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Das Dreigestirn H. G. Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner gehört zu den interessantesten Exilgruppen der deutschen Nachkriegszeit. Sie schufen eine neue Form engagierter Dichtung, die zwischen Literatur und Politik agierte. Die prekäre Lage des Autors bildete die Basis des Selbstverständnis dieser drei, die es verstanden, trotz der Unterjochung, die sie erfuhren, die Gefahren der modernen Welt zu bannen. Man durchschaute das Grauen der Zeit. Man wehrte sich gegen die Attacken, welche das Jahrhundert mit sich brachte. Man war ausgeliefert. Man litt. Man verlor Identität und Heimat - und doch, man bediente sich der Sprache, um Grenzen auszuloten, Schrecken entgegenzuwirken und die Welt in neuer Form wiederherzustellen.
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Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Bibliotheksnutzer in der Holland House Library in Kensington, London.
Jeremy Adler
Das bittere Brot
H. G. Adler, Elias Canettiund Franz Baermann Steiner im Londoner Exil
Mit einem Nachwort von
Michael Krüger
Wallstein Verlag
Eine Publikation der Deutschen Akademie
für Sprache und Dichtung
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Wallstein Verlag, Göttingen 2015www.wallstein-verlag.deKapitel 3 erschien zuvor als »Good against Evil? H. G. Adler, T. W. Adorno and the Representation of the Holocoust« in dem Band: Robert Fine, Charles Turner (Hg.): Social Theory after the Holocaust. Liverpool: Liverpool University Press 2000. Für den vorliegenden Band wurde er von Sylvia Höfer übersetzt.Vom Verlag gesetzt aus der Adobe Jenson Pro und der DTL Prokyon STDruck und Verarbeitung: Hubert & Co, GöttingenUmschlagabbildung und S. 2 f.: Damaged Library © Central Press/Freier Fotograf über gettyimagesISBN (Print) 978-3-8353-1753-6ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-2894-5ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-2895-2
I
II
III
Nachwort
Literatur
Dank
Die Verbannung ist so alt wie die Gesellschaft selbst. Keine Gruppe kann ohne Abgrenzung existieren. Zu den ältesten biblischen Geschichten gehört die Vertreibung aus dem Paradies. Seitdem lebt der Mensch getrennt von seiner eigentlichen Heimat. Diese Austreibung ist der erste Bruch in der Geschichte. Mit ihr werden Leid und Tod zum Kennzeichen des Menschen. Die Ausweisung hat aber auch einen positiven Sinn. Zwar verliert der Exulant seine Identität, doch kann die Erfahrung des Exils eine neue Zugehörigkeit stiften. So entsteht im Exil der Gründungsmythos des neuen Volkes als Rechtfertigung der Individualität und als Suche nach der verlorenen Heimat. Ebenfalls bedeuten die ägyptische Gefangenschaft und das babylonische Exil sinnstiftende Brüche in der Geschichte des jüdischen Volkes. Wichtige Teile der Bibel stammen aus der babylonischen Gefangenschaft. Die Erfahrung dieses Exils – so bewegend im 137. Psalm besungen – hat das Selbstverständnis der Juden bestimmt. Seither ist der Jude als Wanderer zu begreifen. Er ist ein ewiger Exulant. Das mythische Urbild, demzufolge die Vertreibung einen geschichtlichen Riß markiert, aus dem neue Mythen und eine neue Identität hervorgehen, erscheint in historischer Zeit wieder, in der sich diese archaische Polarität wiederholt. Im klassischen Altertum beklagt Ovid seine Lage, während Seneca die Möglichkeit erkennt, im Exil neue, stoische Tugenden zu entfalten. Die biblischen und klassischen Ideen des Exils verbinden sich in der frühen Neuzeit, da Verbannungen, Ausweisungen und Vertreibungen zum täglichen Leben in Europa gehören. Bezeichnenderweise haben zu Beginn der Renaissance zwei Dichter im Exil – Dante und Petrarca – die moderne Geisteswelt geschaffen. Dante, über den ein lebenslängliches Exil verhängt war, schließt das mittelalterliche Weltbild ab und eröffnet mit seinem Epos den Blick auf die neuzeitliche Literatur. Petrarca, der von sich sagt, er sei im Exil geboren (»in exilio natus sum«), begründet den Humanismus, die tragende Weltanschauung der Neuzeit. So wiederholt sich die mythische Situation im Leben historischer Personen: Der Einzelne, von der Heimat getrennte Dichter, der am Rande der Gesellschaft lebt, bestimmt, was sein Volk in Zukunft denkt und tut. Es dürfen daher Dante und Petrarca als Sinnbilder für das moderne Exil stehen. Was mit ihnen in Italien begann, schlug sich sodann in ganz Europa nieder, z. B. im England des Elisabethanischen Zeitalters, in dem die Verbannung eine bittere soziale Wirklichkeit darstellte. Shakespeares Helden, von bis zu – so verstand es auch James Joyce –, erleben häufig die Angst des Exils:
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