lebens aufgehoben waren. Jener unsichtbare, wie in inneres Gewebe eingewachsene Raum war Kraftquelle und unheilbarer Kummer zugleich. Selten erlaubte ich mir, dort hineinzuschauen, mein verlorenes Ich zu betrauern und daran zu denken, wie reich und glückvoll unser Dasein trotz aller Konflikte gewesen war. Um weiter existieren zu können, war es zwingend geboten, diesen geheimen Ort zu meiden. Ich verbot mir das süchtige Zurückfallen in eine verlorene Vergangenheit, übte Verzicht.

Zum Glück hielt das Nachtleben nicht nur Albträume, sondern auch Tröstliches bereit. In meiner Traumwelt lebte Leon weiter, dort planten, stritten und liebten wir uns. Manchmal fragte ich vorwurfsvoll: „Bist du gar nicht traurig darüber, dass ich tot bin?“ Dann lachte er schallend. Immer war ich in meinen Träumen die Tote, niemals er. Aber neben Trost gab es auch den wiederkehrenden Albtraum wie in der letzten Nacht: scharf gestochene Bilder von jenem mörderischen Abend, der das gemeinsame Leben von einer Sekunde zur nächsten jäh und brutal beendete. Nach einer derart verquälten Nacht fiel es schwer, in die Gegenwart zurückzufinden. Dieses Mal brachte das Surren des Weckers die Erlösung.

Schwer und benebelt kämpfte ich mich aus dem Bett, blieb einen Moment sitzen, um mich zurechtzufinden. Ein altes Shirt von Leon, das ich immer wieder trug, klebte schweißnass am Körper. Eine Weile hatte es noch nach ihm gerochen, inzwischen war sein Duft aber längst verschwunden. Erst unter dem harten Strahl der kalten Dusche kam ich allmählich zu mir. Beim Abtrocknen stellte ich das Radio an. Die Sechs-Uhr-Nachrichten berichteten wieder von Selbstmordattentaten in Kabul, Explosionen in Istanbul und Bagdad.

Die Radiosprecherin sprach die Horrornachrichten über die Toten und Verletzten im gleichen nüchternen Ton wie die Kommentare zu den üblichen Machtkämpfen der hiesigen politischen Parteien. Der Wetterbericht meldete, dass die Hitze weiter anhalten würde.

Zu den Tipps für abendliche Kulturveranstaltungen massierte ich mechanisch eine Lotion ein. Nach dieser Prozedur warf ich einen Blick in den Spiegel: Die kurz geschnittenen, stufig fallenden und wenig gelockten Haare, in deren Weißblond in letzter Zeit vereinzelt Grau auftauchte, klebten an den Schläfen. Über der schmalen Nasenwurzel zwischen dichten dunklen Augenbrauen ragten zwei steile Furchen. Dem Mund war ein weicher Schwung geblieben, aber unter den grünen Augen lagen tiefe dunkle Schatten.

Die Frau, deren kritischer Blick mich aus einem ovalen blassen Gesicht musterte, war ich. Aber diese Dr. Charlotte Graf, 43 Jahre alt, allein lebend, psychologische Psychotherapeutin von Beruf, war nicht die Frau, die ich mit Leon gewesen war. Irritierend. Nach einer solchen Nacht kam ich mir ohnehin wie ein bloßes Überbleibsel vor.

Der üblicherweise „Ich“ genannte Teil existiert zwar nie als feste, unveränderbare Größe, trotzdem war mein früheres Ich ein vertrautes Zuhause gewesen, in dem ich mich mit mir selbst „richtig“ gefühlt hatte. Neues zu entwickeln schien wenig verlockend. Sicher war es auf kindische Weise bockig, aber ich wollte kein neues Ich. Nicht auf diese gezwungene Weise.

In der Küche setzte ich die Kaffeemaschine in Gang, presste frischen Orangensaft und ging mit dem Glas hinaus in den Garten. Hier war die Luft einigermaßen erträglich. In einem der betagten Korbsessel auf der Terrasse lag auf Leons uraltem, verblichenem blauen Nickipulli ein pechschwarzes Knäuel. Leolou, unser Kater, schlief im Sommer meist draußen. Wir hatten ihn, sechs Wochen alt, ein Jahr nach unserem Einzug von Nachbarn geschenkt bekommen und voller Freude bei uns aufgenommen.

Ein von mir verursachtes Geräusch weckte ihn auf. Bei meinem Anblick reckte und streckte er sich, wohlige Laute ausstoßend, und rollte auf den Rücken. Seine freudige Erwartung, gleich ausgiebig am Bauch gekrault zu werden, ließ mich lächeln. Für einen Moment streichelte ich den festen, pelzigen Körper und rieb den samtigen Kopf, den er zufrieden schnurrend in meine Hand stieß, während ich langsam den Saft trank.

Das alte, aber gut erhaltene Haus in der Limastraße nahe dem Mexikoplatz gehörte ursprünglich Rosa Linn, die einzige Schwester meiner Mutter und meine Lieblingstante. Meine Eltern waren schon lange tot. Rosa, viele Jahre erfolgreiche Architektin mit eigenem Büro, war unverheiratet und kinderlos geblieben. Sie und ich waren damals die einzig noch lebenden Mitglieder der Familie. Fünf Jahre bewohnten Leon und ich als Mieter die obere Etage, bis Rosa eines Tages schwer erkrankte. Nach langwierigen Untersuchungen lautete die Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ein halbes Jahr wurde sie zuhause versorgt und gepflegt. Kurz bevor sie starb, schenkte sie mir das Haus.

Es bestand aus zwei Etagen, war unterkellert und hatte einen weiträumigen Dachboden, den sie später einmal ausbauen wollte. Das Haus lag etwas erhöht und etliche Meter von der Straße entfernt. Durch ein schmiedeeisernes Tor betrat man den Vorgarten, von dem aus eine schwungvolle Steintreppe mit fünf Stufen zwischen alten Rosenbüschen hindurch zur Eingangstüre führte. Ein Holzbalkon und ein gemauerter Erker schmückten die Fassade. An der Hinterfront gab es in der oberen Etage einen großzügigen Wintergarten.

Unten ging die Terrasse in einen verwunschen wirkenden Garten über, den zu gestalten immer zu wenig Zeit gewesen war. Nach dem Tod der Tante nannten wir das Haus ihr zu Ehren „Villa Rosa“. Wie in vielen Berliner Altbauten waren die Räume mit hohen Stuckdecken versehen. Es gab einige Flügeltüren aus milchigem, mit Blumenmustern geschmücktem Glas und jede Menge verwinkelter Nischen, die dem Haus eine etwas altertümliche, aber auch eigenwillige Note verliehen. Zwei Jahre nach Rosas Tod, im Frühling, begann Leon die Fassade in einem zarten Ton in der Farbe von Schwertlilien zu streichen. Als er damit fertig war, bekamen die Balkone und die Eingangstüre einen kräftigen blauen Anstrich, sodass all die Farben im Frühjahr mit den in Kübeln wachsenden, pinkfarbenen Clematis um die farbigste Leuchtkraft wetteiferten.

Leon bezog nach der Renovierung die untere Etage. Ich blieb oben. Im Kaminzimmer richteten wir eine gemeinsame Bibliothek ein. Es gab in jedem Stockwerk ein Gästezimmer, eine funktionierende Küche, Toiletten und ein Bad. Meist nutzten wir die untere Küche, weil Leon es liebte, abends für uns oder Freunde zu kochen.