Das Bild der Welt im Kopf - Valentin Braitenberg - E-Book

Das Bild der Welt im Kopf E-Book

Valentin Braitenberg

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Beschreibung

Ein Titel aus der Reihe Wissen & Leben Herausgegeben von Wulf Bertram Wer bin ich, wenn nicht mein Gehirn? Das menschliche Gehirn ist eine besonders eindrucksvolle Blüte am Baum der biologischen Vielfalt. Dieser Stammbaum hat seine Äste in der Welt entwickelt und ist mit seinen Wurzeln tief in der Natur verankert. Wer aber erkennt die GeSetze der Natur und beobachtet die wundersame Entwicklung des Lebendigen, wenn nicht das Gehirn selbst? Bei dieser Spiegelung des Gehirns in der Welt und der Welt im Gehirn schließt sich ein Kreis, in dem Geist und Stoff nicht mehr als unvereinbare Elemente erscheinen. Im Mittelpunkt der philosophisch-naturwissenschaftlichen Gedanken von Valentin Braitenberg steht der Begriff der Information, der in der „Form“ der Lebewesen als ein Wissen über die Welt aufscheint. Ein geistreicher Fundus für alle, die Lust haben, unsere Existenz in dieser Welt zu verstehen, wie Forscher, Mediziner, Philosophen. Die italienische Ausgabe dieses Buches, "L'immagine del mondo nella testa", wurde mit dem renommierten italienischen Medienpreis "Premio Galileo 2000" für das Jahr 2009 ausgezeichnet. Prof. Dr. Dr. h.c. Valentin Braitenberg, Hirnforscher, war u.a. Direktor am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen und Honorarprofessor an den Universitäten Tübingen und Freiburg. Braitenberg bringt das Kunststück fertig, „…kurzweilig viele Fragen auf amüsante und ebenso intelligente Weise anzureißen und damit den Leser selbst zu befähigen, darüber zu meditieren, wie das Bild der Welt in dessen eigenen Kopf kommt. Gerade in einer Zeit, in der „Meditation“ gerne als gedankenloses Singen von Mantras missverstanden wird, gereichen die cartesianischen Meditationen à la Braitenberg jedem denkenden Menschen zu einem ganz privaten Vergnügen der besonderen Art.“ (Aus der Einführung von Manfred Spitzer)

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EPUB

Seitenzahl: 186

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Valentin Braitenberg

Das Bild der Welt im Kopf

Eine Naturgeschichte des Geistes

Mit einer Einführung von Manfred Spitzer

Prof. Dr. Dr. h.c. Valentin BraitenbergMax-Planck-Institut für Biologische Kybernetik Spemannstraße 38, 72076 Tübingen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Besonderer Hinweis

Die Medizin unterliegt einem fortwährenden Entwicklungsprozess, sodass alle Angaben, insbesondere zu diagnostischen und therapeutischen Verfahren, immer nur dem Wissensstand zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buches entsprechen können. Das Werk mit allen seinen Teilen ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert werden.

© 2009 by Schattauer GmbH, Hölderlinstraße 3, 70174 Stuttgart, Germany; [email protected]://www.schattauer.de

Printed in Germany

Umschlagabb.: © Jiří Kolář: „Malà Pocta Breughelovi”. Collage, 29 × 22 cm, 1969. Mit freundlicher Genehmigung der Galleria OPEN ART s.r.l., Viale Della Repubblica 24, I–59100 Prato Satz: r&p digitale medien, Echterdingen

Druck und Einband: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

ISBN 978-3-7945-2711-3

Vorwort

In diesem Buch will ich versuchen, eine Weltanschauung – meine eigene – in ihrer Gesamtheit darzustellen. Vor allen Dingen entspringt das Werk dem Wunsch, das Gedankengebäude, in dem ich mich behaglich bewege, auf seine Geschlossenheit zu prüfen. Dahinter verbirgt sich keineswegs der Gedanke, dass meine Art, die Welt – und mich in ihr – zu sehen, etwa die bestmögliche oder gar die einzig mögliche sei. Eher schon verstehe ich sie als einen Köder, der mir Leute, die ähnlich denken, zuführen und vielleicht zu Freunden machen könnte. Doch sind mir die anderen, die gute Gründe haben, anders zu denken, genauso lieb. In der sicheren Erwartung, dass mich die Philosophen nicht zitieren werden, zitiere ich sie auch nicht. Es kommt vor, dass ich Gedanken aufschreibe, die anderswo schon geschrieben stehen. Das sind oft unbewusste Übernahmen, manchmal auch bewusste, wobei ich meistens nicht genau weiß, von wem: Ich halte die Gedanken für interessanter als die Köpfe, denen sie entsprungen sind. Manchmal ist es keine Übernahme, sondern mein eigener origineller Einfall, der allerdings vorher schon einem anderen eingefallen ist. Wir haben alle sehr ähnliche Gehirne, und die Welt ist für alle die Gleiche.

Für die vorliegende Ausgabe im Schattauer Verlag habe ich den Text noch einmal sorgfältig überprüft. Ich kann versichern, dass das menschliche Gehirn sich nicht wesentlich geändert hat und die darin abgebildete Welt auch nicht allzusehr. Das Bild der Welt in meinem Kopf ist noch stimmig, und dasjenige im Kopf des Lesers hoffentlich auch.

Tübingen, im Frühjahr 2009

Valentin Braitenberg

Beipackzettel

Kapitel 5 bis 7 bauen aufeinander auf und sollten der Reihe nach gelesen werden. Kapitel 3 und 4 sind in sich abgeschlossen. Wenn nicht anders empfohlen, sollte die Dosis von einem Kapitel pro Tag nicht überschritten werden.

Nicht empfohlen wird die Lektüre nach den Mahlzeiten.

Nebenwirkungen: Kapitel 1 kann Widerwillen erzeugen und sollte dann übersprungen werden. Beim Kapitel 2 stellt sich bei manchen Lesern das Gefühl ein, das alles selbst besser zu kennen. Kapitel 3 kann Schwindelgefühl auslösen, besonders wenn man sich nicht genügend Zeit für Meditation nimmt. Im Kapitel 4 kann der Begriff der Information bei Lesern, die damit früher in anderen Zusammenhängen in Berührung gekommen sind, allergische Reaktionen hervorrufen. Bei den Kapiteln 5 und 6 klagen manche Leser über Ermüdungserscheinungen. Kapitel 7 kann bei Geisteswissenschaftlern lästigen, aber harmlosen Juckreiz erzeugen.

Unverträglichkeiten mit anderen Weltanschauungen sind bisher nicht beobachtet worden.

Inhalt

Einführung

Cartesianische Meditationen à la Braitenberg Manfred Spitzer

1 In eigener Sache

Lust am Verstehen

Der Verfasser exploriert die Stimmung, aus der heraus er seine Weltanschauung entwirft. Das Erkennen und Verstehen von Zusammenhängen ist seine eigentliche Lust, der er alles opfert, nur nicht das friedliche Zusammenleben mit Menschen, die andere Prioritäten setzen. Der ihm vorschwebende Gedanke einer verschulten Republik wird ihm allerdings nicht nur Zustimmung bringen.

2 Der Blick nach innen

Introspektion

Was man in seinem Inneren erlebt, gehört nicht in eine objektiv nachprüfbare Weltbeschreibung. Doch sind introspektive Erfahrungen für jeden von uns unzweifelhaft Realität. Man kann nur hoffen, dass wenn das physikalische Weltbild endlich zur Vollendung kommt, sich auch die Kluft zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven in ihm schließen wird.

3 Der Blick in den Kristall

Physikalische Meditationen

Physik beschreibt die Welt in Worten, die niemals zurückgenommen werden müssen. Sie dienen als Bausteine für alle anderen Naturwissenschaften. Und doch gibt es Aussagen in der Physik, die sich so weit von unseren alltäglichen Begriffen entfernen, dass man sich ihnen nur auf dem Wege einer staunenden Meditation nähern kann.

4 Lebewesen

Information und Wunder

Leben ist organisierte Materie, bei der das Organisationsprinzip durch Reproduktion von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die Information, die sich darin äußert, stammt aus den Bedingungen, die die verschiedenen Umweltnischen an das Überleben und die Vermehrung der ihnen zugeordneten Lebewesen stellen.

5 Das Gehirn: Ebenbild der Welt

Die Macht der Fasern

Gehirne sind fleischgewordenes Wissen über die Strategien, die nötig sind, mit den Gegebenheiten der Umwelt fertig zu werden. Hier muss der Leser etwas mehr Geduld aufbringen, da es dem Verfasser auf seinem eigenen Forschungsgebiet schwer fällt, viele Details zu unterschlagen.

6 Gebrauch des Gehirns

Denken, Handeln, Logik, Sprache

Was man über Neuronen weiß, reicht aus, um sich vorzustellen, welche Mechanismen im Gehirn für die mehr intellektuellen Aspekte des menschlichen Verhaltens verantwortlich sind. Die moderne Version der Ideen-Assoziation, die Lehre von den cell assemblies bewährt sich als Theorie der kognitiven Leistungen bis hin zur menschlichen Sprache.

7 Ästhetik

Geschmack, Witze und Theoreme

Jenseits des logischen Kalküls wird unser Denken und Handeln von emotionalen Wertungen bestimmt. Diese finden sich in Bereichen wieder, die man gewöhnlich als Ästhetik zusammenfasst. Zu den Wertungen, die bei allen Tieren das Verhalten bestimmen, gesellt sich beim Menschen eine Ästhetik des Denkens, die intellektuelle Kreativität fördert.

Einführung

Cartesianische Meditationen à la Braitenberg

Stellen Sie sich vor, Sie setzen sich an Ihren Schreibtisch, ganz gemütlich, zum Beispiel am Morgen oder am Abend, und schreiben einmal auf, was Sie wissen. Es geht dabei nicht um irgendein Wissen, denn Sie sind Gehirnforscher und wollen einmal aufschreiben, was Sie über das Gehirn wissen. Sie wollen dabei nicht die neueste Literatur zitieren, nein Sie wollen im Grunde überhaupt nicht zitieren. Sie wollen einfach aufschreiben, wie aus Ihrer Sicht die Dinge sind. Und weil sich das Gehirn naturgemäß um alles kümmert, um Wahrnehmen, Denken, Begreifen, Erinnern, kurz, um die Welt, geht es bei Ihrem Unterfangen keineswegs nur um irgendein Spezialwissen, sondern es geht letztlich um das, was Sie über die Welt denken.

Dieses Vorhaben ist gar nicht so einfach. Wo fängt man an? Was setzt man voraus? – Wenn man beginnt, auch darüber nachzudenken und diese Gedanken zu verschriftlichen, so handelt es sich bei diesen Bemühungen letztlich genuin um das, was man Philosophie nennt. Als Freund der Weisheit will man schließlich nichts anderes zu Papier bringen. Zu den berühmtesten Versuchen dieser Art in der Geschichte der Philosophie gehören sicherlich die Meditationen des Mathematikers und Philosophen René Descartes: Bei Null anfangen und überlegen, was man weiß. Der Mathematiker und Philosoph Edmund Husserl hat es ihm ebenso nachgemacht wie der damalige Schullehrer Ludwig Wittgenstein.

Wer einfach so und vermeintlich ohne jegliche Voraussetzungen bei sich anfängt, fängt in Wahrheit natürlich nicht bei sich an. Er setzt vielmehr schon viel anderes voraus. Interessant ist dabei, was der meditierende Denker für sich voraussetzt. Bei Descartes war es sein eigenes Denken, bei Husserl sein Erleben, bei Wittgenstein die Welt. Bei Braitenberg ist es sein Leben, das als Prinzip das eigene Überleben hat. Hinzu kommt unser Umgang mit der Welt. Andere tun dies mit mir. Im Kollektiv verhalten wir uns mit den anderen, die sich auch über die Welt Gedanken machen, nach gewissen Regeln. Die Institution dieser Regeln, ihrer Vertreter und alles, was sonst noch daran hängt, nennt man insgesamt Wissenschaft. „Die eine Frage, die mein Denken bewegt, ist, wie ein Mensch, als winziges Produkt der gewaltigen Natur, die Gesetze eben dieser Natur in sich erfassen kann”, fasst Braitenberg seinen Ausgangspunkt zusammen, den er auch „Lust am Verstehen” nennt. Diese Lust kennt keine Sättigung und nimmt, im Gegensatz zu anderen Lüsten, niemandem etwas weg. Entsprechend entwirft Braitenberg seine „Republik Utopia” mit einer allgemeinen Schulpflicht vom 3. bis 68. Lebensjahr, was vielleicht mehr über den Autor und weniger über die Welt aussagt.

Sein Weg der Meditationen verläuft dann ganz traditionell über den „Blick nach innen”, die Probleme von „Seele”, „Bewusstsein” und „Willensfreiheit”, über die hier nur soviel gesagt sei (um nicht die Spannung zu verderben), dass neue und unerwartete Gesichtswinkel eingenommen werden. Descartes wird schnell abgehakt: „Ich denke, ich beobachte, ich gehe, ich kaue”, Freud ebenfalls: „Höre auf Dein Überdu!”. Es geht weiter über Gedächtnis und Gefühle, und neben der Introspektion des Autors wird auch der ganz normale Sprachgebrauch befragt, um Klarheit zu gewinnen. Dies ist letztlich eine ganz alte Methode, die auf Aristoteles zurückgeht, der die Worte aneinander gerieben hat, um ihre Bedeutung zu schärfen. Auch Braitenberg reibt an Wörtern herum – und reibt damit nicht zuletzt sich selbst an der Sprache.

Um die Biologie wissenschaftlich einzubetten, wird eine Meditation über die Physik eingeschoben, die neben der „Meditation über einen Grashalm” und der „über einen Wassertropfen” auch eine über „einen Kristall” beinhaltet. Andere Meditationen über das Planksche Wirkungsquant, die Parität, bewegte Ladungen oder über Drehung schließen sich an. Immer ist die Sache interessant, gewürzt mit Kleinigkeiten und Anekdoten, und immer wieder wird klar, dass man hier einem denkenden Kopf gleichsam beim Denken über die Schulter schaut.

Dass das nächste Kapitel über Lebewesen mit einer „Meditation über Wunder” beginnt, ist natürlich ebenso wenig ein Zufall wie die nachfolgende Meditation über Information und Zufall (sic!). „Information, Redundanz, Kodierung sind Begriffe, die sich als revolutionär in der Biologie erwiesen haben”, geht Braitenberg den Dingen auf den Grund.

Es stört keineswegs, dass Braitenberg manchmal Dinge weglässt oder gelegentlich neueste Entwicklungen nicht anführt: (1) Was vor dem Urknall war, interessiert ihn nicht, die Physiker heutzutage durchaus. (2) Arten sind zwar dadurch so definiert, dass ihre Individuen miteinander Nachkommen zeugen; schätzungsweise 10 % aller Arten jedoch zeugen auch Nachkommen mit anderen Arten. (3) Die evolutionäre Nische ist ohne Bewohner nicht definierbar (was manche Argumente zirkulär macht). – Drei der Beispiele seien genug; sie sind belanglos und tun dem Spaß am Lesen keinen Abbruch!

Richtig spannend wird es, wenn der Altmeister der Gehirnforschung in Kapitel 5 dann zum Gegenstand seiner Expertise kommt. Natürlich geht es hier auch um den Gebrauch des Gehirns, und mir persönlich gefällt besonders gut, wie der Autor seine Gedanken mit Meditationen zur Ästhetik abrundet. Er ist dabei ganz modern, wurde doch erst im Herbst 2008 eine Gesellschaft für Neuroästhetik in Berlin gegründet.

In seiner kleinen Naturgeschichte des Geistes bringt Braitenberg damit das Kunststück fertig, kurz und kurzweilig viele Fragen auf amüsante und ebenso intelligente Weise anzureißen und damit den Leser selbst zu befähigen, darüber zu meditieren, wie das Bild der Welt in dessen eigenen Kopf kommt. Gerade in einer Zeit, in der „Meditation” gerne als gedankenloses Singen von Mantras missverstanden wird, gereichen die cartesianischen Meditationen à la Braitenberg jedem denkenden Menschen zu einem ganz privaten Vergnügen der besonderen Art.

Ulm, zu Ostern 2009

Manfred Spitzer

1 In eigener Sache

Lust am Verstehen

Warum

Zunächst will ich klären, warum ich, statt nichts zu tun, mich an eine Arbeit mache, die mich viel Zeit, einige Mühe und manchen Verzicht kosten wird.

Das ist leichter gesagt als getan. Ich bemerke, dass ich in den ersten zwei Zeilen bereits Worte – oder Begriffe – verwendet habe, die ich, wenn ich mir’s recht überlege, eigentlich nicht definieren kann, jedenfalls nicht mit der Strenge, die nötig wäre, wenn mein ganzes Unternehmen überhaupt einen Sinn haben soll. Ich weiß nicht genau, was Arbeit ist, wie sie von anderen Beschäftigungen, dem Spiel oder dem Denken oder der Pflege gesellschaftlicher Beziehungen, abzugrenzen ist. Der wohldefinierte Gebrauch des Begriffs der Arbeit in der Physik (als Kraft mal Weg) hilft wenig weiter, wenn wir an die Arbeit im gewöhnlichen Sinn denken als das, wofür man bezahlt wird, oder an die Hausarbeit oder an die wissenschaftliche Arbeit. Oder einfach an die Arbeit als das, was Mühe macht. Denn mit dem nur zu vertrauten Begriff der Mühe geht es mir ähnlich (warum ist Hausarbeit mühsamer als Walzer tanzen?), und auch was Verzicht heißt, könnte ich erst erklären, wenn ich wüsste, was mich antreibt, das zu tun, worauf ich als Arbeitender verzichten muss.

Es wäre freilich angenehm, wenn man bei allem, was man tut, auf die Frage, warum man es tut, eine einfache Antwort parat hätte, die, ob sie den Fragenden nun befriedigt oder nicht, immerhin einer eigenen Überzeugung entspringt. Eine solche Überzeugung nennt man Ethik. Von einem denkenden Menschen, der lange genug gelebt hat, kann man erwarten, dass er eine besitzt, und wohl auch, dass er sie in einfachen Worten darzustellen vermag. Ich will’s versuchen.

Sein will sein

Ich lebe, habe gelebt und will weiter leben. Nicht ewig, aber doch noch eine Weile. Warum ich das will, warum die meisten Leute das wollen, kann ich nicht sagen. Viele behaupten, dass sie am Leben bleiben wollen, weil es ihnen Spaß macht (fun). Das überzeugt mich wenig, denn man hört von denselben Leuten oft bittere Klagen über die Widrigkeiten, die mit ihrem Leben verbunden sind, sodass die Bilanz vielleicht letztlich eher eine negative ist. Andere sagen, es sei die Neugier, die sie am Leben hält. Wieder andere berufen sich auf ein Projekt, das sie zum Abschluss bringen möchten.

Mir scheint das alles aber allzu menschlich. Wenn ich aus meinem Wunsch zu leben meine Einstellung zu den Dingen dieser Welt ableiten will, so möchte ich Leben in seiner allgemeinsten Bedeutung verstehen, nicht anders in meinem Fall als in dem eines Kaninchens, eines Regenwurms oder einer Brennnessel. Unter all den Eigenschaften der Lebewesen ist die der Erhaltung einer Lebensform (des Menschen, des Kaninchens, des Regenwurms, der Brennnessel) über die Zeit hinweg die fundamentalste: Erhaltung der komplexen Struktur des Individuums im Laufe seines Lebens zum einen, Erhaltung der Art im Wechsel der Generationen zum anderen. Was lebt, will leben, kann nicht anders als es wollen. Manch einen werden meine sprachlichen Übergriffe befremden: Der Efeu will an der Mauer haften, um nicht vom Wind losgerissen zu werden, bunte Schmetterlinge wollen gesehen werden, Störche wollen im Winter an den Nil, ich will abends ins Gasthaus. Für mich sind das lauter legitime Sätze.

Alles scheinbar Tiefgründige, das einem in den Sinn kommt, wenn man Lebewesen vor dem Hintergrund der unbelebten Natur betrachtet, inklusive das Wort wollen in den obigen Sätzen, oder der Begriff des Zwecks oder der des Fließgleichgewichts (wie manche Physiker gerne sagen), lässt sich auf die Erhaltung von Struktur als oberstes Prinzip des Lebens zurückführen.

Leben ist Überleben, nichts anderes. Zweck des Lebens ist das Überleben. Zweck des Überlebens ist das Leben. So ist das Leben mit seinem Zweck identisch, und der Zweck, das Ziel, das Wollen, das unser menschliches (tierisches, pflanzliches) Dasein aus der übrigen Natur herauszuheben scheint und das von manchen Denkern zum Ausgangspunkt ihrer Philosophie gemacht wurde, ergibt sich ganz von selbst aus dem eigentlichen Wesen des Lebens.

Warum ich das sage? Erstens, weil ich es als einen der Grundsätze annehme, auf denen mein Gedankengebäude ruht (ich werde das später erklären). Zweitens, weil ich auf diesem Wege zu einer Antwort auf die eingangs gestellte Frage komme, warum ich da sitze und schreibe. Dazu muss ich ausholen.

Was mich treibt

Dass es uns treibt zu essen und zu trinken, Schmerz zu vermeiden, bei schlechter Witterung Schutz zu suchen, gelegentlich auch sich in Situationen zu begeben, die möglicherweise zur Fortpflanzung führen, sind Phänomene, die ganz einfach aus dem Prinzip Leben-gleich-Überleben folgen. Das Interessante ist, dass es uns (Menschen, Tiere) treibt, diese Dinge zu tun, ohne dass dabei der biologische Sinn im Vordergrund steht oder uns überhaupt bewusst wird. Wir tun sie einfach, weil wir leben, und weil wir sie tun, leben wir. Keiner denkt, wenn er hungrig ist, an den Energiebedarf des menschlichen Körpers, oder wenn er trinkt, an den Wasserhaushalt, geschweige denn an die Erhaltung der Art, wenn er sich verliebt. Was ja schon in dem Wort Trieb ausgedrückt ist, als eine Auswirkung auf das Verhalten, die sozusagen von hinten kommt, von außerhalb unseres Blickfelds (suchen weist nach vorne, bei führen denkt man an eine Wirkung von der Seite, bei treiben von hinten).

Es gibt noch andere Triebe als die genannten, zum Beispiel solche, die mit der Verteidigung eines Territoriums zusammenhängen oder mit der Dominanz in einer Gruppe. Auch das sind Werte, die auf ganz einfache Weise mit dem Überleben – dem eigenen, dem der Gruppe oder dem der Nachkommenschaft – zusammenhängen. Darüber sind sich alle einig, die versucht haben, dem tierischen Verhalten im Zusammenhang mit einer allgemeinen Theorie der Biologie einen Sinn zu geben. Zugrunde liegt die Notwendigkeit, Materie, und damit verbunden Energie, also Nahrung in ausreichender Menge in die lebenden Organismen einzuverleiben und sie der Ordnung des jeweiligen Lebewesens zu unterwerfen, im ständigen Widerstreit mit der allgemeinen Tendenz der Natur, das Entstehen von lokaler Ordnung zwar zuzulassen, aber sie auf lange Sicht, global gesehen, zu zerstören.

Verstehen

Uns alle, Menschen und Tiere, treibt es, ein Bild der Welt in unser Wesen aufzunehmen. In Wirklichkeit heißt das, die Abbildung der Welt, die von vornherein in uns ist (auch das wird später erklärt), durch eigene Erfahrungen zu vervollkommnen. Das kann auf verschiedene Weise geschehen. Manch einem reicht es, die Vielfalt der Erscheinungen möglichst umfassend in seinen „geistigen Katalog” aufzunehmen. Er kennt im Wald, wo er spazieren geht, die Namen fast aller Pflanzen und Tiere und lernt jedesmal aus seinem Bestimmungsbuch ein paar weitere dazu. Oder er/sie vervollständigt täglich sein/ihr Wissen über Wer-mit-wem im Dorf, über den Ausgang der Fußballspiele am vergangenen Wochenende oder über die Kurse an der Börse.

Andere fühlen sich von der Vielfalt der Erscheinungen überwältigt und hassen das Auswendiglernen. Wo immer sie eine Regelmäßigkeit vermuten, formulieren sie eine knappe Aussage in Form einer Regel, klammern sich an sie und explorieren die Möglichkeit, mit ihrer Hilfe viele verschiedene Dinge unter einen Hut zu bringen, sie zu verstehen. Sie entdecken oder lesen irgendwo, dass das Quadrat einer Zahl n die Summe der ersten n ungeraden Zahlen ist (das ist bequemer als multiplizieren). Oder dass auf fetten Wiesen alle Blumen gelb sind. Oder dass scheckige Kühe niemals weiße Ohren haben. Dass es eine Sonnenfinsternis nur bei Neumond gibt.

Die Gewohnheit, nach Regeln zu suchen, entspringt der Faulheit, wird aber bei einigen Leuten zur Sucht, die zu großen Leistungen anspornt. Natürlich bewährt sich nicht alles, was sich jemand als Regel zurechtgelegt hat, auf lange Sicht. Manche falsche Regel bleibt eine Weile als privater oder kollektiver Aberglaube am Leben. Erst wenn sich eine Regel lang genug bewährt und allen Versuchen, sie zu widerlegen, standgehalten hat, wird sie zum Bestandteil der Wissenschaft – oft viele Jahre nachdem der, der sie zuerst vermutet hat, gestorben ist.

Nicht alle Leute, die in der Wissenschaft tätig sind, gehören zu denen, die von der Sucht nach Regeln besessen sind. Viele sind bloß Ordnungshüter und sorgen dafür, dass Aberglaube und falsche Behauptungen aus der Wissenschaft herausgehalten werden. Viele sind einfache Bedienstete in einem großen Betrieb, in dem Wissenschaft geplant und verwaltet wird. Andere sind damit beschäftigt, den Kehricht und die Scherben wegzuräumen, die nach den großen Gelagen und Auseinandersetzungen am Boden liegen bleiben.

Ich bin einer, dem das Verstehen immer näher am Herzen lag als das Wissen. Natürlich geht es letzten Endes um das Erfassen der Wirklichkeit, und das bedeutet den Erwerb einer großen Menge von Fakten, ehe man daran gehen kann, sie in ihrem Zusammenhang zu verstehen. So habe auch ich, wie die meisten anderen Wissenschaftler, mein täglich Brot in einem Laboratorium verdient, in dem wir über die Jahre mehr experimentelle Ergebnisse zutage gefördert haben, als in einem dicken Buch Platz finden könnten. Wenn ich sage, dass es mir mehr um das Verstehen geht, anderen eher um das Wissen, so meine ich einen Unterschied in der Einstellung, weniger in der Methode. Die einen nennen einen Gedanken gerne, etwas abfällig, „Arbeitshypothese” und wollen damit betonen, dass das Denken seine Nützlichkeit erst dann zeigt, wenn es Anlass zu experimenteller Tätigkeit im Labor gibt. Die macht ihnen Spaß und sie sehen in ihr den eigentlichen Weg zur Wahrheitsfindung. Die anderen, zu denen ich gehöre, entwerfen am liebsten Gedankengebäude. Diese stehen auf einem Fundament von Tatsachen, sind aber viel größer – und schöner – als wenn man nichts anderes als die festen Backsteine experimentell gesicherter Fakten zu ihrem Bau verwenden wollte. Ihre Festigkeit und ihr ästhetischer Reiz beruhen auf dem Fachwerk der logischen Beziehungen, die das Ganze zusammenhalten und die eventuellen Schwächen einzelner Bestandteile kompensieren.

Ein solches Gebäude kann auch zusammenbrechen, wenn irgend ein Eckpfeiler nicht mehr trägt. Das kann die Folge von weiterem Nachdenken oder von neuen experimentellen Ergebnissen sein, die das Fundament unterhöhlen. Man nimmt das gerne hin, bemüht sich auch selbst, an den zugrunde liegenden Fakten zu rütteln und neue Fakten zu entdecken, zumal dabei ja wieder Gelegenheit zu lustvollem Denken entsteht. Im Übrigen ist ein zusammengebrochenes Gebäude meist weniger wackelig als ein schlecht gebautes.

Ich habe mein Laboratorium jetzt an andere wackere Forscher abgegeben. Das Nachdenken über die Zusammenhänge der Dinge in dieser Welt ist jetzt meine Hauptbeschäftigung. Es gibt keine andere Tätigkeit, zu der ich immer wieder mit ähnlich großer Lust zurückkehre. Das Schreiben dient mir als Prüfstand, da ich selbst erst am Geschriebenen erkenne, was ich eigentlich sagen wollte, und weil mich die Kritik und eventuelle Zustimmung meiner Freunde interessiert. Im Grunde bin ich aber in mein eigenes Denken verliebt, was man mir verzeihen möge. Die eine Frage bewegt mein Denken: Wie kann ein Mensch, als winziges Produkt der gewaltigen Natur, die Gesetze eben dieser Natur in sich erfassen?

Ich und die anderen

So ist also meine Lebensführung durch eine relativ einfache, leicht zu befriedigende, niemals versiegende Lust bestimmt, nämlich derjenigen am Verstehen der Dinge, die mich interessieren.

Sonst durch nichts? Ich kenne allerdings mancherlei Gelüste und weiß, wie man sie befriedigen kann. Essen, trinken, auch spazieren gehen, fernsehen, lesen, Musik hören, schlafen etc. Sie alle haben gemeinsam, dass sie, wenn sie befriedigt sind, zunächst erlöschen und sich sogar leicht in Überdruss verwandeln.