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Die politisch-kulturelle Blüte des antiken Griechenlands ist eine der faszinierendsten Epochen der Menschheitsgeschichte. Unter Einbeziehung neuer politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Perspektiven hat Josiah Ober eine aufsehenerregende, neue Gesamtdarstellung und Deutung des klassischen Griechenland verfasst. Josiah Ober erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang des antiken Griechenland aufregend neu als »big history«. Er greift die höchst aktuelle Frage nach der Leistungs- und Erfolgsfähigkeit von Staaten im Sinne einer modernen Universalgeschichte für das 21. Jahrhundert auf. Eindrucksvoll und mit aktuellen Bezügen zeigt er am klassischen Griechenland, wie erst wirtschaftliches Wachstum, ein hohes Maß an Gleichheit sowie bürgerstaatliche Teilhabe die einzigartige Kultur der Hellenen ermöglichten. Es entsteht ein völlig neues Bild des antiken Hellas: nicht mehr eine wirtschaftlich rückständig-gleichgültige Sklavenhaltergesellschaft, sondern ein Netzwerk von Stadtstaaten, die ihr Wachstumspotential optimal ausnutzen. Schließlich gelingt es ihnen, die am Ende doch übermächtigen »Raubstaaten« Makedonien und Rom so zu prägen, dass das Erbe ihrer Kultur in einzigartiger Weise präsent blieb – bis heute!
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Seitenzahl: 955
Veröffentlichungsjahr: 2016
Der Apollontempel von Bassai im Bergland oberhalb des arkadischen Phigaleia
Josiah Ober
Das antike Griechenland
Eine neue Geschichte
Aus dem Englischen von Martin Bayer und Karin Schuler
Aus dem Englischen übertragen von Martin Bayer (Vorwort, Kapitel 1–4, 8 und 9 sowie Anhang II und Dank) und Karin Schuler (Kapitel 5–7, 10 und 11 sowie Anhang I und Bibliografie).
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel:
»The Rise and Fall of Classical Greece« im Verlag Princeton University Press, Princeton (New Jersey) & Woodstock (Oxfordshire) 2015 (The Princeton History of the Ancient World)
© 2015 by Princeton University PressFür die deutsche Ausgabe
© 2016 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg
Unter Verwendung des Kupferstichs: Nordostansicht des Tempels von Apollo Epicurius in Bassae bei Phigalia. Stich von Thomas Leverton Donaldson, von The Antiquites of Athens (London, 1830). Mit freundlicher Genehmigung der Aikaterini Laskaridis Foundation.
Nach der Originalausgabe, © Chris Ferrante, gestaltet von Rothfos & Gabler.
Datenkonvertierung: Fotosatz Amann, Memmingen
Printausgabe: ISBN978-3-608-94928-5
E-Book: ISBN978-3-608-10029-7
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Vorwort
1 Die Blüte des klassischen Griechenland
»Fair Greece, sad Relic«
Klassische griechische Blüte
Kleine Staaten, verteilte Autorität
Spezialisierung, Innovation, kreative Zerstörung
Wissen, Institutionen, Kultur
Niedergang und Fortbestand
2 Ameisen um einen Teich
Bevölkerung und Verteilung
Ähnlichkeiten
Unterschiede
3 Politische Lebewesen
Aristoteles’ politische Tiere
Verteilte gegen zentralisierte Zusammenarbeit
Hobbes gegen Aristoteles
Ameisen und Informationsaustausch
Ameisen und Griechen: Die Grenzen der Vergleichbarkeit
Motivation von Zusammenarbeit ohne Verwandtschaft
4 Hellas war reich
Das vormoderne Normalmaß für Griechenland
Andere Vergleichsmaßstäbe
Starkes Wirtschaftswachstum
Eine dichte, gesunde und urbanisierte Bevölkerung
Gleichmäßige Verteilung von Wohlstand und Einkommen
Schlussfolgerungen
5 Gründe für den Reichtum Griechenlands
Bestandsaufnahme
Erklärungshypothesen
Klima, Landschaft, Lage, Ausbeutung
Faire Regeln, Investitionen und Transaktionskosten
Wettbewerb, Innovationen und rationale Zusammenarbeit
Ausblick
6 Bürger und Spezialisierung vor 500 v. Chr.
Vor dem Bürgerrecht: Das Griechenland der Bronzezeit und der Frühen Eisenzeit
Die Modellierung der Entstehung des Polis-Rahmens
Das Zeitalter der Expansion
Sparta: Lykurgische Reformen, 7. bis 6. Jahrhundert v. Chr.
Athen: Solonische Reformen 594 v. Chr.
Bürgerstaaten
7 Von der Tyrannis zur Demokratie, 550–465 v. Chr.
Tyrannenmörder
Die athenische Revolution
Demokratischer Föderalismus
Athenische Institutionen und die Leistungskraft des Staates, 506–478 v. Chr.
Erklärungen für die Leistungsfähigkeit des athenischen Staates
Sizilien im späten 6. und frühen 5. Jahrhundert v. Chr.
Syrakus unter den Tyrannen
Sizilien nach den Tyrannen
Demokratie in Syrakus
Eine Erklärung für den sizilischen Wohlstand
8 Das Goldene Zeitalter des Imperialismus, 478–404 v. Chr.
Präventivkrieg
Ärger mit Sparta
Das athenische Reich
Die Wirtschaft des Reiches
Griechische Theorien des Reichtums, der Macht und der Politik
Der Peloponnesische Krieg bis 416 v. Chr.
Athen gegen Syrakus
Die Endphase des Krieges
9 Unordnung und Wachstum, 403–340 v. Chr.
Die Welt der Nachkriegszeit
Das spartanische Reich scheitert
Institutionelle Neuerungen und Bürgerkultur in Athen
Verwirrung und Unordnung: Das griechische Festland und die Ägäis bis 352 v. Chr.
Expansion und Integration
Verbesserter Zugang zu den Institutionen in Athen
Fachwissen und Leistung des Staates
Niedergang und Aufstieg von Syrakus und des griechischen Sizilien
Die Griechen Kleinasiens unter persischer Herrschaft
10 Politischer Niedergang, 359–334 v. Chr.
Blick in die Zukunft
Die »Opportunisten«
Makedonien vor Philipp
Philipp und der Aufstieg Makedoniens (359–346 v. Chr.)
Vor Chaironeia (346–338 v. Chr.)
Der Korinthische Bund
Erklärungen für Philipps Erfolg
Philipp und Alexander zwischen Aristoteles und Hobbes
11 Schöpferische Zerstörung und Unsterblichkeit
Im Sturz noch groß …
… Aber warum unsterblich?
Alexanders Feldzug und noch ein Sturz
Nach dem Fall: Die hellenistische Welt
Konkurrenz, Konvergenz und Kooperation nach Chaironeia
Demokratie, Föderalismus, Befestigung
Könige, demokratische Städte, Eliten: Das hellenistische Gleichgewicht
Ausblick
Anhang
Anhang I
Anhang II
Anmerkungen
Bibliographie
Dank
Abkürzungsverzeichnis
Verzeichnis der Karten, Abbildungen und Tabellen
Personen- und Ortsregister
Für Adrienne
Ich lebe in einer außergewöhnlichen Zeit. Für mich ist eine Weltordnung selbstverständlich, in der es zahlreiche unabhängige Staaten gibt. Einige darunter sind wohlhabende demokratische Verbünde, die letztlich von ihren Bürgern regiert werden. Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde gelten allgemein als grundlegende Werte. In Staaten, deren Bürger die Regierung kontrollieren, werden Menschen- und Bürgerrechte durch die Öffentlichkeit geschützt. Gewöhnlich herrschen dort Gesetz und Ordnung. Solche politischen Voraussetzungen fördern das Wirtschaftswachstum. In den Genuss einer Verbindung von demokratischem Staat und starker Wirtschaft kommen de facto nur wohlhabende Bürger hochentwickelter Länder. Viele Menschen, die solche Lebensbedingungen noch nicht genießen können, streben sie an. Demokratie und Wachstum bestimmen die normalen, wenn auch nicht die gewöhnlichen Voraussetzungen der Moderne. Die meisten Länder werden tatsächlich autokratisch regiert. Da dies aber als anormal gilt, geben sich Autokraten fast immer als Demokraten aus. Wirtschaftlicher Stillstand wird als Problem angesehen und verlangt nach einer Lösung.
Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte galten Demokratie und Wachstum allerdings nicht als normal; sie waren nicht einmal vorstellbar. Lediglich im ersten Jahrtausend v. Chr. gab es im antiken Griechenland einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten, in denen Demokratie und Wachstum für die Bürger im klassischen Griechenland tatsächlich normal waren. Wie es dazu kam und warum das Wissen um diesen Umstand wichtig ist, führe ich in dem vorliegenden Buch aus.
Neuere Forschungsarbeiten – viele stammen von meinen Kollegen an der Stanford University – leisten einen Beitrag, um folgende Frage zu klären: Warum sind die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen der Moderne, gesamtgeschichtlich gesehen, so außergewöhnlich selten? Mehrere tausend Jahre lang, bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, lebten die meisten Menschen unter der Befehlsgewalt von Autokraten. Diese begründeten ihre Herrschaft religiös. Die erfolgreichsten dieser Machthaber regierten große Reiche; die meisten ihrer Untertanen vegetierten am Existenzminimum dahin. An der Macht konnten sich diese Herrscher halten, indem sie den Untertanen die Produktionsüberschüsse abnahmen. Diese »Beute« verteilten sie unter den Eliten, die im Gegenzug ihre Herrschaft stützten. Unter solchen Bedingungen ist der Zugang zu Ämtern begrenzt. Menschen- und Bürgerrechte existieren so gut wie nicht. Das Wirtschaftswachstum gewöhnlich gering.1
Dieser vormoderne Normalzustand kann im Folgenden unter dem Begriff Herrschaft zusammengefasst werden. Dabei muss man stets bedenken, dass die absolute Herrschaft des Autokraten gewöhnlich eingeschränkt war, sei es, dass bestimmte Gruppierungen von Untertanen durch Ständeversammlungen oder durch ein Petitionsrecht Mitsprachemöglichkeiten bei der Regierung besaßen oder dass Traditionen und religiöse Bräuche die Absolutheit der Macht einschränkten. Außerdem akzeptierten Untertanen oft die Legitimität einer königlichen Autorität. Herrschaftsverhältnisse dieser Art bestanden im größten Teil der Welt bis zum 18. Jahrhundert. Dann setzten allmählich Veränderungen ein, zuerst in einigen Ländern am Atlantik, später in einem Großteil der Welt. Das Ergebnis ist unser heutiger politischer Normalzustand, der als »Demokratie« bezeichnet werden kann – solange man bedenkt, dass de facto auch in demokratischen Gesellschaften viele Menschen unterschiedlichen Formen von Herrschaft unterworfen sind.2
Die moderne Welt ist sowohl in ihrer wirtschaftlichen als auch in ihrer politischen Entwicklung eine Ausnahmeerscheinung – nicht nur, weil sie (insgesamt) wohlhabend ist, sondern auch, weil in ihr Formen und Werte politischer Demokratie vorherrschen. Nur wenige meiner Leser würden es wohl vorziehen, in den vormodernen Normalzustand der Herrschaftsverhältnisse zurückzukehren, selbst wenn ihr materieller Wohlstand dabei garantiert bliebe. Ebensowenige würden wohl mit den wirtschaftlichen Zuständen einer vormodernen Gesellschaft vorliebnehmen, selbst wenn sie demokratisch wäre. Bürgern eines neuzeitlichen Industriestaates bleibt die Entscheidung zwischen Wohlstand und Demokratie erspart. Wir wissen inzwischen, dass demokratische Staaten durchaus ein enormes Wirtschaftswachstum erzielen können.
Mein Kollege Ian Morris(1) hat gezeigt, dass unter verschiedenen politischen Systemen relativ hohe Entwicklungsstandards historisch erreicht worden sind.3 Die Frage, welche institutionellen Voraussetzungen für Wachstum erforderlich oder ausreichend sind, bleibt heftig umstritten. Außer Frage steht dagegen, dass viele Menschen – auch jene, die nicht das Glück haben, als wohlhabende Bürger in modernen Industrienationen zu leben – nicht nur den Wohlstand der Armut vorziehen, sie favorisieren auch die Demokratie anstelle von Autokratie. Das ist eine normative Präferenz. Sie beruht auf der grundlegenden Annahme, den Wert einer Demokratie über jenen einer Autokratie zu stellen. Meiner Meinung nach sprechen gute Gründe für diese normative Präferenz. Viele Leser des vorliegenden Werks werden meine Vorliebe für Demokratie durchaus teilen, auch wenn unsere persönlichen Gründe vielleicht voneinander abweichen.4
Wenn wir unsere heutigen politischen und ökonomischen Umstände jenen des vormodernen Normalzustands vorziehen, dann haben wir einleuchtenden Grund zu untersuchen, wie sie zustande gekommen sind: Mit welcher Wahrscheinlichkeit können sich Demokratie plus Wohlstand als ebenso gängig wie normal etablieren? Wie kam es überhaupt, dass historisch außergewöhnliche wirtschaftliche und politische Bedingungen für normal befunden wurden? Dürfen wir erwarten, dass sich diese Bedingungen dort, wo sie gegenwärtig bestehen und gelten, erhalten und sich auch im Rest der Welt durchsetzen werden? Das Studium politisch und wirtschaftlich außergewöhnlicher Umstände in früheren geschichtlichen Epochen bietet hier einen noch weitgehend unbegangenen Weg, solche Fragen zu beantworten.
Die außergewöhnlichen politischen Umstände, die ich unter der Bezeichnung Demokratie zusammenfasse – eine Sozialökologie zahlreicher unabhängiger Staaten, föderale Strukturen, bürgerliche Selbstverwaltung und die diesen Faktoren zugrundeliegenden Werte – waren zwar vor dem 18. Jahrhundert nur sehr selten gegeben, aber keineswegs unbekannt. Zu den Gesellschaften mit diesen Merkmalen gehörten zum Beispiel die niederländischen Republiken des 16. Jahrhunderts, die (1)(2)italienischen Stadtstaaten der Renaissance im 14. und 15. Jahrhundert – und das antike Griechenland der klassischen Zeit im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. In allen diesen Fällen dauerten die außergewöhnlichen wirtschaftlichen Umstände nur für eine begrenzte Zeit an. In keinem einzigen Fall waren die vormodernen Bürgerrechte und das Wirtschaftswachstum jedoch so ausgeprägt, wie es viele Bürger der höchstentwickelten Staaten seit etwa 150 Jahren genießen. Aber in allen diesen historischen Beispielen erlebte die jeweilige Gesellschaft eine längere Periode blühender Wirtschaft und Kultur vor dem Hintergrund einer historisch bemerkenswerten Ausdehnung des Bürgerrechts.
Eine vergleichende Analyse dieser und anderer historischer Fälle außergewöhnlicher politischer und wirtschaftlicher Umstände wäre eine große Hilfe, wenn wir die Frage nach den Entstehungsgrundlagen und den Zukunftsaussichten unserer modernen Gesellschaft aufwerfen. Vor einem solch ehrgeizigen vergleichenden historischen Projekt kommt allerdings die gründliche Untersuchung der einzelnen historischen Beispiele. Warum entstand die betreffende historisch außergewöhnliche Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt und in dieser Region? Wie und warum endete ihre politische und ökonomische Außergewöhnlichkeit? Diese Umstände müssen erklärt und erläutert werden, mehr noch: Wir sollten sie verstehen. Das vorliegende Werk möchte, indem es eine neuartige politische und wirtschaftliche Geschichte des antiken Griechenland bietet, zu diesem Projekt beitragen.
Dieses Buch offeriert keine »große Divergenz« zwischen Ost und West. Es behauptet auch nicht, Demokratie sei notwendige oder zureichende Bedingung für Wirtschaftswachstum. Meine Darstellung zeichnet den Aufstieg einer Gesellschaft nach, in der die politischen Bedingungen der Demokratie, die als normativer Wert geschätzt wurde, für eine große Zahl der Bürger (allerdings definitiv nicht für alle Einwohner) mit einem Wirtschaftswachstum einhergingen. Davon profitierte ein Großteil der Menschen ebenso wie von den kulturellen Leistungen, die weltweit prägend wirkten. Dieses Buch beziffert das Wachstum, arbeitet die kausalen Beziehungen zwischen politischer und wirtschaftlicher Entwicklung im antiken Griechenland heraus, schildert die Eroberung der von den Bürgern getragenen Stadtstaaten durch ein autokratisches Großreich und legt dar, warum so viel Wissen über die griechische Antike bis heute überdauert hat.
Widersinnig wäre es jedoch zu behaupten, das antike Griechenland, in dem Sklaven als unverzichtbar, Frauen als politisch rechtlos und Kriege als ruhmreich galten, böte ein Patentrezept, das wir undifferenziert übernehmen könnten. Der Übergang vom Herrschaftsstaat zur Demokratie in Griechenland blieb unvollkommen und schloss zahlreiche Menschen aus. Ebenso unvernünftig wäre es zu behaupten, die Werte und Errungenschaften unserer Moderne wurzelten ganz oder größtenteils in der griechischen Antike vor 2500 Jahren. Aber dennoch – wenn uns die Zusammenhänge zwischen außergewöhnlichen politischen und wirtschaftlichen Umständen interessieren, müssen wir ja irgendwo anfangen. Und in der griechischen Gesellschaft des klassischen Altertums schienen Wohlstand und Demokratie gemeinsam zum ersten Mal in einer Form auf, die sich gründlich erforschen lässt.
Das klassische Griechenland war weder ein Staat noch eine Nation, sondern eine ausgedehnte Sozialökologie zahlreicher unabhängiger Stadtstaaten-Regierungen, die von den Bürgern getragen wurden. Niemals und nirgends haben die Griechen das Konzept der Menschenrechte explizit ausformuliert; sie entwickelten aber durchaus die grundlegenden demokratischen Werte von Freiheit, politischer Gleichheit und Bürgerwürde. Griechen experimentierten erfolgreich mit dem Föderalismus. In einigen griechischen Staaten herrschte eine rechtsstaatliche Ordnung, und in einigen wurde auch der Zugang der Bürger zu öffentlichen Ämtern sehr liberal gehandhabt. Die griechischen Gesetzgeber führten selbstbewusst planmäßige politische Reformen durch, deren theoretische Begründungen uns teilweise überliefert sind. Die griechische Philosophie hat uns scharfsinnige und bahnbrechende Analysen der politischen Entwicklung hinterlassen.
Weil aus der klassischen Antike zahlreiche literarische Werke und andere Dokumente überliefert sind, konnten sich Theoretiker wie Praktiker späterer Epochen, die an der Überwindung der Herrschaftsnorm arbeiteten, die Erfahrungen des Altertums zunutze machen. Die Griechen selbst lernten zwar viel von anderen Gesellschaften, hatten aber nur wenige Vorbilder zur Verfügung, was den Aufbau demokratischer Institutionen und Werte anging. Wenn wir den Aufstieg des klassischen Griechenland erklären können, gewinnen wir vielleicht auch einen besseren Einblick, wie die Verbindung von Wohlstand und Demokratie entstand. Wenn wir den Niedergang der griechischen politischen Ordnung erklären können – nämlich, warum die klassischen Stadtstaaten ihre Unabhängigkeit schließlich einbüßten –, wissen wir womöglich auch besser darüber Bescheid, was Demokratie gefährdet.
Aufstieg und Niedergang des klassischen Griechenland thematisiere ich als Historiker und Politologe. Das ist nicht der einzig mögliche Zugang, um die griechische Geschichte zu erhellen. Auch Anthropologen, Soziologen und Philologen haben unser Verständnis der griechischen Kultur bereichert; ihre Ansätze sind mit meinen durchaus vereinbar. Es gibt allerdings in Verbindung mit den genannten drei Forschungsrichtungen auch Denkansätze, die, wenn man sie konsequent verfolgt, mit meinem Projekt unvereinbar wären: Erstens die Annahme, die griechische Welt sei keine Ausnahmeerscheinung gewesen, zweitens die Behauptung, ihre Sonderstellung mache die griechische Welt für vergleichende Analysen irrelevant, und drittens die Behauptung, die Ausnahmestellung der griechischen Antike gehe auf Gründe zurück, die mit moderner Politik oder Wirtschaft nichts zu tun haben.
Die erste Annahme, die griechische Antike hätte keine Ausnahmestellung innegehabt, da sie mit anderen vormodernen Gesellschaften zahlreiche Gemeinsamkeiten aufweise, scheint mir im Hinblick auf historisch nachweisbare Unterschiede unzureichend. Es stimmt zwar, dass die Wirtschaft des antiken Griechenland größtenteils auf Ackerbau beruhte, dass die Griechen diverse ethisch verwerfliche Statushierarchien einschließlich Sklaverei und Zwangsarbeit praktizierten und dass eine polytheistische Religion wichtiger Bestandteil in Weltbild und Alltag des gewöhnlichen Bürgers war. Aber ebenso sehr beruhte die griechische Wirtschaft, wie wir sehen werden, auf Spezialisierung und Austausch; die Reallöhne (auch die zumindest einiger Sklaven) lagen deutlich über der vormodernen Norm; und die Religion war in Griechenland ebenso wichtig wie anderswo (bis heute). Aber gerade das klassische Griechenland hebt sich aus anderen vormodernen Gesellschaften mit dokumentierter Geschichte heraus: Hier – in Griechenland – haben, wie der Althistoriker Oswyn Murray(1) betont, rationale Logik und sachgerechtes politisches Denken den Prozess der Entscheidungsfindung entscheidend und nachhaltig geprägt und den Lauf seiner Geschichte bestimmt.5
Die zweite Behauptung, die Ausnahmestellung Griechenlands sei in diesem Fall analytisch bedeutungslos, misst meines Erachtens dem historischen Regelfall zu viel interpretatives Gewicht bei. Wenn man ein bestimmtes Merkmal einer Gesellschaft untersucht, kann der Soziologe (unter bestimmten Umständen) »Ausreißer« von der Analyse ausschließen, weil die relevanten Beispiele die Mitte der Verteilungskurve bilden. In unserem Fall aber sind gerade die Merkmale, die aus der antiken griechischen Gesellschaft einen »Ausreißer« machen, von großem Interesse, weil der »Ausreißer« in frappierender Weise unserer Normalität ähnelt und weil er von großer normativer Bedeutung für uns ist. Vielleicht war die politische Ökologie der Stadtstaaten tatsächlich von Anfang an, wie W. G. Runciman(1) annimmt, »zum Untergang verdammt«, weil die griechischen Stadtstaaten »ausnahmslos viel zu demokratisch waren.«6 Dennoch hatte das stadtstaatliche Netzwerk immerhin auffallend lange Zeit Bestand, bevor es ausstarb. Auch die Großreiche der Antike, meistens ohnehin viel kurzlebiger als die griechischen Stadtstaaten, sind alle untergegangen. Wenn Demokratie uns etwas bedeutet und wenn der Ausnahmefall einer demokratischen Gesellschaft im Altertum tatsächlich außergewöhnliche Parallelen zur Moderne aufweist, dann muss uns sehr daran gelegen sein zu erfahren, ob so etwas wie Griechenlands »Untergang« vielleicht auch uns bevorsteht. Wenn dem nicht so ist, dann sollten wir auch dafür die Gründe kennen und begreifen.
Die dritte Behauptung beruht auf der Voraussetzung, Gesellschaften seien eigentlich überhaupt nicht miteinander vergleichbar, weil jede Gesellschaft andersartig, also eigener Natur sei. In seiner starken Version negiert dieses historistische Argument die Quantifizierung und konzentriert sich auf die besonderen Umstände der untersuchten Gesellschaften und ihrer kulturellen Erzeugnisse.7 In der historistisch vergleichenden Analyse werden vor allem Unterschiede betont, wobei hervorgehoben wird, wie aussichtslos fremdartig jede Gesellschaft erscheint, sobald man sie aus dem Blickwinkel einer anderen betrachtet. Der Vergleich von Ähnlichkeiten ergebe dabei, so diese Sichtweise, nur Scheinanalogien. Der historistische Ansatz ist allerdings unvollständig, sofern sich Muster menschlichen Verhaltens in allen Gesellschaften – auch in zeitlich und räumlich weit auseinanderliegenden – grundsätzlich gleichen. Die Sozialwissenschaften gehen wie die Naturwissenschaften davon aus, scheinbar disparate Phänomene prinzipiell auf Regeln zurückführen zu können, die allen gleichermaßen zugrundeliegen. Die heutige Gesellschaftswissenschaft ermisst großteils die Ursachen beobachteter sozialer, politischer und ökonomischer Erscheinungen auf der Basis vereinzelter »Mikrofundierungen«. Dabei werden minimale und mindestens prinzipiell überprüfbare Annahmen über die Beweggründe individuellen und kollektiven menschlichen Handelns unter spezifizierbaren Bedingungen untersucht.
Das vorliegende Buch ist sowohl historisch wie sozialwissenschaftlich ausgerichtet. Als Geschichtsdarstellung hat es sozusagen mittlere Reichweite, weil es weder Welt- noch Lokalgeschichte darstellt, weder Makro- noch Mikrohistorie bietet. Ich versuche mich hier nicht an der weltgeschichtlichen Bandbreite und umfassenden Generalisierung neuerer »Groß-Geschichten«, die sich mit Veränderung und Kontinuität in einem Äon von Zehntausenden oder gar Millionen Jahren befassen.8 Vielmehr geht es mir darum, Veränderung und Kontinuität in einer bestimmten Gesellschaft mit mehreren Millionen Einwohnern und in etwa tausend Einzelstaaten in einem Zeitraum von einigen Jahrhunderten zu erklären. Mitunter werde ich ausführlicher auf die Taten einzelner Gesetzgeber oder Führungspersönlichkeiten eingehen, aber meist bemühe ich mich, kollektives Handeln sowohl auf einzelstaatlicher wie auf zwischen- und multistaatlicher Ebene zu erklären. Mein Ansatz verallgemeinert folglich viel stärker als eine Lokal- oder Mikrohistorie.9
Auch als sozialwissenschaftlicher Ansatz hat dieses Buch mittlere Reichweite und bedient sich sowohl quantitativer wie qualitativer Methoden. Meine Argumentation beruht zum Großteil auf quantifizierten Daten. Meine Analyse der geschichtlichen Entwicklung des griechischen Wirtschaftswachstums ist zwangsläufig quantitativ. Meiner Ansicht nach sind hier wesentliche Fortschritte möglich, wenn man sich der Datensätze bedient, die ich mit Kollegen und Studierenden zusammengetragen habe. Diese Daten beruhen wiederum auf neueren monumentalen Sammlungen, die für die Ökologie antiker griechischer Stadtstaaten maßgeblich sind. Außerdem bediene ich mich zuweilen einfacher spieltheoretischer Modelle, die auf solide etablierte sozialwissenschaftliche Theorien über politisches Verhalten und politische Entwicklung zurückgehen. Obwohl nur ein Spielmodell vollständig ausgeführt wird (Anhang II), darf sich der Leser im ganzen Buch die sozialen Beziehungen im antiken Griechenland in Form von Spielen vorstellen, deren Hintergrundregeln die einzelnen Spieler dazu bringen, vergleichsweise kooperative Entscheidungen zu fällen. Das Zusammenspiel dieser prosozialen Entscheidungen war das »Zünglein an der Waage«. Es führte im klassischen Griechenland zu dauerhaftem Wirtschaftswachstum.
Bei der Untersuchung komplexer Fragestellungen langfristiger sozialer Entwicklungen in Gesellschaften der fernen Vergangenheit kann man unmöglich eine saubere Identifikationsstrategie verfolgen: Wir müssen streng zwischen unabhängigen (erklärenden) und abhängigen Variablen unterscheiden und Hypothesen in der Praxis, im Labor oder durch Umfragen überprüfen. Meine Daten sind daher unweigerlich mit einer gewissen Grundfehlerquote behaftet, die allerdings, wie ich darlegen werde, nicht so hoch ist, dass sie keine gültigen Schlussfolgerungen zuließe. Allgemeiner gesagt sind die von mir untersuchten Sozialsysteme komplex genug und die Zeiträume lang genug, um das in den Sozialwissenschaften so bezeichnete Problem der Endogenität auftreten zu lassen. Endogen kommt aus dem Griechischen und bedeutet »im Inneren erzeugt«. In den Sozialwissenschaften wird mit dem Problem der Endogenität eine Rückkopplung zwischen Ursache und Wirkung bezeichnet. Viele meiner Ergebnisse beruhen teilweise auf der qualitativen Analyse literarischer und dokumentarischer Quellen. Meine Schlussfolgerungen gehen davon aus, quantitative und qualitative Methoden so zusammenführen zu können, dass sie stringent genug sind, um den Anforderungen einer Kausalerklärung zu genügen.10
Mein Ziel ist es, mit den Methoden des Historikers und des Sozialwissenschaftlers zwei Phänomene zu erklären. Beide Phänomene erscheinen mir im Hinblick auf das größere Projekt, außergewöhnliche politische und wirtschaftliche Umstände zu analysieren, besonders relevant: erstens das anhaltende wirtschaftliche und kulturelle Wachstum der griechischen Welt von 1000 v. Chr. bis 300 v. Chr., den »Aufstieg des klassischen Griechenland«. Das zweite Phänomen ist »der Niedergang des klassischen Griechenland«, die Niederlage einer Koalition von griechischen Stadtstaaten gegen das (1)(2)makedonische Königreich Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. Mit diesem Ereignis endete die Epoche, in der souveräne Stadtstaaten den Lauf der Geschichte am (1)Mittelmeer bestimmten. Den wirtschaftlichen Aufschwung erkläre ich, indem ich die Entwicklung der demokratischen Institutionen und der politischen Kultur in einer Umwelt zwischenstaatlicher und zwischenmenschlicher Konkurrenz und rationaler Zusammenarbeit nachverfolge. Ich zeige auf, wie und warum die politische Entwicklung zu außergewöhnlich hohen individuellen und kollektiven Investitionen in Humankapital, hohen Standards wirtschaftlicher Spezialisierung und Austauschs, ständiger technischer und institutioneller Innovation, starker Mobilität von Menschen und Ideen, niedrigen Transaktionskosten und bereitwilligem Transfer von Gütern und Ideen führte. Die Rolle, die dieselben politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen dann im politischen Niedergang spielten, wird davon klar unterschieden.
Aufstieg und Niedergang des klassischen Griechenland lassen sich durchaus ohne Rekurs auf einen mystischen hellenischen Geist und ohne unbegründete Annahmen inhärenter Unterschiede zwischen den Völkern des Ostens und des Westens erklären.11 Die Antworten darauf, wie und warum Griechenland aufstieg, fiel und im kulturellen Weltgedächtnis überdauerte, sind in sich von Interesse. Sie sind von tragender Bedeutung für die zentralen Fragestellungen der Sozialwissenschaften, einschließlich im Hinblick auf das Problem gemeinschaftlichen Handelns ohne zentrale Autorität und hinsichtlich der Rolle politischer Institutionen innerhalb der Wirtschaftsentwicklung, und damit auch für einige der größten Herausforderungen und vielversprechendsten Möglichkeiten, mit denen Bürger demokratischer Gesellschaften in unserer eigenen dezentralisierten Welt gegenwärtig konfrontiert sind.
In den folgenden Kapiteln stelle ich zunächst die Frage nach dem Grund von Griechenlands Aufstieg und Niedergang und lege anschließend neues Datenmaterial vor, um sie zu beantworten. Diese neuen Belege zeigen, wie weit sich Griechenland vom Zeitalter Homers(1) bis in die Ära von Aristoteles(1) sowohl politisch wie wirtschaftlich fortentwickelt hatte. Ich formuliere neue Hypothesen zur Spezialisierung und Innovation, um sowohl Aufstieg als auch Niedergang mit Hilfe eines kausalen Zusammenhangs zwischen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu erklären. Anschließend biete ich eine neue chronologisch zusammenhängende Schilderung der griechischen Geschichte von der frühen Eisenzeit bis in die Epoche des Hellenismus. Dieses Narrativ erweitert und überprüft die hypothetischen Erklärungsversuche. Mit Blick auf die bedeutenden wie die weniger wichtigen griechischen Stadtstaaten erklärt die so entfaltete Geschichtsdarstellung: Wie gelang es der Stadtstaaten-Ökologie, über so lange Zeit hinweg derart dramatisch anzusteigen? Wie wurde sie schließlich erobert? Wie wurde die griechische Kultur zur Weltkultur?
Kapitel 1 stellt also zunächst das Rätsel der Ausnahmestellung Griechenlands vor. Die Kapitel 2 bis 4 zeichnen die Umrisse der dezentralisierten Ökologie aus Hunderten kleiner Staaten nach; entwickeln eine Theorie, wie sich hochrangige Zusammenarbeit und damit politische Stabilität ohne zentrale Führungsinstanz herausbilden kann; und dokumentieren das Wirtschaftswachstum im antiken Griechenland. In Kapitel 5 werden zwei wesentliche Faktoren dieses Wachstums benannt: Erstens das Aufkommen gerechter Regeln, die es ermöglichten, in Humankapital zu investieren und die Transaktionskosten niedrig zu halten; und zweitens die Konkurrenz zwischen einzelnen Individuen und Staaten, die zu ständiger institutioneller wie technischer Innovation führte und rationale Zusammenarbeit motivierte.
Kapitel 6 bis 9 schildern dann den Aufstieg des klassischen Griechenland: die historische Entwicklung der bürgerzentrierten Politik und des Wirtschaftswachstums von Homer(2) bis Aristoteles(2). Dabei konzentrieren wir uns auf einige besonders erfolgreiche und wichtige Stadtstaaten, befassen uns aber auch mit der historischen Entwicklung weniger herausragender und mächtiger Verbünde. Der Aufstieg von Hellas wird hinsichtlich der Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Athen(1), Sparta(1) und Syrakus(1) und der jeweils besonderen Geschichtsverläufe in vielen griechischen Staaten unterschiedlicher Größe und Bedeutung erhellt. Ein Vergleich der inneren Entwicklung großer und kleiner Stadtstaaten zeigt, wie innovative politische Institutionen und Kultur die Spezialisierung anregten und kreative Zerstörung anfachten. Dass Athen seine Hegemonie über den Attischen Seebund im fünften Jahrhundert v. Chr. nicht aufrechterhalten konnte, demonstriert, wie widerstandsfähig die dezentrale griechische Sozialökologie war. Die Bevölkerungsdichte und das hohe Pro-Kopf-Einkommen im postimperialen Zeitalter hingegen zeigen, dass ein Imperium keine Vorbedingung für anhaltendes Wirtschaftswachstum war.
Kapitel 10 erzählt den politischen Niedergang Griechenlands und zeigt, wie die Errungenschaften der griechischen Spezialisierung, besonders das militärische und finanzielle Fachwissen, von Staatsführern an den Grenzen der griechischen Welt aufgenommen wurden. Darüber hinaus zeigt dieses Kapitel, wie Philipp(1) und Alexander(1) von Makedonien(3), die talentiertesten dieser unternehmungslustigen Opportunisten, die Ära unabhängiger Stadtstaaten beendeten, die den Verlauf der griechischen Geschichte bestimmt hatte.
Kapitel 11 schließt das vorliegende Buch ab mit einer Erklärung der überraschenden Widerstandsfähigkeit der Polis-Ökologie und der anhaltend starken Wirtschaftsleistung auch in der nachklassischen Zeit. Weil Hellas nach dem politischen Niedergang der großen unabhängigen Stadtstaaten nicht zusammenbrach, hat sich das Andenken an die politische Ausnahmestellung Griechenlands als Teil des Weltkulturerbes erhalten. Das klassische Griechenland bleibt daher eine Quelle für Theoretiker dezentraler Sozialordnungen. Das antike Griechenland ist und bleibt eine Inspiration und ein Exempel für alle, die eine bürgerzentrierte Politik stärken möchten.
Karte 1: Die 45 Regionen der griechischen Welt(1)(1)(1)(1)(1)(1)(2)(1)(1)(1)(1)
Die Regionen (mit Zahlen auf der Karte markiert) entsprechen der Reihenfolge im Inventory und umfassen die 907 exakt oder plausibel lokalisierbaren der 1035 insgesamt aufgeführten Poleis. Die Nummern sind die des Inventory. Siehe auch Anhang I. Bekannte oder plausibel vermutete Orte einzelner Poleis: http://polis.stanford.edu/. Die meisten im Inventory aufgeführten Poleis existierten auch noch im späten 4. Jh. v. Chr.; einige waren damals allerdings bereits untergegangen. 128 von 1035 Poleis des Inventory ließen sich für eine Eintragung auf der Karte nicht genau genug lokalisieren. Region 1 liegt außerhalb des Kartenausschnitts; für die betreffenden Poleis der Region 1 siehe Karte 3.
Schema: Nummer der Region (Inventory-Nummern der Poleis), Name der Region
1 (1–4) Spanien(1) und Frankreich(1)
2 (5–51) Sizilien(1)
3 (52–74) Italien(3) und Kampanien(1)
4 (75–85) Adriatisches Meer(1)
5 (86–111) Epeiros(1)
6 (112–141) Akarnanien(1) und Umgebung
7 (142–156) Aitolien(1)
8 (157–168) Lokris(1), westlicher Teil
9 (169–197) Phokis(1)
10 (198–223) Böotien(1)
11 (224–228) Megaris(1), Korinth(1), Skiyonien(1)
12 (229–244) Achaia(1)
13 (245–265) Elis(1)
14 (266–303) Arkadien(1)
15 (304–311) Triphylien(1)
16 (312–322) Messenien(1)
17 (323–346) Lakedaimonien(1) (Lakonien)
18 (347–357) Argolis(1)
19 (358–360) Saronischer Golf(1)
20 (361–364) Attika(1)
21 (365–377) Euboia(1)
22 (378–388) Lokris(2), östlicher Teil
23 (389–392) Doris(1)
24 (393–470) Thessalien(1) und Umgebung
25 (471–527) Ägäisches Meer
26 (528–544) Makedonien(4)
27 (545–626) Thrakien(1): Axios(1) – Strymon(1)
28 (627–639)THRAKIEN: STRYMON – NESTOS
29 (640–651) Thrakien(2): Nestos(2) – Hebros(1)
30 (652–657) Thrakien(3): Binnenland
31 (658–672) Thrakischer Chersones(4)
32 (673–681) Propontis(1): Thrakische Küste
33 (682–734) Schwarzes Meer(2)
34 (735–764) Propontis(2): Kleinasiatische Küste
35 (765–793) Troas(1)
36 (794–799) Lesbos(1)
37 (800–835) Aiolis(1) und südwestliches Mysien(1)
38 (836–869)(1)Ionien(2)
39 (870–941) Karien(1)
40 (942–943) Lykien(1)
41 (944–992) Kreta(1)
42 (993–1000) Rhodos(1)
43 (1001–1011) Pamphylien(1) und Kilikien(1)
44 (1012–1021) Kypros(1)
45 (1022–1035) Syrien(1) – Säulen des Herakles(1)
Karte 2: Die griechische Welt im geographischen Zusammenhang(1)(1)(1)(2)(1)(1)(1)(1)(1)(1)(5)(2)(1)(1)(1)(1)(1)(1)(2)(1)
1
Im Jahr 1812 erschien ein Gedicht Lord Byrons(1), das den Dichter zum Helden einer dem Romanhaften zugeneigten Welt an der Schwelle zur Moderne machte. Es enthielt folgende besonders treffende Verszeilen:
Fair Greece! sad relic of departed worth!
Immortal, though no more! though fallen, great!1
Du düstrer Rest verschwundner Herrlichkeit,
Unsterblich selbst im Staub, gestürzt noch groß!2
Mit nur vierzehn Wörtern hatte Byron(2) den scharfen Kontrast zwischen der griechischen Antike und der griechischen Gegenwart erhellt, wie er sie auf seinen Reisen 1809 und 1810 erlebt hatte. Byron verfügte über fundierte Griechenlandkenntnisse; als gebildeter britischer Edelmann hatte er die Klassiker gelesen und kannte als unerschrockener Reisender das Land aus eigener Anschauung. Zu Byrons Zeiten hatten die Griechen drei entbehrungsreiche Jahrhunderte als Untertanen des Osmanischen Reichs erlitten, und jetzt stürzten sich europäische Kunstsammler auf ihre nationalen Schätze; aber bereits im zweiten Jahrhundert n. Chr., als Pausanias(1), ein griechischer Reiseschriftsteller der römischen Kaiserzeit, die Altertümer Griechenlands beschrieb, war es ein »relic of departed worth«. Weder Byron noch Pausanias konnten ahnen, dass Griechenland zu Beginn des 20. Jahrhunderts das ärmste Land Europas sein würde, dass es im frühen 21. Jahrhundert, zweihundert Jahre nach Byrons unsterblichen Versen, noch trauriger dran sein würde – zerfressen von einer politischen und wirtschaftlichen Krise, die Millionen Griechen ins Elend stürzen und die finanzielle Stabilität ganz Europas bedrohen sollte.3
Byrons(3) Vision von Größe war durch die Errungenschaften der griechischen Antike inspiriert – in Kunst und Architektur, in der Literatur, der darstellenden Kunst und auf dem Theater, in Wissenschaft und Moralphilosophie. Eine Generation später veröffentlichte der britische Bankier und Gelehrte George Grote(1) seine umfangreiche History of Greece (Geschichte Griechenlands, 12 Bände, 1846–1856). Dieses monumentale Werk veranlasste die englischsprachige Welt, die Größe des antiken Griechenland im Sinne einer einmaligen Kombination von Werten und Institutionen zu definieren: Demokratie, Freiheit, Gleichheit und Würde – in Verbindung mit dem Streben nach vernünftigem Handeln, kritischem Denken und Innovation.
Trotz seiner Kürze und seines eingeschränkten Rahmens lässt Byrons(4) romantisches Reimpaar mit seinem scharfen Kontrast zwischen den Schicksalen des antiken und modernen Griechenland und mit seinen explosiven Ausrufungszeichen unvergleichlich das Rätsel erahnen, das mit dem vorliegenden Buch erklärt werden soll: Wie und warum gelang es den Griechen der Antike, eine Kultur zu schaffen, die für die moderne Welt von zentraler Bedeutung wurde? Wenn Hellas früher einmal groß gewesen war, warum dauerte diese Größe nicht an? Warum blieb Griechenland, nachdem es gefallen war, so herausragend und so lange Zeit im Gedächtnis?
Diese Fragen sind auch im 21. Jahrhundert noch von hoher Bedeutung, und man kann sie durchaus beantworten. Hellas – die griechische Welt der Antike, die sich bereits vor den Eroberungen Alexanders(2) des Großen im Osten bis in die westlichen Randgebiete Asiens, im Norden bis an die Küsten des Schwarzen Meeres(3), im Süden bis nach (1)Nordafrika und im Westen bis ins heutige Italien(4), Frankreich(2) und Spanien(2) erstreckte, war tatsächlich groß. Hellas war groß aufgrund einer kulturellen Leistung, die durch dauerhaftes Wirtschaftswachstum getragen wurde. Dieses Wachstum wiederum wurde durch einen besonderen Politikstil ermöglicht.
In einer geistvollen Streitschrift gegen die Angewohnheit, die Weltgeschichte in einander gegenüberstehende Phasen wirtschaftlicher Stagnation und modernen Wachstums einzuteilen, hat der Historische Soziologe Jack Goldstone(1) auf eine Anzahl vormoderner Gesellschaften hingewiesen, die mehr oder weniger ausgedehnte Perioden der Blüte erlebten – gesteigertes Wirtschaftswachstum, das mit einem starken Aufschwung kultureller Errungenschaften einherging. Kennzeichen einer solchen Blüte sind mehr Menschen (Bevölkerungswachstum), die einen höheren Lebensstandard haben (höheres Durchschnittseinkommen) sowie kulturelle Produktion auf höherem Niveau. Diese zeigt sich nicht nur an Reichtümern, die in den Schatzkammern der Paläste angehäuft werden, oder an monumentaler Bautätigkeit. Solche Kapitalkonzentrationen in staatlicher Hand und große Bauprojekte können mit einem dramatischen Anwachsen von Bevölkerung, Wohlstand und Kultur einhergehen, müssen es aber nicht.
Blüte als solche ist definitionsgemäß nicht von Dauer, aber manche Blütezeiten sind dramatischer und dauern länger als andere. Die Moderne – die Erfahrung der seit Beginn des 19. Jahrhunderts industrialisierten Staaten – ist die dramatischste, aber (noch) nicht die längste Blütezeit der menschlichen Geschichte. Vorerst muss die Frage offen bleiben, ob die historisch außergewöhnliche Wachstumsrate der Wirtschaft in einigen Teilen der Welt während der letzten zweihundert Jahre nur die neueste und (um mehrere Größenordnungen) größte einer langen Reihe von Blütezeiten darstellt, oder ob »diesmal alles anders ist« und die Moderne somit eine grundsätzliche und dauerhafte Umorientierung in der Geschichte der Menschheit ist. Goldstone(2) konzentriert sich auf Blütezeiten nach 1400, aber er merkt dabei an, dass das klassische Griechenland zu den wenigen Gesellschaften gehört habe, die schon lange vor diesem Datum eine Blütezeit erlebt hatten.4
Abbildung 1.1: Entwicklungsindex für das griechische Kernland von 1300 v. Chr. bis 1900 n. Chr.
Der Entwicklungsindex multipliziert eine geschätzte Einwohnerzahl (in Millionen) mit dem Median des geschätzten Pro-Kopf-Verbrauchs (als Vielfaches des Existenzminimums). Die Schätzwerte für Bevölkerung und Verbrauch werden in den Kapiteln 2 und 4 besprochen und in Abbildung 4.3 detailliert dargestellt.
Griechisches Kernland: das vom griechischen Staat zwischen 1881 und 1912 kontrollierte Gebiet (Inventory-Regionen 6 bis 25, siehe Karte 1).
LBA: Späte Bronzezeit; EIA: Frühe Eisenzeit; FH: frühhellenistisch; SH: späthellenistisch; FR: frührömisch; SR: spätrömisch; FB: frühbyzantinisch; MB: mittelbyzantinisch; SB: spätbyzantinisch; FO: frühosmanisch; SO: spätosmanisch; UG: unabhängiges Griechenland.
Die Blüte Griechenlands, die um 300 v. Chr. ihren Höhepunkt erreichte, dauerte mehrere Jahrhunderte an, von der archaischen über die klassische bis in die hellenistische Periode der griechischen Geschichte. Abbildung 1.1 beruht auf Belegen, die in Kapitel 4 präsentiert werden, und illustriert die Blüte anhand der wirtschaftlichen Entwicklung (gemessen an Bevölkerung und Verbrauch) im griechischen Kerngebiet von der späten Bronzezeit bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Weil nach der hier verwendeten Definition das griechische Kerngebiet nur den Bereich des unabhängigen Griechenland am Ende des 19. Jahrhunderts umfasst, zeigt das Schaubild tatsächlich eine zu niedrige Bevölkerungszahl an. Die gesamte griechische Welt hatte am Höhepunkt der klassischen Blüte etwa drei Mal mehr Bewohner; somit stellt die Karte den Bevölkerungsanstieg ebenfalls nur unvollständig dar. Die Hauptaussage wird allerdings deutlich genug: Erst im 20. Jahrhundert erreichten Bevölkerungszahl und materieller Wohlstand im griechischen Kerngebiet wieder den Stand etwa 2300 Jahre zuvor.5
Die Blüte des klassischen Griechenland war in der Geschichte der vormodernen Welt eine Ausnahme. Zwar blieb das Wirtschaftswachstum Griechenlands weit hinter den Raten zurück, wie sie in den höchstentwickelten Ländern der Welt seit dem 19. Jahrhundert auftreten, aber dennoch sticht die griechische Blüte durch ihre Dauer, ihre Intensität und ihre langfristigen Auswirkungen auf die Weltkultur hervor. Die griechische Blüte fand in der Umgebung einer Sozialökologie aus Hunderten von Stadtstaaten statt. Als »Griechen« wollen wir hier die Einwohner von Gemeinwesen bezeichnen, die im Altertum fast (nicht ganz) ausschließlich Griechisch sprachen und besondere kulturelle Merkmale gemeinsam hatten.6 Wohlstand und Einkommen blieben zwar in diesen Gemeinwesen ungleich verteilt, aber ein Großteil der griechischen Bevölkerung lebte in vergleichsweise guten materiellen Verhältnissen. Das Wachstum der griechischen Wirtschaft wurde mindestens teilweise dadurch beflügelt, dass eine ansehnliche Mittelschicht Güter und Dienstleistungen weit über das Existenzminimum hinaus konsumierte.7
Die antike griechische Gesellschaft unterschied sich in wichtigen Punkten von unserer heutigen: Unter anderem galt Sklaverei als selbstverständlich; Frauen hatten keinerlei politisches Mitspracherecht. Dennoch herrschten in den am weitesten entwickelten Polisstaaten des klassischen Hellas ähnliche Bedingungen, wie sie in neuzeitlichen Staaten noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts typisch waren. Die Einwohner der am stärksten entwickelten klassischen Poleis kamen in mancherlei Hinsicht in den Genuss einer vorzeitigen »vorweggenommenen Moderne«. Byrons(5) Zeilen erinnern uns daran, dass die klassische Blütezeit nicht ewig dauerte, aber auch daran, dass sie unvergessen blieb.8
Wir können Fragen zu Griechenland beantworten, die für Byron(6) noch Rätsel darstellten, weil wir über bessere Daten verfügen. Wir wissen heute viel mehr über das antike Hellas, als ihm bekannt sein konnte. Zum Glück für den heutigen Forscher ist uns aus der Antike eine Fülle von Originalmaterial überliefert – warum es den Niedergang überstanden hat, erklären wir in Kapitel 11. Außerdem galt seit dem Zeitalter Byrons das antike Griechenland als so überragend wichtig, dass viele der brillantesten Geister des Westens ihr Leben seiner Erforschung in allen Facetten widmeten. Generationen nach dessen Erkundung und Rekonstruktion durch Historiker und Archäologen besteht für das Griechenland des ersten vorchristlichen Jahrtausends inzwischen eine so ausführliche Bestandsaufnahme wie für kein zweites historisches Gebiet.
Ebenso wichtig ist die umfassende und detaillierte Aufbereitung dieser Bestandsaufnahme in enzyklopädischen Werken, wodurch sie der systematischen Analyse zugänglich gemacht wurden. Das für unsere Zwecke wichtigste ist das monumentale Inventory of Archaic and Classical Greek Poleis (»Inventar der archaischen und klassischen griechischen Poleis«, im Folgenden Inventory genannt). Eine internationale Gruppe von Fachleuten hat es unter Leitung des herausragenden dänischen Griechenlandhistorikers Mogens H. Hansen(1) zusammengestellt.9 Das Inventory stellt detaillierte Informationen zu den 1035 in der gesamten griechischen Welt bekannten griechischen Stadtstaaten bereit, aufgeteilt auf 45 Regionen, zeitlich begrenzt auf das halbe Jahrtausend zwischen dem 8. und dem späten 4. vorchristlichen Jahrhundert. Für jede Polis gibt es einen eigenen Eintrag und eine Inventarnummer (i + Zahl). Diese Nummern (z. B. i361 für Athen(2)) dienen hier als eindeutiges Merkmal zur Bezeichnung der jeweiligen Polis, um Verwechslungen zu vermeiden (manche Namen erscheinen nämlich doppelt, andere werden unterschiedlich in die moderne Sprache transkribiert). Die 45 Regionen des Inventory sind in Karte 1 dargestellt.
Die archäologischen Befunde und einige relevante dokumentarische Belege für die lange Geschichte der griechischen Welt von der Bronzezeit bis zur Moderne hat kürzlich John Bintliff(1) in einem Maßstäbe setzenden Band zusammengefasst und neu bewertet. Bintliffs detaillierte Auflistung, die auch Analysen zum demographischen Wandel im Lauf der Zeit umfasst, gibt uns einen sehr viel umfassenderen chronologischen Kontext für unsere Bewertung der Daten der archaischen und klassischen Periode.10
Die Masse des quantifizierbaren Materials im Inventory und in weiteren neueren Datensammlungen zur griechischen Geschichte, Archäologie und Geographie ermöglicht die Anwendung der scharfsinnigen Analyseverfahren heutiger Sozialwissenschaften zur Erklärung der geschichtlichen Abläufe im alten Griechenland. Indem man die Belege quantifiziert, kann man die Gesamtbevölkerung der antiken griechischen Welt und ihrer einzelnen Regionen schätzen; man kann die Entwicklung einzelner Staaten und Regionen aus dem ganzen Untersuchungsgebiet miteinander und darüber hinaus die griechische Welt als Ganzes mit anderen vormodernen Gesellschaften vergleichen. Alle diese Vergleiche erlauben uns, die verschiedenen konkurrierenden Erklärungsmodelle für den Aufstieg von Hellas zu seiner historischen Größe und für seinen Niedergang und seinen fortbestehenden Einfluss zu überprüfen. Die Daten, auf denen meine Statistiken beruhen, sind öffentlich zugänglich unter: http://polis.stanford.edu/.11
Im 21. Jahrhundert erleben wir eine Wiedergeburt des Studiums der antiken griechischen und römischen Wirtschaftsgeschichte. Nachdem die Forschung eine Generation lang davon ausgegangen war, dass eine einheitliche »antike Wirtschaft« durch ihre Verwurzelung in einer allem Wandel gegenüber resistenten Sozialstruktur jahrtausendelang unverändert geblieben sei, versuchen die Wirtschaftshistoriker heute, Wachstum und Rückgang der Wirtschaft in bestimmten Zeiträumen und geographischen Bereichen der vormodernen Welt zu messen und zu erklären. Zahlreiche jüngere Forschungsarbeiten zur griechischen und römischen Welt beruhen auf der »Neuen Institutionenökonomik«, die der Nobelpreisträger Douglass North(1), Wirtschafts- und Politikwissenschaftler, erschlossen hat, und die durch neuere Arbeiten des MIT [Massachusetts Institute of Technology] und der Sozialwissenschaftler (1)Daron Acemoğlu und James Robinson(1) veranschaulicht wurden. Ihr Insistieren auf der Tatsache, dass Institutionen (die »Spielregeln«) und Organisationen (einschließlich – aber nicht ausschließlich – Staaten) gemeinsam mit Märkten und Netzwerken grundlegende Determinanten wirtschaftlicher Veränderungen sind, untermauert die These des vorliegenden Werks. Forscher auf dem Gebiet der Institutionenökonomik versuchen zunächst, eine plausible Theorie zu entwickeln, wie spezifische Institutionen in einer bestimmten Gesellschaft kollektive Entscheidungen beeinflusst haben. Dann überprüfen sie diese Theorie im Vergleich zu konkurrierenden Theorien anhand eines umfangreichen Materialkorpus. Richtig betrieben, bietet die Institutionenökonomik kühne, neue und vertretbare Erklärungen für wichtige Entwicklungen in historischen und gegenwärtigen Gesellschaften.12
Nebst einer Theorie der kollektiver Entscheidungen unter den Bedingungen dezentralisierter Herrschaft und einem entsprechenden Datenmaterial zur Überprüfung der Theorie bietet das vorliegende Buch auch eine neue Erzählung über die Geschichte der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung im antiken Griechenland. Es erhebt nicht den Anspruch, jedes wichtige Ereignis der griechischen Antike umfassend zu schildern. Es konzentriert sich mehr auf formelle Institutionen und bürgerschaftliche Ordnung als auf die politisch wirksamen informellen kulturellen Leistungen, die die Althistorikerin Sara Forsdyke(1) so wunderbar herausgearbeitet hat.13 Auch über Familie, Religion, Geschlechterverhältnisse, Sexualität, ethnische Identität, Kindheit, Alter, Sport und andere wichtige Bereiche der Sozialgeschichte habe ich wenig zu sagen. Hier gibt es jeweils andere Werke von Kollegen, die auf dem betreffenden Feld viel kompetenter als ich zu Werke gehen. Ebensowenig beschreibe ich in Einzelheiten die kulturellen Errungenschaften, die Byron(7) so beeindruckt haben. Kulturelle Errungenschaften sind zwar ein wichtiger Bestandteil der Blüte, die ich erklären möchte, aber dieses Gebiet ist bereits in großer Klarheit von anderen dargestellt worden. Man kann wohl, ohne auf Widerspruch zu stoßen, behaupten, dass das klassische Griechenland in den Bereichen der Bildenden Kunst, der Architektur, des Theaters, der Geschichtsschreibung, der Philosophie (Ethik, Politik, Epistemologie, Metaphysik und Logik) und der Naturwissenschaften (Geometrie, Geographie, Astronomie und Medizin) einen dauerhaft entscheidenden Beitrag zur Weltkultur geleistet hat. Ebensowenig gehe ich hier auf das genetische Erbe der alten Griechen ein, die durch Kolonialisierung und Mobilität tiefe Spuren im Erbmaterial aller Bevölkerungsgruppen des westlichen wie des östlichen Mittelmeerraums(3) hinterlassen haben, wie vielversprechende Gemeinschaftsprojekte von Historikern und Genetikern in jüngster Zeit zeigen.14
Mein Ziel ist vielmehr, die Blüte des klassischen Griechenland zu ermessen und zu erklären, wie die griechische Welt mit Hilfe ihrer politischen Institutionen und ihrer Kultur aus einfachen Anfängen zu Glanz und Ruhm aufsteigen konnte, wie die großen Stadtstaaten dann einem räuberischen Imperium zum Opfer fielen, und wie die griechische Kultur in der Folgezeit dennoch der Nachwelt bewahrt blieb.
Nach zwei Jahrhunderten intensiver wissenschaftlicher Forschung und mit Hilfe des Inventory können wir nunmehr deutlicher als Byron(8) und seine Zeitgenossen erfassen, wie ausgedehnt und hochentwickelt das antike Hellas war. Zuvörderst war es eine Welt, die aus einer erstaunlich großen Anzahl überraschend kleiner Staaten bestand – in der Mitte der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts v. Chr. waren es etwa 1100 an der Zahl. Das war die Zeit, in der Aristoteles(3) sein Meisterwerk über die Politik verfasste und sein Schüler Alexander(3) der Große Südwestasien eroberte. Alles in allem erstreckte sich das Gebiet, in dem griechische Stadtstaaten zu finden waren, von Außenposten im heutigen Spanien(3) und Frankreich(3) über Norditalien(5) und Sizilien(2) zur griechischen Halbinsel weiter nach Nordosten über Thrakien(6) (heute Bulgarien) bis an die Küsten des Schwarzen Meeres(4) und des westlichen Kleinasien(1), nicht zu vergessen die Ansiedlungen in (2)Nordafrika und Syrien(2) (siehe Karte 1). Die Bevölkerung von Hellas – also die Einwohner aller dieser Stadtstaaten, die Träger griechischer Kultur und Sprache waren, – umfasste über acht Millionen Menschen.15
Die einzelnen griechischen Staatsgebilde unterschieden sich in Größe und Macht enorm voneinander. Athen(3), Sparta(2) (i345) und Syrakus(2) (i47), die als Brennpunkte für die Entwicklung der Konzepte dieses Buches dienen, gehörten zu den größten und einflussreichsten Staaten in Hellas. Athen rühmte sich eines Staatsgebiets von etwa 2500 Quadratkilometern – das entspricht etwa der Größe von Luxemburg oder von Orange County in Südkalifornien – und einer Einwohnerzahl von ungefähr 250 000. Eine noch typischere griechische Polis, das im Nordwesten von Athen liegende Plataiai(1) (i216), hatte ein Territorium mit weniger als zehntausend Einwohnern auf etwa 170 Quadratkilometern. Sehr viele griechische Stadtstaaten waren noch bedeutend kleiner. Am unteren Ende der Vergleichsskala rangiert Koresia(1)(2) (i493), die kleinste von vier Poleis, die sich auf der Insel Kea (mit den bescheidenen Ausmaßen von 129 Quadratkilometern) befanden. Koresia besaß ein Territorium von etwa fünfzehn Quadratkilometern – das entspricht ungefähr einem Siebtel des Stadtgebiets von Paris oder einem Fünftel der Insel Manhattan. Dennoch waren die griechischen Staaten in wichtigen Aspekten gleichrangige Gemeinwesen und interagierten diplomatisch, militärisch und wirtschaftlich als gleichwertige Partner, ungeachtet ihres tatsächlichen Einflusses und Reichtums und ihrer realen Macht.16
Diese griechischen Kleinstaaten waren Stadtstaaten – im Altgriechischen poleis (Singular polis). Zu Aristoteles(4)’ Lebzeiten bestand eine typische Polis aus einem klar umrissenen städtischen Zentrum, das mit einer Befestigungsmauer umgeben war, und in dem ungefähr die Hälfte der Bevölkerung wohnte. Das städtische Zentrum war von einem ländlich geprägten Umland umgeben. Das Umland größerer Poleis umfasste Kleinstädte, Dörfer und Einzelgehöfte. Entlang der Grenzen befand sich hauptsächlich Weideland und nahezu unkultivierte Wildnis. Die Grenzen zwischen den vielen Staaten von Hellas waren ziemlich klar umrissen, wurden allerdings von den benachbarten Staaten nicht immer respektiert: Grenzstreitigkeiten waren eine Hauptquelle von Konflikten zwischen den Poleis, und häufig kam es zu Kriegen zwischen den griechischen Staaten. In der Folge solcher Feldzüge wie auch der im Schatten von Kriegen geführten diplomatischen Verhandlungen gingen einige der Poleis völlig unter. Von fast einhundert griechischen Stadtstaaten – das ist ungefähr ein Zehntel der bekannten Poleis – weiß man, dass sie bis zum Tod Alexanders(4) des Großen 323 v. Chr. entweder durch Vernichtung oder Assimilation ausgelöscht wurden. Viele andere Poleis waren nicht wirklich unabhängig, was die Führung einer eigenen Außenpolitik anging. Aber jede Polis hatte per definitionem beträchtliche Autorität, um die Regeln, nach denen ihre Bewohner lebten, auf der lokalen Ebene zu bestimmen und durchzusetzen.17
In der Weltgeschichte hat es mehrere Dutzend Fälle von Kleinstaatenkulturen mit »verteilter Autorität« gegeben – insbesondere im Norditalien(6) der Renaissance oder im Hansebund des nordwestlichen Europa am Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit. Weitere Stadtstaatenkulturen dieser Art sind aus Europa, Asien, Afrika und der Neuen Welt belegt. Mitunter zeigen sich solche Kulturen unverhältnismäßig einflussreich auf den langfristigen Gang der Geschichte im Vergleich zu Kulturen »zentralisierter Autorität« – hauptsächlich den Großreichen (Römisches Reich, Han-China) und den Nationalstaaten in Europa nach 1500, die bestrebt waren, die politische Entwicklung der vormodernen Welt zu beherrschen. Zu den Kleinstaatenkulturen, die »übermäßig Gewicht in die Waagschale warfen«, gehören neben den beiden oben angeführten auch noch die Stadtstaaten des frühen (1)Mesopotamien, die zahlreiche Elemente städtischer Zivilisation als solcher begründeten; außerdem die Handelsstadtstaaten Phönikiens sowie die Etrusker(2) in (7)Nordwestitalien (siehe Karte 2).
Kleinstaatenkulturen mit Systemen verteilter Herrschaft lassen sich mit einer natürlichen Ökologie vergleichen, die durch große Artenvielfalt in Flora und Fauna gekennzeichnet ist, wobei keine Spezies das Ganze dominiert. Große, stark zentralisierte Staaten gleichen dagegen eher der Ökologie eines modernen landwirtschaftlichen Großbetriebs, der sehr effizient große Mengen einer einzigen Getreideart bei unterdrückter Artenvielfalt produziert. Das alte Hellas ist ein erstaunlich ausgedehntes und langlebiges Beispiel einer Kleinstaatenkultur mit verteilter Herrschaft – und es war unter solchen Kulturen die bei weitem größte und langlebigste in der dokumentierten Weltgeschichte.
Zu den wichtigsten Fragen in der Erforschung der klassischen griechischen Geschichte gehört diejenige, wie und warum ein so umfangreiches Kleinstaatensystem so lange so gut gedeihen konnte. Umgekehrt zum Entwicklungsprozess in Europa von 1500–1900 oder in China von 700–200 v. Chr. gab es auf der Höhe der klassischen Blütezeit im griechischen Raum sehr viel mehr unabhängige Stadtstaaten als zu Beginn, einige hundert Jahre zuvor. Trotz mehrfacher Versuche gelang es dabei keinem griechischen Stadtstaat der klassischen Zeit, ein zentralisiertes Reich zu schaffen (Kapitel 8). Warum fügten sich die vielen griechischen Kleinstaaten eigentlich in der Ära dieser Blüte nicht zu einem einheitlichen Imperium zusammen, wie es Persien(2), Karthago(2) oder Rom waren? Oder wenigstens zu einzelnen großen, miteinander wetteifernden Staaten wie in Phönikien, in China während der Periode der Streitenden Reiche oder in Europa zwischen 1500 und 1900?18
Alle funktionsfähigen Gesellschaftssysteme setzen die Schaffung verlässlicher Formen von Kooperation innerhalb einer ausgedehnten Bevölkerung und dann die Verteilung der Erträge dieser Kooperation unter dieser Bevölkerung in einer Weise voraus, die dem Ausbruch zerstörerischer Gewalt vorbeugt. Zentralisierte Systeme gehen dabei nach dem einfachen und mächtigen Prinzip von Macht und Kontrolle vor: Zusammenarbeit wird durch Gehorsam aller gegenüber einer mit Zwangsmitteln ausgestatteten Zentralinstanz erreicht. Mit einer vereinheitlichten Machtstruktur, die Zusammenarbeit erzwingen kann, und einem Verteilungsplan, der sicherstellt, dass alle potentiell destabilisierenden Kräfte in der Gesellschaft keinen Anreiz mehr zu zerstörerischer Aktivität haben, werden Konflikte wirkungsvoll reduziert.19
Das Grundprinzip der zentralisierten Herrschaft wurde lange Zeit geschätzt; Thomas Hobbes(1) ist mit seinem großen staatstheoretischen Werk Leviathan (1996 [Erstausgabe 1651]) Mitte des 17. Jahrhunderts einer seiner scharfsinnigsten und einflussreichsten Interpreten. Auf Hobbes geht die berühmte These zurück, jede Gesellschaft müsse sich zwischen einem zentralisierten Herrschaftssystem und der Anarchie des »Krieges aller gegen alle« entscheiden, eines Zustandes, in dem menschliches Leben unvermeidlich »armselig, einsam, elend, brutal und kurz« dahinvegetiere. Obwohl die heutigen Sozialwissenschaftler die Geschichte der menschlichen Entwicklung gewöhnlich nicht in so drastischen Begriffen schildern, gibt es doch eine durchgängige Tendenz, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung mit der Herausbildung und Aufrechterhaltung eines hoch zentralisierten bürokratischen Staatswesens zu verknüpfen, nicht zuletzt, wenn es um die Frage vormoderner Staatenbildung geht.20
In einem zentralisierten System weiß jeder, wo er in der hierarchischen Gesellschaftsordnung steht (oder kniet), und diese Ordnung bestimmt auch, wer was bei der Güterproduktion zu tun hat und wer welche Güter, Dienstleistungen und Vorrechte erhält. Ein solches System ist um einen Herrscher (bzw. eine kleine Gruppe Herrschender) aufgebaut; in der vormodernen Welt handelt es sich dabei gewöhnlich um einen Monarchen, dem göttliche oder quasi-göttliche Kräfte zugeschrieben werden. Autorität geht vom gottgleichen Herrscher über eine pyramidenförmige Verkettung auf weitere Glieder über. Die Einwohner des Staates sind seine Untertanen. Wohlstand und Macht konzentrieren sich im Zentrum und werden vom Zentrum aus verteilt. Gesellschaftliche Vorrechte und Zugang zu wichtigen Institutionen (z. B. Gesetz, Eigentumsrechte) werden über die gesellschaftliche Nähe zum Herrscher bestimmt. Durch die pyramidenförmige Organisationsstruktur können Befehle von der Spitze des hierarchischen Systems bis an die Basis weitergegeben werden, so dass, idealerweise zumindest, jeder weiß, was von ihm erwartet wird und was er seinerseits dafür erwarten kann. Solange diese Erwartungen erfüllt werden und niemand, der die soziale Ordnung stören könnte, dazu Grund hat, ist dieses System stabil.
Der weitaus größte Teil der Untertanen des Herrschers befindet sich an der Basis der Pyramide; sie leisten die Arbeit, die das System in Gang hält. Sie sind Befehlsempfänger und liefern den größten Teil des Mehrerlöses nach oben in Form von Abgaben oder Steuern ab; der Durchschnittsuntertan lebt aufgrund dieser Enteignung am oder nahe dem Existenzminimum. Weil sich Reichtum in der Mittel- und Oberschicht konzentriert und alle Konflikte unterdrückt werden, kann ein gut organisierter Zentralstaat sowohl eine Bürokratie wie auch Streitkräfte unterhalten – durch sie kann der Herrscher den Staat verwalten, seine Verbündeten ausbezahlen und Krieg gegen Rivalen führen. Ein besonders großer und erfolgreicher Zentralstaat kann schließlich seine lokalen Rivalen unterwerfen und wird dadurch zum Imperium.21
Die Funktionsweise vormoderner Kleinstaatensysteme ist weniger gut erforscht. Wie kann ein System, in dem die Herrschaft verteilt ist, die erforderlichen Möglichkeiten zur Zusammenarbeit im angemessenen Maßstab schaffen und die Erträge der Zusammenarbeit so verteilen, dass Stabilität gefördert wird, und dadurch Ressourcen ansammeln, die ausreichen, um sich selbst langfristig zu erhalten? Warum stürzen solche Kleinstaatensysteme nicht rasch in Hobbes(2)’ »Krieg aller gegen alle« ab? Das ungelöste Rätsel, wie sich Systeme mit verteilter Herrschaft durchsetzen können, wird umso drängender, je ungünstiger die Umstände sind: Wie konnte ein Kleinstaatensystem wie das griechische überleben, wenn es doch immer wieder von einem großen, gut organisierten und aggressiven Imperium wie dem Achämenidenreich bedroht wurde?
In Kleinstaatensystemen ist die Herrschaftsgewalt dezentralisiert. Es gibt keine umfassende Hierarchie, keinen Herrschaftsmittelpunkt, an dem Reichtum und Einfluss so ohne weiteres konzentriert werden können. Hobbes(3) sagte kategorisch voraus, dass innerhalb eines solchen Systems Konflikte endemisch bleiben. Die vielen Kriege zwischen den Kleinstaaten des klassischen Griechenland sind typisch für solche Ökologien mit verteilter Herrschaftsmacht, zum Beispiel im frühen (2)Mesopotamien, während der Periode der Streitenden Reiche in China oder im Italien(8) der Renaissance. Die Antwort auf die Frage nach den Gründen für das Gedeihen von Kleinstaaten liegt auch nicht unbedingt in lokaler Dezentralisierung; die Einzelstaaten innerhalb eines solchen Systems können durchaus von Königen und den mit ihnen verbündeten Eliten regiert werden. Es gab aber etliche Kleinstaatensysteme, zu deren Mitgliedern republikanische, auf der Souveränität des Bürgers beruhende Staaten zählten.22
In den einflussreichsten Staaten des antiken Griechenlands war die Herrschaft stark verteilt, nicht nur auf zwischenstaatlicher Ebene, sondern auch innerhalb des Einzelstaats. In einer typischen griechischen Polis galt der erwachsene männliche Einheimische als Bürger, nicht als Untertan. In einer griechischen Demokratie, einer Regierungsform, die sich in Hellas ab dem Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. zunehmend verbreitete, regierten sich freie und politisch gleichberechtigte Bürger gemeinsam selbst. Die politische Autorität war zwar in staatlichen Institutionen konzentriert, aber die Macht war unter diesen aufgeteilt, und viele Bürger hatten Ämter in ihnen inne und beteiligten sich aktiv an Gesetzgebung und Rechtsprechung. Auch hier lässt sich wieder die umgekehrte Entwicklung wie im Europa der frühen Neuzeit beobachten, wo es im 17. Jahrhundert der zentralisierten königlichen Gewalt gelang, die Macht der beratenden Institutionen zu schwächen; die griechischen Einzelstaaten und die Ökologie des Kleinstaatensystems wurden dagegen während ihrer klassischen Blütezeit immer demokratischer.23
Einige der einflussreichsten und demokratischsten griechischen Einzelstaaten hoben sich merklich vom Modell der Gesellschaftsordnung ab, das die Politologen Douglass North(2), John Wallis(1) und Barry Weingast(1) den »natürlichen Staat«[»natural state«] nennen und der, folgt man ihren Thesen, im größten Teil der dokumentierten menschlichen Geschichte die Grundlage der Sozialordnung auf gesamtstaatlicher Ebene bildete. Der natürliche Staat beruht letztlich auf Herrschaft und wird von einem Anführer und den Mitgliedern seiner Elitekoalition gebildet. Anführer und Elite wirken dabei zusammen, um im gemeinsamen Eigeninteresse ein System der Produktion, der Verteilung und der Konfliktunterdrückung zu schaffen und zu erhalten. Natürliche Staaten sind nicht demokratisch; sie beschränken den Zugang zu Institutionen und gewähren oft nur den Angehörigen der kleinen und gut abgeschirmten herrschenden Koalition sichere Besitzrechte und andere Privilegien. Solange er allerdings die Erträge der Zusammenarbeit an die richtigen Leute (jene mit Gewaltpotential) im richtigen Verhältnis (je größer das Gewaltpotential, desto größer der Anteil) verteilt, kann der natürliche Staat sehr stabil sein. Das zentralistische Imperium ist eine historisch wichtige Form des natürlichen Staates, aber es gibt ihn als grundlegende Form sozialer Ordnung in jeder Größenordnung.
Wirtschaftlich ist diese Staatsform im Vergleich mit modernen offenen Gesellschaften zwar ineffizient, aber historisch gilt die Herausbildung immer größerer und immer stärker zentralisierter Staaten mit beschränktem Zugang zur Macht als Begleiterscheinung politischen und wirtschaftlichen Fortschritts. Angesichts der hartnäckigen Weigerung der griechischen Kleinstaaten-Ökologie, zu einem großem Imperium oder wenigstens zu einigen wenigen großen Staaten mit starken Führern und kleinen herrschenden Elitekoalitionen zu verschmelzen, wird die Größe des antiken Hellas umso rätselhafter. Sie wird allerdings auch interessanter für alle, die Demokratie, persönliche Freiheit und Würde – selbst in einer noch unausgereiften Form wie im antiken Griechenland – den Herrschaftsformen vorziehen, wie sie für die meisten vormodernen Staatswesen kennzeichnend sind.
Die antike griechische Geschichte zeigt uns tatsächlich eine mögliche Alternative zum herrschenden Narrativ politischer und wirtschaftlicher Entwicklung auf, das hauptsächlich auf der Geschichte des frühneuzeitlichen Europa beruht, nämlich »zuerst (als unvermeidliche Voraussetzung) der große, zentralisierte und autokratische Staat, und erst dann (manchmal) Demokratie und Wohlstand.«24
Einer der Schlüsselfaktoren für den mysteriösen Erfolg der Polis-Ökologie ist wirtschaftliche Spezialisierung und Austausch. In der griechischen Welt beruhte Spezialisierung, wie auch in anderen Epochen und an anderen Orten im Lauf der Geschichte, auf der Entwicklung und Ausnutzung eines lokalen Vorteils bei der Erzeugung bestimmter Güter oder der Bereitstellung von Dienstleistungen gegenüber anderen Anbietern. Unter der Voraussetzung, dass die Transaktionskosten niedrig genug sind, um den Austausch für beide Seiten nutzbringend zu machen, werden besondere Güter (z. B. Olivenöl, hochwertige Töpferware) und Dienstleistungen (z. B. von Söldnern oder von Dichtern) über Verteilernetzwerke ausgetauscht, so dass die speziellen Produkte innerhalb einer ausgedehnten Ökologie verschiedener lokaler Spezialerzeuger erhältlich werden.
Die prägende Rolle der Spezialisierung und des kooperativen (für beide Seiten vorteilhaften) kommerziellen Austauschs als Voraussetzung für Wirtschaftswachstum hat bereits im späten 18. Jahrhundert Adam Smith(1) in The Wealth of Nations (1981 [1776], dt. Der Wohlstand der Nationen) erkannt und beschrieben. Die griechische Spezialisierung war oft eher horizontal ausgerichtet (Werkstätten und einzelne Handwerker, die sich auf die Produktion bestimmter Güter verlegten) als vertikal (Fabriken, die den Erzeugungsprozess in jeder Phase unter verschiedenen Spezialisten aufteilten), und in der Literatur des klassischen Griechenland gibt es kein wirtschaftsanalytisches Werk, das mit Smiths höchst einflussreichem Klassiker mithalten kann. Dennoch steht inzwischen fest, dass Spezialisierung und Austausch in Hellas auf verschiedenen Ebenen florierten und dass die Griechen außerdem die Kernprinzipien des relativen Vorteils und der vernünftigen Zusammenarbeit durchaus verstanden.25
Manche griechische Staaten entwickelten Spezialkompetenzen, die auf den natürlichen Ressourcen beruhten, mit denen sie gegenüber anderen Poleis besser ausgestattet waren – so verfügte der ägäische(2) Inselstaat Paros(1) (i509) über feinen weißen Marmor, und in den griechischen Stadtstaaten (1)Süditaliens und Siziliens(3) herrschten besonders günstige Bedingungen für Weizenanbau (Kapitel 6). Andere Poleis wiederum verschafften sich Wettbewerbsvorteile, indem sie gewerbliche Herstellungsprozesse vervollkommneten – zum Beispiel in der Manufaktur bemalter Vasen und im Kriegsschiffbau in Athen(4) (Kapitel 7 und 8). Konkurrenz und Konflikte zwischen den Poleis schärften das Wissen um die Notwendigkeit, solche Wettbewerbsvorteile auszunutzen, und die Erkenntnis, wie viel sich durch niedrige Transaktionskosten einsparen und damit gewinnen ließ, war ein Anreiz, Handelshemmnisse abzubauen und zwischenstaatlich zusammenzuarbeiten. Innerhalb der Poleis entstand unterdessen eine Vielzahl spezialisierter Berufe, und innerhalb der Berufe standen die Spezialisten im Wettbewerb miteinander (»der Töpfer grollt dem Töpfer«, wie es Hesiod(1) in Werke und Tage [Vers 25] formuliert), was wiederum die Anerkennung des Wertes relativer Wettbewerbsvorteile schärfte und zur Vertiefung und Vervielfältigung von Subspezialisierung führte.
Dieser Kreislauf von Konkurrenz, Spezialisierung und Zusammenarbeit zugunsten eines Austauschs zu gegenseitigem Nutzen führte letztendlich dazu, dass Innovation und Unternehmergeist hohe Anreize boten. Innovation – der Vorgang, durch den neuartige Lösungen angesichts neuartiger Erfordernisse oder vorhandener Bedürfnisse geschaffen wurden – löste wiederum eine Dynamik aus, für die der österreichisch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Politologe Joseph Schumpeter(1) den Begriff »kreative Zerstörung« geprägt hat: Fortschritte in der künstlerischen und produktiven Technik machten bisherige Methoden obsolet; neue Institutionen drängten traditionelle gesellschaftliche Organisationsformen an den Rand; Poleis, die Wettbewerbsvorteile ausnutzten, schluckten ihre weniger innovativen Rivalen, während gleichzeitig an den Rändern der ständig expandierenden griechischen Welt laufend neue Poleis gegründet wurden.26
Die Erzeugnisse der lokalen Spezialisierung ließen sich innerhalb der Polis, innerhalb der ausgedehnten Kleinstaaten-Ökologie und auch außerhalb der griechischen Welt durch ständig dichtere Netzwerke des Austauschs und der Wechselwirkung immer besser verteilen. Lokale Märkte vergrößerten sich zu regionalen, und einigen Poleis gelang es, zu wichtigen überstaatlichen Handelszentren aufzusteigen, in denen Waren aus dem ganzen (4)Mittelmeer- und Schwarzmeergebiet umgeschlagen wurden. Experten in verschiedenen Künsten und Handwerker wanderten in andere Staaten aus und begründeten dort neue Zentren spezialisierter Produktion. Die Kosten für den Warenumschlag sanken indessen durch ständige institutionelle Innovationen. Insbesondere die Erfindung und rasche Verbreitung der Silbermünze als zuverlässiges Tauschmittel, die Einführung genormter Maße und Gewichte, der Erlass und die amtliche Überwachung von Marktordnungen und die Entwicklung ständig komplexerer Rechtssysteme, um Vertragskonflikte beizulegen, waren für die Kostensenkung ausschlaggebend. Konkurrenz und Konflikte zwischen den einzelnen Poleis und zwischen der griechischen Welt und ihren nichtgriechischen Nachbarmächten störten zwar zeitweise lokale Austauschnetzwerke, aber diese Störungen motivierten Poleis und Einzelbürger nur umso stärker, neue Märkte für ihre Güter und Dienstleistungen zu finden, die Austauschnetzwerke zu vertiefen und zu erweitern und kooperative Lösungen zu entwickeln, um Konflikte zu reduzieren oder weniger störend zu gestalten.
Spezialisierung bei der Produktion von Waren sowie der Austausch von Waren und Dienstleistungen sind allgemeine Merkmale komplexer Gesellschaften. Wenn wir die Blüte von Hellas erklären möchten, müssen wir verstehen, warum und auf welche Weise Spezialisierung und Austausch in der griechischen Welt ein so hohes Niveau erreichten und wie es kam, dass sie sich so intensiv mit ständiger Innovation und kreativer Zerstörung verbanden, um dadurch ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum zu ermöglichen, das groß genug war, um die Kosten der Konflikte zwischen den zahlreichen Kleinstaaten tragen zu können.
Die geographische und klimatische Lage bietet sicher eine Erklärung. Die besonderen geographischen und klimatischen Verhältnisse des (5)Mittelmeerraums förderten Spezialisierung und Austausch in der griechischen Welt. Typisch für diese Region sind die zahlreichen Mikroklimata, die unterschiedlichen Bodentypen und ungleichmäßig verteilte natürliche Ressourcen. Darüber hinaus standen die geophysikalischen Bedingungen, wie sie den Staaten in Hellas eigen waren, einer Standardisierung durch die Zentralverwaltung eines Imperiums entgegen. Die antike griechische Landwirtschaft richtete sich in erster Linie nach dem spärlichen, aber ausreichenden Niederschlag in relativ kleinen Tälern und eher an terrassierten Hängen als in großflächig bewässerten weiten Ebenen. Im Unterschied zu (3)Mesopotamien, Ägypten(2) oder China gab es in Hellas auch keine großen Flusssysteme, die bei kooperativer Bewirtschaftung unter der Leitung einer zentralisierten Bürokratie günstige Bedingungen für die Produktionsmaximierung einiger Grundnahrungsmittel geboten hätten. Die geographischen und klimatischen Bedingungen, wie sie für Hellas typisch waren, trafen mit einem äußerst vielfältigen Küstenverlauf und einer inselreichen Seeküste zusammen, was den Überseehandel begünstigte und die Transportkosten senkte. Angrenzende Imperien (Persien(3)) und weniger entwickelte Gesellschaften (die Thraker(7), die Skythen(2)) boten Absatzmärkte für die Waren und Dienstleistungen der griechischen Spezialisten und exportierten im Gegenzug Güter (besonders Nahrungsmittel und Sklaven) in die griechische Welt.27
Diese äußerlichen Umstände waren zwar wichtige Faktoren, erklären aber letztlich nicht, wie Spezialisierung, Innovation und kreative Zerstörung die Blüte Griechenlands bewirkten. Das wird deutlich, wenn man das klassische Hellas mit früheren und späteren Epochen der griechischen Geschichte vergleicht – schließlich änderte sich die Geographie des Landes ja im Laufe der Jahrtausende nicht, und Hellas hatte immer sowohl höher wie weniger entwickelte Nachbarmächte. Dennoch war, wie schon Byron(9) glaubte und heutige Forscher bestätigen, die Blüte der klassischen Ära im 1. Jahrtausend v. Chr. eine einmalige Erscheinung: Weder vor noch nach dieser Ära hatte Griechenland jemals wieder eine Blütezeit von Weltrang aufzuweisen. Die geophysikalischen und klimatischen Bedingungen des Mittelmeerraums(6) ließen zwar offensichtlich starkes Wirtschaftswachstum und die besonderen Formen kultureller Blüte zu, die das klassische Griechenland ausmachten, aber wenn diese äußeren Umstände die entscheidenden Faktoren des griechischen Aufstiegs gewesen wären, dann hätte sich dieser eigentlich wiederholen müssen.
