Das Apollonheiligtum von Didyma - Ulf Weber - E-Book

Das Apollonheiligtum von Didyma E-Book

Ulf Weber

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Beschreibung

Die Erforschung des Apollonheiligtums von Didyma begann in der Renaissance. Seitdem kamen viele Reisende, um die Ruine des weltgrößten Apollontempels zu besichtigen und zu untersuchen. Und auch heute noch werden neue Gebäude zutage gefördert. Ulf Weber, als jahrelanger Erforscher des Apollonheiligtums, stellt hier Didymas Forschungsgeschichte dar und präsentiert die wichtigsten Gelehrten sowie Bauten, Geschichte und Religion des Apollonheiligtums. Daneben beschreibt er den aktuellen Forschungsstand der deutschen Ausgrabungen, die das Theater und den Artemistempel beinhalten. Zahlreiche unveröffentlichte Zeichnungen und Fotos sowie viele, oft sehr unterhaltsame Episoden aus dem Erleben der beteiligten Wissenschaftler lassen dieses bedeutende Stück Kultur- und Forschungsgeschichte lebendig werden.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ulf Weber

Das Apollonheiligtum von Didyma

Dargestellt an seiner Forschungsgeschichte von der Renaissance bis zur Gegenwart

 

 

 

 

 

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Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Impressum

Dieses Buch ist den einheimischen Arbeitern gewidmet,die durch die Jahrhunderte hindurch die Erforschung Didymas ermöglichten.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographischeDaten sind im Internet über http://dnd.d-nb.de abrufbar

wbg Academic ist ein Imprint der wbg© 2020 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), DarmstadtDie Herausgabe des Werkes wurde durch dieVereinsmitglieder der wbg ermöglicht.Umschlagsabbildung: Rekonstruktionszeichnung der Front deshellenistischen Apollontempels aus: M.-G.-A.-F. von Choiseul-Gouffier,Voyage pittoresque de la Grèce, Bd. 1 (Paris 1782) Taf. 113.Satz und eBook: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-534-40366-0

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): 978-3-534-40368-4eBook (epub): 978-3-534-40367-7

Inhalt

Vorwort und Einleitung

Cyriacus von Ancona – 1446

George Wheler und Jacob Spon – 1673 (Jeremy Salter und Dr. Pickering)

Edmund Chishull – 1709 und 1716 (William Sherard)

Richard Chandler, Nicholas Revett und William Pars – 1764

Graf von Choiseul-Gouffier – 1776

James Dallaway – 1794

William Gell, John P. Gandy und Francis Bedford – 1812

William Turner – 1815

Pierre-Anne Dedreux, Thomas L. Donaldson, Jean-Nicolas Huyot – 1820

Charles Texier – 1835

Ludwig Ross – 1844

Charles Thomas Newton – 1857/58

Olivier Rayet und Albert Thomas – 1873

Bernard Haussoullier und Emmanuel Pontremoli – 1895/96

Theodor Wiegand und Hubert Knackfuß – 1906 bis 1913 und 1924/25

Die Jahre vor 1906

Das Jahr 1906

Das Jahr 1907

Die Jahre 1908 und 1909

Das Jahr 1910

Das Jahr 1911

Die Jahre 1912 und 1913

Die Jahre nach 1913

Heinrich Drerup, Rudolf Naumann und Klaus Tuchelt – 1962/64

Klaus Tuchelt – 1965 bis 1973

Rudolf Naumann – 1974 bis 1977

Klaus Tuchelt und Peter Schneider – 1975 bis 2001

Axel Filges – 2002

Andreas E. Furtwängler – 2003 bis 2012

Helga Bumke – seit 2013

Schlusswort

Danksagung

Anhang

Karten und Pläne

Liste mit GPS-Koordinaten

Bereich des hellenistischen Apollontempels

Gebiet außerhalb des Apollontempels

Glossar

Literatur- und Abkürzungsverzeichnis

Verwendete Abkürzungen

Abbildungsnachweise

Namensregister

Sachregister

Vorwort und Einleitung

Im Apollonheiligtum von Didyma befand sich der größte Tempel aller antiken Orakelheiligtümer. Diese Tatsache und das hohe Ansehen seines Orakels machten Didyma im Altertum weltberühmt. Die Bedeutung des Apollonorakels von Didyma stand der des berühmtesten griechischen Orakels von Delphi nur wenig nach.

Nachdem das Orakel von Didyma am Ende des 4. Jhs. n. Chr. verstummt war, baute man den Apollontempel nach und nach zu einer Festung um und errichtete eine Kirche in seinem Innenhof. Die anderen Tempel und Gebäude des Heiligtums wurden abgetragen, und aus ihren Bauteilen errichtete man Wohnhäuser und weitere Kirchen. Die schon im Altertum vorhandene Siedlung wuchs und bekam den Namen „Hieron“. Wenig später hatte die Stadt Hieron sogar einen eigenen Bischof. Diese byzantinische Phase endete um 1300, als die seldschukischen Türken das Gebiet eroberten. Danach setzen die Nachrichten über Didyma (Hieron) aus.

In der Renaissance erwacht in Europa das Interesse am klassischen Altertum und die Erforschung Didymas beginnt. Diese erste Phase dauert vom 15. Jh. bis zum Anfang des 18. Jhs. Damals kamen nur wenige Besucher, die vor allem die berühmten christlichen Stätten, wie Ephesos, besichtigen wollten und nach Didyma nur kurze Abstecher unternahmen. 1764 brach die Zeit der wirklichen Untersuchungen Didymas an, als die ersten Forscher anreisten, die von Institutionen beauftragt waren, den sichtbaren Bestand aufzunehmen. Diese Phase lief bis 1873, dem Jahr, in dem die Ausgrabungen am Apollontempel begannen. Ihren Höhepunkt erreichten sie zwischen 1906 und 1913, als der gesamte Apollontempel freigelegt wurde. Die bisher letzte Etappe der Erforschung Didymas nahm ihren Anfang 1965: Seitdem steht nicht mehr nur der Apollontempel im Blickpunkt, sondern das gesamte Heiligtum von Didyma. Dazu gehört die Ausgrabung der Heiligen Straße von Milet nach Didyma mit ihren vielfältigen Gebäuderesten. Überdies wurden völlig unvermutet ein Theater und der nur aus Inschriften bekannte Artemistempel gefunden.

Von 2004 bis 2015 konnte der Autor selbst an der Ausgrabung und Erforschung Didymas mitwirken. Da es erfahrungsgemäß heute manchmal Jahrzehnte dauert, ehe neue Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden, entstand der Wunsch, dieses Buch zu schreiben. Eingebettet in die Forschungsgeschichte von Didyma sollen die wichtigsten Ergebnisse der Ausgrabungen dargestellt werden. Um dies zu erreichen versuchte der Autor, möglichst alle bisher erschienenen Bücher und Artikel auszuwerten. Die benutzten Quellen sind im Literaturverzeichnis kapitelweise angeführt.

In der über 500-jährigen Geschichte der Erforschung von Didyma wurde noch nie ein Buch geschrieben, welches sich umfassend mit seinen schriftlichen und archäologischen Quellen auseinandersetzt. Die letzte (kurze) Gesamtdarstellung stammt bereits aus dem Jahr 1992.

Die „Vermischung“ von Forschungsgeschichte und modernen Forschungsergebnissen ist ein neuer Ansatz, wenn es darum geht, einzelne Heiligtümer umfassend darzustellen. Sie wird für manchen Leser ungewohnt sein. Doch wenn er sich auf die Methode einlässt, wird er am Ende des Buches nicht nur über die ganze Vielfalt des Apollonheiligtums von Didyma informiert sein, sondern auch über antike Heiligtümer insgesamt. Aber nicht nur die Wissensvermittlung ist wichtig, sondern auch der Unterhaltungswert. Dazu sollen z.B. die abwechslungsreichen Erlebnisse der Forscher beitragen. Altertumskundliche Vorkenntnisse sind zum Lesen des Buches nicht erforderlich, da alle wichtigen Fachbegriffe im Text bzw. im Glossar erklärt werden.

Die für das Verständnis des Textes notwendigen Karten und Pläne sind im Anhang zu finden. Dort ist ferner eine Liste abgedruckt mit den GPS-Daten wichtiger Orte, Monumente und Objekte in Didyma und Umgebung.

Wenn dieses Buch das Interesse des Lesers für Didyma weckt oder bestärkt, hätte es seinen Zweck erfüllt. Didyma ist immer eine Reise wert. Ansonsten kann der Besuch der Museen empfohlen werden, in denen sich Stücke aus Didyma befinden: Dazu gehören die archäologischen Museen in Milet, Izmir und Istanbul, sowie außerhalb der Türkei das Britische Museum in London, der Louvre in Paris und das Pergamonmuseum sowie das Alte Museum in Berlin.

Cyriacus von Ancona – 1446

Leben des Cyriacus von Ancona – Seine Reise nach Milet und Didyma – Archaische Metropole Milet – Von Didyma zu Jeronda/Yoran – Latmischer Golf – Schatzstiftung von 288/87 v. Chr. – Didyma in archaischer und hellenistischer Zeit – Beschreibung des Apollontempels – Erdbeben 1493

Im Jahr 1446 reiste Cyriacus von Ancona nach Didyma (heute Didim in der Westtürkei). Er war vermutlich der letzte Europäer, der den riesigen Apollontempel von Didyma sah, bevor er durch ein Erdbeben einstürzte. Cyriacus erlebte im 15. Jh. eine Zeitenwende: Nur sieben Jahre nach seinem Besuch in Didyma endete die Antike endgültig, als 1453 die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, Konstantinopel (heute Istanbul), von den osmanischen Türken erobert wurde. Bis dahin hatte die antike Gesellschaft mit christlicher Prägung noch existiert.

In Europa war das anders. Dort hatte die Antike mit dem Beginn des Mittelalters im 6. Jh. n. Chr. geendet. Erst im 14. Jh. wandte man sich in Italien wieder der Kultur des klassischen Altertums zu. Diese „Renaissance“ erfasste schließlich ganz Europa. Im 15. Jh. wurde der Begriff des „Mittelalters“ geprägt, womit man die Epoche zwischen Antike und Neuzeit bezeichnete.

Das Interesse an den Griechen und Römern war verantwortlich dafür, dass sich Cyriacus von Ancona aufmachte, den östlichen Mittelmeerraum zu bereisen und zu erforschen. Auf diese Weise gelangte er 1446 nach Didyma, wo die antike Kultur jedoch schon seit etwa 1300 erloschen war, als seldschukische Türken das Gebiet erobert hatten.

Doch was brachte Cyriacus von Ancona dazu, sich der griechisch-römischen Antike zuzuwenden? 1391 wird er als Ciriaco de’ Pizzecolli in Ancona geboren. Nach der Schule absolviert der Sohn einer verarmten Witwe eine kaufmännische Lehre. Sein Beruf führt ihn 1412 zum ersten Mal in den Orient. Von Alexandria aus begibt er sich nach Rhodos und Chios. Anschließend sucht er die Ruinen der antiken Metropole Milet auf. Er besichtigt das große Theater und Reste anderer erhabener Gebäude. Dass er damals schon in das 15 Kilometer südlicher gelegene Didyma kam, wird von seinem Biographen, Francesco Scalamonti, nicht berichtet.

Die nächsten Jahre in Cyriacus’ Leben sind von weiteren Reisen geprägt. Besonders beeindruckt ihn 1418 sein erster Aufenthalt in Konstantinopel. Cyriacus beginnt Lateinisch und später auch Griechisch zu lernen. Ein Schlüsselerlebnis für ihn lag im Herbst 1421: Damals fielen Cyriacus zum ersten Mal die Abdrücke von Bronzebuchstaben auf dem Trajansbogen in Ancona auf. Dieser eintorige Bogen war einst zu Ehren des römischen Kaisers Trajan (98–117 n. Chr.) errichtet worden. Noch niemand vor Cyriacus hatte versucht, die verlorengegangene Inschrift zu entziffern. Aber ihm gelang es und er erkannte, dass das Monument für den Kaiser, seine Frau Plotina und seine Schwester Marciana 114 n. Chr. gestiftet worden war, nachdem Trajan den Hafen von Ancona ausgebaut hatte.

Cyriacus sah antike Texte und Bauwerke plötzlich im Zusammenhang. Diese Erkenntnis bildete die Grundlage für den Beginn der klassischen Altertumswissenschaften. Cyriacus war somit der erste Epigraphiker und Archäologe, eine Kombination, die es heute kaum mehr gibt.

1430 war wieder ein wichtiges Jahr in Cyriacus’ Leben. Nachdem er viele Altertümer Italiens und vor allem Roms gesehen hatte, entstand in ihm der Wunsch, nach Griechenland und Westkleinasien (heute Westtürkei) zu reisen. Deshalb begab er sich nach Adrianopel (heute Edirne), der damaligen Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Dort erhielt Cyriacus von Sultan Murad II. die Erlaubnis, alle antiken Stätten im Osmanischen Reich besuchen zu dürfen.

Ein Jahr später wurde ein Bekannter von Cyriacus zum Papst gewählt. Von nun an setzte sich Cyriacus für einen Kreuzzug gegen die Türken ein. Papst Eugen IV. sollte die West- und Mitteleuropäer mit den Griechen und der Orthodoxen Kirche vereinen, um die Türken aus den Gebieten des klassischen Altertums zu vertreiben und dort die weitere Ausplünderung der antiken Ruinen zu verhindern. Bis zur Realisierung des Kreuzzuges vergingen jedoch noch viele Jahre. Unterdessen nutzte Cyriacus ausgiebig seine Reiseerlaubnis im Osmanischen Reich. 1432 gelangte er zu dem sehr gut erhaltenen Hadrianstempel von Kyzikos bei der heutigen Stadt Bursa am Marmarameer. Dieser unter dem römischen Kaiser Hadrian (117–138 n. Chr.) errichtete Tempel wies die größten Säulen des Altertums auf; eine war jeweils 21,30 m hoch. Damals standen noch 31 Säulen aufrecht. Aber die Einwohner von Bursa waren dabei, den Tempel abzutragen, um Baumaterial zu gewinnen. Cyriacus sprach beim osmanischen Gouverneur vor, um diesem Raubbau Einhalt zu gebieten. Doch bei einem späteren Besuch stellte sich heraus, dass er damit wenig Erfolg gehabt hatte. Und heute ist nur noch das Fundament des Tempels mit wenigen Baugliedern vorhanden.

Das Jahr 1432 nutzte Cyriacus weiter auf vielfältige Weise: In Konstantinopel traf er den byzantinischen Kaiser Johannes VIII. Palaiologos, um ihn von seinen Kreuzzugsplänen zu unterrichten. Außerdem gelang es ihm dort, ein Exemplar von Strabons Geographie zu kaufen. Von dieser Beschreibung der Welt um Jesu Geburt war bis dahin kein Exemplar nach Italien gekommen. Darin ist auch Milet mit seinem Apollonheiligtum von Didyma enthalten (Strabon, Geographica 14,1,2–11). Dieser Abschnitt erwies sich bei seinem späteren Aufenthalt dort als besonders wertvoll.

Als Cyriacus nach Rom zurückgekehrt war, bekam er eine Audienz bei Papst Eugen IV. Dieser vertröstete ihn aber mit der Idee eines Kreuzzuges auf später. Auch hier setzte sich Cyriacus für den Erhalt der antiken Bauten Roms ein. In den folgenden Jahren war er viel in Griechenland unterwegs. 1438 dokumentierte er den Tempel der Athena Parthenos auf der Akropolis von Athen. Seine Zeichnung liefert wertvolle Hinweise zum ursprünglichen Aussehen dieses weltberühmten Baues, bevor er 1687 bei einer Pulverexplosion stark beschädigt wurde.

1439 einigten sich die katholische und die orthodoxe Kirche auf einem Konzil in Florenz, die Kirchenspaltung von 1054 zu beenden. Ein gemeinsamer Kreuzzug schien möglich. Papst Eugen IV. proklamierte ihn am 1. Januar 1443. Doch schon im November 1444 endete er vorerst mit der Niederlage des polnischen Königs Wladislaw III. bei Varna (Bulgarien), der vom osmanischen Sultan Murad II. geschlagen wurde. Schließlich konnte auch die Aufhebung der Kirchenspaltung im Byzantinischen Reich nicht durchgesetzt werden.

Cyriacus reiste weiterhin viel und hatte keine Bedenken, 1445 beim Sultan vorzusprechen, um erneut eine Reiseerlaubnis für das ganze Osmanische Reich zu erhalten. Nachdem er sie bekommen hatte, setzte Cyriacus seine Entdeckungstouren mit diplomatischen und kaufmännischen Zwecken fort. Schließlich gelangte er wieder in das Gebiet des antiken Ioniens, welches etwa in der Mitte der heutigen türkischen Westküste lag (Karte 1).

In einem Brief berichtet Cyriacus, dass er und seine Begleiter am 29. Januar 1446 von der griechischen Insel Chios zur benachbarten Insel Samos abfuhren. Dort angekommen ankerten sie im Hafen von Pythagorion. Am nächsten Morgen, einem Sonntag, lichteten sie zur vierten Nachtwache (bei Sonnenaufgang) die Anker und brachen nach Milet auf, dessen Hafen sie noch vor Mittag erreichten. Von dort aus liefen sie 30 Stadien (etwa 5,4 Kilometer) zu Fuß nach Palatia. Dies war der Name, den das Dorf bei den antiken Ruinen mittlerweile erhalten hatte. Er lebt bis heute weiter, denn das türkische Dorf bei Milet nennt sich noch immer „Balat“ (Karte 2).

Milet war im Altertum eine Großstadt dank seiner günstigen Lage auf einer Halbinsel, von der aus wichtige Handelswege ins Landesinnere führten. Die Stadt des 7./6. Jhs. v. Chr. dehnte sich über eine größere Fläche aus als die der hellenistischen und römischen Zeit. In dieser archaischen Epoche war Milet sogar berühmter als Athen. Männer Milets begründeten die sogenannte Naturphilosophie, zu denen Thales von Milet zählt (um 624 bis etwa 547 v. Chr.). Das bedeutendste Heiligtum innerhalb Milets hatte man Apollon Delphinios geweiht, es diente zugleich als Staatsarchiv. Außerdem gab es in der Stadt je ein Heiligtum für Dionysos, für Artemis Kithone und für Athena, welches sich auf dem Gebiet der minoischen und mykenischen Siedlung des 3. bzw. 2. Jahrtausends v. Chr. befand. Wenig außerhalb Milets wurden Aphrodite Oikous und Athena Assessia verehrt. An den Außengrenzen der Stadt im Süden lagen ein Altar für Poseidon (siehe das Kapitel zu Chishull) und das wichtigste Heiligtum Milets überhaupt: das Orakelheiligtum von Didyma, wo Apollon und Artemis die Hauptgottheiten darstellten, aber vielen weiteren Göttern gehuldigt wurde.

Eine einmalige Besonderheit stellen die Tochterstädte, die Kolonien, dar, die von Milet aus im 7./6. Jh. v. Chr. gegründet wurden. Es handelt sich um über 90 Städte, die Zeugnis geben von der Leistungsfähigkeit ihrer Metropole in Ionien. Die hauptsächlich am Schwarzen Meer errichteten Kolonien waren geprägt von ihrer Mutterstadt. Sie bedienten sich z.B. des milesischen Kalenders oder der milesischen Beamtennamen oder verehrten die Götter ihrer Metropole.

Doch zu Beginn des 5. Jhs. v. Chr. wurde Milet nach einem Aufstand von den Persern zerstört. Erst in hellenistischer Zeit blühte die Stadt wieder auf. Aus der nachfolgenden römischen Kaiserzeit stellt das Theater das eindrucksvollste Monument dar. Cyriacus bewunderte es schon 1412 bei seinem ersten Besuch. Bei seinem zweiten Aufenthalt 1446 gab er die Breite der Front des Theaters mit 200 Ellen und seine Höhe mit 60 Ellen an; tatsächlich ist es 140 m breit und etwa 28 m hoch. Überdies erwähnt er die zwei großen und reich verzierten Frontportale des Theaters, die heute noch bewundert werden können (Abb. 1).

Abb. 1: Milet. Ansicht des Theaters.

Keine Zweifel hatte Cyriacus, dass er sich am Ort des antiken Milets befand. Die Erinnerung daran war nie verloren gegangen, weil es seit der Antike kontinuierlich besiedelt gewesen war. Außerdem entdeckte Cyriacus an einer Ecke des Theaters eine Inschrift, die die Polis Milet erwähnt. Er dokumentierte zwei weitere Inschriften, die auch im Hinblick auf Didyma interessant sind: Eine Ehrung für Julia Artemo, die in Didyma Artemispriesterin war. Des Weiteren sah er eine Statuenbasis mit Inschrift für den spätrömischen Kaiser Julian Apostata (361–363 n. Chr.). Dieser war vom Christentum abgefallen und wollte dem Heidentum wieder zu neuer Blüte verhelfen. Julian, ein Neffe des ersten christlichen Kaisers Konstantin des Großen, ordnete daher an, dass alle Kapellen für Märtyrer rund um den Apollontempel von Didyma abzureißen seien (Sozomenos, Historia ecclesiastica 5,20,7). Aber seine Bemühungen, die heidnischen Kulte zu stärken, waren nicht von Dauer, weil er nach nur zwei Jahren Herrschaft in einer Schlacht gegen die Perser starb.

Cyriacus blieb zwei Tage in Palatia, damit die genuesischen Kaufleute, die mit ihm reisten, mit den Einheimischen Handel treiben konnten. Anschließend machte sich die Gruppe zu Fuß nach Didyma auf. Noch einige Jahrhunderte zuvor hätten sie ein Schiff benutzen können, weil Milet ursprünglich eine Hafenstadt gewesen war. Doch Ablagerungen des Flusses Mäander hatten den Hochseehafen Milets unbenutzbar werden lassen.

Cyriacus beschreibt außerdem einen großen See bei Milet der 300 Stadien (etwa 54 Kilometer) Umfang hat. Dieser See existiert heute noch und heißt Bafa Gölü. Sein Wasser ist salzhaltig und reich an Fischen; über beides berichtet Cyriacus. Der Salzgehalt kommt daher, weil es sich bei dem See ursprünglich um einen Meerbusen handelte, der in der Antike „Latmischer Golf “ hieß. Der See entstand erst zwischen dem 10. und 13. Jh., und zurzeit des Cyriacus hatte er nur noch über einen Flussarm Verbindung zum Mäander (Karte 3).

Cyriacus und seine Gefährten liefen von Milet südwestlich in Richtung Küste und dann die selbige entlang nach Didyma, wobei sie die Entfernung mit 100 Stadien (etwa 18 Kilometer) richtig überlieferten. Cyriacus berichtet, dass der Ort, der einst Didyma genannt wurde, nun Geronta hieße wegen der ungeheuren Höhe des marmornen Gebäudes dort. Dabei würde der Name „Geronta“ „antiker Palast“ bedeuten. Die Bezeichnung „Geronta“ geht allerdings zurück auf die nachantike Benennung Didymas mit „Hieron“, was auf Griechisch „(heidnisches) Heiligtum“ heißt. Daraus entstand später der Name „Hieronda“ oder „Jeronda“ (oder eben „Geronta“), der bis heute verkürzt zu „Yoran“ weiterlebt (Abb. 2).

Abb. 2: Apollontempel von Südosten.

In Didyma befand sich also ein von den Milesiern gebauter Apollontempel. Cyriacus berichtet weiter, dass seine riesigen Säulen und Wände aus Marmor gemacht seien. Wahrhaftig außerordentlich sei dieser Tempel. Dem Hadrianstempel von Kyzikos stünde er nur nach bezüglich seiner Ausstattung mit Skulpturen und Reliefs. Sonst sei der Apollontempel nicht kleiner als der Hadrianstempel, was Cyriacus auf einer Zeichnung demonstrierte. Leider ist diese Zeichnung zusammen mit weiteren Aufzeichnungen verloren gegangen. In Cyriacus’ Brief ist allerdings noch der Anfang einer wichtigen Inschrift aus dem 3. Jh. v. Chr. überliefert, die ihn erkennen ließ, dass die Einwohner Milets den Apollontempel hatten bauen lassen.

Bei dieser griechischen Inschrift handelt es sich um einen Brief, in dem eine Stiftung wertvoller Kultgefäße aus Gold, Silber und Bronze angekündigt wird; wobei goldene Gerätschaften mit einem Gewicht von etwa 14 Kilogramm genannt werden. Der Anfang der Inschrift ist heute verloren, sodass der Brief des Cyriacus für die ersten 21 Zeilen eine wichtige Quelle darstellt. Mit seiner Hilfe gelang es, die Inschrift in die Jahre 288/87 v. Chr. zu datieren. Der Absender des Briefes war der hellenistische König Seleukos I. (305–281 v. Chr.), einer der Nachfolger Alexander des Großen.

Seleukos I. begründete die Dynastie der Seleukiden, die den Bau des hellenistischen Apollontempels maßgeblich förderte. Cyriacus sah noch große Teile dieses gewaltigen Bauwerkes aufrecht stehen, welches gegen 330 v. Chr. begonnen worden war. Eine erste Blütezeit hatte das Apollonheiligtum von Didyma zusammen mit Milet schon in archaischer Zeit erlebt. Apollon fungierte in Didyma als Orakelgott und sein Orakelheiligtum war nach Delphi das berühmteste in der antiken Welt, in das sogar ägyptische Pharaonen Geschenke weihten. Doch mit der Zerstörung Milets 494 v. Chr. durch die Perser verstummte das Orakel von Didyma, das heißt die Orakelquelle im Innern des Apollontempels versiegte.

Nachdem Alexander der Große 334 v. Chr. Ionien von den Persern befreit und Milet erobert hatte, begann die zweite Blütezeit Didymas. Über die Anfänge davon wurde im Werk „Die Taten Alexanders“ des Kallisthenes berichtet (ein Auszug bei Strabon, Geographica 17,1,43). Darin heißt es, dass die Orakelquelle von Didyma nach der Befreiung Milets wieder aufsprudelte. Die Milesier schickten 331 v. Chr. eine Delegation zu Alexander nach Memphis in Ägypten, um ihm günstige Orakelsprüche aus Didyma zu überbringen. Beispielsweise sagte Apollon voraus, dass Alexander die Perser endgültig bei Gaugamela besiegen werde.

Ob sich diese Episode tatsächlich so ereignete, ist fragwürdig. Dennoch macht sie es wahrscheinlich, dass die „Wiederbelebung“ des Orakels von Didyma in Angriff genommen wurde, unmittelbar nachdem Milet von den Persern befreit worden war. Denn damals begannen die Milesier, Apollon einen neuen Tempel in Didyma zu errichten. Dieser Tempel sollte zu den größten der Antike überhaupt gehören, nur die Bauten für Artemis in Ephesos und Hera auf Samos übertrafen ihn. Der Apollontempel nahm eine Grundfläche von 60 x 118 m ein (Plan 3). Auf einem Unterbau mit sieben Stufen erhob sich der von Säulen umfasste, eigentliche Tempelbau. Dieser rechteckige Naos misst 29 x 87 m an seinen Außenwänden und ist heute noch zum großen Teil erhalten. Die Gesamthöhe des Tempels betrug knapp 27 m, wobei eine Säule 19,70 m hoch war.

Der Naos besaß im Osten auf seiner Eingangsseite zwei kleinere überdachte Räume und einen großen Innenhof im Westen. In diesem Innenhof befand sich ein kleiner tempelartiger Bau (Naiskos), der die Kultstatue des Apollon beherbergte. Vor dem Naiskos lag die Orakelquelle und ein Apollon heiliger Lorbeerbaum. Der Entwurf des Apollontempels sah vor, den Naos mit zwei Reihen ionischer Säulen zu umgeben. Von diesen 108 Säulen konnten bis zum Ende der Antike jedoch nicht alle aufgestellt werden.

Welcher Anblick bot sich Cyriacus von Ancona dar, als er im Februar 1446 nach Didyma kam? Wahrscheinlich standen der Naos und zumindest einige Säulen des Apollontempels noch aufrecht, denn Cyriacus erwähnt die riesigen marmornen Säulen und Wände des Tempels. Wäre seine Zeichnung erhalten, wüsste man es genauer.

Wie die späteren archäologischen Forschungen zeigten, gab es in Didyma aber noch weitere Gebäude, wie z.B. ein Theater oder den Tempel der Artemis, von denen Cyriacus nichts schreibt (siehe die Kapitel zu Furtwängler und zu Bumke). Sie werden allerdings auch nicht in den Werken der antiken Schriftsteller genannt. Dort geht es immer nur um den monumentalen Apollontempel; so in der schon genannten Geographie des Strabon. Aber weil das Orakelheiligtum von Didyma 15 Kilometer südlich von Milet lag, musste es noch andere Bauten besitzen, um beispielsweise die Priester und Besucher des Orakels zu beherbergen und zu versorgen. Von ihnen war zurzeit des Cyriacus offensichtlich nicht mehr viel erhalten. Kenntnis von ihnen hätten Cyriacus nur Inschriften bringen können, die jedoch erst bei späteren Ausgrabungen zutage traten.

Für den Bau des hellenistischen Apollontempels hatte man hauptsächlich weißen Marmor verwendet, der in der Nähe des schon erwähnten Latmischen Golfes abgebaut wurde. Nur die nicht sichtbaren Bereiche, wie die Fundamente oder die Füllungen der Wände, bestanden aus Kalkstein. Cyriacus hat also recht, wenn er von einem Tempel aus Marmor spricht. Seine Fertigstellung überforderte jedoch die Polis Milet, und viele Säulen auf der südlichen und nördlichen Langseite wurden nie errichtet. Den Naos hatte man aber bis zum 1. Jh. v. Chr. weitgehend fertigstellen können. In seinem ersten Vorraum befanden sich immerhin zwölf Säulen und im zweiten Vorraum noch einmal zwei Säulen. Deswegen werden die beiden Räume Zwölf- bzw. Zweisäulensaal genannt (Plan 3).

In der römischen Kaiserzeit gelang es, die 20 Frontsäulen davor aufzustellen und die meisten Säulen der Rückseite sowie jeweils einige auf den Langseiten. Ab dem 3. Jh. n. Chr. baute man den Apollontempel nach und nach zu einer Festung aus; wofür er sich mit seinen hohen Wänden und nur einem Eingang im Osten gut eignete. Des Weiteren errichtete man um 500 n. Chr. eine Kirche im Innenhof des Tempels. Spätere Erdbeben verursachten Schäden, die aber nur teilweise beseitigt wurden. Dabei werden sicher schon einige Säulen eingestürzt sein. Die Kirche im Innern wurde zerstört und auch die Säulen des Zwölfsäulensaales. Der Bau musste auf Cyriacus wie ein Palast oder eher wie eine Festung gewirkt haben, weil die Zwischenräume der Frontsäulen vermauert waren und einbanden in die Wände des Naos. Jedoch war Cyriacus stark beeindruckt von der enormen Größe des Bauwerkes.

Knapp 50 Jahre nach seinem Besuch in Didyma gab es ein schweres Erdbeben, bei dem die Tempelwände und die meisten Säulen einstürzten. Wahrscheinlich ereignete es sich am 18. Oktober 1493, denn damals sollen auf der nahen Insel Kos 5000 Menschen umgekommen sein. Wenn diese Zahl stimmt, wäre dieses Erdbeben das schlimmste in der Geschichte von Kos gewesen. Bei diesem Beben der Stärke 6,9 wurde das etwa 60 Kilometer entfernte Didyma stark in Mitleidenschaft gezogen. Vor dieser Katastrophe von 1493 sah Cyriacus als letzter Besucher der schon angebrochenen Neuzeit den Apollontempel. Aber auch heute nach seiner Ausgrabung ist er immer noch der am besten erhaltene Tempel an der türkischen Westküste. Jeder Besucher ist überwältigt, wenn er vor dem einst 27 m hohen Bau steht oder in sein Inneres hinabsteigt.

Cyriacus blieb nicht lange in Didyma, sondern reiste auf die Insel Chios weiter. Bis Mitte des Jahres 1447 hielt er sich auf den ägäischen Inseln und an der heutigen türkischen Westküste auf. Erst dann begab er sich nach Griechenland. Bis zum Winter 1448/49 blieb Cyriacus dort, ehe er nach Italien übersetzte. Mittlerweile war auch der Kreuzzug gegen die Türken endgültig gescheitert, nachdem die Osmanen die Europäer auf dem Amselfeld (Kosovo) im Oktober 1448 geschlagen hatten. An einen neuen Kreuzzug war nicht zu denken, auch weil Cyriacus Verbündeter, Papst Eugen IV., gestorben war, und zwar bereits im Februar 1447.

Über die Zeit nach Cyriacus’ Ankunft in Italien gibt es nur wenige Zeugnisse. Offensichtlich war ihm bis zu seinem Tod kein Aufenthalt mehr im Gebiet des antiken Griechenlands möglich. Vermutlich starb er schließlich 1452 in Cremona.

Bei Cyriacus von Ancona handelte es sich um eine überaus vielseitige Persönlichkeit. Er wird u.a. bezeichnet als Händler, Buchhalter, Politiker, Reisender, Spion, Humanist und als Altertumsforscher. Letzterer „Beruf “ ist für dieses Kapitel besonders wichtig. Tatsächlich kann er als Begründer der modernen Archäologie gelten; wobei moderne Archäologen kaum solche Interessen wie Cyriacus aufweisen. Seine Verbindung von schriftlichen Quellen, seien es antike Autoren oder Inschriften, mit den Überresten der antiken Bauten blieb allerdings für lange Zeit einzigartig. Das wird auch an der Erforschung Didymas erkennbar, die ihre Fortsetzung erst im 17./18. Jh. fand.

Damals hatte man anfangs sogar Probleme, Didyma als den Ort des antiken Apollonheiligtums überhaupt identifizieren zu können. Cyriacus war dies gelungen, indem er die Erdbeschreibung Strabons benutzte und die in Milet und Didyma sichtbaren Inschriften entzifferte. Seiner Beschreibung des Apollontempels ist außerdem zu entnehmen, dass das Bauwerk Mitte des 15. Jhs. noch weitgehend aufrecht stand. Nur deshalb konnte erschlossen werden, dass der einst weltberühmte Bau erst 1493 bei einem Erdbeben einstürzte. Ansonsten könnte man vermuten, dass dies schon einige Jahrhunderte zuvor geschehen wäre.

Weiterhin zeigt die Beschreibung des Cyriacus, dass zu seiner Zeit von den anderen antiken Gebäuden im Apollonheiligtum nichts oder nur wenig zu sehen war. Dieser Befund deckt sich mit den späteren Überlieferungen der Reisenden und Forscher. Im Zuge einer starken Besiedlung des Gebiets um den Apollontempel schon in spätantiker Zeit waren offensichtlich alle anderen Gebäude abgetragen und als Baumaterial benutzt worden. Erst die Ausgrabungen in der zweiten Hälfte des 20. Jhs. und am Beginn des 21. Jhs. sollten dieses Bild ändern, als die Fundamente dieser Bauten zum Vorschein kamen.

George Wheler und Jacob Spon – 1673 (Jeremy Salter und Dr. Pickering)

Reise von Wheler und Spon über Prusa nach Smyrna – Besichtigung der sieben Gemeinden der Johannes-Apokalypse – Ionischer Bund – Reise von Pickering und Salter nach Didyma – Älteste bekannte Zeichnung des Apollontempels – Belagerung Didymas durch die Goten 262 n. Chr. – Ausbau des Apollontempels zur Festung – Steinmetzinschriften am Apollontempel

Am 20. Juni des Jahres 1675 stachen der Engländer George Wheler und der Franzose Jacob Spon von Venedig aus in See, um nach Konstantinopel zu reisen. Nachdem sie die Stadt eingehend besichtigt hatten, wollten sie eigentlich nach Athen weiterreisen. Aber dies gestaltete sich als schwierig. Zufällig trafen Wheler und Spon beim Botschafter auf eine Gruppe englischer Kaufleute, die zurück nach Smyrna (heute Izmir) wollten. Das war für die beiden eine günstige Gelegenheit, um die kleinasiatische Westküste kennenzulernen. Somit schlossen sie sich am 6. Oktober 1675 den Händlern an.

Ihr Weg führte sie zunächst etwas ins Landesinnere nach Prusa (heute Bursa), in eine der alten Hauptstädte der Osmanen, bevor sie 1453 Konstantinopel erobert hatten (Karte 1). Prusa liegt unterhalb des Bithynischen Olymp (2542 m ü. NN), der heute Uludağ genannt wird und den die Händler auch erklommen. Vom Gipfel aus hatten sie eine herrliche Aussicht über die Propontis (heute Marmarameer) bis nach Konstantinopel. Interessant sind außerdem die Angaben zur Zusammensetzung der damaligen Bevölkerung Prusas: „40.000 Türken, 12000 Juden und nicht so viele Griechen und Armenier“.

Am 13. Oktober verließen die Engländer die Gegend und trafen wenig später auf ein halbes Dutzend Reiter, die ihnen später als Räuberbande vorgestellt wurde. Sie kamen jedoch ungeschoren davon, weil sie selbst bewaffnet waren und noch Janitscharen (Angehörige der Leibwache des Sultans) dabeihatten. Über weitere Stationen trafen die englischen Kaufleute mit Wheler und Spon am 21. Oktober in Smyrna ein.

Antike Ruinen gab es dort reichlich, doch war ihre Deutung nicht einfach. Das Stadion und das Theater konnten sie aber leicht identifizieren; letzteres wurde gerade abgetragen, um eine neue Karawanserei zu bauen. Auch gab es zahlreiche Kirchen, für Griechen und Armenier sowieso, aber ebenso eine römisch-katholische. Daneben berichten die Engländer von dreizehn Moscheen und mehreren Synagogen. „Eine sehr lebendige Stadt, allerdings ohne Stärke und Schönheit“, wie sie schreiben.

Von Smyrna aus machten Wheler und Spon u.a. einen Ausflug nach Ephesos, welches sie ausführlich besichtigten. Dabei suchten sie die berühmte Johannesbasilika auf, die ihrer Ansicht nach in eine Moschee umgewandelt worden war. Diese Kirche, im 6. Jh. n. Chr. von Kaiser Justinian errichtet, galt als eine der größten und prächtigsten im Byzantinischen Reich. Doch Wheler und Spon irrten sich, denn die Moschee, die sie aufsuchten, war von Anfang an eine Moschee gewesen: die Isabey-Moschee aus dem Jahr 1375 (Abb. 3). Und dafür hatten sie einen halben Dollar Eintritt bezahlen müssen an den „skrupellosen Wächter“. Zusätzlich waren sie enttäuscht von der Johannesbasilika, da sie „kein außergewöhnliches Gebäude“ sei.

Abb. 3: Ephesos. Blick auf die Isabey-Moschee vom Ayasoluk-Hügel aus.

Die wirkliche Johannesbasilika lag damals schon in Trümmern, als Wheler und Spon nach Ayasoluk (heute Selçuk) kamen; denn nachdem diese Kirche in eine Moschee umgewandelt worden war, hatten sie die Mongolen 1402 zerstört.

Von Ephesos kehrten Wheler und Spon nach Smyrna zurück. Von dort aus wollten sie noch weitere der sieben Gemeinden besichtigen, die in der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament beschrieben werden (Off 2,1–3,22). Vor ihrem Aufenthalt in Smyrna hatten sie bereits Thyatira aufgesucht und jetzt ritten sie nach Pergamon und Sardis. Anschließend wandten sie sich Laodicea und zuletzt Philadelphia (heute Alaşehir) zu. Dort waren sie erfreut, auf vier Kirchen zu treffen und mehr als 200 Häuser mit christlichen Bewohnern.

Nachdem Wheler und Spon alle sieben Gemeinden der Johannes-Apokalypse aufgesucht hatten, wendeten sie sich den Städten des Ionischen Bundes zu. Dazu gehörten dreizehn Poleis, die in der Antike einen gemeinsamen Bund unterhielten: Phokaia, Smyrna, Klazomenai, Erythrai, Teos, Lebedos, Kolophon, Chios, Samos, Ephesos, Priene, Myus und Milet (Karte 1). Die Plätze dieser antiken Städte alle selbst aufzusuchen, gelang Wheler und Spon nicht. Deshalb nahm Wheler in seine Publikation einen Bericht von Dr. Pickering und Jeremy Salter auf, die sich in Smyrna aufhielten und bereits zwei Jahre zuvor den Süden bereist hatten.

Pickering und Salter waren zusammen mit anderen englischen Kaufleuten am 23. Juni 1673 von Smyrna Richtung Süden aufgebrochen. Nach zwei Tagen zu Pferd gelangten sie nach Scala Nuova (heute Kuşadası), nachdem sie am ersten Tag neun Stunden und am zweiten Tag zwölf Stunden im Sattel gesessen hatten. Meist übernachteten die Reisenden in Zelten mangels geeigneter Unterkünfte.

Am dritten Tag erreichten die englischen Händler den heutigen Küstenort Güzelçamlı (damals Tschangly), in dessen Nähe sich das berühmte Panionion befand. Das Panionion war in der Antike der Versammlungsort des schon erwähnten Ionischen Bundes. Pickering und Salter schreiben, dass sie den Ort anhand einer Inschrift identifizieren konnten, die in der dortigen Marien-Kirche verbaut war. Für den folgenden Tag hatte sich die Gruppe vorgenommen, die südlich gelegene Mykale (heute Samsun Dağı) zu überqueren. Dieses bis zu 1265 m ü. NN hohe Mittelgebirge bot durch seine dichten Wälder viel Schatten und einige Quellen, aber der Aufund Abstieg war durch seine steilen Hänge sehr beschwerlich. Am Südfuß der Mykale trafen sie auf das gleichnamige Dorf Sanson (heute Güllübahçe), bei dem sich einige antike Ruinen befanden. Pickering und Salter vermuteten richtig, dass es sich dabei um das antike Priene handelte, eine der dreizehn Städte des Ionischen Bundes.

Die Reisenden ritten weiter nach Süden über die Schwemmebene des Flusses Mäander (heute Büyük Menderes). Über diesen 16 Faden (rund 30 m) breiten Fluss konnten sie mithilfe einer Fähre übersetzen. Zwei Stunden später erreichten sie das Dorf Palatia (heute Balat), wo sie an einem Flussarm des Mäander ihre Zelte aufschlugen. Am nächsten Tag, dem 27. Juni 1673, besichtigten die Kaufleute die reichlich vorhandenen antiken Ruinen. Darunter beeindruckten sie besonders die Reste des riesigen Theaters, von dem schon Cyriacus von Ancona geschwärmt hatte (siehe das Kapitel zu ihm). Außerdem sahen die Männer eine Thermenanlage und eine große Moschee. Bei der Therme und dem Theater stießen sie jeweils auf große Gewölbe, die sie glauben ließen, die ganze Stadt sei über Gewölben errichtet wegen des nassen und weichen Baugrundes. Das war natürlich ein Trugschluss, da Baustrukturen mit Gewölben für antike Theater und Thermenanlagen überhaupt typisch sind. Schließlich fanden sie eine Inschrift, die bei einer griechischen Kirche verbaut war. Da in ihr die Polis Milet mehrere Male erwähnt wurde, erwogen sie, dass sie sich auf dem Gebiet der antiken Metropole Milet befanden (auch Mitglied im Ionischen Städtebund). Dennoch blieben Zweifel: Denn wie es sich für Antikenbegeisterte gehört, hatten die Reisenden die Landeskunde des Strabon (etwa 63 v.–23 n. Chr.) dabei; das Buch mit dem auch Cyriacus von Ancona über 200 Jahre vorher unterwegs gewesen war.

Doch seit der Antike hatte sich die Beschaffenheit der Gegend gründlich geändert: Die einstige Küstenstadt Milet lag jetzt nicht mehr am offenen Meer, sondern nur noch am Südarm des Flusses Mäander; seinen Nordarm hatten die Kaufleute per Fähre überquert. Als man den hellenistischen Apollontempel in Didyma zu bauen begann, mündete der Mäander noch rund 10 Kilometer nordöstlich von Milet ins Meer (Karte 3). Seitdem aber hatte der Fluss seine Mündung an Milet vorbei ins Meer hinaus verlagert. Dabei war auch der Latmische Golf abgeschnitten worden, den Strabon noch beschrieben hatte. Aus der einstigen Bucht war ein See entstanden (heute Bafa Gölü; siehe das Kapitel zu Cyriacus von Ancona), den die Kaufleute um Pickering und Salter allerdings noch nicht erreicht hatten. Somit fanden sie zwar viele eindrucksvolle Ruinen, waren sich am Ende aber nicht sicher, in Milet oder in dem benachbarten Pyrrha gewesen zu sein (welches bis heute nicht gefunden werden konnte).

Am späten Nachmittag desselben Tages brach die Gruppe auf zu einem weiteren Zweistundenritt, der sie in ein unbekanntes griechisches Dorf führte. Dort blieben sie bis zum nächsten Morgen, um nach zwei Stunden zu einer Meeresbucht zu gelangen, bei der es sich ihrer Meinung nach um den Latmischen Golf gehandelt haben könnte. Da sie wenig später jedoch Didyma erreichten, wird es wohl die Kowella-Bucht gewesen sein. Dort befand sich der antike Hafen von Didyma, der Panormos hieß (heute Mavişehir; Karte 2).

Die riesigen Ruinen, vor denen sie nun standen, wurden von den dortigen Türken „Iotan“ genannt. Dieser Name stammt ab von der byzantinischen Bezeichnung Didymas als „Hieron“ und stellte wohl eine Verwechslung mit dem heute noch gebrauchten „Yoran“ dar.

Abb. 4: Ruine des Apollontempels von Norden aus gesehen (Jeremy Salter, 1673).

Jeremy Salter fertigte eine Zeichnung an, und zwar die erste des Apollontempels überhaupt, die erhalten ist (Abb. 4). Die Zeichnung gibt einige Details des Tempels treffend wieder, enthält aber auch Ungenauigkeiten: Gut erkennbar ist, dass der Apollontempel von Norden aus gezeichnet wurde, also aus der Richtung, aus der die Reisenden kamen. Die zwei Säulen mit dem Architrav sind auf der Skizze fälschlich mit korinthischen statt mit ionischen Kapitellen versehen. Außerdem sind im Hintergrund zwei weitere Säulen zu sehen. Eine trägt richtig ein ionisches Kapitell. Aber ihr Säulenschaft erhielt nie seine Kanneluren, da sie unfertig blieb. Die vierte Säule rechts daneben trägt wiederum ein korinthisches Kapitell und ist etwas kleiner als die mit dem ionischen Kapitell. So scheint es möglich, dass bei Pickering und Salters Besuch insgesamt noch vier statt der heutigen drei Säulen aufrecht standen (Abb. 5).

Abb. 5: Apollontempel von Norden.

Auf der rechten Hälfte der Skizze sind ein Stück Mauer und ein Pfeiler mit einem sogenannten Sofakapitell zu sehen. Mit solchen Pfeilern oder besser Pilastern waren die Wände des Innenhofes des Tempels verziert. Von außen konnte man sie eigentlich nicht sehen, es sei denn, Teile der Wände waren bereits eingestürzt. Dies war der Fall, wie die Zeichnung rechts des Pilasters erkennen lässt. Folglich ist der Pilaster mit dem Sofakapitell an der falschen Stelle eingezeichnet. Aber wichtiger ist zu wissen, dass damals noch ein kurzer Abschnitt der Wand des Naos aufrecht stand. Offensichtlich ist er – zusammen mit einer Säule – in den folgenden 150 Jahren eingestürzt, weil erst auf den Abbildungen späterer Zeit die Mauerkrone des Naos komplett zerstört ist und nur noch drei Säulen erhalten sind.

Das Sofakapitell der Zeichnung weist unten einen horizontalen Streifen auf, der an den beiden Ecken nach oben umbiegt und sich jeweils an seinem oberen Ende zu einer Volute einrollt. Genauso waren die Sofakapitelle tatsächlich verziert. Ihren oberen Abschluss bildet ein sogenanntes ionisches Kyma, das man auch ansatzweise bei Salter erkennen kann. Er hat das Sofakapitell mit einer Blüte in der Mitte gezeichnet. Solche gab es tatsächlich, wobei die Blüte im Original nicht so groß ist und zusammen mit zahlreichen Ranken aus einem Blattkelch hervorsprießt (Abb. 6). Diese Rankenkapitelle wechselten sich am Bau mit Kapitellen ab, die mit zwei antithetischen Greifen verziert waren. Obendrein hatte man zwischen den Pilasterkapitellen einen Fries angeordnet, der nur aus Greifen bestand. Greifen, Mischwesen aus einem Raubvogel und einem Löwen, waren im Altertum dem Gott Apollon zugeordnet. Sie sollten vor allem das Übel abwehren und hatten somit apotropäische Wirkung, das heißt sie bewachten den Tempel des Apollon.

Abb. 6: Pilasterkapitell mit Ranken des hellenistischen Apollontempels.

Das von Jeremy Salter gezeichnete Sofakapitell weist noch auf etwas anderes hin: Mit dem Bau des hellenistischen Apollontempels wurde um 330 v. Chr. begonnen und etwa 250 Jahre später war der Naos zum großen Teil fertig. Im Innenhof hatte man den Pilastern die Sofakapitelle aufgesetzt und den Greifenfries dazwischen ausgearbeitet. Als letztes Bauglied folgte darüber ein Architrav mit zwei Fascien (Streifen) und drei Ornamentbändern übereinander: Perlstab, lesbisches Kyma, Lotus-Palmettenfries (Abb. 7). Nachdem dieses Bauglied im späten Hellenismus in 25 m Höhe versetzt worden war, hatte man den Innenhof bis auf das letzte Glätten der Wände fertiggestellt. Dass man die Bauarbeiten hier abbrach und sich in römischer Zeit dem Aufstellen der Säulen um den Naos widmete, sollte sich als großes Glück erweisen. Denn auf dem nur grob geglätteten Wandsockel des Innenhofes haben sich viele eingeritzte Bauzeichnungen erhalten. Eine davon konnte mehrere Jahrzehnte lang nicht richtig gedeutet werden. Sie gibt einen Giebel eines kleinen Tempels wieder. Wie sich aber 2013 herausstellte, wurde an der Westwand des Innenhofes der Tempel der Artemis entworfen: Ein bislang einzigartiges Phänomen in der antiken Baugeschichte (siehe das Kapitel zu Tuchelt und Schneider sowie das zu Bumke).

Abb. 7: Rekonstruktionszeichnung des Gebälks im Sekos des hellenistischen Apollontempels.

Zurück zur Zeichnung von Salter: Links und rechts des eben beschriebenen Pilasters sind insgesamt fünf unfertige Kapitelle zu sehen, die auf dem Kopf stehen. Heute ist nur noch ein Exemplar von ihnen vorhanden, welches nahe bei der Nordostecke des Apollontempels aufgestellt ist. Beim Besuch der Engländer scheinen also mehrere unfertige Kapitelle in Tempelnähe gelegen zu haben, die bereit zum Versetzen waren. Dies führte zu der Vermutung, dass man die Bauarbeiten am Apollontempel einstmals plötzlich eingestellt hatte:

Im Jahr 262 n. Chr. plünderten die Goten das Artemisheiligtum von Ephesos. Die Kunde ihres Einfalls nach Westkleinasien hatte sich vorher schon bis nach Milet und Didyma verbreitet. Bis dahin hatte aufgrund des Friedens in diesem Teil des Römischen Reiches kein Bedarf an einer Stadtmauer bestanden. In Milet waren große Bereiche der hellenistischen Stadtmauer im Laufe der Zeit abgetragen worden. Nun aber musste über die Hälfte von ihr neu errichtet werden, um gegen die aus Südrussland zu Schiff kommenden Goten wehrhaft zu sein.

Auch in Didyma wurde man aktiv: Das Apollonheiligtum war schon mehrere Male von Barbaren geplündert worden. Das letzte Mal von Seeräubern am Anfang des 1. Jhs. v. Chr. Das ganze Heiligtum konnte man nicht schützen. So versetzte man lediglich den Apollontempel in den Verteidigungszustand. So war es möglich, im Notfall alle Tempelschätze, auch die der anderen im Heiligtum verehrten Götter, im Apollontempel sicher zu verwahren. Der Bau bot dafür gute Voraussetzungen: Nur nach Osten hin war er offen, die anderen drei Seiten konnte niemand aufgrund der 20 m hohen Tempelmauern überwinden. Also vermauerte man die Tempelfront mit Werkstücken verschiedener Bauten, auf die man verzichten konnte. Dazu gehörten zahlreiche Grabbauten und das Bühnengebäude des Theaters. Man schloss mit ihnen die Zwischenräume der Frontsäulen und der Säulen, die bis zu den Anten des Naos folgten. Auf diese Weise entstand ein geschlossener rechteckiger Baukörper, den man nur noch durch eine Tür im Osten und eine kleine Pforte im Nordosten betreten konnte (Plan 4).

Nachdem die Goten das Artemision von Ephesos verwüstet hatten, belagerten sie den zur Festung umgebauten Apollontempel. Als den darin Eingeschlossenen das Wasser knapp wurde, ließ Apollon eine neue Quelle aufsprudeln, wie drei Epigramme aus den Jahren danach berichten. Ihr Inhalt ist beinahe gleich und sie wurden zu Ehren Titus Flavius Festus verfasst, der die neue Quelle im Tempelinnenhof mit einem Brunnenhaus versehen ließ. Dies geschah in den Jahren 286 bis 293 n. Chr., als Festus Prokonsul der Provinz Asia war.

Hier die Übersetzung eines der Epigramme:

„Dies ist das Wunder: Die Quelle, die einst als die des Pythios emporströmte in goldfließendem Nass, hat auf sein Geheiß, als der Barbaren Kriegsgott, die von bitterem Durst gequälten Bürger einschloss, diese gerettet, indem sie diese Ader emporsandte. Jetzt aber ist sie die (Quelle) des Festus, des Beisassen der goldenen Dike. Denn er hat sie mit so viel glänzendem Schmuck umgeben und bringt dadurch des Gottes Geschenk zu Ehren; die Bürger aber erhält er durch der Nymphen Fluten, die Verbindung mit der delphischen Kastalia nachbildend. Denn den Nymphen ist die Wahrsagekunst lieb, durch die den Propheten der göttliche Geist gesetzt wird.“

(Übersetzung Theodor Wiegand)

In letzter Zeit wurden Zweifel daran laut, ob denn die Goten Didyma tatsächlich belagert hätten und die älteste Vermauerung wirklich zum Schutz vor ihnen errichtet worden wäre. Neben den drei Epigrammen belegen dies die archäologischen Befunde westlich des Apollontempels: Dort ging in der Mitte des 3. Jhs. n. Chr. ein mit Häusern und Straßen bebautes Areal bei einer Brand-katastrophe zugrunde (siehe das Kapitel zu Tuchelt).

Den letzten Hinweis gibt aber der Fundort des Inschriftsteins mit den drei Epigrammen: Er war neben der Wasserkammer verbaut, die den letzten antiken Brunnen im Innenhof des Apollontempels umgab. Selbst in der frühbyzantinischen Kirche war dieser „heidnische“ Brunnen noch zugänglich und benutzbar (Plan 4). Wahrscheinlich befand sich hier, im Nordosten des Innenhofes, der Ort, an dem die Prophetin Apollons vom Wasser inspiriert wurde und die Orakel von sich gab.

Dieser Brunnen ist heute noch vorhanden. Jedoch wurde er in den 50er-Jahren des 20. Jhs. zugeschüttet und sein oberer Bereich zerstört. Selbst damals soll er das einzig wirklich trinkbare Süßwasser ganz Didymas (heute Yoran oder Eskihisar) bereitgestellt haben; alle anderen Brunnen im Ort boten bitteres Wasser dar. Heute laufen unzählige Touristen über den einstmals heiligsten Ort im Apollontempel, ohne von seiner Bedeutung zu wissen: Denn eine Quelle bei einem Lorbeerbaum bildete im 8. Jh. v. Chr. das Naturmal, an dem man das erste Heiligtum für Apollon einrichtete (siehe das Kapitel zu Wiegand und Knackfuß zu den Jahren 1908 und 1909 sowie zum Jahr 1911).

Die im Osten des Apollontempels neu errichtete Mauer wurde bei den ersten Ausgrabungen Ende des 19. Jhs. gefunden und von den Ausgräbern fortan „Gotenmauer“ genannt. Man hatte sie also nach dem Abzug der Goten nicht wieder abgerissen. Allerdings ließen später die Archäologen die Gotenmauer abgetragen. Heute ist nur noch ihr Baumaterial vorhanden, welches auf der Terrasse östlich des Apollontempels liegt.

Eine in der Forschung diskutierte Frage lautet, ob man nach der Belagerung durch die Goten die Bauarbeiten am Tempel wieder aufnahm oder ob das Jahr 262 n. Chr. ihr Ende darstellte. Grundsätzlich spricht nichts dagegen anzunehmen, dass danach weitergebaut wurde. Vermutlich war man noch bis zum Ende des 4. Jhs. n. Chr. tätig und versuchte, weitere Säulen der Ringhalle zu errichten. Dies belegt auch das nicht versetzte Kapitell an der Nordostecke des Apollontempels (siehe oben).

Doch zurück zur Zeichnung von Jeremy Salter (siehe Abb. 4): Wie schon erwähnt, wurden die Wände im Innenhof des Apollontempels nur grob geglättet. Die Außenwände erhielten jedoch nicht einmal diese grobe Glättung. Ihre Oberfläche beließ man so roh, wie die Blöcke aus dem Steinbruch kamen. Auf der Zeichnung sind auf den Wandquadern griechische Buchstaben zu erkennen, die heute noch auf vielen von ihnen vorhanden sind. Sie bezeugen die Vorliebe der Reisenden für Inschriften, von denen sie zahlreiche dokumentierten.

Bei den Buchstaben auf den Quadern handelt es sich u.a. um Abkürzungen von Personennamen. Diese Abkürzungen konnte man zum Teil auflösen, weil die gleichen Namen in Inschriften auftauchen, die den Baufortschritt des Apollontempels in hellenistischer Zeit dokumentieren. Zu den ausführenden Steinmetzen gehörten viele Sklaven. Sie konnten dem Apollonheiligtum selbst gehören, der Polis Milet oder Privatleuten. Wenn Sklaven des Heiligtums die Bauteile vorbereiteten, standen die Buchstaben IE auf dem Bauteil (Abkürzung für TOΥ IEऩOΥ, „vom Heiligtum“). Wenn die Polis Milet Sklaven an das Heiligtum vermietet hatte, waren die Buchstaben ΔH oder ΔHMO eingemeißelt (Abkürzung für TOΥ ΔHMOΥ, „von der Polis“). Beide Varianten konnten zusammen oder allein auf einem Block stehen. Zusätzlich kommt häufig eine Namensabkürzung vor. Sie zeigt den privaten Vermieter von Sklaven an das Heiligtum an. Diese Deutung der Steinmetzinschriften von Albert Rehm ist nicht unumstritten, aber bis heute die plausibelste (Abb. 8).

Abb. 8: Nördliche Treppenwange mit Steinmetzinschriften des hellenistischen Apollontempels.

Sämtliche dieser Steinmetzinschriften sind nur erhalten, weil der Apollontempel nie fertig wurde. Und solche Details machen den Bau zu einem einzigartigen Wissensspeicher für die antike Baukunst, denn es gibt kein anderes antikes Bauwerk, an welchem so viele Merkmale von seinem Fertigungsvorgang erhalten sind.

Die Zeichnung von Jeremy Salter aus dem Jahr 1673 zeigt außerdem, dass die Trümmer des Apollontempels damals noch nicht überwachsen, geschweige denn überbaut waren. Die Bauteile des eingestürzten Tempels liegen wie unberührt seit dem Erdbeben von 1493 da (siehe das Kapitel zu Cyriacus von Ancona). Interessant ist weiterhin, dass auf drei Säulen korinthische Kapitelle zu sehen sind und ein weiteres am Boden liegt. Wie oben schon erwähnt, besaßen die Säulen des doppelten Säulenkranzes um den Tempel aber allesamt ionische Kapitelle; oder sollten solche besitzen, da nicht alle Säulen fertig wurden. Korinthische Kapitelle wies der Apollontempel mindestens zwei auf, womöglich aber vier: die zwei Halbsäulen an der Ostwand des Innenhofes trugen sicher korinthische Kapitelle und die beiden Säulen im sogenannten Zweisäulensaal östlich davon wahrscheinlich auch.

Auffällig ist außerdem, dass weder auf der Zeichnung noch im Bericht dazu von weiteren antiken Bauten Didymas die Rede ist. Offensichtlich waren keine Reste solcher Gebäude zu sehen. Dass es sie dennoch gab, darauf wurde schon im Kapitel über Cyriacus von Ancona hingewiesen. Aber von der unter Kaiser Trajan (98–117 n. Chr.) gepflasterten Heiligen Straße, die von Milet aus nach Didyma führte, oder vom Artemistempel war wohl nichts mehr zu sehen (siehe das Kapitel zu Tuchelt und Schneider sowie das zu Bumke).

Erstaunlich ist somit, dass eine auf den ersten Blick einfache Zeichnung des Engländers doch viele Informationen enthält, die für die Erforschung des Heiligtums wichtig sind. Im Übrigen sei noch einmal darauf hingewiesen, dass dies die erste und älteste bekannte Darstellung des Apollontempels überhaupt ist (siehe Abb. 4).

Dass die englischen Kaufleute wirklich als Entdecker unterwegs waren, zeigt sich an ihren Deutungen der vorgefundenen Ruinen. Hier hatten sie außer den Texten der antiken Autoren kaum andere Hinweise. Bei der Identifizierung des großen marmornen Trümmerhaufens von Iotan taten sie sich schwer. Dr. Pickering war der Meinung, sie hätten das Grabmal des karischen Dynasten Maussollos (377–353 v. Chr.) gefunden. Dieser Bau, auch Mausoleum von Halikarnassos genannt, gehörte in der Antike zu den Sieben Weltwundern. Das antike Halikarnassos (heute Bodrum) liegt jedoch an der Spitze der gleichnamigen Halbinsel südlich von Didyma (Karte 1).

Nachdem George Wheler die Notizen der Kaufleute über Iotan studiert hatte, vermutete er zunächst, es würde sich bei den Ruinen um ein riesiges Theater handeln. Aber nach weiteren Überlegungen zog er den richtigen Schluss, dass die Händler zum Orakel des Apollon von Didyma gelangt waren. Dieses Heiligtum hätte laut Strabon einen so großen Tempel beherbergt, dass er unfertig geblieben und deshalb kein Dach gehabt hätte. Außerdem lag das Heiligtum nicht weit weg von Milet (rund 15 Kilometer Luftlinie), was mit der Beschreibung des Strabon übereinstimmte (Strabon, Geographica 14,1,5–12).

Pickering und Salter verließen nun Ionien und erreichten die antike Landschaft Karien. Dort gelangten sie nach Iasos (damals Askemkalesi), anschließend nach Mylasa (heute Milas) und Stratonikeia (heute Eskihisar); alle drei bedeutende Städte in der Antike. Damit endet der Einschub von Pickering und Salter in Whelers Publikation.

Am 18. November 1675 brachen Wheler und Spon schließlich von Smyrna nach Athen auf, nachdem sie endlich ein Schiff für ihre Weiterreise gefunden hatten. Knapp ein Jahr später war auch ihr Aufenthalt in Griechenland und ihre Rückreise beendet: George Wheler erreichte am 15. November 1676 Canterbury. Er freute sich, Verwandte und Freunde wiederzusehen und dankte Gott für alle Bewahrung auf seiner Reise.

George Wheler und Jacob Spon schrieben jeweils ein Buch über ihre Entdeckungstour. Wheler widmete sich den antiken Ruinen, fügte aber viele Beobachtungen zu Flora und Fauna in seinen 1682 erschienenen Bericht ein. Jacob Spon brachte seine Aufzeichnungen bereits 1678 heraus. Von seinem dreibändigen Werk widmete er einen Band den dokumentierten Inschriften. Spon verfasste damit einen der frühesten Inschriftenbände überhaupt. Dies unterstreicht, dass er und sein Kollege Wheler nicht nur zum Vergnügen und aus Abenteuerlust antike Stätten aufsuchten, sondern auch aus Forscherdrang. Sie stehen damit ganz in der Tradition des Cyriacus von Ancona, der über 200 Jahre zuvor den östlichen Mittelmeerraum bereist hatte.

Edmund Chishull – 1709 und 1716 (William Sherard)

Chishulls Reise nach Ephesos/Ayasoluk – Sherards Abstecher nach Milet und Didyma – Altar des Poseidon bei Didyma – Herkunft der Namen Didyma und Branchidai – Geschichte Didymas von spätantiker bis spätbyzantinischer Zeit – Kirchenbauten dieser Zeit in Didyma

Viele Reisende des 17. und 18. Jhs. kamen an die Westküste Kleinasiens, um die sieben christlichen Gemeinden zu besuchen, von denen in der Offenbarung des Johannes die Rede ist (Off 2,1–3,22). Zu ihnen gehörten George Wheler und Jacob Spon, die im vorangegangenen Kapitel thematisiert wurden. Die sieben Gemeinden waren ebenso ein Ziel von Edmund Chishull, als er 1698 nach Smyrna kam. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass sich zuerst im westlichen Kleinasien das Christentum flächendeckend ausgebreitet hatte (Karte 1). Der Apostel Paulus gründete bereits im 1. Jh. n. Chr. viele Gemeinden und später fanden die wichtigsten ökumenischen Konzilien dort statt. Dazu gehören die von Nikaia (325 n. Chr.), Konstantinopel (381 n. Chr.), Ephesos (431 n. Chr.) und Chalcedon (451 n. Chr.). Auf ihnen kamen die Bischöfe des gesamten Mittelmeerraumes und Europas zusammen und trafen theologische Grundsatzentscheidungen, die heute noch für die meisten Kirchen der Welt verbindlich sind. Kein Wunder also, dass die Europäer solche Orte aufsuchen wollten und auf der Suche nach Kirchen und Christen waren.

Der Geistliche Edmund Chishull hatte am 12. September 1698 ein Schiff in England bestiegen und kam nach etwas mehr als zwei Monaten in Smyrna an, nämlich am 19. November 1698. Hier wirkte er als Kaplan der englischen Handelskompanie. Außerdem nutzte er die Zeit, um mit den Kaufleuten verschiedene Reisen zu unternehmen.

So brachen sie am 21. April 1699 zu einer Tour nach Sardis und Ephesos auf, die – wie auch Smyrna – zu den sieben Gemeinden der Johannes-Apokalypse zählen. Am Abend des 27. April gelangten sie nach Sardis, der Hauptstadt des antiken Lyderreiches. Sein letzter König war der sagenhaft reiche Kroisos (Lateinisch „Crösus“), der von etwa 555 bis 547 v. Chr. regierte. Unter Alyattes, seinem Vater, wurden dort wahrscheinlich die ersten Geldmünzen weltweit geprägt, und zwar aus Elektron, einer Legierung aus Gold und Silber. Auch in Sardis war das Andenken an die antike Stadt nie verloren gegangen, denn die moderne türkische Siedlung nannte sich Sart.

Am 30. April kam die Reisegruppe Ephesos so nahe, dass sie es hätte noch am selben Tag erreichen können. Doch Chishull und seine Begleiter wollten in einem Dorf übernachten, wo nur griechische Christen wohnten, nämlich in Şirince (bei Chishull: Kirkingécui). Da es östlich und oberhalb von Ephesos liegt, wäre das günstig gewesen, denn sie kamen aus östlicher Richtung. Nur hatten sie einen Führer dabei, der sich nicht gut auskannte. Er führte die Gruppe zwar endlos bergauf, aber sein Pfad endete im Niemandsland. So mussten sie wieder hinunter und gelangten schließlich doch erst nach Ephesos, um von dort in einem anderthalbstündigen Ritt endlich hinauf nach Şirince zu kommen.

Am nächsten Tag war Chishull überrascht, als ihm der ansässige Priester ein Buch mit den vier Evangelien zeigte, welches noch im 1. Jh. n. Chr. geschrieben worden wäre. Prochorus hätte es verfasst, einer der sieben Diakone in Jerusalem, die in der Apostelgeschichte erwähnt werden (Apg 6,1–7). Der Tradition nach war Prochorus später der Schreiber des Evangelisten Johannes gewesen, sowohl in Ephesos beim Verfassen des Evangeliums als auch auf der Insel Patmos beim Schreiben der Offenbarung. Doch wie Chishull und seine Begleiter erkannten, stammte das Buch mit den Evangeliumstexten aus dem 6./7. Jh. n. Chr. Dennoch wollten sie es erwerben, was aber wohl misslang.

Am 1. Mai um 10 Uhr kam die Reisegruppe nach Ephesos. Dort sahen sie viele antike Ruinen, aber auch viele türkische Bauten. Chishull bedauerte, dass die „barbarischen“ Türken Ephesos in Ayasoluk (bei Chishull: Aiasáluck; heute Selçuk) umbenannt hätten. Dabei ist Ayasoluk nur die verschmolzene Version von „Haghios Theologos“ (ein Titel des Evangelisten Johannes). So nannten die byzantinischen Griechen den Burghügel nordöstlich der antiken Stadt Ephesos; denn dort hatte Kaiser Justinian im 6. Jh. n. Chr. die Johannesbasilika errichten lassen (Abb. 9).

Abb. 9: Ephesos. Johannesbasilika, Blick von Nordwesten auf die Grabkammer des Johannes mit dem Synthronon im Hintergrund.

Edmund Chishull wollte diese berühmte Kirche besichtigen. Doch leider hatte er auch hier keinen kundigen Führer dabei. Denn Chishull verfiel wie Wheler und Spon dem Irrtum, dass die Johannesbasilika in eine Moschee umgewandelt worden war. Denn man hatte ihn zur Isabey-Moschee geführt, die sich unterhalb des Ayasoluk-Hügels befindet. Die Kirche, in der das Grab des Evangelisten Johannes verehrt wird, war schon längst verfallen (siehe das Kapitel zu Wheler und Spon).

Chishull beschreibt nun Merkwürdigkeiten an der „Johannesbasilika“. Sie sei zwar in gutem Zustand, aber der Umbau von einer Kirche zur Moschee sei nicht gelungen. Chishull störten z.B. die türkischen Skulpturen über den Eingängen zum Hof der Moschee. Ihn verwunderte besonders, dass keine Reste eines Altars im Osten und keine Spuren eines Eingangs im Westen zu sehen waren; beides doch typisch für Kirchengebäude. Daraus zog er den Schluss, dass nur wenig vom Baubestand der Basilika für die Moschee verwendet worden war.

Bekannt war Chishull und seinen Begleitern überdies der Tempel der Artemis, eines der Sieben Weltwunder. Der einst riesige Bau befand sich zwischen dem antiken Ephesos und dem Ayasoluk-Hügel. Doch schon damals konnte man nur noch sein Fundamente bewundern. Chishull schreibt, dass es dort nichts mehr gebe, was der Rede wert sei. Denn im Jahr 262 n. Chr. hatten die Goten das Artemision geplündert. Danach war der Artemistempel kaum restauriert worden. Schließlich veranlasste der berühmte Kirchenvater des Ostens, Johannes Chrysostomos, am Anfang des 5. Jhs. n. Chr. die Zerstörung des Artemistempels.

Von Ephesos aus machte sich die Gruppe um Chishull wieder auf den Rückweg nach Smyrna. Leider reisten sie nicht weiter nach Süden und besuchten z.B. Priene, Milet oder Didyma. Darauf verzichteten damals viele Reisende. Der Weg über die Berge nach Süden ins Tal des Mäanders war manchen vielleicht zu beschwerlich. Außerdem lagen die berühmtesten christlichen Stätten nördlich des Mäander, wie Ephesos, Smyrna, Sardis oder auch Pergamon. Dennoch hätte Milet für Christen anziehend sein können, denn der Apostel Paulus hatte sich hier auf seiner dritten Missionsreise einige Zeit aufgehalten (Apostelgeschichte 20,17–38). In Milet empfing er im Jahr 56 n. Chr. die Ältesten der ephesischen Gemeinde und hielt eine Abschiedsrede, bevor er anschließend in Jerusalem verhaftet wurde.

Aber um 1700 war das türkische Dorf Balat inmitten der sumpfigen Mäanderebene anscheinend wenig reizvoll. Und an wichtigen heidnischen Monumenten – wie den gewaltigen Ruinen des Apollontempels von Didyma – bestand für christliche Reisende kaum Interesse; wobei dieser Tempel einen weitaus besseren Erhaltungszustand aufwies als der Artemistempel von Ephesos (daran hat sich bis heute nichts geändert).

Edmund Chishull selbst gelangte somit nie nach Milet oder Didyma. Seine Tour nach Sardis und Ephesos hatte er am 3. Mai 1699 glücklich in Smyrna beenden können. Er unternahm weitere Reisen u.a. nach Konstantinopel. Am 10. Februar 1702 verließ Chishull Smyrna für immer und brach nach Adrianopel (heute Edirne) auf, von wo er über weitere Stationen zurück nach England gelangte.

Überdies war Edmund Chishull mehr an antiken Inschriften als an antiken Gebäuden interessiert. So veröffentlichte er selbst einen Band mit Inschriften aus dem westlichen Kleinasien. Darin nahm er jedoch auch kurze Beschreibungen antiker Stätten auf, die andere für ihn dokumentiert hatten. Dazu gehört ein Abschnitt über Milet und Didyma, den William Sherard verfasst hatte. Sherard war von 1703 bis 1716 britischer Konsul in Smyrna. Er besuchte Didyma in den Jahren 1709 und 1716.

Sherard gibt über Didyma einen kurzen Zustandsbericht ab, der zeigt, dass er die Beschreibung des antiken Geographen Strabon gut kannte. Sherard schreibt nämlich, dass Didyma ungefähr auf halber Strecke zwischen dem Poseidion und Milet liegt. Das stimmt nicht ganz, denn Didyma befindet sich etwa 6,5 Kilometer nordöstlich vom Kap Poseidion und dann sind es noch einmal 15 Kilometer nach Milet (Karte 2). Strabon gibt die Distanz zwischen dem Poseidion und Didyma mit 18 Stadien an, etwa 3,2 Kilometer (Strabon, Geographica 14,1,5).

Das Poseidion war in der Antike ein Heiligtum für den Meeresgott Poseidon. Dem Gott hatte man direkt am Meer einen prächtigen Altar aus Marmor errichtet, und zwar im 6. Jh. v. Chr. Später, als das Heiligtum verfallen war, wuchs ein einzelner Baum auf den Resten des Altars (Abb. 10). Daher erhielt das Kap in der Neuzeit den Namen Monodendri (Griechisch für „ein Baum“). Das im Altertum Poseidion genannte Kap befindet sich an der Südwestspitze der Milesischen Halbinsel und stellte den Beginn der Südgrenze Ioniens dar. Die Nordgrenze lag bei Phokaia und dem etwas südlich einmündenden Fluss Hermos (heute Gediz Nehri; Karte 1), der rund 30 Kilometer nordwestlich von Smyrna ins Meer mündet (Strabon, Geographica 14,1,2).

Abb. 10: Kap Monodendri. Blick von Osten auf die Reste des Poseidonaltars (1913).

Noch heute kann man die von Wellen umspülten Altarreste des Poseidion besichtigen. Außerdem gibt es einen Leuchtturm, der schon von Weitem sichtbar ist und die Auffindung des Kaps erleichtert. Das Poseidion gehörte den Milesiern, wie Strabon schreibt. Wenn man von diesem Altar die genannten 18 Stadien landeinwärts geht, erreicht man das Orakelheiligtum des Apollon Didymeus, nämlich das in Branchidai. So lautet die Bezeichnung für Didyma bei Strabon.

Apollon Didymeus bedeutet „Apollon von Didyma“. Didyma ist also eine der beiden Ortsbezeichnungen. Wahrscheinlich hieß der Ort vor der Ankunft der Griechen Dindyma. Dafür sind zwei Indizien vorhanden: Die Ureinwohner, die Karer, kannten viele Ortsnamen mit der Endung -yma, wie z.B. Loryma oder Sidyma. Außerdem gibt es viele Berge in Westkleinasien, die Dindymon heißen. Daher erhielt auch eine einheimische Muttergottheit den Namen Dindymene.

Folglich trafen die ersten Griechen einen Ort an, der womöglich Dindyma hieß. Da sie ein Heiligtum für die Zwillinge Apollon und Artemis einrichten wollten, passten sie den Namen auf Didyma an. Denn „Didymoi“ ist das griechische Wort für „Zwillinge“. Mithin liegt bei der Benennung Didymas eine sogenannte Volksetymologie vor, das heißt die Einwanderer wandelten einen vorgefundenen Namen in einen um, der ihnen vertraut war. Dies ist die bisher wahrscheinlichste Erklärung für die Entstehung des Namens „Didyma“.

Freilich war Apollon der bedeutendste Gott in Didyma, denn seinen Ruhm verdankte das Heiligtum vor allem seiner Orakeltätigkeit. Darauf deutet die Bezeichnung bei Strabon deutlich hin. Doch seine Schwester Artemis wurde schon immer mit verehrt in seinem Heiligtum und hatte einen eigenen Tempel. Dies belegen Inschriften und seit Kurzem das Fundament des Tempels; wobei Bauteile von ihm schon länger bekannt sind (siehe das Kapitel zu Bumke).

Didyma hatte jedoch noch einen zweiten Namen, den Strabon erwähnt, nämlich Branchidai. Er geht auf Branchos zurück, der dem Mythos nach ein Sohn des Zeus war. Seine Mutter hatte ihn empfangen, als Zeus in Form eines Sonnenstrahls durch die Kehle in sie eindrang; auf Griechisch heißt Branchos „Heiserkeit“ oder „Halsschmerzen“. Der junge Knabe soll sehr hübsch gewesen sein; denn als er eines Tages Vieh hütete, sah ihn Apollon und verliebte sich in ihn. Durch einen Kuss verlieh Apollon dem Branchos die Sehergabe und fortan konnte er weissagen. An der Stelle seines Grabes wurde ihm später ein Tempel erbaut, und zwar in Branchidai.

Soweit der Mythos, der allerdings in verschiedenen Varianten überliefert ist. Die Liebe Apollons zu Branchos verhalf Apollon zu seinem Beinamen Philesios (der Liebende), den er gelegentlich in Didyma trägt. Die Nachkommen des Branchos hießen von ihm abgeleitet Branchiden (Griechisch „Branchidai“). Sie sollen das Heiligtum verwaltet und in der Frühzeit die Priester gestellt haben. Zu Strabons Zeiten war das jedoch schon lange nicht mehr der Fall, damals lebte der Name des Priestergeschlechts nur im Ortsnamen Branchidai fort. Zudem hatte sich in hellenistischer Zeit eine andere Gründungslegende etablieren können: Am Ort der Heiligen Quelle und des heiligen Lorbeerbaumes sollen Zeus und Leto die Zwillinge Apollon und Artemis gezeugt haben (siehe das Kapitel zu Furtwängler).