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Die Geschichten dieses Buches handeln in der Stadt Löbau sowie den angrenzenden Dörfern. Sie beruhen auf wahren Begebenheiten und sind unterhaltsam, spannend und emotional geschrieben. Ergänzt werden sie durch einige Sagen aus der Region.
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Seitenzahl: 219
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Vorwort
Geschichten um die Stadt Löbau
Verratene Liebe
Wie der deutsche Kaiser auf dem Bahnhof Löbau nur knapp
Ausgebrannt und Obdachlos – das große Feuer
Wie in Löbau das Elektrozeitalter begann
Bleihaltige Luft
Die Katastrophe am Neujahrstag
Das Martyrium eines Blödsinnigen
Die schwere Geburt eines Turmes
Falschmünzer und Einfaltspinsel
Blumen für den Führer
Ein Selbstmord im Löbauer Stockhaus
Das grausige Ende eines Rittergutsbesitzers
Aus der Löbauer Sagenwelt
Sage vom Geldkeller
Sage vom feurigen Hund
Sage von der Wunderblume
Liebe Leserinnen und Leser,
ich freue mich, dass Sie sich entschieden haben, dieses Buch in die Hand zu nehmen. Vielleicht wollen Sie darin nur blättern und die eine oder andere Seite schnell anschmökern. Eventuell bekommen Sie sogar Lust das Buch zu kaufen, beziehungsweise Sie haben das bereits getan. Viele dieser Geschichten kannten Sie noch nicht und sind neugierig geworden. In diesem Fall: Herzlichen Glückwunsch - Sie gehen ab jetzt „Auf historischen Pfaden“! Es sind Pfade, die keineswegs ausgetreten sind, sondern unterhaltsam in die Welt unserer Ahnen führen. Wenn Sie lesend auf ihnen wandeln, erfahren Sie interessante Begebenheiten aus dem Leben der einfachen (manchmal auch komplizierten) Leute einer kleinen Stadt in der Oberlausitz. Sie lesen spannend erzählte Geschichten und Sagen, die auf ihre ganz eigene, lebendige Art Emotionen zeigen sowie von Träumen und Sehnsüchten der Menschen erzählen.
Die Geschichten, die dieses Buch erzählt, handeln ausnahmslos in Löbau. Diese Stadt, 1221 erstmals erwähnt,ist zwar nicht sehr groß, nichtsdestotrotz hat Löbau aufgrund seiner zentralen Lage in der Oberlausitz Bedeutsames bewirkt. Einstmals legte sie der böhmische König als Marktplatz an, den der Meißner Bischof Bruno II. in einer späteren Urkunde als Opidum Lubaw bezeichnete. Und da Marktplätze im Mittelalter zentrale Anlaufstellen waren, mauserte sich auch dieser Flecken bald zu einer richtigen Stadt mit Mauern und allem, was dazugehört. Böses und Gutes haben die Bürger im Laufe der Jahrhunderte hier erlebt. Einmal brannte ihre Stadt völlig nieder, ein andermal bestrafte sie der König hart. Einmal war sie historisch bedeutsamer Gründungsort eines mächtigen Städtebundes,ein anderes Mal wuchs sie zu einem der größten militärischen Standorte Europas heran. Heute ist Löbau ein nettes Städtchen mit vielen Sehenswürdigkeiten, mit einem Gusseisernen Turm, einer Messehalle sowie einem der schönsten Rathäuser Sachsens. Im Jahre 2012 war Löbau Ausrichter der Sächsischen Landesgartenschau und 2017 des Tages der Sachsen.
Alle im Buch geschilderten Episoden beruhen auf wahren Begebenheiten. Wir haben sie aus dem reichhaltigen Fundus des hiesigen Stadtarchives ausgegraben und ihnen für Sie, liebe Leserinnen und Leser, neues Leben eingehaucht. Abgerundet wird die Reihe der Erzählungen durch drei der bekanntesten Sagen vom Löbauer Berg.
Den größten Teil der Erzählungen habe ich in den vergangenen Jahren bereits in einer lose erscheinenden Heftreihe veröffentlicht. Da Letztere bei meinen Lesern großen Anklang fand, habe ich die Geschichten überarbeitet und in einem Buch zusammengefasst. Ich hoffe, damit einen größeren Leserkreis zu finden und meine kleine Stadt bekannter zu machen. Sollte Ihnen meine Art gefallen, historische Begebenheiten zu illustrieren, halten Sie mit Ihrer Meinung bitte nicht hinterm Berg. Kontaktieren Sie mich! Gern werden wir diese Buchreihe dann fortführen und um Geschichten aus der gesamten Oberlausitz erweitern. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen und freue mich auf Ihr Feedback!
Arnd Krenz
Die Summe unseres Lebens sind die Stunden, in denen wir liebten.
(Wilhelm Busch)
Sie war berauscht vor Glück, die Anna Rosina Lehmann, als ihre Dienstherrin darüber schimpfte, dass die Preußen wahrscheinlich schon morgen erneut in Löbau einrücken werden.
„Da machst du gleich die Kammer oben neben deiner fertig! Wir kriegen garantiert Soldaten zur Einquartierung und haben wieder mal ein paar Mäuler mehr zu stopfen“,schnarrte sie die Anna harsch an.
Dabei würdigte die Hausherrin das Mädchen keines Blickes, denn für sie als Frau des Bauinspektors Leder und Tochter des Bürgermeisters Kirchhoff, stand Anna Rosina als Dienstmagd in der Rangordnung der Stadt ganz weit unten. Sie wurde nur als „das Mensch“ bezeichnet, das zu tun hatte, was man ihr sagte. Herzlichkeit, Wärme oder wenigstens ein bisschen Anerkennung war da nicht drin. Das störte die Anna aber heute überhaupt nicht. Erstens war sie das von ihrer Herrschaft gewohnt und zweitens hatte sie mitbekommen, wer diesmal in der Stadt Quartier nehmen wollte. Nämlich das Bataillon des Hauptmanns von Kalbuz aus dem Regiment des Prinzen von Preußen. Und damit kam er wieder nach Löbau: Ihr Christian, den sie so sehr liebte und der ihr so unendlich lang fehlte.
Vor über einem Jahr hatten sich beide in Löbau kennengelernt. Er kam aus Lauba und war gerade Geselle bei den Zimmerleuten geworden. Sie wurde in Wendisch Paulsdorf geboren, ihre Eltern waren Häusler und ziemlich arm. Anna hatte noch zwei Geschwister, die zu versorgen waren. Deshalb musste sie sich, als ältestes Kind der Familie, in der Stadt für ein paar Groschen als Dienstmädchen verdingen.
Zuerst sahen sich Anna und Christian hin und wieder aus der Ferne, wenn sie Dienstverrichtungen auf dem Markt oder in der Kirchgasse (der heutigen Nicolaistraße) zu erledigen hatten. Nur ein paar versteckte Blicke, vielleicht ein verlegenes Lächeln, huschten über die Straße. Bis zu jenem Freitagnachmittag, als sie ihn im dichten Gedränge des kleinen Kramladens der freundlichen Johanna Reimer plötzlich neben sich spürte. Für einige Sekunden wagte sie es, dem Blick seiner samtweichen blauen Augen standzuhalten. In diesem Moment war es um ihre zwei Herzen geschehen. Ein tief gehendes, alle Sinne berauschendes Gefühl stieg in beiden hoch, ein Gefühl, das zwei Seelen für immer verbinden sollte ...
Lange konnte das frisch verliebte Paar seine Zweisamkeit allerdings nicht genießen, weil bei Aushebung der Rekruten im Frühjahr 1756 das Los zur Gestellung auch auf Christian fiel. Nun war er für acht Jahre dem sächsischen Kurfürsten als Soldat verpflichtet. Er hattenach der Grundausbildung immer wieder, besonders im Herbst oder bei Mobilmachungen, pflichtschuldig zu seiner Einheit zurückzukehren. Dann kam, zu allem Verdruss, im August 1756 noch großes Übel in Gestalt der Preußen ins Land. Deren König, Friedrich II., überschritt mit seinem Heer in kriegerischer Absicht die heimatliche Grenze und besetzte ganz Sachsen – mithin auch die Oberlausitz. Die preußische Armee schloss die Sächsische im September in einem Gebiet bei Pirna ein und im Oktober schließlich gab der sächsische Befehlshaber, Graf Rutowski, endgültig auf und kapitulierte. Die Folge war, dass der Preußenkönig alle sächsischen Soldaten, so auch den Christian, neu einkleidete und in den preußischen Militärdienst presste. Mit Widerwillen „durften“ sie für die kommenden Jahre in zahlreichen Schlachten ihre Köpfe für den „Alten Fritz“ hinhalten. Der wollte auf Biegen und Brechen das der österreichischen Kaiserin Maria Theresia von ihm entrissene Schlesien behaupten. Und das gegen eine mächtige Allianz, bestehend aus Österreich, Russland und Frankreich.
Doch trotz allem Ungemach, trotz aller Trennung, war beider Liebesleidenschaft so grenzenlos, dass Anna Rosina bis ans Ende aller Tage auf ihren geliebten Christian gewartet hätte! Und dann endlich, im November, kam von ihm der ersehnte Brief: Sein Regiment wäre in Budissin (Bautzen) ins Quartier gekommen und wenn sie ihn, so wie er es sich aus tiefstem Herzen wünschte, endlich heiraten wolle, solle sie doch so schnell wie möglich zu ihm eilen. Er würde nach ihrer Ankunft unterwürfigst beim Prinzen vorsprechen und um einen Trauschein bitten. Freudestrahlend drückte sie seinen Brief an die Brust – und ob sie wollte!
Nun war es freilich so, dass ihr – oder genauer beider – Ehewille zwar die eine, die reale Welt dagegen die andere Seite der Medaille war. Die striktesten Gegner der Hochzeitspläne waren Anna Rosinas Eltern. Einmal in der Woche kamen sie zum Markttag nach Löbau und Anna erzählte ihnen bei einer dieser Gelegenheiten, wie überglücklich sie sei und wie ihr geliebter Christian – der nun preußische Soldat war – ihr einen offiziellen Heiratsantrag gemacht hätte. Sie müsse nur schnell nach Budissin gehen, um die Trauung zu vollziehen …
„Um Gottes willen“, ihr Vater vergrub sein Gesicht in beide Hände.
„Unsere Anna will einen Soldaten heiraten! Was ist bloß in das Mädel gefahren? Nie und nimmer bekommst du dazu unseren Segen!“
Auch Mutter schüttelte sofort entschieden den Kopf. Vater sah Anna fragend an:
„Wie stellst du dir das eigentlich vor? Willst du etwa im Tross mit den Preußen umherziehen, etwa zur Hure verkommen?“
Vater grauste bei diesem Gedanken.
„Und was ist, wenn dein Soldat beim nächsten Scharmützel ein Bein verliert oder sogar totgeschossen wird? Bist womöglich mit 20 Jahren schon Witwe oder mit einem Krüppel verheiratet! Und was dann? Hast du dir darüber wenigstens ein einziges Mal Gedanken gemacht?“ Er fuchtelte resolut mit den Armen.
„Daraus wird nichts – das schlag dir aus dem Kopf!“ Mutter nickte zustimmend und meinte nur noch:
„Außerdem werden dich die Leders nie und nimmer für mehr als eine Woche nach Budissin gehen lassen – da bist du gleich deine Stellung los!“
Anna schlich tief betroffen und mutlos quer über den Markt und verkroch sich in ihrer Kammer.
„Christian, ach Christian mein Lieber“, heulte sie hemmungslos.
„Ich wünschte, du wärst ein Vögelein und kämest ganz schnell zu mir geflogen! Was soll nur aus uns beiden werden? Ich vermisse dich so sehr!“
Und Gott, in seiner unendlichen Güte, schien schließlich ein Einsehen mit Anna Rosina zu haben.
Mittlerweile war bereits das 1757ste Jahr ins Land gegangen und am 15. März schickte sich der Frühling nach und nach an, das Zepter in die Hand zu nehmen. Anna hatte gerade, wie von der Hausherrin befohlen, eine Kammer für die Soldaten hergerichtet und fieberte ungeduldig dem morgigen Dienstag entgegen. Denn da konnte sie endlich ihren Christian wiedersehen, der mit seinem Bataillon, diesmal aus Böhmen kommend, in der Stadt Quartier nehmen sollte. Wie sehr sie sich darauf freute! Womöglich wird sogar ihr schönster Traum wahr und sie werden heiraten können!
Besagten Tages, schon gleich nach dem Aufstehen, lief sie immer wieder aufgeregt auf die Straße und schaute die Zittauer Gasse hinunter zum Stadttor, dass es endlich aufginge und hoffentlich auch ihr geliebter Christian inmitten seiner Kameraden herein marschiert käme.
Dann endlich hatte das bange Warten ein Ende! In der fünften Stunde am Nachmittag kamen plötzlich drei Offiziere zu Pferde die Zittauer Gasse herauf geprescht. Hinter ihnen wälzte sich ein langer Wurm, vom kräftezehrenden Marsch erschöpfter Blauröcke, langsam in Richtung Markt. Der Platz füllte sich rasch. Laute Kommandos, Stimmengewirr und Waffenklirren durchbrachen abrupt die idyllische Feierabendruhe. Hunderte preußische Soldaten verwandelten die Innenstadt binnen kurzer Zeit in ein kleines Heerlager. Sie warteten, froh bald in einem weichen Bett zu liegen, auf ihre Quartierzuweisung.
Anna Rosina indes hatte ihren Christian noch gar nicht entdeckt. Ihre Nerven waren zum Zerreißen angespannt. In ihrem Kopf unaufhörlich die quälende Frage:
„Christian wo steckst du? Bist du überhaupt mitgekommen? Wo finde ich dich nur?“
Sie hüpfte mal hierhin mal dahin, streckte ihren Hals und hielt Ausschau. Nach einer Weile vergeblichen Suchens schlich sie am Rathaus vorbei bis hinter zur Bautzner Gasse. Und da … Annas Herz stolperte vor Aufregung … da sah sie ihn! Müde an eine Hauswand gelehnt, als ob er jeden Moment herunterrutschen wollte, stand er plötzlich zum Greifen nahe vor ihr. Eine riesige Last fiel von Anna, es gab kein Halten mehr! Mit hellem Freudengeschrei rannte sie zu ihm, umarmte und küsste ihren Liebsten, ohne auch nur im Geringsten auf die Umstehenden und deren anstößige Bemerkungen zu achten. Jetzt zählte nur der Augenblick, er war wieder bei ihr – endlich, endlich! Dicke Glückstränen rannen ihr übers Gesicht. Sie schaute ihn an und sah, wie auch er, überwältigt vom Moment, mit seinen Gefühlen kämpfte.
„Ach du, du mein Mädel ... meine Anna …“, wiederholte Christian immer wieder.
„Wie oft habe ich in langen Nächten und an trostlosen Tagen an dich denken müssen – wie sehr hast du mir gefehlt!“
Sein ganzer Körper zitterte in ihren Armen.
„Gedulde dich nur, bis wir in unseren Quartieren sind. Ich versuche, noch heute Abend in deine Kammer zu gelangen.“
„Ja so machen wir’s“, flüsterte sie.
„Ich warte und gebe Obacht, dass meine Herrschaft nichts mitbekommt.“
Kurz vor sieben, der Abend hatte Markt und Gassen schon fast in der Dunkelheit verschwinden lassen, huschte Christian auf der Kirchgasse ins Haus des Bauinspektors Leder. Anna wartete bereits unten im Flur auf ihn. Rasch schob sie Christian die Treppen hoch, vorbei an der Soldatenstube, in ihre kleine Kammer hinein. Da saßen sie nun, hielten einander bei den Händen und schauten sich einfach nur verliebt in die Augen, genossen für einige Augenblicke ihre tiefen Gefühle zueinander.
„Wie steht’s“,unterbrach Anna endlich das Schweigen, „hast du den Prinzen wegen des Trauscheines gefragt? Wann können wir endlich heiraten?“
„Ach Ännchen“, Christian sah sie traurig an.
„Es ist wahrlich nicht einfach. Solange ich bei den Soldaten bin, wird aus unserer Hochzeit wohl nichts werden.“
Er erzählte ihr, dass er vor einiger Zeit seinen Unteroffizier gefragt hätte, wie er denn zum Prinzen käme, ihn um einen Trauschein zu bitten. Doch der habe nur hämisch gelacht und gemeint:
„Zum Prinzen? Trauschein? Du hast wohl den Verstand verloren, Kerl! Jetzt ist Krieg und wir ziehen bald weiter nach Böhmen! Deine Braut sind wir und die Hochzeitsglocken werden dir bald als fette österreichische Kanonenkugeln um die Ohren fliegen! Ich wünsche dir schon jetzt viel Spaß bei diesem Fest!“
Damit hatte sich das Thema Hochzeit für den Rekruten Christian Gubsch endgültig erledigt.
„Glaube mir“, Christian stützte den Kopf verzweifelt in die Hände, „ich habe wirklich keine Lust mehr als Soldat mit den Preußen umherzuziehen. Wäre ich nur morgen schon frei und wir könnten für immer zusammen sein! Ich liebe dich so sehr!“
Anna Rosina blickte ihren Christian eine Weile versonnen an. Dann sprach sie leise und eindringlich auf ihn ein:
„Wir könnten tatsächlich schon bald zusammen sein – wenn du nur willst und kein Angsthase bist!“
Wieder ergriff sie seine Hand und erklärte den seit gestern in ihr gereiften Plan:
„Schleiche dich am Donnerstag des Abends Punkt neun zum Haus des Bürgermeisters Kirchhoff. Ich werde dich dort im Keller so lange verstecken, bis die Preußen wieder aus der Stadt ziehen. Und selbst wenn es vier Wochen und länger dauern sollte – hinterher bist du endlich frei!“
Christian sah sie fragend an und war gleichzeitig erschrocken, wusste er doch, dass die Preußen mit Deserteuren kurzen Prozess machen.
„Keine Angst“, versuchte Anna ihn zu beruhigen.
„Ich kenne den Keller. Da unten liegen nur Brauutensilien und er ist nicht verschlossen. Ich kann dich also mit allem Nötigen versorgen. Ich habe sowieso viele Dienstgänge bei den Kirchhoffs zu erledigen, schließlich sind’s die Schwiegereltern vom Leder. Wenn wir vorsichtig sind, kann uns mit Gottes Hilfe nichts passieren.“
Christian grübelte und nach einer Weile willigte er schließlich ein.
„Na gut Ännchen, so wollen wir’s machen!“
Hoffnungsvoll fügte er hinzu:
„Ich weiß von vielen sächsischen Kameraden, die aus der preußischen Armee geflohen sind. Unsere treuen Sachsen haben ihnen im ganzen Lande weitergeholfen. Keiner mag die Preußen so recht leiden – auch in unserer Oberlausitz nicht.“
Er küsste Anna sanft auf die Stirn.
„Und wenn wir frei sind, mein liebes Ännchen, dann gehen wir nach Böhmen, wo uns keiner kennt, und lassen uns von einem Pfarrer trauen.“
So beschlossen sie’s an diesem Abend und waren voller Zuversicht.
Kurz vor acht musste er, wie es das Reglement verlangte, in sein Quartier zurück. Anna brachte Christian bis zur Haustür. Sie sah ihm noch lange nach, bis die Finsternis seinen blauen Uniformrock verschlang.
Ganze vier Tage hockte Christian nun schon im Keller des kirchhoffschen Hauses. Immer wenn Anna konnte und es keiner sah, stieg sie die steilen Stufen zu ihm hinunter und versorgte ihn mit allem, was er brauchte. Sogar Bier brachte sie ihm, auch ein Federbett hatte sie organisiert und in den Keller geschmuggelt. Viel Zeit blieb ihnen bei den kurzen Besuchen nicht. Dennoch genossen sie die Momente, waren zärtlich zueinander und schmiedeten an ihren Zukunftsplänen.
Vom Abzug des preußischen Bataillons war in der Stadt indes noch nichts vermeldet worden. Allerdings hatte das Verschwinden Christians für einigen Wirbel gesorgt.
„S’ ist wieder einer desertiert“,ging die Runde von Haus zu Haus.
Die Wachmannschaft lief gereizt umher und fragte die Leute immer wieder nach einem verschwundenen Rekruten namens Christian Gubsch. Er war zur vorgeschriebenen Zeit nicht in seinem Quartier erschienen. Seitdem hatte ihn keiner mehr gesehen. Im Keller des Bürgermeisters zu suchen, auf die Idee kam allerdings keiner. Trotzdem wurde Christian das Versteck langsam zu gefährlich. Überdies war ihm die ständige Dunkelheit zuwider.
„Ännchen, hier mag ich nicht länger bleiben“, klagte er am Montag,
„Gestern in der Abendstunde kam sogar jemand mit brennendem Licht herunter, hat mich aber hinter den gestapelten Braugefäßen zum Glück nicht entdeckt. Lass uns nach einem besseren Versteck suchen!“Da fiel Anna ein, dass es am besten wäre, wenn er sich bis zum Abzug der Preußen in ihrer Kammer verbergen würde.
„Zudem wären wir dann immer beieinander“, meinte sie.
„Und gefährlich ist’s auch nicht, denn außer mir kommt keiner da rein. Ich habe den Schlüssel immer in der Schürze und meine Herrschaft hat sich dort oben noch nie blicken lassen.“
Sie glaubte, wenn Christian sich ruhig verhielte, könne er dort bis zum Sankt Nimmerleinstag unentdeckt bleiben. Gesagt, getan! Abends in der achten Stunde gleichen Tages, huschten beide ungesehen über die dunkle, menschenleere Gasse in Annas kleine Stube hinauf.
Keiner der anderen Bewohner, einschließlich seiner im Haus einquartierten Bataillonskameraden, bemerkte das Liebespaar, das sich hier heimlich auf unbestimmte Zeit einzunisten versuchte.
Am Mittwoch in der Mittagszeit wendete sich jedoch das Schicksal. Anna hatte ihrer Herrschaft unten in der großen Stube gerade die Mahlzeit serviert und wollte nun, so wie sie es die ganze Zeit getan hatte, ihrem Christian das Essen bringen. Da dies unauffällig geschehen musste, lief sie mehrmals, kleine Stücke unter ihrem Kittel verbergend, von der Küche in die Kammer hinauf.
„Was macht das dumme Ding da?“
Fatalerweise fiel dem Leder diesmal Annas Verhalten auf.
„Rennt immer treppauf treppab und macht sich in ihrer Kammer zu schaffen!“
Prompt wies er seine Frau an, das Mädchen unter einem Vorwand wegzuschicken und dann in der Kammer nachzusehen, um die seltsamen Aktivitäten aufzuklären. Weisungsgemäß schlich Leders Ehefrau, nachdem Anna weg war, über einen Nachbarraum ans Dienstmädchenzimmer heran, öffnete die Verschlusskette und schielte ins Zimmer. Als sie sah, dass ein preußischer Soldat am hellerlichten Tag auf Anna Rosinas Bett saß, schlug sie die Tür zu Tode erschrocken wieder zu.
„Jesus Maria!“, kreischte sie und meldete ihrem Mann völlig aufgelöst die skandalöse Entdeckung.
Der meinte gleich, dies könne doch nur der weggelaufene Preuße sein, der schon tagelang gesucht wird. Bauinspektor Leder griff augenblicklich nach seinem Hut, den Deserteur beim preußischen Kommandanten zu melden. Die vorsichtige Einwendung seiner Frau, dies sei doch auch nur ein armer Kerl und vielleicht sogar ein Sachse, ließ er nicht gelten. Kurz angebunden meinte er lediglich:
„Der preußische Hauptmann ist nun mal gerade Obrigkeit in unserer Stadt. Da hat man als pflichtbewusster Bürger, will man im rechten Lichte dastehen, seine Pflicht zu tun.“ Außerdem hast du ja selber die Aushänge gelesen und weißt, was denen blüht, die Deserteure verstecken!“
Auf der Straße gab er dem Schuljungen Fiebiger schnell einen Groschen, mit dem Auftrag, im Hof aufzupassen, dass der Soldat nicht etwa oben aus dem Fenster klettere. Dann eilte er, so schnell ihn seine Beine trugen, ins Quartier des Hauptmanns von Kalbuz.
„Braver Mann!“
Kalbuz zog befriedigt an seiner mittäglichen Tabakspfeife.
„Das hat er gut gemacht und sich wahrhaftig einen Taler Belohnung verdient!“
Er gab postwendend Befehl den Deserteur samt dem Dienstmädchen im Lederschen Hause abzuholen und zu arretieren. Bauinspektor Leder indes, voll Stolz über so viel Lob, schwenkte seinen Dreispitz und verließ mit leuchtenden Augen und tiefen Verbeugungen das Zimmer des preußischen Kommandanten. Noch nicht ganz an seinem Hause angekommen, konnte er schon von Weitem miterleben, dass die Preußen offensichtlich von der ganz schnellen Truppe sind. Sie waren gerade dabei Christian Gubsch abzuführen und auch Anna, die just von ihren Besorgungen zurückgekommen war, lief direkt in die Arme der Wache. Willenlos in sich zusammengesackt und tränenüberströmt ließ sie sich mitnehmen. Eine Handvoll Gaffer beobachtete mit offenen Mäulern die Szene.
Inzwischen saß Anna Rosina im Stockhaus und konnte ihr Unglück kaum fassen. Am gestrigen Nachmittag hatte sie der Löbauer Stockmeister Greulich von der preußischen Wache am Zittauer Tor mit tröstenden Worten hierhergebracht. So viele Tränen, wie sie hätte vergießen wollen, konnten tausend Menschen nicht weinen. In ihr bohrte unaufhörlich die Frage, was in Gottes Namen jetzt mit ihrer Liebe geschehen solle. Nicht an sich selbst, nur an ihren Christian musste sie unentwegt denken. Vorhin brachte man beide aufs Rathaus zum Verhör. Sie konnten sich nur verstohlen in die Augen sehen und hatten alles offenherzig zugegeben. Was sollten Lügen auch bringen! Das auch ihr eine Strafe drohte, war klar. Sie hatte die preußischen Plakate gesehen und der Pastor musste es oft genug von der Kanzel verkünden:
„Alles Hab und Gut derjenigen, die einen Deserteur verbergen, wird konfisziert.“
So hatte es der „Alte Fritz“ den Sachsen angedroht. Sie aber war arm wie eine Kirchenmaus. Was konnte also groß passieren? Vielleicht ein paar Wochen Karzer, aber das war ihr im Moment egal. Wenn nur ihr Christian heil davonkäme!
„Nimm’s dir nicht so zu Herzen“, versuchte Stockmeister Greulich Anna in ihrer Zelle aufzumuntern. Als Oberlausitzer und Sachse fühlte er im Innersten mit ihr.
„Wenn die Preußen hier weg sind, wird der Rat dich ganz bestimmt wieder freilassen. Dann kräht kein Hahn mehr nach der Sache!“
„Schlimmer steht’s da schon um deinen bedauernswerten Bräutigam.“ Greulich schluckte und strich Anna über die Schulter.
„Heute ist ein preußischer Oberst hier aufgetaucht und hat den Scabinius (Gerichtsschöffe) Segnitz zu sich befohlen. Morgen soll der Deserteur vorm Zittauer Tor, direkt am Weg nach Rumburg, gehenkt werden. Unser Scharfrichter muss ihn anschließend an der Kirchhofmauer unchristlich verscharren ...“
„Tut mir leid – so ist’s nun mal, da können wir alle nichts dagegen tun.“
Der Stockmeister blickte traurig in Annas entsetztes Gesicht, nickte noch einmal bedrückt und ließ die kreidebleiche Anna in ihrem Leid allein.
Die ganze Nacht hatte sie verzweifelt in der Ecke ihrer Zelle gehockt. Aller Lebensmut war aus ihr gewichen. Den Kopf auf die Knie gelegt, sodass ihr langes braunes Haar den Fußboden berührte, flog ein leises Wehklagen zum ungerechtesten aller Götter in den sonst so gelobten Himmel. Und dann, in der Frühe des nächsten Tages, als mehrere Trommelwirbel vom Markt her einen nahen Soldatentod ankündigten, drang ein Mauern durchdringender Aufschrei unsäglichen Schmerzes zu den Menschen hinaus. Ohnmächtig klagte er unterwürfige Feigheit, Gewalt und Menschenverachtung an.
„Ihr verfluchten Racker wollt ihr denn ewig leben?“(Friedrich II. zu seinen fliehenden Soldaten in der Schlacht bei Kolin, 1757)
Waren das wieder aufregende Tage in Löbau! Nein wirklich – so etwas konnte man nicht oft in der Stadt erleben!
Man schrieb das Jahr 1896. Der Sommer verabschiedete sich in der ersten Septemberhälfte ziemlich regnerisch, als wieder einmal Kaisermanöver angesagt waren. Diesmal tobte das „große Schlachtengetümmel“, verfolgt von ganz großer Prominenz, in der schönen Oberlausitz zwischen Löbau und Görlitz.
Pferdegetrappel, schepperndes Militärgeschirr und schneidige Kommandos ersetzten bis in die Nachtstunden hinein auch das sonst so friedliche Leben der Löbauer Bevölkerung. Ganz besonders zum Entzücken der weiblichen Jugend waren jede Menge Soldaten da. Schneidige Burschen – manchmal über 7000 an der Zahl – die, dem einen zur Freude, dem anderen zum Stress, für turbulente Abwechslung vom täglichen Alltagseinerlei sorgten.
Und die Kinder erst! Sie waren in diesen zwei Wochen ganz aus dem Häuschen. Vor allem Jungs rannten in kleinen Scharen lärmend durch die Straßen. Sie bestaunten Waffen, Ausrüstung und Uniformen und schauten dem Militär bei seinem Treiben genau zu, um beim Soldat spielen ja alles richtig zu machen. Glücklich waren dabei die Kinder, deren Eltern genug Geld übrig hatten, um beim Spielwarenhändler Holzflinte und Blechsäbel für ihre kleinen Möchtegernhelden erstehen zu können. Der Rest behalf sich mit Stöcken und selbst geschnitzten Schwertern. Ab ging’s mit großem Hallo zum „Sturmangriff“ auf den „Feind“. Nicht selten stand mancher Held anschließend ziemlich kleinlaut und heulend mit geschwollener Backe zu Hause beim Vater auf der Matte.
Ernsthafter ging es da schon im „Wettiner Hof“ zu. Hier war zeitweise ein preußischer Divisionsstab einquartiert. Er dachte auf Grundlage der Manöveridee an Messtischblättern über aktuelle militärische Lagen nach und gab Befehle an die einzelnen Truppenteile aus. Eine Ostarmee unter dem Befehl von Generalfeldmarschall Graf Waldersee hatte nämlich angenommenerweise eine Westarmee im Raum Breslau eingeschlossen und nunmehr die zu deren Entsatz anrückenden Truppen abzuwehren. Das war, zugegebenermaßen, eine knifflige Aufgabe, welche aber letztendlich die Ostarmee bravourös löste. Die gesamten Manöverhandlungen liefen unter den mehr oder weniger fachmännischen Blicken Seiner Majestät Kaiser Wilhelms II. ab. Mehrmals fuhr er in seinem kaiserlichen Sonderzug auf der sächsisch-schlesischen Bahnlinie hin und her. Obwohl diesmal absolut kein Kaiserwetter angesagt war, stieg er immer wieder aus, um von ausgewählten Punkten das Manövergeschehen zu begutachten. Am 07. September tat er das sogar mit seinem angeheirateten Cousin, dem russischen Zaren Nikolaus II., den er im Anschluss mit seiner Frau in Görlitz bewirtete.
Wettiner Hof am Wettiner Platz
Am 12. September beschloss ein Gefecht zwischen Spittel und Trauschwitz das Manöver. In einem Zelt auf dem Wohlaer Berg wertete am Vormittag Prinz Albrecht von Preußen, in Anwesenheit SM Kaiser Wilhelm II., des Königs von Sachsen, der königlichen Hoheiten Prinz Georg, Prinz Ludwig und Leopolds von Bayern, das Manövergeschehen aus. Im Anschluss fuhren die hohen Herrschaften über Kittlitz nach Löbau. Damit nahm eine Verkettung unglücklicher Ereignisse ihren Lauf, die den Deutschen fast ihren Kaiser genommen hätte und Löbau europaweit in die Schlagzeilen brachte.
Während die Monarchen noch auf dem Weg von Kittlitz zum Löbauer Bahnhof waren, fuhr mittags um halb zwölf Uhr der von zwei Lokomotiven gezogene kaiserliche Sonderzug, aus Richtung Bautzen kommend, in Löbau ein. Dieser konnte jedoch nicht auf dem Görlitzer Ferngleis stehen bleiben, weil in Kürze auf demselben der fahrplanmäßige Schnellzug aus Dresden erwartet wurde. Damit die freie Durchfahrt dieses Zuges gewährleistet werde, wies Bahnhofsinspektor Wilhelm Julius Götze die Lokführer an, ihren Zug einstweilen rückwärts in das Ebersbacher Gleis zu fahren. Auf dem war weiter hinten bereits der Fürstenzug zur Aufnahme der anderen adeligen Herrschaften eingeparkt. Die ganze Aktion musste mit größter Vorsicht geschehen, weil sich der Bahnhof samt Perron mehr und mehr mit neugierigen Menschen füllte. Sie alle wollten unbedingt dem Kaiser und ihrem geliebten sächsischen König zujubeln.
Gerade stand der Kaiserzug da, wo er niemanden störte, war vor dem Bahnhofsgebäude aufwallender Jubel zu hören:
