Der Tiger von Sabrodt - Arnd Krenz - E-Book

Der Tiger von Sabrodt E-Book

Arnd Krenz

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Beschreibung

Die Geschichten dieses Buches handeln in der Oberlausitz sowie im nördlichen Böhmen. Sie beruhen auf wahren Begebenheiten und sind unterhaltsam, spannend und emotional geschrieben. Ergänzt werden sie durch einige Sagen aus der Region.

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Seitenzahl: 242

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Der Tiger von Sabrodt

Schöngretchen hinterm Berge

Tödliche Liebesqual

Hanka und Hatto – eine unsterbliche Liebe

Mortwa Holčka – Ermordetes Mädchen

Der Zettel

Und bist du nicht willig ...

Der Böhmische Wenzel – eine Kultfigur seiner Zeit

Bildnachweis

Liebe Leserin, lieber Leser,

Schön, dass Sie dieses Buch in die Hand genommen haben. Vielleicht stehen Sie ja gerade in einer Buchhandlung, in einer Bibliothek oder haben es sogar gekauft. In dem Fall: herzlichen Glückwunsch! Es ist ein Band aus der Reihe „Auf historischen Pfaden“. Im Grunde ein Sammlerstück, in dem ich Geschichten und Sagen aus der Oberlausitz publiziere. Stück für Stück vervollständige ich diesen Fundus, dessen Bausteine ich in Kleinarbeit aus alten Akten, Zeitungen sowie Zeitschriften zusammentrage. Dabei handelt es sich zum geringeren Teil um Legenden, zum Größeren aber um wahre Begebenheiten. Doch keine Bange! Sie bekommen weder einen trockenen Lesestoff vorgesetzt, noch einen, in dem es vor historischen Fakten und Daten nur so wimmelt. Gut aufgearbeitet und leicht lesbar geschrieben, eignet er sich als Begleiter in ihren Mußestunden.

Ganz bewusst habe ich mich für die Form der Unterhaltungsliteratur entschieden, weil wir wissen, dass sich viele Leute dem Thema Geschichte ungezwungen nähern möchten. Möglicherweise sind sie abgeschreckt von trockenen Jahreszahlen oder der Stoff scheint ihnen nicht spannend genug. Beim Schreiben unserer Geschichten haben wir bedacht, dass die Vergangenheit aus der Summe gelebter Schicksale, aus Emotionen, aus Freuden und Leiden von Menschen besteht. Gerade das ist es, wodurch die Vorfahren mit uns kommunizieren, wie sie unsere Wege leiten und uns vor Unheil bewahren wollen. Schauen wir also genau hin, denn es bleibt bei der Erkenntnis: Wer seine Geschichte nicht kennt, wird seine Zukunft nicht meistern! Immer wieder werden Menschen in die gleichen Fettnäpfchen treten, immer wieder die gleichen Fehler machen, immer wieder vernichtende Kriege zulassen, die sie in ihrer Entwicklung zurückwerfen und an einem freien, lohnenswerten Leben hindern. Wir sollten stets daran denken, dass wir Wohlstand und Demokratie in erster Linie den Altvorderen verdanken. Sie haben über Jahrhunderte nicht nur für sich, sondern auch für ihre Kinder, Enkel sowie Urenkel gekämpft, um ihnen bessere Lebensverhältnisse zu ermöglichen. Hören wir auf sie und passen gut auf: Wie schnell ist zerronnen, was Generationen dereinst haben begonnen!

Trotz, dass ich diese Geschichte(n) locker-unterhaltsam erzähle, habe ich zuweilen kein Blatt vor den Mund bzw. die ‚Feder‘ genommen. Nicht selten mutet es brutal an, was Menschen in früheren Jahrhunderten in deutschen Landen erleben und hinnehmen mussten. Oft war es ungerecht und stürzte sie im Namen einer angeblich gottgewollten Moral und Ordnung ins Verderben. Die Geschichten „Schöngretchen hinterm Berge“ oder „Hanka und Hatto – eine unsterbliche Liebe“ sind beredte Beispiele dafür. Als Gute-Nacht-Lektüre für Kinder sind sie deshalb ungeeignet. Auch die Titelgeschichte „Der Tiger von Sabrodt“ zeigt in deutlicher Sprache, wie die Oberlausitzer (und nicht nur sie) noch vor über 100 Jahren dachten und handelten. In diesem Sinne hoffe ich, dass Ihnen das Buch gefällt. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und vor allem: beim Nachdenken!

Ihr Autor Arnd Krenz

Der Tiger von Sabrodt

Unendlich weit erstrecken sich die Wälder der Lausitz über das Land. Darüber hinaus sind sie ruhig und mit ansehnlichem Wildbestand versehen. So jedenfalls befand es ein märkischer Weidmann, dem das raue Klima der nördlichen Tiefebene offenbar weniger behagte. Deswegen beschloss er, sein Jagdrevier mehr nach Süden, in den preußischen Teil der Oberlausitz zu verlegen. Östlich von Hoyerswerda pachtete er ein riesiges Waldgebiet, um der Gesundheit und dem gestressten Geist Erholung zu verschaffen. Lange Spaziergänge hatte er vor zu unternehmen und dabei seinem Hobby, der Hege des Wildes sowie der Krone des weidmännischen Handwerks, der Jagd, nachzugehen. Wie er hieß, hat er uns leider nicht verraten. Sei es drum, dass er mit den folgenden Ereignissen nicht in Verbindung gebracht werden oder niemandem preisgeben wollte, wo er die Mußestunden verbrachte. Verständlich ist das insoweit, als dass es sich bei ihm um eine in Preußen nicht unbedeutende Person, möglicherweise einen hohen Staatsmann gehandelt haben muss. Wie aus seinen schriftlichen Erinnerungen hervorgeht, hatte sein Wort Gewicht und brachte die örtlichen Beamten gehörig auf Trab. Hauptsächlich der Initiative dieses Mannes ist es zu verdanken, dass beginnend ab dem Sommer des Jahres 1903 das Schicksal einer schrecklichen ‚Bestie‘, des sogenannten ‚Tigers von Sabrodt‘, ein für alle Mal besiegelt war. Da wir ihn in der folgenden Geschichte keinesfalls weglassen wollen, seinen Namen jedoch nicht kennen, nennen wir ihn im Weiteren einfach den ‚Jäger‘.

Die Spur

Die möblierte Wohnung in Hoyerswerda war passabel. In der Mitte des Jahres 1903 hatte sich der Jäger hier eingemietet und die erste Nacht, wie er bemerkte, recht gut in ihr geschlafen. Bereits vor einem Monat war er in der Stadt und ließ sich vom zuständigen Förster Dommel sein anvisiertes Jagdrevier zeigen. Den ganzen Tag lief er mit ihm abwechselnd durch Hochwald, über Lichtungen und dicht mit Jungbäumen bestandene Flächen. Schließlich befand er das Gebiet für gut und pachtete es für die nächsten 10 Jahre. Heute – es war ein sonniger Julimorgen – wolle er allein in Ruhe das Revier erkunden. Im Flur des Hauses stand neben ihm sein Vermieter und wünschte viel Glück für die Pirsch.

„Nein nein, nicht auf die Pirsch soll es gehen, mein lieber Herr Reichel!“

Der Jäger klopfte dem Hauswirt jovial auf die Schulter.

„Erkunden, Beobachten und Sondieren stehen an erster Stelle“, belehrte er ihn.

„Vor dem Schuss steht die Hege des Wildbestandes. Eine Maxime, der auch ich mich verpflichtet fühle!“

Aber genug der Worte! Der Jäger schwang die doppelläufige Flinte über den Rücken, verabschiedete sich und lief hinaus aus der Stadt, immer weiter in ‚seinen‘ Wald hinein.

Es war einfach herrlich! Bei klarer Luft stieg ihm ein würziger Duft in die Nase. Einzigartig und ganz anders als in den heimischen Gefilden nördlich Berlins, wo die meisten Wälder aus Kiefern bestanden. Die wuchsen zwar auch hier, doch gab es neben ihnen ebenso Fichten, Tannen, Eichen und Buchen. Und blickte er über eine der mit reichlich Kräutern, Farnen sowie Beerensträuchern bewachsenen Lichtungen, konnte er am anderen Ende manchmal sogar ein Birkenwäldchen entdecken. Der Jäger atmete tief durch. Er schritt forsch voran, denn das Wetter meinte es in diesem Juli gut mit Mensch und Natur. Bei durchschnittlich 20 Grad brannte die teils wolkenverdeckte Sonne nicht allzu heiß vom Firmament. Auch genügend Regen war in den vergangenen Tagen auf den Waldboden gefallen, sodass die Pflanzen prächtig im Saft standen.

„So lässt sich‘s leben“, frohlockte der Jäger.

„Habe ich mit meinem Unterfangen, eine Jagd in der Oberlausitz zu pachten, doch voll ins Schwarze getroffen!“

Allerdings wusste er wenig Bescheid und hatte deshalb ein Messtischblatt dabei. Mit dickem roten Stift war darauf sein Revier umrandet. Immer wieder orientierte er sich an den eingezeichneten Wegen und verglich die Waldstücke mithilfe an deren Ecken eingelassener Jagensteine. Auf diese Weise machte er am Vormittag gute Strecke, bis ihm einfiel, was seiner Seele zur Erbauung noch fehlte. Richtig:

„Ein echter Weidmann ohne Rauch, ist wie ´ne Flinte ohne Schmauch!“

Rasch griff er in die lederne Jagdtasche und zündete sich eine dicke Zigarre an. Genüsslich blies er den ersten Qualmkringel gen Himmel. Dann blickte er wieder auf die Karte: Hier an der Grenze zum Muskauer Forst müsste ja irgendwo ein Feuerwachturm stehen ...

„Genau – hier ist er eingezeichnet – das muss er sein!“

Sein Finger fuhr über die Karte den Weg entlang. Dann lief er die rund 50 Meter geradeaus und stand vor einem hochaufragenden hölzernen Turm. Der Jäger schaute hinauf und rief ein kurzes Horrido nach oben. Da keine Antwort kam, klemmte er kurzentschlossen den Zigarrenstumpen zwischen die Zähne und kletterte die Sprossen empor. Niemand befand sich auf der Plattform. Also nahm er in aller Ruhe seine Flinte vom Rücken und setzte sich auf die rundumlaufende Bank. Dass sie heute unbesetzt blieb, wunderte ihn nicht, denn von einer erhöhten Waldbrandgefahr konnte diesen Sommer keine Rede sein. Unten wie oben wehte bei bester Fernsicht ein frisches Lüftchen. Wohin er schaute, sah er auf Kilometer nichts als Wald.

„Trefflich, um mir einen Überblick zu verschaffen“, dachte der Jäger und setzte sein Fernrohr an.

Millimeter für Millimeter graste er sein Jagdrevier ab, auch in der Hoffnung, das ein oder andere Rot – beziehungsweise Schwarzwild zu entdecken. Es dauerte jedoch nicht lange, da hielt er inne. Statt der erwarteten Tiere, kam ihm aus nördlicher Richtung eine schwarze Fläche vor die Linse.

„Da hört sich aber alles auf“, knurrte er.

„Hat mir der Förster doch glatt eine Brandfläche unterschlagen“!

Nach einer halben Stunde war er vor Ort. Wie er feststellte, handelte es sich um eine abgebrannte Schonung. Glücklicherweise hatte das Feuer sie nur zur Hälfte vernichtet. Der andere Teil des heranwachsenden Jungwaldes stand bestens im Holz. Er lief quer über den verbrannten Boden und betrat eine mitten durch die unversehrt gebliebene Dickung gepflügte Schneise. Wie er fand, eine hervorragende Stelle, um Schalenwild aufzuspüren – die würde er sich merken! Als er weiterging, schreckte mit einem Mal rund 20 Meter vor ihm ein Bussard auf und flog mit raschen Flügelschlägen davon.

„Nanu, lag dort am Rand des Dickichts etwa ein verendetes Tier?“

Neugierig lief er hin. Was er zu sehen bekam, ließ allerdings seine Jägerseele erschaudern. Vor ihm lag ein gerissener Rehbock. Aus dem unversehrten Kopf schauten zwei tote Augen heraus, der Rest des Körpers lag aufgefetzt am Boden. Während ein Teil der Gedärme herausgerissen umherlag, war das meiste Fleisch abgefressen, die Rippen hingen, teilweise gebrochen, kahl in der Luft.

„Welche Bestie ist hier am Werk gewesen?“

Der Jäger stand vor einem Rätsel. Ein einheimisches Raubtier, wie der Rotfuchs, kam jedenfalls nicht infrage. Diese Kreatur musste wesentlich größer und kräftiger sein. Außerdem hielt sie sich wahrscheinlich in der Nähe auf, denn der Kadaver erschien ihm relativ frisch. Obacht war geboten! Er lud seine Flinte, schaute in alle Richtungen und lief vorsichtig zur Schneise zurück. Dort sah er nach unten und entdeckte einige Pfotenabdrücke. Sie zu definieren fiel ihm schwer, weil in der Nacht ein wenig Regen gefallen war.

„Könnte ein verwilderter Köter sein“, sprach er zu sich.

„Wenn ja, allerdings ein Gewaltiger!“

„Na warte“, rief er wutentbrannt und drohte dem unbekannten Tier mit der Faust.

„Der Jäger hier bin ich! Entweder du verschwindest von selbst oder ich mache dir höchstpersönlich den Garaus!“

Die Legende

Missgestimmt kehrte der Jäger am Abend in seine Wohnung zurück. Was ihn denn so verdrieße, fragte der Hauswirt.

„Unser Wald wird ihnen doch nicht die Laune verdorben haben?“

„Nein nein lieber Herr Reichel, der Wald ist schon in Ordnung“, antwortete ihm der Jäger.

„Nur scheine ich in meinem Revier nicht der einzige Jäger zu sein.“

Kaum hatte er das gesagt, verzog der Wirt sein Gesicht zu einem breiten Grinsen:

„Ach haben sie ihn auch schon bemerkt ... ich dachte sie wüssten ...“

Verwundert sah ihn der Jäger an und zuckte mit den Schultern.

„Na dann bitteschön“, lud ihn Reichel ein, „kommen sie zu mir auf einen Roten“.

„Ich bin zwar nicht der Förster, trotzdem will ich ihnen alles gern erzählen.“

Nachdem der Jäger in der ‚Guten Stube‘ Platz genommen hatte, stellte Reichel eine Flasche Beaujolais Crus Chénas auf den Tisch.

„Wenn ich schon einmal die Ehre habe ...“

Bedeutungsvoll goss er die bauchigen Gläser viertelvoll.

Er bat um einen Moment Geduld und brachte eine Mappe mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln heran.

„Hier habe ich alles über den Tiger gesammelt.“

„Den Tiger?“

Der Jäger erschrak und zuckte zusammen. Beinahe wäre dabei sein Glas umgefallen.

Ja ja, der Tiger von Sabrodt – so nennen wir das Biest. Wie ich ihrem Reden entnehme, hatten sie heute die Ehre, dessen mörderische Hinterlassenschaften zu begutachten.“

„Mich wundert’s, dass sie in ihrer brandenburgischen Mark darüber noch nichts gehört haben“, begann Reichel zu erzählen.

„Seit über drei Jahren treibt dieses Scheusal in unseren Wäldern sein Unwesen.“

Dorfstraße von Sabrodt

Im März des Jahres 1900 sei es gewesen, als erste Nachrichten aus den Forsten bei Sabrodt die Runde machten. Eine fremdartige Kreatur würde dort Hochwild töten. Sogar einen Hund hatte sie auf freiem Feld erwischt und grausam in Stücke gerissen. Fragen kamen auf und Gerüchte gingen von Haus zu Haus. Bald befeuerte auch die örtliche Presse die Gemüter. Für sie war der unbekannte Räuber, in dem ansonsten verschlafenen Gebiet um Hoyerswerda, eine willkommene Story. Anfangs konnte sich niemand nur den geringsten Reim auf die Ereignisse machen. Das Tier blieb unsichtbar. Die Leute vermuteten, es müsse sich um eine größere Raubkatze, etwa einen Löwen, Puma oder Tiger handeln. Denn selbst vor einem stattlichen Rothirsch hatte das Scheusal keinen Halt gemacht. Realistisch war die Annahme allemal, weil in der Region oft Zirkusunternehmen umherwanderten. Möglicherweise wäre das Tier von dort ausgebüchst, ohne dass es die Betreiber gemeldet hätten. Angst vor Strafe könnte der Grund gewesen sein. Immer weiter schmückten Einheimische die Geschichten aus und erfanden neue. Teilweise nahmen ihre Darstellungen obskure Züge an, bis ein Vorfall dem ein Ende bereitete und Gewissheit zu schaffen schien.

Reichel zeigte dem Jäger einen Zeitungsartikel.

„Hier sehen sie!“

Wie der Jäger darin las, kam das Biest eines Sonntag vormittages in Sabrodt bis an das Gehöft des Häuslers Groba heran. Was Groba zum Zeitpunkt der Beobachtung machte und ob er schon bei vollen Sinnen war, stand nicht im Beitrag. Auf alle Fälle behauptete er steif und fest, einen Tiger gesehen zu haben. Beim Anblick seiner Person wäre die Raubkatze blitzschnell mit Riesensprüngen wieder im Busch verschwunden. In den folgenden Wochen relativierte man diese Aussage. Erstens sagten Zeugen, Groba hätte am Sonnabend bis spät im Wirtshaus gesessen und einen in der Krone gehabt. Zweitens machten andere Bewohner Beobachtungen, die in dem Räuber eher einen verwilderten Hund vermuten ließen.

„Sei es, wie es sei“, meinte Reichel.

„Die Aussage Grobas bestimmt bis heute das Synonym für diese Kreatur.“

„Sie ist der Tiger von Sabrodt, und das wird sie wohl für alle Zeiten bleiben!“

Die Umtriebe der Bestie krempelten das Leben der Menschen in den Dörfern gewaltig um. Kaum noch trauten sie sich in den Wald und wenn, dann bewaffnet. Auch die Kinder durften nur in Begleitung Erwachsener zur Schule gehen. Eine kurze Phase der Entspannung trat ein, als aus Sprottau (heute: Szprotawa, Pl.) eine Meldung eintraf, im dortigen Forst hätten Jäger einen verwilderten Hund erschossen. Alle dachten, es handele sich um den Tiger von Sabrodt. Gott sei Dank jetzt ists vorbei, jubelten die Leute. Doch weit gefehlt – das Morden in den hiesigen Wäldern fand kein Ende. Mehr denn je waren die Förster und Wildschützen gefragt. Der Hoyerswerdaer Landrat Willy Otto Schwarz nahm sich persönlich der Sache an und setzte 100 Mark Belohnung auf den Kopf des Monsters aus. Für viele Jäger war das ein Ansporn, öfter als üblich auf ihre Anstände zu klettern. Besonders in klaren Mondscheinnächten verzichtete so mancher auf den wohlverdienten Schlaf, um nach dem vermeintlichen Hund, beziehungsweise sonst was für einem Tier, Ausschau zu halten. Der Förster vom Neustädter Revier hat sich die größte Mühe gegeben. Was immer er auch versuchte: Mit Gift, mit Eisen, sogar mit seiner hitzigen Hündin wollte er das Untier locken. Doch es war vergebens! Der Räuber schien schlauer zu sein als alle Weidmänner zusammen. Er führte sie ein ums andere Mal an der Nase herum.

„Und jetzt sind Sie der Pächter des Jagdreviers.“

Erwartungsvoll sah Reichel den Jäger an. Er schenkte den Rest des Rotweins in die Gläser und lächelte.

„Nun ists an ihnen, das Viech zur Strecke zu bringen.“

„Schön schön“, entgegnete der Jäger und gähnte, denn mittlerweile war es später Abend geworden.

„Mein Lieber, für mich wird es Zeit schlafen zu gehen. Ich danke ihnen für den guten Wein und die Aufklärung. Dass die Forstbeamten dazu keinen Mut hatten, werde ich denen bei Gelegenheit kräftig aufs Butterbrot schmieren.“

In den nächsten Wochen, so meinte er zu seinem Wirt, würden ihn eine Menge Geschäfte abhalten. Bereits morgen Mittag müsse er abreisen. Doch mit Einbruch des Winters, versprach er, wäre er wieder da und das letzte Stündlein der Bestie hätte geschlagen.

„Bei frisch hinterlassenen Spuren im Schnee“, sagte er mit erhobenem Zeigefinger, „kann sich kein Tier verleugnen – auch nicht das gerissenste Biest ...“

Die Erkenntnis

Ab Anfang Dezember 1903 trat der Jäger beruflich kürzer. Er war abkömmlich, sodass er über den Jahreswechsel in die Oberlausitz reisen konnte. Freudestrahlend begrüßte ihn sein Wirt. Jedoch nicht ohne die Bemerkung, dass sein Erscheinen sicher nicht jeden erfreue.

„Bestimmt verdrehen einige Forstbeamte die Augen, wenn ihnen vor Weihnachten einer wegen des Tigers auf die Neven geht.“

„Das müssen die Herren wohl oder übel ertragen“, erwiderte ihm der Jäger.

„Jahrelang haben sie es nicht fertiggebracht, das gefährliche Tier zu beseitigen. Es ist an der Zeit, ihnen Dampf zu machen.“

Zunächst aber zeigte auch das Dezemberwetter wenig Bereitschaft, den Jäger bei seiner Mission zu unterstützen. Zwar schien die Sonne klar vom blauen Himmel und der Frost steckte tief im Boden, doch das Entscheidende fehlte: der frisch gefallene Schnee. So blieb dem Jäger nichts anderes, als im Revier spazieren zu gehen und nach Wildgänsen, Enten und Hasen Ausschau zu halten. Immerhin konnte er dadurch seinen Wirt und einige Freunde mit einem Weihnachtsbraten beglücken. Mehr war nicht drin, zumindest bis drei Tage vor Heiligabend.

Kaum war der Jäger erwacht, fuhr er wie von der Tarantel gestochen hoch. Senkrecht saß er im Bett und wollte nicht glauben, was er an diesem Montagmorgen sah. Er kniff in seine Wange, aber es war kein Traum: Vom Schlafzimmerfenster aus blickte er auf die weißen Dächer in der Nachbarschaft.

„Aufstehen“, befahl er sich selbst.

„Ein Weidmann, der bei frisch gefallenem Schnee ruhig schlafen kann, sollte besser die Flinte in die Ecke stellen und einer anderen Beschäftigung nachgehen.“

Rasch erledigte er die Morgentoilette, klappte ein paar Brote zusammen und stand nach einer halben Stunde in voller Montur an der Treppe. Der Hausbesitzer schaute aus seiner spaltweit geöffneten Wohnungstür und fragte, wohin denn der Jäger so früh wolle.

„Frische Spuren im Schnee – sie wissen ja“, rief er ihm statt eines Morgengrußes zu.

Dann lief er hastig hinunter. Laut fiel die Haustür ins Schloss. Es war das letzte Geräusch, das der Vermieter bis zum Abend vom Jäger zu hören bekam.

Als der Tag heraufzog, stand der Jäger bereits im Revier. Unter seinen Stiefeln knirschte der Neuschnee und ein Blick auf den Boden verriet: Er hatte sich nicht geirrt. Von links nach rechts, von rechts nach links, voraus und zurück entdeckte er jede Menge Fährten. Sie stammten von den unterschiedlichsten Tieren und gaben dem Jäger Anlass, sich über den Wildreichtum des hiesigen Waldes zu freuen. Gerade heute wäre ein idealer Tag, einzelnen Tieren nachzustellen. So gerne er das getan hätte, trieb ihn jedoch ein anderer Umstand an, weiterzugehen. Wieder und wieder kam ihm der Tiger in den Sinn. Ihn wurmte, dass schließlich er die Jagd gepachtet hatte und ein Zweiter es wagte, sich ungefragt an den reich gedeckten Tisch zu setzen. Würde er diesem Schurken heute auf die Spur kommen? Würde er ihn töten können? Wie gesagt, die Gelegenheit war günstig, doch wo sollte er die Spurensuche beginnen? Am aussichtsreichsten wäre, überlegte er, ich laufe dorthin, wo ich im Sommer die schauerlichen Überreste seiner Fressorgie gefunden habe. Banditen kehren ja, sagt man, oft an den Ort ihres Verbrechens zurück. Also schaute er noch einmal auf das Messtischblatt, rückte die Flinte zurecht und lief los.

Wolfsspur im Schnee

Nach einer Dreiviertelstunde straffen Marsches stapfte er über die im Juli entdeckte Brandfläche hinweg. Auch hier konnte er im Schnee viele Spuren entdecken – die einer Raubkatze oder eines Hundes allerdings nicht. Je näher er der Schneise kam, desto langsamer lief er. Meter für Meter suchte er den weißbedeckten Boden ab. Dann blieb abrupt stehen.

„Hab ich’s mir doch gedacht“, fluchte er halblaut, „bist du also immer noch da, du vermaledeiter Nimmersatt“!

Vor sich sah er die Abdrücke von Hundepfoten. Sie verliefen längs entlang der Schneise. Den Ausmaßen und der Tiefe nach stammten sie von einem größeren Exemplar seiner Gattung. Bei dem vor Ort reichhaltigen Fleischangebot schien ihm das nicht verwunderlich.

„Hast dich hier schön fett gefressen, aber damit ist jetzt Schluss“, drohte er ins Dickicht hinein.

Dass der Hund ihn nicht verstehen, ja nicht mal hören würde, war ihm klar. Er hatte sich längst über alle Berge gemacht, seine Fährte verlief weiter in nordöstliche Richtung. Der Jäger entschloss sich, ihr zu folgen. Nach rund einem Kilometer fand er sogar eine frische, filzige Losung, durchsetzt mit Rotwildhaar. Außerdem fiel ihm an der Spur des verwilderten Köters auf, dass dieser schnürte, was für Hunde eher untypisch war. Das machen eigentlich nur ...

„Na klar!“

Der Jäger fasste sich an die Stirn.

„Das ich nicht gleich darauf gekommen bin!“

„Du bist gar kein Hund, du bist ein waschechter Wolf!“

Nur – wie kam der hierher? In einer Jagdzeitung hatte er doch gelesen, das letzte hier lebende Tier der Gattung Canis lupus wäre exakt im Dezember vor 58 Jahren im Muskauer Jagschlossrevier erlegt worden. Ist er wieder da? Nicht auszudenken, wenn andere Wölfe dazukommen und die Bestien sich vermehren! Dem musste von vorn herein ein Riegel vorgeschoben werden! Und da die Spur aus seinem Gebiet heraus, in einer Schonung des Muskauer Reviers verschwand, beschloss er umzukehren. Noch heute wollte er den für ihn zuständigen Förster kommen lassen.

Begeistert schien Förster Dommel nicht zu sein, dass er am Abend beim Jagdpächter antanzen durfte. Schließlich hatte er vor Weihnachten anderes zu tun, als einem verwilderten Hund nachzulaufen. Zumal er bereits drei Jahre versucht hatte, das Tier zu erlegen. Vergeblich – es war einfach zu schlau. Damit musste man sich wohl abfinden.

„Zu schlau, zu schlau ...“, vorwurfsvoll sah der Jäger den Förster an.

„Sie wollen mir doch nicht erzählen mein lieber Dommel, dass ein einzelner Wolf klüger ist, als alle Weidmänner der preußischen Oberlausitz zusammen?“

Das Wort Wolf ließ den Förster aufhorchen.

„Ja ja, sie haben richtig gehört“, sagte der Jäger.

Er berichtete ihm vom heutigen Jagdausflug. Wie er die Spur verfolgte und eindeutig zum Schluss kam, dass es sich beim Tiger von Sabrodt weder um eine Raubkatze, noch einen verwilderten Hund, sondern um einen gewöhnlichen Wolf handle. Er nahm seine Jagdfibel zu Hand und knallte sie dem Förster auf den Tisch. Als wolle er ihn wie einen Schuljungen belehren, schlug er die Seite mit der Rubrik ‚Wolf‘ auf und zeigte demonstrativ auf das Bild:

„Canis lupus – verstehen sie, so sieht er aus“, meinte er provozierend.

Was folgte, war eine Standpauke. Wie könne es sein, fragte er, dass so viele Leute vom Fach während drei schneereicher Winter nicht in der Lage waren, das Tier zu identifizieren? Stattdessen hätten sie durch ihren Dilettantismus der Gerüchteküche Vorschub geleistet. Von einem Tiger, Leoparden und weiß Gott was für einem Ungeheuer wäre die Rede gewesen. Dabei ging es nur um einen Wolf, ein vorsichtiges, scheues Tier, das dem Menschen eher ausweicht.

„Nichtsdestotrotz muss das Biest weg“, schloss der Jäger sein Donnerwetter.

Schließlich sei der Wolf ein ernstzunehmender Landwirtschafts- und Forstschädling. Die Altvorderen hätten ihn in hiesigen Gefilden nicht umsonst ausgerottet.

„Anfang bis Mitte Januar bin ich wieder hier, dann gehen wir die Sache gemeinsam an“, meinte der Jäger zum Schluss versöhnlich.

Er wünschte Förster Dommel ein schönes Weihnachtsfest und fuhr am nächsten Tag zurück in Richtung Berlin.

Vergebliche Treibjagden

Es war zum Verzweifeln! Zu Beginn des Jahres 1904 konnte in der nördlichen Oberlausitz von weißem Winter keine Rede sein. Das Thermometer schwankte um den Nullpunkt. Lediglich am 22. Januar änderte sich das kurzzeitig. Die Temperatur rutschte leicht in den Keller und dichter Flockenwirbel brachte Neuschnee. Klar, dass es den Jäger an diesem Freitag beizeiten hinauszog. Ihm war bekannt, dass sein Förster am Vormittag auf dem Bahnhof Hoyerswerda mit dem Verladen von frisch geschlagenem Holz zu tun hatte. Er ging vorbei und verabredete um 11 Uhr mit ihm einen Treff direkt am Einschlagplatz. Wenn es ihm bis dahin gelingen sollte, den Wolf aufzuspüren, wollten sie unverzüglich mit der Treibjagd beginnen. Der Jäger hatte Glück. Wieder machte er die Spur des Wolfes aus, und wieder führte sie in das altbekannte Dickicht. Zur vereinbarten Zeit lief er rasch zum Förster, der sofort Arbeiter losschickte, um Treiber heranzuschaffen. Der Jäger selbst rannte los und holte Schützen heran. Gegen dreiviertel drei kam er zurück und stellte sie nördlich sowie südlich der Schneise auf. Von Osten und Westen her sollten die Treiber den Wolf ins offene Gelände drängen. Allerdings war das Ganze ein Schlag ins Wasser, denn Isegrim hatte die Gefahr erkannt oder war schon vorher verschwunden. Jegliche Versuche, ihn erneut aufzuspüren scheiterten. Schnell verging die Zeit und als die Sonne langsam am Horizont verschwand, verabredete man sich für den nächsten Tag ebenfalls um 11 Uhr. Diesmal allerdings am Königlichen Forsthaus.

Erstaunt stellte der Jäger fest, dass bereits um 10:45 Uhr eine beträchtliche Anzahl Menschen vor dem Forsthaus wartete. Kein Wunder, denn auf der Treppe stand höchstpersönlich der königliche Oberförster von Gronefeld. Nüchtern betrachtet überraschte ihn das nicht. Es wäre verwunderlich, hätte er von der Jagd auf den Wolf nichts erfahren. Er fühlte sich verpflichtet und übernahm persönlich die Leitung der heutigen Aktion. Die Männer begrüßten sich herzlich und tauschen sogleich ihre neuesten Suchergebnisse aus. Während der Jäger am Vormittag im eigenen Revier keine aktuelle Spur des Wolfes fand, meldeten von Gronefelds Späher gleich zwei Stellen. Einer von ihnen wollte das Tier in einer Dickung im königlichen Forst, der andere im gräflich arnimschen Wald entdeckt haben.

„Na gut, doppelt hält besser“, sagte der Jäger und schlug vor, am nächstgelegenen Ort anzufangen.

Diesen jedoch, so war der Fährte zu entnehmen, hatte der Wolf längst verlassen.

Anders an der Dickung im arnimschen Forst.

„Zwei Spuren hinein, eine hinaus“, verkündete der Oberförster.

„Er ist eindeutig hier drin!“

Auf Anhieb waren die Männer still. Lediglich per Handzeichen dirigierte von Gronefeld die Treiber nach rechts und die Schützen nach links. Sachte nahmen alle die ihnen zugewiesenen Positionen ein. Die Spannung stieg, die Verschlüsse der Gewehre klackten. Dann ertönte die Anjagdfanfare. Gleich darauf setzten die Rufe und Stockschlage der Treiber ein. Schritt für Schritt durchkämmten sie die Schonung. Auf der gegenüberliegenden Seite standen hochkonzentriert die Schützen. Darunter der Jäger: die Waffe im Anschlag, den Finger am Abzug. Nicht lange jedoch und die Treiber waren durch. Einer nach dem anderen kam aus dem Dickicht und betrat das freie Feld. Und der Wolf? Keiner hatte ihn zu Gesicht, geschweige vor die Flinte bekommen. Die Gewehrläufe gingen herunter, die Schützen sicherten ihre Waffen und Enttäuschung machte sich breit.

„Hat das Biest es wieder geschafft“, fluchte der Jäger.

„Wahrscheinlich ist er im Norden durch die Treiberkette geschlüpft. Scheint ein gerissenes Vieh zu sein, dieser Tiger von Sabrodt“, meinte einer seiner Kollegen.

„Und das wird er für die nächste Zeit auch bleiben“, ergänzte ihn der Jäger mit Blick auf den Schnee.

Der nämlich taute schon wieder. Dem Jäger blieb zum Abschied nur die Verabredung, sich bei neuem Schnee erneut am königlichen Forsthaus zu treffen.

„Egal wie“, sagte er zum Oberförster von Gronefeld, „bis zur Setzzeit ist die Bestie tot, oder ich muss andere Leute engagieren.“

Das Ende

Verdammt, gerade jetzt und ich bin nicht dabei!“

Frustriert, nicht minder auch freudig, sah der Jäger am Vormittag aus dem Fenster seines Zugabteils. Flocken wirbelten durch die Luft und hüllten die ebene Landschaft in ein weißes Kleid. Vier Wochen hatte er seit der letzten Treibjagt bei matschigem Wetter in Hoyerswerda gesessen und auf Schneefall gehofft. Und ausgerechnet heute, am Mittwoch, den

24. Februar, war es soweit. Just am Tag, an dem man ihn dringend in der Reichshauptstadt erwartete. Wie gerne wäre er stattdessen in seinem Revier, würde Ausschau nach der Fährte des Wolfes halten und ihn gemeinsam mit den anderen einkreisen. Doch alles Bedauern half nichts. Auf ihn warten durften von Gronefeld und sein Förster auf keinen Fall. Wann, wenn nicht jetzt! Das Biest musste sein Ende finden.

„Vielleicht sollte ich die Leute zusätzlich motivieren“, überlegte der Jäger.

Er entschloss sich, neben der vom Landrat ausgesetzten Prämie, aus eigener Tasche noch einmal die Hälfte draufzulegen. Am Nachmittag lief er zum Telegrafenamt und telegrafierte seinem Förster:

+++ morgen kreisen um 11 Uhr am rendezvousplatz +++ bei erfolg 50 mark extraprämie +++

Desgleichen ging ein Telegramm an den königlichen Oberförster:

+++ meine jäger beauftragt wie verabredet zu kreisen +++ ich selbst leider verhindert +++ weidmannsheil +++

„Bedauerlich, dass der Jäger nicht dabei sein kann“, meinte von Gronefeld zum Förster Dommel.

Wie verabredet hatten sie sich am Donnerstag mit einigen Schützen sowie Treibern vor dem königlichen Forsthaus versammelt. Schnee war genug gefallen. Mit etwas Glück versprach die Suche Erfolg. Am Abend jedoch war die Enttäuschung groß. Nirgendwo konnten sie den ‚Tiger‘ festmachen. Dasselbe wiederholte sich am Freitag. So leise sie ausschwärmten, so weit sie liefen, so angestrengt sie auf den Schnee schauten: Nicht den kleinsten Pfotenabdruck eines Wolfes entdeckten sie.

Der Tiger von Sabrodt, Präparat Museum Hoyerswerda

„Vielleicht ist das Tier längst weitergezogen und wir erwischen es nie“, meinte Oberförster von Gronefeld.