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Die Geschichten dieses Buches handeln in der Oberlausitz sowie teilweise in Böhmen und Österreich. Sie beruhen auf wahren Begebenheiten und sind unterhaltsam, spannend und emotional geschrieben. Ergänzt werden sie durch einige Sagen aus der Region.
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Seitenzahl: 178
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Vorwort
Begebenheiten und Sagen aus der Oberlausitz
Das behexte Lenchen
Von zweien, die auszogen, die Oberlausitz zu retten ...
Wenn Steine reden könnten
Fluch und Segen - der Böhmische Wenzel
Mit dem Böhmischen Wenzel scherzt man nicht
Ein unvergessliches Weihnachtsfest
Alkohol und Katzenjammer
Eine schaurige Nacht auf der Lausche
Der Irre von Elstra
Die Sage vom Klötzelmönch zu Görlitz
In Bautzen hängt man die Diebe zweimal
Das Ascheweibchen zu Zittau
Der Kristallsarg im Kottmarberg
Danksagung
Bildnachweis
Quellenverzeichnis
Liebe Leserinnen und Leser,
Das vorliegende Buch ist das Zweite der Reihe „Auf historischen Pfaden“. Ging es in der ersten Ausgabe ausschließlich um die Stadt Löbau, präsentiere ich Ihnen hier Geschichten und Sagen aus der gesamten Oberlausitz sowie den angrenzenden böhmischen Gebieten. Damit ich sie authentisch erzählen konnte, haben ich fleißig in Archiven, in alten Zeitungen und Büchern gekramt. Teilweise sind Begebenheiten zum Vorschein gekommen, die literarisch nie verarbeitet wurden und in Vergessenheit gerieten. Es sind Geschichten, die den Alltag unserer Vorfahren schildern, wie sie lebten, liebten und arbeiteten. Einen Teil von ihnen kennt mancher vielleicht vom Hörensagen oder hat sie irgendwo schon gelesen. Doch auch bei diesen Erzählungen bzw. Sagen dürfen Sie gespannt sein. Ich habe sie aufgearbeitet und berichte sie in anschaulich unterhaltsamer Weise neu.
Das Buch mit Inhalt zu versehen, darüber mussten ich mir weißgott keine Sorgen machen. Die Oberlausitz bietet einen nahezu unerschöpflichen Vorrat an historischen Themen und Episoden. Alle zusammen könnten ungemein viele Bände dieser und anderer Buchreihen füllen. Das ist nicht verwunderlich, denn hier leben seit Ewigkeiten Deutsche und Sorben in einer abwechslungsreichen und wunderschönen Landschaft friedlich beisammen. Nie hatten sie einen eigenen Landesherren. Lange Zeit gehörten sie zur böhmischen Krone, mal zu Brandenburg, mal zu Ungarn. Später kamen sie zu Sachsen und auch die Preußen rissen über 130 Jahre einen Teil der Oberlausitz an sich. Die auswärtigen Herren residierten meist in der Ferne und so verwalteten die Bewohner ihr Land über Jahrhunderte größtenteils autark. Die einzelnen Begebenheiten im Buch spiegeln dies sowie die gesamte wechselvolle Geschichte der Region anschaulich wider. Um den Erzählfluss in den Episoden nicht zu stören, habe ich die historischen Zusammenhänge meist in einer kleinen Einleitung dargestellt. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt diese allerdings nicht. Vielmehr will ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, anregen, bei Gelegenheit einmal selbst ins Lexikon, ins Internet oder Fachbuch zu schauen, um mehr über die aufregende Vergangenheit der Oberlausitz zu erfahren. Erkunden Sie Ihre Heimat und lernen sie diese auf neue Art schätzen und lieben. In dem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Durchstöbern der folgenden Seiten.
Herzlichst
Ihr Autor Arnd Krenz
Die folgende Geschichte hat sich im Süden der Oberlausitz, direkt an der Grenze zu Böhmen, zugetragen. Sie ist mehrfach schriftlich belegt und erregte in vielen deutschen Ländern großes Aufsehen. Fassungslos und teilweise ungläubig bekamen die Menschen von einem 10-jährigen Mädchen aus Zittau zu lesen, dem vom 7. Dezember 1701 bis 27. Juni 1702 gar wundersame und grausige Dinge wiederfuhren. ‚Mit schrecklicher Leibesbewegung‘, ist in einem Bericht von 1738 zu lesen, harter Brünstigung, oftmaliger Bekenntnis und Merkmalen bezauberten Zustandes als auch ungewöhnlicher Beredsamkeit“ versetzte sie ihre Eltern und die übrige Umwelt in Schrecken und Verzweiflung.
Nur ein Schritt über die Pfütze
Anna Helene, so hieß das Mädchen, erhielt die Taufe am 17. März 1691 in der Zittauer Johanniskirche. Sie lebte zusammen mit ihrem Vater Zacharias Gottschalk, einem Mehl- und Grieshändler sowie ihrer Mutter Catharine in einem Häuschen auf der Pappelgasse (heute Breite Straße), die im Süden die Rosen- mit der Badergasse verband. Dem Reden der Einheimischen nach war sie ein frommes, stilles,leutseliges Kind. Keiner Menschenseele hatte sie bisher das Geringste zu Schaden getan. Umso erstaunter waren die Leute, als sich Lenchen aus heiterem Himmel grundlegend veränderte.
Zeichnung Altes Haus Gottschalk in der Breitestraße
Ihren Anfang nahmen die Ereignisse an einem Mittwoch im Dezember des Jahres 1701. Die Zittauer freuten sich schon auf das bevorstehende Weihnachtsfest. Umso trauriger war es, dass man ausgerechnet jetzt einen lieb gewordenen Anwohner, den böhmischen Exilanten Martin Viertel, zu Grabe tragen musste. Gerade eben, die Uhr ging auf Mittag, schob sich der Trauerzug langsam die Badergasse hoch, auf die Johanniskirche zu. Vorn liefen die nächsten Nachbarn des Verstorbenen: in Schleier gehüllt auch Catharine Gottschalk, davor ihre Tochter Anna Helene. Die Menschen ringsum blieben stehen, einige traten aus ihren Häusern oder schauten stumm aus den Fenstern. Sie alle blickten auf den Sarg, und so bemerkte außer Catherine Gottschalk keiner, wie ihre Tochter soeben mit langem Schritt über eine Pfütze stieg, wie sie erschrak und plötzlich am ganzen Leibe zitterte. Aber weder Mutter noch Tochter ließen sich dadurch aus dem Tritt bringen. Während der Leichenpredigt erfasste Lenchen allerdings ein derart gewaltiger Schüttelfrost, dass die Mutter sie auf den Arm nehmen und mit ihr nach Hause eilen musste. Dort angekommen übergab sich das Kind, fuchtelte unkontrolliert mit den Armen und fiel sogar in eine kurze Ohnmacht. Ein am Nachmittag eilig aus der Apotheke herbeigeschafftes Fläschchen Schlagwasser linderte zunächst ihre Beschwerden. Die Eltern ließ das auf eine vorübergehende Unpässlichkeit hoffen. Sie ahnten nicht, dass sie am Anfang einer harten, nervenaufreibenden Tortur standen.
Die Anfälle häufen sich
Zum großen Verdruss der Eltern änderte sich am Zustand ihrer Tochter über das Weihnachts- und Silvesterfest nichts. Bei allen Krankheiten, die sie vermuteten, kam ihnen seltsam vor, dass Lenchen zwischen ihren Leidensschüben ein ganz normales Mädchen war. Über Stunden, sogar Tage, zeigte sie sich völlig gesund, und selbst als Brech- und Schüttelfrostattacken sie heimsuchten, konnten die Eltern bei ihr kein Fieber feststellen. Gern hätte die Familie den Zustand ihrer Tochter geheim gehalten, doch unter besagten Umständen war das beim besten Willen nicht möglich. Erst in der näheren Umgebung, dann in der ganzen Stadt machte das Übel Anfang 1702 die Runde. So gesehen hatten die Gottschalks keine Hemmungen, öffentlich um Hilfe zu bitten. Zunächst fragten sie einen in der Stadt gut angesehenen Chirurgus. Helfen indes konnte er nicht. Er besah das Mädchen, schüttelte den Kopf und meinte:
„Ich kenne mich wohl aus mit gebrochenen Knochen, faulen Zähnen und Wunden, in diesem Fall jedoch bin ich mit meinem Latein am Ende, und quacksalbern will ich nicht. Auch wenn ihr tief in die Tasche greifen müsst, aber hier sollte der Physikus her! So einer hat studiert und kennt sich mit allerlei seltsamen Krankheiten trefflich aus.“
Schon am nächsten Tag saß der herbeigerufene Stadtphysikus bei Lenchen in der Kammer. Der Doktor besah das Mädchen und fragte, wie sie sich fühle. Er klopfte hier, drückte da und las von Zeit zu Zeit in einem dicken Buch. Nach einer Weile bangen Wartens schaute er ratlos über den Rand seiner Brille.
„Eure Tochter ist am ganzen Körper und im Geiste vollkommen gesund!“
Er bedeutete den Eltern Geduld zu haben und reichte ihnen einen mit allerlei lateinischen Begriffen ausgefüllten Zettel.
„Geht damit zum Herrn Apotheker und gebt der Anna Helene dreimal täglich von dieser Tinktur. Dann wird ihr schon besser werden.“
Lenchens Eltern taten wie ihnen geheißen, aber zum Entsetzen trat statt einer Genesung das Gegenteil ein. Die Anfälle häuften sich und nahmen zum Teil skurrile Formen an, sodass die Gottschalks fremde Hilfe ins Haus holen mussten. Einmal reckte Lenchen im Liegen ihren Bauch in die Höhe und verbog das Rückgrat derart unnatürlich, dass sie aus dem Bett gefallen wäre, hätten sie nicht zwei Männer festgehalten. Ein anderes Mal verzerrte sie ihr Gesicht, reckte die Arme von sich, sprang behände auf die Diele, auf den Tisch und von dort aus zum Fensterbrett. Wiederum mussten die Männer sie festhalten, sonst hätte sie das Fenster geöffnet und wäre hinausgesprungen. In regelmäßigen Abständen wiederholte Lenchen derartige Aufführungen, ohne sich an diese erinnern zu können. Genauso wusste sie nicht, wie sie manchmal ihren Mund zum Karpfenmaul machte. Ihre Augen traten aus den Höhlen und einem Fisch gleich wuchs ihr Bauch zur Trommel. Dabei gab Lenchen abartig glucksende Geräusche von sich.
Insbesondere Lenchens Mutter war mittlerweile mit ihren Kräften am Ende. Den ganzen Tag lief sie heulend durchs Haus, wusch und putzte, was das Zeug hielt. Sie musste das umso mehr, da Mitte des Monats Januar eine Unmenge Läuse den Kopf ihrer Tochter plagten. Auch Lenchen schien das beträchtliche Qualen zu bereiten. Sie nahm eine Handvoll aus ihrem Haar, warf die Plagegeister in die Stubenecke und schrie:
„Da hast du deine Läuse wieder, du alte Hexe!“
Zur Verwunderung aller schien dieser Wutausbruch von Erfolg gekrönt. Von da an war nicht eines dieser Tierchen mehr an ihr zu finden. Wie sie das bewerkstelligt und welcher Hexe sie das Ungeziefer zurückgegeben hat, darauf freilich wusste das Lenchen zu dieser Zeit keine Antwort.
Ich muss fort
Trotz ihrer Befreiung von den Läusen hatte Lenchen eines Tages aller Lebensmut verlassen. Frühmorgens rief sie die Familie und Bekannte an ihr Bett und sprach:
„Ich muss fort, ihr aber bleibet hier. Habe ich etwas Ungeschicktes geredet, so schreibet es meinem Verstande zu. Habe ich etwas Unanständiges getan, so rechnet es meiner Krankheit an.“
Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, brachen die Symptome ihrer Krankheit auf bisher nie da gewesene Weise aus. Unter grässlichem Kreischen wälzte sie sich von Krämpfen geschüttelt hin und her. Sie spuckte, schrie mit einem Mal unflätige Ausdrücke und entblößte wie eine Dirne ihren Unterleib. Dann - das Gesicht zur teuflischen Fratze entstellt - streckte sie plötzlich die Arme von sich. Ihr Leib schnellte ruckartig in die Höhe, sodass sich Schultern und Kopf regelrecht ins Bett hineinbohrten. Anschließend sackte sie in sich zusammen und bleib ohne einen Hauch regungslos im Bett liegen.
Erstarrt und keines Wortes fähig, standen die Zeugen des Geschehens an Lenchens Bett. Nach einer gefühlten Ewigkeit brach die Mutter schluchzend zusammen. Verzweifelt umklammerte sie ihr Kind. Wieder und wieder rief sie den Herrgott an, ihr doch das Liebste nicht zu nehmen. Doch vergebens, das Mädchen gab kein Lebenszeichen mehr von sich, ihr Körper wurde langsam kalt. Allmählich akzeptierten die Eltern den Tod und bestellten kurz vor 1 Uhr Mittag den Pfarrer zum Totengebet. Nachdem dieser gegangen war, hob Vater Lenchen behutsam aus dem Bett. Tränenerfüllt küsste er zum letzten Mal seine Tochter und … er konnte es nicht glauben, aber just in diesem Moment blinzelte Lenchen, machte den Mund auf und kam langsam zu sich. Irr vor Freude schrie Mutter die gesamte Nachbarschaft zusammen. Als Vater halb noch weinend das Lenchen mit erstickten Worten fragte, wo um Gottes willen sie gewesen sei, erhielt er von einem entkräfteten Stimmchen zur Antwort:
„Ich weiß es nicht lieber Vater, ich weiß es nicht. Was ist denn geschehen?“
Jetzt sehe ich dich!
Wo immer Lenchen gewesen sein mag, was immer sie in der jenseitigen Welt erlebte; ihr Unterbewusstes schien nach dieser Reise zu wissen, wer für ihr Martyrium verantwortlich war. Bereits am nächsten Tag stieg Lenchen von Geisterhand geführt aus dem Bett, sah sich um und richtete den Finger gegen die Wand:
„Jetzt sehe ich dich“, verkündete sie mit dämonischer Stimme.
„Nun weiß ich, wer du bist! Ich will dich wohl nennen! Du trägst ein Hückel Schwefel auf dem Buckel. Du kniest vor dem Krausköpfigen nieder und buhlst ihn an. Siehe, wie er dir in die Ohren zischelt. Du bist bei uns im Hause gewesen, droben in der Stube hast du gewohnet. Ich kenne dich wohl. Ich will dich nennen und darf nicht. Doch du sollst es mir nicht wehren.“
Lenchens Eltern und der zufällig anwesende Großvater fragten, wer es denn sei, den sie nicht nennen dürfe. Zunächst bekamen sie keine Antwort und so zählten sie schnell ein paar infrage kommende Personen auf. Kaum war der Name Sabine gefallen, schreckte das Mädchen auf:
„Ja ja die ist es! Es ist die alte Sabine!“
Sie sprach hastig und voller Furcht, als ob keine Menschenseele je davon wissen dürfe. Dann war Schluss - so schnell, wie der Anfall gekommen war, endete er wieder. Mehr war von Lenchen im Moment nicht zu erfahren. Sie stürzte rücklings ins Bett, erwachte und konnte sich wie jedes Mal an nichts erinnern.
Recht glauben wollten die Eltern ihrer Tochter allerdings nicht.
„Die Sabine soll also mit dem Teufel buhlen!“
Vater Gottschalk schaute seine Frau an. Wie konnte das sein, war doch die alte Sabine ihr ganzes Leben ein anständiges Weibsbild gewesen, stets freundlich, mit einem guten Wort zu allen. Die Leute in der Stadt nannten sie die Zwirn-Sabine, weil sie mit Garnen handelte. Jeden Mittwoch und Sonnabend stand sie an ihren Karren gelehnt auf dem Markt. An den anderen Tagen lief sie von Haus zu Haus, ihre Waren feilzubieten. Die Menschen mochten sie und keiner würde ihr die kleinste Missetat zutrauen. Genauso wie Vater Gottschalk war auch Mutter Catharine skeptisch:
„Lenchen hat das in ihrer Verwirrung gewiss nur gesagt, weil ihr die Sabine, da sie sie schon lange kennt, gerade eingefallen ist.“
Dieses Argument war nicht von der Hand zu weisen, denn die alte Sabine wohnte vor zwei Jahren noch oben bei den Gottschalks in der Kammer. Danach war sie um die Ecke in ein größeres Haus auf die Rosengasse gezogen. Trotzdem hatte sie ihre ehemaligen Wirtsleute nicht vergessen und kam hin und wieder zu Besuch. Mit Lenchen verstand sie sich gut. Häufig saßen die beiden zusammen im Garten und Sabine erzählte der Kleinen vom Handwerk der hiesigen Weber, vom Handel mit edlen Stoffen, von fernen Ländern und schönen Kleidern. Die Sabine eine Hexe? Nein das konnte nun wirklich nicht sein! In diesem Punkt waren Lenchen Eltern sich einig.
Die Sache mit der Sabine behielten die Gottschalks zunächst für sich. Statt dem Hexenverdacht weiter nachzugehen und alle Ratschläge sowie Tinkturen der Ärzte für die Katz waren, reifen sie in ihrer letzten Hoffnung den Pfarrer der Nikolaikirche zu Hilfe. Er sollte dem geplagten Lenchen mit seinem Trost beiseite stehen. Vielleicht gelang es ihm sogar, das Kind von seinem Leiden zu befreien. Der Pfarrer kam gern, denn er kannte die Familie schon lange und schätzte sie als fromme Kirchgänger. Seit dem Begräbnis des Martin Viertel im vergangenen Jahr wusste er, wie alles begann und wie tapfer Lenchen mit ihrer Krankheit kämpfte. Am Ende aber kannte auch er keinen Rat. Zwar sah er die Anfälle kommen und gehen, betete fleißig und fragte das Mädchen nach dem Katechismus ab. Doch außer der Erkenntnis, dass sie sich klaren Verstandes im Letzteren bestens auskannte, war dem tiefer sitzenden Übel mit christlicher Assistenz offenbar nicht beizukommen.
„In die Anna Helene ist vermutlich das Böse gefahren“, konstatierte er und riet für diesen Fall einen Spezialisten hinzuzuziehen.
„Den Beelzebub austreiben zu lassen ist zugegeben keine schöne Angelegenheit.“
Der Pfarrer schaute die Eltern eindringlich an.
„Besser ihr kommt selber dahinter, wer eure Tochter bezaubert, dann können die weltlichen Gerichte dem Spuk womöglich ein Ende bereiten – wenn ihr versteht, was ich meine …“
„Nun sei es drum“, seufzte Lenchens Mutter und sah ihren Mann fragend an.
„Sagen wir‘s dem Herrn Pfarrer? Schließlich geht es um das Leben unserer Tochter!“
Freimütig, jedoch nicht ohne Gewissensbisse, berichteten sie dem Geistlichen, wen Lenchen neulich als Hexe beschuldigte. Sie erzählten ihm auch, wie sie beide mit sich ringen, diese Bezichtigung nach außen zu tragen. Schließlich ging es um die Zwirn-Sabine, ein anständiges, gottesfürchtiges Frauenzimmer. Der Pastor beruhigte die Eltern und legte ihnen die Hand auf die Schulter:
„Ladet die Sabine ein und führt sie zur Anna Helene. Habt beide währenddessen gut im Auge und wartet, was geschieht. Ist die Sabine eine Hexe und hat es auf euer Töchterlein abgesehen, wird sie sich von allein verraten.“
Du wirst noch eine schöne Jungfer werden
Inzwischen war der März ins Land gegangen, die Tage nicht mehr allzu kalt. Lenchens Eltern hatten beschlossen, den Rat des Pfarrers zu befolgten. Sie baten die Sabine zu kommen. Das kranke Lenchen wolle sie einmal wiedersehen, sagten sie ihr. Und tatsächlich: Am nächsten Tag gegen 9 Uhr am Vormittag stand die gebeugte Alte an ihrem Haus. Mühsam auf ihren Gehstock gestützt kletterte sie die steile Treppe hinauf und setzte sich an Lenchens Bett. Wie es der Kleinen denn ginge, fragte sie. Die Eltern hatten vorher vereinbart, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und erzählten der Sabine freiweg, wessen Lenchen sie bezichtigte. Ein Hauch von Betroffenheit fuhr über das Gesicht der Alten. Einen Moment war ihr der Unmut anzumerken. Augenblicklich stieß sie dreimal mit ihrem Gehstock auf die Diele.
„Biss nur stille“, zischte sie und sah zur Kammertür.
Bald aber beherrschte sich die Sabine wieder und unterhielt sich im ganz normalen Ton, wie man es von ihr gewohnt war, mit Lenchen und ihren Eltern.
„Wenn ich heimkomme“, meinte sie zum Abschied, „will ich niederknien und ein Vaterunser für dich beten.“
Sie streichelte Lenchen über Arme, Gesicht sowie Schulter.
„Du wirst noch eine schöne Jungfer werden und deinen Eltern viel zu lachen machen.“
Darauf drehte sie einen Schlüssel seltsam um ihren Stock herum, steckte ihn unter Lenchens Bettdecke und anschließend wieder in ihre Rocktasche. Dann ging sie.
Kaum war die Alte aus dem Haus, setzte bei Lenchen der nächste Schub ein. Unnatürlich verrenkte sie ihre Glieder, schrie, spuckte und sprach Worte, die unmöglich aus ihrem Ich stammen konnten. Wie stets unterbrochen von normalen Phasen, gingen die Anfälle bis zum Abend weiter. Beim Letzten blieb Lenchen körperlich ruhig, dafür redete sie mit unnatürlich tiefer Stimme und offenbarte:
„Vater ihr werdet in der Nacht Wunderdinge hören. Die Sabine wird etwas vom Vorsatz des Weinstockes schneiden.“
Der Weinstock rankte direkt an der Wand des Hauses zur Pappelgasse hin. Somit kein Hindernis für den Vater, die Hexe einfach von dort zu vertreiben - vorausgesetzt sie käme wirklich. Die Stimme in Lenchen jedoch warnte:
„Vater geht nicht hinaus! Es wird viermal ein Wind wehen, Schlag 12 das letzte Mal, dann wird es kräftig stürmen. Der Wind wird euch Kopfschmerzen bereiten, die ihr euer Leben lang nicht verwinden werdet.“
Außerdem bat Lenchen, tunlichst alle Fenster sowie Türen zu schließen und weder hinaus zu gehen noch jemanden ins Haus zu lassen. Zunächst wollten die Eltern dem Ganzen keinen Glauben schenken. Doch nachdem von einer Minute zur Anderen der Wind tatsächlich anfing zu blasen, ward allen unheimlich und sie hockten sich ängstlich in der Stube zusammen. Bei der zweiten Böe sprach Lenchen: „Jetzt schneidet die Sabine am Weinstock.“
Noch grusliger überlief es die Gottschalks, als kurz nach sieben jemand an der Eingangstür klopfte.
„Wer ist da, was wollt ihr“, rief die Mutter ängstlich in den Hausflur.
Sie konnte aufatmen, es waren nur die zwei Mägde vom Stadtphysikus. Ihre Herrschaft hätte sie geschickt, meinten die Mädchen, um dem kranken Lenchen ein gutes Essen zu bringen. Arglos öffnete Catharine die Tür. Sogleich blies ihr der Wind heftig ins Gesicht. Er pfiff durch den Korridor geradewegs in den Garten hinaus. Catharine erschrak ein Wenig, dachte sich aber nichts weiter und ging mit dem Topf in der Hand zurück in die Stube. Unglücklich und in sich zusammengesackt hockte Lenchen auf dem Sofa:
„Nun ist‘s der Alten gelungen! Mit dem Wind ist sie durchs Haus gefahren und hat ihr Hexenwerk beendet. Jetzt muss ich leiden!“
In dieser Nacht erging es Lenchen zunehmend schlechter. Sie schrie derart erbärmlich, dass Außenstehende meinten, ihr würden sämtliche Glieder aus dem Leib gerissen. Dabei zeigte sie abartige Leibesbewegungen, die bei vorhergehenden Anfällen noch niemand gesehen hatte. Selbst die viel bestaunte Schlangenfrau, der kürzlich hier durchziehenden Gauklertruppe, wäre dazu nicht in der Lage gewesen. Es war genauso gekommen, wie es Lenchen vorausgesagt hatte. Sogar am Weinstock konnte man einen frischen Schnitt sehen.
In unseren Mauern scheint ein Weibsbild mit dem Leibhaftigen zu buhlen
Dem Zittauer Gericht schien die Angelegenheit Anna Helene Gottschalk jetzt doch verdächtig. Bisher hatten die Herren im Rathaus, allen voran der Bürgermeister, nicht viel auf das Gerede der Leute gegeben. Vielmehr hielten sie das Gebaren der Gottschalkschen Tochter für eine bedauernswerte Krankheit, wenn nicht gar beginnenden Blödsinn. Die neuerlich durchsickernden Gerüchte, verbunden mit dem schrecklichen Verdacht, eine Hexe treibt in Zittau ihr Unwesen, veranlassten das Gericht jedoch zumHandeln. Am 29. März 1702 schickte es zwei seiner Diener in die Pappelgasse. Am Haus der Gottschalks angekommen bedeuteten selbige den Eheleuten, sofort ins Rathaus zu gehen, wo sie sich beim Scabinus (Ratsherr, Schöffe) zu melden hätten. Die Gerichtsdiener wollten inzwischen bei Lenchen bleiben und auf sie aufpassen.
Eine halbe Stunde später standen die Gottschalks in der Gerichtsstube. Wohl war ihnen in diesem Moment nicht zumute. Catharine zitterte am ganzen Körper. Der Herr Bürgermeister persönlich hatte sich der Sache angenommen. Er saß, flankiert von vier Ratsherren, mit streng aufgesetzter Mine vor dem Ehepaar. Angefangen bei den Ereignissen in der Adventszeit vorigen Jahres, als sie den Exilanten Martin Viertel zu Grabe trugen, bis zum nächtlichen Spuk vor zwei Tagen, mussten die Gottschalks den hohen Herren alles haarklein schildern. Tief drinnen taten sie sich schwer, denn weiterhin fühlten sie Erbarmen mit der alten Sabine, konnten trotz allem immer noch nicht glauben, dass sie eine Hexe sei. Bürgermeister und Ratmannen sahen das freilich anders. Nachdem die Gottschalks gegangen waren, eröffnete der Bürgermeister dem anwesenden Gremium:
„Ehrenwerte Herren, wie wir gerade vernommen haben, scheint in unseren ehrwürdigen Mauern ein Weibsbild mit dem Leibhaftigen zu buhlen und in seinem Auftrag Kinder zu bezaubern.“
Die anwesenden Ratsherren nickten zustimmend.
„Zögern wir deshalb nicht!“
Entschlossen wies er an: „Sperrt diese, der Hexerei verdächtige, Zwirn-Sabine noch heute Nachmittag ins Stockhaus!“
