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Christian Krijnens kurzgefasster Essay beschäftigt sich mit dem philosophischen Problem par excellence: dem Absoluten. Zwar würde niemand, der sich einen Überblick über die Themen der Gegenwartsphilosophie zu verschaffen versucht, behaupten, diese sei die Wissenschaft des Absoluten. Gleichwohl gehört der Begriff des Absoluten von Anbeginn der Philosophie zu ihren fundamentalen Begriffen. Über weite Strecken bietet das Buch eine systematische Deutung des Hegel'schen Systems der Philosophie, die – neben Kants transzendentalem Idealismus – nach Überzeugung des Autors die avancierteste Position ist, die die Philosophie zu bieten hat. Hegel hatte sich einst so ausgedrückt, dass die Kraft des Geistes nur so groß wie ihre Äußerung und seine Tiefe nur so tief sei, wie er in seiner Auslegung sich auszubreiten und zu verlieren getraut. Entsprechend hängt die Weite des Geistes auch daran, wie tief er in seine Tiefe hinabgestiegen ist. Das Absolute ist dieser Abstieg und die damit einhergehende Ausbreitung. Ausgehend vom Denken als Prinzip von Objektivität und somit Anfangspunkt der Bestimmung des Absoluten legt der Autor dar, wie das Denken sich vom Sein über das Wesen zum Begriff entwickelt. Anschließend folgt ein Kapitel über Natur und Geist, in dem es darum geht, die Welt, in der wir leben, als Realisierung des Absoluten zu begreifen. Der systematischen Ausrichtung gemäß sind bei der Lektüre keine besonderen Vorkenntnisse vonnöten. Der in 128 kurze Abschnitte gegliederte Text samt seiner Terminologie ist aus sich selbst, d. h. aufgrund der entwickelten Argumentation, verständlich.
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Christian Krijnen
Ein Essay über Einheit
Meiner
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über ‹https://portal.dnb.de› abrufbar.
eISBN (PDF) 978-3-7873-4422-2
eISBN (ePub) 978-3-7873-4453-6
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Vorwort
Einleitung
I Das Absolute und die Philosophie
II Philosophie und Denken
Denken und Sein
Sein
Wesen
Begriff
Natur und Geist
Der alte Teich.
Ein Frosch springt hinein –
das Geräusch des Wassers.
Bashō (HAIKU. Japanische Gedichte,
übers. v. Dietrich Krusche, München 1994)
γνῷθι σεαυτόν
Inschrift am Apollotempel von Delphi
Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält
Goethe (Faust)
Die Geschichte der Philosophie ist die Geschichte der Entdeckung der Gedanken über das Absolute, das ihr Gegenstand ist
Hegel (Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, Vorrede 2. Aufl.)
Die ganze Philosophie ist nichts anderes als das Studium der Bestimmungen der Einheit
Hegel (Vorlesungen über die Philosophie der Religion)
Unter einem Essay versteht man für gewöhnlich auch eine wissenschaftliche Abhandlung, in der eine Thematik in knapper und dennoch anspruchsvoller Form traktiert wird. Zugleich ist mit ihm die Konnotation des Versuchs verbunden. Vor diesem Hintergrund bietet die vorliegende Schrift eine Erkundung des Absoluten als des philosophischen Problems κατ' ἐξοχήν. Sie bildet das Ergebnis einer langjährigen Auseinandersetzung mit dem transzendentalen Idealismus Kants sowie der ihm verbundenen Tradition des Kritizismus einerseits und dem spekulativen Idealismus Hegels andererseits. Beide scheinen mir, aufs Ganze gesehen, die avanciertesten Positionen zu sein, die die Philosophie zu offerieren hat.
Wenn das Folgende sich zwar nicht durchgehend, aber über weite Strecken als eine systematische Deutung des Hegelschen Systems der Philosophie ausnimmt, dann deshalb, weil ich mittlerweile zu der Überzeugung gelangt bin, dass keiner tiefer gedacht hat als Hegel. Deshalb hat strikt genommen auch keiner weiter gedacht. Hegel selbst hatte sich einst so ausgedrückt, dass die Kraft des Geistes nur so groß als ihre Äußerung und seine Tiefe so tief, als er in seiner Auslegung sich auszubreiten und zu verlieren getraut. Entsprechend hängt die Weite der Äußerung des Geistes auch daran, wie tief er in seine Tiefe hinabgestiegen ist. Das Absolute ist dieser Abstieg und die damit einhergehende Ausbreitung.
Im Text finden sich viele Wendungen Hegels. Sie sind einfachhin in den Gedankengang integriert und nicht eigens gekennzeichnet. Ich beanspruche allerdings weder sämtliche für Hegels Philosophiekonzeption relevanten Aspekte behandelt noch substantiell über Hegel hinausgegangen zu sein. Vielmehr wird angesichts der gegenwärtigen Philosophie und in einem rein systematischen Gedankengang das Absolute seinen Grundzügen nach auf eine höhere Ebene seiner Bestimmtheit gebracht und insofern zu seiner adäquaten Bestimmtheit verholfen.
Der systematischen Ausrichtung des Textes gemäß sind keine besonderen Vorkenntnisse des Lesers vonnöten. Der Text samt seiner Terminologie ist aus sich selbst, d. h. aufgrund der entwickelten Argumentation, verständlich. Jedenfalls hege ich diese Hoffnung. Zur Terminologie des Textes ist überdies zu sagen, dass dessen Titelbegriff – das Absolute – aus Hegel’scher Sicht nicht die letzte Schärfe an sich hätte. Ein Titel wie ›Die absolute Idee und ihre Realisierungen‹ wäre gewiss der sachlich präzisere. Dass sich das darin Gedachte dennoch als ›Das Absolute. Ein Essay über Einheit‹ abhandeln lässt, möge das Folgende zeigen.
Maximilian Gottschlich und Klaus Vieweg schulde ich vielen Dank für ihren gründlichen und anregenden Kommentar zum Text. Nicht weniger danke ich Marcel Simon-Gadhof vom Felix Meiner Verlag, der die Veröffentlichung beispielhaft lektoriert hat.
Amsterdam, Ostern 2023 Christian Krijnen
Das Absolute, die Philosophie und das Denken
§ 1 Ein Beobachter der Gegenwartsphilosophie, der sich über deren Themen und Herangehensweisen ins Bild zu setzen versuchte, verstiege sich wohl kaum zu der Behauptung, Philosophie sei Wissenschaft des Absoluten. Zu sehr haben nach 1945 der postmoderne Abgesang auf die »großen Erzählungen« samt seinem Eintreten für eine Heterogenität von Perspektiven und Rationalitätstypen, das Plädoyer der Analytischen Philosophie für sprachphilosophisches »piecemeal engineering« und allenfalls deskriptiver Klärung jener Grundbegriffe, mit denen wir unsere Welt erfassen, sowie die diskurstheoretische Aufhellung der Bedingungen »kommunikativen Handelns« und ihr Paradigma der Intersubjektivität hausgehalten, als dass das Absolute als ein vorrangiges, geschweige denn als das schlechthinnige Thema der Philosophie in Erscheinung treten könnte. Von wenigen Ausnahmen abgesehen glänzt das Absolute in der Philosophie seit vielen Jahrzehnten – durch Abwesenheit.
§ 2 Indes gehört der Begriff des Absoluten von Anbeginn der Philosophie zu ihren fundamentalen Begriffen, mag es auch sein, dass der Terminus ›absolut‹ erst relativ spät Furore machte, nämlich seit Cusanus Gott ausdrücklich als das Absolute thematisiert und der deutsche Idealismus sich als Philosophie des Absoluten expliziert. Der Sache nach aber handelt es sich beim Absoluten (vom lat. absolvere: loslösen; absolutus: losgelöst, für sich allein, unabhängig, keine Beziehung zu Anderem) um nichts weniger als das Eine, das allem anderen zugrunde liegt, um das schlechthinnige Prinzip von allem also.
Historisch gesehen kommt das Absolute zur Sprache beispielsweise als jenes Eine, woraus alles andere fließt (All-Eine), schlechthin Erstes, Unbedingtes, Totalität der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten, in sich differenziertes allumfassendes Ganze (Totalität), unendliche Substanz, Grundlage von allem, Unendliches, Unbeschränktes, Unbegrenztes, Vollkommenes, Ursprung, erste (letzte) Ursache, ursprüngliche Einheit, unbedingte Macht, in sich Bestehendes, sich selbst Bestimmendes, aus und durch sich selbst Seiendes, Einheitsgrund aller Differenz, Prinzip möglicher Konkretionsbestimmungen (Prinzipiata).
Mit diesen vielfältigen Konnotationen des Absoluten ist freilich nur ein Bedeutungshorizont dessen eröffnet, was im Hauptteil der Abhandlung traktiert werden soll. Der Sinn einer Einleitung in die Philosophie des Absoluten kann ohnehin nicht darin bestehen, den Begriff des Absoluten zu begründen, sondern allenfalls das begrifflich zu bestimmende Absolute durch Reflexionen in einem räsonierenden und historischen Sinne der Vorstellung des Lesers näher zu bringen. Für sich genommen ist jedwede vorläufige Explikation nichts als ein Inbegriff von Versicherungen (dass es sich so verhält), dem gegenüber mit demselben Recht das Entgegengesetzte versichert werden könnte.
§ 3 Wie gesagt, der nachkantische deutsche Idealismus hat sich, inspiriert von Kants Revolution der philosophischen Denkungsart, ausdrücklich als Philosophie des Absoluten verstanden. Indem er Kants transzendentales Projekt einer »Selbsterkenntnis« der Vernunft tiefer, als Kant es selbst versucht hat, auszuloten sich bemüht, gerät ebendiese Vernunft in die Stellung des Absoluten. Sie ist das Prinzip aller Objektivität, umfasst und durchdringt das All des Denk- und Erkennbaren. Hegel, der diesen Gedanken in einer bis heute unübertroffenen Weise ausdrücklich gemacht hat, sprach schon früh vom Absoluten als »Identität von Identität und Nichtidentität« und hat bis in sein spätes Denken daran festgehalten, dass die Vernunft die Einheit unterschiedener Bestimmungen, näherhin die »Einheit der Bestimmungen in ihrer Entgegensetzung«, also das Ganze, fasst und ist.
§ 4 Das gesuchte Absolute als das Eine, aus dem alles andere ist (ἀρχή, ἔν καὶ πᾶν), wird also nicht mehr als ein Seiendes konzipiert, sondern als sich selbst bestimmende Vernunft. Wird das Absolute im Zuge der transzendentalphilosophischen Wende Kants und der damit einhergehenden idealistischen Perfektionsversuche nicht mehr als ein Seiendes konzipiert, dann wird es nicht mehr in der Weise der tradierten Metaphysik gedacht, d. i. als ein metaempirisch Seiendes, das wahrhaft Seiendes (ὄντως ὄν) sein soll, besonders nicht mehr als jenes Seiende, als das sich dieses wahrhaft Seiende im Mittelalter erweist und bis heute wirkungsmächtig etabliert hat: als Gott. Eine moderne Philosophie des Absoluten ist keine Metaphysik, weder thematisch noch methodisch, und der geeignete Kandidat für das Absolute nicht Gott. Gott ist vielmehr eine religiöse Vorstellung des Absoluten.
§ 5 Das Absolute als sich selbst bestimmende Vernunft lässt sich freilich auch nicht in der Weise eines Ganzen (Systems) von Sätzen explizieren, die auf einem vermeintlich durch sich selbst gewissen, obersten, unbedingten und somit absoluten Fundamentalsatz gründen, ist ein Satz bzw. der durch ihn zum Ausdruck gebrachte Sachverhalt doch immer ein für sich Beschränktes und somit Bedingtes: zu seiner Begründung bedarf es eines Anderen. Besonders gilt dies für den ebenso offenbaren wie weit verbreiteten Wahn, eine Definition als Anfang der Bestimmung eines philosophischen Gegenstandes, hier: des Absoluten, zu setzen und damit mittels einer äußeren Reflexion eine Bestimmung des Absoluten einzuführen. Jedweder axiomatische Ansatz verhindert, dass das Absolute zu seinem Begriff kommt; es bleibt bestenfalls das perennierende Andere, nicht das Eine, aus dem alles andere ist. Das Absolute ist kein Erstes, Unmittelbares, sondern als Absolutes dessen Resultat, Ergebnis seiner Selbstbestimmung, seiner Selbstauslegung. Als Absolutes kann es streng genommen überhaupt nicht definiert werden; denn es bezöge sich sodann, würde ihm überhaupt Bestimmtheit zugedacht, auf ein höheres Genus und folglich andere, von ihm unterschiedene Spezies, wäre also nicht mehr das Absolute, das nur in und durch sich selbst Bestimmte.
§ 6 Das Absolute aber muss Bestimmtheit an sich haben, wenn anders es dasjenige sein soll, was es ist, ebenso wie das, was aus und in ihm sein soll: das vermeintlich Bestimmte verlöre den Grund seiner Bestimmtheit und damit sich selbst. Kann das Absolute als ein solches weder unterschiedslose Einheit sein (und damit völlig Unbestimmtes) noch etwas über oder neben, außer oder gegen sich haben, das ihm Bestimmtheit verleiht, dann lässt sich seine Bestimmtheit nur denken als die einer in sich selbst differenzierten Einheit: der Grund der Bestimmtheit des Absoluten fiele in es selbst. Die Bestimmung des Absoluten wäre durchgehend Selbstbestimmung, seine Erkenntnis fortwährend Selbsterkenntnis, nicht Bestimmung oder Erkenntnis durch Anderes. Das von ihm unterschiedene Andere wäre vielmehr – das Andere seiner selbst. Die Bestimmtheit des Absoluten ist Selbstbeziehung auf das Andere seiner selbst.
§ 7 Mag es auch sein, dass das Absolute Selbstbestimmung durch Selbstbeziehung auf das Andere seiner selbst ist, sind wir überhaupt in der Lage, es als Absolutes zu erkennen? Ist nicht all unsere Erkenntnis situierte und damit relative Erkenntnis? Wie kann es angesichts dessen eine Erkenntnis des Absoluten geben? Ja, gibt es das Absolute überhaupt?
Dergleichen agnostizistische, relativistische und skeptische Einwände sind so alt wie das Denken über das Absolute. Sie sind als philosophische Positionen nolens volens selbst der beredtste Zeuge für das Absolute und der Möglichkeit seiner Erkenntnis. Schon die Rede davon, dass es ein Absolutes gebe, das der Erkenntnis entzogen sei, da diese es nur mit Relativem zu tun habe, ist selbst eine Erkenntnis des Absoluten in seinem Da- und Sosein, setzt also voraus, was sie leugnet. Ebenso die Behauptung, alles Denkbare sei relativ, bestehe also nicht in sich selbst, sondern stehe immer in Beziehung zu einem Anderen, wovon es irgendwie abhänge. Ist nämlich alles relativ, dann besteht alles, das All des Denkbaren, nur in Bezug auf etwas Anderes, als es selbst ist, ist also nicht mehr das All des Denkbaren. Alles, das Ganze, die Totalität, positive Unendlichkeit, das Absolute schließt seiner Bedeutung nach aus, dass es lediglich in Beziehung auf Anderes besteht. ›Alles‹ verliert seinen Sinn, wenn es Relatives meint. Relatives setzt immer ein Anderes, als es selbst ist, voraus. Folglich lässt sich der Relativismus universal und damit philosophisch nur formulieren unter Voraussetzung eines Absoluten. Indem er die Voraussetzungen seines eigenen Sinnes bedenkt und sich damit denkerisch vollbringt, wird ihm gewahr, dass er selbst nur auf dem Boden des Absoluten möglich ist. Ohne Absolutes kein Relatives. Und gerade für die konsequenteste Form des Relativismus, d. i. den Skeptizismus, gilt, dass er als Leistung des Denkens immer schon das Denken als Prinzip seiner eigenen Objektivität vorausgesetzt hat.
Insgesamt handelt es sich um Denkleistungen, die, sofern philosophisch relevant, einen Geltungsanspruch erheben und nur den Geltungsgrund ihrer eigenen Aussage bedenken müssen, um festzustellen, dass sie das Absolute als das vorausgesetzt haben, was ihre eigene Aussage ermöglicht. Sie sind also nicht nur formal in sich widersprüchlich, indem sie behaupten, was sie verneinen, und verneinen, was sie behaupten. Sie sind es auch inhaltlich, schließt der Sinn oder die Geltung ihrer eigenen Aussage doch das Absolute ein: das Denken des Agnostizismus, Relativismus und Skeptizismus setzt den Begriff des Absoluten voraus. Es setzt den
Begriff des Absoluten voraus, weil es das Denken als Einheitsgrund seiner eigenen Differenzierungen voraussetzt, als Prinzip seiner eigenen Objektivität also.
§ 8 Überhaupt setzt jegliches konkrete Denken das Denken als Prinzip seiner eigenen Objektivität voraus: das Denken in seiner prinzipiellen Bestimmtheit ist vorausgesetzt als Grund des Denkens in seiner konkreten (prinzipiierten) Bestimmtheit. Denken als Prinzip von Objektivität ist offenbar das, worauf bislang die Bestimmtheit des Absoluten als das Eine, woraus alles andere ist, hinausläuft. Das Denken in seiner Absolutheit ist vorausgesetzt als Grund des Denkens in seiner Konkretheit. Es ist der Grund seiner selbst und von Anderem: von aller Objektivität. Denken als Prinzip von Objektivität ist dann ein logischer Titel für das, was oben Vernunft als der moderne Kandidat für das Absolute hieß. Auch das Denken des Absoluten ist Denken und das Absolute immer das Absolute des Denkens. Auch das Denken des Denkens als des Absoluten nimmt das Denken als Prinzip von Objektivität in Anspruch. Ebendiesem Denken des in allem Denken vorausgesetzten Denkens obliegt es aber, ebenfalls die Voraussetzungen seiner selbst zu denken. Solches Denken ist philosophisches Denken, ist Philosophie.
§ 9 Anders als die anderen Wissenschaften (und das außerwissenschaftliche Wissen) ist Philosophie nicht nur Erkenntnis ex principiis, Erkenntnis aus Prinzipien, sondern ebenso cognitio principiorum, Erkenntnis des Prinzipiierenden. Deshalb ist es ihr, als Wissenschaft, schlechterdings untersagt, ihre Gegenstände sowie die Methode ihrer Erkenntnis als bereits gegeben anzunehmen, d. i. einfachhin vorauszusetzen. Das wäre Dogmatismus. Sämtliche Bestimmtheit, die des Seins eingeschlossen, muss sich als Ergebnis des begreifenden Denkens, das die philosophische Erkenntnis ist, allererst ergeben, und zwar: im Modus der Notwendigkeit. So ist die Philosophie Wissenschaft jenes Einen, aus dem alles andere ist: Wissenschaft des Absoluten.
Freilich wird ein philosophierendes Subjekt immer schon in irgendeiner Weise mit den Gegenständen der Philosophie bekannt sein. Diese Bekanntschaft als Bestimmtheit der Philosophie ist jedoch vorerst nichts anderes als eine Voraussetzung. Dass es sich in Wahrheit mit der Philosophie so verhält, wie vermeint, ist zu nachzuweisen, nicht bloß zu behaupten.
§ 10 Da das Denken als Prinzip von Objektivität in allem konkreten Denken und damit aller objektiven Bestimmtheit vorausgesetzt ist, die Philosophie auch noch ihre eigenen Voraussetzungen und damit das in allem Denken Zugrundeliegende dem Status bloßer Voraussetzung zu entreißen und als wissenschaftliche Erkenntnis zu setzen hat, bietet es sich über die einschlägigen historischen Gründe hinaus an, Philosophie zunächst als denkende Betrachtung der Gegenstände, als objektives Denken, zu qualifizieren. Was aber heißt hier Denken?
Als Tätigkeit genommen ist Denken auf einen zu denkenden bzw. gedachten Gegenstand bezogen (νόησις, noesis). In seiner Gegenstandsbezogenheit (Intentionalität) ist das Denken zunächst einfach ein genereller Titel für Bewusstseinsleben (geistige Tätigkeiten wie Wahrnehmen, Fühlen, Wollen, Handeln, Erkennen usw.), also bloße Gegenstandsbezogenheit überhaupt (Bewusstsein von etwas). Das Denken ist damit nicht als ein realer Vorgang, sondern als ein Prinzip gedacht, nämlich als Prinzip (ἀρχή, Ursprung) von Gegenständlichkeit (Objektivität).
Seinem Ergebnis nach genommen hingegen ist das Denken das Gedachte, der Gedanke (νόημα, noema). Erneut ist das Denken als Prinzip gedacht: nicht als Prinzip des Leistens oder Vollzugs von Objektivität, sondern als geleistete oder vollzogene Objektivität: als Gedanke (Gehalt).
§ 11 Philosophisches Denken, und damit das Denken des Absoluten, ist also eine besondere Gestalt von Denken als Prinzip von Objektivität. Es ist nicht nur wie alles Bewusstseinsleben Denken, sondern auch verschieden von den anderen Weisen des Denkens. Philosophisches Denken denkt den Inhalt des Bewusstseins in der Form des Gedankens, nicht in der Form des Gefühls, der Anschauung oder etwa der Vorstellung. Da Denken jedoch auch Titel ist für Bewusstseinsleben überhaupt, könnte man das Denken qua Form des Gedankens als erkennendes Denken qualifizieren. Philosophisches Denken ist erkennendes Denken, Denken eines Inhalts in der Form des Gedankens (›Nachdenken‹).
§ 12 Der Inhalt des Denkens qua Prinzip von Objektivität als vollzogener Objektivität steht in voneinander verschiedenen Formen seiner Objektivität. Nur so ist der Inhalt Gegenstand des Denkens. Diese seine Gegenständlichkeit besteht daher nicht nur aus Inhalt, sondern zugleich aus Form(-en). Was an sich dasselbe ist, der Inhalt, kann zu verschiedenen Gegenständen werden (ein Stück Holz Brennholz, Kunstwerk, Gegenstand religiöser Verehrung, Waffe usf.).
Philosophisches Denken ist Denken, das den Inhalt nicht nur in der Form des Gedankens denkt, sondern sich darüber hinaus durch eine besondere Form von Bewusstsein des Inhalts auszeichnet: Wissen nicht in der Form von bloß gewussten (gefühlten, begehrten usw.) Bestimmtheiten des Inhalts, sondern begriffliches Wissen von ihnen. Philosophisches Denken denkt seinen Gegenstand nicht in Vorstellungen, sondern in Begriffen.
§ 13 a) Wie das außerwissenschaftliche und das einzelwissenschaftliche Wissen denkt auch die Philosophie den Inhalt in der Form des Gedankens. Sie alle gelangen als erkennendes Denken durch Nachdenken über die Inhalte des Bewusstseins zur Wahrheit über ebendiese Inhalte. Entsprechend transformieren sie die anderen Formen des Bewusstseins, in denen der Inhalt präsent sein mag (wie etwa Empfindung oder Anschauung), durch die Form des Gedankens. Dadurch entdecken sie, wie es um die Wahrheit des Inhalts bestellt ist: sie fördern (im Erfolgsfall) Wahres über den Inhalt zutage, salopp gesagt, die Wahrheit über die Welt (als Inhalt des Bewusstseins). Indem das Ergebnis des Denkens als Tätigkeit das Allgemeine als Produkt ist (und das Denken so gesehen das tätige, das sich betätigende Allgemeine ist), ist erst durch das Nachdenken über Etwas bestimmt, was das Wahre, der Wert der Sache, das Wesentliche usw. ist. Erst durch das Nachdenken wird der Gedanke zu einem Gedanken, der sich durch seine Wahrheitsreferenz und Wahrheitsvalenz auszeichnet. Der Gedanke ist somit objektiver Gedanke, Gedanke, der einen Inhalt denkt als das, was er ist.
b) Anders jedoch als das außer- und einzelwissenschaftliche Wissen denkt die Philosophie qua Voraussetzungs-, Totalitäts- oder Absolutheitswissenschaft ihre Gegenstände nicht als endlich im Sinne von Gegenständen, die den Grund ihrer Bestimmtheit in etwas Anderem haben, als sie selbst sind. Ihre Gegenstände sind nicht begrenzt durch solches Anderes. Indem sie den Grund ihrer Bestimmtheit in sich selbst haben, sind sie als unendlich konzipiert. Voraussetzungen von etwas sind Bestimmtheiten, die die Objektivität jenes Etwas, die Gegenständlichkeit eines Gegenstandes, also dessen Ursprung, ausmachen. Philosophie handelt von den Prinzipien des Konkreten (Prinzipiatums). Sie will erkennen, was ist, aus den Prinzipien, die es zu dem machen, was es ist. Während das Nachdenken generell Allgemeines zum Ergebnis hat, das das Wahrhafte an den Gegenständen zu enthalten beansprucht, ist für das Nachdenken der Philosophie der objektive Gedanke selbst und damit die Wahrheit selbst ihr Gegenstand. Das Denken ist dem Sein nicht fremd und äußerlich. Allgemeinheit ist selbst schon eine Gedankenbestimmung (ebenso wie Sein). Um diese intrinsische Beziehung von Denken und Sein philosophisch in den Blick zu bekommen, bedarf es freilich der adäquaten Gegenstandseinstellung. Ein Denken, das endliche Gedankenbestimmungen hervorbringt, bietet bloß Bestimmungen, die in einem Gegensatz zum Absoluten verharren. Nur unendliche Gedankenbestimmungen, Bestimmungen, die als Selbstdifferenzierung des Absoluten konzipiert sind, vermögen ihren Anspruch zu erfüllen, Erkenntnis des Absoluten zu sein.
§ 14 Aber nicht nur durch die Form ihres Gegenstandes, sondern auch durch die ihres Wissens unterscheidet die Philosophie sich vom außer- und einzelwissenschaftlichen Wissen. Philosophie muss durchgängig für den Geltungssinn ihrer Erkenntnis einstehen und damit für jedwede methodische und gegenständliche Bestimmtheit, die sie in Anspruch nimmt. Sie muss es folglich auch für die Voraussetzungen ihrer selbst. Deshalb kann das erkennende Denken der Philosophie Wissen nur in der Form der Notwendigkeit, apodiktisches Wissen, sein. Das Denken der Philosophie ist also nur und fortwährend den Anforderungen des Begriffs verpflichtet: es ist begreifendes Denken.
So sehen wir: Das Denken als Prinzip von Objektivität hat zu seinen Formen auch das erkennende Denken, das Nachdenken. Während das außer- und einzelwissenschaftliche Wissen als das direkt-gegenständliche Wissen, das es ist, nicht zugleich die Voraussetzungen seiner selbst bedenkt und ausweist, obliegt es dem indirekt-gegenständlichen Wissen, das das philosophische Erkennen ist, auch die Voraussetzungen seiner selbst einzuholen, und zwar im Modus der Notwendigkeit und damit des Begriffs. So kommt das Denken zu sich selbst: es begreift sich als den Grund, aus dem alles andere ist, was es ist.
